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Full text of "Zeitschrift für deutsche Philologie"

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ZEITSCHRIFT 



FÜR 



DEUTSCHE PHILOLOGIE 



BEGRÜNDET yon JULIUS ZACHER 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



HUGO GERING UND FRIEDRICH KAUFFMANN 



EINUNDDREISSIGSTEK BAND 






HALLE A. S. 

VEKLAG DER BUCHHANDLUNG DES WAISENHAUSES. 

18 99. 



1 



300 5 



INHALT. 

Seite 

Germani. Eine erläuterung zu Tacitus Germ. c. 2. Von Fr. Kauffmann . . 1 

Zur geschichte der Sigfridsage. Von Fr. Kauf fm ann 5 

Die einheit des Alphartliedes. Von E. Kettner 24 

Die handschriftliche Überlieferung der Grettis saga. Von R. C. Boer . . . . 40 
Untersuchungen zur entwicklungsgeschichte des volksschauspiels vom Dr. Faust. 

Von J. "W. Bruinier GO. 194 

Kritische und exegetische bemerkungen zu skaldenstrophen. I. Zur Grettis saga. 

n. Zur Fostbroedra saga. III. Zur Gunnlaugs saga ormstungu. Von R. C. Boer 141 
Die Jerusalemfahrt Joachim Rieters aus Nürnberg (1G08 — 1610). Von R. Röh- 
richt IGO 

Zu den kleineren Schriften der brüder Grimm. Von R. Steig 165 

Beiträge zur quellenkritik der gotischen bibelübersetzung. 3. Das gotische Mat- 
thäusevangelium und die Itala. Von Fr. Kauffmann 178 

Über aisl. eldr, ags. aled „feuer" usw. Von K. F. Johansson 285 

Zimmernsche handschriften in "Wien. Von Th. Gottlieb 303 

Über den begriff des Wunders in der Edda. Von R. M. Meyer 315 

Das Verhältnis des Alphartliedes zu den gedichten von Wolfdietrich. Von E. 

Kettner 327 

Arigos ^Blumen der fügend". Von K. Drescher 336 

Über das genus des participium praeteriti. Von Th. Jakob 359 

Die Mailänder blätter der Skeireins. Von W. Braun 429 

Zur deutschen altertumskunde aus anlass des sog. Opus imperfectum. 1. Das 

königtum. Von Fr. Kauffmann 451 

Beiträge zu den quellen Otfrids. Von A. L. Plumhoff 464 

Miscellen. 

Ein gotischer göttername? Von Fr. Kauffmann 138 

Zu Wulfila. Von M. H. Jellinek 138 

Zu den Merseburger Zaubersprüchen. Von Th. v. Grienberger 139 

Zu Bosserts Lutherana. Von G. Ehrismann 139 

Berichtigung. Von K. Drescher '^83 

Aufruf und bitte 284 

Justinus Kemers brief Wechsel mit Varuhagen von Ense. Von L. Geiger . . 371 

Got. hiri. Von G. Ehrismann 384 

Zur aufführung von Goethes Clavigo. Von H. Düntzer 384 

Notiz. Von H. Gering '^27 

Hexe. Von Fr. Kauffmann ^"' 

Zur namenk-imde (Altdeutsche geograph. glossen; Ahd. Meilan und Faveia; Deut- 
sche hundenamen). Von Fr. Kluge 499 

Litteratur. 

Heyne und Wrede, Stamm's Ulfilas; von Fr. Kauffmann 90 

Streitberg, Gotisches elementarbuch; von Fr. Kauffmann 90 

Goethes werke (Weim. ausgäbe); von H. Düntzer '° 

Waniek, Gottsched und die deutsche litteratur seiner zeit; von E. Wolff . . 112 



rV INHALT 

Seite 

Mourek, Zur syntax des ahd. Tatian; von E. Areus 135 

Siecke, Die xirreligion der Indogermanen; von Fr. Kauffmann 137 

Hcmpl, German orthography and phonology; von M. H. J ellin ek . . . . 231 
Meyer, Formenlehre und syntax des franz. und deutschen tätigkeitwortes; von 

0. Mensing 234 

Ehrenfcld, Studien zur thcorio des reims; von R. M. Meyer 235 

Elster, Principien der littoratunvissenschaft; von A. Biese 237 

Kettner, Die österreichische Nibolungendichtung; von G. Rosenhagen . . 243 

Kerner und Müller, Just. Kerners briefwechsel; von L. Geiger .... 251 

Paul, Deutsches Wörterbuch; von V. Michels 280 

Müller, Nordische altcrtumskundo; von Fr. Kaiiffiuann 386 

Jakobson, Dot norrone sprog pä Slietlaud und The dialcct and place nanics of 

Shetland; von 0. Jiriczek 402 

Gislason, Efterladte skrifter II; von Finnur Jonsson ........ 407 

Cutting, Der conjunctiv bei Hartmaun von Aue; von H. Wunderlich . . . 410 

Thalmayr, Goethe und das klassische altcrtum; von G. Witkowski . . . 412 

Knauth, Goethes spraclie und stil im alter; von E. Bruhn 413 

Dorn, Neukirch und seine -werke; von G. Witkowski 415 

Miüde-Pouet, Heinrich von Kleist; von G. Witkowski 416 

Zarncke, Goetheschriften; von G. Witkowski 417 

Zimmermann, Fr. W. Zachariä in Braunschweig; von G. "Witkowski . . . 418 

Schröder, Carlyles abhandlung über Goethes Faust; von G. "Witkowski . . 419 

Luft, Studie zu den ältesten german. alphabeten; von H. Hirt 419 

Heyne, Rudlieb; von Fr. Seiler 422 

Meyer, Deutsche Volkskunde; von 0. Jiriczek 502 

Meringer, Etymologie zum geflochtenen haus; von H. Hirt 504 

Gull-f*6ris saga ed. Kälund; von K. Maurer 505 

Ottmann, Das Alexanderlied des pfaffen Lamprecht, von J. Seiler . . . . 509 

Schönbach, Die anfange des deutschen minnesaugs; von "W. Golther . . . 510 

Stilgebauer, Geschichte des minnesangs; von AY. Golther 512 

Lemcke, Textkritische Untersuchungen zu den liedern Heinrichs von Morungen; 

Rössner, Untersuchungen zu Heinrich von Morungen; von W. Golther . 513 
Arndt, Der Übergang vom mhd. zum nhd. in der spräche der Breslauer kanz- 

lei; von W. Scheel 514 

Matthias, Sprachleben und Sprachschäden; von H. "Wunderlich 516 

Piquet, Etüde sur Hartmann d'Aue; von Fr. Panzer 520 

Schüddekopf und "Walzel, Goethe und die romautik; von H. Düntzcr . . 549 

Richter, Fr. Carolina Neuberin; von R. Schlösser 554 

Enneccerus, Die ältesten deutschen Sprachdenkmäler; von C. Kraus . . . 555 

Searle, Onomasticon anglosaxonicum; von H. Je Hing haus 556 

Eloesser, Die älteste Übersetzung Molicrescher lustspielc; von G. Ellinger . 558 

Köster, Der dichter der Geharnschton Venus; von G. Ellinger 559 

Henczynski, Konrads von "Wüi'zburg Alexius; von G. Rosenhagen . . . 560 

Neue erscheinungen 139. 283. 427. 563 

Nachrichten 140. 284. 428. 565 

Register von "W. Beese 566 



GERMANI. 

Eine crläuterimg zu Tsicitus Genn. c. 2. 

Ceterum Germaniae vocabulum rccens et milder additum i qiwniam 
qui 'primi Rhenum tra?isgressi Oallos expulerint ac mmc Timg^'i tunc 
Germani vocati sint. ita nationis nomcn, non gentis eiialuisse pau- 
latim, ut omnes primum a^ victore ob metum, mox etiam a sc 
ipsis invento nomine Germani vocarentur^. 

Im 4. kapitel des 2. buches seines Bellum galliciim weiss uns 
Caesar zu berichten: plcrosqiie Beigas esse ortos ab Germanis Rhenum- 
qjie antiqiiitus traductos propter loci fertilitatem ibi consedisse Gal- 
losque qui ea loca incolerent expuUsse. Er unterscheidet die Belgae 
auch sonst von den Galli und führt als belgische Streitkräfte auf: Con- 
drusos Eburones Caeraesos Paemanos qui uno 7iomine Germani appel- 
lantur (2, 4); ex geilte et numero Germanorum waren aber auch die 
Segni (6, 32); die liste ist also wol nicht vollständig, aber so viel voll- 
kommen deutlich, dass ein teil der Belgae den namen Germani ge- 
führt hat. 

Diese linksrheinischen Belgae haben vor zelten in den benachbarten 
landstrichen rechts des Rheins gewohnt. Diese wichtige nachricht gibt 
auch Tacitus unter bozugnahme auf uns unbekannte antiquare und 
mit der genaueren angäbe: die führer der Wanderung seien die Tungri 
gewesen, und diese hätten zu jener zeit den namen Germani getragen. 
Der name Tungri ist, wie Tacitus bezeugt, jüngeren datums. Noch in 
den Historien, wo Tacitus über den Bataveraufstand handelt, führen 

1) Neuerdings wird vorgeschlagen auditum (aus *adituni) zu lesen; vgl. die 
treffliche ausgäbe von Eduard Wolff (Leipz. 189G) s. 109. Ich schliesse mich diesem 
gelehrten auch darin an, dass der ganze passus zunächst nicht die ansieht des Tacitus 
widergibt, sondern die seiner quelle; die conjunctive der verba sind gesetzt in 
abhängigkeit von dem vorausgehenden quidavi affirmant (d. h. römische oder grie- 
chische antiquare), vgl. übrigens J. F. Marcks in der Kölner fcstschrift zur philolo- 
genversammlung (Bonn 1895) s. 183 fgg. 2) oder e victore? 

3) Die verdienstlichen imtersuchungen von Much (Beitr. 17, 159 fgg.) und 
Kossinna (Beitr. 20, 258. Idg. forschungen 7, 301) gestatteten mir nicht, mich 
bei ihren ergebnissen zu beruhigen. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXXI. 1 



2 KATJFI'MANN 

sie den nameii Gennani^ (4, 15) und erst bei den nachtaciteischen 
autoren kommt der name Tungri allgemein in aufnähme. Caesar kennt 
diesen volksnamen noch gar nicht. Es ist aber längst festgestellt, dass 
er sie als Ehurones in jenem Verzeichnis aufführt, das wie oben ange- 
geben diejenigen Belgae nennt, für die der Sammelname Germani 
üblich geworden war. Unter dem namen Germani- Eburones ist dieser 
stamm an der spitze belgischer auswanderer über den Rhein gerückt, 
hat siegreich auf gallischem boden für sich und seine verbündeten 
räum gewonnen und den namen Germani unter den Galliern zwischen 
Rhein und Scheide zu einem gefürchteten gemacht. 

Diese Germani waren anfänglich ein einzelner, bei der expedition 
die avantgarde bildender stamm, aber zugehörig einem grösseren poli- 
tischen und einem ethnischen verband. Unter dem namen dieses füh- 
renden Stammes lernten die Gallier jene invasionsvölker kennen und 
sie alle wurden nach dem führenden sieger und seiner schreckenerre- 
genden machtentfaltung mit dem namen Germani belegt. So berichtet 
uns Tacitus mit den Worten: es seien in Gallien alle aus den rechts- 
rheinischen landen einrückenden Völker, nach dem sie führenden stamme 
der Germanen Germani genannt worden; der sieger und das an seine 
fahnen sich heftende prestige sei massgebend gewesen. 

So finden wir denn bei Caesar den namen der Germani links- 
rheinisch nicht mehr an einem volksstamm, sondern an einer gruppe 
von stammen haften, wie die belege dartun. Im munde der Gallier 
hat sich der name Germani von dem einen stamm über einen stamm- 
verband ausgedehnt. Diese linksrheinischen Germanen dürfen Avir wol 
mit Caesar als Belgae bezeichnen. Sie sind nach der auffassung Cae- 
sars, die auch die unsrige bleiben muss, streng zu unterscheiden von 
den zu seiner zeit jenseits des Rheins wohnenden Völkern, die wir 
vorläufig, so lange sie keinen geschichtlichen namen führten, Trans- 
rhenanen (Tacitus Hist. 4, 23) nennen wollen. Zwischen den belgischen 
Germanen und den Transrhenanen bestand nach Caesar keinerlei eth- 
nischer Zusammenhang und auch Tacitus war von einem solchen nicht 
das mindeste bekannt. 

Die Wanderung jener belgischen Germani wird auf grund der 
bekannten stelle der römischen Triuraphalfasten (ed. Mommsen in Corp. 
Inscr. Lat. I^) in die mitte des 3. vorchristlichen Jahrhunderts gesetzt. 
Die Ge?'ma?ii vom jähre 222 v. Chr. sind, mögen sie eventuell auch 

1) Dieser beleg hindert mich, der ansieht von Kossinna beizutreten, wonach 
Germani die gallische Übersetzung von Istvaeones darstelle. 



GERMANI 3 

erst unter Aiigustus interpoliert sein, — was übrigens sehr unwahr- 
scheinlich ist — die späteren belgischen Germanen, keinesfalls Trans- 
rhenanen; ihr Vormarsch steht in Zusammenhang mit den Keltenzügen 
des 3. Jahrhunderts. Ihre alten Wohnsitze können nirgends anders 
gelegen haben als auf jenem durch sprachgeschichtliche und wirtschaft- 
geschichtliche argumente erwiesenen nordwestdeutschen Keltenboden zwi- 
schen Weser und Rhein. Hier ist die Urheimat jener belgischen Ger- 
manen zu suchen. Ist aber diese Urheimat altes Keltenland, was noch 
von niemand angefochten worden ist, dann folgt daraus selbstverständlich, 
dass wol Caesar und Tacitus, nicht aber die neueren recht haben, dass 
also jene belgischen Germcmi ihrer nationalität nach jene Kelten 
gewesen sein müssen, von deren idiom uns noch in dem volksuamen 
Gcrmani und in den geographischen namen ihres altheimischen gebie- 
tes die letzten zeugen bewahrt sind. 

Von jenen belgischen Germanen keltischer nationalität ist nun 
nach den gewährsmännern des Tacitus der name Germcmi auf die 
Transrhenanen übergegangen. Von diesem namen wird ausdrücklich 
gesagt, er sei (bei den Beigen bezw. Galliern) längst eingebürgert ge- 
wesen und als längst eingebürgerten hätten ihn die Transrhenanen vor- 
gefunden. Das heisst mit andern werten: bei den linksrheinischen 
Galliern hiessen die Transrhenanen schon längst Germani, ehe die 
Transrhenanen selber sicli mit diesem namen benannten. Dass die 
linksrheinischen Gallier die Transrhenanen als Germani bezeichneten, 
ist nach Tacitus werten schon recht lange her. Anfänglich (mitte des 
3. jahrh. v. Chr.) benannten die Gallier als Germani nur die mit den 
späteren Tiingri verbündeten eindriugliuge, bald danach aber auch die 
Transrhenanen, von denen jene ausgegangen waren. Als ungefähres 
datum wird man das 2. vorchristliche Jahrhundert ansetzen dürfen. 

Tacitus teilt uns aber auch mit, wie es gekommen ist, dass die 
Transrhenanen von selten der Gallier (westlich des Rheins) mit dem 
namen Germani belegt wurden. Er sagt ausdrücklich noch einmal, 
der name der gens sei es nicht gewesen, vielmehr der name einer 
natio. Um deutlich zu sein erlaube ich mir die werte des Tacitus: 
ita nationis nomen non gentis eualuisse paulaiitn dadurch zu illustrie- 
ren, dass ich die von ihm gedachte beziehung einsetze: nationis [Trans- 
rhenanorum] nomen non gentis [Transrhenanorum]. Für die Transrhe- 
nanen ist Germani nicht der die ethnische Zusammengehörigkeit 
bezeichnende einheimische volksname, sondern es ist ursprünglich der 
name einer natio Germanonim bezw. Transrhenanorum. Jene bel- 
gischen Germani, die später Tungri hiessen, kannte also Tacitus noch 

1* 



4 KÄUFFMANN, GERMANI 

aus seinen quellen als ehemalige nation der Transrhenanen oder wie 
wir auch sagen dürfen als natio Oermanonim. Natio Germanonim 
waren sie aber nicht in ethnischem sinn, denn es waren ja fremd- 
sprachige Kelten. l<[atio kann also nur in politischem sinn richtig 
verstanden werden. 

Die Tungri mit ihren verbündeten haben, ehe sie das 
rechtsrheinische land räumten, politisch unter germanischer 
Oberhoheit gestanden, bildeten also damals eine natio Oermcmorum. 
Man vergesse nicht, dass noch zu Tacitus zeit fremdsprachige Völker 
unter germanischer Oberhoheit im freien Germanien zu finden waren. 
Ich erinnere an die keltischen Cotini. Genau deckt sich jedoch mit 
unserem fall der der pannonischen Osi, die in demselben sinn als 
Oermmiorum natio bezeichnet werden, wie ich an unserer stelle es 
von den Tungri verstanden wissen will. Mit natio bezeichnete Tacitus 
beidemal die politische abhängigkeit fremdsprachiger stamme 
von diesem oder jenem volksteil der Germanen. 

Nach der eroberung des Keltenlandes zwischen Weser und Rhein 
haben die neuen herreu ihre politischen rechte geltend gemacht. Die 
politische Veränderung hatte für die unterworfenen Keltenvölker wirt- 
schaftliche Schwierigkeiten im gefolge und diese waren es, welche den 
ausmarsch der wirtschaftlich bedrängten teile veranlasstet Es bestätigt 
sich bei dieser wie bei andern Völkerwanderungen, dass wirtschaftliche 
Umwälzungen ihre Ursache gebildet haben. Caesar berichtet dies wenig- 
stens von jenen aus ihrer transrhenanischen heimat ausgewanderten 
Beigen {pro2)ter loci fertilitatem). So kamen politisch zu den Trans- 
rhenanen gehörende, mit derselben unwiderstehlichen Siegeszuversicht 
auftretende schaaren ins Gallierland unter dem namen Oermani. Alle 
eindringlinge wurden anfänglich in Gallien so benannt, und ihrer 
herkunft gemäss übertrug sich hier der name auf das ganze volk, 
zu dem jene eroberer politisch gehörten und von dem sie herkamen. 
So hatte sich in Gallia Belgica der name Oermani für alle Trans- 
rhenanen eingebürgert. Hier fanden die Transrhenanen „ Ger?na7ii^'' 
als ihren namen vor und so haben sie schliesslich mit diesem namen 
sich selber bezeichnet. 

1) Dass bruchteile der fremden bevölkerung zurückgeblieben sind, versteht 
sich in diesem fall ebenso von selbst wie bei den sonstigen beispielen (Idg. forsch. 
7, 301. Ztschr. f. d. a. 42, 160). 

KIEL. FEIEDRICn KAUFFMANN. 



KAUFFMANN, ZUR GESCHICHTE DER SIGFRIDSAGE 5 

ZÜE GESCHICHTE DEE SIGFEmSAGE. 

In den letzten jähren ist die kritik der sage wesentlich gefördert 
worden. AVir verdanken Wilmanns nnd Mogk hervorragende, schon 
durch die strenge bearteilnng eigener irrgänge sich warm empfehlende 
forsch ungeni, die mich ermutigen, an dem gegen hergebrachte irrtümer 
geführten kämpf teilzunehmen. 

Wir vermögen vollkommen deutlich zu sehen, dass wir zwei stoff- 
massen zu sondern haben: die sage von Sigfrid und die sage vom 
Untergang der Burgunder. Sie sind durch den hört (im Nibelungen- 
lied durch die rolle der Griemhild) verkettet. 

Beide sagen ruhen auf ganz verschieden gearteten Voraussetzungen. 
Die Sigfridsage — wenn ich mit „sage" die volkstümliche form epi- 
scher prosadichtung bezeichnen darf — ist aus einem märchen zu vol- 
lerer pracht erblüht. Die sage vom Untergang der Burgunder geht 
auf volkstümliche geschichtserzählung zurück. 

Eine Nibelungen sage ist uns nirgends bezeugt. Über das Wachs- 
tum des Stoffes unserer Nibelungenepik sind wir also auf vernuitungen 
angewiesen. Yielleicht ist von einem unserer namenlosen epischen 
dichter die sagenhaft verblasste volkstümliche geschichtstradition in den 
rahmen des alten märchens gestellt worden, wie schon von M. Kieger 
(Germ. 3, 163 fgg.) dargetan worden ist. Der märchenhafte Charakter 
der Sigfridsage hebt sich noch unter der hülle epischer kunst wol 
erkennbar von der im ton der geschichtserzählung gehaltenen Burgim- 
dersage ab. Diese im Nibelungenlied wie in den Eddaliedern sich 
bewährende beobachtung sollte uns warnen, die Verbindung beider 
sagen in der zeit gar zu hoch hinaufzurücken. Mir scheint, dass wir 
keinen anlass haben über die zeit der Nibelimgias des 10. Jahrhunderts 
zurückzugreifen. Andrerseits geht Wilmanns sicher fehl, Avenu er den 
contaminator als den dichter des Nibelungenliedes angesehen wissen 
will und zwei alte epen in Sonderexistenz vermutet. Dagegen streitet 
nicht bloss unser Nibelungenlied — denn sie können aus ihm nach 
Wilmanns eigenen werten nicht widerhergestellt werden — dagegen 
streitet auch die norwegische epik des 10. — 11. Jahrhunderts, die für 
das 10. Jahrhundert eine in Deutschland vollzogene contamination be- 
zeugt. Dass der contaminator damals zwei selbständige epen zur ver- 

1) Vgl. W. Wilma uns im Anzeiger f. d. a. 18, 69 fgg. (1892). Göttinger 
Gel. anzeigen 160, 19 fgg. (1898). E. Mogk, Die germanische heldendichtimg mit 
besonderer riicksiclit auf die sage von Sigfrid und Brunhild in den Neuen Jahrbüchern 
für das klass. altertum, geschickte und deutsche litteratui- 1, 68 fgg. (1898). 



KAUFFIiIANN 



füguiig gehabt habe, ist mit den nordischen einzelliedern unvereinbar \ 
also unerweislich und unglaublich. 

I. 

Die ältesten Zeugnisse der Welsungensage bestehen in den aufs 
engste unter sich zusammenhängenden berichten 2 des Beowulf, der 
VQlsungenlicder und der EiriksniQl. 

Im Beowulf hören wir v. 875 fgg.: 

^cet he fram Si^emundes sec^an hyrde 

ellendcedum, uncitpes fela, 

Wcslsin^es -^eivin^ wide stdas 

pdra pe ^umciia bearn ^earive nc iviston, 

fcehde ond fyi'ena, büton Fitela mid hine, 

ponne he sumlces hwcet sec^an ivolde 

eam his nefan, sivd hie d tvceron 

cet niäa ^ehiväm nyd--^esteallan. 

Hmfdo7i ealfela eotena cynnes 

sweordum ^escE^ed usw. 
Schon in der Y(jlsungakvi|)a en forna (Helgakvipa Hundingsbana II) 
treffen wir SinfJQtli unter den V^lsungon und die jüngere V^dsunga- 
kvi|)a (Helgakvil)a Hundingsbana I) berichtet von ihm str. 38: 

pu hefr etnar ulfa kräsir, 

oJc brcepr pinuni at bana orjnt 

opt sür sogin mep svqlq??i munni, 

hefr i hreysi hvarleipr skripit. 
Noch näher zu jener Beowulfstelle führt uns die Y^lsungasaga. 
Ich erinnere an jenes Strophen -bruchstück, das die saga bewahrt: 

Ristu af magni mikla hellu 

Sigmundr hjorvi ok Sinfjqtli. 
und leite daraus die befugnis her, die ja gleichfalls auf skandinavischer 
tradition ruhende Beowulfepisode durch die saga zu illustrieren. Die 
innere berechtigung ist von mir Beitr. 18, 181 fgg. dargetan und der 
gehalt der dürftigen formel fcehde ond fyrena (Beow. 849) = at ftrin- 
verkum (Vulsungakv. 41) besprochen worden. 

Damit haben wir demente der ursprünglichen nordischen VqI- 
sungensage gewonnen, die hoch in die vorhtterarische zeit Skandina- 
viens hinaufreichen. 

1) Vgl. A. Heusler in der Zeitschrift des Vereins für voUiskunde 7, 457. 

2) ealfela eakl^ese^ena Beow. 809 : fornra spjalla Vglsungakv. 36. 



ZUR GESCHICHTE DER SIGFRIDSÄGE 7 

Zu ihnen gesellt sich die aus alter zeit nur durch englische Ver- 
mittlung bezeugte hört- und drachensage: 

Beow. 884 fgg. Si^emunde ^espron^ 

cefter deaädce^e dorn unlytel 

sypäan ici^es heard tvyrm äcwealde 

hordes Jiyrde: Jie iindcr harne stän, 

cffeUn-^es bearn äna -^enedde 

frecne da-de: ne wces him Fitela mid; 

htvcepre him -^escclde, J)cct J)cei sivurd ßurhwöd, 

w7'cBttic7ie wyrm, J)cd hü on ivealle cetstöd, 

dryhtlic iren: draca mordre sivealt. 

Hcsfde ä^l(cca eine ^e^on^oi, 

pect he beahhordes briican moste 

seif es dorne; sa'bät ^ehleod, 

b(er an bearni scipes beorhte frcetiva 

Wcelses eafcra: ivyrm häte ^emealt. 

Se tvces tvreccena tvide mcerost 

ofer iverJ>eode, zvl^endra hleo 

ellendccdum: he pces dran däh. 
Im 10. 11. Jahrhundert war in Skandinavien völlig übereinstim- 
mendes nicht mehr bekannt, aber es gehört schon der wagemut eines 
Rudolf Koegel dazu, diese Überlieferung mit den werten abzutun, es 
sei dunkle verschwommene künde und der dichter verrate damit nur, 
dass er von der alten Welsungensage keine genaue künde habe^ Auf 
wie gesicherten und gefestigten Überlieferungen der dichter fusste, erfah- 
ren wir aus den Eirlksmql, wo Sigmundr als der trefflichste der un- 
sterblichen volkshelden (wie in der Beowulfstelle) von 0|)inn gewürdigt 
ist, den gefallenen könig in Yalhcjll zu begrüssen: 

Sigmundr ok Sinfjqtli! risip snarUga 

oh gangip igegn grmni . . . 
Sigmundr : 

Hein pil nü Eirikr! . . . 
Nun ist es Längst gemeingut der forschung geworden, dass die 
altnorwegischen V^lsungenlieder in ihrem Strophenbestand einen teil der 
einheimischen Y^lsungendichtung und Y^lsungensage Norwegens dar- 
stellen 2, dass wir mit den Sigurdliedern in den kreis der von deut- 

1) Gesch. der deutschen litteratur 1, 1, 174 fg. 

2) Auf die ahweichenden theorieu von Sophus Bugge, Helgedigtene i den 
peldre edda deres hjem og forbiudelser. Kjobeuh. 189G braucht hier uiclit eingegangen 
zu werden. 



8 KAUFFMANN 

sehen motiven getragenen traditionen treten, traditionen , die zum teil 
gleiclifalls von einer "Weisungen sage und Welsungendiclitung ausgegan- 
gen sind. Der held der deutschen Welsungensage heisst aber nicht 
Sigmund, sondern Sigfrid bezw. Sigord (d. i. Sigwart). Der herkömm- 
lichen ansieht nach ist die sagenform der eddischen Sigurdlieder nur 
verständlich, wenn sie als contamination der einheimischen Y^lsungen- 
sage mit der deutschen "Welsungensage aufgefasst werden. 

Ich möchte diese herkömmliche ansieht dahin modificieren, dass 
die deutschen traditionen von Sigfrid im 10. Jahrhundert ein- 
gemündet und eingebettet sind in die norwegischen traditionen 
von Sigmundr. 

Die nordische V^lsungensage , uns bekannt aus dem Beowulf, den 
EiriksmQl, Hyndluljö|), den Volsungenliedern der Edda und der Yqlsunga- 
saga, hatte eine ganz andere entwicklungsgeschichte hinter sich als die 
deutsche Welsungensage. Eine reihe von ihnen gemeinsamen motiven ist 
noch wol erkennbar, aber sie sind umwuchert in Skandinavien von den 
nordischen, im Süden von den deutschen stiltrieben, die ihren mutter- 
boden haben in der ganz verschieden gearteten geschichte der littera- 
rischen formen und der litterarischen technik in poesie und sage. Zu 
einem guten teil beruht diese Verschiedenheit darin, dass es wol in 
Skandinavien, kaum aber in Deutschland eine „mythologie" gegeben 
hat. Dass die mythologie der norwegischen YQlsungensage beherrscht 
ist von dem heldennamen Sigmundr, dass in England und in Norwegen 
Sigfrid ganz unbekannt war, dafür haben wir einen prägnanten beleg 
in den EirlksniQl, nach denen wol Sigmundr und SinfJQtli, nicht aber 
Sigurdr in Yalh^ll weilt. Nirgends stossen wir trotz seines 
unvergänglichen nachruhms auf irgend eine Verbindung Si- 
gurds mit der nordischen Yalhcillmythologie. Man wird fest- 
halten dürfen, dass es vor der mitte des 10. Jahrhunderts im norden 
weder eine Sigurdsage noch Sigurdlieder gegeben hat^. 

Die nordische YQlsungensage mit Sigmundr als ihrem 
eigentlichen mittelpunkt ist eine örtliche Variante der deut- 
schen Welsungensage mit Sigfrid als ihrem mittelpunkt. So 
ist auch der name Sigmundr nichts anderes denn eine Variante zu 
Sigfrid, wie etwa einem deutschen pjöprekr die nordische namenva- 
riante pjöpmarr zur seite geht; jenes die fremde (nur im prosabericht 
überlieferte), dieses die einheimische (der liedstrophe eigene) benennung 

1) Auf die in ihrer bedeutuug stark überscliätzten keltischen parallelen ver- 
zichte ich nach den ausführungeu Finuur Jonssons (Aarboger 1895, 276 fgg.). 



ZDK GESCHICHTE DER SIGFKIDSÄGE 9 

desselben mamies. Es verändert sich natürlich die Sachlage nicht im 
geringsten, wenn schon auf der Wanderung des Stoffes der deutsche 
Sigfrid in Sigwart umgenannt ^ und der name Sigfrid in seiner deut- 
schen form in der alten zeit überhaupt nicht bis an die nordischen 
gestade gelangt ist. Die Variante Sigord ist in hohem grad geeignet 
eine an anderem ort und zu anderer zeit entstandene Variante Sigmund 
noch Avahrscheinlicher zu machen. Die namenvarianten Sigfrid Sigward 
Sigmund für einen und denselben volkshelden stellen vielleicht drei 
verschieden entwickelte sagen Varianten dar. 

Die YQlsungenlieder der Edda geben uns aber, wie bemerkt, nur 
einen bruchteil der norwegischen Sigmundsage. Um sie in annähernder 
Vollständigkeit zu reconstruieren steht uns die Yglsungasaga einerseits 
und die in den Sigurdliedern aufgegangene Sigmundsage andererseits 
zur Verfügung. Ich möchte den versuch wagen, aus den Sigurdliedern 
die motive der norwegischen Sigmundsage auszuscheiden und so eine 
neue beurteil ung für die nordische Variante unserer Sigfridsage zu 
gewinnen. 

IL 

Dass Sigurd in die Helgisage eingeführt wurde, ist neuerdings 
von Beer erkannt (Beitr. 22, 368 fgg.). Derselbe gelehrte hat auch 
zum erstenmal gezeigt, dass Reginn der nordischen VQlsungensage 
(Helgidichtung) nicht der Sigurdsage angehört. Mit Reginn hängt aber 
sein bruder Fäfiiir so eng zusammen, dass niemand es wagen dürfte, 
in diesem fall die brüder zu ti-ennen. Offenbar ist die an Eäfnir und 
Reginn vollzogene grosstat ein rühm des Yolsungen Sigmundr gewesen, 
lange ehe man im norden von dem drachentöter Sigfrid gehört hat. 
Wir befinden uns also in vollkommener Übereinstimmung mit dem 
bericht des Beowulfliedes und wissen bescheid über das eotena cyn 
und den ivrcetlioie ivyrin. 

Es ist zu beachten, dass wie Fäfnir so auch Reginn in den betr. 
Strophen der Fäfnismol als jqtunn^ bezeichnet wird (v. 29. 38); nur 
die prosaeinleitung zu den Reginsmol bezeichnet den Reginn als 
dvergr. Das ist die Wirkung der deutschen tradition, die gerade in 

1) Man möchte in erinuemng an den bekannten säclisischen sängernanien (5/- 
wardus) bei Saxo Gramniaticiis an eine norddeutsche Station der sage denken. Jedoch 
ist zu beachten, dass der wörtlichen bedcutung nacli -wart in Sigwart synonym ist 
mit -miindr in Sigmundr. 

2) Es darf vielleicht auch erwähnt werden, dass nach der {jidrekssaga Beginn 
geradezu der name des riesischen drachen selber ist: Reginn rar mikill fijnr ser 
.... ok allra orma mestr c. 163. 



10 KAUFFMANN 

den prosastücken zur geltung- kommt. Nach der deutschen traditiou 
war ein zwerg (Mime), nach der nordischen Überlieferung ein riese 
(Reginn) in die geschichte vom drachenmord verflochten: jenes ein fak- 
tor der Sigfrid-, dieses ein element der Sigmundsage. 

Besonders deutlich verrät sich der deutsche einschlag in der 
geschichte des Welsungenschwertes. Die Hyndluljö|) Avissen zu melden, 
dass 0[)inn dem Sigmundr das schon im Beowulf gefeierte heldenscliwert 
verliehen habe, wie dies noch die berühmte scene der Vqlsungasaga 
im einzehien ausmalt. Das ist die echte alte Überlieferung des nordens 
und sie bezieht sich nur auf Sigmundr, den Schützling des 0|)inn. 
Aus Deutschland ist die sagenvariante eingewandert, die in der prosa 
zu den Eeginsm()l bezeugt ist: Beginn (dverg?-) gerpi Sigurpi sverj) 
(er Oramr hct) pat var svd hvast at hann brä pvi ofan i lim ok Ict 
reka ■iillarlagp fyr straumi oh tök i sundr lagpinn sein vatnit. pvi sverjd 
klauf Sigurpr i sundr siepja Regins. Auch wenn der Kliein nicht den 
deutlichsten fingerzeig abgäbe, könnten wir diesen bericht als im norden 
nicht beheimatet, als deutsches sagengut verwerten. Aber wir vermögen 
jetzt mit viel grösserer bestimmtheit als zuvor die Scheidung vorzunehmen. 
Es verdient in hohem grad beachtung, dass nicht die Strophen, sondern 
die prosanotizen zuerst den einfluss der deutschen sage kundgeben. 

Nun werden wir auch mit ganz anderem rückhalt und mit grösserer 
Zuversicht behaupten können, dass die ganze mythologische maschinerie 
aus der nordischen Sigmundsage in die Sigurdsage übergegangen ist. 

Gehen wir aber zunächst in der besprechung der einzelmotive 
weiter. Schon in der prosa Frd danpa Sinfjqtla liegt die mischung 
nordischer und deutscher erzählung offen zu tage. Hier ist von der 
auch aus der älteren norwegischen skaldenpoesie bekannten Vojsunga- 
drekka die rede: Sigmundr tök hornit ok drakk af. Svd er sagt at 
Sigmundr var harpgqrr at hvdrki mdtti honum eitr granda ütan ne 
innaii, en allir syjiir hans stöpusk eitr a hqi'und ütan. Das ist die 
norwegische Variante der geschichte von der hornhaut Sigfrids vermengt 
mit diesem dem prosaisten bereits bekannt gewordenen motiv. Wie 
Sigurpr an die stelle von Sigmundr getreten ist wird besonders deutlich 
aus der seltsamen Überlieferung der Snorra Edda (II, 573): Sinfjqtli 
ok Sigurpr vdru svd harpir d Jiüjnna at pd sakapi cigi eitr. Wir haben 
noch in der bekannten scene der FäfnisniQl die uns auch durch die 
bildlichen darstellungen bestätigte Überlieferung, dass der drachentöter 
das blut trinkt: aber seltsamerweise kehrt das motiv in der erzählung 
nicht bloss noch einmal wider, sondern auch in der verwunderlichen 
fassung: Sigurpr . . . drakk blöp peira heggja Regins oc Fdfnis. 



ZUK GESCHICHTE DER SIGFRIDSAGE H 

Hier ahnen wir jenen überschuss von blutvonat, der zum baden geeig- 
neter gewesen sein dürfte als zum trinken, aber den autor immer noch 
nicht ermutigte sich mit der landläufigen tradition in offenen Wider- 
spruch zu setzen. Als motiv der Sigmundsage werden danach wir das 
liluttrinken, als motiv der Sigfridsage das blutbad festzustellen habend 

Am schluss der Fafnismol bricht die deutsche tradition vollends 
durch, wo die dem norden fremde Verbindung mit der Burgundersage 
beginnt [Liggja tu Gjülm v. 41 fgg.)- 

Aber auch hier ist die deutsche Überlieferung keineswegs treu 
widergegeben. Die erzählung von Sigur|)r ist durchschlungen von dem 
der nordischen Sigmundsage entstammenden Sigrdrifamotiv. Dem deut- 
schen paar Sigurpr-Brynhildr ist das paar Sigmundr-Sigrdrifa 
untergeschoben worden. 

Wir werden uns, um in den kreisen der deutschen Überlieferung 
zu bleiben, vorerst an den prosabericht wenden müssen. Die einlei- 
tungsworte der Sigrdrifum^l beginnen denn auch: Sigicrßr reip upp ä 
Hmdarfjall ok stefndi silpr til FraMlands, ä fjcdlinu sä hcmn Ijös mikit 
. . . e?i?i er hann kom at, pä stop Jxir skjcädborg . . . Sigurpr gekk i 
skjcddborgina ok sä at Juir Ja vuipr ok svaf mep qlluvb lierväpmtm, 
haivii tök fyrst hjalmimi af hqfpi lioninn, pä sä hann at Jjat rar koiia. 
Bnjnjan rar fqst seni hon vccri Jwldgröin, pä reist hann mep Gram 
frä hQfiiJjsmätt hrynjuna igqgiimn nipr ok svä üt igqgnum häpar ermar. 
Das ist im wesentlichen die alte deutsche Überlieferung. Hindarijall 
gehört ebenso dieser an wie die auf bergeshöhe leuchtende schildburg 
und die hinter ihr gebettete schildmaid, die der junge recke erlöst. 

Dieser deutschen fassung steht die alte nordische gegenüber, die 
in den schlusssti'ophen der Fafnismol niedergelegt ist: der Schauplatz ist 
ein salr, von der waberlohe umlodert und die von Opinn Avegen Unge- 
horsams in schlaf versenkte walkyrje Sigrdrifa ruht in dem hause. Wenn 
es Fäfnism. 43 heisst Yggr stakk porni und Sigrdrifum. 2 Opinn pvi 
veldr es eigi mättak hregpm hlundstqfwn, so vermögen wir leicht die 
nordische tradition durch die Sigrdrifumol hin zu verfolgen. Nichts 
lässt uns trotz der prosaischen eingangsworte eine auch nur von ferne 
veranlasste Störung der alten norwegischen sage ahnen, von der wir 
hier festzustellen haben, dass sie von einer Verlobung zwischen Sig- 
niundr und Sigrdi-ifa nichts wusste. Die Sigrdrifumol spiegeln im gan- 
zen (ebenso wie Reginsmol und Fafnismol) nicht die deutsche Sigirid-, 
sondern die nordische Sigmundsage wider. 

1) Oder ist das bhittrinken üborbaupt das alte motiv gowescu? Vgl- HS' 
s. 194. 



12 KAUFFMANN 

Schwieriger gestaltet sich die untersuchiiDg in der allein durch 
die Yglsungasaga gedeckten lücke des Codex regius. Hier ist bekannt- 
lich Brynhildr mit Sigrdrifa identificiert. Dies setzt voraus, dass die in 
der schildburg auf bergeshöhe schlafende schildmaid den namen Brun- 
hild getragen hat. Nur so konnte ihr name auf die im feuerumloder- 
ten hause schlummernde walkyrje übergehen. Diese, nicht Brunhild 
wird also hinter der im hause des Heimir mit Sigur{)r verlobten krie- 
gerischen maid zu suchen sein. Dass diese Verlobung sagenwidrig ist, 
braucht angesichts der offenkundigen motive und der genealogischen 
hintergedanken nicht ernstlich erörtert zu werden; um sie wider auf- 
zuheben, bedurfte man des alten hexenmotivs vom vergessenheitstrank. 

Mit dem 25. kapitel der Vqlsungasaga treten wir in die Burgan- 
dersage ein, die nur noch in unwesentlichen nebenzügen die Verbin- 
dung mit der nordischen Sigmundsage zu betätigen hatte (z. b. in dem 
bericht der Brynhildr über Sigmundr). Von bedeutung ist jedoch im 
27. kapitel die art und weise, wie Gunnars Werbung um Brynhildr 
erzählt wird: diese partie setzt sich vollständig aus den nordischen 
Sigrdrifamotiven zusammen (saal mit waberlohe, Andvaranaut): scheidet 
man sie aus, so bleiben die deutschen sagenelemente der Sigfrid-Brun- 
hildensage in ziemlich reiner form zurück. Wir haben ja in diesem 
fall eine controle am jüngeren Sigfridslied. Die deutsche Sigfridversion 
mit dem drohenden kämpf bringen Sigurparkvipa en skamma und Vql- 
sungasaga c. 29. Dagegen gehört die der Sigmundsage entstammende 
Variante vom flammenritt mit der hinter der waberlohe stattfindenden 
begognung mit Sigrdrifa zusammen und weist sich als nordische dich- 
tung schon durch die rolle des wunderpferdes Grani aus, das in Deutsch- 
land naturgemäss ebenso fehlt wie die zu ihm gehörende waberlohe. 

Schliesslich wage ich so auch die doppel Überlieferung der lieder, 
die da erzählen, Sigurpr sei im bette ermordet oder er habe im freien 
draussen seinen tod gefunden, zu erklären. Yon der höfischen Variante 
des Nibelungenliedes, Sigfrid sei auf der jagd ermordet worden, können 
wir absehen. Wie sie sich ausgebildet, lässt sich vielleicht noch ver- 
muten, wenn wir uns des traumhaften bildes von der eberjagd in der 
J)ictrekssaga erinnern und den träum der Gul^run (Yols. s. c. 25) bezw. 
der Griemhild (Nibel. 921) dazu nehmen. Wir werden mit Wilmanns 
(Anz. 18, 83. 85) der deutschen sage den tod im bette zuzuweisen 
haben. Wenn aber Wilmanns noch zweifelte, welche der darstell ungen 
die ältere sei, so dürfen wir im vertrauen auf die Übereinstimmung 
jenes blinden motivs im Mbelungenlied mit dem entsprechenden akte 
der Sigurdlieder zuversichtlicher behaupten, dass die nordische Variante 



ZUR GESCHICHTE DER SIGFRIDSAGE 13 

sem peir drccpi hann üti (Brot v. 25) ein nachklang der Sigmundsage 
sein werde, deren lield draussen auf der walstatt gefallen ist. 

Schöne bestätigung findet so die namentlich vonWilmanns, hernach 
von Heusler und Mogk begründete sagenform, wonach Sigfrid ursprüng- 
lich als unebenbürtiger, vaterloser, fahrender recke am hofe der Bur- 
gunderkönige erschienen ist. Der jüngeren erfindung, welche die fäden 
des gespinnstes in Verwirrung gebracht hat. vermögen wir jetzt die alte 
nordische Variante entgegenzustellen. Die naheliegende zufällige Über- 
einstimmung im namen des vaters hätte uns nicht zu dem glauben an 
eine deutsche Sigmundsage verleiten sollen. 

UL 

Ich erkenne mit freudiger genugtuung an, dass der von Mogk 
a. a. 0. veröffentlichte aufsatz einen grossen fortschritt der sagenkritik 
bedeutet, vermag jedoch in einigen wesentlichen punkten nicht, mich 
ihm anzuschliessen. Ich bin zwar zu demselben resultat gelangt wie 
er, dass es neben der (deutschen) Sigfridsage eine in Varianten sich 
bewegende (nordische) Sigmundsage gegeben habe (Mogk s. 71) und 
ich hoffe, dass diese gemeinsame position eine Verständigung erleich- 
tern wird. 

Mogk ist nicht ganz vorurteilsfrei verfahren. Denn in unserer 
Überlieferung lassen sich seine anschauungen nicht begründen, Avonach 
es sich in der Sigfrid- bezw. Sigmundsage um rein menschliche Ver- 
hältnisse handeln, wonach Sigfrid eine ebenso rein menschliche grosse 
sein soll wie Brunhild. 

Ich kann das nur soweit giitheissen, als wir auch märchen- 
figuren und märchenmotive als rein menschliche dinge anzusehen 
berechtigt sind. Wer wollte uns dies verwehren? Mogk hat nicht 
behutsam genug den duftigen Schimmer der poesie geschont, den das 
märchen über die „menschlichen" Verhältnisse zu werfen pflegt. Die 
märchenhaften züge des drachenkampfes und der unverwundbarkeit 
gesteht Mogk als solche willig zu, dann vergeht er sich aber gegen 
den dichterischen Charakter unserer Überlieferung, wenn er eine Über- 
lieferung mit märchenhaften zügen nicht als märchen, sondern als 
roman behandelt. Das ist eine fatale Verwechslung dichterischer gat- 
tungen. Darunter hat namentlich Mogks auffassung der Brunhild gelit- 
ten. Ich schliesse mich den hiegegen gerichteten ausführuugcn von 
Wilh. Braune voUkonmien an (vgl. Beitr. 23, 246 fgg.). Der von Mogk 
urgierte gegensatz zwischen schildmaid und walkyrje ist tatsächlich 
gar nicht vorhanden, denn der beruf der schildmaid wurzelte gerade 



14 KAUFFMANN 

in jenen religiösen vor.stelluiigen, die sich in den walkyrjen ihr mytlio- 
logisclies gebilde geschaffen haben. 

Es lassen sich nun aber fih- die Unrichtigkeit von Mogks alige- 
meiner Voraussetzung noch ganz andere materialien beibringen i. 

Die Sigmundsage hatte sich im norden im liohen stil mytholo- 
gischer dichtung ausgeweitet, und 0[»inn bildete die regende kraft. In 
diese 0|)insmytliologie haben jene namenlosen norwegischen skalden, 
denen wir die heldeulieder des Codex regius verdanken, den deutschen 
Sigfrid versetzt, indem sie ihn ihrem Opinshelden Sigmundr mittelst 
der sohnschaft anreihten. Er ist allmählich vollständig an die stelle 
des Sigmundr getreten. Wir vermögen auch diesen process auf sein 
motiv zurückzuführen: ich erinnere nur an die bekannten worte 
der VQlsungakvi|)a: l)at var trüa i forneskju at menn vaivi endrhornir 
. . . Helga oe Sigrün er kallat at va'ri enclrborin; het hann pd Helgi 
Iladdingjaskati en hon Kdra Hdlfdanar döttir (hierzu sind die aus- 
führungen zu beachten, welche neuerdings G. Storni gegeben hat in 
dem aufsatz: Yore forfsedres tro paa sjsolevandring og deres opkaldel- 
sessystem Arkiv f. nord. filol. 9, 199 fgg.). So sind jene wundersamen 
gebilde entstanden, in denen die freie kraft des deutschen märchenhel- 
den mit den gebundenen Ordnungen des nordischen Schicksalglaubens 
sich kreuzt. 

Über die Vorgeschichte des Stoffes müssen unsere anschauungen 
sich wesentlich ändern, wenn wir es, wie ich schon hervorgehoben 
habe, mit einem märchen zu tun haben-. Denn mit diesem begriff ist 
zugleich seine märchenhafte geschichte gegeben. Der heldenjüngling, der 
in der Vollkraft seiner jugendfrische die ungeheuer siegreich bezwingt und 
die (ihnen verfallene?) Jungfrau erlöst um schliesslich trotz der unverwund- 
barkeit an seiner schwachen stelle zu verbluten — dieser märchentypus 

1) Ich brauche nicht im einzelnen hervorzuhebeu, iu welchen punkten ichMogk 
unrecht geben muss, da dieselben im Zusammenhang dieser arbeit hervortreten. Nur 
wundert es mich, dass Mogk immer noch die ansieht vertritt, das Sigfridmärchen 
sei bei den Franken entstanden und von den Franken über die germanische weit 
gewandert. Nachdem Mogk den mythologischen Zusammenhang der Sigfridsage mit 
0|)inn- Wodan vollständig zerstört hat, sind die massgebenden momente weggefallen, 
die seinerzeit dafür zu sprechen schienen, beim Wodan verehrenden Frankenstamm 
den herd der Sigfridsage zu suchen. Wer wollte die heimat eines märchens bestim- 
men? Die litterarischen formen, in denen das märchen auftritt, führen uns zu kei- 
nem andern volk als zu den Burgundern; in sehr früher zeit ist es aber auch schon 
im norden zu hause: ohne das scliworgewicht litterarischer formen ist die dichtung 
gewandert wie nur märchen zu wandern pflegen. 

2) Vgl. auch (iolther Germ. .33, 475. 



ZXTR GESCHICHTE DER SIGFRTDSAGE 15 

ist vaterlandslos, vgl. Rohde, Psyche I'-, 192 fg. und Kretsclimer, Ein- 
leitung in die gesehichte der griechischen spräche s. 85. Dieses wan- 
dermärchen hat in der vorzeit — die bedeutsame rolle, welche das 
eiserne Welsungenschwert spielt, ermöglicht als ungefähre datierung: 
nicht vor dem eisenalter der germanischen Völker — jedesfalls in Deutsch- 
land und in Skandinavien sich eingenistet Der typus hat sich die 
Jahrhunderte hindurch bei den verschiedenen stammen verschieden ent- 
wickelt, es entstanden der nationalisierung gemässe sagenvarianten, bis 
endlich die dichtung ihm dauernde gestalt schuf. 

IV. 

Eines der wesentlichen alten motive des märchens ist bisher all- 
gemein unterschcätzt, wenn nicht wie noch neuerdings von Wilmanns 
und Mogk gänzlich übersehen worden. 

Die Sigfridsage ist in ihrer ursprünglichsten (nordischen) form 
eine drachen- und hortsage. Von dieser seite her ist neues zur auf- 
klär ung „blinder motive" unserer litterarischen Überlieferung zu gewin- 
nen, wie ich in kürze zeigen möchte. 

Dass die schlänge (prmr) oder der drache als dichterisches eidcoXov 
unterirdischer mächte fungiert, darf als gegeben angenommen werden^ 
Höchst belehrend sind die altgriechischen parallelen, aus denen Rohde 
so schöne resultate zu gewinnen wusste (Psyche I^, 132 fgg. u. ö.). AVir 
haben durch ihn erfahren, dass bei den Griechen den unterirdischen 
gleichfalls die schlangen- bezw. drachengestalt eigen ist, dass aber die- 
sen drachengestalteten unterirdischen durchweg mantische kraft zu- 
kommt, dass ihre sage in dem von ihnen ausgehenden orakelwesen 
gipfelt. 

In merkwürdiger weise ist der drache mit der grossartigsten orakel- 
kundgebung, die wir besitzen, mit der VqIuspq verknüpft. Dass die- 
ses gedieht auf einem erdorakel aufgebaut ist, ähnlich wie die Hynd- 
luljop, das ist eine Avesentliche Voraussetzung für sein Verständnis. 

Eines der am breitesten ausgesponnenen motive der nordischen 
Sigurdsage bilden die dem Sigurd zu teil gewordenen orakel. Schon 
die Gripisspo darf zum zeugniss der echtheit und der bedeutung des 
motivs aufgerufen werden. Die prophetischen Verkündigungen Regins 
sind mehrfach gestreift; Knikarr, der karl af bergt, wird um ein orakel 
von Sigurl)r angegangen (Reginsm. v. 16 fgg. vgl. hcül v. 19) und pracht- 

1) Die zuletzt von Wilmanns gogcbeuo dcutung ist wol nichts weiter als ein 
einfall (Anz. f. d. a. 18, 92) und kann nicht ernstliaft begründet werden. 



16 KAUFFMANN 

voll sind die l^YifuisnK^l in der spräche des zur aussage gezwungenen 
orakeltiercs gehalten, z. b. v. 12 fgg. : 

segpu mer Fdfnir alls p/'k fropan kvcpa 

ok vel mart vita 
hverjar era usw. 

Selbst von des drachen blut noch geht die wundersame Wirkung 
aus, dass äuge und ohr empfänglich werden für ein vogelorakel, für 
die im vogolgezwitschcr kund werdenden orakelweisungen. Und die 
Fafnism()l lassen gar keinen zweifei, dass das drachengestaltete orakel- 
wesen im Innern der erde, in der wohnung der toten, seine Schatz- 
kammer hat. Aber daran ist es noch nicht genug. Xoch einmal, in 
den Sigrdrifumql, Averden wir zeuge einer mit den feierlichsten accordeu 
eingeleiteten orakelscene. 

Bei solchem tatbestand unserer Überlieferung erscheint es als durch- 
aus unzulässig, dieses orakelmotiv aus der Sigmund- bezAV. Sigurdsage 
zu eliminieren. Im Nibelungenlied ist es freilich als der romantechnik 
und zugleich den allem aberglauben abgewendeten anschauungen des 
höfischen publikums widerstreitend gänzlich preisgegeben worden. Nur 
noch in der Vorliebe für die dem altern epischen stil angehörenden 
formein der vorausverkündigung und in der bedeutsamen Verwendung 
vorahnender träume verfolgen wir die letzten spuren eines sich ver- 
flüchtenden Überbleibsels 1. Ungefähr dasselbe gilt für die |)i(lrekssaga, 
wo aber wenigstens das vogelorakel (c. 166) erhalten geblieben ist. 
Im jüngeren Sigfridslied dagegen, wo die im innern der erde hausen- 
den zwerge als horthüter auftreten, wo Sigfrid sie von dem iviirm befreit, 
wo einer jener unterirdischen ihm den weg iveyset (ed. Golther s. 51) — 
hier lauschen wir noch seiner Orakelkundgebung: 

str. 159 Nun sag mir hell gemeyt 

str. 160 Lass mich deyner kirnst gemessen 

Astronomey genant. 

Dort auff dem Trachensieine 

Heut frü du hast erkandt 

Die Stern vnd jr anzeygen, 

Wie es mir sol ergan, 

Mir ynd meyon schönen iveyhe, 

Wie lang sol jch sie ha?i? 

1) Vgl. lüezu die foruiulieruug bei Kcttuer, Die Österreich. Nibeluugcndicli- 
tung s. 218. — Um das von den wtsiu wtp (str. 1533) gegebene oi'akol liandelt es 
sich hier nicht. 



ZUR GESCniCIITE DER SIGKRIDSAGK 1"? 

Str. 161 Do sprach das xwerge Engel: 

„Das u'il ich dir vei'jelien, 

Du hast sie mir acht jare, 

Das hab ich ivol gesehen; 

aSo icirdt dir dann dein, legbe 

So mörderlich gcnn)nnien, 

So gar o)i alle schulde 

Da vnib dein leben knmmen, 
Str. 1G2 So ivirdt degn todt dann, reclioi 

Deipi wunderschönes weib; 

Darimib so tvird verlieren 

Manch held den segnen leib 

Das ngndert mer kegn helde 

Atiff erden, lebendig blegbt. 

Wo lebt ge held an ff erden. 

Der also ist bewegbl.^^ 
Diese verse vermögen nicht zu klingen ulme die verwandte melodie 
der Mfnism(tl zu wecken. 

Jene im innern der erde hausenden orakehvesen sind nach alt- 
griechischer Vorstellung an ihr grab gebunden, genau so wie der hort- 
lüitende drache im Beowultliede, wie die von Freyja aus dem grab 
citierte Hjaidla, oder die von Öpinn durch rcdgaldr erweckte vQlva, 
oder die von Svipdagr aufgerufene (froa. Wenn auch die umstände 
nicht genau bekannt sind, so gehört docli jedesfalls Alviss mit in die 
reihe: Alriss ek heiti byk fyr jqrp nepan 

äk und steini stap. 
Aber nicht blos aus Alvissm. 2 wissen wir, dass diese unterirdischen 
Orakelwesen im norden pursar genannt worden sind. Genau dasselbe 
erfahren wir aus den Fj(^lsvinsm(^l: 

ütan garpa sä fmnn upp koma 
pursa J)jöpar sjqt 
und pursa pjöp sind auch in den Skirnisra. die unter den ürig fjoll 
hausenden unterirdischen i. 

Über die Zugehörigkeit des Reginn und des Fafnir zu diesen 
wesen kann kein zweifei obwalten. Reginn wird ja ausdrücklich als 
hrhncaldi jqtiinn bezeichnet (Fafnesm. 8). Die stilform der orakelfrage 
ist ja aber an sich schon beweiskräftig. 

1) In diesem zusainmeiihang klilrt sich nun erst die bedeutung von hrtm- 
Jmrsar. — Ähnliche bedeutung kommt natürlich auch noch andern wörtei'n zu; ich 
erinnere aus anlass von Olafr Oeirstapa-älfr aii das wort älfr. 

9 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXXI. -^ 



18 KATJFFMANN 

Dio scli!iiz]i()lilo (los (Irnchon ist also zu donkon als dio unter dem 
hügcl sich bicitoudo gi-abkamiiier, wo der unterirdische nach der sitte 
des altertums mitten in der fülle des ihn im lichte der oberweit um- 
i^ebenden reichtums bestattet ist. Also auch in diesem sinn ist das 
Sigfridmärchon von dem allgemeinen typus der schatzmärchen nicht 
verschieden. 

Der drache ist ein im grabhügel weilender „horos" — wie die 
Griechen sagten und Rohde ihn analysiert hat — er gehfiit nicht zu 
denen, dio das allgemeine seelenreich bevölkern. Aber von der ober- 
weit geschieden haben die hcroen in ihrer unterirdischen wohnung an 
der ganz bestimmten stelle ihrer bestattung [Onüaheipr) weitergelebt 
und man tisch es Avirken behauptet. Als germanische Wesenheiten sind 
sie uns schon durch das anord. wort Jnirs bezeugt. Dieses wort ist 
aber gomeingermanisch. Für uns gewinnen die grösste bedeutung 
unsere althochdeutschen belege. Sie sind geeignet die im vorstehenden 
gegebenen ausführungen ins licht zu setzen. Ich erinnere an Bitis : 
durises (= ags. hdgodes) Ahd. gl. 2, 045. 697 und dass damit nur 
männliche „heroen" bezeichnet worden sind, erfahren wir aus der 
glosse dcas dcosq?fe : hazxcsa diircsa Ahd. gl. 2, 492; den heroenmässigon 
Charakter vermögen wir besonders aus der von Notker stammenden 
interpretation zu erkennen daemonia : tursa (ed. Piper 2, 53). 

Der wesentlichste rest ist folglich im Nibehmgenlied der name 
Nibelunc, dessen wortsinn nun völlig durchsichtig geworden ist. Es 
sei nicht verschwiegen, dass wir den wertvollsten anhaltspunkt für die 
richtigkeit meiner auffassung an dem neuerdings von Bj. M. Olsen so 
glücklich hergestellten niflfarnajn- besitzen (Arkiv. 9, 232). Atlakv. 34 
ist darunter das feierliche gelage zum gedächtnis eines verstorbenen 
verstanden. Das Avort Nibelunc ist also seiner herkunft nach ebenso 
wenig ein patronymikon als VQlswirjr, Welisunc, das sich zu dem ad- 
jectivum got. walis ebenso verhält wie ahd. armhig : arm usw. (vgl. 
die beispiele bei Kluge, Nominale stammbildungslehro § 24 und die 
vortrefflichen beraerkungen von Much, Beitr. 17, 65). Nibehmc hat also 
nichts mit nebel zu tun, gehört vielmehr in seinem adjectivischen 
Stammwort zu gricch. vh.vg (beachte den durch got. iim/s, anord. 7iär^ 
vorausgesetzten accentwechsel und das ganz analoge Verhältnis von got. 
tvulfs : aind. rfka zu anord. ylg?' : aind. vrJa; got. iiveifls : ahd. zivcho 
u. a.). Nibelunc ist ein „verstorbener" (im sinne von giiech. fjQiog). 

1) Ich iiiaclio (laranf aufinorksam, dass Nur uns als zwergname bezeugt ist: 
unter den drcrgar t jnrjm führt Vnluspü v. 11 auf Nur ok Nainn, Nipitigr Dainn. 



ZUR GESCHICHTE DER SIGFRIHSAGE 19 

Dass der orakelkniKlgebiing als organischem inotiv der alten sage 
eine wesentliche fiinction zugekommen sei, brauchen wir nun nicht 
mehr zu vermuten, wol aber bleiben uns nur Vermutungen über die 
stelle, wo sie im alten sagengefüge eingeordnet gewesen sein möchte. 
Ich glaube, dass wir das orakel in Verbindung zu bringen haben mit 
dem auf dem hört lastenden fluch. Indem Sigfrid sich in den besitz 
des ans der grabkammer der unterirdischen herstammenden Schatzes 
setzte, war seinem blüiienden leben das in der prophezeiung ihm vor- 
ausverkündeto kurze ziel gesteckt worden (Fafnism. v. 9). Dass am 
hört jener fluch haftete, weiss von deutsclien quellen noch die Klage 
(v. 1713 fgg.): 

der Nibelungc golt rot 

hcsten si dax vermUcn, 

so mohten sie ivol shi geritcn 

zir sivcstcr mit ir hnlden 

in genauer Übereinstimmung mit dem Sigfridslied (I str. 14): 

N(/bli)igcs hört. 
Dar und) sich von den Heimen, 
Hüh jremcrUchcr mordt; 

Trifft diese Vermutung das richtige, dann ist eine neue ausschlaggebende 
Instanz gewonnen und sie würde uns nötigen, Mogks radikale gegen 
die „mythischen" elemente der sage gerichtete kritik abzulehnen. 

Wilmanns hat nun freilicli die meinung vertreten, Nibclunge sei 
der ältere name der Burgunderkönige und Mogk hat sich auf seine 
Seite geschlagen. Aber nur unter anwendung von gewaltmitteln ver- 
mochte AVilmanns den namen der Nibelunge aus der Sigfi'idsage zu 
streichen 1. Hier tritt das Sigfridslied dazwischen und dies weiss auch 
nicht das geringste davon, dass die Burgunder einmal Nibelunge gewe- 
sen seien. Es weiss nur von dem horthütendon Zwergengeschlecht des 
Nybling. Daran scheitert die annähme, dass das zwergische Nibelun- 
gengeschlecht das phantasiegebilde eines späten dichters sei, der dem 
hört eine Vorgeschichte habe schaffen wollen. Unsere Überlieferung 
geht vielmehr dahin, dass mit dem auf dem hört lastenden fluch auch 
der verhängnisvolle name auf das Burgundervolk übergegangen ist. 
Denn der name ist eine macht. 

1) Der ansieht stellen ausserdem alle die bedenken entgegen, welelie oiuein 
mythischen Günther neben dem Buroiinderkönig das existenzrecht streitig machen. 
Unversehens ist also Mogk mitten in die mythischen Verhältnisse hineingeraten. 

2* 



20 KAÜFFMANN 

V. 

Weitere uulklüiimg liisst sich aber wol noch i;ewiimen, wenn wil- 
den Vorstellungen nachspüren, welche für die sage vom Nibelungo- 
hort die motive geliefert haben. Nach dem Vorgang von M. Rieger 
und R. Hcinzol hat zuletzt Fr. Vogt in dieser Ztschr. 25, 411 fgg. ge- 
zeigt, dass wir von der dem alten Sigfrid-Sigmundmärchon eigenen 
drachen- und schwertsage zu unterscheiden haben eine ursprünglich 
selbständige, an Sigfrid erst infolge der Verbindung mit den Burgundcn 
angelehnte sage, svelchc in der goldhaltigkeit des Rheins ihren grund 
hat (vgl. anord. kenningar wie mdlmr lUnnr). Die Rh(3ingoldsage gehört 
zu den bestandteilen der Sigfrid -Signrdsage, wie sie im 10. Jahrhun- 
dert nach Skandinavien gekommen ist. 

Das alte Sigfrid- Sigmund märchen verfügte über diesen bcstandteil 
noch nicht. 

Wir wissen dies aus der nordischen Sigmundsage. Schon im 
Bcowulf besteht der hört des Sigmund aus dem wunderbaren Welsun- 
genschwert einerseits und dem dem drachen abgenonnnenen goldschatz 
andererseits. Mit dem Rhoingold ist der letztere erst im 10. Jahrhun- 
dert identificiert worden. Vordem spielte er eine untergeordnete rolle 
in der Sigmundsage. Der wiciitigste bestandteil des hortes war die 
herrliche waffc. von dem die in der Vqlsungasaga verwerteten lieder 
gesungen haben. Die nordische sage wusste zu berichten, es sei dem 
V^lsungr von OJnnn verliehen (Hyndlulj.); genaueres erz<ählt der Ver- 
fasser der saga in der berühmten scene der schwertprobe. 

Das ist die nordische Variante unserer deutschen sage. Hier ist 
das Welsungenschwert ein werk des Nibelungen (= anord. Roginn), 
lusprünglich im besitz des Nibelungen und von diesem auf Sigfrid 
übergegangen. Dem dnjldlic ircn (Beow.) verdankt der Wivlsing seine 
grosstaten und gerne wird diese seine waffe als sein wesentlichstes atti'i- 
but hervorgehoben : 

Hey heuet to sinen Jinnden 

Ein swerd dat is so groed 

Dat is dat van Neiiehimjen Ztschr. f. d. a. 5, 370 
oder im Rosengarten A 420 fgg.: 

Er trcit ein scktvert so hert 

Das schneydet alle bandt 

Kein Jiarnasch sich dai>or erwert 
W. Grimm, Heldensage ^ s. 269 in Übereinstimmung mit dei- einleitungs- 
prosa zu den Sigrdrifum. reist hann mep Gram frd hqfupsmdtt hryn- 
jinia iyogniiyn nipr ok srd. üt Ujoyuum bäj)ar ermar. 



ZUR GESCHICHTE DER SIGFRIDSAOB 21 

Nach Biteroif 7229 führt Sigfrid des alten Nibehmges schwort 
und so auch im Nibelungenlied (str. 94, 1 A. B. C). Das wesentliche 
ist nun, dass die jeweiligen träger des sciiwertes mittelbar oder unmit- 
telbar durch eben diese waffe ihren tod finden. So schon in der 8ig- 
raundsage. So aber auch in der Sigfridsage von Fat'nir und Reginn 
bezw. Nibelunc und Schilbunc angefangen bis herab zu Hagen und 
Griemhild (Nib. 2309. 2310. Rassmann, Niflungasaga s. 113). Auch in 
der Sigurliarkvil)a en skamma (v. 21 fgg.) fällt Got|)ormr, der eben die 
herrliche waffe gegen Sigur|jr selbst geschwungen hatte unter der furcht- 
baren schneide. 

Davon steht freilich in dem liede nichts, dass Sigur|)r durch das 
eigene schwort den tod gefunden habe. Es ergibt sich dies aber als 
selbstverständliche folge der umstände (beachte auch |)idrekssaga c. 221) 
selbst noch aus dem Nibelungenlied, wo gegen Sifrlt mit der eigenen 
waffe der todesstoss geführt wird (str. 916 fgg. 2309). 

Über die horkunft des schw^ertes herrscht durchaus einhellige Über- 
lieferung, wenn wir uns nur der von mir gegebenen deutung des wer- 
tes JSli.bclunc (oben s. 8) erinnern. Es stammt aus dem besitz eines 
verstorbenen, aus einem grabhügel oder allgemeiner gesagt aus dem 
berge, wie es im Nibelungenlied und im jüngeren Sigfridsliede heisst: 
str. 107 Do trat fürbas den siei/iic 
Der starck rtjss Kuperaii 
Er sprach: hie ist vcrponjcn 
Ein schice?'t vil wol gethan^ 
Damit ein rittcr edel 
Dem Trachen siget an, 
Snnst ist keyn Jding aiiff erden, 
Die den Trachen gtvi/men Icaiin. 
str. 131 Nun sprang her auss der liölen 
Seyfrid mit disem schwer dt. 
Die hervorragende sagenmässigo bedeutung dieser Avaffe ist also 
nicht bloss durch die bekannten nordischen Zeugnisse, sondern auch 
durch das Sigfridslied belegt. Dazu kommt als hauptstelle die 1124. 
Strophe des Nibelungenliedes. Hier heisst es wie im Sigfridslied von 
der Zugehörigkeit des Schwertes zum horte: 

Der ivunsch lac dar under von golde ein rüetelin 
Der deix het erkunnet der muhte meister sin 
tvol in al der iverlde über islichen man. 
Diese dem Nibelungenhort angehörende Wünschelrute ist ja längst von 
den der mythendeutung huldigenden sagenforschern auf das in die 



^2 KAUFFMANN 

Iiaiul des blit/xlüinoncn gclogto blitzscliwcrt gedeutet worden. Ich vcr- 
Avalirc mich liiegogeu ausdrückHch, ghiube aber auf ganz anderem wege 
zeigen zu können, dass jenes rüetclui in der tat nichts anderes als ein 
dem alten dialekt der dichtersprache entstannnendes dichtorwort für 
sclnvert ist, genau so wie die (jcisd des Alberich (str. 463), was dem 
dichter unseres Nibelungenliedes freilich ganz fremd geworden war (er 
daciite wol an so etwas wie die geiselruoten im Erec 5394 und im 
Iwein 4925). ])eu nachweis, dass ruote, rüdcUu metonymisch für 
Schwert gebraucht wurde, liefert uns ein landsmann des Nibolungen- 
dichters, Neithart: sich mugen xivenc an /i/incr weibelruoten tvol 
vcrsnidcn 50, 3 oder in der strophe 08, 8 fgg.: 
höhe sincncn si ir tveihelruoteii: 
ir icslicher hiute eine riiitel (rüetd) Ircit. 

Diese wunderbare Avaife sichert dem träger einmal dauernden sieg 
über jeden gogner, zum andern aber kraft des an ihr haftenden fluches 
der unterirdischen den tod. Der jeweilige träger ist dem tode verfal- 
len und führte daher den namen Nibelunc. Wenn dies auch bezüglich 
des Sigfrid in unserer Überlieferung problematisch bleibt \ so tritt es 
um so deutlicher bei Hagen hervor, der nach dem tode des Sigfrid das 
verhängnisvolle schwort führt. Daher seine bekannte dämouisierung- 
in der ]3idrekssaga , daher der name ILiiflungr, den sein erbe im nor- 
den gcfüin-t hat. Nibelunge sind nicht diejenigen, die jeweils den hört 
besitzen, sondern diejenigen, die das Nibelungenschwert zur Verfügung 
haben. Die Burgunder haben ja des goldes sich begeben, indem sie 
es in den Rhein versenkten, aber der hört ist ihnen geblieben, das alte 
sclnvert. Das macht sie zu Nibelungen genau ebenso, wie auf die mann- 
schaft des Sigfrid nach diesem der ominöse name übergegangen war. 

So ist der name Nibelunge schliesslich auf die Hunnen gekom- 
men: die söime des Atli sind auf demselben weg zu dem namen Nibe- 
lungen gelaugt (Gu[)rünarhvQt v. 12), wie der söhn des Hqgni. Nach 
der alten sage ist also das seh wert von Hagen auf Attila übergegangen 
entsprechend dem in der alten Überlieferung so energisch hervorgeho- 
benen verlangen des Hunnenkönigs nach dem Nibelungenhort. 

Das ist das seltsamste, dass der name Nibelunge auf Attihi und 
die seinen sich verpflanzt hat. Hier scheint mir ein von den späteren 

1) Doch ist Nibeluiujcs bür(jc str. 682 ein bedeutsamer uaehldang, der ver- 
stärkt wird durch die foniiel vo7i Nibelunge lernt str. 944. 05-. 1602. 

2) Bezüglich des dichterischen typus und der behauptung, Hagen sei von liaus 
aus eine mythische figur, verweise ich auf das in seiner familie traditionelle hofamt 
(Nib. C44 A. B) sowie auf Philologische Studien (Festschr. f. Sievcrs) s. 156 fgg. 



ZUR GESCUICIITE DEK SIGFKIDSAGE 23 

allzu willig preisgegebenes Überbleibsel alter, verkannter beziehuugea 
sich erhalten zu haben. Meiner ansieht nach ist im altertum die niei- 
nung aufgekommen, Attila sei ein Nibelung, sei im besitz des Avun- 
derbaren Nibelungenschwertes gewesen. Diese tradition dürfte den 
anlass gegeben haben, die sage vom Untergang der Burgunder durch 
Attila an das Sigfridmärchen , an das märchen vom Nibeluugenschwert 
und Nibelungenhort anzureihen. 

Die möglichkeit dieser sagenbildung wird man zugestehen, wenn 
man sich der bekannten schwertsage erinnert, als deren beiden uns 
Priscus und Jordanes den AttiUx bezeugen. Bei Jordanes lesen wir 
(183): Attila quam vis huius esset naturae ut semper magna confideret 
addebat ei tamen confidentia gladius Martis inventus sacer apud Scy- 
tharum reges semper habitus quem Priscus istoricus^ tali refert occa- 
sione detectum. Cum pastor, inquiens, quidam gregis unam boculam 
conspiceret claudicantem nee causam tanti vulnoris inveniret sollicitus 
vestigia cruoris insequitur tandemquo venit ad gladium quem depas- 
cens herbas incauta calcaverat effossumque protinus ad Attilam defert. 
quo ille numere gratulatus ut erat magnanimis arbitratur se mundi 
totius principem constitutum et per Martis gladium potestatem 
sibi concessam esse bellorum. 

Ich erinnere daran, dass auch dieses schwert aus dem erdbodeu 
stammt, aus dem reich der unterirdischen. Ich erinnere daran, dass 
nirgends sonst die Attilasage so eng sich berührt mit der Sigfridsage 
und zugleich in einem für das ganze sagengefüge so wesentlichen de- 
mente wie in dem von mir hervorgehobenen schlusssatz, dem ich die 
liedstelle anreihe, wo es vom Nibelungenschwert heisst: 

Der daz hct erlamnet der möhte meister sin 
ivol in al der iccrlde über islichen man. 

Auf dem natürlichsten wege Hess die sage das Nibelungenschwert, 
das mit dem schwert der Attilasage ideutificiert worden war, an den 
Hunneukönig gelangen: sie erfand zu dem behufe das motiv von der 
Werbung des Attila um die wdtwe des Sigfrid. So gaben Griemhild und 
das Nibelungenschwert das motiv ab, in dem Sigfridsage und Burgun- 
dersage sich verketteten. 

1) Vgl. Priscus fragm. 8 (bei Müller s. 91); die sage troffeu wir auch noch, bei 
jüngerea geschichtselireibern , z. b. bei Lambreclit von Horsfeid. 

KIEL. FKIEDKICn KAUFFMANN. 



24 KETTNEK 

DIE EINHEIT DES ALPHAETLIEDES. 

In seinem buche über das Christentum in der altdeutschen heldeu- 
dichtung stimmt Schönbach bei der beurteiUmg des Alphart, trotzdem 
er sonst Martins kritik ablehnt, doch mit ihm darin überein, dass er 
den zweiten teil des epos einem anderen Verfasser als dem des ersten 
zuschreibt, wenn er sich auch beide teile ungefähr gleichzeitig abgefasst 
denkt. Bekanntlich ist der zweite teil vom ersten äusserlich, durch 
eine lücke von 12 bhättern oder mindestens 168 Strophen getrennt. 
Da ich gegen die berechtigung seiner absondenmg schon früher^, fast 
zu gleicher zeit mit Jiriczek^, mich erklärt habe, so hat mich Schön- 
bachs beweisführung zu einer erneuten prüfung des gegenständes ver- 
anlasst, und es mag diese hier in einem etwas weiteren umfang, als 
es die sache unmittelbar erfordert, zugleich zur ergänzung meiner frü- 
heren Untersuchung vorgenommen werden. 

Gehen wir Schönbachs gründe (s. 283— 235) einzeln durch. 

1. I hat auf 305 Strophen 48 religiöse formein, II mit 102 Stro- 
phen sollte nach dem Verhältnis der strophenzahl 24 haben, hat aber 
nur 8. — Diese zahlen scheinen mir nicht ganz richtig. Eine durch- 
sieht der s. 211 — 215 gesammelten stellen ergab mir für t 51, für II 
11. Ich würde aber von den 51 7 abziehen: g 152, 4. i 158, 4. 
226, 3. 168, 1. 173, 1 (vgl. Kl. 108, das Schönbach auch nicht 
angeführt hat). K. 225, 2. 11, 1. Die stellen mit düster, münich 
Ilsam, swarxe kuUen bleiben hierbei ausgeschlossen. Zu den 11 stel- 
len in II muss 311, 4 (d) hinzugefügt werden. Demnach ist das Ver- 
hältnis 44 : 12. Nun gehören religiöse formein vorzugsweise zu direk- 
ter rede und zu ethisch -psychologischem Inhalt. Im vergleich zu 11 
hat aber I fast dreimal so viel stropheu mit direkter rede (II 78, I 212) 
und besteht auch Aveit mehr aus darstellung inneren lebens. 

2. Die grussformeln mit ivis got wükotnen linden sich nicht in 1, 
dagegen dreimal in II. — Sie stehen in II zusammen in str. 398 — 
401, also nur bei ein und derselben haudlung. Gelegenheit dazu ist 
in I nicht vorhanden, da dieser gruss bei freudigem empfang gebraucht 
wird, vgl. Mb. 1123, 2. Dtl. 5819. 5950. 

3. Abschieds-, dank-, die meisten anrufungsformelu, die aus- 
drücke für das vertrauen auf gott, die erwähnungen der seele, des teu- 
feis finden sich nur in I. — Ich wüssto nicht, wo in 11 gelegenheit 

1) Untersuchungen über „Alpbarts tud". MühlhauHoii i. Th. 1891. 

2) Beiträge XVI (1801) s. 115-199. 



DIE EINHEIT ÜES ALPHAKTLIEDES 25 

sein sollte, einen abschied zu erzählen; wenn der abschied von Brei- 
sach nur angedeutet wird (323, 4), so entspricht das seiner bedeutuugs- 
losigkeit. Dank- und anrufungsformeln kommen in II im richtigen 
Verhältnis vor, I 2 : 11 1 uud I 8 : II 4 (5). Dass die seelc und der 
teufel nicht erwähnt wird, ist natürlich bei der durch den stoff beding- 
ten geringeren Individualisierung der kämpfe. 

4. Nur II schildert ausführlich einen empfang, 308 — 310. — 
Dem dichter lag daran das auszeichnende bei diesem empfang hervor- 
zuheben, der berühmten, Aveitgereisten holden zu teil wird; in I ist der 
empfang Heimes bei Dietrich und nachher beim kaiser doch nicht der- 
artig, dass davon gross aufhebens gemacht werden könnte. Und die 
detaillierung bei jenem empfang in II ist noch dazu recht massig, man 
vergleiche damit nur die empfangsscenen im Nibelungenliede, die der 
dichter ja gekannt hat. Die sich daranschliessende erzählung aber von 
der aufstellung des hilfsheeres (314 — 323) ist knapp bis zur undeut- 
lichkeit. 

5. Auch die meisten anderen sachlichen Verschiedenheiten finden 
in der eigentümlichkeit des [gegenständes ihre erklärung. Der sehr 
einfache Inhalt von I, bestehend aus gesprächen, einigen kurzen ritten 
und einigen Zweikämpfen, was alles an einem tage vorgeht, bietet kei- 
nen räum für Schilderungen von dem Charakter der in 324, 1 fg. 336, 3. 
367, 4. 385, 1 fg. 388, 3 fg. 416, 1 lg. 445, 1 fg. enthaltenen. 

6. Bedenken erregen könnte nur, dass das waftenklingen in I drei- 
mal erwähnt wird, in II, wo „die kämpfe einen so viel kleineren räum 
beanspruchen", elfmal vorkommt. Aber die zaiil der eigentlichen kampf- 
strophen ist in beiden teilen etwa gleich, in II eher noch grösser 
(1 45, II 48). Und es ist natürlich, dass bei massenkämpfen , die in 
II einen so breiten räum einnehmen, ausschmückende Schilderungen 
wie die des waffenklingens sich bequem anwenden lassen, während die 
in I ausschliesslich erzählten einzelkämpfe bestimmte Wirkungen, wie 
blut, wunden, fallen verlangen. Ausserdem ist in II an mehreren stel- 
len der Waffenklang, was er in I nicht sein kann, ein die entwicklung 
förderndes moment: der schall ruft neue kämpfer herbei 351. 354. 
440. 449. 

Diese einwände dürfton avoI hinreichen, um Schönbachs gründe 
für eine die gleichheit des Verfassers ausschliessende Unterscheidung 
der beiden teile zu entkräften. 

Doch steht dem schluss auf iiire Zusammengehörigkeit ein gewichtiges 
bedenken entgegen, das Seemüller Anz. XVIII s. 351 geltend gemacht 



26 KETTNER 

hat. Er bemerkt: in I herrscht die Vorstellung, dass es unehrenhaft ist, 
wenn mehrere zugleich einen angreifen; 11 kennt dieses niotiv nicht, da 
es sonst bei Hildobrands ein/.elkampf mit dem beere des Studenfuchs 
notwendig hätte ausgesprochen werden müssen. Demnach wäre also die 
luiuptidee des gedichtes, die in der Verletzung der ritterpflicht sich dar- 
stellende untreue, in 11 vergessen. Aber die sache scheint bei dem kämpf 
Hildebrands gegen die mannen des Studenfuchs doch anders zu liegen als 
bei dem kämpf Alpharts gegen den herzog Wülfing und seine mannen 
oder gegen Heime und Wittich. Hildebrand kämpft anfangs mit zwei 
rittern; das fand, wie der bericht der Saga zeigt, der dicliter in seiner 
quelle. Er hätte es ihr vielleicht ganz objektiv nacherzählen können; 
wenn er aber 351 sagt: ,,da schlugen sie nun beide auf den alten 
mann'', so wird man doch in diesen werten den ton der misbilligung 
nicht überhören können. Als dann das 6000 mann starke beer der 
feinde dazukommt, ist es das naturgemässe für Hildebrand zu fliehen, 
er sieht aber, dass ihm das nichts nützen würde (353, 1. 2), und so 
greift er die feinde an und haut gewaltig auf sie ein. Sollte in dieser 
läge Studenfuchs seinen rittern auch gebieten, nur einzeln mit Hilde- 
brand zu kämpfen, wie es der alte ritter 162 fg. tut? Dass ein angriff 
mehrerer auf einen unter allen umständen verpönt war, würde doch 
allem kriegsb rauch widersprechen Und hier ist ja noch dazu Hilde- 
brand der eigentlich angreifende: dax, ros ivarf er umbe, die vindc 
er an randc mit dient] laftci' haut usw. Ebenso die ihm zu hilfe kom- 
menden vier genossen. Das Verhältnis ist, abgesehen von der Verschie- 
denheit der beweggründe, dasselbe wie 1 179. 190 fg. Hildebrand und 
seine genossen tun, was Alphart gern tun möchte, wenn er glaubt 
zusammen mit Wolfhart, Dietrich und Hildebrand das beer des kaisers 
vertreiben zu können, ja sogar sich schon anschickt allein das lager 
der feinde anzugreifen. 

Die Widersprüche, die sonst zwischen I und 11 bestehen, sind uner- 
heblich und, da auch innerhalb jedes der beiden teile Widersprüche 
vorkommen, ohne zwingende beweiskraft. 

Wenn sich also das, was bisher gegen die Zusammengehörigkeit 
der beiden teile vorgebracht ist, nicht halten lässt, so fragt es sich nun 
weiter, ob sich nicht auch positive beweise für dieselbe erbringen las- 
sen. Eine weitere frage wird dann sein, wie man diese, die doch 
sehr verschiedener art sein kann, aufzufassen hat. 

1. Betrachtet man den sagenstoff im einzelnen, so sieht man, wie 
in den verschiedensten abschnitten beider teile in namen und anspie- 



DIE EINUiaX DES ALPHAKTLIEDES 27 

langen der dichter von ereignissen und umständen der Dietrichssage, 
die grösstenteils sonst nicht überliefert sind, eigenartige kenntnisso ver- 
rät. Vgl. hierzu Grimm, DHS.^ s. 260 — 268. 

r^ (1 — 86). Dietrichs helden werden hier am vollständigsten 
angegeben. Yon den 10 im Nibelungenliede vorkommenden nennt der 
Alphart 8: Hildebrand, Wolfhart, Wolfwin, Sigestab, Helfrich, Gerbart, 
{Gcrhart)^ Ritschart {Rychart)^ Helmnot. Es fehlen Wolfbrand und 
AVikhart. Dafür hat der Alphart, gemeinsam mit dem Biterolf, noch 
Wiknant, Sigeher und Wikher, von denen der erste auch in der Klage 
begegnet. Dazu treten noch 26 andere helden, als mannen Dietrichs 
grösstenteils dem Alphart ganz eigentümlich. Von diesen 37 beiden 
werden freilich nur sehr wenige, die meisten in H, zur handlung ver- 
Avendet. — Über Heimes und Wittichs frühere geschichte zeigt sich 
der dichter unterrichtet 7 — 11. 25 — 33. 42. 

In I'' (87 — 305) kommen mehrere sonst nicht bekannte helden 
Ermenriciis vor, darunter verwandte Dietrichs, die Wültinge und ein 
herzog Wüliing. Auch in diesem teile lässt der dichter noch weiteres 
wissen über Heimes und AVittichs Vergangenheit durchblicken 215 — 
220. 206. 207. 251 — 253. 260—261. 

II gibt ßreisach als sitz Eckeharts an: das lässt schliessen auf 
kenntnisse des dichters von den Harlungen, deren heimat Breisach und 
deren pfloger Eckehart (Eckewart) ist (DHS. s. 42. 158). Auf ein frü- 
heres feindseliges Verhältnis zwischen Dietrich und Eckehart wird hin- 
gedeutet 314. 401. Der dichter weiss auch etwas von einer feindschaft 
zwischen Dietrich und Ilsam, der in Garten Dietrichs öheim erschlagen 
hat 402 — 409. Und zwar wird auf dieses angespielt in derselben 
andeutenden weise wie in I" und 1'' auf die Vergangenheit Heimes 
und Wittichs. Nere ist Hildebrands bruder. Das schwort Hildebrands 
hat den sonst nicht nachgewiesenen namen Brinnig 350, Eckeharts 
Schwert heisst Gleste 380; ausserdem werden erwähnt Mhnmnnijcs ecke 
450, 4, Nagclriiiges ecke 450, 1 wie 272, 3, AVittichs heim Limme 
449, Dietrichs heim wie in I'' Hildengrin 431. 

Spricht sich schon in dieser gleichmässigkeit sagengeschichtlicher 
kenntnisse^ die gleiche dichterische Individualität aus, so noch mehr 
in den folgenden zügen. 

2. Nationalbewusstsein des dichters. I 79 hebt er mitten zwischen 
den lobsprüchen, durch die er Nudung vor allen holden Dietrichs aus- 
zeichnet, hervor: er ivas üz diutschcin lande ein herzöge hoch gcborn. 

1) Vgl. hierzu auijli Philologische stildien, festsclirift für E. Sievers s. 169. 



28 KETTNER 

Ebenso rühmt II 426 Waltlier, als er sich zum vorstreit erbietet, von 
sich selbst: ie}(- tuon C7o ivol mit ere?i, ich bin gchoni ü% Diutschlant. 
Änsseriingeii , wie man sie bei mittelhochdeutschen epikern nur selten 
findet. 

3. Ironie in der dramatisch lebendigen v^ideraufnahme des von 
einem anderen gesprocheiicn prägnanten wertes, mit einem gleichen 
oder synonymen ausdruck — eine art des humors, die zwar auch bei 
anderen dichtem begegnet, aber doch bei jedem cinzehien als ein cha- 
rakteristisches mcrkmal anzusehen ist. 

I 35, 4 ^^durcJi aller vrouwen ere geruochet mir geleite geben. " 
3G, l ,,Ilabe vride vor mir selben''^ sprach her Dietrich, 
^^und vor anders nicmen, daz ivixxe sicherlich. '■'' 
II 40() „/Jcs tvil ich in km geniexen'-'' , sprach her Dietrich, 
cineih staeten vride, daz ivizxent sicherlich, 
sol er hän gei?i Brisach wider an den Rin.^'- 
407, 2 ^.^vride and geleite ivel tvir im selbe geben.'''' — 
wobei auch die formale und sachliche ähnlichkeit zu beachten ist. Die- 
sen stellen noch verwandt ist 

II 396, 4 „?/y<cZ sulen herbergc enjjhähen dem heiser üf disem pldn.'''- 
397, 1 „Z^/e s?ilt ir cnphähen noch hiiit von miner hant.''^ 
Vgl. auch noch 

I 147, 1. 4 Do sprach der herxoge: ^^sagt, herre, wer ir sit. 

daz weslc ich harte gerne, ward ez mir kiint von in 
getän.^'' 
148, 2 „?7' sidt ivixzen, herre, deich imver vient biu.^'' 
Ironischer gebrauch desselben wertes (vgl. II 397, 1): 

I 233, 3 wir sullen üf der hcide teilen den sott nril strit. 
II 346, 3 ivir snln den soll teilen tlf der heide ivit. 
Naiv -persönliche anschanung bei dem gleichen gegenständ: 

I 234, 2 hin so lief Schemminc und ax, daz grilene gras. 

er aht den val gar deine, den sin herre hete getan. 

II 445 Älrerste wart erzürnet Roschlin daz ros guot. 

tvie raste ez vor Eckarten beiz unde sluoc! 
Zu vergleichen damit ist das persönliche wesen, das dem schwort bei- 
gelegt wird 78. 

4. Traditionelle motive und Wendungen in eigentümlicher form 
und Verbindung. 

Angebot und annähme von hilfe: 
I 84 — 86, 2 Dietrichs bitte um hilfe. 



DIE EINHEIT DES aLPIURTLIEDES 29 

I 86, 4 ivir wellen ht iii, herre, ivdgen lip unde leben. 

87 Dank. 
II 320, 3 Hildebrands bitte um hilfe. 

320, 4 ivir ivcht ht dem von Berne u'ägen llp unde leben. 
321 Dank. 
Einleitung des kampfes Alpharts mit Wülfing und Hildebrands mit den 
zwei rittern Ermenrichs: 

I 144, 3 gegen in sfcqjhte er schöne, sl vrägte Alphart, 

wer des heres meister waere oder houptinan uf der wart. 
145 Do sprach der herxoge cäsu verniexxentlich: 

da hat uns üz gesendet der heiser Ermenrich, 
daz wir xe schaden bringen den edelen vogl von Bern. 
II 339, 1 Gegen in reit er verre, der degen unverxeit. 

3 dö vrägte si der maere der aide Hildebrant, 

von ivannen si waeren od iver si hacte iiz gesant. 
340 Do spräclten da die zivene also vermexxoitlich : 
da hat luis üx gesendet der heiser Ermenrich, 

4 dax wir die von Brisach gein Berne niht sulen km. 
Das feldzeichen: 

I 54, 3 under einem banier riche von gokle unmäxen breit 

ahxic helde hilene mit dem herxogen Wülfinc reit. 
143, 3 ahxic hekle hilene im engegoie reit 

under einem banier grüene, icas mit gokle durchleit. 
II 425, 1 Akt schare riche wurden dö bereit 

under einem banier grüene, tvas von gokle breit. 
Die von mir Unters, s. 42 aus Wolfd. D u. a. hierzu angegebenen 
parallelen sind kürzer und von schwäclierer älmlicbkeit. 

Hildebrand gibt sich für einen diener des kaisers aus, um freunde 
oder feinde zu täusclien, I 121 fg. II 342 fg. 389 fg. 

Das verbergen des Schildzeichens, um nicht erkannt zu werden, 
I 94 fg. II 389 fg. 396. 

Dietrich wird erkannt an Hildengrins glänz: 
I 194 Den ich vil ivol erhenne, den liehten Hildengrin, 
der gap da xe vekle heinen liehten schtn. 

II 431 Der edel vogt von Berme tete sin eilen schtn. 

sivä er reit in dem stürme, da vermelte in Hilde?igrtn. 
Eine eigentümliclie Übergangsform : 
I 189 Das lager des kaisers wird zusammengerückt: 
190 Als Alpliart xesamne dax her da rüchen sach, 
er beguiule lachen, nü hoeret wie er sprach. 



30 KETTNER 

II 413 Das hoer des kaisers lagert sich: 

414 Also Wolf hart der Miene die üf dem velde ersach, 
üx trürecUchem muote nü hoeret wie er sprach. 

419 Dietrichs licer stellt sich ymy sciila(;lit auf: 

420 AU Sihcchc der iingctrimre daz hauicr ersach, 
er jagte vür den keiscr, ml hoeret ivic er sprach. 

Vgl. auch 3()(), 3. 4. 

5. Andere parallelen, mit woglassung der auch sonst in der 
volksepik vorkommenden Wendungen, so weit diese nicht im Alphart 
grössere ähnlichkeit unter einander zeigen. 312, 4. 314, 3. 4 = 70, 
3. 4. — 315, 1. 2. 320, 4 = 48, 1. 2. 60, 1. 2. 86, 3. 4. — 328 
= 201, 4 bis 202, 2. — 335, 1. 353, 1 = 155, 3. 251, 3. — 
339, 2 = 95, 3. 100, 1. 150, 1. — 339, 3. 4 = 214, 3. 4. — 342, 
3. 4 = 149, 3. 4. 32, 1. — 343, 1. 2 = 41, 1. 2. 133, 1. 2. — 
344, 1 = 125, 1. — 345, 4. 348, 1. 2 = 130, 3. 4. 235, 4. — 
346, 3. 4 = 233, 3. 4. — 349, 3 = 303, 3. — 350, 4 = 26S, 4. — 
352, 4. 370, 4 = 282, 4. 24, 4. — 361, 4 = 171, 2. — 371, 1 = 
273, 1. — 371, 3. 4. 433, 2. 434, 3 = 167, 3. 4. — 382, 3 = 
170, 3. — 393, 3 = 78, 4. — 426, 1. 2. 427, 1. 2. 387, 3. 4 = 
110, 1. 2. 222, 4. — 431, 4 = 299, 4. — 439, 1 = 268, 1. 284, 1. - 
451, 3. 4. 392, 1. 2. 414, 1. 2 = 182, 1. 2. 

6. Einfluss des Nibelungenliedes zeigt sich gleichmässig in I wie 
in IL 

I. 32, 4 = N 1930, 4. — 88, 1. 2 = N 783, 1. 2 A. — 160, 1. 2 
= N 1979, 1. 2. — 167, 4 = N 2194, 4. — 214, 3. 4. 282, 1. 2 = 
N 2253, 1. 2 AB. — 241, 3. 4 == N 1986, 4 AB (1984 fg.). ^ 251, 3 
bis 252, 3 = N 2086, 1. 3. 2088, 1. 2. — 281, 1 = N 117, 4 AB. 

IL 321, L 2 = N 434, 1. 2. — 331, 1 =- N 1533, 1. — 371, 1. 2 
= N 2223, 4 AB. — 371, 4 = N 2149, 4. — 373, 3. 4 = N 1924, 
3. 4, — 404, 4 = N 2027, 4 AB. — 435, 4 = N 1939, 1. 2. — 449, 4 
= N 1941, 1. — 4G7, 4 = N 2316, 4 AB. 

Der dem dichter bekannte Nibelungentext war nicht C, sondern 
entweder B oder, was Avahrscheinlicher, A. 

Wollte man gegenüber solchen übereinstimmenden eigentümlich - 
keiten der beiden teile doch die einheit des gedichtes leugnen, so 
müsste man mindestens zugeben, dass entweder beide teile von einem 
dichter bearbeitet sind, oder dass der Verfasser der fortsetzung zugleich 
der bearbeiter des eigentlichen Alphart ist. Mir scheint weder die eine 
noch die andere lösung annehmbar, vielmehr eine ursprüngliche einheit 
vorausgesetzt werden zu müssen. 



DIE EINHEIT DES ALPHARTLIEDES 31 

Es ist schon widerholt darauf hingewiesen, dass nicht bloss das 
erste stück, das die send iiiig Heimes behandelt, sondern auch der letzte 
teil, der die grosse schlacht erzählt, auf echter sagenüberlieferung beruht, 
und dass dem dichter eine quelle vorgelegen hat, mit der unter den 
verwandten Überlieferungen die Thidrekssaga am meisten ähnlichkeit 
zeigt, worüber man am besten aus den Zusammenstellungen bei Jiriczek 
s. 193 fg. sich unterrichten kann. II ist aber auch immer mit I" ver- 
bunden gewesen; denn die innere logik des Stoffes verlangt geradezu 
eine fortsetzung dieser art. Das gedieht beginnt mit der ankündiguug 
Ermenrichs, Dietrich solle, wenn er sich nicht unterwerfe, vertrieben 
werden. Ermenrich liegt mit einem beere vor Bern, bereit zur schlacht. 
Was wurde denn nun daraus nach Alpharts tod? Entweder Dietrich 
wurde vertrieben und floh zu den Hunnen. Oder er blieb in Bern, 
und Ermenrich wurde geschlagen und zog al). Das eine oder das 
andere musste erzählt werden. Und auf einen schluss, wie ihn unser 
gedieht enthält, war der hörer oder leser bereits hingewiesen 176, 4, 
wo es von Heime und Wittich heisst, des muostens rümen diu lant. 
Dieser schluss konnte um so weniger wegbleiben, als nach der bekann- 
testen form der sage nicht Heime und Wittich, sondern Dietrich das 
land räumen müsste. 

So kommen wir also zu dem ergebnis, dass die beiden teile des 
Alphart von anfang an eine einheit bildeten, und dass, was dem zu 
widersprechen scheint, interpolatoren oder einem erweiternden bearbei- 
ter zuzuschreiben ist. 

Der erste teil des Alphart macht am wenigsten den eindiuck der 
cinheitlichkeit. Er zeigt so viel Weitläufigkeiten, abschweifnngen, wider- 
holungen, selbst Widersprüche, dass die Vermutung von Interpolationen 
oder eindichtungen und die anwendung einer kritik, wie sie Martin 
geübt hat, sehr nahe gelegt ist. Allerdings lässt sich vieles davon aus 
der technik der jüngeren volksepen, aus der weise des mündlichen Vor- 
trags sowie aus einer in der beschaffenheit des stoffs liegenden Schwie- 
rigkeit für die darstellung herleiten, aber die kritischen bedenken sind 
damit noch nicht beseitigt. Eine beantwortung der frage, wie man 
trotz der unleugbaren Störungen und auswüchse in der erzählung die 
dichtung doch als ein einheitliches ganzes zu begreifen und zu erklären 
vermag, ist daher nicht abzuweisen, so wenig dabei auch auf ein 
unanfechtbares ergebnis zu rechnen sein dürfte. 

Zunächst wird man, um zu unterscheiden, was in der dichtung 
älterer und jüngerer bestand ist, angewiesen sein auf ihren vergleich 
mit verwandten Überlieferungen. 



32 KETTNER 

Alphart wild im Biterolf noch niclit, sondern erst in der jüngeren 
volksepik erwälmt. Aber in der Fhiclit und der Rabcnschlacht erscheint 
er nicht als verwandter Hildebrands und hat mit unserem Alphart, 
abgesehen davon, dass auch er von Dietiüch sehr geschätzt wird, nicht 
viel mehr gemein, als dass ei' in der Rabenschlacht fällt. Der Rosen- 
garten A weiss noch nichts von ihm, erst in D und anderen jüngeren 
redaktionen wird unser Alphart zuweilen genannt, aber nach der Ver- 
mutung des herausgebors der Rosengärten infolge einer bekanntschaft 
mit unserm gedieht i. 

Lässt man nun die Alphartgeschichte, von der neben unserem 
gedichte eine selbständige Überlieferung nicht vorhanden ist, unberück- 
sichtigt, so ist der inhalt des gedichtes in seinen hauptzügen folgender. 

Sibich hat dem kaiser Ermenrich den rat gegeben, seinen vetter 
(neffen) Dietrich, „der sich wider das reich setze", aus seinem lande 
zu vertreiben, es sei denn, dass dieser von ihm Bern zu leben nehme. 
Ermenrich zieht in die nähe von Bern und beauftragt Heime die kriegs- 
ansage an Dietrich zu überbringen. Heime, des früheren treuverhäit- 
nisses zu Dietrich eingedenk, weigert sich zuerst diesen dienst zu tun. 
Erst als der kaiser zornig wird, gehorcht er. Er richtet seinen auftrag 
aus und rät Dietrich sich aufs beste zu rüsten, da Ermenrich 80000 
manu herbeigeführt habe. Dabei wird treue gegen den früheren herrn 
und treue gegen den jetzigen gegeneinander abgewogen, die spätere 
treue gibt den ausschlag. Doch bewilligt ihm Dietrich auf seine 
bitte schütz für den rückweg, worauf Heime in reuigem sinne ver- 
spricht, er und Wittich wollten mit Dietrich nicht persönlich kämpfen 
und er wolle auch sein fürsprech sein. Nachdem er sein geleite zu- 
rückgeschickt hat, begegnet er dem kaiser, berichtet ihm die annähme 
der kriegsansage und warnt ihn vor dem kämpf. Im lager widerholt 
er vor dos kaisers recken das gesagte vollständiger und nachdrücklicher. 
Er bedauert Dietrich, tadelt die feindseligkeit Ermenrichs gegen seines 
bruders kind und hebt die gefahr des kampfes hervor, den Ermenrich 
nimmer verwinden werde: und wenn es alle menschen ihm rieten, er 
solle ihnen nicht folgen. Trotzig weist Ermenrich Heimes klage und 
Warnung ab. Dietrich aber ist inzwischen in den saal gegangen zu 
seinen recken, er sagt ihnen, wie Ermenrich, durch des ungetreuen 
Sibich rat bewogen, ihn vertreiben wolle, und bittet um ihre hilfe. 
Alle wollen ihm getreulich beistehen. 1, 4 — 87, 2 ohne 52 — 56. 

Hildebrand wird ausgesendet, fremde hilfe zu holen. Er kommt 
nach Breisach zu Eckehart. Dieser sagt ihm beistand zu, ebenso 

1) Holz, Die gedichte vom Rosengarteu zu AVorms .s. CX. 



DIE EINHEIT DES ALPHAETLIEDES 33 

Nitger, dessen mannen jedoch dem kaiser dienen, "Walther von Ker- 
lingen, der auch dem kaiser verpflichtet ist, der mönch Ilsam und Hug 
von Dänemark. Hildebrand als bann erträger führt die schar. Als sie 
sich dem lager Studenfuchsens nähern, übernimmt er für die nacht 
die schikhvacht und reitet allein auf kundschaft aus. Er trifft auf zwei 
feinde und gibt sich ihnen als Söldner des kaisers aus. Sie aber erken- 
nen ihn und greifen ihn zusammen an. Studenfuchs kommt mit 6000 
dazu, Hildebrand kämpft gegen diese anfangs allein, erhält aber bald 
hilfe von seinen 4 (5) genossen, dann vom ganzen beere, nachdem 
auch Studenfuchsens bruder mit noch 6000 rittern sich eingemischt hat. 
Studenfuchs wird völlig geschlagen und entflieht mit 12 mannen. Hil- 
debrand zieht nun mit der schar seiner freunde nach Bern. Studen- 
fuchs ist inzwischen zu Ermenrich gekommen, und Sibich fordert sei- 
nen herrn auf, nach Bern aufzubrechen, um Dietrichs freunde nicht in 
die Stadt einziehen zu lassen. So kommt es vor Bern zur schlacht. 
Dietrichs ritter und die bürger von Bern, zusammen 30000, rücken 
aus der Stadt, Xudung lässt sich die fahne geben. Wittich und Heime 
wollen dem kaiser und Sibich zur seite kämpfen, Rienolt von Mailand 
wird hauptmeister und führt die sturmfahne. Im kämpf dringt Ecke- 
hart auf Sibich ein. Dieser entflieht vor ihm nach Raben, es fliehen 
dorthin auch Wittich, Heime und Ermenrich. Als Rienolt dies sieht, 
flieht er ebenfalls. 30000 entkommen, 50000 sind tot. Die von Berne 
verfolgen die flieiienden wol eine raste weit. Dieti'ich klagt über die 
2000, die er von den seinen verloren hat. Seine freunde werden in 
geziemender weise belohnt, bewirtet und verabschiedet. 306 — 467. 

Damit ist zunächst der bericht der Thidrekssaga zu vergleichen. 
Sifka reizt könig Erminrek gegen dessen blutsfreuud Thidrek, der sein 
reich bedrohe und die schuldige Schätzung von Amiungenland nicht 
zahle. Er rät ihm, durch den ritter Reinald den zins fordern zu las- 
sen. Reinald wird abgesandt, aber Thidrek weist ihn ab. Die ab Wei- 
sung ist für Sifka der beweis, dass Thidrek sich Erminrek gleichstellen 
wolle; und dieser gelobt, ehe Thidrek das durchsetze, solle er hangen. 
Heimir warnt ihn vor der schände, wenn er so viele seiner blutsfreunde 
und verwandten verderbe; ebenso Widga. Schleunig reitet Widga nach 
Bern, kommt um mitteruacht hier an und verlangt von den wacht- 
männern eingelassen zu werden. Darauf verkündet er Thidrek den 
heranzug Erminreks. Nun beruft Thidrek alle seine häuptlinge, rat- 
geber und ritter in seine halle, berichtet, was Widga gemeldet, und 
rät ihnen vor Erminreks Übermacht zu fliehen. Auch Hildibrand stimmt 
dem bei. Heimir kommt dazu mit der nachricht, Erminrek nahe Bern 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXXI. ^ 



34 KETTNER 

mit 5000 rittern und vielen anderen männern. Thidrek hat nur 800. 
Er klagt über den schimpf der flucht und schwört, Erminrek solle von 
ihnen mehr schaden als gewinn haben. Die Amlungen ziehen hinweg. 
Heimir kehrt zu Erminrek zurück, wirft ihm das böse vor, das er an 
seinen blutsfreunden getan, und schmäht Sifka wegen seines verrats. 
Als Erminrek ihn deshalb strafen will, flieht er mit hilfe Widgas. 
C. 284 — 288. 

Thidrek hat bei Attila aufnähme gefunden. Nachdem er zwanzig 
jähre bei ihm verweilt, erhält er durch Verwendung der königin Erka 
ein grosses beer, das Rodingeir und Attilas söhne, die sein bruder 
Thether begleitet, anführen. Thidrek lässt Erminrek den krieg ansagen 
und Gronsport als schlachtort bestimmen. Als beide beere hier lagern, 
reitet Hildibrand als Avachtmann allein in der nacht aus. Dabei trifft 
er Reinald, und beide begrüssen sich als freunde. Während sie zu- 
sammen reiten, greifen fünf wachtmänner Erminreks sie an. Reinald 
gibt Hildibrand für seinen mann aus, aber jene erkennen ihn und 
hauen auf ilm ein. Einer von ihnen Avird von Hildibrand erschlagen 
worauf Reinald Aveiteren kämpf verhindert. Nachdem sie dann beide 
den schlachtplan verabredet, scheiden sie von einander. Sifka, der von 
Hildibrands ritt hört, Avill ihm mit seinen mannen nachsetzen, aber 
Reinald Avill nicht zugeben, dass sie mit ihm, dem allein reitenden 
kämpfen. Am morgen rüsten Thidrek und Sifka; jedes beer Avird in 
drei scharen geordnet, auf der einen seite sind die führer Sifka, bei 
dem Waltari von Wasgastein das banner Erminreks trägt, ferner Widga 
und Reinald; auf der anderen seite Thidrek, dessen banner Hildibrand 
trägt, Rodingeir, Theter mit seinem bannerträger Naudung und den 
beiden söhnen Attilas, Erp und Ortwin. Thidrek greift mit seiner 
schaar Sifka an, der fall des bannerträgers Waltari bestimmt Sifka zu 
fliehen. Thidrek und seine mannen verfolgen die flüchtigen, bis der 
grösste teil von ihnen erschlagen ist. — Widga erschlägt Naudung und 
Erp, auch Ortvin fällt, zuletzt noch Theter in einem kämpf, zu dem 
er Widga gezAA-ungen hat. — Nachdem Reinaids bannerti'äger gefallen 
ist, fliehen die (Erminrek dienenden) Amlunge, Und als Reinald seine 
ganze schaar fliehen sieht, flieht auch er. Thidrek verfolgt zuletzt noch 
Widga, der sieb vor ihm rettet, indem er in die see springt. Thidrek 
beklagt den tod seines bruders und der söhne Attilas und Avill nicht 
Avider in das Hunnenland zurückkehren. C. 317 — 3.37. 

Aus der deutschen heldensage steht jenen teilen des Alphart 
(P. II) am nächsten das epos von Dietrichs flucht. Diese dichtung, in 
der der ursprüngliche stoff in die breite gezogen, verdoppelt und ver- 



riE EIXHKIT DES ALPHARTLIEDES 35 

clreifacht ist, erzählt von drei kriegen und niederlagen Ermenrichs, der 
erste kämpf entspi-icht dem im Alphartliede berichteten. 

Als Ermeurich die Harlunge hat töten lassen, rät ihm Sibich (und 
Ribstein), Dietrich unter dem verwände, dass dieser während seiner 
ab Wesenheit sein land verwalten solle, zu sich zu entbieten; wenn er 
komme, ihn zu töten; wenn er nicht komme, ihn zu überfallen und 
zu vertreiben. Zum boten wird Randolt bestellt, der, von Sibich in 
den verräterischen plan eingeweiht, traurig nach Bern reitet, Dietrich 
vor der reise warnt und ihm rät, für die Verteidigung seines landes 
zu sorgen. Als Erraenrich hört, dass Dietrich nicht kommen wird, 
rüstet er ein gewaltiges beer gegen ihn und beginnt seine länder zu 
verwüsten. Ton Raben wird Volknant an Dietrich geschickt, um ihm 
davon künde zu bringen. Vor tagesanbruch kommt Yolknant vor Bern 
an und macht das geschehene durch ausrufen vor der mauer bekannt; 
nachdem er in die stadt eingelassen ist, bittet er Dietrich, den bedräng- 
ten schleunigst zu helfen, über 80000 mann habe Ermenrich bei sich. 
Hildebrand vertröstet seinen herrn auf nahe hilfe. Da kommen 2000 
seiner mannen, angeführt von Helmschart, Wolfhart, Alphart und 
anderen. Dietrichs beer rückt am abend in die nähe von Ermenrichs 
lager, in der nacht erspäht Hildebrand mit noch drei anderen beiden 
eine schwache stelle, und noch durch eine zweite kundschaft über die 
Sorglosigkeit der feinde unterrichtet, greift Dietrich gegen morgen das 
beer an. Rienolt wirft sich mit 400 mann den stürmenden entgegen, 
wird aber von Wolfhart besiegt und erschlagen, dann muss auch Heime 
mit 500 mann weichen, furchtbar morden die Berner, und es flieht 
schliesslich das ganze beer Emienrichs. 2565 — 3557. — Der zweite 
krieg, den nach Dietrichs rückkehr aus dem Hunnenlande Ermenrich 
unternimmt, verläuft in ganz ähnlichen ereignissen: Yolknants Sen- 
dung nach Bern, eintreffen der mannen Dietrichs, dann des Hunnen- 
heeres, auskundschaftung des feindlichen lagers, nächtlicher Überfall, 
furchtbarer kämpf, eingreifen einzelner beiden Ermenrichs mit ihren 
scharen, endlich flucht Ermenrichs nach Raben, rückkehr Dietrichs 
ins Hunnenland. Auch der bericht des dritten krieges ist im wesent- 
lichen eine mit starker Übertreibung und willkürlicher personenhäufung 
ausgeführte widerholung, in der nur der tod einiger namhafter beiden 
einen fortschritt in der entwicklung bedeutet. 

Die übereinstimmenden züge in den drei Überlieferungen sind 
leicht wahrzunehmen. In der Flucht, wo die namen der holden mit 
grosser eklektischer willkür und nicht selten in widersprechender weise 
gebraucht werden, sind Randolt und Volknant an stelle Heimes und 



36 KETTNEB 

Widgas die boten, die Dietrich warnen, im besonderen zeigt die 
erzähliing von Volknants ankunft vor Bern ähulichkeit mit der ent- 
sprechenden der Saga. Was Alphart betrifft, so könnte man hervor- 
heben, dass er einmal (6323 fg.) mit erfolg auf kundschaft ausreitet. 
Er fällt von Bitrungs band 9519 fg., doch 9700 wird er unter den von 
Reinher er.schlagenen beiden genannt. Auch den umstand, dass Rib- 
stein von Eckehart erschlagen wird, hat man in beziehung gesetzt zu 
der flucht Sibichs vor Eckehart (A. 446). 

Der vergleich dieser drei verwandten berichte lässt zunäclit kei- 
nen anderen schluss zu als den: nicht der kern des gedichtes, die 
geschichte von Alpharts kämpf und tod, ist sagengemäss, sondern nur 
die einleitung und die fortsetzung dazu. Für die echtheit der Über- 
lieferung in diesen beiden stücken zeugt in bezug auf einzelheiten 
besonders die Saga, für die unmittelbare Zusammengehörigkeit der ein- 
leitung und der fortsetzung zeugt die Flucht, in der die handlung von 
Sibichs rat an bis zu Dietrichs erstem sieg über Ermenrich in gleicher 
folge wie die handlung in Alphart I". II sich entwickelt. 

Der Alphart sowol wie die Flucht zeigen eine jüngere sagenaus- 
bildung, die bestimmt ist durch die tendenz den rühm Dietrichs zu 
erhöhen. Die Flucht lässt den beiden gegen Ermenrich immer siegreich 
bleiben und macht sein entweichen ins Hunnenland zu einer folge von 
einem ganz zufälligen missgeschick und von seinem edelmut. Der Alp- 
hart weiss überhaupt von keiner flucht, auch nicht in einer andeutung 
wird eine solche berührt. 

So gehört denn auch die eigentliche Alphartgeschichte der jün- 
geren Sagenentwicklung an. Sie kann nichts anderes sein als ein nach- 
klang dessen, was gesungen wurde von dem tod der Helchensöhno 
imd Diethers durch AVittich ; wie ja auch Wittich der eigentliche mür- , 
der Alpharts ist. Dass das die ursprüngliche Überlieferung ist, beweist 
vor allem die Saga. Und zwar ist diese hier nicht bloss an sich wie 
so oft die höhere autorität gegenüber den mittelhochdeutschen Dietrichs- 
epen, sondern sie wird noch gestützt durch die angaben des Nibelungen- 
liedes und der Klage. Auch nach N. 1637 ist wie in der Saga Nudung, 
der genösse jener jungen beiden, durch Wittich erschlagen worden; 
nach Kl. 993 fg. ist Etzel dem (von der verunglückten Rabenschlacht — 
so meinte wol der dichter) zurückkehrenden Dietrich todfeind wegen 
der schuld, die er an ihm begangen hat. Wir werden also den berichl, 
der Flucht über Alpharts tod als den älteren gegenüber dem in unsornn 
epos ansehen müssen. Und zwar den bericht 9519 — 9559, der iln 
durch Bitrung fallen lässt. Der tod Alpharts durch Reinher 9700 win 



nur in einer holdenaufzälilung erwähnt, die den eindruck einer Avill- 
kürliclien erweiterimg- der vorläge macht. Yerdächtig ist schon die 
iingenauigkeit, dass der dichter 8 personon zählt, während er 9 nennt, 
mehr noch der umstand, dass eine ähnhche aufzählung von 8 heklen 
8307 fg. steht und hier wie dort 3 verse, in denen Alphart vorkommt, 
fast wörtlich sich gleichen: 9699 — 9701 = 8309 — 8311. 

Die entstehung des Alphartliedes hat man sich demnach so zu 
denken. Ein dichter, bestrebt Dietrichs heldentum von dem flecken 
der flucht und des elends zu reinigen, verarbeitete zu einem epos die 
erzählung von dem angriff' Ermenrichs und seiner niederlage in der 
Kabenschlacht, mit weglassung aller beziehungen Dietrichs zu den Hun- 
nen. Das rührende motiv von dem tode der jungen heklen behielt er 
bei, indem er es mit Verwendung des ebenfalls in der Rabenschlacht 
gefallenen heklen Alphart umgestaltete und zugleich auf Heime aus- 
dehnte. 

Damit sind nun freilich die Unebenheiten und Weitschweifigkeiten 
im ersten teile noch nicht erklärt. Wir müssen dazu noch einen schritt 
weiter tun. Dass der Alphart in der oben geschilderten weise erst 
1250 — 1260, eine zeit auf die uns sein stil und andere eigentümlich- 
keiten führen, entstanden sein soll, wird man von vornherein abwei- 
sen. Eine ältere und einfachere gestalt des gedichtes vorauszusetzen, 
namentlich soweit es sich um den ersten teil handelt, dazu ist wol 
bisher fast jeder, der sich näher damit beschäftigt hat, geführt worden. 
Aber dass irgend ein spielmann in planlos gehäuften interpolationen 
die kunst des versemachens daran geübt haben sollte, ist wenig glaub- 
haft. Der nachweis von interpolationen wird erst einleuchtend, wenn 
mit der negativen kritik sich eine positive verbindet, wenn für die 
erweiterungen eine vernünftige absieht nachgewiesen werden kann. 

Die erste stelle im Alphart, die durchaus den eindruck des unech- 
ten macht, sind die Strophen 13 — 16. Mit einer betrachtung über 
Wittichs und Heimes untreue an Alphart unterbrechen sie jäh das 
gespräch Dietrichs und Heimes. Allerdings nimmt dieses hier eine 
Wendung. Hatte str. 7 — 12 Heimes Verhältnis zu Dietrich behandelt, so 
verweilt str. 17 — 24 bei seinem Verhältnis zu Ermenrich. Aber dieser 
umstand würde eine solche abschweifung nicht rechtfertigen. Der dich- 
ter muss hier das bedürfnis empfunden haben, nachdem er bisher nur 
von Ermenrich, Sibich, Heime und Dietrich gesprochen, jetzt auf den 
haupthelden und das hauptthema seiner dichtung hinzuweisen. 

Die nächste stelle, die die untreue Wittichs und Heimes hervor- 
kehrt, wol auch mit dem gedanken an Alpharts tod, ist 41, eine sicher 
eingeschobene Strophe (vgl. auch Jiriczek s. 174 fg.). 



38 KETTNER 

In unmittelbarer be/iehung zu Alpharts heldentaten steht sodann 
das in 52 — 55 über die aussenduug Wülfings und seiner mannen 
erzählte. Die stelle gehört zu dem abschnitt 45 — 56, 2, in dem um- 
stände angegeben sind, die gleich darauf noch einmal vorkommen: 

1) Heime findet 80 000 mann bei dem kaiser gelagert 45, 4, 57, 2. 

2) Er verabschiedet Amelolt und Nere 47 fg. 56, 4. 3) Er erstattet 
zweimal bericht, zuerst vor dem kaiser allein 50. 51, dann vor ihm 
und seinem beer 58 — 67. Der abschnitt ist in eigentümlicher weise 
von seiner Umgebung abgegrenzt. Er beginnt: Heime also von Berne 
»lit der hoteschaft schiet, als uns saget cUx. diutsche huoch und ist 
ein altex liet^ und schliesst: nit hebe ivir %e Berne daz guot liet wider 
an, . . . wie ez an dem buoehe hie stet geschriben^ ivaz gröxer un- 
triutve an dem Berner ivart getrieben. 56, 3 also der hell Heime korii 
ein mite von der stat greift zurück auf 44, 3 Heime schiet von dan- 
nen vilr den keiser rieh, und dieses zurückgreifen wird 55, 3 deutlich 
angekündigt: nü hebe wir xe Berne daz guot liet usw. Der Inhalt 
des abschnittes und die form seiner einfügung berechtigen ihn als einen 
Zusatz anzusehen. Sein zweck aber ist kein anderer als die aussen- 
dung der kaiserlichen wachtmänner zu motivieren und die haupttat 
Alpharts vorzubereiten. 

Erwähnt wird Alphart nach str. 15 wider 76, 3 inmitten des Ver- 
zeichnisses der beiden Dietrichs 72 — 80. Der anfang Bo gie der vogt 
von Berne vilr sin recken in den scd ist eine widerholung von 69, 4 
dö gie der vogt von Berne vilr sine recken lobelich und lässt sich mit 
dem unmittelbar vorher erzählten nicht vereinigen. Und auch hinter- 
her widerholt der dichter, er lässt Dietrich 81 fast dieselben werte an 
seine mannen richten wie 70. Der abschnitt erscheint dadurch als ein 
fremder bestandteil. 

So lässt sich denn hiernach folgendes feststellen. Alle stücke vor 
str. 88, in denen Alphart erwähnt oder auf ihn bezug genommen wird, 
sind erweiterungen einer älteren dichtung. Ist dieses richtig, so ist 
der hauptgegenstand dieser dichtung nicht Alpharts tod gewesen, son- 
dern „die untreue an dem Berner" (56, 2), begangen durch seinen 
vetter Ermenrich und durch seine früheren gesellen Heime und Wittich. 
Sie mag mit dem „deutschen buch", dem „alten liede" gemeint sein, 
auf das sich der ^dichter 45, 2 beruft, wenn auch auf derartige oft ganz 
formelhafte und nur um des reimes willen gebrauchte berufungen im 
allgemeinen nicht zu viel zu geben ist. 

Ich will zu weiterer prüfung der sache noch einiges aus der 
eigentlichen Alphartgeschichte betrachten. Den Stempel der Interpolation 



DIE EINHEIT DES ALPHAETLIEDES 39 

trägt ebenso Avie die strophengruppe 13 — 16 der ihm nach form und 
inhalt verwandte abschnitt 172 — 176. Zu diesem braucht nicht 177 
zu gehören (vgl. Martin XVIII). Denn 177, 1 dax sper enhant erncmi 
lässt sich vereinigen mit 170, wenn man nach in jagte Alphart als 
parenthetischen satz auffasst und under einem banier dax, ivas rieh 
auf die mannen Wülfings bezieht, vgl. 54. 143. Ob 178. 179 zu die- 
sem abschnitt zu rechnen ist, will ich dahin gestellt sein lassen. Auch 
in den Strophen 172 — 177 wird Alphart gerühmt als der kühnste, der 
je geboren wurde, und zugleich das verfahren seiner gegner scharf 
getadelt. — Eine ähnliche lobpreisung Alpharts, die auch den zusam- 
hang durchbricht, findet sich 113 — 115. Da auch 107, 1. 2 stark an 
175, 1. 2 anklingt, so würde ich kein bedenken tragen, auch 107 — 
115 dem erweiternden dichter zuzuschreiben. 

Und so irrt man wol nicht, wenn man annimmt, dass noch eine 
grosse masse anderer erweiterungen vorhanden ist, die eine erhöhung 
von Alpharts heldentum und eine herabsetzung seiner gegner bezwecken. 
Es sind zudichtungen eines bearbeiters, dessen interesse sich auf diesen 
beiden konzentrierte, und der ihn deshalb zur hauptperson der dich- 
tung machte. Er erreichte dies vornehmlich dadurch, dass er seine 
ritterlichen leistungen vervielfältigte und ihm von heroischem und sitt- 
lich-religiösem pathos getragene reden beilegte. So erklärt sich die 
weitschAveifigkeit, mit der der kämpf Alpharts mit "Wittich und Heime 
erzählt wird, so erklären sich insbesondere die widerholungen dabei, 
zu denen der dichter aus mangel an sagenstoff sich genötigt sah, um 
der haupthandlung den erforderlichen umfang zu geben. Auf solche 
Aveise also ist aus der in einem Dietrichsepos enthaltenen episode von 
Alpharts tod ein epos von Alpharts tod gOAVorden. 

Mit all diesen zudichtungen ist eine bearbeitung von anfang bis 
zu ende verbunden geAvesen, Avie aus der im ganzen epos vorherrschen- 
den gieichmässigkeit des stils hervorgeht. Die Jüngern bestandteile 
lassen sich zAvar nicht selten bezeichnen, aber ihre lierauslösung ist 
Avegen dieser bearbeitung meist unmöglich und Avürde das epos zer- 
stören. Dass auch der zAveite teil erAveiterungen erfahren hat, halte 
ich für selbstverständlich. Dahin Averden fast alle Alphartstrophen 
gehören und ausserdem avoI noch eine grosse anzahl sti'ophen mit aus- 
schmückendem inhalt. 

MtiHLHAUSEN IN THÜE. EMIL KETTNEE. 



40 



DIE IIANDSCHEIFTLICIIE ÜBEELIEFEEÜNG 
DEK GEETTISSAGA. 

Die Untersuchungen, deren resultate die folgenden blätter enthal- 
ten, sind den im ersten hefte des 30. bandes dieser Zeitschrift publi- 
cierten (unten citiert unter dem titel Z. Gr. s.) vorangegangen. Sie 
sollten demgemäss auch früher als jene erschienen sein, wurden jedoch 
für die einleitung einer schon damals ausgearbeiteten kritischen ausgäbe 
zurückgelegt. Diese ist jedoch aus gründen, die von meinem willen 
unabhängig sind, vorläufig aufgegeben und durch den plan einer com- 
mentierten ausgäbe, die in der „Altnordischen Sagabibliothek" erscheinen 
wird, ersetzt. Dies ist die Ursache, dass die erörterungen über die 
handschriften, welche dem zweck der Sagabibliothek nicht entsprechen, 
als eine gesonderte abhandlung erscheinen. Obgleich ich mich genötigt 
sah, die beweisführung auf eine verhältnismässig geringe anzahl von 
belegstelleu zu stützen — denn da der schon seit mehr als einem jähre 
fertige kritische apparat vorläufig ungedruckt bleiben wird, muss jede 
angeführte belegstelle abgedruckt werden, und ist die Verweisung durch 
zahlen auf Varianten ausgeschlossen — glaube ich doch nicht etwas 
wichtiges ausser betracht gelassen zu haben. — Die Seitenzahlen ver- 
weisen auf die alte ausgäbe (1853).. 

Bei der ausserordentlichen beliebtheit der Grettissaga, von der 
mehr als dreissig handschriften zeugnis ablegen, fällt es auf, dass keins 
der überlieferten exemplare einer andern redaction als die masse an- 
gehört; sämtliche handschriften gehen auf eine zweite Umarbeitung 
zurück, welche ca. 1300 entstanden ist (Z. Gr. s. 34). Es scheint, dass 
die saga zu ihrer grossen popularität erst gelangt ist, nachdem die 
zweite Umarbeitung entstanden war, ja, dass es sogar diese neue mit 
abenteuern ausgeschmückte form war, welche ihr zu ihrer popularität 
verholfen hat; zunächst als lygisaga wurde die interessante schrift ver- 
breitet und erst später ihrer wirklichen Verdienste wegen gewürdigt. 
Dazu stimmt, dass von der grossen anzahl der erhaltenen handschriften 
keine einzige über das 15. Jahrhundert hinausgeht, die übergrosse 
mehrzahl aber dem 1 6. Jahrhundert oder einem noch späteren Zeit- 
alter angeiiört. Das zeigt, dass die grosse Verbreitung der saga mehr 
als ein Jahrhundert nach der entstehung der erwähnten Umarbeitung 
stattfand. 



DIE HANDSCHRIFTL. ÜBERUEFERUNG DER GRETTISSAGA 41 

Weit auffälliger als das nichtvorhandenseiii einer haudsclirift der 
saga in ihrer nicht-interpolierten gestalt, ist der umstand, dass auch 
ihre spätere entwickluug sich au der hand der handschriften kaum ver- 
folgen lässt. Zwar werden einige der jüngeren handschriften leicht als 
letzte ausläufer einer nicht mehr sorgfältig gepflegten Überlieferung 
erkannt; aber eine einigermassen sichere reconstruction eines archety- 
pus, sei es nur der zweiten Umarbeitung, auf grund des Verhältnisses 
der handschriften gehört zu den Unmöglichkeiten. Denn kaum zwei 
von den überlieferten handschriften sind von einander völlig unabhängig. 
Es zeigt sich hier, dass die zeit, in der die saga verbreitet wurde, 
nicht nur das Zeitalter der Umarbeitungen, sondern auch der compila- 
tionen war. Doch will ich versuchen, das gegenseitige Verhältnis der 
handschriften so genau wie möglich zu bestimmen. Ich bespreche zu- 
nächst die haupthandschriften. 

1. AM 551 4 ^. A. Beschreibung der handschrift in Kälunds kata- 

log. Verloren ist ein blatt am anfang der saga, welches s. 2, 
12 — 6, 17: hefir — ha)üi enthielt. Die psychische eigenart 
des Schreibers verrät sich stellenweise in randbemerkungen aber- 
gläubischen Inhaltes, wie z. b. zu s. 141 (Grettir in forisdal): 
lila fer petta fadir minn godur. — Wo die handschrift fehlt 
oder ihr text entstellt ist, tritt an ihre stelle: 

2. AM 556 a 4°. C, siehe den katalog. Hier fehlen s. 96, 6 - 

100, 2: {hou)di pakkadi — par\ s. 118, 28—123, 13: Hami — 
Icngdar; s. 164, 21 — 182, 4: Süflu ~ pangfaf). 

3. AM 152 fol. Diese handschrift war mir unzugänglich; au ihrer 

stelle benutzte ich eine abschrift von ihr AM 476 4*^/3. 

4. AM 151 fol. b. Diese handschrift ist, obgleich keine abschrift von 

152 fol., mit ß nahe verwant. Die gemeinsame quelle von ßh^ 
welche alle eigentümlichkeiten jener beiden handschriften schon 
aufwies, nenne ich B (abweichend von der älteren ausgäbe, 
welche 152 fol. B nennt). 

5. AM 150 fol. E. Nach Jon Sigurdsson stammt diese handschrift 

direkt von einer nicht erhaltenen membrane (Katalog I, 104). 

6. de la Gardie X fol. D. 

Die hss. ACD 152 sind membranen, die übrigen papierhand- 
schriften. Zu bemerken ist, dass D auf grund ihrer sehr verderbten 
Überlieferung im besten fall als mit den papierhandschriften gleich- 
wertig zu betrachten ist. 



42 HOER 

Die hss. AC stehen einander ziemlich nalie. Im grossen und 
ganzen herrsclit zwischen diesen handschriften Übereinstimmung in den 
lesarten, sogar in der kapitcleinteihmg. Ungefähr um die mitte der 
saga nimmt die ähnlichkeit zu, ohne dass eine besimmte stelle anzu- 
geben -wäre, von wo an etwa für eine der beiden handschriften auf 
eine neue vorläge zu schliessen wäre. In den meisten fällen, wo AC 
von /3bED abweichen, ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden, welche 
lesart die richtige ist. In der rcgel haben wir mit verschiedener aus- 
drucksweise für den nämlichen gcdanken zu tun; oft mag w^ol die 
lesart von AC die ursprünglichere sein. Doch begegnet auch der um- 
gekehrte fall nicht selten. S. 145, str. 54S 7: ])ar /3bED] l)eir AC. 
S. 152, 10: l>d er /3b] />« ED, pd at AC. S. 183, 14: scgl] fehlt in 
AC. S. 184, 1: eigi] fehlt in AC. S. 187, 18: syniz AC, unter ein- 
fluss des unmittelbar vorhergehenden syna; pijkldr /3bED. S. 190 str. 67, 
5: stceäi ED, liefdl ataäit ^b, sUeäir AC. S. 192, 19: Asdls AC 
(und ausgäbe), Äsdisar /3bED; das richtige ist Alfdisar (Isl. s. I, 169). 
S. 208, 21: sd cnn sami, er hans hefndi] nur in AC. — In wich- 
tigeren fehlem stimmt E in der regel mit AC überein. S. 140 str. 49, 
1: hceg D, hcegt /3b, hccgra ACE. S. 154 str. 60, 5: haräeggjat ^D, 
hard egge ad b, haräeggjar ACE. S. 155, 16 — 17: komiz Jm upp d 
hana, eär pil scr (par fügen CE hinzu) med vdpnum sö^/r ACE; diese 
widcrholuug von z. 15 fehlt in /5bD, Avelche an dieser stelle nur haben : 
med vdprmm. S. 183, 16: d fjqräinn {sjöinn E) oÄ'] nur in ACE; 
widerholung aus z. 15. Besonders wichtig sind die folgenden schon 
von Gudbrandr Vigfusson (Nf felagsrit XVIII, 162 fg.) hervorgehobenen 
stellen. S. 173, 20 — 27: der text von ACE ist hier absolut unver- 
ständlich; das richtige haben /5b D (vgl. die lesart bei G. Vigfusson). 
S. 186, 25 — 187, 2: sagdi — gqi-t Dieser abschnitt fehlt richtig in 
/3bD. S. 192, 4 — 15: Skeggi — kirkju. Auch dieser abschnitt fehlt 
in /3bD, vgl. unten. Nach dem angeführten ist anzunehmen, dass auch 
s. 179 — 181 C mit AE darin übereinstimmte, dass die fünf Strophen, 
von denen ySbD nur die letzte mitteilen, in ihr enthalten waren (das 
blatt fehlt in C). Dass die vier in /3bD fehlenden Strophen interpoliert 
sind, wurde von mir a. a. o. s. 31 nachgewiesen. Auch andere gemein- 
schaftliche fehler von geringerer bedeutung in AE, wo C fehlt, sind 
wol in den meisten fällen auf dieselbe weise zu beurteilen, z. b. 
s. 171, str. 64, 8 faxi /5bD (richtig), faxa A, saxa E. S. 171, 21 
var (1)] d fügen AE hinzu (« skipi fehlt in E). 171, 31 p)eim\ fehlt 
AE usw. 

1) Für die strophenzahlen siehe die tabelle Z. Gr. s. s. 38 — 39. 



DIE HANDSCUEIFTL. ÜBEKLIEFERUNG DER GRETTISSAGA 43 

Die gemeinsamen fehler der hss. ACE beruhen auf einer nahen 
beziehung zwischen den hss. CE. Entweder C oder ihre vodage ist 
eine der quellen von E. Auch A gegenüber weisen die beiden hand- 
schrifteu eine anzahl gemeinsame lesarten auf, darunter häufige offen- 
bare fehler. Beispiele: s. 128, 1: per] fehlt in CE. S. 136, 17: krhlu] 
mjqh fügen CE hinzu. S. 145, 27: leiä] fehlt in CE. S. 158, 10: myrk-] 
fehlt in CE. Doch kann aus dieser Sachlage nicht geschlossen werden 
dass Übereinstimmung von E mit A oder einer andei-en handschrift die 
richtigkeit einer lesart beweist, denn E hat, wie sich noch zeigen wird 
mehr als eine quelle benutzt. Ehe ich darauf eingehe, unterziehe icii 
die hss. /3b D einer näheren betrachtung. 

Diese handscliriften bilden ACE gegenüber in gewisser liinsicht 
eine gruppo. Das beweisen zahlreiche Übereinstimmungen, welche in 
keiner weise auf conservativer Überlieferung beruhen können. Auch 
ist es nicht schwer gemeinsame fehler nachzuweisen. Beispiele: s. 114, 
18: sccnum peim sem l rar oh JQJcUnum] sjöjqhlum (-imum) ßhJ). 
S. 115, 20: peir] porgüs oh fügen /3bD hinzu, obgleich Porgils schon 
genannt wurde. 8. 132, 24: at tpröttum] fehlt in /3bD. S. 133, 31: 
i vetr] fehlt in /3bD, vgl. 134, 26. S. 136, 30 — 32: Eucjsaäi — hüä- 
strolai] fehlt in /3b D; die bemerkung ist sehr charakteristisch, obgleich 
ihre ursprünglichkeit sich nicht mit Sicherheit erweisen lässt. S. 37, 2: 
glactir] kaJdr C (1. l-atir), katil /3b D, ein Schreibfehler, welcher auf 
eine direkte gemeinsame vorläge weist, ohne Zwischenglieder. — Es fällt 
auf, dass die Übereinstimmungen von D mit /3b nicht über die saga 
gleichmässig verteilt sind; obgleich sie in keinem abschnitt fehlen, 
herrscht hier doch eine ziemlich grosse Unregelmässigkeit. 

Wo /3bD gegenüber ACE das richtige haben, ist doch der gruppe 
gegenüber vorsieht am platze. Es wurde oben bemerkt, dass s. 186, 
27 — 187, 2; s. 192, 4 — 15 und vier strophen s. 179 — 180 fehlen und 
dass s. 173, 20 — 37 in ACE in hohem grade verderbt sind, während 
/3bD das richtige haben. Diese stellen sind historisch nicht alle auf 
dieselbe weise zu beurteilen. Die Verderbnis von s. 173, 20 — 27 und 
die interpolation von s. 186, 27 — 187, 2 hängen zusammen; beide 
änderungen beruhen auf demselben chronologischen irrtum; aber in 
meiner demnächst erscheinenden ausgäbe werde ich dartun, dass s. 173, 
20 — 27 in ein kapitel aufgenommen sind, welches selbt unursprünglich, 
nämlich die arbeit des ersten interpolators ist. Diese änderungen sind 
demnach jünger als die erste Umarbeitung; Avir haben grund sie für 
eine eigenheit einer vielleicht ziemlich jungen handschriftengruppe zu hal- 
ten. Diese stellen beweisen also nur, aber das mit Sicherheit, dass eine 



44 BOER 

quelle der handschriftengruppe ^bD über die griippe ACE hinausgeht. 
Diese quelle enthielt die s. 173, 20 — 27 in ihrer ursprünglichen, d. h. 
der ihr vom ersten interpolator gegebenen gestalt. Aber mit s. 192, 
4 — 15 verhält es sich anders. Dort werden s. 11 die Sturlunge erwähnt, 
und diese stelle lässt sich von denjenigen stellen, welche Sturla nen- 
nen, nicht trennend Sie sind alle von dem ersten interpolator auf- 
genommen. Aber diese stellen sind in /3bD erhalten. Wenn also 
192, 4 — 15 in der vorläge von /3bD nicht zufällig verloren sind, so 
folgt daraus, dass eine quelle der gruppe ^bD eine handschrift war, 
in welche die stellen über Sturla und die Sturlunge noch nicht auf- 
genommen waren, also eine handschrift der ursprüngliciien saga. Docii 
erheben sich hier begründete zweifei. Denn es ist nicht unwahrscheinlich, 
dass nur ein teil der stelle ein zusatz ist, und dass die bemerkung über 
das begräbnis der brüder der ursprünglichen saga angehört. Diese 
wäre dann in der vorläge der gruppe /JbD ausgefallen; wenn aber das 
der fall ist, so spricht nichts gegen die annähme, dass zusammen mit 
der bemerkung über die bestattung auch die darauf folgende unursprüng- 
liche bemerkung über die Sturlunge in der vorläge von /5bD aus- 
gefallen ist. Die stelle genügt auf keinen fall für den nach weis, dass 
die vorläge von /5bD auf eine handschrift der ursprünglichen saga 
direkt zurückgeht. Im Zusammenhang mit dem über s. 173, 20 — 27 j 
gesagten wird man eher annehmen, dass diese quellenhandschrift mit | 
der dort genannten, welche über die gruppe ACE hinausgieng, iden- 
tisch war. Dem widerspricht auch das fehlen der vier Strophen s. 179 — 
180 nicht, denn diese sind nicht vor der zweiten Umarbeitung in die 
saga gelangt. Wenn sie, was ich Z. Grs. 31 anm. 2 annahm, vom zweiten 
interpolator aufgenommen wurden, so beweist ihr fehlen in /5bD, dass 
jene handschrift eine hs. der einmal umgearbeiteten saga war. Die 
Interpolationen des zweiten umarbeiters in der gruppe /3bD stammen 
dann aus der anderen quellenhandschrift, von der noch die rede sein 
Avird. Wenn die Strophen jünger sind — viel jünger können sie 
nicht sein — so kann jene handschrift eine der zweiten Umarbeitung 
gewesen sein, aber sie stammte dann doch wenigstens aus dem anfang 
des 14. Jahrhunderts. 

Die handschrift B hat noch eine andere quelle benutzt, welche 
der gruppe ACE nicht bloss näher stand, sondern zu dieser gruppe 
gehörte; sogar weisen die lesarten auf ein intimes Verhältnis zu C. Und 

1) Aucli G. Vigfüsson a. a. o. streichtljjeue stellen, sogar ohne eine nähere 
Untersuchung, bloss auf grund ihres Zusammenhanges mit s. 192, 4 — 15. 



DIE HANDSCHRIFTL. ÜBERLIEFERUNG DER GRETTISSAGA 45 

zwar hat mau sich das Verhältnis der beiden quellen so vorzustellen, 
dass B von hause aus eine handschrift der ersten resp. zweiten (vgl. 
oben) Umarbeitung war, bei deren abfassung eine handschrift der gruppe 
ACE im ersten fall so benutzt wurde, dass man aus ihr die fehlenden 
abschnitte (Hallmundar kvida, Spesar |)ättr u. a.) aufnahm; später 
wurde dann die fertige handschrift nach dieser jüngeren quelle corri- 
giert. Ich komme darauf zurück, nachdem ich zuvor das Verhältnis 
der einzelnen handschriften zu den beiden hauptgruppen erörtert haben 
werde. 

Ungeachtet der Übereinstimmungen von ACE einer-, ^bD ande- 
rerseits lässt sich doch eine gruppierung auf grund dieses Verhältnisses 
nicht durchführen. Denn in beiden gruppen begegnet wenigstens eine 
handschrift, welche aus mehr als einer quelle stammt. Es sind die 
handschriften D und E. Ich bespreche zunächst D. 

Diese handschrift steht der gruppe CE fast gerade so nahe wie 
der gruppe ßb. GemeinschaftUche fehler sind sehr häufig. Beispiele: 
s. 67 Str. 26, 6: seimgaiär] seim CD, sem E. S. 102, 20: iökii\ letu 
faka CED. S. 106 str. 84, 5: svä] fehlt in CED. Ausschliessliche 
Übereinstimmung mit C oder E ist gar nicht selten; der letztere fall 
begegnet wol am häufigsten: s. 59 — 60 str. 22 — 24 fehlen in ED. 
S. 104 Str. 30, 6: Hectins] heidin D, heictnar E. S. 89, 23: Helgu] 
fehlt in CD, dafür z. 24 nach Fiskilcek: er Helga het. S. 84, 24: i 
7)iuti] r/(f CD, um ßh'Ei. S. 188, 9: lands] pegar fügen CD hinzu, aus 
dem unmittelbar vorhergehenden satze. Interessant ist eine stelle wie 
s. 157, 4: tuk vel mäli pessii] mcelti: vel moile (incelir E, segir D) pessu 
(pii ED). Die änderung tök] mcelti ist ein gemeinschaftlicher fehler in 
CED, aber nur in ED ist die neuerung consequent durchgeführt; C 
steht dem ursprünglichen texte näher, ist aber dadurch unverständlich. 
Wo eine der drei handschriften fehlt, ist das Verhältnis undurchsichtig, 
z. b. s. 86, 28: gqrt — sin] skilat oremlum sinum CD; der satz fehlt 
bei E; ob ihre quelle mit CD oder mit A/5b übereinstimmte, lässt sich 
nicht entscheiden. 

Für D folgt aus dem angeführten, dass die handschrift zwei 
quellen hat, deren eine mit der von ßh identisch ist, während die 
andere CE nahe stand. Dass die handschrift im ganzen von CE fer- 
ner absteht als diese beiden handschriften von einander, erklärt sich 
aus dem überwiegenden einflusse der B -gruppe, der sie doch im grossen 
und gaiizen angehört. Auch ihre vielen eigenen fehler entfernen sie 
von CE. Dennoch steht sie, sofern sie zur CE-gruppe gehört, E 
näher als C. Denn ihre mit C gemeinsamen fehler E gegenüber erklä- 



46 BOER 

ren sich auf eine andere weise, nämlich aus der eigenart der redac- 
tion E, zu der ich nun übergehe. 

Wie D ist auch E eine compihation. Das erhellt schon aus dem 
folgenden. Die handschrift gehört zu einer engeren gruppe , in deren 
quelle der sogenannte Qnundar pättr, d. h. der anfang der saga bis 
s. 22, 15 fortgelassen wurde. Jedoch wurde in einigen handschriften 
der pättr wider hinzugefügt, und das geschah auch in E. Dabei wurde 
aber eine andere vorläge benutzt als bei der eigentlichen saga (so ge- 
nannt im gegensatze zum Qn. f).); an diesem Verhältnisse ist E als 
jener gruppe zugehörig zu erkennen; übrigens sind die spuren der ein- 
maligen Verstümmelung der saga, wenigstens in unserer handschrift, 
ausgewischt. Keine Überschrift deutet an, dass c. 22, 15 ein neuer 
abschnitt anhebt. Die quelle des ]3attr in E ist die unmittelbare vor- 
läge von /3 b, also B. 

Es wurde oben gezeigt, dass die redaction E von hause aus zur 
C -gruppe gehört. Aber bei der bearbeitung der redaction E wurde 
gleichfalls dieselbe quelle, aus der der Qnundar Jtättr hinzugefügt wurde, 
die handschrift B benutzt. Daher ein schwanken von E zwischen C 
und ßh. 

Jene beiden tatsachen — die aufnähme des |)ättr aus B und die 
bearbeitung des textes unter dem einfluss von B — können vernünf- 
tigerweise nicht vollständig von einander getrennt werden. Doch ist 
es nicht sicher, dass die beiden Vorgänge gleichzeitig stattgefunden 
haben, denn in mehreren E nahestehenden handschriften, darunter in 
AM 479 4'^, welche übrigens mit 150 fol. vollständig übereinstimmt, 
fehlt der J)ättr. Zwar liesse sich das dadurch erklären, dass in der 
ältesten handschrift der redaction E der pättr und die saga von einander 
getrennt waren, wie das z. b. der fall ist in AM 480 4'', welche wie 
479 mit E aufs nächste verwandt ist. Der pättr wäre dann in einigen 
abschriften jener handschrift wider fortgelassen. Aber der umstand, 
dass, wie sich unten zeigen wird, diejenigen mit E verwandten hand- 
schriften, welche den Qn. p. hinzufügten, zwar alle auf B aber nicht 
auf die nämliche abschrift von B zurückweisen, scheint darauf zu 
deuten, dass in mehr als einer handschrift unabhängig von einander 
der |)ättr hinzugefügt wurde. Die frage hängt mit der nach dem 
Ursprung der jüngeren handschriften, von der noch die rede sein wird, 
zusammen. 

Ich kehre zu dem Verhältnis zwischen C und E zurück. Aus 
dem erörterten folgt, dass jene stellen, wo C fehler enthält, welche E 
nicht hat, nicht beweisen, dass E nicht direkt von C stammt. Denn 



DIE HANDSCHRIFTL. ÜBERLIEFKRTING DER GRETTISSAGA 47 

E kann die richtigere lesart aus B haben. Auch wenn dieselbe in ySbD 
nicht begegnet, beweist das noch nicht, dass B sie nicht enthält, denn 
B war ja corrigiert (vgl. unten). Aus den lesarten kann daher nicht 
geschlossen werden, ob E direkt von C oder von deren vorläge stammt; 
doch spricht nichts gegen die erste möglichkeit. Dafür spricht viel- 
leicht noch das folgende. 

Zwischen der redaction E und der handschrift der gruppe AC, 
aus der sie stammt, muss eine handschrift existiert haben, welcher der 
Qn. J)ättr fehlte (vgl. oben s. 46). Nun ist es eine eigentümlichkeit der 
handschriften, denen der Qn. {). fehlt, oder in denen er mit einer 
besonderen Überschrift versehen ist, dass in ihnen auch dem Spesar 
|)ättr eine eigene Überschrift vorangeht. Einen ansatz dazu finden 
wir in C. Dort steht s. 193, 17 eine ursprüngliche kapitel Überschrift: 
postehi dronuimlur for eptir a. Aber eine jüngere band schrieb 
an die stelle mit grossen buchstaben: Suiar Jtatiu?: Und dieselbe 
band schrieb am rande : pattur umm postein dromunnd oc spies. Das 
beweist, dass die hs. C früh das eigentum eines litteraten gewesen 
ist, dem die teilung der saga in pa?ttir bekannt war. Den anfang jener 
teilung bezeichnet diese randbemekung jedoch nicht, denn die fragmente 
in AM 571 4°, welche zu einer gruppe gehören, der der Qnundar |)attr 
von haus aus fehlt, sind älter (16. jahrh.) als die randbemerkung in C. 

Die bearbeitung der redaction E und der redaction D, beide auf 
grund von C und B, sind nicht ganz analoge fälle. Während D eine 
mit C-elementen verquickte B-handschrift ist, ist E vielmehr eine mit 
B-elementen verquickte C- handschrift. Dass eine der beiden bearbei- 
tuDgen die andere beeinflusst habe, braucht man nicht anzunehmen. 
Aber ein gewisser Zusammenhang zwischen beiden vergangen ist doch 
wahrscheinlich, wenn man darauf achtet, dass E und D aus denselben 
handschriften — der hs. B und der nämlichen handschrift der redaction 
C — compiliert sind. Ich vermute, dass E und D auf anregung der- 
selben person, in deren besitz sich sowol B wie die genannte hand- 
schrift der redaction C befanden, entstanden sind. Eine Untersuchung nach 
der herkunft der handschriften dürfte vielleicht diese ansieht bestätigen. 

Die anzahl der stellen, wo die hss. ySbE resp. D zusammen von 
AC resp. D abweichen, ist geradezu verblüffend und lässt an dem 
nahen Zusammenhang der gruppe keinen zweifei aufkommen. "\Yenn 
ich der raumersparnis halber an dieser stelle darauf verzichte, beispiele 
gesondert anzuführen, so werden sich unten in anderem Zusammenhang 
einige von selbst darbieten. Ich kehre jetzt zu der gemeinsamen quelle 
der hss. ySbED zurück. Es wurde bereits angedeutet, dass diese quelle 



48 BOER 

(B) eine corrigierte handschrift war. Diese ansieht wird durch die tat" 
Sachen in jeder hinsieht bestätigt. Nur dadurch erklärt sich z. b. das 
eigentümliche Verhältnis der hss. ^bE unter einander, wo sie wie z. b. 
im ganzen Qnundar J)ättr alle auf B zurückgehen. So heisst es s. 2, 4 : 
wn] yfir bE. S. 3, 22: leita] vitja bE. S. 8, 24: sefax] pat fast bE. 
Also Übereinstimmung von bE gegen ß. Aber s. 13, 5: Onundr] As- 
miinch' ßh^ wo E zu den übrigen handschriften stimmt. Ebenso s. 13, 
8: d] i ßh. S. 14, 28: heilir] frcshnr /3b E, darauf fügen nach vceri 
ßh hinzu: ok heilir. Noch anders s. 15, 15: Sviäukara] Sludukara 
i-kata E) ßE. 

Diese lesarten lassen weder eine gruppierung /3b > E, noch /3E 
> b, noch bE>/3 zu; sie sind nur dadurch zu erklären, dass die 
voi-Iage beide lesarten enthielt, m. a. w. sie war corrigiert. 

Daraus erklärt sich auch, dass die hss. /3b, welche doch ganz nahe 
zusammengehören, mitunter von einander abweichen in Übereinstim- 
mung mit verschiedenen weiterabstehenden handschriften. Ich führe | 
davon noch ein paar beispiele an. S. 13, IG: tan] fyrir bD. Hier ist! 
B die quelle von D. Aber ß stimmt mit AE überein. (C weicht ab i 
und hat af). Die quelle war also nach einer handschrift der redaction 
ACE korrigiert. j 

S. 97, 28: meir imi\ um (fehlt E) mein E^, [meir D) um flciri 
bD. Auch hier ist B die quelle. Im texte stand um fleiri, am rande 
meir (nach AC). Das wurde in D aufgenommen, welche handschrift 
also beide lesarten vereinigt; b Hess 7neir fort, Ey3 schrieben das wort 
an die stelle von fleiri (daher nach um):, weil aber //em eine flectierte 
form war, wurde auch für meir meiri geschrieben; in E wurde später 
um fortgelassen. j 

S. 135, 10: ])ann bE] pä Aß und ausg. (unrichtig), penna {mann 
fügt D hinzu) CD. Die handschrift hatte an dieser stelle richtig panu\ 
am rande wurde nach einer mit AC verwandten vorläge pd geschrie- i 
ben: so kam der fehler in ß. C beseitigte den fehler auf ihre weise. 
Die quelle von D ist hier C; die quelle von E ist B. 

S. 141, 27: dalnum] dalinn C/3. Die handschrift war korrigier! 
nach einer mit C verwandten hs. Die quelle von ED ist B; beide 
namen richtig dalnum auf. Ähnlich s. 140, 20 vetir] vctri C/3. S. 150 
24: mann vtsi\ vist inanti CE/3, wo E aus C oder aus B geschöpf 
haben kann. S. 152, 12: Greiti] vist Grettis ßB. 

Wenn ein wort, an dessen stelle ein anderes geschrieben werdei 
sollte, nicht ausradiert wurde, lag die möglichkeit vor, dass eine lesar 
und ihre Variante beide in dieselbe handschrift aufgenommen wurden 



DIE HANDSCHRIFTL. ÜBERLIEFERUNO DER GRETTISSAGA 49 

Davon begegnen denn auch mehrere beispiele. Ein solches wurde schon 
angeführt (s. 97, 28). Ähnlich s. 190, 12. Hier steht in den meisten 
handschriften das wort fast vor saxinu] in E etwas zurück vor Oret- 
tir\, in D vor Orettir und nach saxinu. In B stand das wort wie 
in E vor Grettir\ es wurde später am rande, wahrscheinlich der fol- 
genden, zeile geschrieben, daraus nahm D es an falscher, /3b an rich- 
tiger stelle auf. Aber D behielt auch, wie E die ursprüngliche lesart 
ihrer vorläge bei. 

Die handschrift, nach welcher B corrigiert wurde, stand, wie die 
angeführten stellen ausweisen, C etwas näher als A. Wo bisweilen C 
gegenüber Übereinstimmung mit A begegnet, ist entweder eine solche 
lesart die richtige, oder C hat den fehler ihrer vorläge durch conjectur 
gebessert, wie an der angeführten stelle s. 135, 10 penna (wo dadurch 
auch keine Übereinstimmung mit den von Kß abweichenden handschrif- 
ten bE erreicht wurde). 

Wir gelangen zu der folgenden auffassung des Verhältnisses der 
haupthandschriften : 

AC repräsentieren eine ziemlich junge und an mehreren stellen 
sehr verderbte redaction der zweiten Umarbeitung. 

Neben dieser gruppe hat eine weniger verderbte handschrift, ent- 
weder eine handschrift der ersten Umarbeitung oder eine sehr alte 
handschrift der zweiten Umarbeitung, sich ziemlich lange erhalten. Aus 
der Verbindung jener Überlieferung mit einer handschrift der gruppe 
AC, welche namentlich C nahe stand — die einfachste annähme ist, 
dass es die direkte quelle von C war — entstand die redaction B. 

Aus dem originale dieser redaction, welches mit randbemer- 
kungen aus ihrer zweiten quelle versehen war, sind /5 b geflossen. 
Zwischen B und ß liegt mindestens eine handschrift, die membrane 
AM 152 fol. 

Die handschriften E und D sind repräsentanten zweier misch- 
redactionen, welche durch Verbindung von C mit B entstanden sind. 
Die zu B gehörigen teile gehen auf dieselbe corrigierte vorläge wie 
/5b zurück; die zu C gehörigen teile stammen, wie es scheint, direkt 
von C. Jedoch deutet sowohl ein näheres Verhältnis zwischen E und 
D in den von C stammenden partien wie die beschaffenheit der E- 
gruppe (s. 47) darauf hin, dass zwischen C und ED eine verlorene 
handschrift liegt. 

Dieses wahrscheinliche Verhältnis drückt der folgende Stammbaum 
aus, in dem El und D2 die partien in E und D andeuten, welche aus 
C, E2 und Dl diejenigen, welche aus B geflossen sind. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXXI. 4 



50 



BOER 

Sag a. 

I 
erste Umarbeitung. 



zweite Umarbeitung, 
u 



B (mil; randbemerkungen aus y) 



Z (ohiio Qnuiulai- fattr) 




El 2 152 b 

ß 



= redaction D 

I 
band sehr. D 



= redaction E 

I 
handschr. E 

Auf etwaige Zwischenglieder, welche für das Verhältnis der haupt- 
handschrift bedeutungslos sind, ist in diesem stanimbauni keine rück- 
sicht genommen. Die punktierten linien deuten zweifelhafte abstam- 
mung an. 

Die unsorgfältige bearbeitung der hs. D verbietet die annähme, 
dass sie selbst aus z B compiliert sei. Sie ist vielmehr eine schlechte 
abschrift. 

Dass die hs. E nur eine abschiift, keinesv/egs eine selbständige 
compilation ist, ergibt sich schon aus den mit ihr genau übereinstim- 
menden handschriften, wie AM 479. 480 4'', welche keineswegs ab- 
schriften von 150 fol. sind. 

Aus dem oben erörterten ergibt sich für die kritik der saga, dass 
aus den handschriftlichen Verhältnissen keine einzige lesart als die 
richtige erschlossen werden kann. Doch ist auch keine der genannten 
handschriften vollständig wertlos. Jede von ihnen kann ganz allein 
lesarten enthalten, und jede enthält solche in der tat, welche die einzig 
richtigen sind. Aber dies lässt sich nur aus dem Inhalte der betref- 
fenden stelle erschliessen. Eine mechanische textbehandlung ist unter 
den gegebenen Verhältnissen durchaus unzulässig. Indem ich mir vor- 



DIE HANDSCHRrFTL. ÜBERLTEFERTJNG DER GRETTISSAGA 51 

behalte, über die textgestaltung in der einleitung meiner ausgäbe nähe- 
res mitzuteilen, gehe ich nun zu den jüngeren handschriften über. 

Eine gruppierung der jüngeren handschriften ist noch schwieriger 
als die der haupthandschriften, weil hier die contamination solche Pro- 
portionen angenommen hat, dass die herstellung einer abstammungs- 
tafel absolut unmöglich ist. Für die kritik sind sie alle wertlos. Ich 
lasse jedoch eine Übersicht folgen, für welche so viel wie möglich das 
genealogische verhcältnis massgebend ist. 

Ny samling 1147 fol. gehört zur gruppe ^b, und steht besonders 
b sehr nahe, mit Avelcher u. a. die Schlussworte der saga überein- 
stimmen. 

AM 946 h 4° ist eine abschrift von A. 

AM 94G i 4*^ ist eine abschrift von D (schluss hinzugefügt nach 
Ups. 690 4°). 

Stockholm 15 a fol. ist eine abschrift von einer handschrift, Avelche 
D sehr nahe stand, wahrscheinlich war ihre vorläge eine abschrift von D 
mit lesarten aus anderen handschriften. Die saga ist hier in I)aettir 
eingeteilt, was auf einfluss der folgenden gruppe weist. 

Die hss. AM 153 fol., 163 a. b. fol, 477. 478. 479. 480. 558 c. 
939 4«, Gamle kgl. samling 1002. Ny kgl. samling 1714 4». Kall 
255 fol. 610. 611 40. Thott 1776 40. Stockholm 6. 27 40. Upsala 
690 40 bilden eine gruppe, welche AM 150 fol. (E) sehr nahe steht. 
Sie stimmen darin untereinander und mit E überein, dass sie mittelbar 
oder unmittelbar von einer vorläge abstammen, in der der Qnundar pattr 
fortgelassen war. In mehreren handschriften ist der Qnundar |)ättr wie 
in 150 fol. nach einer anderen vorläge wider hinzugefügt. Von diesem 
gesichtspunkte aus unterscheiden wir drei gruppen: 

1. der Qnundar pattr fehlt in AM 153. 479. 939. Stockholm 6. 
Ups. 690. Kall. 255. 611. 

2. der Qnundar pättr ist von der eigentlichen saga getrennt: beide 
haben eine eigene Überschrift, in AM 163. 477. 480. gl. saml. 1002. ny 
saml. 1714. Kall 610. Stockholm 27. — In gl. saml. 1002 folgt der 
l3ättr nach der saga, und ist davon durch andere Schriften getrennt, 
in 163 ist der pattr in einem besonderen hefte enthalten, in 477 wurde 
er vor der saga hinzugefügt, aber später als diese geschrieben ^ In 

1) Der l)ättr hört in 477 nicht s. 22, 14 auf, sondern wird fortgesetzt bis 
22, 24 breiäleitr etc. (sie!). Auf der folgenden Seite wird s. 22, 15 fgg. widerliolt 
bis z. 25 barnsaldri\ dieser text stimmt mit 153 fol. (vgl. darüber unten) überein. 
Dann folgt auf einer neuen seite die eigentliclie saga mit der Überschrift: Eier Byr- 
jar smtgu af Gretter Asmundar syne sterlcasta manne ä Islande. 

4* 



52 BOER 

den übrigen handschriftefi wurde der pättr zuerst geschrieben luid die 
saga folgt unmittelbar darauf. 

3. Die eigentliche saga schliesst sich in AM 478. 558 c. Thott 1776 
ohne Überschrift unmittelbar an den pättr an; dieser ist als ein zusatz 
dadurch erkennbar, dass er auf eine andere vorläge als die eigentliche 
saga zurückgeht. In 478 und 1776 wird der anfang der eigentlichen 
saga durch eine zeile mit grossen buchstaben bezeichnet. 

In den meisten dieser handschriften hat auch die geschichte von 
Spes eine eigene Überschrift (vgl. oben s. 47). 

Diese gruppierung deutet keine nähere Verwandtschaft der betref- 
fenden handschriften an. Im gegenteil existieren einige kleinere grup- 
pen, welche von den hier genannten vollständig unabhängig sind. Ilir 
gegenseitiges Verhältnis muss nach den lesarten der eigentlichen saga 
beurteilt werden; der Qnundar pättr wird darauf besonders untersucht 
werden. 

Zunächst sind zu nennen die hss. AM 479. 480 4*^. Diese stim- 
men mit der hs. E überein. Im einzelnen steht 480 E etwas näher 
als eine von beiden 479; doch sind die unterschiede gering. Der Qnund- 
ar pättr wurde in 480 nach derselben vorläge wie in E hinzugefügt; 
der satz, mit dem die eigentliche saga in der ganzen gruppe anhebt 
(vgl unten), blieb aber in 480 stehen, Avährend E sich auch in dieser 
hinsieht der gruppe ßh anschliesst. 

Diesen beiden handschriften steht eine gruppe ziemlich nahe,, 
welche ich k nenne. Es sind AM 939 4«. Kall 255 fol. Upsala 690 4». 
Stockholm 27 4^. Der anfang der saga ist fast wie in 479. 480: Äs- 
mrmdr het madr ok inr kallaär hcerulcmg^^; kona hans het Asdis^ kann 
dtti (seiti 989. 255) bü at (ä) Bjargi i MiJfirdi^ mikit usw. (s. 22, 15). 
(Dasselbe 479. 480; nur: het] er nefndr 480). 

Die mehrzahl der lesarten stimmt, abgesehen von einer grossen 
anzahl von fehlem mit E überein; ich führe ein paar beispiele an 
die zum grossen teil auf derselben seite sich finden, deren Varianten 
jedoch noch zahlreicher sind: 

s. 22, 18: g<z'fr] gqfiigÜgr {gervüigr). 

„ „ 20: var Jcallactr] het. 

„ „ 20: ?)?JQk üdrell] kalladr üdcell mjqk. 

„ „ 21: hellinn] fehlt {hceM fehlt 939. 255). 

„ „ 24: rauär ä hdr. 

„ „ 24: noista] fehlt. 

„ „ 25: medan — barnsaldri] i iqjpvexti. 

„23, 12: [(^rukonur. 



DIE HANDSCHRIFTL. ÜBERLIEFERUNG DER GRETTISSAGA 53 

s. 23, 28 — 30: pat — pn*'] Eldar väru par geräir 

{Eklr rar par \J)d\ ge?'^?'). 
„ 28, 8: sundrpi/kJds] tiäenda. 
„ 47, 2: ^ — J)egnir] l friäi. 
Doch berührt sich die gi'uppe häufig mit haiidschriften der übrigen 
redactioneii, namentlich ßh: 

s. 39, 9: bkecta AE] vaxa /ibCk. 
„61 fgg. : Märsson (= ßh). 

„ 179 — 181: Str. (I — IV) fehlen; str. 65 wird mitgeteilt (= ßh). 
Innerhalb dieser gruppe stehen einerseits Ups. 690. Stockh. 27, 
andererseits AM 939. 255 einander näher. Wir nennen die nnterabtei- 
limgen k 1 und k 2. 

s. 25, 27: shj)c A] hrestr C/3bkl, hregctx, Ek2. 

„ 23, 31: sväfii rnenn] stoäu menn (peir) kl (in Übereinstimmung 

mit der folgenden gruppe). 
„ 152, 21. 25: heynti. bar ACy3bDkl] keyritu. häru Ek2. Nach 
grjöt (z. 25) fügt k2 in anschluss an ßhD hinzu: ok 
sat prestr Jjar svd hjä. 
s. 181, 3 — 5: Nu — fara\ pat mim Qngidl cetla oss, at ver mun- 
um mega vera varir um oss ok mun petta ei ein- 
samalt fara k2 (ähnlich aber noch kürzer ßh). 
s. 193, 29 — 194, 1: La — mist] fehlt k2 (= ySbD). 
„ 208, 21 — 25 in k2 in Übereinstimmung mit b (sogar gegenüber 

ß\) Kall 255 kürzt. 
Am schluss der saga hat k 1 die vlsa: sterkan nefndu hals bqrk 
in Übereinstimmung mit der folgenden gruppe. 

Berührungen einer einzigen handschrift dieser gruppe mit andern 
handschriften : 

s. 23, 21 — 22: sagdi — reynir] fehlt in 939 (= ßh). 

Eine zweite gruppe handschriften, welche nahe zusammengehören, 
sind AM 153 fol. 478 4^. Gl. samling 1002. Ich nenne diese gruppe IK. 
Diese handschriften stehen von E etwas weiter ab und näher bei 
ßh. Eine grosse anzahl gemeinsame fehler. Beispiele: 
Die saga hebt folgendermassen an: 

Asmundr hceridangr rar sonr porgrims hcBTukolls; han7i fekk 
Äsdisar fösturdöUur porkels krqfJu gqfags mamis 6r {ör fehlt 
in 1002) Vatnsdal. Hann setti {pau settu 1002) nsw. (s. 22, 15). 

1) Mit dieser gruppe stimmen die membraufragmente in AM 571 4" vollstän- 
dig überein. 



54 ßOER 

s. 22, 25: medan — var\ meäalmaär var kann. 

„ 39, 27 — 29: porfmjir — fräsagna] fehlt. 

^^ 60 — 65. Cap. 25 — 27 in allen auf dieselbe weise bedeutend 

gekürzt. 
„ 22, 30: Sonr — ÜsjMkr] Olmnr ätti {att 1002) son vict pör- 

disi Asmiindardöttur er Uspakr het. 
„ 70, 2: Modi}' — Bqävarshülum] fehlt. 
„ 70, 3 — 25: sehr gekürzt. 

„ 179 — 181: Str. (11 — IV) fehlen, str. (I) und 65 werden mitgeteilt. 
In 153. 478 steht: her eru sjo vlsur ok Icet eh liäa; pessi er 
seinasta visan. In 1002 kürzer: Her vantar sjo visur i sq- 
guna. 
Berührungen mit E: 

s. 25, 28: at] en merinni fügt 1 hinzu wie CE und k. 
„ 152, 24. 25: keyräu. bäru (= Ekl, vgl oben). 
„ 208, 19: islerixks\ lands-{lendz 1002 -= E). 
Berührungen mit /ib: 
s. 24, 2: hrifa] klä. 
„ 24, 19: bragds] fehlt usw. 
Innerhalb der gruppe ist das Verhältnis der handschriften nicht constant. 
s. 23, 31 fügen 478. 1002 hinzu: Äsmundr hafdi fyrr ätt {As- 
viundr ok Asdis ättu 1002) pmm {pridja add 1002) son, er 
pot'steinn het ok kalladr drömundr, ok rar {härm add 428) 
i Nöregi, rlkr wadr ok vel at ser ok eigi mjqk prekligr; hann 
var {var ha7in 478) hdr ok grannraximi^. Das liesse eine 
gruppierung 478. 1002 > 153 vermuten. 
Anders s. 23, 5. Nach 7ninna fügen 153. 478 hinzu: pau e7'u 
fimtigi ok {med) kjüklingar margir. Derselbe yatz ist z. 8 — 9 in 153 
fortgelassen. In 478 steht er also zweimal; in 1002 nur an der rich- 
tigen stelle. Die quelle an erster stelle ist eine r.mdbemerkung in einer 
handschrift, wo der satz fortgelassen war. 

Eine dritte gruppe (m) bilden AM 163 b fol. 477 4^. Untereinan- 
der sind die unterschiede gering. Hier folgen zunächst einige charak- 
teristische stellen: 

s. 22, 27: Kjallakssonar — -enni\ fehlt. 

„ — 28: -hallsson. 

„ — 29 — 31: peira — 8qgu\ fehlt. 

1) Dieser passus alleia würde schon beweisen, dass die handscliriften von einer j 
vorläge oline Qnundar |)ättr stammen. 



DIE HANDSCHRlFTL. ÜBERLIEFERUNG DER GRETTISSÄGA 55 

s. 23, 26: ml — kriä] pat svä. 
„ 26, 16 — 25 fehlt. 
Yiele Strophen sind fortgelassen: 

Str. 13 s. 33. 9 s. 24 (= E und von gruppe 1 1002). 26, 5 — 8 
s. 67. 27, 7 — 8 s. 74. 29 s. 96. 30, 5 — 6 s. 104. 41 s. 121 
(=E). 47, 3 — 8 s. 131. 51 — 56 s. 144 — 145 mit dem vor- 
hergehenden prosasatze. 
Berührungen mit E, teilweise in Übereinstimmung mit gruppe k 
sind häufig: 

s. 22, 20: kaUaär üdall mjqk. s. 22, 21: hemnn]M\\t s. 22, 25: 
ineäan — barnsaldri] i nppvexti sinum. s. 23, 12: forukomir. 
s. 23, 28 — 30: pat — par] eldar vdru par oh (alle die 
angeführten stellen = E k). Man vergleiche noch das fehlen 
von Str. 9. 41 (= E). 
s. 25, 16 — 23: Hrossit — hüss] fehlt (= E) usw. 
Auch zeigt die gruppe nahe berührungen mit k, wo E abweicht: 
s. 23, 20 — 21: Vinr er sd annars {qäriim) er ills varnar. 
So ACD und 1. Das fehlt in )3bE. kl und m haben: 
ei veldi' sd er varir [rarr er 163) 
k2: veldr sd er qdnim er til varnar {varrar 939). 
s. 61 fgg. 3Idrsson (= k^b > lACE). 
Berührungen mit k und 1 

s. 23, 31: svdfu — uj)}}] stoäu menn wie k] 1 
„ 39, 9: vaxa wie ^bCkl > hhjßäa AE. 
Berührungen mit 1, zum teil in Übereinstimmung mit ßh: 
s. 23, 22: reijnir] pröfar Im. 
„ 23, 24: h7'ifa\ kld Im/Sb (vgl. oben). 

„ 70, 3 — 29: noch viel kiü'zer als 1 (ca. 2 zeilen; in 1 ca. 7 zeilen). 
Mit ßh (AC) > E. 

s. 152, 24. 25: keijräi. bar wie k2 und ACßh (vgl. oben) > Eid 1. 
Am schluss die visa pröti ok ptrek bar Orettir, welche b am anfang hat. 
Diese beispiele zeigen, dass die drei gruppen klm auch unter 
einander in hohem grade coutaminiert sind. 

Kall 610 40, Ny saml 1714. 4», Thott 1776 40 werden am besten 
zusammen besprochen. Der text ist ausserordentlich verderbt. Mit 
jeder der drei genannten gruppen haben diese handschriften gemein- 
schaftliche lesarten, welche anzuführen es nicht die mühe lohnt. Am 
nächsten scheinen sie noch AM 939 4» zu stehen. Obgleich sie unter- 
einander sehr abweichen, haben sie doch einige gemeinsame charak- 



56 BOER 

teristische züge, von denen ich nur die aufzälilung am Schlüsse von 
fünf anstatt drei punkten, in denen Grettir sich von anderen menschen 
unterschieden habe, anführe. Der text bekommt dadurch (abgesehen 
von vielen fehlem, welche von dem bestreben fünf züge mitzuteilen 
unabhängig sind), die folgende gestalt: 

s. 208, 14 — 15: Jyviat — manna] J)at annat (J)ä aära ai) härm. 

z. 16: pä aClra] pat prütja {pä priäju). 

z. 17: ok] pat fjörcta (pä fjöräu). 

z. 18: sü en priäja\ pat fimta {pä fimtu). 
Auch AM 558c 4° steht von E nicht weit ab; daneben wurde 
eine handschrift der redaction B benutzt (was ich unten noch durch 
ein beispiel zeigen werde). Näherer Zusammenhang mit einer der drei 
gruppen klm als mit den beiden übrigen fällt nicht auf. 

Stockholm 6 iP und Kall 611 4° brauchen nicht mehr als erwähnt 
zu werden. Sie gehören zu derselben hauptgruppe wie die genannten 
handschriften, und auch ihr text ist contaminiert; überdies ist er ausser- 
ordentlich verderbt. Zumal in Kall 611 ist kein satz unverändert ge- 
blieben. 

Die folgenden handschriften enthalten, wie bemerkt wurde, den 
Qnundar |)ättr. 

AM 163 a fol. 477. 478. 480. 558 c 4^^. gl. saml. 1002 fol. ny 
saml. 1714 4«. Kall 610. Stockholm 27. Thott 1776. 

Dass 480 auch hier mit E übereinstimmt, wurde schon bemerkt. 
Auch bei den übrigen handschriften ist die quelle des Qn. f). eine hs. 
derselben redaction. 

163 a fol. stammt von einer ^b nahe stehenden handschrift. 
s. 1, 1: Öfeigs huUiiföx (= /3bE). 1, 10. 8, 7; fccreyjar (ß). 
1, 12: hrkt] med peim add (=y3bE). 6, 1 — 3: Litlu — 
vetrum] fehlt (=/3bE). Zusammenhang mit 477, welche nahe 
zu b stimmt, beweist s. 2, 18: mesti] vesti. Die vorläge war 
corrigiert, das beweist z. b. z. 1, 14: p)eir Onundar 7nenn {pteir 
Onundr CE/3bD; menn Onundar A). 
AM 477 4° stimmt an vielen stellen mit b überein. 

s. 1, 3: kühl] Biisiu {= b). 1, 23: Kotuge (= b D). 1, 14: peir 
Onundr (=^bE). 1, 22: upp] sudr (= CE/3b). 2, 18: mesti] 
vesti (= 163a). Die handschrift enthält viele randbemerkungen, 
zumal im Qnundar |)ättr; das sind besserungen nach der vor- 
läge von 163a, z. b. s. 1, 2: Gudbiargar 163 a, Oiinnbiargar 
477, am rande Gudbiargar. s. 1, 10: horvardur 163 a, Mar- 



DIE HANDSCHRIFTL. ÜBERLIEFERUNG DER GRETTISSAGA 57 

vahir 477, am rande hiorvardur. s. 1, 7: hlcBJigsson 163 a, 
Blanksson 471 (= /3bE), am rande Blcengsson. 
Nach dem 47 fg. erörterten müssen wir, was den Qn. {)attr betrifft, 
B für die mittelbare quelle von 163 a und 477 4*^ ansehen. Also stam- 
men der text und die correctiiren in 477 aus derselben handschrift. 
Dadurch wird unsere auffassuDg von B aufs neue bestätigt. 

AM 558 c 4^. Ziemlich viele fehler. Ist besonders ß sehr ähnlich. 

s. 1, 10: VcFreyjar {= ß). 1, 18: Liufa (= /3). 16, 5: Asgeirsd 

{= ß\i). 18, 19: FI6si\ ok (= ß). Die vorläge war corrigiert. 

17, 3: allliost (= AC > ^bE). 12, 1: lendz mannx. hann 

tök (= ACD > /5bE landsmenn [hans) töku). 

Ny samling 1714. Sehr verderbter text (vgl. oben). 

s. 1, 10; Kearvalipiir. 2, 1: SiUki] Suiki. 2, 5: Kjqtvi] suike. 
3, 20 — 22: d möz viä Eyvind ok spimti usw. — Die redac- 
tion ist B. s. 2, 1: höko langr (= /5bE). 3, 9: Onundar] Ey- 
vindar (= ySbE). 6, 1 — 3: Litlu — vetrum] fehlt (= ^bE). 
6, 4: vestmapr (= /3). 8, 8: til fereia (vgl. zu 163 a). 12, 20: 
peir Onundr] Eirikur (wie b, siber Äsnmndr] Omindrh). 1,14: 
pjeir Onundar menn (vgl. zu 163 a). 12, 1 — 2: lei}ps mans 
kungs. hann tök (vgl. zu 558). 
Kall 610 4*^. Sehr verderbter text. Redaction B (vgl. oben), s. 1, 14: 
peir Aunundr (= /3bE). 5, 5: öfridr var sem mestr] Ofeigr 
var vestr (= E). 6, 1 — 3: LiÜu — en] fehlt (= ßhE). — 
2,18: rerste (= 163. 477). 12,1 — 2: lendz manx. tök kann 
(vgl. zu 550). 
Stockholm 27 4*^. Sehr schlechte handschrift (vgl. oben). Redac- 
tion B, steht u. a. 163 nahe: s. 1, 3: külu] bullu ß, Bidlnfotz 
Stockh. 27. s. 1, 10: fasregjar (vgl. ß). 1, 10: Kjarvah-] hor- 
vardur 163, Biarmadur 27. 1, 11: han — ok] med 163a 
und 27. 1, 12: hrid — med peim add. (== /3bE). 1, 14: Au- 
nundar menn (wie 163. 1714). 
AM 478 4*^. Abschrift einer handschrift der red. B: s. 2, 4: peir Anrn 
(= b). 3, 9: g?mndar] Eyvindar (= ySbE und 1714). 6,4: Vest- 
madur (= ß und 1714). 6, 1 — 3 : Litlu — vetrum] fehlt ( = /3bE). 
Viele eigene fehler: s. 2, 5—15 en — viJmiga] fehlt. 1, 2: 
beytils] liettirs. 1, 18: lüfa son H. svarta] liufa son {Iß hat 
lüfa statt liiifa). 2, 21—3, 7: pörir var e?i7i rqskvasti ok fidl- 
hiigi. pörir hrakti pä Onnnd lit af skipinu. Onundr komz usw. 
Gl. sml. 1002. Stimmt durchgehend mit 478 4'' überein, wie in der 
eigentlichen saga. s. 1, 2: liettirs. 2, 5 — 15 fehlt. 6, 1 — 3 



58 BOER 

fehlt. 6, 4: vextmadur. 2, 21 — 3,7 = 478. 3, 9: Eyvindar. 
3, 12 — 15 wie 478 usw. 
Tiiott 1776 4*^. Sehr schlechte handschrift. Stammt gleichfalls von B. 
s. 1, 2: hcytils] Jäetils. 1, 3: külu] bustu (= b. 470). 1, 10: 
hcereyar (^ /3), (8, 7 fcereyar = ß). 2, 12: verit em hin 
mesta (= E). 2, 13: jafnan] fehlt (= E). 4, 5: faäir] fqctur 
(= E^). 4, G: fqänr] faitlr (= b). 4, 27: Aurn (= b). 5, 5: 
meäan Ofeigr var vestr (= E). 
Es ergibt sich aus diesen beispielen, dass jede dieser handschrif- 
ten ohne regel bald mit dieser, bald mit jener unter den übrigen über- 
einstimmt. Fast jede denkbare griippierung Hesse sich durch beleg- 
stellen stützen. Unter den wenigen augeführten beispielen finden sich 
z. b. gemeinschaftliche lesarten: 

in AM 163. ny saml. 1714. Stockh. 27: J)elr Onundar meiMi 

s. 1, 14. 
„ AM 163. 477. (558? undeutlich). Kall 610: ve(r)ste s. 2, 18. 
„ AM 558. ny saml. 1714. Kall 610: lendsmannx. kann tök 

s. 12, 1 — 2. 
„ AM 478. gl. saml. 1002. ny saml. 1714: Eyvindar s. 3, 9. 
„ AM 558. 478. gl. saml. 1002. ny saml. 1714: Vestmaär s. 6, 4. 
„ AM 477. Thott 1776: hnstu s. 1, 3. 

„ AM 478. gl. saml. 1002. Thott 1776: lietirs {Jäetils 1776) s. 1, 2, 
aber eine durchgehende Übereinstimmung mehrerer handschrifren ist 
kaum irgendwo zu constatieren (478. 1002). 

Die erklärung dieses phänoraens ergibt sich teilweise aus dem 
früher erörterten. Die band Schriften, denen oder deren vorläge der 
Onundar Jjättr ursprünglich fehlte, stammen, Avie gesagt, alle von der 
oben als z bezeichneten handschrift, welche in bänden desselben besitzers 
wie B sich befand; sie erweisen sich alle als combinationen des E (z)- 
textes mit dem B-texte. Was also in z nicht enthalten war, kann 
nur aus B stammen, und die Schwankungen erklären sich wie die 
Schwankungen zwischen ^bE im Qnundar J3ättr. Wo zwei handschrif- 
ten dieser gruppe durchgehend mit einander übereinstimmen, ist eine 
gemeinsame quelle, welche ihrerseits von zB stammte, anzunehmen. So 
verhält es sich z. b. mit 478. 1002 i. 

1) Hier findet auch die frage bis zu einem gewissen grade ilire lösung, ob 
diese handschriften als selbständige bearbeitnngen auf grund von z und B — wobei 
jedesfalls z zu gründe gelegt wäre — oder als abzweigungen von E zu betrachte u 
sind. Die Schwankungen z^^ischen ßh und E zeigen, dass die letzte annähme nur 



DIE HANDSCHRITTL. ÜBERLIEFERUNG DER GRETTISSAGA 59 

Jedoch genügt die corrigierte hs. B nicht, um alle einander kreu- 
zenden beziehungen dieser haudsclmften zu erklären. Man muss anneh- 
men — imd dies gilt nicht blos von dem Qnundar pättr, sondern von 
der ganzen saga — das der process des abschreibens, der gedanken- 
losen änderung, des corrigierens und widerum des abschreibens der 
änderuug und des corrigierens sich mehrere male widerholt hat. Das 
zeigt soAYol die äussere beschaffenheit wie der text mehrerer handschrif- 
ten. Ich erwähne die äussere beschaffenheit, denn mehr als eine der 
überlieferten handschriften ist in der tat mit corrigierenden randbemer- 
kungen versehen; unter diesen wäre namentlich AM 477 4^, durch 
ihre grosse masse mit verschiedenen bänden geschriebener, aus mehr 
als einer quelle stammender corrigierender randbemerkungen besonders 
dazu geeignet, die quelle einer anzahl sich kreuzender Überlieferungen 
zu sein. Nicht selten kann aus dem texte einer handschrift erschlos- 
sen werden, wie in der vorläge eine correctur angebracht war. In 
AM 558 c fehlen s. 23, 20 — 22 die werte Vinr — Äsmundr. Die 
stelle stimmt mit ßh überein, die quelle ist hier B. In E fehlt nur 
z. 20 — 21: Vinr — Grctiir. Der satz, der in E abej- nicht in ^b 
erhalten ist, folgt in 558 später. Z. 23 fügt die handschrift nach eär 
hinzu: Äsmundr mcclti: fax mtm per annat verk. Grettir mcelti. Also 
war die vorläge vun 558 am rande nach E corrigiert. Die randbemer- 
kung wurde in 558 an unrichtiger stelle aufgenommen. (Dass die vor- 
läge von 558 corrigiei't war, wurde schon s. 57 bemerkt, und auch 
dort zeigte es sich, dass die unmittelbare vorläge nicht B war). Ein 
ähnliches Verhältnis zu ihrer quelle wurde oben s. 54 (zu s. 28, 5. 
8 — 9) für eine stelle in gruppe 1 angedeutet. Das sind nur jüngere 
widerholungen desselben Verhältnisses, welches für ^bE nachgewiesen 
wurde. Auch dort begegnen ganz ähnliche nachholungen. So fohlt in 
b s. 2, 3 der satz: ok p6 — landi, aber z^ 4 nach tini haf {yfir liafit 
b) wird er aufgenommen. 

Das angeführte wird genügen, um die vollständige Wertlosigkeit 
der übergrossen mehrzahl der papierhandschriften der Grettissaga dar- 

dauQ möglich ist, wenn man zu gleicher zeit oiue ur - E - handschrift annimmt' 
welche am rande oder im texte nahezu alle lesarteu und corrcotureu aus B enthielt, 
was zwar im 17. Jahrhundert recht wol denkbar ist, aber sich nicht erweisen lässt. 
Im entgegengesetzten fall muss man auch annehmen, dass auch der On. J). in mehreren 
handschriften selbständig hinzugefügt wurde. Diese auffassung ist wol die einfachste. 
Die ganze handschriftengruppe stammt doch aus derselben schule , in welcher im aus- 
gehenden 17. Jahrhundert eine wahre grussindustrie in compilatiouen aus z und B 
getrieben wurde. 



00 BRUINIKB 

zutun. Über die litterarische Wirksamkeit der Sammler und bücherfreunde 
des 17. Jahrhunderts wirft aber das Verhältnis jeuer handschriften ein 
eigenes licht. 

Da diese Untersuchungen in gewisser hinsieht als prolegomena zu 
der ausgäbe zu betrachten sind, führe ich noch die handschriften an, 
welche von mir nicht benutzt wurden. 

Nur visur — zum teil auszüge und Übersetzungen — enthalten: 
AM 738 40. 67 1. 8°. 918. 1003. 1020 4°. Gamle samling 1011. Ny 
samling 1193. Stockholm 64 fol. 67 fol. Brit. mus. collect. F. Magn. 
290 40. 

Hafrsgrid ist mitgeteilt in: AM 950 40. 166 b. 208 8». 

Chronologie der saga in AM 552 c 4**. Landsbökasafn 127 4". 
Bibl. Oxford collect. F. Magn. 46 4°. Piils safn 49 4°. 

Dänische Übersetzung Gl. samling 1019 fol. 

Schwedische Übersetzung Stockholm 96. 98 fol. 

Grettis rimur AM 611 d 4°. 

Mir nicht zugänglich waren, abgesehen von AM 152 fol. (s. oben s. 41) 
AM 426. 455 fol. Brit. mus. collect. F. Magn. 44. 252 4«. Bökmenta- 
felag 45. 52. 169 fol. Ny samling 1134 (anfang der saga). Thott 984 fol. 

LEEUWAEDEN. R. C. BOER. 



UNTERSUCHUNGEN ZUE ENT WICKELUNGSGESCHICHTE 
DES VOLKSSCHAUSPIELS VOM DE. FAUST 1. 

Die hofsceiieii. 

Am hofe findet bei Fausts anwesenheit statt: das beilager des 
fürsten: AB*DGILMiM2*OWschho und im ballet dernier jotir, ein 
sehr grosses fest: Krschhasclüe, das geburtstagsfest des königs: j, „das 
jährliche fest" (= geburtstag? vgl. j) R. Nur allgemein von einer statt- 
lichen hofhaltung ist die rede in U. In derHistoria und bei Widman 
geht Faust zur hofhaltung des kaisers nach Innsbruck; Mario we 
erwähnt kein fest. 

Wie alt ist das beilagermotiv? 

Das wort beilager wird in sämmtlichen modernen fassungen 
formelhaft gebraucht, und gewiss kannten es ebenso, d. h. formelhaft, 
der Mahler Müller — nach Situation aus Fausts leben s. 28 — und 
Goethe, der es in einem briefe an W. v. Humboldt vom 22. oktbr. 

1) Vgl. Ztschr. 29, 180 fgg.; 29, 345 fgg.; 30, 324 fgg. (Ein Schlussartikel folgt.) 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 61 

1826 zwar in anderem Zusammenhang, aber gewiss unter dem einfluss 
der Jugenderinnerung an die stelle des Puppenspieles verwendete Le- 
bendig Avar Goethen sicher und Müller doch sehr wahrscheinlich auch 
das wort ebensowenig wie uns. Dann gebraucht auch der tschechische 
text J (las deutsche lehnwort pailagr, das nach Kraus s. 57 veraltet 
ist. Meines erachtens sprechen diese erwägungen deutlich gegen die 
möglichkeit, als sei der terminus a quo für das ganze motiv in einem 
so späten termine wie im jähre 1769 zu suchen, wo in Parma ein 
glänzendes hochzeitsfest gefeiert wurde 2, Schon das wort an sich 
muss in unserm stücke viel, viel älter sein, das motiv erst recht. 

Nun finden wir in I *Mi die widervermählung des fürsten^. 
Gerade weil diese Übereinstimmung zweier himmelweit verschiedener 
texte so seltsam erscheint, kann ich sie nicht für zufällig halten. Auch 
0, wo das genesungsfest der herzogin mit auffallendem Wortlaute* 
erwähnt wird, bewahrt vielleicht eine erinnerung daran; es lag das 
durchaus nicht auf der band, und jedesfalls, wenn einmal die tochter 
der mutter platz machen musste, lag die Variante von Dj z. b. viel 
näher. Ist diese widervermählung, wie ich sicher glaube, der letzte 
versprengte rest eines sonst gänzlich verblassten zuges, so rückt er 
das beilagermotiv ins höchste altertum hinauf. Wir können 
damit die persönlichkeit des fürsten, wie der älteste arche- 
typus sie sich dachte, erschliessen. 

Dieser fürst ist in den meisten fassungen ein rein conventioneller 
theaterherzog; etwas färbe erhält er, ausser in den nachher zu bespre- 
chenden DIKrSwTcj (der crucifixversion) und in Rschho sohle nur in 
*LW. In W erzählt die herzogin in ihrem eingangsmonolog von ihrem 
gemahl: nach einigen tagen des beylagers ist derselbe in eine 

1) Goethe gebraucht das mxx auf die vermählungsfeier fürstlicher personen 
gehende wort in seinem wörtlichen sinne, den es Längst verloren hatte: ... dass 
Faust den Mephistopheles genöthigt, ihm die Helena zum beilager her- 
anzuschaffen. Das ist beweisend genug dafür, dass Goethen, als er dies schrieb, 
die erwähnung des beilagers im Puppenspiel vorschwebte. Ihm standen andere und 
sprachlich bessere Wendungen genug zu geböte, aber das wort reizte ihn. 

2) Bielschowsky, VfL. 1891, 194 f gg. 

3) In M' das zweite gelage. Das ist unbedingt kein schreib- oder hörfeh- 
1er für beilager, sondern für zweites beilager; der text ist im allgemeinen 
höchst sorgfältig geschrieben und BGM" z. b., wahre muster von schlechter oi-tho- 
graphie, bieten das richtige wort. Es w.äre höchst auffällig, dass gerade M^ dieses 
häufig in unserm milieu vorkommende wort hätte so sonderbar missverstehen sollen, 
andere aber nicht. 

4) mir ward die teure gattin zum xtveiten male widergegeben 0. 



62 BRUINIER 

solche melankolie niul traurigkeit versiincken (so tiefsinnig 
geworden W^), class auch nichts vermögend (im stände 2) ist, 
das sonst so heitre gemüt [meines gemahls 2] in seine (die 2) 
vorige läge (ruhe zurück 2) zu bringen; jch habe festins über 
festings angestellt, komödien, balle und andere lustbarkei- 
ten angestellt; und dennoch (ich gebe fehden — kämpf- und 
ritterspiele — ball, jagd, und tanzbelustigungeu, aber im- 
mer 2) bleibt er still (düster 2) und in sich gekehrt. Den her- 
zog so traurig und in sich gekehrt zu machen hat nun nicht den 
geringsten zweck. Die feste und die Zerstreuungen, die Faust nachher 
bieten soll, hätte W wie die anderen fassungen alle auf das allerleich- 
teste durch das einfache beilagermotiv, das dergleichen belustigungen 
so wie so nach sich zieht, motivieren können. Dann sagt auch in L, 
wo infolge ganz junger correctur (s. 68) die beiden herzoglichen ehe- 
leute ihre rollen gewechselt haben, der herzog in den einleitenden 
scenen ohne jeden ersichtlichen grund zur herzogin: . . Und doch 
scheint mir, als ob ein geheimer gram manchmal eure stirn 
umwölkte. Ich kann in dem traurigen herzog nicht die erfindung 
eines um motive verlegenen Jahrmarktsdramaturgen sehen, sondern 
halte seine traurigkeit, gerade weil wir sie nur so selten und in so 
unpassendem Zusammenhang finden, für einen uralten, sonst meist 
über bord geworfenen zug. 

Nun finden wir in dem kern dieser scenenreihe, der erscheinungs- 
scene, weitere auffällige und zum traurigen fürsten sehr passende züge. 

Yon DM^Rdi (cschha?) abgesehen ist nur eine der beiden fürst- 
lichen personen während der erscheinungsscene auf der bühne, und 
auch in D (cschha?) ist nur eine von beiden während dessen han- 
delnde person. In den anderen fassungen wird die vorhin mit dem 
gatten (vater) aufgetretene persönlichkeit vor dem auftreten der geister 
mit allen mittein von der bühne gebracht; die motivierungen sind 
überaus armselig i. Auf den ersten blick sieht man, dass früher nur 

1) In L beginnt die hofscene mit einem gespräch zwischen herzog vind heizogin; 
die herzogin (früher der herzog, s. s. 68) entfernt sich „um den gesandten noch 
einige tröstende werte an ihrem vater aufzutragen." Sie will so bald als möglich 
widerkommen, vergisst es aber. InM' unterhalten sich die beiden ähnlich wie in L; 
der herzog entfernt sich, um Vorbereitungen zu einem grossen feuerwerk zu treffen, 
an dem die herzogin grosses gefallen finden soll. In schho sohle hat der vom himmel 
kommende Casper die ankunft Fausts gemeldet; das wird dem herzogspaare angezeigt, 
das sich über die bevorstehenden festlichkeiten unterhält, unter denen (in schho, 
wahrscheinlich aber auch schle) auch ein grosses feiierwerk vorkommen soll. Die 
ankunft des berühmten zauberers entzückt alles; man sucht nach Casper. der davon 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 63 

eine dieser beiden personen, und zwar, Avie wir nachher sehen wer- 
den, die männliche, vor der erschein ungsscene aufgetreten sein kann. 
Die texte aber, die die zweite person übernahmen, müssen zu der 
zeit, wo das geschah, unbedingt noch ein lebendiges gefühl dafür ge- 
habt haben, dass die geistererscheinungen nur unter vier äugen 
vor sich gehen durften; sonst sind die krampfhaften versuche, die 
zweite person von der bühne fortzubringen, gar nicht zu verstehen. 
Dazu liegt nicht der geringste anlass vor. In OSw wird die notwen- 
digkeit des alleinseins sogar ausdrücklich betont^. 

Was kann nun der grund für diese geheimuistuerei gewesen sein? 
Er geht aus dem benehmen des fürsten in der erscheinungs- 
scene hervor. Der fürst fragt Faust, ob er tote erscheinen lassen^ 
könne. Mau beachte die in sämmtlichen fassungen, die diese frage 
überhaupt bieten^, ausser U (schho) begegnende betonung des gestor- 
bensei ns der erscheinungen, zu der doch wahrlich, wenn es sich ein- 
fach um die befriedigung der neugier des fürsten handelt, kein grund 
vorliegt; dann genügte doch einfach die erwälmuug der gewünschten 
erscheinungen, wie in U. Faust antwortet, das könne er nicht, aber 
so wie sie gelebt, könne er sie darstellen. Ganz so noch M^, der ge- 
danke deutlich in DM^OSw erkennbar. Als die gestalten kommen, 
erkennt der fürst die ähnlichkeit^ an und äussert den wünsch mit 
ihnen zu reden''. Faust aber hält ihn zurück, da die erscheinungen 

erzähleu soll, sogar der herzog macht sich auf die suclie. So ist die dame allein. 
Offenbar liegen hier laischungen vor und genügte frülier, wie in M*, das feueiwerk 
allein, um den herzog wegziibriogen. In tritt, nachdem Casper den herzog vexiert 
hat, die tochter Margarethe auf, bekennt ihre liebe zu Faust, den der vater ihr als 
Zauberer darstellt; erzürnt schickt der vater die um gnade für Faust flehende toch- 
ter auf ihr zimuier. In Sw liegt die sache fast genau so. In lo erscheint der her- 
zog nach der erscheinungsscene auf das Jammergeschrei seiner von Mephistopheles 
entführten frau hin. 

1) Das sind wol nur zufällig gerade die jüngsten fassungen. Da absolut kein 
grund abzusehen ist, der für die annähme spontaner neubildung dieses zuges sprechen 
könnte, muss man annehmen, dass Sw den zug traditionell überkam und ihn, wie 
so manches andere, von Schwiegerling entlieh. 

2) Menschen, die in vergangener zeit gelebt haben B, tote körper, die schon 
über 300 jähre in der erde liegen DI(Sw), vei-storbene aus den gräbern eitleren M\ 
tote ins leben zurückrufen M^, längst verstorbene personen (aus der heiligen schrift) 0, 
personen, die schon Jahrhunderte in der erde schlummern Sw, geister eitleren schho. 

3) AGKrLM-'(R?)STW fallen weg. 

4) So BD IE, weniger deutlich auch LM'M'. 

5) So DI, in Bschhaso(R'?) mit der berühr\ing verknüpft. 



64 BRUINIKR 

ja nur asche und kot seiend Von dem versuch einer berühr ung 
der erscheinungen ist in BRschha so die rede, in U sucht der könig 
nach der warze im nacken der frau Alexanders. Die erscheinung 
erhebt in B „drohend" die band, in R schlägt sie dem kaiser ins 
gesiebt. Dann empfindet der fürst ein grausen- und bittet die 
erscheinungen verschwinden zu lassen. 

Hält man alle diese punkte zusammen, die überall nur noch im Zu- 
sammenhang verloren dastehen, so kommt man zu der Überzeugung, die 
gestalten müssten dem fürsten teuer gewesen sein. Nicht blosse 
neugierde leitet ihn, wenn er für sich allein die toten sehen will: er will 
keine profanation. Einen anderen grund für das constatierte alloin- 
seinmüssen der beiden kann man gar nicht entdecken. Dazu stimmt 
allein der sich aus der summe der oben aufgezählten züge für den 
archetypus ergebende elegische grundton der scene, den Widman, vor 
allem aber Lercheimer und die Historia anschlagen: die anerkennung 
der ähnlichkeit, die gewiss nicht aus dem concreten warzenmotiv ab- 
strahiert sein kann, die Sehnsucht nach einer Unterredung, der umar- 
mungsversuch, die warnend abwehrende band der erscheinung — denn 
das liegt der drohung von Bß sicher zu gründe — und endlich das 
grauen. Schon Widman und die Historia hatten versucht zu verges- 
sen, dass die erscheinungen dem kaiser teuer sein müssen^, aber es ist 
noch ausserordentlich deutlich daraus zu erkennen, dass in beiden 
romanen Faust, ehe die erscheinung auftritt, den kaiser vor einem 
unterredungsversuch warnt und dass dieser sich trotzdem nachher hin- 
reissen lässt, und auch daraus, dass bei Widman der kaiser nach der 
warze im nacken greift (!), was doch nur eine ganz plumpe neuerfin- 
dung für den Umarmungsversuch sein kann. 

Nun werden wir nachher noch ziemlich sicher ersehen kön- 
nen, dass im ältesten archetypus nur eine erscheinung auftrat, dass 
es eine frau war und dass diese Maria hiess. So schliesst sich 
alles zu einem runden bilde zusammen, an dessen Wirklichkeit man 
meines erachtens nicht wird zweifeln können: dem ältesten arche- 
typus war der fürst der kaiser Maximilian L, der sich wäh- 

1) So B D I W (schlia so ?). In DI wird die bemerkuug dem köuig in den mund 
gelegt; ist das das ursprünglichere? 

2) Mehr oder weniger deutlich in BM-SwTUWso; in DI wird daraus der 
schreck über den riesen, in R die empöruug des kaisers. In ohumacht fällt der fürst 
in *M^T. 

3) Was besonders aus der (von Spies wider entfernten) rohen Variante des 
Warzenmotivs in der Historia hervorgeht. 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 65 

rend seines zweiten beilagers in trauriger Stimmung die früh 
verstorbene und niemals vergessene erste frau, Maria von 
Burgund, zeigen lässt. 

So weit hatten mich meine Schlüsse geführt, als ich, durch den 
ort, den die beiden prosaromane für die hofhaltung des kaisers nam- 
haft macheu, Innsbruck, angezogen, nach einem etwaigen datum für 
diese hofhaltung suchte. Und da fand ich nicht nur das, sondern 
zugleich die überraschendste bestätigung meiner aufstellungen : am 
16. märz 1494 fand in Innsbruck „in grosser herrlichkeit" 
die widervermählung Maximilians mit seiner zweiten (oder 
eigenthch dritten) frau Bianca Sforza statt. Bianca blieb aber 
dem kaiser unsympathisch, sein herz war immer noch bei 
der nie vergessenen jugendgeliebten Maria von Burgund. 
(ülmann, Kaiser Maximilian 1, 221.) Der Verfasser der Faustspiele 
knüpfte an damals viel kolportierte erzählungen an, die wahrscheinlich 
schon in dramatischem gewande intermezzoartig umliefen, aber nicht 
Faust, sondern noch Tritenheim als zauberer gehabt haben werden, 
und in denen noch wie bei Lercheimer der fürst wegen der erschei- 
nung auf den zauberer erzürnt wurde, nicht wie im Faustspiel ihm 
güädig gesinnt blieb; diese gnädige gesinnung ist eine neue erfindung 
des Faustspieles, hier notwendig der weiteren dramatischen entwicklung 
wegen 1. Ich glaube bestimmt, dass der Verfasser des Eaustspieles 
der Urheber des gedankens war, Faust zum zauberer in dieser 
erscheinungssanekdote zu machen-. Dass die Historia und Wid- 
man, wenn sie diese geschichte von Faust erzählen, unser volksschau- 
spiel als quelle benutzten, ist wol nicht für mich allein unbezweifelbar. 
Vgl. s. 75 fg. 

Aus dem kaiser Maximilian I. macht schon die Historia — d. h. wol 
ihre zweite (dramatische) quelle, s. Zs. 30, 348 — Karl V. Das ist er auch 

1) Noch als selbständiges interludium erscheint die scene in dem von Crei- 
zenach angezogenen buche Jocoseriorum iiatiirae . . eenturiae tres (166(J): Exhibitum 
fuit in theatrali sjjeetaculo pro interhaUo : tibi dum herus e fenestra domus suae 
prospiciens magum reprehenderet , artes suas ante aedes exliibenteni, hie indigna- 
tus cornua affixit hero praedicta praxi. Direkt auf unser stück als ganzes zielt 
diese stelle sicher nicht; dass hier Faust der magus ist, ist allerdings wol nicht zu 
bezweifeln. Ein solches selbständiges interludium (mit erzürntem fürsten, wie bei 
Lercheimer) hat wol noch den Vorstufen der crucifixversion und von *R*schho 
*schle vorgelegen, s. 578. 

2) Das stimmt gut zu dem oft zu erkennenden bestreben volkstümliche züge 
im stücke anziibringen: vgl. die Stufenleiter, die 2. teufelsbedingung, den zauberman- 
tel, die 2. frage der disputation. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXXI. 5 



66 BRDINIER 

(nach Ma) in R. Iml7. Jahrhundert ist der fürst noch ein könig: DIUcj (der 
Sultan ru). In den allermeisten fassungen ist er ein italienischer her- 
zog und zwar wol von anfang an der von Parma. Woher diese 
lokalisierung stammt, ist nicht sicher zu entscheiden: ich äussere meine 
Vermutung darüber, die an Schade anknüpft, im excurs 2. Die cru- 
cifixversion lokalisierte ihre hofscene anfangs sicher in Regensburg 
und hatte dann wol auch noch einen deutschen könig; vgl. excurs 1. 

Der archetjpus wird also schon das beilager des fürsten gehabt 
haben. Wie daraus das grosse fest von Kr schho sohle werden konnte, 
ist ganz klar: dieses fest war nur eines der vielen zum beilager gehö- 
rigen fesiins^ wie W^ es nennt. Das zeigen BIschhaschho ausser- 
ordentlich deutlich 1. Mau wird auch annehmen dürfen, dass solche 
fassungen einwirken konnten, die absichtlich das beilagermotiv gestrichen 
hatten, wie die romane, danach MaRU, zumal da der schmelz der 
scene durch die indifferentmachung des fürsten schon sehr früh all- 
gemein zerstört worden war. 

Nach der erschein ungsscene wird Faust zu einem festmahl ein- 
geladen in ABLMiM^OUWschhoschleso^, wol auch schha. Das sind | 
sämmtliche in betracht kommende texte; in der fabel des archetypus 
lag dieses festmahl also sicher hinter der erscheinungsscene. Die 
fürstliche person ist also von den erscheinungen befriedigt 
und denkt nicht daran, Faust deswegen zu verfolgen^. 

Wir fragen: ist dieses jetzt überall nur angedeutete festmahl ein- | 
mal wirklich zur darstellung gelangt? 

Das ist nicht möglich, wenn das, was sich in ABM^M-0 
Wschho sohle so und sicher auch *L unmittelbar an diese ein- 
ladung anschliesst, in dieser form anspruch auf höheres alter erheben 

1) B s. 138 Meph.: der herzog v. P. gibt he^lt ein grosses fest. S. 140 
aum.: Dein herr ist zum herzoglichen beylager. S. 144 Carlos: bei diesem 
hohen feste .. Wenn alle tage solche feste gegeben -würden. S. 147 her- 
zogin: Ihr habt euch mit dem herzog unterhalten, und seid gewiss von 
ihm zum heutigen feste eingeladen worden? — I: der könig von Portu- 
kal wird morgigen tags ein grosses fest halten, bei welchem pailagr ich 
mich gerne befinden würde. In schhoschle deckt der kammerdiener den tisch 
für das grosse fest, also ein festessen. 

2) Die zur crucifixversion gehörigen fassungen DIKrSwTcjsw, zum teil Er, 
stellen sich allen andern gegenüber; aus methodischen gründen lasse ich sie zunächst 
ausser betracht. Ausserdem fallen GM-S überhaupt aus und von diflorruz wissen 
wir nichts oder nur gröblichst entstelltes. 

3) Zu einem alten mit dem Faustspiel concurrierendeu inteiludium, das Avie 
Lercheimer einen erzürnten fürsten und kein festmahl hatte, vgl. s. 65. 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 67 

darf: Faust will der einladung folgen, da vertritt ihm Mephisto den 
weg; ihm drohe lebensgefahr. Diese wird näher bestimmt als ein 
giftbecher in M-OWschhoschleso. In so ist Vermischung von motiven 
eingetreten; erst habe man ihn ofien töten wollen, was Mephisto ver- 
hindert habe, dann sei man auf den giftbecher verfallen. In ABM^ 
schha*so ist die art der gefährdung nicht angegeben; jedesfalls war sie 
aber so beschaffen, dass sie nicht an der festtafel selbst drohte. Und 
das wird das ältere sein, wie z. b. so deutlich zeigt; auch wird sich 
der handgreifliche und doch sicherlich sensationelle giftbecher nicht wol 
zu einer unbestimmten gefahr verflüchtigt haben. Dass nun Mephisto 
gerade vor dem gastmahle als warner auftritt, ist doch eigentlich nur 
berechtigt, wenn die gefahr während der tafel droht, d. h. wenn Faust 
dort ein giftbecher gereicht werden soll; ist er anderweit gefährdet, so 
braucht das nicht an der tafel der fall zu sein, wo Faust unter dem 
schütze des fürsten stehen niuss, der ihn zur tafel geladen. Allem 
anscheine nach stand also die warniing Mephistos in keinem causal- 
zusammenhang mit der festtafel und einen solchen schuf erst die fas- 
sung, die den giftbecher erfand. Diese hatte also jedesfalls das festmahl 
nicht, die andern können es auch trotz der warnung gehabt haben. 

Nun ist offenbar das giftbechermotiv in sohle beheimatet; 
denn das ist die einzige fassung, in die es sich ungezwungen und ohne col- 
lision einfügt. Dass aber gerade der Vorgänger dieses textes das festmahl 
hatte, ist völlig sicher. Hier spielt noch jetzt alles in dem Speisesaal, in 
dem der tisch fertig gedeckt dasteht und den die gaste während der 
erscheinungsscene betreten. Als letzter kommt der herzog, der vorher 
um Casper suchen zu helfen den saal verlassen hatte. Das sieht doch 
genau wie die zusammenziehung zweier früher getrennter scenen aus: 
die tafel steht gedeckt da und die gaste kommen; aber das essen selbst 
wird nicht mehr zur darstellung gebracht; die kimststücke, die Faust 
in *schle an dieser tafel gezeigt hatte, werden nach vollzogener redac- 
tion jetzt erwähnungsweise angebracht. Der ausserordentlich nahe ver- 
wandte text schho stellt eine etwas ältere stufe dar als schle. Das mahl 
ist hier ganz gestrichen, ohne dass ein anderer versuch das scenar zu 
retten gemacht wäre als die vorwegnehmende erwähnung der kunst- 
stücke. Die erscheinungsscene spielt im vorsaal. In der unverküm- 
merten Vorstufe von schho schle scheint also die erscheinungsscene im 
Vorzimmer gespielt zu haben, nach der einladung wird der zwischen- 
vorhang entfernt und man betritt den Speisesaal. 

Das festmahl ist nun für *schho*schle aus einem weiteren gründe 
unbedingt nötig: es führte einst die katastrophe herbei. In beiden 

5* 



68 BBIJINIER 

fassungen droht Fausten die gefahr vom herzog. Dieser hat in schho 
*schle Faust vor dem festmahl gar nicht zu gesicht bekommen, denn er 
tritt in schho erst nach der erscheinungsscene, und in sohle ganz an 
deren Schlüsse auf; die Zuschauerin der erscheinungsscene, die herzogin, 
will Faust dem gemahl vorstellen, dieser bittet aber damit bis zur tafel 
zu warten, wo er sich selbst durch kunststücke zu erkennen geben will. 
Warum Avill nun der herzog Faust vergiften lassen? schho gibt gar 
kein niotiv an — wie Hörn ausdrücklich betont — ; in sciile hat er 
die neigung der herzogin zu Faust bemerkt und zugleich erkannt, dass 
diese durch die höllischer hilfe zu verdankenden Zauberkünste noch 
genährt werde. Die einsieht in das höllenbündnis bleibt als einziges 
motiv für den zorn des herzogs in *schho*sclile übrig, da die eifer- 
sucht erst in sohle selbst entstanden sein kann^ Dazu kann aber 
der herzog nur durch den augenschein selbst, d. h. an der festtafel, 
kommen. 

Nun besteht kein zweifei, dass im archetypus der männliche fürst 
der Zuschauer der erscheinungsscene war. Der Vorläufer von schho sohle 
brauchte einen erzürnten herzog, wollte aber die einladung zur festtafel, 
diese selbst und die dann unbedingt nötige gnädige gesinnung des ein- 
ladenden beschauers der erscheinungen nicht missen. So verfiel er 
auf den gedanken, die auch ihm überkommene alte einheit- 
liche fürstenfigur der erscheinungsscene zu spalten in die 
gnädig gesinnt bleibende herzogin und den erzürnten her- 
zog. Für mich besteht kein zweifei, dass die einführung der herzogin | 
an stelle des herzogs in die erscheinungsscene nur ein mittel ist, das ■ 
motiv des zornes des herzogs in die überkommene fassung ohne Wider- 
sprüche hineinzubringen. Der erzürnte herzog ist auch der Vorstufe 
von schho sohle fremd gewesen. Die herzogin drang dann von schho 
sohle aus in sämmtliche Schütz-Drehersche und sächsische^ fassun- 

1) Als der oben erwähnte redactor von sohle die tafelscene mit der erschei- 
nungsscene zusammenfliessen Hess, niusste er natürlich einen anderen griind für des 
herzogs zorn erfinden, und das war die eifersucht. Sie keimt im herzog während 
der kurzen zeit auf, wo er am schluss der erscheinungsscene eintretend die gemah- 
lin in iatimem gespräch mit Faust findet. Mahl er Müller hat in der Situation aus 
Fausts leben eine mit unserm sohle fast völlig identische fassung benutzt, schho, 
das diesen aus weg nicht gefunden hatte, aber das festmahl ebenfalls streicht, hat nun 
gar keinen grund für den zorn des herzogs mehr anzugeben. 

2) In L ist die herzogin durch ganz junge correctur wie in B""""' durch den 
herzog ersetzt. Besonders der 1. aufti'itt der hofscenen zeigt so frai)paute anklänge 
an M*, dass man unzweifelhaft hier L in die nächste nähe von M* rücken muss; die 
alten gründe für die entfernung des einen gatten aus der erscheinungsscene, nämlich 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 69 

gen ein, sowie nach Wlo. Die eifersucht des herzogs drang nach 
gicorr M2*0*Swlo*r*z; in den ganz jungen Versionen tritt an die stelle 
der herzogin entweder die prinzessin, in die sicli mm Faust verliebt 
(OSw), oder wider der herzog selbst (Bi''°"L), oder beide treten zu- 
sammen auf (M-di). Die gründe, die die prinzipale zu dieser ersetzung 
führten, sind wenigstens für Bi'"'"LOSw^ sehr durchsichtig und von 
Bielschowsky Sw. s. 3 richtig angegeben: es war die rücksichtnahme 
auf das meist nur noch aus kiudern bestehende pubhkum. 

Ob nun auch weitere texte ausser *schho*schle (und natürlich 
der crucifixversion) das festmahl einst besessen haben, lässt sich erst 
beantworten, wenn wir uns die gründe für Fausts flucht vom hofe 
ansehen. Da der fürst Faust eingeladen hat, der ihm eben die unzwei- 
deutigsten beweise seiner übernatürlichen kirnst gegeben, die durch 
andere auch noch so starke kunststücke kaum überboten werden kön- 
nen, ist es von vornherein ausgeschlossen, dass im archety- 
pus Faust vor dem zorne des zauberfeindlichen fürsten hätte 
fliehen müssen, wie in dem selbständigen interludium, an welches 
die Vorstufen der crucifixversion und von Eschho sohle sich anlehnen. 

Mit der einladung ist die motivierung, Faust solle vorgestellt 
werden, verknüpft in BLM^Wschhoschle, und zwar dem hofe in B, 
dem fehlenden gemahl in den übrigen fassungen. Ist dieses motiv alt? 
Man kann ja den gedanken nicht von der band weisen, dass es auch 
spontan entwickelt sein könnte i. Aber viel näher liegt doch die 
annähme, dass es im gründe sehr alt ist. Es schliesst sich an die 
einladung zur tafel vorzüglich an. Faust ist ja nicht bekannt, denn 
die erscheinungen geschehen miter vier äugen und im archetypus lief 
Faust dem monologisierenden fürsten unangemeldet über den weg (vgl. 
s. 73). Ich glaube, dass nichts dagegen, aber sehr viel dafür spricht, 
dass der fürst am Schlüsse der erscheinungsscene sagte: kommt zur 
tafel, ich will euch dort meiner gemahlin^ und dem hofe vorstellen. 
Faust aber bittet mit der Vorstellung noch w^arten zu wollen. Diese 

die Vorbereitung des auch in schho begegnenden feuerwerkes, passen nur, -wenn der 
herzog abgeht. 

1) Aber in "W steht es in einem Zusammenhang, der diesen gedanken wider 
nicht aufkommen lässt: es tritt nämlich nicht in Verbindung mit der einladung selbst 
auf, sondern ziemlich unvermittelt, nachher in der antwort Fausts auf eine frage 
Mephistos. 

2) Da das beilagermotiv alt ist, wird man der frau wenigstens diese statisten- 
rolle zuschreiben müssen, wenn man ihr nicht, was an sich wahrscheinlich, aber 
nicht auszumachen ist, eine bedeutendere rolle gömien will. Vgl. s. 71 a. 1. 



70 BRÜINIER 

jetzt nur in sclihoscble noch in diesem Zusammenhang erhaltene heim- 
lichtuerei muss unbedingt sehr alt sein, denn auf ihr beruht das in 
allen fassungen dasselbe bild zeigende auftreten der lustigen person. 
Faust will unerkannt bleiben. Denn er fürchtet die hofherren, 
die in ihm den höllenmann wittern könnten und deren nach- 
stellungen er sich durch die flucht entziehen will. 

Ich stelle das aprioristisch auf und lasse die begründung folgen. 

Dass Faust in hofherren gegner besitzt, zeigen viele fassungen; 
ich mache auf den plural aufmerksam, den wir fast überall feststellen 
könnend Was haben diese hofherren gegen ihn? In frage kommt 
da in erster linie natürlich der bekannte und gewiss einst einen haupt- 
anziehungspunkt bildende scherz, dass Faust einem höflinge ein hirsch- 
geweih anzaubert, und ihn damit aufs gröblichste beleidigt. Nun ist 
aber davon, dass Faust im archetypus auf diese weise jemanden belei- 
digt hätte, und er deshalb fliehen musste, nichts zu verspüren. Yon 
beleidigungen, die ihn zur flucht treiben, ist überhaupt nur in AW die 
rede. In A hat er „gleich bei seiner ankunft" die hofherren beschimpft. 
Nehmen wir auch an, was gar nicht nötig ist, das gienge auf 
den geweihzauber 2, so kann das nur in anderem zusammenhaug ge- 
schehen sein, als in den beiden fassungen, die uns von dem scherze 
berichten, Neuber und v. Kurtz. Bei Neuber haben wir anschei- 
nend genau denselben Vorgang wie bei Ma(A): ein augenzeuge der 
erscheinungsscene zweifelt an Fausts kunst und verhöhnt ihn, was in 

1) Faust beleidigt gleich bei seiner ankunft die hofherren; diese wollen ihn 
töten: A. ; F. hat „Verfolger, die nach seinem leben trachten": M'; „sie" haben seinen 
tod beschlossen, weil er die fürstin liebt: M^; „man" hat schon anstalten getroffen, 
Faust festzunehmen; „die hofpersonen " werden durch die erzäblungen der herzogin 
und der leute, die Casper erzählen hören, in ihrem glauben (nämlich dass Faust mit 
der höUe verbündet sei) noch bestärkt: Bso, sehr wahrscheinlich auch schha. In T 
verlacht Faust den herzog und sein „parlament". Bei v. Kurtz belustigt Faust sich 
mit den hofherren, von denen einer die hörner bekommt. In dem nachdrucke 
des Spi esschen Faustbuches vom jähre 1589 finden wir eine auffällige Variante des 
eindrucks, den der höruerzauber auf die Zuschauer macht (vgl. F. Zarnckes Kleine 
sehr. 1, 279: . . . welches der keyser war nam, darüber lacht vnd, jm vvol- 
gef allen Hesse, desgleichen sahen dieses mich viel andere -vom hoffgesinde, die 
sich allda versamleten, vnd eins theils seiner spotteten, eins theils aber ein gros 
mitleiden mit jhme trugen bis endlich D. Faustus jhm die zauberey wi- 
derumb aufflösete. Das im druck hervoi'gehobene fehlt im original von 1587.) 

2) Faust vor Goethe I, 79 aum. 1 war ich zuversichtlicher als jetzt. Denn 
damals wusste ich noch zu wenig vom richtigen. Hier lehnt sich A wahrscheinlich 
an die crucifixversion an, vgl. s. 81 und einiges in der letzten scene (der rabe, das 
crucifix). 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 71 

Widerspruch mit der deutlichen und unbedingt älteren, weil der deut- 
schen sage genau entsprechenden tendenz steht, die erscheinungen nur 
dem fürsten allein zu zeigen. Dass Neuber hierin, wie auch in den 
folgenden , im volksschauspiele immerdar fremd gebliebenen scherzen 
Ma (A) befolgt, unterliegt für mich keinem zweifei. Bei v. Kurtz 
belustigt sich Faust mit den hofherren und zaubert einem das geweih 
an; sicher nach der erscheinungssceue, aber in welchem zusammen- 
hange ist unklar. In W wird die herzogin von Hans Wurst beleidigt, 
und Faust meint, er selbst hätte die dame nicht beleidigt. Da erin- 
nert nur der begriff der beleidigung an die möglichkeit eines Zusam- 
menhanges mit A und dem geweihzauber; aber wie schwach ist diese 
erinnerung! Sonst finden wir nirgends auch nur die spur davon, dass 
Faust einen hofherrn beleidigte und deshalb fliehen musste. In den 
anderen fassungen ist der grund zur flucht deutlich angegeben: es ist 
die einsieht der hofleute in das höllische bündnis. Nur diese 
erklärt den plural in ABM^M^schhaso und avoI auch bei v. Kurtz. 
Wir haben hier einen naiven und auch deshalb am ehesten ganz alter- 
tümlichen zug, den ich unbedenklich dem archetypus zuschreibet Wenn 
nun diese hofherren — man braucht ja nicht gleich an ein dutzend^ 
zu denken — für ihre gute absieht mit dem hirschgeweih belohnt wer- 
den, so wird das dem archetypus wol entsprechen. 

Diese hofleute müssen nun doch einen grund zu ihrem glauben 
haben; weil sie aber den Zauberer vorher nicht zu gesicht bekommen 
haben können, müssen wir schliessen, dass sie nach der erscheinungs- 
sceue hinter Fausts höllenbund gekommen sind. Damit wird das fest- 
mahl, zu dem ja überall die einladung an Faust ergeht, für 
den archetypus sehr wahrscheinlich^; wenn es keinerlei spuren 
hinterlassen hat, so ist das eben die folge der Streichung. Auf der 
puppenbühne konnte ein festmahl wol von anfaug an nicht zur dar- 
stellung gelangen. In den Schütz-Dreherschen fassungen Bschhaso 
vermittelt noch jetzt Hans Wurst den hofleuten die einsieht in das 
höllenbündnis und es ist überhaupt wahrscheinlich, dass die parodie- 

1) Ob vielleicht in diesem die herzogin sich hinter die hofleute steckte, weil 
sie ahnt, dass der „traurige", ihr nicht zugetane fürst durch die erscheinung der 
jugendgeliehten gegen sie eingenommen worden ist? Das wäre ganz gut möglich. 
Besonders R ist hier interessant, wo die kaiserin ein paar mal gegen die geistersucht 
ihres gemahls einwendung erhebt. 

2) Vgl. jetzt auch R, wo der eine höfling das geweih, der andere eselsohren 
bekommt. 

3) Allerdings nicht unbedingt nötig, da auch beeinflussungen der hofleute hin- 
ter der scene (durch die herzogin z. b.) denkbar sind. 



72 BRUINIEB 

rung der erscheinungsscene sowie auch die perlickescene zunächst hier, 
also nach der erscheinungsscene , gelegen hat. Seitdem diese Inter- 
mezzi so ausgewachsen waren, brauchen die vulgatafassungen das fest- 
mahl nicht mehr gehabt zu haben, Aveil eben dessen technische bedeu- 
tung durch das Intermezzo aufgenommen worden war; vielleicht liegt 
hierin der hauptgrund für die Streichung des festmahls. Als dann 
später von den meisten fassungen — nur Swschhaso schliessen sich 
nicht an — die Intermezzi alle an den beginn der scenenreihe verlegt 
wurden, kam die den schluss des ganzen bildende warnscene unmittel- 
bar hinter die erscheinungsscene zu liegen. Dass in U das festmahl 
ohne weiteres gestrichen worden sei, darf man ohne zögern annehmen; 
so dürftig wie hier lässt sich auch das naivste publikum nicht abspei- 
sen. Und Geis seibrecht wusste mit der so vielfach entstellten sce- 
nenreihe überhaupt nichts rechtes mehr anzufangen, er streicht sie wol 
deshalb in GS ganz und bewahrt von ihr in W nur noch schwache 

trümmer i. 

Nun erübrigt noch die betrachtung des beginnes der scenen. 

Ausser in ESwUschha wird Fausts ankunft überall ^ durch Hans 
Wurst vermittelt, der aus der luft geflogen kommt; in ADILM^M^ 
OAV(Svv) macht er sich dem fürsten, in Bschhaschho sohle so einem 
hofherru bekannt. Dass diese Hanswurstfunction erst nachträglich in 
den anfang der hofscene geraten ist, ist überall deutlich zu sehen 3. 
Sie kommt für den archetypus nicht in betracht. 

Faust erscheint sicher un eingeladen. Dass der fürst oder ein 
von ihm beauftragter einladungen an alle künstler hätte ergehen lassen, 
wie Bi^^^LM' haben, ist unsti-eitig jüngere erfindung; älter ist der 
diese einladung aufhebende zug, dass Faust sich beim fürsten ob der 
kühnheit, die er sich genommen, entschuldigt: LM^UW. M^W heben 
das „unangemeldet" hervor. 

1) Die herzogia ist von *schho*schle her übernommen. Dass sie hier nicht 
beheimatet sein kann, sehen wir deutlich darin, dass in AV- die erscheinuug Alexan- 
ders nur als probe der kunst Fausts dargestellt wird; das andere will er alles erst 
nachher der hanptperson, dem herzog, zeigen. In W^, wo jede erscheinung fehlt, 
ist dieser vorspielcharakter noch viel deutlicher. 

2) GKrM^STlorz fallen aus. 

3) In DI erhält er vom fürsten den auftrag, seinen hcrrn hereinzuführen, 
ebenso wie in (R)U der edelmann; aber als Faust nachher wirldich auftritt, hat der 
könig das Intermezzo ganz vergessen. Ih ABLM^ und wol auch M" ist die Hans- 
wurstmelduüg ohne einfluss auf Fausts auftreten, nur in OW^ ist die anschweissung, 
ganz oberflächlich, durchgeführt. 



VOLESSCHAUSPIEL VGN FAUST 73 

Yor dem ersten auftreten ist Faust dem herzogt schon von ansehen 
bekannt in BOSw. Das ist anscheinend in B nur eingeführt, um das 
auftreten der herzogin mit Faust und ihre dort sich zeigende bekannt- 
schaft von früher her zu motivieren. In OSw muss die Hebe der 
tochter zu Faust motiviert werden. In AM2(0)UW, wol auch schho 
schle, erkennt der herzog den zauberer beim auftreten sofort: in *A 
M-RUschhoschle, wol auch *Bschha*so, weil hier ebenfalls der kammer- 
herr als mittelsperson erscheint, wird er von einem edelmann (diener 
M^) angemeldet. In (0)W redet der herzog Faust ebenfalls mit namen 
au, aber Faust erstaunt darüber, dass er bekannt ist; hier liegt also 
eine anmeldung durch einen höfling gewiss ursprünglich ebensowenig 
vor, wie in LM^ und der crucifixversion, wo Faust als völlig fremder 
auftritt, den der herzog nach seinem namen fragt, den er auch ohne 
zögern nennt. 

Offenbar haben wir zwei gruppen : eine mit anmeldung Fausts 
durch einen höfling (Schütz-Dreher, ARU und M^) und eine, wo 
Faust unangemeldet und unvermitt'^n dem herzog in die quere kommt 
(LM^, W und die quelle der crucifixversion). Nur das letztere passt 
zu allem, w^as wir bisher erschlossen: dass Faust dem hofe erst nach 
der erscheinungsscene vorgestellt werden soll, dass er die höflinge 
von vornherein fürchtet, dass der fürst die erscheinungen allein sehen 
will. Daher ist auch sicher der garten, wo eine solche zufäUige begeg- 
nung am wenigsten unwahrscheinlich ist, das local des anfangs der 
scenenreihe, sowie auch der erscheinungsscene, im archetjpus wie in 
A B D (Kr) L M^ M 2 W f so sw ^. Zum festessen gehts dann in den geschlos- 
senen saal. Die höfische ausschmückung durch die formelle anmeldung 
durch den edelmann entstand zuerst in fassungen, in denen keine heim- 
lichtuereien beabsichtigt waren, d. h. wo Faust die höflinge nicht von 
vornherein zu fürchten braucht und der fürst auch nicht allein zu sein 

1) Um UDnötige -Weitläufigkeiten zu vermeiden, spreche ich hier überall vom 
„herzog" auch da, wo jetzt nur die herzogin auftritt. 

2) Für *A darf man das unbedenklich annehmen. Der herzog redet jetzt Faust 
beim auftreten sofoi-t mit namen an und Faust wundert sich darüber gar nicht. Er 
hat hier ja auch „gleich bei seiner ankunft die hofleute beschimpft". 

3) In einem saale (d. h. dem lokal der festmahlscene) spielt alles in ISwT 
U(?) schho schle, imd sicher auch *D (wo der könig, obwol die sache im garten vor 
sich geht, auf dem throne sitzt). In di ist die scene im saal, mit aussieht auf den 
garten, für das Intermezzo verwandelt sich das scenar in einen freien platz. In lo 
schha spielte wahrscheinlich die erscheinungsscene im saal, der sich dann für die 
Casperscene in schha, für die entführung der herzogin in lo in den gai-ten ver- 
wandelte. 



74 BRÜINIER 

wünschte. Ich glaube, dass hierin englischer einfluss^ nicht zu ver- 
kennen ist, der für RU ja so wie so überall erkennbar ist. 
Nunmehr kurz die einzelnen scenen. 

VII. Erscheinuiigsscene. 

Der fürst muss mit einem monologe die scene eröffnet haben. 
Da kein einziger text sein Charakterbild festgehalten hat, hat sich der 
Inhalt dieses monologes nirgends erhalten; vielleicht hält W am meisten 
noch züge von ihm fest. Die allgemein gehaltenen reden von ADIORU 
und von Bschhoschle, wo sie der kammerdiener zu sprechen hat, haben 
keinen anspruch auf höheres alter, die schwungvollen worte in ü leh- 
nen sich wahrscheinlich an irgend eine litteraturstelle des 17. Jahrhun- 
derts an. Bemerkenswert ist, dass auch in L noch ein rest der trau- 
rigen Stimmimg nachzuhallen scheint. Faust tiltt auf, begrüsst den 
fürsten, etwa Avie in Aü, wird dann wie in *DILM*W nach seinem 
namen gefragt, den er ohne zögern nennt, und freundlich vom fürsten 
bewillkommt; er habe schon von Faust gehört (ABDILM^lIWschho). 
Faust lehnt bescheiden das lob ab und bittet über ihn verfügen zu 
Avollen. Der fürst kommt dann gleich auf die erscheinun gen zu 
sprechen. 

Der älteste archetypus lehnte sich an die auch von Lercheimer 
und Hans Sachs berichtete gestalt dieses novellistischen ziiges an, wonach 
Tritenheim dem kaiser Max die Jugendgemahlin Maria von Burgund zeigte. 
Das von Lercheimer sehr gut festgehaltene elegische moment ist anschei- 
nend ganz unversehrt in den deutschen archetypus hinübergenommen wor- 
den; das Volksschauspiel weicht nur darin, und zwar mit guter absieht 
(s. s. 65) von Lercheimer ab, dass der kaiser keinen zeugen hinzuzieht und 
nachher nicht auf den zauberer böse wird. Ob es die feststellung der per- 
son durch das warzenmotiv hatte, ist allerdings auch fraglich; ich glaube, 
die fassungen müssten diesen zug treuer bewahrt haben, wenn sie ihn 
einst gehabt hätten. Ein selbständiges intermezzo, das den eindi-uck der 
erscheinung auf den fürsten festhält, wie Lere heim er ihn schildert, be- 
stand daneben bis in die zweite hälfte des 17. Jahrhunderts und konnte 
einzelne fassungen des Faustspieles noch beeinflussen s. s. 65. 

Das elegisclie moment und die Stimmung des fürsten lassen es als aus- 
geschlossen erscheinen, dass schon im ältesten aiThetypus neben der Maria 
noch eine andere gestalt erschien. Ausserordentlich früh aber kam ein 
neuer zug hinein, der dem elegischen moment und der traurigen Stimmung 
den todesstoss versetzen musste. Der fürst lässt sich aus neugierde einen 
oder mehrere beiden aus der Vergangenheit zeigen. Schon Luther erzählt, 
dass Tritenheim dem kaiser Max ausser der Maria noch Alexander den Gros- 
sen, Caesar und andere beiden gezeigt habe. In der Historia und bei Wid- 

1) Die englischen comödianten können den edeluiann sehr leicht selbst erfim- 
dea haben. 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 75 

man finden wir dann die combination Alexander und Alexanders frau, worin 
die beibehaltung- des warzenmotives ausserordentlich komisch wirkt. Aus 
der Schilderung, welche die Historia dem Alexander angedeihen lässt und 
den daran vorgenommenen änderungen Widmans ersehen wir aber nun 
auch die herkunft dieses motivs der neugierde ganz deutlich und zugleich 
gewinnen wir dadurch die älteste form der novelle überhaupt. Alexander 
ist noch in der Historia nur dem namen nach Alexander der 
Grosse, in Wirklichkeit ist er der römische kaiser Alexander 
Severus, den sich nach der mittelalterlichen sage sein söhn He- 
liogabal erscheinen lässt. Alexander erscheint inn aller gestalt, wie 
er im leben gesehen, nemlich ein wol gesetztes dickhs mänd- 
len, hett ein rotten gleich falben dickhen barth, rottbackhet, 
vnnd eines strengen angesichts, als oh er hasilisken aiigen hett. Das 
strenge angesicht und die basiliskenaugen erklärt der name Severus. Auch 
passt für den Alexander Severus viel besser, was der kaiser in seiner for- 
derung ausspricht: er wolle einen vorfahren sehen, den er immer kaiser 
nennte Widman weiss, dass Spies noch den Alexander Severus schil- 
dert und ändert darum diese Schilderung da, wo sie allzusehr nur auf Severus 
passt, während er sonst in dieser scene Spies fast wörtlich folgt. Man 
kann die absieht der änderung unmöglich verkennen % Alexander Severus 
ist nun die älteste dieser totenerscheinungen. Das elegische moment ergibt 
sich aus dem verwandtschaftsverhältnis des geistes zum handelnden. Im 
; anfang des IG. Jahrhunderts krystallisiert sich das elegische moment um 
die das volksgemüt stark erregende tragische figur der Maria von Burgund : 
die Innsbrucker hochzeit, die bekannte abneigung Maximilians gegen seine 
zweite gemahlin helfen die erzählung pikant zu machen. Diese version geht 
auf Hans Sachs, Lercheimer und, ganz rein, auf das Faustspiel über. 
Daneben bestand das jmar Alexander Severus -Heliogabal in der gelehr- 
ten sage bis gegen das ende des 16. Jahrhunderts fort, wie die Historia 
und Widman — der ja undeutlich davon berichtet — beweisen. Schon 
früh wurden nun beide Versionen kombiniert, aus Alexander Severus machte 
man aber seinen berühmteren namensvetter. Das elegische moment musste 
jetzt vor der neugier des fürsten zurücktreten. So Luther, vielleicht der 
Schöpfer dieser nicht gerade glücklichen kombination: er mochte sich an 
beide Versionen erinnern und ungewollt Alexander Severus durch Alexander 
Magnus ersetzend kombinieren. Das elegische moment wird dann schliess- 
lich durch die ersetzung der Maria durch Alexanders des Grossen frau, 
eine höchst ungeschickte gelehrte verirrung, vollständig vernichtet. Wer 
diese unglückliche idee ausheckte, ist natürlich nicht festzustellen; es könnte 
die erste pädagogische Umarbeitung^ (= der zweiten quelle der Historia) 

1) Dass die reihe der kaiser erst mit Julius Caesar begann und dass Alexan- 
der der Grosse nicht zu diesen vorfahren gehörte, wussten die leute im 16. Jahrhun- 
dert hesser als die meisten unserer Zeitgenossen. 

2) Alexander war kein grosse person, hette einen falten hart, und 
war eines strengen angesichts. Man halte den sonstigen Wortlaut der beiden 
texte zusammen! 

3) Vgl. besonders die betrachtung der X. scene. 



76 BRUINIEE 

gewesen sein. Noch in der Historia erscheint die „gemählin" mit Alexan- 
der gar nicht verschmolzen^. Auf den ersten blick sieht man, dass die 
Historia dem yolksschauspiel gegenüber imursprünglich ist; es gelingt ihr 
die beabsichtigte Verwischung des elegischen momentes nur schlecht. Nichts 
hindert uns, im volksschauspiel auch die direkte quelle der Historia zu 
sehen, insofern der zug von Faust und nicht mehr von Tritenheim berich- 
tet wird. Denn auch die Historia und Widman haben den markanten 
zug des alleinseinmüssen s, den Lere heimer verwischt; sie haben auch die 
gnädige gesinnung des kaisers: es solt jm nichts widerfahren, bey 
seiner kays er liehen cron, die nach s. G5 eine erfindung des Faust- 
spieles sein Avird und deshalb ebenfalls Lere heimer fremd ist; bietet doch 
dieser davon das grade gegenteil. 

Die übrigen texte des Schauspieles werden dann Alexander den 
Grossen, den sie ausserordentlich früh der Maria zugesellt haben, ebenso 
der einflussreichen ersten pädagogischen Umarbeitung entnommen haben, 
wie (Zs. 30, 332) die Vereinfachung des teufeis und die Verlegung der die- 
nerconcurrenz. Alexander der Grosse erscheint fast in allen fassungen, 
seine gemählin hat aber das volksschauspiel nicht adoptiert; 
das ist ganz zweifellos. 

Die Maria von Burgund wurde mit der zeit vergessen. Aber ihr 
name blieb. Aus der Maria von Burgund wurde die Maria mutter got- 
tes mit dem bekannten erkennungszeichen des die brüst durchbohren- 
den Schwertes. Diese erscheinung musste vielfach ärgernis erregen. In 
allen auf katholische Ursprungsländer deutenden fassungen — 
der crucifixversion, Geisselbrecht, Schütz -Dreher — wurde diese 
älteste hauptfigur der ganzen scene, die teure tote frau, ganz gestrichen, 
nur Alexander blieb zunächst übrig. Bei den Sachsen dagegen hielt sich 
die mutter gottes zunächst noch, hinterlässt in M^M^ ihre spuren in den 
Wirkungen ihres auftretens und wird später durch die beliebte novellenfigur 
der Lucretia ersetzt, die in fast allen ausführlichen fassimgen noch mit 
dem dolch in der brüst ausgestattet ist. Ihr Selbstmord allein motiviert 
diesen dolch nicht. Die Sachsen haben also in ihrem archetypus Alexan- 
der und Maria festgehalten 2. 

Neben diesen die tradition festhaltenden fassungen gewinnt nun das 
farbenprächtige bild boden, das Marlowe B aus dem nücliternen von Ma 
(A) gemacht hatte. Die dreiergruppe Alexander -Darius- Alexanders fi^au 
löst sich in zwei bilder auf: den kämpf Alexanders mit Darius imd die 
alte dreiergruppe. Dazu kamen dann homerische episoden, die bilder des 
Tantalus, Sisyphus und Titys. Die dreiergrui^pe wird von AA''allerotti zu 
Pompey Tod lungedeutet, in den jähren 1742 — 17G7 aber völlig umge- 
staltet. Sie tritt uns bei v. Kurtz unter neuen und zwar biblischen 

1) In dem Alexander betreifenden teile wird der „gemählin" ganz nebenbei 
erwähnung getan, die drei werte scheinen jedesmal nachträglich hineingebessert, was 
s. 76, 32 ganz unterblieb, um unschöne häufungen zu vermeiden. 

2) "Wem diese aufstellungen zu sehr hypothetisch vorkommen, den verweise 
ich auf den excuis 3. Die figur der Lucretia und das verschwinden der haupti)erson 
aus den meisten fassungen erklärt sich nur auf diese weise. 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 77 

namen entgegen, die dreiergruppe selbst in zwei Varianten. Zugleicli wol 
wurden die homerischen episoden, so gut es gieng, in die Sphäre Hans 
Wursts verlegt. Diese biblischen namen und Hanswurstiaden dringen 
dann in die vulgata ein , durchsetzen besonders stark die Sachsen , von denen 
L V. Kurtz am nächsten gekommen ist, weniger stark die Schütz-Dreher- 
schen texte, die anderseits wider von der crucifixversion her einflüssen 
unterliegen. 

U hält sich gänzlich an Mario we (A). Die crucifixversion geht ihren 
eigenen gang inid wird erst spät den einflüssen der vulgata zugänglicher. 

So weit in kurzen zügen über den entwickelimgsgang, dessen gesetz- 
mässigkeit man nicht verkennen kann, wenn man tiefer und kritischer in die 
Verhältnisse hinein schaut. Ich muss deren Untersuchung einen besondern 
excurs (nr. 3) widmen. 

Nachdem die erscheinung abgetreten, erfolgt im archetypus die 
einladung zur tafel. 

VIII. Das festmalil. 

Von dieser scene des archetypus wissen wir rein nichts. Die 
andeutungen im Bremer programm sowie in dem reisebericht des mino- 
riten Georg Koeuig über eine Wiener aufführimg vom jähre 1715 
gehen nicht hierauf, sondern stehen höchst wahrscheinlich mit der cru- 
cifixversion in. kritischem Zusammenhang. Diese hatte ein noch ganz 
deutlich erkennbares fest an dieser stelle, es wurde aber dem hofe von 
Faust auf einem von Mephisto in die Donau hineingebauteu zauber- 
schlosse gegeben. Vgl. den excurs 1. 

IX. Mephistos warniiiig. 

Mephisto rät Faust zu entfliehen, da ihm gefahr drohe. Dass die 
räche der hoüeute Faust eigentlich gar nicht trefi'en kann, heben *B 
(Mi)M2so hervor: Faust fragt hier den Mephisto, ob er denn diesen 
anschlag nicht hätte verhindern können. Die darauf erfolgenden ant- 
worten sind jedesfalls unursprünglich. Wahrscheinlich gab Mephisto 
darauf eine ausweichende antwort und meinte, er wolle ihm für das 
durch die nachstellungen nun doch verdorbene fest wo anders Vergnü- 
gungen verschaffen. So BM^M^so. Diese ergänzungen konnten erst 
nach der Streichung des festmahles in dieser form hineingebracht Aver- 
den; dass sie sich auf die Sachsen und die diesen nahestehenden 
der Schütz-Dreh er sehen texte beschränken, zeigt wol auch ihre ud ur- 
sprünglichkeit. 

Excurs 1. 

Die crucifixversion. DIKrSwTcjrsw stehen auch in dieser scenen- 
reihe in deutlichem gegensatze zu allen anderen fassungen. Die hauptunter- 
schiede sind die folgenden: 1. der fürst schliesst, dass es bei Fausts kunst 
nicht mit rechten dingen zugehe und verbannt ihn bei strafe des verbrennens. 



78 BRUINIEB 

Faust bestraft den fürsten dafür mit dem hörnerzauber. Das letztere halten 
nur IKrjsw fest, darf man aber unbedenklich für *I)*Sw*T*cr ansetzen. 
Zu seinem glauben kommt der fürst durch eine der erscheinungen in DIT 
Sw(c)jsw, durch „noch das grosse wunder", das Faust „vor seiner residenz" 
zeigte in Kr. In D erschrickt der fürst beim anblick des grausamen 
riesen, in SwTsw nicht im Zusammenhang mit der erscheinungsscene , son- 
dern nachdem Faust ihm sein Unvermögen, ihn bestrafen zu können vor- 
gehalten (SwT) oder sogar nach Caspers dummen spässen, die ihn über 
Faust aufklären (sw). Den zorn des fürsten über das höllenbündnis haben 
auch schho sohle und, modificiert, R: hier schlägt ihm Alexander, an den er 
gegen Fausts verbot zu nahe herangetreten, ins gesicht und das bringt ihn 
gegen Faust auf. Diese fassungen verwerten noch das s. 65 vermutete selbstän- 
dige interludium. 2. Im anschluss an diese scene haben Dllvrcj die sozu- 
nennenden Wasserkünste, die in SwTsw nicht erwähnt sind, aber hier 
leicht gestrichen sein können; sie begegnen auch in dem der crucifixversion 
sehr nahestehenden volksliede (V) und in einzelnen bruchstücken in M^ und 
einem Kollmann sehen texte; in M^OSwWr und anderen K oll mann sehen 
stücken sind trümmer davon in die contractscene hineingetragen, wo sie 
unter Fausts bedingungen erscheinen (M^OWKollm.); in di erscheinen sie 
trümmerhaft in einer auf die contractscene folgenden kameradenscene. 
3. Mit den Wasserkünsten in engster Verbindung steht der streik Mephi- 
stos und seine bestrafung durch androhung harter arbeit; erhalten in 
DIM2, weniger deutlich in Kr, verblasst in OSw. 

Die Wasserkünste werden in DIj als mittel zum zweck der bestra- 
fung des königs eingeführt. In Ij soll Mephisto ein gewitter erregen, alle 
raeerungeheuer heraufbeschwören, vögel im wasser schwimmen und fische 
in der luft fliegen lassen; Faust will dabei auf einem meerrosse reiten, 
wobei Mephisto vor ihm eine brücke aufbauen und „hinter ihm wider sam- 
meln" soll. Dann soll er eine „kneipe" auf dem wasser bauen, wo Faust 
kegelt; Mephisto soll aufsetzen. Wenn dann der könig zum fenster hinaus 
schaut, um sich die sachen anzusehen, soll ihm das geweih anwaclisen. 
In D soll Mephisto „diese zwei gestalten" wegnehmen, an ihrer stelle ein 
wasser vorstellen, auf dem seeungeheuer schwimmen, dann soll er blitzen 
und donnern lassen, Faust will sich auf das wasser begeben um zu kegeln, 
Mephisto soll aufsetzen; „ein solches Schauspiel wird den herren sehr 
wunderbar sein". Die bestrafung fehlt, liegt aber nach den eingangsworten 
sicher zu gründe. 

Man sollte meinen, Faust könnte seinen zweck, den füi'sten zum 
ausschauen zu bewegen, leichter erreichen. Die anhäuf ung so vieler kunst- 
stücke ist sicher nur das resumee einer früher breiter ausgeführten scene, 
ohne dass diese den jetzigen zweck hatte. Dieser wiuxle schon durch ein 
einziges der spektakelstücke erreicht. So ist es noch in Kr: Mephisto soll 
zurückfliegen und „vor der residenz ein grausames spektakel" machen, 
das den von DI gewünschten effect besitzt. Nachher will Faust aber die 
„Donaugegend" sehen und „denen leuten" wunder auf dem wasser zeigen, 
er will dort spazieren, reiten, fahren, kegeln, „kurz alles auf dem wasser 
zeigen". Auch in c bilden die auf der Donau spielenden Wasserkünste eine 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 79 

scene für sich; Faust kegelt und noch „allerhand Zaubereien" werden 
getrieben. 

Die hauptfrage ist nun: bildeten diese Wasserkünste einst wie in Krc 
und wol auch V eine selbständige kameradenscene oder gehörten sie, wie 
in DI, in den rahmen der hofscenen? 

Ich glaube, man darf unbedenklich DI das prius geben. An den 
Wasserkünsten ist aU den fassungen, die sie nicht im Zusammenhang mit 
der hofscene bieten, der sonderbar anmutende zug gemeinsam, dass das 
Wasser die Donau ist: KrOVcr. Es ist nun nicht der geringste grund dafür 
abzusehen, die Donau zum lokal einer für sich bestehenden kameradenscene 
zu machen: denn die auch von Kr bekundeten sympatien des österreichi- 
schen Publikums für seinen lieben „blauen" ström sind zu modern, um 
sie auch für ein publikum des 17. Jahrhunderts, das sich sehr wahrschein- 
lich nicht an der Donau, sondern an der Moldau an der crucifixversion 
zuerst ergötzen durfte, als eitern des gedankens anzusetzen. Die einführung 
der Donau hat einen ganz anderen grund. Die hofscenen der cruci- 
fixversion spielten in Regensburg und deshalb auch an der 
Donau. Diese lokalisierung wurde später aufgegeben (vgl. excurs 2); in 
DIj, wo die Wasserkünste im Zusammenhang der hofscenen blieben, wurde 
aus der Donau das meer; in KrVc erhielt sich aber die Donau und deshalb 
lösten sich die Wasserkünste von der hofscene ab. Ich glaube, die Sachlage 
klärt sich so ganz gut. 

Die Wasserkünste von DI zerfallen also in zwei teile. Der eine, in 
Krc noch selbständig, wurde einem publikum gezeigt, das noch nicht 
bestraft werden sollte; der andere, selbständig nur in Kr, musste herhal- 
ten, um den könig zum ausguck zu bewegen. Für beide teile ist als publi- 
kum die hofgesellscliaft anzunehmen. In DI ist denn auch noch ganz deut- 
lich zu sehen, dass der erste teil nur zur ergötzung der hofgesellschaft 
dienen soUte: in beiden fassungen verspricht Faust als er sich vorstellt, die 
fische in der luft fliegen und die vögel im wasser schwimmen zu lassen, 
genau so wie es in I nachlier in den Wasserkünsten auch gezeigt wird. 
Dann passt der voiliin hervorgehobene satz von D, das Schauspiel würde 
„den herren sehr wunderbar sein", in seinem jetzigen Zusammenhang gar 
schlecht, aber sehr gut, wenn er auf die Vorstufe zielt, wo die „herren" 
noch nicht bestraft werden sollen. 

Wo hat nun dieser erste teil der Wasserkünste gelegen? Zweifellos 
wurde der zorn des königs durch eine der erscheinungen hervorgerufen. 
Der erste teil der Wasserkünste muss deshalb vor dieser erscheinung gelegen 
haben. Aber dass er vor der erscheinungsscene gelegen haben könnte, ist 
auch nicht recht möglich, weil die künste in allen fassungen hinter dieser lie- 
gen, und es doch höchst auffällig wäre, wenn diese alle selbständig auf diese 
Verlegung hätten kommen können, wozu kein anlass vorlag. Diese Schwie- 
rigkeit hebt sich nur dann, wenn wir annehmen, die erscheinungsscene 
sei nicht einheitlich: die Schreckeneinflössende erscheinung sei nach 
dem ersten teil der Wasserkünste, eine indiiferente erscheinung vor diesem 
aufgetreten. Dann hätten wir folgendes Schema: 1 Indifferente erscheinung im 
palast. 2. Erster teil der Wasserkünste auf der Donau. 3. Schreckenein- 
flössende erscheinung. 4. Zweiter teil der Wasserkünste, die den könig 



80 BRUINIER 

zum ausguck bewegen. Der 3. abschnitt nun gieng sicher an einem orte 
vor sich, der nicht der palast des fürsten war, obwol dieser anwesend war; 
in DIT fordert der könig seine höflinge auf, ilin wegzugeleiten, damit sie 
durch den zauberer nicht ins unglück geraten. Wenn er in seinem eigenen 
saal wäre, wäre diese bemerkung höchst auffällig und unköniglich. In sw 
will er „sein land" verlassen, in dem es ihm unheimlich wird, und in Sw 
bestimmt er, der saal solle nicht mehr betreten werden, — Nun sind wir 
so weit, um das gerippe der crucifixversion reconstruieren zu können: 
Faust zeigt im palaste den Alexander (und die Helena?). Er ladet dann 
den fürsten zu einem zauberfeste ein, das er auf der Donau ge- 
ben will. Mephisto baut zunächst einen dämm in die Donau (Ir), darauf 
die „kneipe" (I), ein zauberschloss also^ Faust lässt fische fliegen und 
Vögel schwimmen und veranstaltet ein kegelspiel, bei dem Mephisto auf- 
setzt; sehr wahrscheinlich auch ein scheibenschiessen, bei dem Mephisto 
als Zielscheibe dient 2. Zum Schlüsse erscheint (die Helena und?) der schreck- 
einflössende „grausame" riese. Darob gerät der f irrst in zorn, verbannt Faust 
und zieht sich mit dem hofe zurück. Als Faust annehmen darf, dass der 
hof wider im palaste angelangt ist, da lässt er das zauberschloss unter 
donner ins wasser versinken (D). Der fürst schaut zum fenster hinaus und 
sieht — ein bild von grandioser Schönheit — Faust auf seinem zauberrosse 
(DI*M2) abreiten, Mephisto dabei die steine hinter ihm aus der erde reissen 
und vor ihm wieder einrammen. Als der fürst den köpf hereinziehen will, 
merkt er dass ihm ein geweih angewachsen ist. 

Zwischen der erscheinung Alexanders im palaste und dem ersten teil 
der Wasserkünste lag der interessante und sicher hier beheimatete streik 
Mephistos. Dem teufel ist das verlangte zu schwer^. Er will Faust 
den blutbrief zurückgeben. Faust erzwingt aber den gehorsam des 
dieners und beschliesst ihn für die meuterei durch unnütze quälereien zu 
bestrafen: er soll ihm die Strasse pflastern, seile aus sand binden und 
dergleichen. Mephisto beschliesst in echt teuflischer weise sich zu rächen: 
wenn Faust ihn von nun an tag und nacht quält, dann dient er nicht 
mehr, wie jeder andere diener, nur am tage, sondern ihm werden auch 
die nachte zu tagen: so verdoppelt sich seine dienstzeit. Er macht die 
reclinung wider glatt, indem er Faust die liälfte der ausbedungenen jähre 

1) Der danimbaii ist in I mit dem pflastern verquickt. 

'2) Andeutungeu in V, in DI, wo Faiist in anderem zusammenbang auf den 
teufel schiesst; ich halte auch die Schnelligkeit Piks in I für einen reflex hiervon. 
Vgl. auch den zettel Zepfs, auf dem Mephisto als „büchsenspanner" figuriert. — 
Ausserdem wurde ein festmahl gegeben, dessen effect darin bestand, dass die gaste 
ein leeres zimmer betraten, und Hanswurst als koch und keilner erscheint, der alles 
zur tafel nötige aus einem sacke hervorzieht. So hat die scene — ob noch in Ver- 
bindung mit der hofscene? — der minorit Koenig. Ygl. dann D, wo Mephisto dem 
Casper gegenüber Fausts wünsch, ihn nach Persien zu bringen, mit den werten 
begründet: Jetzt schickt er mich nach dir, damit du kommst ihm die 
speisen auf die tafel zu tragen. (S. IS'i**.) 

3) "Was, ist nicht sicher zu stellen, vielleicht das verlangen als Zielscheibe zu 
dienen? Doch ist das eher eine der strafen. 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 81 

abzieht. Dieser später in viele viilgatafassungen hineingeratene zng ist 
sicher in der crucifixversion beheimatet. 

Auch im anfang der scenenreihe wich die crucifixversion wesentlich 
von dem archetypus ab. In DI spricht der könig im eingangsmonolog, 
vom hofstaat umgeben, den wünsch aus, keinen uuebenbürtigen — D 
fügt noch liiüzu „unangemeldet" — zuzulassen. Im folgenden wird dieser 
gedanke nicht weiter gestreift. Er muss, gerade weil er so verloren dasteht, 
doch irgend einen grund haben ; ihn für allgemeiner erwägung entsprungen 
zu erachten und ihm deshalb kritischen wert abzusprechen, wäre unrichtig, 
da dazu der gedanke nicht spontan genug klingt, und ein anlass zu ihm 
gar nicht zu finden ist. Da Hans Wurst nicht in frage kommt, muss diese 
bemerkung auf Eaust zielen. Man erwartet dann einen conflict mit dem 
unebenbürtigen, unangemeldet auftretenden zauberer^. 

Halten wir nun das ersclilossene zusammen, so ergibt sich eine sehr 
lebensvolle und ausserordentlich stark an die litterarische sage 
erinnernde gestalt der hofscenen. Der Verfasser der crucifixversion 
lehnt sich an Widman oder gar erst Pfitzer an, benutzt die scenen im 
Encker zu Erfurt, die am hofe zu Aulialt sowie die erscheinung Polyphems 
(und der Helena?) vor den Studenten, die er zu einem runden abgesclilos- 
senen bilde zusammenzieht. Es sieht alles viel weniger nach naiver conta- 
mination, als nach bewusster Verschmelzung und Umgestaltung der littera- 
rischen sage aus 2. Die crucifixversion hat, gestützt auf das s. 65 
vermutete selbständige interludium, die höflinge des archetyps mit 
dem fürsten verschmolzen, ihm ihre gefühle und ihre bestra- 
fung zugewiesen. Auch die localisierung in Regensburg wird nicht 
naiv sein, vgl. excurs 2. 

1) Vgl. auch A (hier s. 70 a. 2). 

2) Es sind folgende züge benutzt: 1. Ziun eintritt Fausts (conflict mit einem 
hofheiTen) Widman s. 512: Dr. Faustus kompt vnversehens in eine gaste- 
rey. Aus dieser lebendigen schUderung konnte sich leicht eine conflictscene ent- 
wickeln. 2. Zum festmahl auf dem zauborschloss "Widman s. 618. Faust bittet den 
fürsten von Anhalt ihn zu begleiten, er wolle ihm ein schloss zeigen au ff jhrer F. 
G. grundt vnd boden ... da sähe man ein tieffen, gerings herumb lauf- 
fenden waßergraben .. D. Faustus richtet seinen gesten eine herrliche 
königliche mahlzeit zu .. zu solchem werck braucht er seinen famulum, 
dieser empfieng vnsichtbar vom geist allerley kost ... Die gaste entfer- 
nen sich .... da gieng im schloss ein gross fewr auff, vnd daraus grosse 
büchseuschüsse. 3. Zum grausamen riesen "Widman s. 501: Polyphem erscheint 
den Studenten. "Wahrscheinlich stammt auch die erscheinung der Helena, die wol 
auch an der tafel gezeigt wurde, aus "Widman s. 636. Die Helena der cnicifixversion 
ist nicht etwa eine ersetzung der Maria, sondern von anfang an die Helena gewesen. 
4. Zum abgang Fausts Widman s. 511. Faust nimmt vom Junker im anker zu Er- 
fiui abschied, setzt sich auf sein zauberross, d. h. MexDhisto . . er war aber kaum 
vor drey oder vier heuser vorüber, da schwang sich sein pferd mit jm 
vber sich in die lufft, das die jme nachsahen, jn bald nicht mehr spü- 
ren kuudten. Die Erfurter geschichten hat die crucifixversion sicher nicht dem fiiih- 
verschollenen Berliner Faustbuche entliehen. Zu Widman als quelle stimmt auch 
dass in V Faust aus Anhalt gebürtig ist. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXXI. O 



82 BRUINIER 

Dass alle diese scenen einst in Regensbnrg spielten und dem könige 
gezeigt wurden, geht deutlich aus der erwähnung der Donau hervor. Dass 
wir für den gemeinsamen archetypus ähnliche, aber mit der hofscene nicht 
verbundene studentenscenen annehmen müssten, glaube ich nicht. Es ist 
aber sehr wol möglich, dass die studentenscene Mario w es, die ja auch 
nach RU drang, von dieser und jener älteren fassung adoptiert wurde, und 
dass die Marlowe kennende crucifixversion daher die anregung zu ihrer 
Donauscene erhielt. Aber in der crucifixversion ist alles so aus einem 
gusse, dass wir um die annähme ganz selbständiger gruppierung der ver- 
schiedenen sagenzüge, wie sie Widman bietet, gar nicht herumkommen 
können. Es ist anderseits aber auch sehr wahrscheinlich, dass die cruci- 
fixversion das selbständige interludium heranzog, in dem der herzog wegen 
der ersclieinung der Maria auf Faust erzürnt wm-de, wie schon bei Lerch- 
eimer, und in dem natürlich eine einladung zur tafel nicht erfolgte; vgl. 
das s. 65 darüber gesagte und dann R, das in vielen punkten zur crucifix- 
version stimmt, aber wol älter ist als diese selbst^. 

Wie schon oben angedeutet, zerfiel in den fassungen der crucifixver- 
sion bei der aufgäbe Regensburgs als lokal der h<jfscene dieses zauberfest' 
iu zwei teile; eine selbständige, noch an der Donau spielende kameraden- 
scene löste sich ab. Aus dem zauberritte auf dem pferde wird damals eine 
wagenfahrt mit vier pferden geworden sein, die von den ausserhalb der cru- 
cifixversion stehenden sächsischen und Geis seibrecht sehen fassungen, so- 
wie vom volksliede aufgenommen wurde. Einen dritten ableger bildete 
eine in Strassburg lokalisierte scheibenschussscene. Alles das sind sicher ■ 
neuerungen, wie denn das Volkslied, wie wir noch im letzten akt sehen ■ 
werden, keineswegs die älteste, von DI ziemlich getreu bewahrte fassung : 
der crucifixversion darstellt. An diese Donauscene schloss wol schon die 
älteste crucifixversion die abreise nach Jvonstantinopel, wo dem sultan 
und seinen frauen böse mitgespielt wird 2, und daran fügt sich sehr schön 
der die wendung herlieiführende flug über den Calvarienl^erg bei Jerusalem. 

Excurs 2. 

Die lokalisierungen. 1. In U spielt die scene am hofe des unge- 
krönten königs in Prag. Diesen imgekrönten hat man viel gesucht, 
Bielschowsky glaubt ihn, von Gin dely angeregt, in Wallen st ein wider- 

1) Auch das Bremer spiel stellt meines eracbtens wie R dem Vorläufer der 
crucifixversion sehr nahe; es teilt mit ihr eine anzahl von auffälligen zügen: Cas- 
per hält die teufel für vögel, beim bankett fliegt allerhand getier in der luft 
umher, der rabe kündigt das ende an. (Das bankett braucht nicht unmittelbar vor 
Fausts tod zu fallen.) 

2) Nicht als ausgeführte scene, sondern nur für die fabel bestehend. Der zug 
drang nach Bso. Wenn Faust im volksliede nach der Strassburger scene nach Cou- 
stautinopel abreist, wie sonst nach der hofscene, so spricht auch das dafür, dass diese 
kameradengeschichte in jüngerer zeit erst selbständig wurde. In Constantinopel 
braucht Faust, „um sicher zu sein", die fremden sprachen, die in Sw und im volks- 
fiede erwähnt sind, vgl. Zs. 30, 335 a. 2. 



VOLKSSCHäTJSPIEL von FAUST 83 

zufinden. Man darf nicht zu viel darauf geben. Für die feine Ironie, die 
in diesem ungekrönt steckt, kann man in dem zum grössten teile, wo 
eben nicht die litteratur geplündert wurde, unendlich hölzernen und witz- 
losen text keine weitere parallele finden. Wenn der könig nicht nachher 
selbst sagen würde, dass er schon geraume zeit herrsche, möchte ich das 
ungekrönt am liebsten für eine ganz junge, d. h. von Scheible herrührende 
Verlesung für neugekrönt halten. U, im abdruck nur in der Orthographie, 
die die unverkennbaren züge der Scheiblescheu officin trägt, modernisiert, 
sonst unbedingt eine handschrift des 17. Jahrhunderts — die stilistischen 
eigentümlichkeiten dieser zeit hätten sich ganz unmöglich zwei Jahr- 
hunderte lang so frisch erhalten können, wenn die handschrift nur eine mo- 
derne abscliiift wäre, wie die andern; dazu fehlt jeder einfluss des 18. Jahr- 
hunderts — muss einem abschreiber des 19. Jahrhunderts vielfach unleser- 
lich gewesen sein. Dieser macht z. b. 795, IG aus *Halt du .. Bauren- 
Huzel ein unsinniges Zahl du . . Baurenkugel. Ein neugekrönt 
würde auch in den Zusammenhang viel besser passen. Die geraume zeit 
steht allerdings da; ü zeigt aber auch sonst viel Widersprüche, mehrere 
bände sind an ihm deutlich nachweisbar und gerade dieser monolog ist 
wegen seines Schwunges der entlehnung verdächtig. Sei dem, wie ihm 
wolle: ich suche den ungeki"önten nicht. Auf Prag darf man sich auch nicht 
steifen wollen; das kann eine, nach der aufgäbe von Innsbruck auch sonst 
beliebte lokalisierung früherer zeiten gewesen sein. Bsp kennt ja auch einen 
Prager aufentlialt Fausts beim kaiser. — 2. Die crucifixversion verlegt ganz 
gewiss die hofscene an die Donau und zwar nach Regensburg. Die 
auffällige erwähnung dieser beiden namen in so vielen fassungen lässt sicli 
nur so erklären. D erinnert daran noch ganz deutlich, vgl. nachher. An 
einen bestimmten hoftag in Regensburg brauchen wir nicht zu denken i; 
die hauptstadt der Oberpfalz empfahl sich als ort für die hofscene schon 
durch den umstand, dass dort seit 1663 ständig der deutsche reichstag 
versammelt war. Die crucifixversion zeigt sich überraschend übermütig; 
diesem Charakter würde eine absichtliche lokalisierung in Regensburg gut 
entsprechen. — Diese lokalisierungen : Innsbruck, Prag, Regensburg beweisen 
deutlich, dass man im 16/17. Jahrhundert noch einen deutschen hof haben 
konnte. Dass dieser nachher überall durch einen ausländischen ersetzt 
wurde, erklärt sich durch die censur. Wir wissen, dass unser drama bei 
vielen ärgernis erregte und dass die behörden aufgefordert wurden, gegen 
das stück einzuschreiten. In den uns bekannten stellen werden allerdings 
nur religiöse bedenken vorgebracht; wie leicht konnte man aber dann auch 
politisch anstössiges finden und verbieten. Ich glaube nicht fehl zu gehen, 
wenn ich behaupte, Parma, Portugal, Persien seien der politischen censur 
zu verdanken. Wie die ersetzung erfolgte sieht man bei Portugal (Ic) 
ausserordentlich deutlich. Schon im Volkslied wird Portugal als der ort 
erwähnt, wo der teufel die leinwand zum Clmstusbilde herholen soll 2. Als 
nun Regensburg von der censvn^ verboten Avurde, da nahm man in der ver- 

1) Den von 1541 bringt der graf v. Zimmern, allerdings reia äusserlich , mit 
Faust zusammen. 

2) Der uame ist wol mit Tille s. 121 zu erklären. 

6* 



84 BRUINIER 

legenheit den ort, der so wie so schon im stücke vorkam. Später konnte 
dann selir leicht der glaube entstehen, der ort, wo die leinwand geholt 
wei-den soll, stünde in irgend einem causalzusammenhang mit dem, wo 
die hofscene spielt. Beide sind ja, wie in Ic, zusammengefallen. Dieser 
glaube führte nun in D, das noch eine erinnerung an Regensburg bewahrt 
haben mochte, auf den gedanken, den ort, wo die materialien zum bilde 
zu holen waren, zu spalten: Mephisto geht in D nach Regensburg um 
leinwand, nach Portugal um färben. Das kann anders gar nicht erklärt 
werden. Später wurde in D Portugal dm-cli Persien ersetzt, das ebenfalls 
nur ein verlegenheitsort ist. — 3. Ebenso kann nun auch Parma erklärt 
werden, "Wie Portugal im archetypus von Die, d. h. ganz nebenher, so 
wird Parma auch von Marlowe erwähnt: 119 (A 116 B): I'l levy soul- 
diers witli the coyne they bring, And chase the Prince of Parma 
from.our land. Die stelle forderte heldisches pathos heraus, und konnte 
sich dadurch halten. Bemerkenswert ist, dass der sonst so grausam zusam- 
mengestrichene monolog Mountfords gerade diese verse beibehält. Könn- 
ten sie nicht, wie so manches andere, in eine Version des deutschen dramas 
gelangt sein, im sinne vielleicht verdunkelt, aber doch mit beibehaltung 
des namens? Dann könnte, als der deutsche hof unmöglich wurde, dessen 
name durch den so wie so vorkommenden italienischen ersetzt werden und 
dieser dann allmählich auch in die übrigen fassungen hineindringen. Es 
ist doch gar kein grund abzusehen, warum man unter den vielen höfen, 
die in betracht kommen konnten, gerade den Parmesaner auswählen sollte. 
JedesfaUs hat mein erklärungsversuch, den ich übrigens gern preisgebe, 
wenn ich einen bessern finde, den vorzug der möglichkeit vor den müh- 
samen und trotzdem unendlich unergiebigen beweisfülirungen Bielschows- 
kys, der einen herzog Ranuccio von Parma für den urfürsten unseres 
Stückes halten will. Ich halte Parma als ort der hofscenen unbedingt für 
nicht älter als etwa die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts i. 

Excurs 3. 

Die erscheinungen. K = v. Kurtz, Seh = Schroeder, Wa = 
Waller otti. AGKrS fehlen. 

In den hundert und mehr jähren, die zwischen K und den neuesten 
fassungen liegen, ist die mehrzahl der erscheinungen dieselbe geblieben. 
Wir haben es also mit tradition zu tun, und die beliebte ansieht ist 
unbegründet, dass die principale die erscheinungen ganz nach gutdünken 
hätten wählen können. 

Wir fragen, mit welcher art der tradition haben wir zu rechnen? 

In erster linie werden nicht die namen, sondern die zur darstel- 
lung gelangenden motive überliefert. Die erscheinungen wurden nicht von 
lebenden darstellern aufgefülu-t, sondern Avaren wirkliche bilder, die man 
mit der Zauberlaterne auf weisse flächen warf. So stellt z. b. dr. Hamm 

1) Dass Maximilians frau eine Italienerin war und zufäUig ihr name in L als 
der der berzogin begegnet, hat jedesfalls nichts zur bestimmung der localisierung in 
Parma zu sagen. Die namen der herzöge und herzoginnen in unsern stücken sind 
sämmthcli ganz jung. 



VOLKSSCHAUSriEL VON FAUST 85 

für L die sache dar. Solch ein bild kann sich substanziell wie ideell 
ausserordentlich leicht vererben. Der ersatz für ein abgenutztes bild oder die 
copie, die ein Schwiegervater seinem im metier bleibenden Schwiegersöhne 
von seinem stammbilde mitgab, wird meist dieselben züge, gruppierungen, 
motive zur schau tragen, wie das original. An dem bilde ist nun das 
kennzeiclmende und bleibende die dargestellte idee, nicht das begleitende 
wort. Das bild eines mächtigen herrschers in allem krönimgsschmuck wird 
heute als „Salomo" vorgestellt, während es früher einen ganz anderen 
könig bedeutet haben kann. Ein bild, auf dem zu sehen ist, wie ein weib 
einem wehrlos darniederliegendon manne ans haupt fasst, heisst heute 
„Simson und Delila" oder „Judith und Holofernes". während eine frühere 
zeit etwas ganz anderes darin lesen konnte und mochte. Für unsere zwecke 
kommen daher die namen erst in letzter linie in betracht, viel wichtiger 
sind die motive. Als besonders bedeutend erweisen sich die gruppie- 
rungen, ob einzelbilder, Zweiergruppen oder gar ckeiergruppen mit bedeu- 
tendem hintergrunde. Yon diesem Standpunkte aus, gegen dessen berech - 
tigung man wol nichts wird einwenden können, betrachte ich die erschei- 
nungen und beginne mit den verwickelten dreiergruppen. 

I. Wir haben eine solche zuerst bei Marlowe B zu constatieren. 
Alexander imd Dar ins treten zu verschiedenen türen ein, treffen sich 
im kämpfe, Darius unterliegt und wird getötet, Alexander nimmt ihm die 
kröne ab und wendet sich zum gehen. Da tritt Alexanders fr au „his 
paramour" ein und wird von Alexander gekrönt. 

Nehmen wir nun an, diese Vorgänge wurden auf bildern mit räum- 
lichem nebeneinander statt zeitlichem nacheinander dargestellt, so ergeben 
sich zwei bilder: 1. kämpf Alexander -Darius. 2. Darius liegt am boden, 
Alexander reicht die kröne der frau hin. Wir finden mm bei AVa (1742) 
ein motiv, leider nur mit zu wenig werten, erwähnt, das meines erachtens 
genau dasselbe ist: Pompey tod. Die figuren könnten Caesar und Pom- 
peius im kämpfe und dann C, P. und Cleopatra gewesen sein. Die Zusam- 
menstellungen wären nicht naiver als die von MaB. Ist meine Vermutung 
richtig, so war 1742 der ideelle Zusammenhang der bilder noch nicht 
gestört. K dagegen zeigt 1767 völlige auflösung des Zusammenhangs. 

Das erste bild erscheint seit K als Groliath und David im 
kämpfe: BLMiM2M30Sw(c?)difloschhaschhoschleso^ also bei allen Sach- 
sen, denen sich lo zugesellt und in sämtlichen Schütz-Dreher sehen fas- 
sungen. R hat dafür Acliilles-Hector. 

Das zweite bild erscheint seit K um eine kleinigkeit verändert. Die 
mittelfigur ist nicht mehr der mann (Alexander), sondern die frau; die alte 
geste, mit der die mittelfigur der zweiten stehenden die kröne hingereicht 
hatte, ist aber beibehalten. Die nüancierimg ist sehr leicht; da die figuren 
sicher schon früh — wenigstens seit dem ende des 1 7 . Jahrhunderts — die klas- 
sische tracht gehabt haben werden, genügten ein paar pinselstriche, um 
aus dem manne eine frau zu machen und umgekehrt. Das bild erscheint 
in dreifacher version: 

1) lu T wird nur David genannt, vgl s. 86 (II); in D(c?) treten zwar jetzt beide 
zusammen auf, aber zeitUch hintereinander und ohne kämpf. 



86 BRUINIEB 

1. Wie Delila dem starken Simson seine haarlocken berau- 
bet, und die Philister über Simson siegen. K, sonst nur noch L ; 
vielleicht kannte das bild auch der Mahler Müller (Situation aus Fausts 
leben s. 20). Aus Alexander, bezw. Alexanders frau sind „die Philister" 
geworden ^ ; die an stelle des mannes ziu- mittelfigur gewordene frau macht 
sich noch am köpfe des darniederliegenden mannes zu schaffen; aus der 
geste, mit der einst Alexander der frau die kröne hingereicht hatte, wurde 
jetzt das herbeiwinken der Philister. Die kröne war übermalt worden. Der 
„starke Simson" der Schütz-Dreherschen fassungen gehört nur mit dem 
namen hierlier. 

2. Die häufigste fortsetzung der bilder ist Judith, die dem Holofer- 
nes im bett im zelte das haupt abschlägt; im hintergrunde das assyrische 
lager. Hier ist die aufreclitstehende nebenfigur ganz gestrichen. In der 
band trägt Judith nun das haupt des Holofernes^, den ersatz der alten 
kröne. Das bild finden wir bei K-'', in sämtlichen sächsischen und Schütz- 
Dreherschen fassTuigen, sowie die Judith allein (?) in T. 

3. Der brudermord des Kain an Abel in di ist eher eine ent- 
wicklung dieses bildes als des kampfes Goliath- David. 

Dass sowol Goliath wie Simson und Holofernes riesen sind, wird 
nicht zufällig sein. Das riesenmotiv könnte aus der crucifixversion herüber- 
gekommen sein. Wir sahen, dass nur die Sachsen und Schütz-Dreher 
mit K gehen, in anderen fassungen finden wir nur ganz vereinzelte spuren 
dieser biblischen Vorgänge; ein deutlicher beweis, dass diese im Schauspiel 
nicht beheimatet sind. Sie gehen Tinstreitig auf MaB zurück, und wurden 
in der zeit zwischen 1742 — 1767 biblisiert*. 

IL Der mächtige herrscher, der als einzelfigur schon sehr früh 
im drama erschien, Alexander der Grosse, begegnet in IKW^c. An 
seine stelle trat bei Seh Karl der Grosse^, in den meisten deutschen fas- 
sungen aber Salomo: BiB^B^M^M^OSwfloschhaschho sohle. Die erscheinung 
fehlt den fassungen, die den Alexander beibehielten, ferner in DT, wo anstatt 
ihrer David erscheint, und in LM-diso, sowie bei K. Das letztere ist wich- 
tig. K hat sich von den beiden alten erscheinungen (vgl. III) bewusst 
emancipiert und an ihrer stelle die aus MaB stammenden aufgenommen, 
auf die Sachsen, besonders auf L, hat er am meisten eingewirkt. Dass B 

1) Nebenfiguren als begleiter Alexanders und Darius traten vielleicht schon 
auf dem alten büde auf oder konnten doch sehr leicht hinzugefügt werden. 

2) Man beachte die stehende formel: Judith mit dem haupte Holofernis in (B^ 
B^LM^'MMif. 

3) Dass K die wirldiche tötung dargestellt hätte, glaube ich nicht. 

4) Dass schon bei Büttner David luid Simson den Studenten und dem „hohen 
herrn" N. erscheinen, hängt damit nicht zusammen. B. wollte den von ihm aufgezähl- 
ten homerischen beiden biblische zugesellen und da lagen ihm diese beiden am näch- 
sten. Goliath als riese ist allerdings älter als K, vgl. s. 88. 

5) Es ist durchaus unnötig Carolus als erinnerungs- oder lesefehler aufzu- 
fassen. Schroeders text weicht trotz seines alters so stark vom archetypus ab 
(vgl. Ztscbr. 30, 354), dass man auch hier sehr wo! eine beabsichtigte änderung anneh- 
men darf. 



VOLKSSCIL&.USPIEL VON FAUST 87 

ursprünglich, wie W, nur den Salomo- Alexander hatte, geht aus der excep- 
tionellen Stellung dieser erscheinung deutlich hervor; die ihr voraufgehenden 
sind nachträglich eingeschoben. Der nahe verwandte text so hat die durch 
die Interpolation vereinzelte erscheinung dann nachträglich fallen lassen. 

in. Die teure frau, Maria von Burgund, ursprünglich die einzige 
erscheinung, hat ihre besonderen Schicksale erlitten. Während wir die 
Judith, die Delila, den Salomo und den kämpf Goliath -David ohne ü-gend 
welche Schwierigkeiten als reguläre weiterentwickelungen alter ausgangs- 
typen erklären können, stellt die bei allen Sachsen und in den jüngeren 
Schtttz-Dreherschen fassungen Biß-B-^schhaso vorkommende Lucretia 
zunächst unerklärlich da. Sie kann nicht die aus der alten dreiergruppe 
losgelövSte frau sein: denn das motiv ist dramatisch, die frau ohne den 
leichnani aber völlig unwirksam. Sie kann auch nicht eine schöne frau 
schlechthin sein und dann etwa der Helena von ISchc entsprechen: denn 
diese Helena ist ganz deutlich von an fang an nur die schöne Helena gewe- 
sen, die im letzten akte bestimmt ist Faust zu verführen, und ist in die 
erscheinungsscene der crucifixversion nur durch selbständige erfindung hin- 
eingeraten i; sie knüpft da unbedingt an keine ältere erscheinung an. Ob 
die Helena von Seh am hofe erschien, ist doch sehr fraglich; dem zusam- 
menhange nach liegt hier die bekannte scene Marlowes vor. Auch ist die 
Helena, die nur durch ihre Schönheit wirkt, von der Lucretia, deren Selbst- 
mord zur darstellung gelangt, im motive allzusehr verschieden, um aus- 
reichende parallelen zu bieten. Eine dritte möglichkeit hätte mehr für sich, 
wenn sie nur besser beglaubigt wäre. Lucretia könnte auf eine ältere 
Cleopatra zurückgehen und dann an Pompey tod anknüpfung finden. 
Aber für eine Cleopatra haben wir nur eine einzige und ganz schwache 
stütze 2. 

Es ist nun doch unbezweifelbar, dass Maria von Burgund die älteste 
aller erscheinungen in unserm stücke gewesen ist. Der name miisste mit 
der zeit vergessen werden, aber das motiv konnte doch nicht so spurlos 
verschwinden; wir können keinen grund dafür entdecken, diese hauptfigur 
zu unterdrücken. Es liegt deshalb die annähme ausserordentlich nahe, dass 
die anscheinend spurlos verschwundene älteste erscheinung Maria von Burgund 
iu der nicht erklärbaren Lucretia widerzufinden sei. Nun hat Lucretia 
einen dolch in der brüst in BL(Mi), der in ganz formelhafter weise 
genannt wird. Das brachte mich auf den gedanlien, das felilende binde- 
glied könnte in der mutter gottes mit dem Schwerte im herzen zu suchen 
sein. Der kaiser verlangte einst die Maria zu sehen, seine tote frau: als 
man vergessen hatte, wer diese Maria sei, dachte man die gewünschte Maria 
sei die berühmteste ihres namens; ebenso war ja aus Alexander Severus 
Alexander der Grosse geworden. Diese Maria erhält ihr stehendes prädikat, 

1) Aus diesem grancle hat die crucifixversion das schon verbrauchte motiv im 
letzten acte umgeändei-t; hier verführt eine namenlose schöne frau den Faust. 

2) Bei Heinrich Heine (Werke ed. Karpeles-5, 408), wo Faust zwischen 
Judith, Cleopatra und Helena als concubinen zu wählen hat. Hainen ist offenbar 
die Phantasie mit der Wahrheit durchgegangen; er kann sich aber, als er dies schrieb, 
an unsere erscheinungsscene erinnert haben , in der dann Judith und Cleopatra auftraten. 



F 



das Schwert im herzen. In katholischen gegenden besonders anstössig konnte 
diese Maria von den unzweifelhaft in solchen beheimateten texten ohne ersatz 
gestrichen werden: Schütz-Dreher^, Geisselbrecht, crucifixversion. Die 
Sachsen aber konnten sie zunächst beibehalten und später durch die Lucretia 
ersetzen, die nahe genug lag, als man nach einem ersatz suchte. In den 
sächsischen fassungen M^M^ finden wir nun noch auffällige Wirkungen der 
erscheinung der Lucretia, oder der erscheinungen überhaupt: in M^ wird 
Lucretia vom fürsten geradezu angebetet: ich verehre diesen heiligen 
tugendsamen schatten, denn sie hat gott mehr gehorcht als den 
menschen. Man mag das wenden, wie man will, es sieht doch ganz eigen- 
artig aus und stimmt zur Lucretia, der heidin, doch gar nicht recht. In M^ 
verfällt Faust nach der erscheinungsscene in reue: ohne jeden sinn und ver- 
stand wird das jetzt damit motiviert, dass Faust in die herzogin verliebt sei 
und dass sich das mit seinem höllenbttndnis nicht vertrage. Ein reueanfall hat 
hier jetzt gar keinen zweck. Aber wenn irgend ein empfindler einmal auf den 
gedanken gekommen wäre, dass ein solcher anfall da, avo Faust die mutter 
gottes sah, ganz am platze sei? 

IV. Das paar Alexander -Alexanders frau in der Historia, bei Widman 
und Ma(A) findet sich nur in U. Ohne allen zweifei ist U in dieser scene 
ganz von Ma(A) abhängig, wie die phonetische gleichung paramour = Pa- 
damera, aber auch die in beiden vorhandene völlige nichtbeachtung Alexan- 
ders zeigt. U bewahrt nur in dem grauen des königs einen älteren Standpunkt. 

Y. Die Helena erscheint in der crucifixversion — erhalten in Ic — 
wahrscheinlich nicht am liofe selbst, sondern bei dem festmahle, das Faust 
im Zauberschlosse gibt. 

VI. Der riese Polyp liem der Erfurter geschichten wurde von der 
crucifixversion aufgenommen; wahrscheinlich trug er hier von anfang an 
schon den namen Goliath. Die gelehrten namen wurden schon früh unmög- 
lich, einen bekannteren riesen als den Goliath konnte man dann nicht finden. 
Der schreckenbringende riese ist erhalten in Dcj; aus I wird er bei der Zu- 
sammenlegung der beiden hauptscenen ebenso geschwunden sein, wie Helena 
aus D und Alexander aus j; dass er in *I vorhanden gewesen sein muss, 
beweist der schreck des königs. Diesen verspüren wir auch in SwT deutlich, 
in KrO ist er ganz verblasst, aber seine folge, der zorn des herzogs, bleibt. 
Ausserdem drang der schreck als ohnmacht der herzogin nach M^, wo dies 
motiv ohne ersichtlichen grund angebracht wird, und nach B^, wo Goliath 
das grosse ungeheuer, das damals alle weit in schrecken setzte, 
genannt wird. — Ziemlich früh, vor 1707, drang das riesenmotiv auch in 
die anderen texte hinein, hier aber nur als Schaustück, nicht mit drama- 
tischen zwecken. Alle Schütz-Dreherschen texte- mit ausnähme von B^ 
so nennen den riesen Simson den starken; nur der name erinnert an die 
fortsetzung des aus Ma(B) stammenden dreiergruppenbildes, das motiv ist 

1) Die wie B — der einzige ausführliche text — zeigt, früher nur den Alexan- 
der = Salomo hatten. 

2) Für *B* (Personale) wird man Simson als 5. erscheinung anzusetzen haben, 
da hier die zähluDg von 4 auf 6 überspringt und ein 5. kaum etwas anderes gewesen 
sein kann. 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 89 

ganz anders. Dass gerade diese fassungen hier den einfliiss der crucifix- 
version verraten, kann uns nicht wunder nehmen. In den anderen fassungen, 
auchK, tritt das riesenmotiv nur in Verbindung mit den gruppenbildern auf. 

YII. Die homerischen episoden. Bei Wa erscheinen folgende pla- 
gen aus der Nekyia: die plagen Tantali, des Tity Geyer und des 
Sisiphi Stein; bei K begegnet davon nur noch die marter des Titius 
(so), dem die raaben das eingeweid aus dem leib fressen. Wo sind 
bei K Tantalus und Sisyphus hingeraten? Und warum sind sie, aber nicht 
des Tity Geyer später ausgefallen? Die antwort ergibt sich bei der betrachtung 
der figur der lustigen person, die sich im laufe der zeit immer mehr zu 
einem närrischen pendant Fausts auswächst. Seit Schultz (1748), Keibe- 
hand (1752), K (1767) und in AELM^M^OWdifschhaschhososw, noch 
nicht bei Neufzer, Neuber und Wa (1742), in DISwcloschle und auf 
den zetteln von B-schha^ erscheint Hanswurst nun auch am hofe als 
Fausts äffe, als betrüglicher künstler, einfältiger Schwarzkünstler, zauberer 
von ohngefehr, natürlicher hexenmeister. Unter anderem will er nun zei- 
gen: 1. Ein grosses w asser, in dem die anwesenden ersaufen, in BLM^ 
schhaschho; die sündflut M^; 2. einen mühlstein, der aus der luft fällt 
und die anwesenden so und so viel klafter in die erde schlägt, in BLM^ 
M^schha. In dem grossen wasser sehe ich den Widerschein der plagen Tan- 
tali, in dem mühlstein den des steines des Sisyphus. Höchst wahrscheinlich 
hat schon K — ob auch Schultz und Reibe h and wissen wir leider nicht, 
da hier die erscheinungen nicht genannt sind — den Tantalus und Sisyphus 
dem Crispin zugeteilt; denn von den plagen aus der Nekyia hat er nur 
die des Titys beibehalten, die man nicht in die sphäre Hanswursts brin- 
gen konnte. Die ausbildung dieses Hanswursttrics fällt sicher in die zeit 
zwischen 1742 — 1767. Als die Nekyiaplagen dem Hanswurst überwiesen 
waren, schwebte der geier des Titys in der luft und verschwand denn auch 
nach einiger zeit. Überblicken wir die fassungen, in denen homerischen 
episoden ins Hanswurstische übersetzt sind, so finden wir, dass es w^ider 
alle Sachsen und von den Schütz-Dreherschen Bschha sind, während 
sie in den andern Schütz sehen Versionen noch nicht zur vollen aufnähme 
gelangten. Bezeichnend für die unursprünglichkeit der Hanswurstiaden auch 
in Bschha ist, dass auf deren zetteln diese Hanswurstfunction noch nicht 
figuriert. 

Jedesfalls sind auch diese homerischen episoden nicht altüberliefert. 
Sie sind von einem hineingebracht, der den sagenzug kannte, dass Faust 
homerische motive zeigt. 

VIII. Vereinzelte neuschöpfungen sind Lazarus in T, die Zerstörung 
Jerusalems bei K, Hero und Leander in Ne, Hector und Achilles (= um- 
deutung des 1. bildes nach Maß) in R. 

Nach allem ergibt sich der in der beilage aufgestellte Stammbaum. 

1) Die neben dem von L allein Hans Wursts functionen angeben. 
GREIFSWALD. J. W. BRUINIER. 



90 KAÜFFMANN 

LITTEEATUE. 

Friedrich Liuhrig Stamms Ulfilas oder die uns erhaltenen denkmäler der 
gütischen spräche neii herausgegeben (= Bibliothek der ältesten deutschen 
litteratur- denkmäler I. band). 9. aufläge. Paderborn, F. Schöningh. 189G. XV, 
443 s. 5 m. 

Text und Wörterbuch von dr. Moritz Heyne. 
Grammatik von dr. Ferdinand Wrede. 
Streiiberg:, W., Gotisches eiementarbuch (= Sammlung von eiemeutar- 
büchern der altgermanischen dialekte herausg. von dr. W. Streitberg bd. 2). Hei- 
delberg, C. Winter. 1897. XI, 200 s. 3 m. 

Gotische grammatik wird für alle zeit den unterbau deutscher Sprachgeschichte 
abgeben müssen. Wenn wir das gotische heute auch nicht mehr so hoch, taxieren 
wie es J. Grimm taxiert hat, so besteht doch über seinen ausserordentlichen histo- 
rischen wert keinerlei meinungsverschiedenheit. Dass aber dieser sein historischer 
wert von der bisherigen forschung genau definiert sei, wird man nicht behaupten 
können. Es muss auf dem gebiete gotischer grammatik noch gründlicher gearbeitet 
werden. Wol könnte es den anschein haben, als wäre diese Forderung nunmehr- ein- 
gelöst. Denn ausser den oben verzeichneten beiden werken ist soeben eine dritte 
darstellung gotischer grammatik von F. Kluge in der neuen aufläge des Grundrisses 
der germanischen philologie erschienen \ Wir sind aber damit nicht viel gefördert. 
Die meisterhafte darstellung Wilhelm Braunes bildet bis jetzt den höhepunkt der 
leistungen; Wrede, Streitberg, Kluge haben nach dem bau plan Braunes gearbeitet. 
Allerorts finden wir die originelle auffassuug Braunes wider, die sich in so vortreff- 
licher weise bewährt hat. 

Ich bin der ansieht, dass bei solchem Sachverhalt es nützlicher gewesen wäre, 
die neueren bearbeiter hätten sich noch enger als es tatsächlich geschehen ist an ihr 
muster anleimen sollen, wenn sie nicht in der läge waren, das bestehende wesent- 
lich zu ergänzen. 

Dass dies möglich ist, darin sind sich die genannten drei herren einig. Aber keiner 
hat zugegriffen. Wrede bekennt, seine abhängigkeit von Braune sei eine durchaus be- 
wusste: er hat aber trotzdem zugelassen, dass Heyne seine arbeit als Wredes „eigene 
grammatik" bezeichnete. Streitberg beginnt sein vorwort: „Während Braunes gotische 
grammatik überall vom buchstaben ausgeht, ist mein ausgangspunkt stets der laut" 
und Kluge hebt hei-vor, die geschichtliche Seite der Sprachbehandlung trete bei Braune 
einigermassen zurück. Es ist ein leichtes, angesichts der vorliegenden neuen bear- 
beitungen als anwalt Braunes aufzutreten. 

Ich wende mich zuerst an die neunte aufläge von Stamms Ulfilas. Heyne 
erklärt, text und einleitung einer gründlichen revision unterzogen zu haben. Das 
ist immerhin mit einigem vorbehält aufzunehmen. In der einleitung- vermisst man 
aus anlass der gotischen Urkunden noch immer den hinweis auf Marini und die text- 
fassung ist, weil Marinis lesung nicht herangezogen worden ist, immer noch unge- 
nügend. Es ist zu lesen Monnulus 7. Hosbat 8. praesbiteri 17 (statt paesbissti). 

1) Von dem Mailänder Friedmann kann hier billigerweise abgesehen werden. 

2) Der cod. E (einleitung s. X, c), d. h. der mailändische palimpsest mit den 
Skeireinsfragmenten führt nicht die Signatur G. 147, sondern E. 147 (vgl. Centralblatt 
für bibliothekswesen 13, 65). 



ÜBER ULFILAS EDD. HEYNE UND 'WREDE 91 

oduginta 36. 46. 58. docomento 40. cento 41. videmur 42. sexaginta solidus 43. 
hae 57 und huic 55 i.st zu streichen. In der Urkunde von Ärezzo scheint zeile 8 
rogatus a suprascripto überliefert worden zu sein. 

Zii dem bibeltext wäre dies und jenes zu bemerken, z. b. Lucas 8, 1 ist 
immer noch bipe afar ßata stehen geblieben, immer noch liest man 15, 24 tvisan 
statt waila uisan und Job. 12, 14 ist immer noch ein mehr' als übei-flüssiges jah 
in den text aufgenommen. Füi" die Nehemiabriichstücke darf ich jetzt auf Zeitschr. 
29 , 320 fgg. vei-weisen. Recht unbefriedigend ist aber namentlich der text der soge- 
nannten Skeiroins. Heyne sagt jetzt (s. XV) , dass Wulfila der Verfasser derselben, 
sei immöglich — man möchte gerne die giiinde hiefür kennen lernen. Hier kann 
nur die queUenfrage helfen und es bleibt aufs lebhafteste zu bedauern, dass Heyne 
immer noch nicht zu der einsieht gekommen ist, dass die gotischen Sprachreste 
ohne die quellen unverständlich sind (A"gl. Jac. Grimm, Kl. sehr. 5, 250). Das 
ist der tiefste und ernsteste schaden, der seiner ausgäbe anhaftet. Sie ist deswegen im 
Unterricht nur zu gebrauchen, so lange man sich darauf beschränkt, grammatischo 
formen zu analysieren. Es wird den bedenklichsten consequenzen Vorschub geleistet, 
so lange man den studierenden nicht eine möglichst lebhafte anschauung davon bei- 
liringt, dass er es mit übersetzungslitteratur zu tun hat. Neun auflagen hindiu-ch hat 
man sich die gotische litteratur als torso bieten lassen; hoffen wir, dass die 10. auf- 
läge endlich gut macht, was so lange gesündigt worden ist und dass sie zur bibel 
(wie zur Skeireins?) die quelle mit zum abdruck bringt. Wie wenig anspruchsvoll 
man in fmherer zeit gewesen, kann man auch daraus ersehen, dass selbst ein 
für deutsche altertumskunde sonst so warm besorgter gelehrter wie Heyne, von der 
ravennatisclien Urkunde nur einen fetzen gibt und nicht einmal hinweise auf die kir- 
chenrechtliehe litteratur bietet, aus der studierende und lehrer etwas zur erklämng 
heranzuziehen vermöchten. Die zeiten sind doch vorüber, da man texte des alter- 
tums nur als toten leichnam unter das philologisch - grammatische seciermesser nahm. 
"Wir sollten doch nun allmählich wissen, dass die philologische bearbeitung eines 
textes erst möghch ist, wenn man den text verstanden hat. Wer wollte behaup- 
ten, mit der Heynischen ausgäbe und ihrem allzu bequem eingerichteten Wörter- 
buch soweit gekommen zu sein! Einige aiisgewählte beispiele möchte ich aus dem 
letzteren doch auch noch hersetzen. Im Wörterbuch liest man unter aftumists aus 
anlass von Mc. 5 , 23 aftumist haban. Diese worte bedeuten : in den letzten zügen 
liegen. Das ist unwahrscheinlich. Für aftumist haban gibt es nur eine richtige 
Übersetzung und die lautet lay/aoyg f/fiv. asiluqnairnus bedeutet nach Heyne: 
eselsmühle, mühlstein: die einzig richtige Übersetzung /.ivXog dvtxög hat er nicht 
mitgeteilt. Dass nidtva rost bedeute, hat noch niemand bewiesen; in einem Wörter- 
buch ist allein die Übersetzung ßowaig gerechtfertigt, gamainjan verdeutscht Heyne: 
gemein machen, entheiligen, veninreinigen ; in Wahrheit bedeutet es: xoivöiaai; wo 
auf germanischem boden wäre ausserhalb der bibel gamains zu der bedeutimg unrein, 
unheilig gekommen, die Heyne ihm beilegt? Wer sich mit der gotischen bibel 
beschäftigt, will sie doch nicht so übersetzen, als ob er den Inhalt sich auf neuhoch- 
deutsch verständlich machen wollte. Wer die gotische bibel interpretiert, will wissen, 
wie Wulfila und was er übersetzt hat: wenn er das weiss, ist allen anforderungen 
genüge getan. Ich habe nicht die absieht, das Wörterbuch durchzucorrigieren — es fin- 
den sich stai-ke missgriffe darin, wie man sie nicht für möglich halten sollte (z. b. sagt 
Heyne kaictsjo bedeute caution, vgl. dazu Marini s. 346) — , spreche aber die bestimmte 
erwartung aus, dass in zukunft noch eine gründlichere revision vorgenommen, die 



92 KAUTFMANN 

ausgäbe den heutigen ansprüchen näher gebracht und dadui'ch das Studium gotischer 
Sprache und litteratur gefördert werde. 

Das unerwartete ist nun aber damit eingetreten, dass derjenige mann, der vor 
jähren und vielleicht da und dort noch in der gegenwart als ein flussreiche autorität 
in Sachen altgermanischer grammatik gegolten, die der Ulfilasausgabe beigegebene 
grammatik nicht einmal mehr selbst bearbeitet hat. Ich muss gestehen, dass mir 
hiefür jede erklärung mangelt. Der geschäftige lexikograph verzichtet „in dieser 
blütezeit der deutschsprachlichen Studien" (vorwort zur vorliegenden ausgäbe) auf die 
grammatische beherrschxing gotischer spräche, tut vor aller weit kund, dass er den 
Zusammenhang mit der sprachgeschichtlichen forschung der gegenwart verloren habe 
— und lässt uns andern nur übrig, dass wir uns fragen, wie dann überhaupt noch 
eine für die deutsche Sprachgeschichte erspriessliche arbeit von seiner seite möglich 
und zu envarten sei. Heyne hat damit selbst ein urteil über den wissenschaftlichen 
teil seiner lexikographischen Sammlungen gesprochen, das viel rigoroser lautet als 
alles andere, was bisher dagegen vorgebracht worden ist. 

Noch nach einer andern seite ist dieser verzieht Heynes von Interesse: nach- 
dem er capituliert, ist vollends die letzte schanze gefallen, die ältere richtung gram- 
matischen Studiums ist damit endgültig abgetan. Es gibt nun keinen gegensatz melu' 
zwischen altgrammatikern und Junggrammatikern; es gibt jetzt widerum wie zu den 
Zeiten J. Grimms nur eine art, deutsche grammatik zu treiben und zu schreiben. Die- 
ses erfolges wollen wir ims freuen und daran die besten hoffnungen für die zukunft 
knüpfen. In diesem sinn begrüsse ich im alten Stamm die neue gotische grammatik. 

Das verhindert mich aber nicht gegen einige neuerungen, die F. Wrede ein- 
geführt hat und die auf sein eigenes conto kommen, einspruch zu erheben. Nicht weil 
es neuerungen sind, sondern weil es sich um voreilige neueningen handelt. Er hat 
gut daran getan, sich möglichst eng an Braxxne anzulehnen. Der Verfasser der be- 
kannten arbeiten über das Wandalische und Ostgotische ist eben nicht streng genug 
in der Selbstkritik gewesen und hat sich die Sache zu leicht gemacht, indem er die 
„ergebnisse" seiner früheren arbeiten in die gotische grammatik einsetzte. Nur aus- 
nahmsweise (z. b. § 63 anm. 1) beurteilt er die Verhältnisse etwas anders als wir sie 
in den altern darstellungen finden. Die durchaus unsichere meinung KoUes, die 
bibel in der Übersetzung Wulfilas habe sich ausgebreitet, so weit als der germa- 
nische arianismus reichte, jedesfaUs über alle Wandilier (s. 33.5), hat sich bei ihm 
festgesetzt. Wir glauben nur zu wissen, dass die gotischen bibelhandschriften, die 
wir haben, aus Italien stammen: dass sie von Ostgoten herrühren, ist nicht bekannt 
und unbeweisbar. Man könnte bekanntlich mit einigem recht sogar an Lango- 
barden denken. Wer wollte behaupten, die „Goten" Theoderichs deckten sich mit 
dem was wir aus älterer zeit als Ostgoten kennen? Unter ostgotischer führung kam 
ein ganzes bündel germanischer stamme nach Italien herein; dass darunter auch sog. 
Westgoten sich befunden haben, ist nicht bezeugt, aber bei der herkunft der 
invasionstruppen mehr als wahrscheinlich und wol auch indirekt von Wrede selbst 
zugestanden, wenn man sich seiner ausführungen über die spräche der Urkunden 
und des lateinisch - gotischen epigramms {eils usw.) erinnert. Ich bemerke, dass 
lange zeit vor dem erscheinen Theoderichs germanische schaaren auf römischem 
boden sesshaft geworden sind. Über ihr leben und treiben — völlig unabhängig 
von den Ostgoten — sind wir zufällig orientiert durch die notiz Prokops (B. g. IH, 2) 
über die Eugier in der gegend von Pavia (ähnliches wissen wir von den Alemannen 
der Poebene). Durch die einfache behauptung, dass die bibelhaudschiifton von ost- 



ÜBER ULFILAS EDD. HETXE UXD WREDE 93 

gotischen bänden herrühren, ist dies noch lange nicht bewiesen. Dazu kommt der 
indifferentisnms Theoderichs und seiner regierung in allen fragen des religiösen lehens. 
Geht mau einmal der ostgotischeu kirchenpolitik nach, so erscheint die annähme 
gefährdet, dass etwa die gotische bibel in der Übersetzung Wulfilas der gottesdienst- 
lichen praxis officiell zu gründe gelegt worden sein könnte: kurzum herr Wrede 
hätte sich evsi genauer über die italienischen zustände Im 6. Jahrhundert vergewissern 
sollen, ehe er in sein buch blosse hypothesen als fundamentalen ausgangspunkt sei- 
ner darstelhmg aufnahm. 

Schon um die Voraussetzungen der Wredischen granimatik ist es also schwach 
bestellt. Wir erkennen nur einen „chronologischen unterschied von ca. anderthalb 
Jahrhunderten zwischen der entstehung und der Überlieferung" der gotischen bibel an. 
Dass die entstehung westgotisch ist, bleibt eine tatsache, dass die Überlieferung ostgotisch 
sei, hat Wrede behauptet. So lange der beweis fehlt, halten wir an westgotisch - 
byzantinischer entstehung und westgotisch -italienischer Überlieferung fest. Das sind 
die gegensätze: hätten wir mit ostgotischen Schreibern zu rechnen, dannn müssten 
wir sie doch wenigstens am texte selbst aufspüren können. Wi'ede gibt aber selbst 
zu: die wulfilanische Übersetzung ist uns in der alten wulfilanischen spräche, nicht 
im ostgotischen dialekt überliefert, das wulfilanische original ist mechanisch abge- 
schrieben worden; mitunter sei dem ostgotischen Schreiber die eigene dialektfärbung 
in die feder geschlüpft (s. 335 fg.) Freilich wie jemand, der sich mit der gotischen 
bibel ernsthaft beschäftigt, lehren kann, sie sei mechanisch abgeschrieben und von 
generation zu generation unverändert vererbt worden, ist unfasslich. Wrede hat 
sich offenbar über die textgeschichte der bibel nie den köpf zerbrochen: wie man 
ihr entgehen kann, wenn man sie liest, das weiss ich nicht; wie man Wandlungen 
des textes, die füi- jedes auch noch so stumpfe äuge sichtbar werden, geradezu bestrei- 
ten kann, dafür gibt unser autor keine erkläning. 

Nicht weniger anfechtbar ist der an das eben citierte sich anlehnende satz: 
der grösste teil der fehler imd ausuahmeformen in unsem handschriften lässt sich auf 
diese weise erkläi-en als aus dem ostgotischen dialekt stammend. Das ist ganz eitel, 
wenn noch andere erklärungen ebenso gut möglich sind. Auch scheint sich die 
äussere Unsicherheit des Verfassers darin zu verraten, dass er nicht etwa geschrie- 
ben hat: nur auf diese weise. Von ostgotischen dialektspuren zureden, wäre Wrede 
doch nur dann befugt gewesen, wenn für die fraglichen erscheinungeu unserer über- 
lieferuDg nur das ostgotische nameumaterial der italienischen zeit die erklärung 
brächte. Weit entfernt, dass dies der fall wäi'e! Trotzdem hat Wrede seine darstel- 
lung vollgespickt mit diesem bequemen aushilfsmittel ostgotischer dialektfärbung. Man 
sieht was ich von all diesen neuerangen halte. Sie sind entstellungen des Sach- 
verhalts. 

Die tatsache, dass im wulfilanischen aiphabet die emzelnen buchstabeu phone- 
tisch nicht eindeutig, sondern mehrdeutig sind, kommt Wrede besonders zu pass. Er 
dekretiert: das zeichen * bezeichnet sowol einen kurzen e- als einen kurzen «-laut. 
Die begründung ist so merkwürdig gefasst, dass ich sie hersetzen muss: In den übrigen 
germ. sprachen steht ihm teils e teils i gegenüber. Da dieser unterschied auch noch 
im ostgotischen des 6. Jahrhunderts erkennbar ist, wird er auch für Wiilfila im 4. jahr- 
hundei-t noch bestanden haben (§ 13). Wrede fährt fort: „Demnach ist wall i zuerst 
ein kurzer (geschlossener) e-laut, dem ein germ., in der regel auch ein an. ahd. usw. 
e gegenübersteht, z. b. in hilpan = ahd. helfan'^ (§ 14). Das kann nur soviel 
heissen: got. hilpan mit seinem geschlossenen e der Stammsilbe ist mit ahd. hei- 



94 KAUFFMANN 

fan trotz des offenen e der Stammsilbe identisch. Was mau aber von lierrn Wrede 
sonst noch zu gewärtigen hat, das enthüllt erst die anmerkung zu dem genannten 
Paragraphen. Ob die „tonerhöhung eines germ. e zu i durch nachfolgendes i"- ... 
„auch schon auf die zeit Wulfilas übertragen werden dürfe, bleibt dahingestellt und 
die frage offen, ob in gibis nimip midjis e oder * (in der Stammsilbe) anzusehen 
ist." Bei derartigen versuchen auf dem gebiete germanischer grammatik hält es 
sehr schwer, den ernst wissenschaftlicher kritik zu wählen. Es liegt mir aber daran, 
endlich einmal dem ganzen ostgotischeu unfug in der grammatik des wulfilanischen 
gotisch einhält zu tun. 

Das tjqCjtov (i^vSog besteht darin, dass Wrede (vgl. Anz. f. d. a. 18, 310) 
mit der vorgefassten meinung an sein material herantrat, er werde im stände sein, 
wenn er die sicher ostgotischen personennamen der italischen zeit in allen ihren 
Schreibungen aus den verschiedenen quellen zusammenstelle, aus den abweichungen 
oder Übereinstimmungen dieser Schreibungen auf die specifisch ostgotische lautgestalt 
zu schliessen und so die dialektischen eigenheiten des ostgotischen zu abstrahieren. 
Kögel hatte auf Kicken im namenmaterial aufmerksam gemacht und abweichende 
erklärungen aufgestellt: Wrede hat sie a. a. o. abgelehnt, „weil sie seiner grammatik 
nur zu oft ins gesiebt schlagen!" Darauf erklärte Kögel (a. a. o. 314): wo seine 
behauptungen „zu Wredes resultaten nicht stimmen, werden diese resultate eben falsch 
sein." Danach niusste man erwarten, dass Wrede eine nachprüfung vorgenommen 
haben werde. Statt dessen scheint er sich nur noch tiefer verraunt zu haben. 

Es ist ganz unmöglich, aus dem ostgotischen namenmaterial auch nur einen 
Paragraphen ostgotischer grammatik zu entwickeln. Vom ostgotischen dialekt wissen 
wir gar nichts. Denn unser namenmaterial besteht, von seiner dürftigkeit abgesehen, 
aus Umschriften, die in der italienischen (bezw. lateinischen) Orthographie des frühen 
mittelalters gehalten zmiächst vulgärlateinische zeugen darstellen, für die gotische 
Sprachgeschichte jedesfalls erst verwertet werden können, w^enn eine systematische 
behandlung des orthographischen Systems die lateinischen bestaudteile zu eliminieren 
ermöglicht. Wrede ist, um einen vergleich zu gebrauchen, mit den ostgotischen 
namen so verfahren, als wenn jemand das Edictum Theoderici für ostgotisch aus- 
geben wollte, weil es des ostgotischen königs namen trägt. Die ostgotischen männer 
waren Italiener geworden und haben vermutlich auch im bürgerlichen leben ihre 
namen italienisiert '. Wie viel mehr in der bücher- und urkundenschiift ! Seit 
Mommseus Ostgotischen studien ist ein verfahren, wie es Wrede noch immer einhält, 
gerichtet. 

Man nenne aus dem namenmaterial, das Wrede (und Kögel) zusammengestellt, 
irgend eine beliebige erscheiuung, die mit dem wulfilaiüschen gotisch sich nicht deckt, 
und suche sie zuerst aus dem italienischen Vulgärlatein des 6. Jahrhunderts zu belegen. 
Was hat das mit ostgotischer spräche zu tun! Der ganze plan und gedanke der 
Wredischen arbeit war so grundverkehii, wie nur jnöglich. Schon Förstemann (II, 153) 
hatte die warmnigstafel aufgesteckt: „den lautverhältnissen liegt mehr die auffassimg 
der romanischen Schreiber als die der germanischen bevölkerung zu gründe." QF. 
68, 4 erklärte Wrede: ich erweise im folgenden für das ostgotische durchgeführte 
monophthongierung von wulf. ai zu e. Dieser posten steht denn auch nunmehr in 

1) QF. 68, 48 u. ö. nannte das Wrede: form des internationalen Verkehrs, nostri- i 
ficierte Römerbüdung. Er hat sie selbst für den stammesnamen „Goti" anerkannt 
(s. 44). 



ÜBER "OLFILAS EDD. HEYNE UND "WEEDE 95 

der gotischen grammatik (§ 22 anm. 1). Wackernagel hatte beim bui-gundischeu dem 
zweifei räum gegeben, ob nicht das e bloss durch lateinische auffassung und sclirei- 
bung verschuldet sei (Kl. sehr. 3, 3G2): wo hat "Wrede durch systematische Unter- 
suchung der vulgcärlateinischen Orthographie diese zweifei aus der weit geschafft und 
wo nimmt er für sich das recht her, seine vagen constructionen als tatsächlich 
begründet auszugeben? 

"Was nun aber speciell seinen ansatz wulf. i ^ e betrifft, so leisten die ost- 
gotischen namenformen hiefür gar nichts; denn der name Ibba erscheint als Ebba, 
-swintha als -swentha, -fridus als -fredus, hildi- als beide- usw. Dass wir es dabei mit 
nichts anderem denn mit italienischen formen zu tun haben, die mit der frage nach 
ostgotischem dialekt gar nichts zu schaffen haben, liegi für jeden, der die zeit- und 
schriftverhälttiisse kennt, auf der band (vgl. jetzt auch QF. 75, 77). Got. iu sagt 
Wrede (§ 30) ist schriftzeichen für den germ. diphthong eu^ sein i entspricht also 
dem wulf. * = e. Demgemäss auch cu eo für wulf. iu in gotischen eigennamen 
bei den lateinischen historikeru." Das klingt schon viel unbestimmter. Wer die 
Sachlage nicht kennte, dem dürfte dieser § geradezu unverständlich sein. In der 
Schreibung Theodericus hatte Wrede seinerzeit einen vortrefflichen beleg für die 
genauigkeit gefunden, mit der germanische namen niedergeschrieben worden seien 
Er war der ansieht, cu liege zu grund: es habe jedoch, um mit dem lateinischen eu 
nicht verwechselt zu werden, einer Jgrapliischen modificieruug bedurft. „Zu einer sol- 
chen benutzte man hier einmal (!) bewusst den aus der lat. schrift sonst geläufigen 
Avechsel von e und «', o und u^ und schrieb entweder iti — so enstandene iu in 
gotischen eigennamen darf man also (sie!) nicht ohne weiteres mit wulf. iu identifi- 
cieren — oder häufiger co": auf grund solchen geredes wird ostgot. eu angenommen 
und mm neuerdings auch für wulfilanisch ausgegeben. Wrede hält es jetzt wenigstens 
füi" „sehr wohl möglich", dass auch wulf. e zwei in der ausspräche unterschiedene 
laute zusammenfasse, die gelegentliche vertauschung der e, ei, i in den hss. rühre 
erst von den ostgotischen ab.schreibern her, und die transscription des griech. jj 
durch wulf. e lässt „auf eine durchaus nicht so ganz geschlossene articulation schlies- 
sen, weil r] auch im 4. Jahrhundert noch ein deutlicher e-, nicht «-laut war" (§ 11. 
12). Wie befangen Wrede vei fährt, dafür nur noch ein beispiel. Obwol er sich 
für wulf. e neben i entschieden hat, wagt er nicht neben u auch o anzusetzen. 
Warum nicht: weil ein a-umlaut des germ. m selbst für das ostgotische des 6. Jahr- 
hunderts noch nicht nachzuweisen ist (§ 18 anm. 1). Aber in der bibel liegen doch 
belege dafür vor: Wrede nennt selbst gaivondondans Luc. 20, 12_, von andern belegen 
ganz abgesehen. Der leser fragt sich erstaunt, wie kommen den diese o in die wul- 
filanische bibel, wenn sie dem ostgotischen des 6. Jahrhunderts fremd gewesen sind. 
Freilich was die ostgotischen Schreiber für mirakel gewesen, das erfährt man nun 
erst aus der Wredischen grammatik. Ihre leistuugsfähigkeit grenzt ans unheim- 
liche, wenn man sich z. b. vergegenwärtigt, was sie bei dem diphthong au fertig 
gebracht haben. Das bitte ich jedoch lieber bei Wrede selbst nachzulesen (§ 26 anm. 1). 
Dass die grammatik seite für seite zu ausstellungen anlass bietet, ist leider tatsache; 
bald sind es geringere (wie z. b. § 28 anm. 1 urredan geht auf uxredan, nicht usre- 
den zurück), bald grössere irtümer (wie z. b. s. 348 im idg. habe es viele ablauts- 
reihen gegeben, deren zahl im germanischen wesentlich vermindert sei), bald ver- 

1) Trotzdem muss § 17 anm. 1 zu dem Wechsel zwischen o und u „der ost- 
gotische Schreiberdialekt" herhalten. 



96 KAUFFMANN 

altete iingesobicklichkeiteu (wie die uiigeordneteu ablautsreihen § 33. 106 fgg.) oder 
ungerechtfertigte dürftigkeit (vocalisclies auslautsgesetz § 40). In ijhonetischen dingen 
ist "Wrede bekanntlich ganz unbeholfen (ich verweise jetzt z. b. auf die verdickung 
eines alten jj § 49 anm. oder auf § 58 anm., § 78 anm.) und seine historischen aus- 
blicke sind mehr geeignet die dinge zu verschleiern als zu erläutern (vgl. z. b. § 57 : 
-ft sei mindestens schon urgerniauiscli , § 78 worden gaft und gifts zusammengenom- 
men, §80 anm. 1 wird t in gilstr als junger einschub bezeichnet und §81 gar eine 
ähnlichkeit zwischen vocalischem und consouantischem auslautsgesetz behauptet, das 
ist gerade so viel wert als wenn § 76 das Vernersche gesetz als bestandteil der laut- 
verschiebung aufgeführt wird oder wenn § 82 die Suffixe der flexion nicht mehr als 
schöpferische wortbildungselemeute empfunden sein sollen. Immer noch gibt es bei 
ihm ein suffix für persönliche concreta -rja- (§ 91), in der flexionslehre herrscht 
immer noch die pedantische neigung zu unbelegten formen (§ 115 anm. 1. 118 anm. 2. 
129 anm. 2), die pädagogisch wertlos sind. Den abschnitt über syntax will AVrode 
erst bei der folgenden aufläge einer eingehenderen Umarbeitung unterziehen: so sind 
also dem alten buch da und dort ein paar neue läppen angesetzt, aber brauchbar 
und empfehlenswert ist es dadurch nicht geworden. 

Das Gotische elemeutarbuch von Streitberg (Grammatik. Lesestücke. AVör- 
terbuch) braucht die concurrenz von seiten der "Wredischen grammatik nicht zu fürch- 
ten. Warum er gerade die (englische) etikette: Elementarbuch an die stirne gesetzt 
hat, ist nicht recht verständlich. Sie hat für mich eine beimischung von mode und 
wäre besser unterblieben. Die englischen Primers — ihr vorbild — brauchen wir 
gott sei dank in Deutschland nicht, weil unser Universitätsunterricht höhere anfor- 
derungen stellt. Die gotische grammatik ist denn auch nach gemeinem verstand 
ebenso wenig ein elementarbuch als desselben Verfassers Urgermanische grammatik. 

Auch sonst habe ich dies und das gegen Streitbergs darstellung einzuwenden. 
Zunächst, dass die zu eingaug dieser besprechung erwähnte kritische stelhmgnahme 
zu Braune einen gegensatz urgiert, der faktisch nicht vorhanden ist. Streitberg tut 
sich etwas darauf zu gut, dass er — anders als Braune — nicht vom buchstaben, 
sondern vom laut seinen ausgang genommen habe. Es ist nur wortgepränge, wenn 
wir z. b. s. 21, 5 lesen: Im "West-, Ost- und Krimgotischen geht das enge e in (enges) 
* über. Die Schreibungen schwanken seit dem beginn des 5. Jahrhunderts. S. 24, 2 
j hat zweifellos überall den lautwert von unsilbischem i gehabt: diese behauptung 
bat bekanntlich eine so bedeutsame tatsache, wie den Stabreim gegen sich. Über 
den phonetischen wert des got. f wagt er sich ebensowenig bestimmt zu äussern als 
die früheren und wenn er a als volaren vocal, p als postdentalen Spiranten, /«/ wahr- 
scheinlich als stimmloses u bezeichnet und q als ein k definiert, bei dessen bildung 
nach Seelmann der mund eine röhrenartige form annahm, so können wir uns nur freuen, 
dass Bi'aune das publikum mit solchen dingen verschont hat. Gerügt werden muss 
auch die mehr als überflüssige beziehung der gotischen lautzeichen auf hebräische, 
denn dadurch wird ein Zusammenhang angedeutet, der niemals bestanden hat. 

Ganz irrigen Vorstellungen wird nun aber auch da Vorschub geleistet, wo Streit- 
berg sich über das Verhältnis vom laut zum buchstaben auslässt. Es ist manchmal 
als wolle Streitberg sich den anschein besseren wissens geben, wo wir bestimmt zu 
sagen vermögen, dass er nur aufs geratewol hin sich entschieden hat. Streitberg 
behauptet, das runenzeichen für to habe AVulfila wählen müssen, weil er das latei- 
nische q bereits für got. q vergeben hatte: glaubt denn Streitberg, Wulfila sei bei 
der aufstellung seines alphabets so verfahren, dass er mit a begonnen und mit b, c 



ÜBER STREITBERG, GOT. ELEMENTARBTJCH 97 

fortgofahreu? Woher weiss deun Streitberg, dass ihm für y „kein anderes halbwegs 
brauchbares zeichen" zu gebot gestanden hat als lat. g7 Die doppelschreibung des 
IV in Etvtva Laitcweis deutet nach Streitberg (s. 29, 13) wol darauf hin, dass in got. 
ausspräche die silbengrenze in das lo fiel: wer wollte darauf bauen, wenn er weiss, 
dass diese Orthographie gar kein specificum der Goten gewesen, im griechischen 
ebenso belegt ist wie im lateinischen. Genau ebenso verhält es sich mit formen wie 
Johannes, Jaireiko, welche für Streitbergs theorie, dass h durchwog hauchlaiit 
gewesen sei, gar nichts leisten. Leider steckt eben Streitberg noch in dem wahn, 
jeden buchstaben auf seinen lautwert zu reducieren. Er hat sich anscheinend immer 
noch nicht von der notwendigkeit überzeugt, erst der geschichte der Orthographie 
nachzuspüren, ehe man eine geschichte der laiite wagen will. Ein dritter punkt, in 
dem er sich zu seinen Ungunsten von Braune unterscheidet, sind die unbestimmten 
hindeutungen auf das "W" redische „ostgotisch" \ obwol ihm dessen mangelhafte begriin- 
dung zum bewusstsein gekommen war (z. b. § 41, anm. 1). Man sehe sich schon den 
satz in § 26 näher an: „Zweifellos dürfen manche der lauterscheinungen , die den 
orthographischen Schwankungen zu gründe liegen, auch durch die einwirlaing des ost- 
gotischen dialekts der Schreiber erklärt werden." Wie sich das Streitberg im einzel- 
nen vorstellt, dafür nur ein beispiel, das sofort zeigt, in welche zwickmühle er sich 
damit begeben hat (§21, 8 c): „Bei Trebellius Pollio erscheint Austrogoti. Sonst 
(sie!) ist im ostgotischen vor dentalen inonophthongiening eingetreten. Interessant 
ist auch (sie!) die Umschrift des lat. caiitio durch kau-tsjo in der Urkunde von Nea- 
pel. Gegen ende des 6. Jahrhunderts muss, wie man schliessen darf, mc vor dental 
im ostgotischen den lautwert ö gehabt haben, daher (sie!) der versuch der phone- 
tischen Schreibung des lateinischen diphthongs." Das ist so verzwickt, dass nur ganz 
wenige leser den satz verstehen dürften und jedesfalls bleibt das grosse rätsei beste- 
hen, ob und wie ^^el denn am ende des 6. Jahrhunderts vom ostgotischen noch vor- 
handen war? Mau sieht es ist in dieser beziehung, was das Verhältnis von laut 
und Schrift, mit dem Streitberg sich brüstet, kein aufhebens zu machen und er hätte 
besser getan, die polemische bemerkung gegen Braune einerseits und seine hypothe- 
tischen definitionen andererseits zurückzubehalten. 

Wo er das Verhältnis der gotischen vokale und consonanten zu den germa- 
nischen bespricht, habe ich weniger anlass einspruch zu erheben. Zweifelhaft sind 
mir die von Streitberg angenommenen ü in nebensilben, wie z. b. in fidür nach Paul 
(Idg. forsch. 4, 334), -üh, buclü (§ G6 fg.), seine unsichern Vermutungen über den 
monophthongischen chai'akter von -ai, -au wären vielleicht auf anderem wege zu 
stützen, nur durfte er sich nicht §69 auf das urnordische berufen! §81, 2 ist 
„quantitative" zu lesen. Bei den ablautsreihen sind die dn, dm, dl, ar der 4. reihe 
gegen die g^, m, l, r der 3. reihe ohne jeden erklärenden hinweis unverständlich. 
Sicher falsch ist § 105 die behauptung, wir hätten es mit dem lautwechsel -b- : -f 
usw. mit einem specifisch gotischen Lautgesetz zu tun, deun im niederdeutschen 
liegt bekanntlich genau dieselbe erscheinung vor. In der formenlehre sind noch 
weniger bemerkenswerte beobachtungen zu verzeichnen, doch lenke ich die aufmerk- 
samkeit auf die duale der numeralia § 194, 2 anm. Die bekannte jüngste hypothese 
über die morphologie der schwachen präterita ist noch nicht so weit begründet, dass 

1) Es spukt auch schon in darstellungen , von deren Verfassern man keine 
selbständige kritik dieser dinge erwartet, wie z. b. in Kretschmers Einleitung in die 
geschichte der griechischen spräche s. 17. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXXI. • 



98 DÜNTZER 

sie in § 200 aufnähme verdiente. Besonders seltsam berührt aber bei einem den 
idola fori sonst so abholden gelehrten die verliebe für „unregelmässige" verba (§ 203 
fgg.). Das ist offenbar nur dem titel „Elementarbuch" zu liebe: man sieht wie bedenk- 
liche consequenzen daran hängen. Gerne bekenne ich, dass mir das erfreulichste 
am ganzen buch der dritte hauptteil: Syntaktisches gewesen ist. Hier weht frische 
freie luft und das löblichste streben, dem wesen der erscheiuungen auf den grund 
zu kommen, wenn auch der Verfasser mit annähme von graecismen zu sparsam und 
mit dem schematisieren vielleicht vorschnell bei der band gewesen ist. 

KIEL. FRIEDRICH KAUFFMANN. 



Goethes werke. Herausgegeben im auftrage der grossberzogiu Sophie 
von Sachsen. I. band 38. 39. AVeimar, Böhlau's uacbf. 

Diese beiden bände, deren erster die Jugendschriften, der andere die frü- 
hesten gestalten der Jugenddramen enthält, überraschte die Verehrer Goethes im 
laufe des sommers 97; sie brachten endlich auch die lesarten zu bd. 37, mit denen 
wir uiiseren bericht anheben. Zuerst wird wenig eingehend des verlorenen gedacht, 
auch der „Idylle Mykon". Seiner Schwester schrieb Goethe, „Mykon" habe eine 
gute anläge, könne aber besser ausgefülirt sein. Geiger hielt es für möglich, dass 
„Mykon" ein draraa sei; der hirtonname abei' deutet eher auf eine Idylle. Nach 
einem ausfübrlichen bericht über die Colloquia folgen die ueujahrs wünsche des 
knaben. Bei den ersten von 1757 wird eine nachhilfe des lehrers (des schreibleh- 
lehrers) angenommen, doch muss auch einwirkung des vaters vorausgesetzt werden, 
der ja seit 1757 Wolfgangs lateiiüsche Übungen leitete. Der wünsch an den „erha- 
benen" grossvater besteht aus drei vierversigen jambischen Strophen, deren äussere 
(männliche) verse mit den inneren (weiblichen) reimen; in dem Spruche an die gross- 
mutter folgen auf zwei solcher Strophen zwei weibliche reimpaare. Viel freier fühlte 
er sich natürlich fünf jähre später in dem neujahrswunsche für beide grossei tena in 
acht bald männlich bald weiblich auslautenden reimpaaren, wobei er den wünsch 
ausdrückt, das nächste jähr in fremder zunge (lateinisch) zu ihnen reden zu können. 
Lateinische glückwünsche in prosa hatte er dem vater schon 1758 in seinem geburts- 
monate, dem august, gewidmet. An manches andere schliessen sich die schon längst 
bekannten „Poetischen gedanken üljer die höUenfahrt Jesu Christi" in zehn versigen 
Strophen und das schon von Suphan herausgegebene buch Annette, dann die 
Ephemerides mit einem nachweis der entlohnten oder übersetzten stücke. Es fol- 
gen die Elsässi sehen Volkslieder, wörtlich nach der fassung der von A. Fresenius 
verglicheneu ältesten handschrift. Den darauf folgenden, in Strassburg verteidigten 
thesen (Positiones juris) schhessen sich zwei seiner als rechtsanwalt gemachten ein- 
gaben an. Bei dem beabsichtigten drama Julius Cäsar wird die ansieht von der 
Hellens vei-treten, Goethe habe seineu ursprünglichen plan von 1770 drei jähre später 
abgeändert, was aber die dafür angeführten gründe nicht dartun. Freilich zeigen 
Goethes jAysiognomische köpfe Cäsars bild als „nur verzerrte reste des ersten der 
menschen, eine eherne, übertyrannische selbstigkeit", aber von dessen umriss heisst 
es: „Wie wahrhaft gross, rein und gut! Mächtig und gewaltig ohne trotz. Unbe- 
weglich wnd unwiderstehlich. Weise, tätig, erhaben, über alles sich fühlend, söhn 
des giückes, bedächtig, schnell — Inbegriff aller menschlichen grosse." Warum 
sollte sich beim drama dem dichter statt des ursprünglichen heldeubildes der verzerrte 



ÜBER GOETHES WERKE (WEIMAR. ADSG.) 99 

tyrann aufgedmugeu , warum das bild „des ersten der menschen" sich verschoben 
haben? Das sclieiut undenkbar. Wenn Goethe 1774 im briefe an Schönborn, dem 
er im vorigen jähre mit feuriger begeisterung von seinem Cäsar gesprochen hatte« 
die äusscrung tat: „Noch einige plane zu grossen dramas habe ich erfunden, d. h, 
das detail dazu in der natur gefunden und in meinem herzen. Mein Cäsar, der 
euch nicht freuen wird, scheint sich zu bilden", so muss jeder bei diesem nicht 
stutzen; wäre es doch äusserst seltsam, wenn Goethe dem freunde mit diesen Wor- 
ten andeuten wollte, er habe seinen plan geändert, und werde Cäsar als einen mit 
recht gemordeten tyrannen darstellen, woran er keine freude haben werde, vielmehr 
werde er sich für Brutus erwärmen. In einem „Versuch über Shakespeares genie" 
wurde letzteres von Shakespeares drajna angenommen. Eine beurteilung desselben 
in den Frankfurter gelehrten anzeigen (von Schlosser?) venvarf diese ansieht. 
Shakespeares Cäsar sei nicht stolz, sonderü wie er sein soll. „Ein mann, der zehn 
jähre lang Stetigkeit genug hat, auf einem einzigen fleck zu arbeiten — der darf 
gesinnungen äussern, die stolz atmen, allein grosse des Cäsar wird nie in diesem 
geschöpf Shakespeares verkennen, wer sie zu fühlen vermögend ist." Goethe hat 
bis zu seinem tode Cäsar stets als den grössten Römer verehrt; wer annehmen will, 
er habe je darin gewankt, der beweise es! Auch den plan seines Cäsar hat er nie 
verändert. An Schönborn schrieb er: euch recht freuen. 

Mit der rede Zum Shakespeare-tag beginnt die reihe der von Georg AVit- 
kowski gelief eiien bearbeitungen. Bei jener rede gedenkt dieser der annähme, sie sei 
nach Strassburg gesandt worden, um dort am festtage vorgelesen zu werden, und er 
schlägt sich damit seltsam herum, ohne mit einem worte zu erwähnen, dass ich 
schon 1891 in der schrift „Zur Goethe -forschung" s. 393 — 408 über die Shakcspeare- 
feier und Goethes festrede licht verbreitet habe. Zu s. 130, 23 bemerkt W., in der 
handschrift treffe ein feiner schräger strich das abgekürzte wort erk(annte), viel- 
leicht auch das folgende ich, und deshalb sollte vielleicht einfach die zeile beginnen 
mit Ich fühlte. Aber der feine strich ist nur ein zufälliger federzug, der gar nicht 
die absieht hatte, ein wort zu streichen. — Bei der schrift Von deutscher bau- 
kunst wird der ansieht Scherers frageweise gedacht, sie sei in Strassburg begonnen, 
ohne zu bemerken, dass ich a. a. o. s. 108 — 115 diese grille abgefertigt, ich die 
Shakespearerede und Goethes feier des "Williamstages eingehend behandelt habe. — 
Weiter will W. von dem Brief des pastors und den Zwo biblischen fragen 
beweisen, Goethe habe gar nicht beabsichtigt, sie in die nachtrage zur ausgäbe letz- 
ter band aufzunehmen. Er stützt sich dabei auf angaben, die er von Fresenius 
erhalten , die aber eher das gegenteil beweisen. Schon am 5. Januar 1831 schrieb 
Goethe an den kanzler von Müller: „Zehn neue bände meiner schritten sind schon 
parat"; darunter waren auch die theologischen. Denn in dem am 31. mai aufgesetz- 
ten vei-trag mit Eckennann heisst es: ,Zur nächsten ausgäbe eines nach träges zu 
meinen werken liegen bereit (in einem kästen, zu dem Eckermann den Schlüssel 
hatte) oder werden redigiert, ajustiert." Die im kästen liegenden waren: Götz 
(der erste entwurf und die bühnenbearbeitung) , der vierte band von Wahrheit und 
dich tun g und die dritte Schweizerreise, noch zu redigieren waren „kleine ältere 
Schriften, einzelnes mit eingeschlossen, naturwissenschaftliche Schriften. Die klei- 
nen älteren Schriften müssen neben den schon in Kunst und alter tum abge- 
druckten Von deutscher baukunst die theologischen sein; denn ich wüsste nicht, 
welche andere damit bezeichnet sein könnten. Aber nach Goethes tode fand man 
noch so manches, das viel weniger fehlen konnte. So lie.ss man denn auf die 

7* 



100 BÜNTZER 

Schweizerreise die Rheinreise, Kunst, Theater, Deutsche und fremde 
litteratur folgen, womit die zahl von zehn bänden noch überstiegen wurde. Die 
quartausgabe nahm noch den aufsatz Von deutscher baukunst auf, die theolo- 
gischen Schriften fanden endlich im 14. bände der vierzigbändigen ausgäbe Unterkunft. 
Wahr ist von Ws. bohauptuug nur, dass zu Goethes zeit der bi'ief des pastors 
und die zwo biblischen fragen nicht „redigiert, ajustiert" wurden, aber die auf- 
nähme in den nachtrag war beabsichtigt. Fragt man, was unter dem „Einzelnes 
eingeschlossen" zu vorstehen sei, so dachte Goethe wol an die einzelnen aufsätze, 
die er zu der Übersetzung "Wagners von Mercier „aus seiner brieftasche" mitgeteilt 
hatte, die auch später nach der schrift Von deutscher baukunst in der ausgäbe 
der werke gegeben wurden. 

W. hat auch Goethes beitrage zu den Frankfurter Gelehrten anzeigen 
übernommen, die er bereits für den 2G. band von Kürschners Deiitscher Na- 
tionallitteratur geliefert hatte. Ich hatte die bearbeitnng dieses bandes abgelehnt, 
da die entscheidung der frage, welche anzeigen Goethe gehören, höchst verwickelt 
ist imd die bisherige, in alle weiten sich verlierende forschung auf einem Irrwege 
zu wandeln schien, auf dem Scherer sich alle zügel hatte schiessen lassen. Witkowski 
hat sich die sacho recht bequem gemacht, sich meist begnügt, wie er sagt, das 
gesamte material vorzulegen, was er nur in ungenügender weise getan. Bei Kürsch- 
ner hatte er die beurteilung der von niir gegen Minor vorgebrachten gründe für 
Herder unter dem verwände abgelehnt, die stelle sei für eine wissenschaftliche 
behandlung der dort beiührten einzelfragen nicht geeignet, da es doch nur galt, 
meine gründe anzuerkennen oder zu widerlegen. Man sollte denken, in der auf 
wissenschaftlichkeit vollsten ansprach machenden Sophienaiisgabe hätte es bei der 
breiten erwähnung der geschichto der forschung sehr nahe gelegen, meiner teilnähme 
an derselben zu gedenken. Doch W. zieht es vor, sie totzuschweigen, während ich 
von meiner ersten bis zur letzten schrift beitrage zur lösung der frage gegeben habe. 
In seiner ausgäbe erscheinen zunächst die sämtlichen anzeigen, wie sie in Goethes 
ausgäbe letzter hand stehen, nur diejenigen, welche als anderen angehörend sich 
ergeben haben, in kleinerer schrift. Den schluss bilden drei anzeigen, die spätere 
Zeugnisse Goethe zuweisen. Aber nicht alle grossgedruckten anzeigen gehören unzwei- 
felhaft Goethe an; mehrfach, wie bei der Empfindsamen reise, bei Cymbeline, 
den Neuen Schauspielen, den Briefen über die wichtigsten Wahrheiten 
der Offenbarung u. a. vermissen wir jeden schein eines bewcises für Goethes 
Urheberschaft. AVo ein Goethe fremder ton herscht, hilft er sich sonderbar mit 
dem verweise auf die beiden theologischen briefe : aber dort spricht Goethe im namen 
eines frommen pastors, lächerlich würde es sein, wenn er als beuiieiler einer gelehr- 
ten Zeitung den frommen pastor spielte. Unter der aufschrift Paralipomena lässt 
W. dann noch einundsiebenzig anzeigen oder stellen aus solchen folgen, bei deren aus- 
wahl gewissenhaft die innere form und die behandelten gegenstände in erster linio den 
ausschlag gegeben habe, die äussere form weniger beachtet worden sei. Vielfach folgt 
er Scherers Vermutung, die er oft für wolberechtigt, einleuchtend, zutreffend erklärt, 
ja behauptet, seine Vermutung lasse sich zur vollen gewissheit erheben, aber wo er 
gründe dafür angibt, bewähren sie sich nicht. Schliesslich wird noch bei sieben 
anzeigen die möglichkeit Goethischer mitwirkung oder seines anteils offen gelassen, 
aber auf seine schwankenden beweise ist nichts zu bauen. 

Die Untersuchung muss auf eine ganz andere bahn geleitet werden, nur fest- 
stehende Zeugnisse oder sichere gründe dürfen entscheiden. Den ersten platz nehmen 



ÜBER GOETHES WERKE (WEIMAR. AUSG.) 101 

Zeugnisse von Goethes freunden ein. Als Verfasser von fünf anzeigen kennen 
wir Goethe durch Zeugnisse seines Schwagers Schlosser, des Juristen Höpfner und 
Jacobis; es sind die von Gessners Idyllen (25. august), den „Gedichten von einem 
polnischen Juden" (1. September), Lavaters „Aussichten in die ewigkeit" (3. uovem- 
ber), Hausens „Leben und Charakter von Klotz" (29. mai) und Jacobis schritt über 
Hausen (18. december). Was an zweiter stelle Goethes eigene be Stimmung 
seiner anzeigen betrifft, so erklärt er selbst am 3. juni 1828 gegen Boisseree, er 
erinnere sich nicht, diesem oder jenem werke, dieser oder jener persou zu seiner 
zeit diese aufmerksamkeit geschenkt zu haben, wie er auch in andern fällen, wo mau 
es nicht vermuten sollte, seine völlige Vergessenheit bekennt. Gern verdanken wir 
W. hier die mitteilungen über Goethes handexemplar der Frankfurter Gelehrten 
anzeigen, welches gerade die uuzuverlässigkeit Goethes ins volle licht stellt. Er 
Hess sich, als er eben im zwölften buche von Wahrheit und dichtung seiner 
anzeigen gedenken wollte, am 1. februar 1812 durch seinen neffen Schlosser ein 
exemplar der ersten Jahrgänge der 1772 herausgekommenen Frankfurter Gelehr- 
ten anzeigen übersenden und erhielt die beiden ersten Jahrgänge. Den ersten gieng 
er gleich zu seinem zwecke durch; den zweiten sah er nicht durch, da der schluss 
des Jahrganges den beweis lieferte, dass er an diesem nicht mehr mitgearbeitet hatte. 
In jenem bezeichnete er mit rötel als ihm angehörig die anzeige von Sulzers all- 
gemeiner theorie, von der Laroche Geschichte des fräulein von Sternheim, 
von Mauvillon und Unger Über den wert einiger deutschen dichter, von der 
Empfindsamen reise durch Deutschland, von der Charakteristik der vor- 
nehmsten europäischen nationen und von Siüzer Die schönen künste (vorn 
11. februar bis zmn 18. decbr.). Da ist es nun merkwürdig, dass diese erste auswahl 
den offenbaren beweis liefert, wie wenig Goethe sich der Wirklichkeit erinnerte; denn 
wir wissen, dass dio drei ersten dieser anzeigen Merck augehören, und unter diesen 
eine, die damals das grösste aufsehen erregte. Freilich hat man in der dritten die 
sechszehn zeilen von den werten au: „Der recensent ist zeuge" usw. für einen ein- 
schub Goethes erklärt, weil Merck nie einer Vorlesung Gellerts beigewohnt habe. Aber 
ei'U'iesen ist es noch keineswegs , dass Merck in den jähren 63 und 64 nicht in Leip- 
zig gewesen sei, und da Merck in dieser anzeige keineswegs persönlich auftritt, so 
konnte er sich sehr wol auf das berufen, was ihm Goethe berichtet hatte. Freilich 
erzählt Goethe in Wahrheit und dichtung, seine freunde hätten ihm erlaubt, inner- 
halb ihrer aufsätze zu scherzen, und auch bei einzelnen gegenständen selbstän- 
dig aufzutreten. Aber jene ganze, ohne lebendige erinnerang ersonnene darstel- 
lung ist so unzuverlässig wie unglaublich. Solche kongresse, solche besprechungen 
über angelegenheiten der Zeitschrift fanden überhaupt nicht statt; sie waren ganz 
v/ider Goethes und Mercks sinn, die freilich iij den folgenden jähren sich mehrfach 
im dorfe Langen trafen, aber die anzeigen wurden nie so geschäftsmässig betrieben, 
wie es sich Goethe vierzig jähre später vorstellen konnte, da eben über diesen teil 
seines lebens, wie über manche andere, die Vergessenheit ihre flügel gelegt hatte, 
so dass er nur mit hilfe des erhaltenen Jahrganges darüber berichten konnte. Wenn 
er damals erklärte, au einzelnen stellen glaube er sich wider zu erkennen, so waren 
das nur luftspiegelungen. Ja, wäre jener bericht wahr, so würde Goethes teilnähme 
an den anzeigen nur äusserst gering sein. Nach 1812 dachte er an die Frankfui'ter 
Anzeigen nicht mekr; erst als er im anfang der zwanziger jähre in die ausgäbe letz- 
ter band eine anzahl Frankfurter anzeigen aufzunehmen sich entschlossen hatte, 
kehrte er zu ihnen zurück. Jetzt erst, wo die anzeigen ihm einen bedeutenden bei- 



102 DÜNTZEE 

trag liefein sollten, griff er auch zum Jahrgänge 73, wvährend er früher erkannt hatte, 
dass er an diesem nicht mehr mitgearbeitet hatte. Mit noch kühnerem unsicheru 
tasten wählte er jetzt eine viel grössere zahl von anzeigen, die er mit bleistifthaken 
bezeichnete, und sie dann ausschreiben Hess. Die abschritten lagen bereits 1823 vor, 
als Eckermann nach Weimar kam. Diesem gab er die beiden bände der Anzeigen, 
worin er alle seine damals geschriebenen beurteilungen finden werde; sie seien nicht 
gezeichnet, aber der junge freund werde, da er seine art und denkungsweise kenne, 
leicht die seinigen herausfinden; später wolle er ihm die abschritten der von ihm 
ausgewählten mitteilen. Offenbar wollte er die von Eckermann gemachte auswahl 
mit der eigenen vergleichen; sie sollte ihn in seiner ansieht hestätigen, auch etwa 
die aufnähme noch anderer veranlassen. Auf solcher unsichern grundlage ruhte die 
schliessliche entscheidung. 

Eine gewissenhafte Untersuchung hätte nach einer festen grundlage zur Unter- 
scheidung der anzeigen Goethes von den übrigen suchen, besonders über die haupt- 
niitarbeiter sich unterrichten müssen. Merkwürdigerweise hat die neuere forschung das 
bedeutende zeugnis Höpfners in seinem briefe an Nicolai vom 18. febraar 73 unbe- 
achtet gelassen, der als recensenten ausser Herder Merck, Goethe imd Schlosser 
nennt, von denen der letzte die meisten geschrieben, ja man übersah, dass Merck 
als redakteur nicht allein die bedeutendsten anzeigen machte, was durch die tatsache 
bestätigt wird, dass gleich im februar drei sehr eingreifende von ihm stammen, son- 
dern als solcher auch wol manche andere lieferte, w^elche sache einer umsichtigen redak- 
tion sind, wie die anzeigen anderer kritischen blätter und einzelner schritten, welche 
nicht unerwähnt bleiben konnten, sondern mit einem treffenden witzworte abgetan 
werden mussten. Hätte er dies beachtet, so würde er da, wo zwischen Merck und 
Goethe die wähl offen stand, sich unbedingt für den redakteur, nicht für den über- 
reich bedachten Goethe entschieden haben. Leider kannte er auch Merck viel zu wenig. 
Wären ihm die vielen anzeigen gegenwärtig gewesen, die Merck später für Wielands 
Merkur lieferte, hätte er den reichen umfang von Mercks keuntnissen überschaut, 
dessen eigentliches fach die bildende kunst war, dem aber auch die meisten übrigen 
Wissenschaften bekannt waren, so würde dessen anteil viel grösser geworen sein, 
der Goethes sich wesentlich vermindeii haben. Und wie armselig kommt Schlosser 
bei Scherer weg, der nach Höpfner die meisten anzeigen geschrieben hatte! Seine 
eigentliche bedeutung, die doch in zahlreichen Schriften und in dem treuen lebens- 
bilde seines wackeren enkels Alfred Nicolovius vorliegt, hat Scherer nicht von ferne 
geahnt. Freilich war dieser ein sittlich strenger mann, aber kein trockener patron, 
sondern mit vollem herzen allem menschlichen zugewandt, für das wol des volkes 
begeistert und gerade damals ein durch die liebe von Goethes Schwester beseligter 
bräutigam, und waren auch seine gesichtszüge abstossend, durch liebenswür- 
digkeit und feine bildung ausgezeichnet, wie ein damaliger brief von Karoline 
Flachsland beweist. So ganz ungehörig vorbereitet, trat Scherer an die schwierige 
Scheidung der von Goethe und anderen gelieferten anzeigen. Aus einem nichtssagen- 
den gründe hat er die beurteiluug der Geschichte des Selbstgefühls Goethe 
zugeschrieben, was denn W. zur vollen gewissheit dadurch erheben zu können wähnte, 
dass sie (die ganze lange beurteilung!) ein selbstbekentnis sei, dem man unter allen 
anderen nur Goethes anzeige der Gedichte von einem polnischen Juden ver- 
gleichen könne. Vielmehr atmet sie ganz Schlossers, treues, reines und liebes wesen, 
und wenn die schöne stelle über die liebe ein Selbstbekenntnis sein soll, so stimmen 
wir darin vollkommen mit ihm überein, aber es ist ein Selbstbekenntnis des brau- 



ÜBKR GOETHES WEUKE (WEIIUK. AUSG.) 103 

tigams Schlosser von dem glücke seiner liebe, wie es vier wocheu verlier in jeuer 
eben von AV. erwähnten anzeige Goethe von sich gegeben, als er schon Lotte 
hatte entsagen müssen. Schlosser lieferte noch 1794 eine „fortsetzung des plato- 
nischen gesprächs von der liebe", durch die Schiller zu einer scharfen neckerei 
gereizt wurde. Die zahl der wirklichen anzeigen Schlossers übersteigt bei weitem 
die sehr geringe der von Scherer ihm zugeteilten. Der „rechtsgelehrte in Frankfurt", 
der Münters „Bekehningsgeschichte des grafen Strueusee" nach Petersen bem'teilte, 
war Schlosser, den hier auch Scherer annimmt, bei dem dieser sonst wenig in 
betracht kommt. W. selbst hat wenigstens bemerkt, dass der Verfasser der anzeige 
von Munter auch die der schritt Meine Vorsätze oder wenigstens die anmerkung 
dazu geschrieben haben müsse. Ausserdem hat Goethe noch manche andere anzeige 
Schlossers in seine werke aufgenommen, wie die von Sulzers Cymbeline und Wie- 
lands Goldenem Spiegel, von den Briefen über die wichtigsten Wahrheiten 
der Offenbarung, von Alexander von Joch Über belohnungen und strafen 
nach türkischem gesetz und Sonnenfels Über die liebe des Vaterlandes; 
ausserordentlich viele anzeigen der Paralipomena gehören Schlosser, der ganz eigent- 
lich der Vertreter der französischen und englischen litteratur war. Über die beitrage 
Herders sind wir durch dessen eigene gleichzeitige versicheriuig unterrichtet, dass 
er höchstens zehn geliefert, und durch die in seinem nachlass gefundenen abdrücke. 
Minor und Scherer haben ihm anteil an manchen zugeschrieben, mit denen er gar 
nichts zu tun gehabt. 

Unter den sonstigen mitarbeite rn wird Mercks Jugendfreund, der gymnasial- 
direkter Wenck, genannt. Ihm möchten wir die anzeigen von Seybolds Schreiben 
über Homer und die Franken zur griechischen litteratur, unter den Parali- 
pomena die von Horazens öden von Küttner zuschreiben, bei der man selbst an 
Herder gedacht hat; gegen Goethe spricht die auführung vieler eiuzelheiten (fast in der 
weise wie Lessing einst den pastor Lange abgekanzelt hat), imd in der der Fran- 
ken die anfühning Homerischer verse in griechischer spräche. Hopf n er schrieb 
nach seiner eigenen Versicherung an Nicolai fast alles juristische; trotzdem steht die 
anzeige der Walchischen ausgäbe von Hopps „Commentatio succincta ad Institutiones 
Justinianeas" unter den Paralipomenis, und man hat, um die sache recht zu verder- 
ben, gar angenommen, Goethe spreche am Schlüsse dieser „in der hauptsache Schlos- 
serschen recension". So verbaut man sich das licht. Höpfner wird auch die Gedan- 
ken über die Verfassung eines allgemeinen gesetzbuches geschrieben 
haben , die Scherer Goethe oder Herder zuschrieb , und daraufhin W. gleich unter die 
Paralipomena aufnahm. Kaspe in Kassel sandte Merck einen beitrag, für den die- 
ser am 30. Januar 1772 dankt. "Wahrscheinlich war es die anzeige von Hallers Usong, 
die am 10. febraar erschien. Mau hat dabei an Goethe oder Merck gedacht; auf 
unsere naheliegende Vermutung ist niemand gefallen. Merck bat Kaspe um weitere 
beitrage, etwa um vierteljährige artikel über das gebiet der ganzen staatengeschichtc. 
Sollte Raspe nichts weiter geliefert haben, obgleich er mit Merck bis zum endo des 
Jahres in freundlicher Verbindung blieb? W. führt unter den mitarbeiteru noch ausser 
Herder Goethe, Merck und Schlosser, den Giessener Sclunid, Bahrdt, Wenck, Le 
Bret, Leuchsenring mid Behrend ohne weitere begründuug an. Hätte er Mercks Ver- 
hältnis zu Leuchsenring im jähre 1772 näher gekannt, so würde er diesen nicht 
genannt haben. Eine 1772 von Bahrdt gelieferte anzeige kenne ich nicht. Der Ver- 
leger Deinet schreibt am 18. Januar au Raspe, Merck bekomme von ihm verschie- 



104 DüNTZEß 

dene handsclinfteu , von deren Verfassern er so wenig wisse, wie er selbst von den 
Merckischeu. 

Von grosser Wichtigkeit ist es, aber bisher unterlassen worden, die anzeigen 
am faden der persönlichen Verbindung Goethes mit Merck zu verfolgen. Letzterer 
hatte, wie eine antwort der frau von Laroche an Merck zeigt, mit dem anfange des 
Jahres die redaktion der Anzeigen übernommen; aber sonderbar ist der erste bedeu- 
tende beitrag Mercks vom IL fobruar datiert, imd jede andeutung des wechseis der 
redaktion fehlt. Schon anfangs april hatte er dem Verleger mitgeteilt, dass im fach 
der schönen Wissenschaften der junge Goethe mitarbeiten werde. Die erste anzeige, 
welche dieser später für sich in ansprach nahm, ist die der Empfindsamen reise 
in Deutschland, die am 3. mä.iz erschien, aber wir tragen bedenken, diese ihm 
zuzuschreiben, weil sie der vornehmen weise widerspricht, in welcher er auftrat, 
da sie, um zu beweisen, dass alles hier ganz unter der kritik sei, weitläufige aus- 
züge brachte, während Goethe wirklich immer kurz und gefasst erscheint. Bieder- 
mann schreibt sie Goethe zu, als dem begeistertsten Shakespeare -Verehrer, aber sie 
gehört Schlosser, der hier durch proben beweisen wollte, „welche schwere liandtie- 
rung wir treiben, dem piibliko solche Yorikschen versuche vorlesen zu müssen". Am 
folgenden tage kam Goethe mit Schlosser zu Merck nach Darmstadt. Damals teilte 
der dichter den ersten entwarf des Götz Merck mit, und versprach, von zeit zu 
zeit beitrage zu liefern. Im verlaufe des monats am 20. und 3L erschienen zwei 
Goethes durchaus würdige vornehme treffende anzeigen. Die erste beurteilt Wielands 
Gedanken über eine alte aufschrift. In einer philosophischen laune, an wel- 
cher man den ungenannten Verfasser der Musarion und des Agathon nicht ver- 
kennen könne, werde hier gezeigt, wie wunderlich die weit lob und tadel verteile, 
und er schliesse mit der grundmaxime seiner menschenfreundlichen moral, dass man 
die menschen ertragen solle, ohne sich über sie zu ärgern. Die wenigen blätter 
enthielten eine menge vortrefflicher anmerkungen: aber der Verfasser, dem man so 
gern zuhöre, hätte uns auch den wachspuppenzustand vorstellen sollen, in dem die- 
jenigen leben, welche nicht stärke genug haben, der maxime seiner aufschrift zu 
folgen: „Ein eigen herz ist der kostbarste besitz, den unter tausenden kaum zwei 
haben." Über das gedieht Die Jäger in des früheren barden Rhingulf (advokat Kretsch- 
mann) wird angemerkt, es finde sich hier nicht das geringste wildschöne , nicht einmal 
waidmaunskraf t •, das sei freilich wenig. Der dichter sei nicht zum walde geboren 
und möge die harfe mit der zither vertauschen, an einem schönen abend von lieb- 
lichkeiten der natur und niedhchkeiten der empfindung singen. „Er würde unsere 
erwartung ausfüllen und wir ihn mit gesellschaftlichem freudendank belohnen." Das 
war hübsch und fein ! Im april kam Goethe wider nach Darmstadt , von wo er Merck 
mit nach Frankfurt nahm; beide wollten von Frankfurt aus die dort ei-wartete frau 
von Laroche nach Darmstadt begleiten, fanden sich aber von der vornehmen Welt- 
dame sehr enttäuscht, und Goethe blieb zu Frankfurt zurück. Noch einmal kam er 
im mai nach Darmstadt, um von Merck abschied zu nehmen, ehe er als praktikant 
nach Wetzlar gieng. Vor den abgang nach Wetzlar fallen drei von Goethe aufgenom- 
mene anzeigen, die vom 3. april bis zum 1. mai erschienen, aber die beiden ersten 
sind nicht von Goethe, die Briefe über die wichtigsten Wahrheiten der 
Offenbarung von Schlosser, die der neuen Wiener Schauspiele lieferte m'oI Schmid. 
Von Goethe ist nur die anzeige von des Baiern Braun Versuch in prosaischen 
fabeln und erzählungen nebst einer angehängten kleinen theorie, nacJi welcher 
„die jungen leute fabeln schreiben könnten; die anmassuug des vei'fassers trifft er 



ÜBER GOETHES WERKE (WEIMAR. AUSG.) 105 

mit heiterem spotte und stellt wii-klich eine neue theorie der fabeln auf. In die 
erste Wetzlarer zeit fallen drei Goethe sicher angehörende anzeigen. Dass er die 
von Haiisens „Leben und Charakter des g. r. Klotz" geschrieben (am 29. mai), 
bezeugt Höpfner. Den charakterlosen biossteiler aller schwächen und gemeinen mensch- 
lichkeiten seines verstorbeneu freundes trifft Goethes höhnische Verachtung, und er 
schliesst mit den zerschmetternden werten: „Wir sagen gar nichts von der person, 
die herr Hausen selbst in diesem stücke spielt; vielleicht könnte er's übelnehmen, 
und jeder leser muss die bemerkung ohne uns machen." 

Ein Zeugnis, dass die anzeige der E])istel an Oeser von dessen dankbarem 
Schüler Goethe sei, was ich avoI zufällig zuerst ausgesprochen habe, fehlt freilich , aber 
man hat allgemein anerkannt, dass jeder zweifei hier ausgeschlossen sei. Bei diesem 
„gesellenscherz" bedauert Goethe, dass ein solcher mann nur als künstler (nicht auch 
als lehrer imd mensch) und so bekomplimentiert werde. Eine woche später wurde 
bei den lyrischen gedichten des bekannten dichters Blum, der gewiss nicht ohne 
genie sei, bedauernd hervorgehoben , dass fast alle unsere besten lieder nur nachgemachte 
copien seien, Blum nicht aus sich heraus singe, sondern gleich ermatte, wenn nicht 
Horaz oder David ihm gedanken und gefühle, Wendungen, Situationen, ja ersterer 
sogar seine mythologie leihe. „Wir wibischen dem Verfasser ein unverdorbenes mäd- 
chen, geschäftlose tage und vielen dichtergeist ohne autorgeist." Das buch Eden 
mit einer vorrede von Bahrdt hat weder Goethe noch Herder beurteilt, sondern 
Schlosser. Auch vermisse ich alle spuren, dass Goethe die abhandlung Über die 
liebe des Vaterlandes und die Lobrede auf Creutz beurteilt habe; bei ersterer 
könnte man an Höpfner, bei der anderen an Merck denken. In der zeit von Goethes 
glücklichem liebesieben, im juli erschien keine anzeige von ihm. Freilich entdeckt 
Scherer nach seiner art bei dreien Goethe, aber er sieht immer nur, was er will. 
Als schon die krise in Goethes liebesieben eingetreten war, am 18. august traf der 
dichter in Giessen mit Merck zusammen, der eben auf dem wege nach Wetzlar war. 
Dieser wollte den fieund, dessen bedenklichen zustand seine briefe ihm verraten hat- 
ten, nach Frankfurt zurückholen; aber sofort Wetzlar zu verlassen, war Goethe 
unmöglich, er versprach in vierzehn tagen mit ihm bei frau von Laroche in Thal 
Ehrenbreitstein zusammenzutreffen. Merck schied schon am 20. august, Goethe floh 
am 10. September von Wetzlar. In dieser zeit erschienen zwei anzeigen Goethes, 
eine starken Widerspruch findende von Gessners Idyllen (am 25. august) und die 
berühmte bpurteilung der Gedichte von einem polnischen Juden (am 1. Sep- 
tember) mit dem herrlichen wünsche: „Lass, o genius imseres Vaterlandes", die 
kröne seiner Würdigung der lyrischen dichter; seine vier anzeigen derselben geben 
ein lebendiges bild seiner hohen auffassimg der lyrischen dichtung. Ob Goethe die 
letztere anzeige schon früher eingesandt oder Merck sie in Wetzlar von ihm erhalten 
hatte, wissen wir nicht. Mit Merck und dessen familie weilte er bis zum 19. Sep- 
tember in Thal Ehrenbreitstein. Die anzeigen von Seybolds Schreiben über Ho- 
mer, der schritt Die erleuchteten zeiten, den Franken zur griechischen 
litteratur und von Sulzers Cymbeline, die am 11. und 15. erschienen, sind nicht 
von Goethe. An der Rheinreise bis Mainz erfreuten beide sich landschaftlichen Zeich- 
nens. Ist die am 29. september erschienene anzeige der Zwei schönen neuen 
märlein wirklich von Goethe, so könnte sie zu Thal Ehrenbreitstein oder in den 
gemütlich in seinem vaterhause verlebten tagen geschrieben sein. Wielands Gol- 
denen Spiegel zeigte nicht Goethe, sondern Schlosser an. Dui'ch des letzteren 
Zeugnis steht auch fest, dass der am 3. november erschienene bericht über Lavaters 



106 DÜNTZEB 

Aussicliten in die ewigkoit von Goethe ist; er zeichnet sich dadurch vor allem 
aus, dass Goethe hier mehr als je auf einzelnes eingeht, wodurch er dem freunde, 
von dessen ausichten er abweichen niusste, einen öffentlichen beweis seiner innigen 
teilnähme geben wollte. 

Seit seiner rückkehr von Thal Ehrenbreitstein beschäftigte er sich sehr eifrig 
mit zeichnen und bildender kunst; zunächst wollte er mit Merck die antiken in Mann- 
heim studieren, weshalb er am 15. nach Darmstadt eilte. Da aber der freund durch 
amtsgeschäfte abzureisen verhindert war, richtete er in dessen hause eine maleraka- 
demie ein, beschäftigte sich in grösstem eifer mit zeichnen und kupferstechen. „Ich 
bin jetzt ganz Zeichner", schrieb er den 5. december an Herder, der seine mystische 
feier der gotischen baukunst freundlich aufgenommen hatte, „habe mut und glück, 
Merck versifiziert und druckt (er schrieb satirische reimverse und drackte diese und 
anderes in seiner eigenen druckerei in einem nahen dorfe). Wir bespiegeln uns 
untereinander und lehnen vms aneinaudei' und teilen freud' und langeweilc auf dieser 
lebensbahn." Endlich riss er sich los und kehrte am 11. von Darmstadt, wo er für 
die Frankfurter Anzeigen kaum etwas getan haben dürfte, nach Frankfurt zurück. 
Vier tage später schrieb er von dort: „Seit ich von Darmstadt wider hier bin, bin 
ich ziemlichen humors (Jerusalems Selbstmord hatte ihn erschüttert) und arbeite brav. 
Abenteuerlich wie immer, und mag herauskommen, was kann. NB. Mit diesem jähre 
hören wir samt und sonders auf, zeitung zu schreiben, dann wird es ein recht honet- 
tes stück arbeit geben." Merck hatte dem Verleger gekündigt. Goethe übernahm die 
anzeige Sulzers, der den 2. band seiner Theorie für sich hatte erscheinen lassen, um 
den liebhaber und kenner desto eher in den stand zu setzen über das ganze zu urtei- 
len. Er trat hier hart und herb dem manu entgegen, von dem man gerühmt hatte, 
er sei ein so grosser philosoph als einer der alten, nahm sich der kunst von Seiten 
der künstler und der sinne an, und .stimmte einen selbstbewussten ton au, so dass 
man fast glauben sollte, er habe sich mit Merck über diesen letzten von ihm unter- 
nommenen feldzug gegen den nüchternen, dunkel vollen theoretiker besprochen. Die 
scharfe Zurückweisung erschien am 18. december, zugleich mit Goethes bitterer abfer- 
tigung der schritt von Friedrich Jacobi Über Hausens leben des h. g. r. Klotz. 
Die Nachrede der herausgeber statt der versprochenen vorrede schrieb 
Goethe am 25. Gegen Kestner klagte er, leider müsse er sich die schönen stunden 
von Weihnachten mit recensieren verderben, doch tue er es mit gutem mute, da es 
für das letzte blatt sei. Auch die nachrede betrachtete er als pflicht der recensenten. 
Freilich W. bezieht hier das recensieren auf die im letzten blatte stehende receusion 
der Kritischen abhandlung über die fehler der maier wider die geist- 
liche geschichte und das kostüm, die aber keine spur von Goethes spräche 
zeigt, und wol von Merck stammt. Demselben freunde berichtete er gleich darauf: 
„In meiner Nachrede habe ich das publikum und die Verleger turlupiuiert; lasst 
euch aber nichts merken! Sie 'mögeus für baisam nehmen." Die her aus gebor, 
in deren namen er sprach, waren die Eichenberg sehen erben, deren firma Dei- 
net übernommen hatte. Ein bitterer spott war es, wenn er in deren namen den 
abgang der diesjährigen redaktion als einen vorteil des neuen Jahrgangs darstellte, da 
man mit recht sich über den ausschweifenden gcist derselben beklagt habe. "Wir 
halten die Vermutung, der aufang und das ende der Nachrede seien vom Verleger 
hinzugesetzt, für völlig unberechtigt. Goethe hatte die ganze Nachrede, wie sie 
gedruckt wurde, im namen der verlagshandluug geschrieben. 



ÜBEK GOETHES WERKE (WEIMAR. AUSG.) 107 

Auf solche weise dürfte die frage nach dem eigentum der einzelnen recensen- 
ten auf einem sicherern boden stehen. Schliesslich möchten wir nur bemerken, dass 
künftig alle nachweislich nicht von Goethe stammenden anzeigen auch von dessen 
werken ausgeschlossen werden müssten. Wie ganz anders nehmen sie sich aus, wenn 
sie nach der folge ihres erscheinens gegeben werden, als jetzt, wo man erst nach 
fünf ihm ganz fremden zu einer der letzten der ihm gehörenden anzeigen gelangt, 
dann wider einmal auf eine unechte stösst, ehe man durch vier kurze ausstrahlungen 
seines lichten geistes erfreut wird. Auch Mercks und Schlossers anzeigen für sich 
zusammenzustellen wird sich jetzt lohnen, wo das eigentimi beider nicht mehr von 
blinden äugen abgeschätzt zu werden braucht. 

Die entdeckungen von Goethes prosaischen beitragen zu dem Wandsbecker 
boten werden mit recht zurückgewiesen. Bei den Parabeln imd dem Hohen 
lied Salomons sind die urhandschriften zu gnmde gelegt. Von den stücken Aus 
Goethes brieftasche fehlt die handschrift, nur konnte zu dem abschnitt Nach 
Falconet die französische Urschrift verglichen werden. In der Wallfahrt s. 325, 2 
muss ich bezweifeln, dass die änderuug Anspülen in Anspülen eine schlimmbes- 
serang sei, bei Anspülen das bild vom wehen vorschwebe. Das blatt soll hindern, 
dass das mittebnässige sich anspüle, sich ansetze. Bei den Physiognomischen 
fragmenten wurde von der Hellen mit recht gefolgt. 344, 11 ist Witkowskis ver- 
schlag, das T als Thal Eh renb reitstein auszufüllen, überflüssig, da der ort im 
volksmundo einfach Thal heisst. Die zugäbe der physiognomischen bilde r aus 
Lavater ist willkommen, während mehrfach bei angäbe der züge der handschrift fac- 
similes vermisst werden. 

Im Vorwort zu band 38 fällt die behauptung auf, das kleine gelegenheits- 
gedicht für Lili, „Sie kommt nicht!" sei verloren; es wurde nie gedichtet, 
sondern ist später bei der ausfübning des letzten bandes von Wahrheit und dich- 
tung rein erdichtet. Von anderen wirklich verloreneu cUchtungeu werden die 
wenigen erhaltenen erwähuungen mitgeteilt. Zu dem Concor to dramatico, womit 
band 38 beginnt, wird Goethes reinschi'ift ohne Vervollständigung der Satzzeichen 
mitgeteilt. Vers 82 wird ein (ein'n) statt in beibehalten. Musterhaft ist Max 
Eiegers ausgäbe von Götter, beiden und Wieland. Zum ersten mal erhalten 
wir hier eine sorgfältige vergleichung der handschrift und der redaktor des bandes 
hat die so üeissige wie einsichtige arbeit ganz unverkürzt gelassen. Die form ab- 
ge weihet, wegen deren herstelhxng in der dreissigbändigen ausgäbe ich einst von 
Hirzel unverständig verklagt wurde, und gastoffnen hof statt des von Goethe selbst 
übersehenen druckfehlers gasthof sind jetzt zu vollen ehren gelangt, und die von 
Goethes ganz einzigem humor getränkte Turlupinade, die Lessing viel zu ernst fasste, 
haben wir endlich „ganz wie sie der Verfasser schrieb". Von dem mikroskopischen 
drama Hanswursts hochzeit liegen die beiden hauptteile in Goethes reinschrift 
vor, einige kleine stücke als besondere fetzen und mehrere aus lauter gemeinen 
Schimpfwörtern zusammengesetzte Verzeichnisse der auftretenden personen, die mit 
der eigenthcheu dichtuug ebensowenig zu tun haben, wie seine späteren gedanken, 
wen er hier noch hätte auftreten lassen können. Der handschrift des vierten bandes 
von Wahrheit und dicht ung legte Goethe ein kürzeres personenverzeichuis bei 
(hier als 1 c abgedrackt), „unseren herausgebern die zulässigkeit zu beurteilen an- 
heimstellend". Ich verstehe nicht, wie diese werte Erich Schmidt dunkel bleiben 
konnten, da doch oifenbar die zulässigkeit gemeint ist, das Verzeichnis hier abdmcken 
zu lassen. 



108 DÜNTZER 

Jetzt erst erbalten wir durch Minor die so lange ersehnte auskauft über die 
handschriftliche Überlieferung des Ewigen Juden. Der hauptteil der ursprünglichen 
dichtung steht auf zwei ineinandergeschobenen halbbogen (H 1) desselben postpapiers, 
auf welchem der Urfaust geschrieben ist. Den eingang (1 — 72) enthalten die 3 
ersten selten (die erste hat 22, die zweite 34, die dritte 26 verse), die vierte ist 
unbeschrieben; der zweite teil, der mit dem verse anhebt: „Als er sich nun hernie- 
derschwung", umfasst 179 verse, des Heilands niederfahrt bis zum Schlüsse; er 
findet sich auf s. 5 — 8, von denen die fünfte 32, die sechste 28, die siebeute 27, 
die achte die letzten 10 Aerse bringt; die folgenden blätter sind unbeschrieben. Wir 
haben hier Goethes reinschrift; die ersten entwürfe sind verloren, nur die 4 ersten 
verse finden sich quer auf einem folioblatt, dessen papiersorte nicht angegeben ist, 
rasch hingeworfen (H 3), auf der entgegengesetzten Seite steht der entwurf von 73 — 
108, die also wol zunächst nach den grossen bruchstücken gedichtet waren. Ein 
gleich grosser foliobogen (H 4) hat vorn 309 — 154, hinten 155 — 192. Was sonst 
A'on Goethes alter dichtung vorhanden ist, hat uns ein blatt von ganz unrcgelmiissigem 
format erhalten (H 2), wobei wir leider wider die angäbe der papiersorte vermissen, 
die uns vielleicht gezeigt hätte, ob Goethe hier die verse, wie sie ihm gerade ein- 
fielen, hintereinander geschrieben, wie Minor behauptet, oder viemehr die auf ver- 
schiedenen blättern ursprünglich hingeworfenen gesammelt habe. Gerade die anord- 
nung dieser bruchstücke erregt bedenken, doch auch bei den auf H3 erhaltenen 
Versen findet sich ein zweifei, der aber leicht zu lösen ist. Die verse 89 — 92 „Be- 
halten auch zu unseren zelten", die auf die gute weinznnge der rheinischen geistlich- 
keit gemünzt sind, stehen in H 3 neben 93 = 103. Die quartausgabe stellte sie vor 
84, Minor richtig nach 88, da die bezieh ung auf die schon genannten priester sich 
aufdrängt. Erwünscht ist auch Minors angäbe, dass Goethe Eiedesheim nach land- 
läufiger weise schrieb, nicht E üdesh ei m. In H 2 folgt das bruchstück 94 unmittelbar 
auf 103 — 105, freilich nur durch einen verweisungsstrich dahin gezogen. Minor will 
in 106 — 108 einen „unmittelbaren sanfteren ersatz von 103 — 105" sehen, die er des- 
halb ausscheiden möchte, wenn er sie auch in seinem text des Zusammenhanges 
wegen beibehält! Aber dazu stimmt gar nicht, dass die 3 verse nach vors 94 ein- 
geschoben sein sollen. 94 muss jedesfalls ein druckfehler sem; denn der hier her- 
schenden dreiversigen strophe wegen kann die neue nur nach 95 oder 98 eingeschoben 
werden, dem zusammenhange nach erst nach 105. Die sache ist ganz einfach. Gott 
vater hat im ärger, dass er so lange nach dem söhne hat nifen müssen, sich zum 
Vorwurf hinreissen lassen, dieser habe eine dummheit begangen, er besinnt sich 
aber gleich wider und lobt nun dessen menschenfreuudlichkeit. Das ist ganz im sinne 
der treuherzigen menschlichkeit, in welcher Hans Sachs die göttlichen personen auf- 
treten lässt. 94 hat Minor nach der handschrift richtig seinen statt seinem her- 
gestellt. 

H 2 hat nach 108 noch vier bruchstücke, von denen niu' 2 und 3 bekannt 
waren. 

1. Ich habe nun dem strengs(ten) heilgeu leben 
Von meiner Jugend mich ergeb(en). — 

2. freund, der mensch ist nur ein thor, 
Stellt er sich Gott als seinesgleichen vor. 

3. Du fühlst nicht, wie es mir dur(ch) mark und seele geht. 
Wenn ein geängstet herz bei mir um rettung floht, 

Wenn ich den süuder seh' mit glühenden (oder: sehen muss glühende?) 



ÜBER GOETHES WERKE (WRTMAR. AUSG.) 109 

4. Und fand, als ich mich aufgerafft, 
Verschüttet ach in meinem bette 
Des lebens-balsams füllekraft, 
AVomit ein fürstentind sich wol begnüget hätte. 
1 und 4 geh(5ren offenbar zur erzähking eines einsiedlers von einer vei-suchimg, wie 
sie von so vielen heiligen erzählt werden. Merkwürdig ist, wie Minor dies übersehen 
und bemerken konnte: „Natürlich eine Goethesche Improvisation ohne jeden Zusam- 
menhang mit unserem gedieht." Eine solche verführungsgeschichte passte vielmehr 
ganz vorzüglich in den kreis des derbe hiebe nach allen richtungen, besonders an 
die angeblichen frommen austeilenden Ewigen Juden. Das zweite bmchstück ist 
recht aus Goethes geist, wenn wir auch nicht bestimmen können , wer der angeredete 
freund ist: die werte wurden wol Christus selbst in den mund gelegt. Das dritte 
sollte wahrscheinlich Gott der söhn gegen den vater äussern, am schluss thräuen 
oder Zähren stehen. 

Verfolgen wir die dichtung weiter, so bezogen sich v. 109 fgg. wol auf die 
Verbrennung der Arianer. Sie stehen quer am rande neben den versen 122 — 136, 
dem berichte, mit welchen menschenfreundlichen gedanken der söhn Gottes zur erde 
herabfuhi". . Minor bemerkt richtig, der fragende sei Christus gewesen, als auf seiner 
Wanderung die rede auf die schauderhaften glaubeusstreitigkeiten gekommen sei. Vor 
122 (Er fühlt in vollem himuiclsüug) stand durchstrichen der kühne vergleich unaus- 
löschlicher liebe: 

Wie man zu einem mädchen fliegt, 
Das lang an unserm blute sog, 
Und endlich treulos uns betrog. 

Goethe hatte sie freilich durchstrichen, aber sie wirklich zu unserer stelle gedichtet, 
wo denn freilich v. 122 Fühlt er statt Er fühlt gelesen werden müsste. — Zu 
V. 165 bemerkt Minor, dass dieser sich nicht unmittelbar au 164 angeschlossen haben 
könne. Sein grund ist, das folgende endurteil des Heilands setze seine erfahrungen 
voraus, die er erst auf seiner Wanderung machen sollte. Er übersieht, dass der Hei- 
land schon aus der höhe herab gesehen, wie schlimm es auf der erde gehe, dass sie 
nicht besser sei, als damals, wo er zuerst auf der erde gewesen. Ich muss gestehen, 
dass ich hier keine lücke bemerken kann. Minor scheint auf den gedanken einer lücke 
nur dadurch gekommen zu sein, dass hier wirldich 4 verse durch zwei sich entspre- 
chende kreuzchen in die handschrift eingeschoben worden sind. Sie scheinen an Welt 
(165) sich anzuschliessen. Goethe wird sie wol zu der zwischen 192 und 193 klaf- 
fenden lücke haben verwenden wollen. Die verse lauten: 

Nicht gut, nicht bös, nicht gross, nicht klein. 

So scheissig, als sie sollten sein. 

Doch wenn (?) ers thät sich feste (?) köpfen. 

Das reich Gottes hineinzupfropfen. 

Zu V. 1 war wol gedacht: „Er fand sie". 2 müsste etwa konnte statt sollten 
stehn. 3, wo Minor klopfen vermutet, ist mir eingefallen: „Dacht, wie er tat sie 
feste stopfen". 

Hiermit ist der kreis der neueutdeckten bruchstücke geschlossen. Wir geden- 
ken noch einiger abweichenden lesarten. 170 liest Minor: „Die weis aus meinem 
Mut entsprungen" ; bisher stand treu statt weis. Nach Minor ist w e i s unzweifelliaft, 
aber zuerst stand ein mit h beginnendes wort; er denkt an weiss für rein; aber 



110 DÜNTZER 

seine benifuug auf Z. Werners pietistisches „Gewaschen hin ich weiss im blut des 
Sohnes" genügt iauin zur erklärung. Warum soll aber weis nicht im gewöhnlichen 
sinne von weise stehen? — 177 muss ich auch nach Minors mitteilung der eiuzahl 
freude, wie im reimverse dürrem eingeweide den vorzug geben. — 210 ver- 
teidigt Minor das überlieferte Und statt Um; aber wovon soll dann der Infinitiv tun 
abhängen ? — 224 fg. hat er die einzig richtige satzzeichnung aufgegeben und punkt 
nach religion gesetzt. .Der ort Thal Ehi'enbreitstein ist der mittel thron, von wo 
die geistlichen erlasse ausgehen; der thron ist die residenz des Kurfürsten, Trier. 
Goethe hatte im A^origen jähre einen blick in die dortige geistliche Verwaltung getan. 

Besonders wertvoll ist die angäbe der früheren, schon in der haudschrift ver- 
besserten fassung. Vers 3 stand zuerst mit der Goethe geläufigen trennung zusammen- 
gesetzter Wörter: Seelen voller, wofür schon die reinschrift seele voller änderte, 
wie auch 126 Augeblick sich findet. Sonst ist das erste grosse bruchstück ohne 
änderung. Vor 76 hatte der erste entwarf durch versehen schon den vers: „Ver- 
achtet, was ein jeder ehrt", worauf 76 fortfuhr „Und wollen". 82 hatte mit Dass 
ihn angefangen. Im zweiten grossen bruchstücke fand sich 112 ursprünglich wie- 
der statt näher; 124 Und wie; 126 Erinner (erinnert'?) er; 128 Rings vom; 
132 Mein ahndungsvolles; 138 zuerst angefangen ich ko(mme), 145 versteh 
statt verstehe, was der reimvers fordert. Ganz abweichend lautete 147: „Und doch 
dein innrer wünsch nach licht"; 148 stand bebst; 150 selbst statt neu; 151 aus 
meinen reinen Sternen; 152 nicht (mich?) selbst für dein wol nicht 
ruhen; 155 verwundert für begierig und unter für sich um; 157 der weit 
kreis für die weit, doch diese änderung nahm Goethe wider zurück; 158 stand 
noch statt tief; 159 fg. Sie statt er und ihn; 173 die hagere diebsgestalt 
statt mit ewgem hungersinn; 176 tückisch vor sich hin; 178 ebnen statt 
reichen; 179 dürren statt seinen; 185 ihn statt ihm; 201 bekehr (belehr?) 
statt betheuert. 

Der herausgeber hat über satzzeichnung und rechtschreibung nur einige all- 
gemeine bemerkungen gemacht, die der redaktor des bandes am anfange der lesarten 
mitteilt. Goethes ältere schreibimg ist befolgt, die freilich durchaus nicht gleich- 
massig ist. Genaueres über Goethes ursprüngliche Schreibung hat Erich Schmidt 
zum Urfaust in unserem bände mitgeteilt. Es ist zu bedauern, dass diese bemer- 
kungen über die rechtschreibung nicht an derselben stelle zusammenstehen. Gleich- 
mässigkeit ist hier nicht erstrebt oder wenigstens nicht geleistet. So findet sich noch 
21 Heiligen, während sonst ein solches *', wo es metrisch nicht zählt, ausgelas- 
sen wird. 

Auf den Ewigen Juden folgen das drama Künstlers Vergötterung nach 
der Urschrift, Erwin und Elmire nach der ersten fassung in der Iris mit berück- 
sichtigung der bühuenbearbeitung, und Claudino von Villa-Bella in der ersten 
gestalt. Den schluss des bandes bilden von Erich Schmidt unter dem wenig treffen- 
den namen Späne aus zwei bündeln des archivs, Varia conservanda und Varia 
bildende kunst, gesammelte niederschriften mannigfaltigster art, die freilich man- 
ches anziehende enthalten und deshalb wol im Goethe-jahrbuch, aber nicht Inder 
ausgäbe der Werke hätten erscheinen sollen. Wie der herausgeber sagt, hat er 
sie in zwei gruppen zerlegt, und womöglich einen gewissen Zusammenhang her- 
gestellt. Vor dem ersten span steht Frankfurt, vor dem vierundzwanzigsten Wei- 
mar. Diese Unterscheidung der zeit hätte freilich wert, wenn sie durchgeführt wer- 
den könnte; daneben aber mussten sie nach ihrem Charakter geordnet werden, was 



ÜBER GOETHES WERKE (WEIMAR. AUSG.) 111 

uirlit gehörig gescheheu ist. Goethe pflegte, wie seine Sprüche zeigen, einzelne 
ausdrücke und bildliche redensarten, die ihm merkwürdig schienen, durch nieder- 
schrift festzuhalten, wovon sich auch hier manche beispiele zeigen. Auch sonderbare 
cliaraktere zogen ihn an, und er suchte sie gleichsam einzufangen. Am liebsten waren 
ihm solche, die er dramatisch darstellen konnte. Gleich anfangs steht ein gespräch 
eines syndieus über den jungen rechtsanwaJt und dichter mit seinem Schreiber Sei- 
del. Auch reden seiner mutter und andere schrieb er auf. Am anziehendsten ist 
das unwürdige gespräch des ihm widerwärtigen kiiegsrat von Volgstädt bei der mili- 
tärkommission mit einem rekruten, der geru vom dienst befreit werden wollte. Von 
Merck finden sich eine geschieh te vom teufel, der als Spitzbube gefangen wird, und 
eine andere von einem Darmstädter lieutuant und seiner magd (3, 3. 17). "Wirkliche 
verse haben wir 23. 25 — 27, die seltsame späne sind. Zum Schlüsse hat Schmidt 
zwei burleske Volkslieder gegeben, die Goethe aus dem gedächtnisse frei ergänzt hat. 

Band .39 beginnt mit dem so laug ersehnten ersten entwurf des Götz, 
den August Sauer mit widergabe aller Schreibfehler und versehen hat abdrucken las- 
sen, und zwar ist zu grösserer Sicherheit die correctur nach der handschrift von 
dem mit Goethes schrift vertrauten J. "Wähle gemacht. Die satzzeichnung ist mög- 
lichst in ihrer eigensiiuiigen Sonderbarkeit gewahi-t. Die schwierige arbeit konnte kei- 
nen besseren bänden anvertraut werden; wir haben jetzt den Urgötz wie früher 
den Urf aust. In der handschrift sind etwa ein dutzend kleinere stellen wahrschein- 
lich vor dem versuche der Umbildung gestrichen worden, besonders einzelnes derbe. 
Bemerkenswert ist vor allem der schluss des auftritts zwischen Elisabeth und Marie 
im 2. aufzug. 

Zuletzt erhalten wir den ersten entwurf der Iphigenie, von dem hier vier 
phasen unterschieden werden. Die angebliche erste und vierte phase können wir 
nicht anerkennen. Die durch Knebels vermittelung an fräulein von Eäthsamhausen 
gelaugte handschrift, die später in die Strassburger bibliothek kam, mit der sie 
verbrannte, war eine blosse abschritt, die Goethe in seiner raschen weise durch- 
gesehen hatte, um die Schreibfehler zu verbessern. Ganz eigentümlich verhält es 
sich mit der vierten phase. Goethe hatte das Parzenlied des vierten aktes mit der 
einleituiig und dem abschluss als lyrisches gedieht ausgezogen und in verse abgeteilt, 
aber nichts weniger, als eine ähnliche Umschrift des ganzen Stückes auch nur beab- 
sichtigt. Bei der wirklich zweiten fassung, von der Lavater eine abschiift genommen, 
und diese seinem freunde Arnibruster zur Veröffentlichung in seinem Schwäbischen 
magazin (17S5) erlaubt hatte, wird vom kundigen und sorgfältigen hei'ausgeber 
Victor Michels, wie er sagt, sehr energisch die frage aufgeworfen, ob sie überhaupt 
von Goethe herrühre. Wir weisen sie ebenso energisch zvu'ück. Lavater schenkte 
seine abschritt derselben dem fürsten von Dessau als eine Seltenheit, und sie befin- 
det sich noch auf der herzoglichen bibliothek. Dass Lavater mit einer vorgeblich von 
Goethe gemachten abschritt hintergangen worden sei, ist völlig unglaublich, so lange 
es nicht tatsächlich bewiesen ist. Könnten wir auch keine wahrscheinliche vermutimg 
aufstellen, wie Goethe zu dieser abschritt in versen veranlasst worden sei, so genügte 
doch dieser mangel keineswegs zur begründung eines solchen verdachtes. Wäre Michels 
mit Goethes Verbindungen in Zürich näher bekannt gewesen, so würde sich ihm eine 
Vermutung von selbst aufgedrungen haben. Vor 45 jähren habe ich zuerst auf Goethes 
innige Verbindung mit Barbara Schulthess hingewiesen, der er alles vertraute, auch 
als er mit Lavater schon gebrochen hatte. Die neuere zeit hat diese verbindimg 
noch in näheres licht gesetzt. Hatte Goethe auch Lavater seine Iphigenie nicht 



112 WOLFP 

mitgeteilt, aus iiiiglnuben, dass dieser an einer heidnischen wundergeschichte anteil 
nehmen werde, seiner Bähe konnte er sie nicht verheimlichen. In verse schnitt er 
sie wol, weil Bähe verse besonders liebte, wie sie denn alle gedichte Goethes früh 
gesammelt hatte. Ancli die beiden akte des Tasso erhielt sie fast ganz allein, und 
zwar den ersten, sobald er abgeschlossen war, mit dem gehaltenen versprechen, den 
zweiten bald folgen zu lassen. Es war natüi-licli, dass Lavater, dem schon durch 
Knebel Iphigenie bekannt geworden war, die ihn so anzog, dass er sie eigenhändig 
abschrieb, später, als er von Bäbes handschrift erfuhr, sich diese geben Hess. Von 
der dritten fassung konnte jetzt auch eine noch nicht verglichene handschrift benutzt 
werden. 

KÖLN. HEINRICH UiJNTZER. 



Gottsched und die deutsche litteratur seiner zeit. Von dr. Gustav Wim iek, 
direkter am staatsgymnasium im II. bezirke von "Wien. Leipzig, Breitkopf und 
Härtel. 1897. XII, 698 s. 12 m. 

Schon seit jaliren zeigte die veilagshandlung dieses werk als im druck befind- 
lich an; es wurde stückweise je nach der fei'tigstellung grösserer abschnitte in satz 
gegeben. Im jähre 1893 erwähnt S. M. Prem, Wanieks damaliger kollege am gym- 
nasium zu Bielitz, in seiner Goethe -biographie, s. 432 (anmerkung) die Schreibung 
eines Ortsnamens durch „G. Waniek in seiner neuen monograi)hie über Gottsched"; 
freilich behauptet Prem, Waniek schreibe die neben Judittou zulässige form Juditten- 
kirch, „Judithenkirchen aber (Goedekes Grundriss 3, 357) kommt nie vor" — wäh- 
rend in dem vorliegenden werke s. 6 gerade Juditheukirchen gedruckt ist! Ob ein 
Umdruck des betreffenden bogens oder wahrscheinlicher ein versehen bezw. verhören 
Prems anzunehmen ist, bleibe dahingestellt: genug dass teile des buchcs tat- 
sächlich jähre lang gedruckt sind, also schon aus äusseren gründen die rege 
Gottsched -forschung der letzten jähre nicht benutzt werden konnte. 

Eigentümlich und für den uneingeweihten völlig unverständlich ist die form, 
in welcher "Waniek diesen tatbestand umschreibt. Au die aufzählung seiner unge- 
druckten quellen schliesst das vorwort folgende bemerkung: „Die erwähnung zweier 
quellenarbeiten, welche stofflich über den rahmen meines buches hinausgehen, wurde 
für diese stelle vorbehalten: Reickes Schrift über Gottscheds universitätsjahre, welche 
ich in der Zeitschrift für deutsches altertum und litteratur [so!] (bd. 37) bereits be- 
sprochen habe, und die beiden aufsätze Eugen "Wolffs über Gottscheds sprachliche 
und philosophische Wirksamkeit, die nun auch vereinigt erschienen sind." So viel 
Worte, so viel — rätsei. Um nur den wichtigsten punkt herauszuheben: Soll die 
anreihung jener „quellenarbeiten" an "Wanieks handschriftliche quellen bedeuten, dass 
er auch aus jenen geschöpft? — aber sie sollen ja „stofflich über den rahmen" seines 
buches hinausgehen! Hat er sie für seinen stoff nicht benutzen können, so bedarf es aber 
keiner besondern betonung, dass ihre erwähnung „für diese stelle vorbehalten wurde". 
Aber gehen die genannten Schriften denn stofflich über den rahmen von "Wanieks 
buch hinaus? "Wie bei Prem a. a. o. , so war immer in den zahh'eichen Vorankün- 
digungen (vgl. namentlich Erich Schmidt: Lessing II, 786) von einer die ganze tätig- 
keit Gottscheds umfassenden monographie "Wanieks die rede. Der titel lässt aller- 
dings zweierlei deutvmg zu: entweder will "Waniek unter ihm die gesamtwirksamkeit 
Gottscheds behandeln — dann steht er auf dem älteren Standpunkt, dass diese 
wesentlich durch die praktische und theoretische beschäftigung mit der litteratur 



ÜBKR WANIEK, GOTTSCHED 113 

beschlossen ist; oder er steht auf dem hoden der neuesten forschungeu und will 
sich auf die litterarische tätigkeit Gottscheds unter ausschluss gewisser anderer wirk- 
samkeitsgebiete beschränken. Schon das Inhaltsverzeichnis bietet indes die kapitel- 
überschiiften : „Philosophie", „Die deutsche Sprachkunst ", „Der neologische krieg", 
und auch innerhalb mancher andern kapitel wird auf die sprachlichen und philoso- 
phischen bemühungen Gottscheds, wenn auch immer nur kurz, eingegangen. AVie 
nun gar der ausschluss von Reickes stoff aus dem ivahmen von Wanieks Untersuchung 
glaubhaft erscheinen soll, bleibt vollends unklar: „Gottscheds lehrjahre auf der Kö- 
nigsberger Universität", die darstellung seiner familienverhältnisse wie seiner poetischen 
lehrjahre wird doch auch ein buch über „Gottsched und die deutsche litteratur seiner 
zeit" nicht umgehen können; Wanieks erstes kapitel führt denn auch den titel „Kö- 
nigsberg 1700 — 1724" und behandelt ausser „Vaterhaus", „poesie", „Pietsch" sogar 
auch die von Reicke gleichfalls stark betonte „theologie", „philosophie" nebst den 
„dissertationen". Nehmen wir den satz hinzu, der von der einleitung zur darstellung 
von Gottscheds Jugend überleitet: „Seine eigentliche bedeutung aber kann sich nur 
aus einer betrachtung der gesamtheit seiner Wirksamkeit ergeben" — so erhellt 
als unerschütterliche tatsache, dass Wanieks buch auf eine gesamtdarstellung von 
Gottscheds tätigkeit angelegt ist und dass erst die neueren forschungen ihn über der 
arbeit und nach dem druck weiter teile überzeugten, dass er den rahmen von Gott- 
scheds entscheidender Wirksamkeit teils zu eng, teils schief gezogen, indem er die 
jugendentwickluug sowie die sprachlichen und philosophischen Verdienste beiher 
abgetan, statt sie als entscheidende faktoren mindestens gleichberechtigt neben den 
ästhetischen u. ä. fragen zu behandeln. 

Als eine art von ergänzung des ersten kapitels will Waniek nun wol durch 
die angezogene bemerkung im vorwort seine recension der 1892 erschienenen schrift 
Reickes bezeichnen. Gerade Wanieks darstellung des Verhältnisses zwischen Gottsched 
und Pietsch hätte eine festere grundlage gew^onnen, wenn er vor beginn der ausar- 
beitung oder doch des druckes an seinem buch die von Reicke reproducierten thesen 
Pietschs über die poesie und über die grenzen der gebundenen und ungebundenen 
rede gekannt hätte. Wennschon sich Gottsched nicht auf sie beruft, ersehen wir aus 
ihnen zum ersten mal umfassend und sicher den geist, in welchem sich Gottscheds 
ästhetische erziehung vollzog. Waniek hätte alsdann wol auch nicht s. 14 schlecht- 
weg behauptet, Pietsch wäre „kein theoretiker". Auch der eiufluss der übrigen Kö- 
nigsberger lehrer auf Gottsched würde nach konntuisnahme von Reickes ausführnngen 
wol zuverlässiger bezeichnet sein. Namentlich ist die bedeutung von Quandt für 
Gottscheds entwicklung überschätzt, dagegen die entscheidende von Kreuschner fast 
völlig ignoriert; nur gelegentlich und äusserlich erwähnt wird er s. 11, 17, 49, 
obgleich Gottsched selbst immer in erster linie sich als Kreuschners theologischer 
und philosophischer Schüler bekannte (s. Reicke s. 21 und 23 fg. sowie des referenten 
schrift „Gottscheds Stellung im deutschen bildungsieben", bd. I, s. 112 fgg. und 116). 
Manches andere hat Waniek ersichtlich durch eigne umsieht erforscht, nur dass sei- 
nem verzettelten dnick iuzwisclien Reicke zuvorgekommen. Ist Reickes stil ein kom- 
positionsloses nebeneinander, so bleibt Wanieks gewandte darstellung gar zu knapp. 

Wie schon die unbekanntschaft mit Kreuschners wesen und bedeutung Waniek 
zu keiner vollen und klaren Schätzung von Gottscheds geistiger entwicklung gelangen 
lässt, so fehlt jedes eingehen auf die philosophisch - theologische bewegung in Königs- 
berg. Nichts hören wir auch davon, wie ihn die ostpreussische heimat für seine 
sprachliche mission vorbereitete. Sofort zeigt sich in bedenklichem masse jene äusser- 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE BD. XXXI. ° 



114 WOLFP 

liehe geschichtschi'eibung, welclie molir aufzülilt als eutwickelt und ihren gegenständ 
isoliert, statt vor allem die fäden zu verfolgen, durch die er mit vor-, mit- und 
nachweit zusammenhängt. Wir wissen nicht, wie weit die niederschrift der einlei- 
tung zurückliegt; nur so viel steht fest, dass die 4 selten, die an der spitze des 
buches geschichtlich ausholen, teils veraltete, teils nichtssagende anschaiuingen vor- 
tragen. Die geistige bewegung des 17. Jahrhunderts ist nicht erkannt, die litteratur 
mit den alten schlagworten eilfertig durchmessen. Schief und einseitig wird beson- 
ders über Christian Weise abgeurteilt; „dem talentvollen Günther" werden „edle 
perlen in formloser Umhüllung" zugestanden — das ist die ganze Charakteristik. Die 
„entsittlichenden aufführungen" der „sogenannten haupt- und Staatsaktionen", daneben 
„die entnervende oper" — über solche allgemeinen Wendungen kommt der geschicht- 
liche rückblick nirgends hinaus. Ebenso sind die paar sprachgeschichtlichen bemer- 
kungen der einleitimg unselbständig und oberflächlich: „Luther galt natürlich als 
auktorität" — das ist in dieser allgemeinheit falsch. In der „i-einigkeit" der spräche 
konnte Opitz „auch nicht mehr muster sein" — weiter ven-ät die einleitung nichts 
über sein sprachliches Verhältnis zum 18. Jahrhundert, obgleich er gerade gegen 
Luther ausgespielt wird. Sehr zum schaden seiner Selbständigkeit und imbefangen- 
heit stellt sich Waniek schliesslich schon hier auf den Standpunkt von Danzel, i;m 
die litterarische gesamtanschauung , die kodifikation der litterarischen erscheinungen 
in geschlossenem Zusammenhang als grundlegendes verdienst Gottscheds zu preisen. 
Ähnlich wie der im übrigen gewiss um Gottscheds Würdigung hocliverdieute Danzel 
bringt Waniek überhaupt von vornherein zu viel allgemeine massstäbe mit, wodurch 
die konkreten erscheinungen mehr umnebelt als geklärt werden. Dahin gehört beson- 
ders die schematische gegenüberstellung , dass die Schweizer „in der Intensität ihrer 
Wirksamkeit stecken geblieben ", während Gottsched besonders „durch den achtung- 
gebietenden umfang seiner Wirksamkeit" die aufgäbe der zeit gelöst habe. 

Im einzelnen wäre zu Gottscheds Jugend nachzutragen, dass er — wie 
schon Reicke vermutet und ich bd. I, s. 113 nachweise • — mindestens eine reihe 
von Jahren auf dem akademischen coUegio wohnte, während Waniek s. 8 nur das 
haus des oheims als wohnort dos Studiosen kennt. Nicht „das lobgedicht auf 
den prinzen von Holstein" — es handelt sich um herzog Ludwig Friedrich von 
Holstein -Beck — , wie Waniek s. 17 vermutet, sondern eine predigt des langen 
kerls lenkte die aufmerksamkeit des werbelustigen generals auf Gottsched (s. mei- 
nen bd._ I, s. 122 fg.). Gottscheds eintreffen in Leipzig setzt Waniek auf den 
3. februar 1724 an, wie nach mehr als einem vierteljahrhundert Gottscheds Sin- 
gularia Vindobonensia gelegentlich behaupten; hier sind wir, Reicke und ich, der 
Selbstbiographie von Gottscheds bruder, leidensgenossen und reisebegleiter Johann 
Heinrich Gottsched gefolgt, die unter genauer bezeichnung der reiseroute den 
18. februar nennt. Auf Gottscheds predigten und recht charakteristische disputa- 
tionen aus der Königsberger zeit ist Waniek nicht eingegangen, s. Reicke s. 19 fgg. — 
Über die geschicke der abhaudlung „ De couversione hominis " hat Waniek (s. 9 fg.) 
verabsäumt Steiles zusätze der Historie der philosophischen 'gelahrtheit heranzuzie- 
hen, auf die sowol Reicke s. 19 wie ich bd. I, s. 118 verweisen: so übersieht Waniek, 
dass kein andrer als Quandt der „berühmte theologe" war, dem Gottscheds auffassung 
wol nicht orthodox genug schien. — Waniek widerholt einen Gottschedschen Irrtum, 
wenn er 1722 als erscheinungsjahr für die „Dubia circa Monades" ansetzt, Reicke 
weist s. 20 die Veröffentlichung im vorhergehenden jähre nach. 



ÜBER WANTEK, GOTTSCHED 115 

Aus den folgenden kapiteln möchten wir zunächst die philosophie- und sprach- 
geschichtlichen particen überblicken, bevor wir bei den eindringenderen litteratur- 
geschichtlichen mitersuchungen verweilen. Freilich fällt als einer der bedenklichsten 
mängel nicht nur in der Würdigung des denkers und aufklärers, sondern auch des 
ästhetikers Gottsched sogleich auf, dass der einfiuss Menckes gänzlich ausser acht 
gelassen ist. Zwar fehlt es — wie bei Danzel — nicht an hindeutungen auf die 
äusseren vorteile und die organisatorischen Vorbilder, die sich Gottsched durch die Ver- 
bindung mit Mencke aufdrängten: an den bedeutsamen aufklärerischen und ästhetischen 
Schriften des mannes , die für Gottscheds tätigkeit in vieler hinsieht grundlegend wur- 
den, geht Wanieks fast immer am äusserlichen haftende darstellung achtlos vorbei. 
Für die entwicklung Gottscheds fehlt damit der vielleicht wichtigste Schlüssel (ich 
behandle die Stellung Menckes in der Geschichte der aufklärung bereits 1894 bd. I, 
s. 124fgg. , inzwischen auch die ästhetische bd. II, s. 35 und besonders s. 37 fgg.). 
Waniek ist so weit entfernt, das hier vorliegende problem auch nur zu sehen, dass er 
behauptet: „Dass es die Leibnizsche philosophie gewesen wäre, welche Gottsched die 
Menckeschen kreise erschlossen hätte, wie Danzel behauptet, ist durch nichts zu 
begründen." In Wirklichkeit handelt es sich aber um Gottscheds eigene Vermutung 
(Lobschrift des frh. v. Wolf, s. 72 fg.). — S. 22 fällt gerade einmal das wort, seine 
„beziehungen zu dem hause Mencke" seien „auch für seine innere entwicklung wie 
für seine stellimg an der Universität und in der gelehrtenwelt von bedeutung" ; es bleibt 
aber bei dem wort , um trotzdem nur wider die organisatorische bedeutung von Menckes 
briefwechsel und Journalen hervortreten zu lassen. — Die philosophischen Schriften 
erwähnt Waniek, bezeichnet auch in einem oder ein paar Sätzen treffend ihre teudenz, 
verzichtet aber auf eine historische Charakteristik. So heisst es s. 28 gleich über 
die Leipziger dissertation : „Unter Zugrundelegung der Leibnizschen lehre vom meta- 
physischen, physischen und moralischen übel sucht er nachzuweisen, dass die Ursache 
des bösen (moralischen Übels) in der intellektuellen un Vollkommenheit der menschen 
zu suchen sei." Das ist — wie gesagt — nicht falsch und doch geeignet, falsche 
Vorstellungen zu erwecken. Eindringende betrachtung zeigt, dass sich schon Christian 
Wolf und noch weiter Gottsched von Leibniz nach der intellektuellen seite entfernt: 
das laster entspringt eüiem mangel an fügend — dort, einem mangel an erkenntnis, 
bildung und einsieht — hier. Ein solches ausgehen von Leibniz kann man doch 
nur im äusserlichsteu sinne Zugrundelegung nennen. Auch das philosophische Ver- 
hältnis Gottscheds zu Haller, die rein geistige Scheidewand zwischen beiden, hätte 
sich hier am klarsten demonstrieren lassen (meine darlegung I, 128 fgg. erschien 
fast drei jähre vor Wanieks buch). — Treffend kommt dagegen der bezeichnende zu- 
sammenstoss mit Olearius zur behandlung, ebenso wird mit gutem gründe gerade 
hier an die geschicke von Wolf und Thomasius erinnert. Dankenswert ist auch die 
heranziehung von Gottscheds rede über die toleranz. 

Dass sich die schönwissenschaftlichen leistungen jener zeit ausser Zusammen- 
hang mit dem rationalismus gar nicht würdigen lassen, erweisen besonders die mora- 
lischen Wochenschriften. Den ruf an die frauenweit, den Gottscheds „Vernünftige 
tadlerinnen" ergehen lassen, sein dauerndes eintreten für fraaenbilduug, erldärt sich 
Waniek aus dem „natürlichen wesen" des frauenzimmers (s. 37 iind 43): hierauf 
gründe Gottsched, der ja „ein natürliches wesen des dichters" fordeiie, „die berech- 
tigung seines strebens, die frauenweit für die poesie zu interessieren" usw.! Als 
gelegentliche galanterie spricht Gottsched dergleichen wol einmal aus: in Wirklichkeit 
sucht er die frauen gar nicht in erster linie für die poesie, sondern für bildung über- 



116 WOLFT" 

hau})t zu gewinnen, und zwar vor allem im diensto der aundiining (vgl. jetzt meinen 
IL bd., s. 116 fgg. und 119 fgg.)- Zutreffender weist Waniek 8. 45 darauf hin, dass Gott- 
scheds bestrebungen überhaupt auf den geistigen niittelschlag abzielten. Leider kommen 
„die ideen der aufklärung und der nationalen erhebung" auch bei der besprechung dieser 
Zeitschriften nur gerade wider mit diesem einen wort zur andeutung, obgleich auf ihnen 
vielleicht der hauptaccent der Gottschcdschen tätigkeit liegt und sie jedesfalls nicht 
weniger bedeuten als seine rein littcrarischen bemühungon. Dagegen ist anzuerken- 
nen, dass der Verfasser für Gottscheds ästhetische doktrin den rationalismiis, beson- 
ders auch den der französischen aufklärer, als grundlage mitheranzieht (s. 41). 

Das wesentlich chronologische verfahren Wanieks führt ihn nach mancherlei 
gewaltsamen Überleitungen zu einer Würdigung von Gottscheds Fontenelle- Übersetzun- 
gen. Auch sie fasst er mit recht nicht nur in ihrer stilistischen bedeutung, vielmehr 
auch als kundgebungen des Gottschcdschen ratioualismus. Um so überraschender ist 
der anstoss, den Waniek s. 63 an Gottscheds Versündigung gegen die toleranz nimmt: 
nicht toleranz, sondern aufklärung ist die tendenz der zeit, erstere nur soweit man 
sie für die aufklärer von der Orthodoxie und dem pietismus forderte; wie immer so 
war namentlich in dieser seiner blütezeit der ratioualismus selbst ausgeprägt intole- 
rant gegen die dunkelmänner — und das ist nicht einmal unbedingt seine bedenk- 
lichste Seite. Die isoliert -monographische betrachtungsweise rächt sich nicht minder, 
wenn der Verfasser ebenda gerade Gottsched vorwirft, „dass er nicht einmal in ein 
tieferes historisches Verständnis der reformation eingedrungen war, da er nur die rein 
negative Seite derselben im äuge hat." Auch dieser zug ist notgedrungen dem gesam- 
ten rationalismus — damals wie heut — seinem wesen nach unvermeidlich eigen. 
AVas Waniek hier noch über Gottscheds Stellung zur geistlichkeit anfügt, ist in sei- 
ner allgemeinheit nicht bloss oberflächlich, sondern direkt falsch: „Die geistlichkeit 
war und blieb ihm immer ein dorn im äuge, nicht nur die katholische, auch die 
protestantische. Wenn er gegen die letztere nicht so offen auftrat, so lag die Ursache 
hiervon im hochwürdigen konsistorio in Dresden, welches auch eine Oberaufsicht über 
die Universität führte." In diesem Satzgefüge geht jede wendung irre: hat denn nicht 
Gottsched gerade mit geistlichen aller drei konfessionen auf litterarischem, sprach- 
lichem und besonders auch philosophisch -theologischem gebiete zusammen gearbeitet? 
Reformierte französische prediger dienen ihm als litterarische Schildknappen; i'cfor- 
mierte und lutherische geistliche stehen überall im Vordergründe der alethophilen- 
gesellschaften , die Waniek allerdings zu behandeln unterlässt (s. meinen bd. I, s. 215 
— 230); besonders katholische klostergeistliche weiss er für seine deutschsprachlichen 
und rhetorischen bestrebungen zu interessieren; nächst dem grafen Manteuffel dürfte 
pastor Drucker wol der eifrigste korrespondent Gottscheds sein, obgleich dieser ihn 
als positiv, um nicht zu sagen orthodox kennt. Gottscheds Stellung zu den einzel- 
nen schichten der geistlichkeit behandle ich eingehend a. a. o. I, 188 — 215; es ist 
jedesfalls ein neues verfahren, 2^1^ jähre später inzwischen veraltete druckbogen her- 
auszugeben, ohne sich auch nur zu einem nachtrag gemüssigt zu sehen. 

Für die ästhetischen partien im „Biedermann" findet Waniek wider den rich- 
tigen gesichtspunkt im rationalismus, den ich I, 180 fg. an der gleichen Wochenschrift 
aufweise. — Gottscheds behauptung, dass seine begriffe von der beredsamkeit beson- 
ders gut auf Wolfs Philosophie passeten , ist keine „lächerliche rodomontade" (s. 78) 
sondern im princip zutreffend. — Da Waniek mit besonderm nachdruck und gewiss 
verdienstlich oft hervorhebt, dass Gottsched auf den inhalt in litterarischen werken 
das hauptgewicht lege, so wäre aus den öden die Verherrlichung von Coperuikus, 



ÜBER WANIKK, GOTTSCHED 117 

Keppler, Leibnitz, Wolf, Sturm, Gericke nicht halb ironisch zu nehmen (s. 93), viel- 
mehr als charakteristisch für den natiu-wissenschaftlichen zug der aufkläningsphilo- 
sophie heiTorzuheben. "Wie diese töne in Deutschland nachwirkten, vgl. jetzt mei- 
nen bd. II, s. 18 fg. — Gottscheds verständnislosigkeit fiir humor und konük leitet 
AYaniek s. 125 auch aus seinem „Luthertum" her: „wie der reformator ist auch er 
ein feind des burlesken und der posse." Luther selbst hat nun freilich manche pro- 
ben schalkhaften humors hinterlassen und der gemütvollen weltfreude, trotz einzelner 
ausfälle gegen „fleischliche" dichtuugeu, ausdrücklich räum gewährt. Auf das ortho- 
doxe Lutheranertum nach Luther dürfte iudes Wanieks hindeutung zutreffen; nicht 
jenem, sondern dem rationalismus gehört Gottsched nun zwar an, doch verstand 
auch dieser keinen harmlosen spass, verharrt vielmehr tatsächlich auch dadurch noch 
in den banden der Lutheraner Orthodoxie, aus denen er hiuausstrebt, dass er komik 
nur im dienste moralisierender zwecke anerkannte. — S. 234 ist Wanick geneigt, 
Marpergers autrag, die deutsche gesellschaft solle die reform des kalenders mit über- 
nehmen, wo nicht als eine „bosheit", so doch jedesfaUs nicht ernst zu nehmen: „die 
unsterblichen als kaleuderinacher!" spottet er. Hätte Wauiek den ki'eis seiner mono- 
graphie nicht gar zu eng auf Gottsched beschränkt, so würde er gesehen haben, 
wie viele gesellschaften ähnlicher „unsterblichen" damals die kalenderreform über- 
nehmen, und ^vol dann auch darin die charakteristische tendenz gegen den aber- 
glauben nicht übersehen haben (vgl. meinen bd. II, s. 23 und 25). — Die drei 
dissertationen über den luüuxus physicus sind inhaltlich gerade auf einer seite 
(218) berührt, obgleich sie Waniek s. 250 mit recht „so ziemlich Gottscheds ein- 
zige selbständige tat auf dem gebiete der philosophie" nennt; eindringendere be- 
trachtung in historischem Zusammenhang hätte diese leistung doch noch in andere 
beleuchtung genickt (s. meine entwicklungen bd. I, s. 133 — lil). Waniek könnte 
nun auf seine nachträgliche cntschuldigung hinweisen — die von grösserer klug- 
heit als Offenherzigkeit zeuguis ablegt — : die betrachtuug der philosophischen 
Schriften ginge „stofflich über den rahmen" seines buches hinaus; aber er hätte 
diese leistungen entweder gar nicht oder zuläuglich würdigen sollen. — Das 
alles gilt in erhöhtem masse von "Wanieks behaudlung des Lehrbuches der weltweis- 
heit. Kaum eine halbe seite (251) geht auf den Inhalt ein, sonst wird — wie fast 
immer — nur die äussere geschichte des Werkes erzählt. Überdies beginnt jene 
besprechung mit den kategorischen sätzen: „Mit unrecht hat man ihm vorgewoi-fen, 
er habe nur Thümmigs Compendium übersetzt. Schon der ausgangspunkt ist ver- 
schieden." Nun hat referent 1891 (Bd. I, s. 145 — 150, s. 152 fg. usf.) durch ueben- 
einauderstelkmg vieler entscheidender partien und kiu-ze bezeichnung weiterer abschnitte 
den beweis erbracht, dass für weite strecken des buches jener Vorwurf des P. Dorn- 
blüth zutrifft, und sogleich die selbstä,ndigen partien herausgehoben, darimter auch 
(s. 151) die von AVaniek nach Gottscheds eigenem Vorgang so stark betonte abweichung 
in der definition der philosophie. "Wider muss man voraussetzen, dass "Waniek bei 
der drucklegung dieses bogens meinen nachweis noch nicht kannte, ebenso wenig frei- 
lich Thümmigs Kompendium. Abermals jedoch wäi'e Waniek besser beraten gewesen, 
wenn er die bei ausgäbe seines buches objektiv nicht mehr haltbare behauptung wenig- 
stens in einem anhang zurückgezogen hätte. Noch irriger ist — soweit das möglich — 
die folgende behauptung von dem „überaus servilen geist, in dem die politik behan- 
delt war": das gerade gegenteil ist der fall; wie ich a.a.O. s. 159 fg. zeige, fusst 
Gottsched hier auf Miltons Defensio pro populo Anglicano und Lockes briefen von 
der tolerauz; welche vorgeschrittenen ausichteu er da in das überkommene gebäude 



Hg WOLFF 

der s. z. geltenden staatsphilosoplne einführt, mag man dort nachlesen, um die 
bodenlosigkeit von Wanieks meinung zu verstehen. — Auf der folgenden seite ist es 
ein Irrtum, Steinauers philosophische Vorlesungen vor damen nach Strassburg zu ver- 
legen: sie fanden in Schweighausen statt (nach Steinauers handschriftlichem brief an 
Gottsched vom 20. april 1740). — Ganz unzulänglich sind s. 389 fg. Gottscheds 
Schriften zur Verteidigung der Leibniz - "Wolffschen philosophie gegen den Vorwurf 
des Spinozismus und alsdann namentlich die von ihm geleitete und kommentierte 
Bayle- Übersetzung erwähnt. Mit zwei Sätzen ist die bedeutung dieses gewaltigen 
Gottschedschen Unternehmens abgetan. Die zahlreichen aufschlüsse philosophischer, 
sprachlicher, litterarischer und persönlicher natur, welche Gottsched in seine anmer- 
kungen hineingelegt hat, sind übersehen. — An besprechung des Streites um die 
monadenlehre knüpft "Waniek die wichtige betrachtung: „Im sinne der Alethophilen 
suchte Gottsched der aufldäruug auch dui-ch Popularisierung der naturwissenschaften 
zu dienen." Dass der Verfasser nun einen augenblick auf Gottscheds naturwissen- 
schaftliche beobachtungen und bemühungen eingeht, ist verdienstlich. Wer aber 
sind die llethophilen? Ein paar mal fällt gelegentlich der name: wie aber Gottsched 
durch diese gesellschaften in den mittelpunkt einer propagandistischen Organisation 
der aufklärer gerückt wird, überhaupt das wesen und die ausdehnung dieses "Wol- 
fianischen schütz- und trutz- Verbandes kommt in keiner weise zur ausfühniug. 
"Wanieks kenntnis der gesellschaft und des Verkehrs unter den mitgliedern scheint 
nach einer bemerkung auf s. 386 recht dürftig zu sein: „Sein haus", heisst es da 
von Gottsched, „wai'd um diese zeit, da die alethophilische gesellschaft eben in ganz 
Deutschland filialen gegründet hatte, ein mittelpunkt der nach aufklärung strebenden 
geister." Weissenfeis und Stettin sind doch noch nicht ganz Deutschland! Sonst 
geschah um diese zeit (1741) die Verlegung des schwerpimktes von Berlin nach Leip- 
zig, und zwar infolge von Manteuifels Übersiedelung. Dessen haus wui-de zu Leipzig 
in Wahrheit der officielle mittelpunkt der aufklärer zu ernster Verhandlung wie rein 
geselligem meinungsaustausch. — Aber, was noch, weit erstaunlicher, das Verhältnis 
Gottscheds zum grafen Manteuffel selbst gelangt immer nur beiher zu einsilbiger 
erwähnung. Jeder versuch fehlt, den gräflichen mäcen Gottscheds bei den philoso- 
phischen wie litterarischen bestrebungen zu charakterisieren; jeder versuch fehlt, auf 
dieses bedeutsamste lebensbünduis Gottscheds irgend näher einzugehen. Hier bleibt 
Waniek weit hinter Danzel zurück, statt noch tiefer aus den handschriftlichen quel- 
len zu schöpfen, die Waniek freihch immer nur spärlich heranzieht. — Ähnliche 
Kicken klaffen an vielen orten. So schliesst das kapitel über „Die deutsche sprach- 
kunst, reise nach Wien, Verhältnis zu Süddeiitschland" mit dem lakonischen abschnitt 
(s. 566): „Auch die ausbreitung der Wolfschen philosophie und jene allgemeine bil- 
dung, welche eine Voraussetzung für das durchdringen des Josephinischen geistes 
waren, gehen meist auf Gottsched und die Sachsen zurück, wie denn die gräfin Kai- 
serling, die Übersetzerin seiner Weltweisheit, am 23. april 1754 ihr lebhaftes interesse, 
das ihr die philosophie für die Wissenschaft erweckt hatte, mit warmen werten 
schildert und dann geradezu erklärt: ,C'est vous qui m'avez mise en cette carriere.'" 
Das ist alles, was ein fast 700 selten starkes werk über diese epochemachende Wir- 
kung zu verraten nötig findet: das heisst doch mehr ein problem bezeichnen als es 
lösen (gerade dieselbe österreichische Schülerin Gottscheds hebe ich I, 49 heraus; 
vgl. I, 48fgg.; eine ausführlichere darlegung der beziehung Gottscheds zur öster- 
reichischen aufklänmgsbewegung brachte der II. band). — Gegen schlass seiner 
monographie gedenkt Waniek mit umsieht der Opposition, in die Gottsched zu den 



ÜBER WANIEK, GOTTSCHED 119 

französischen freigeistem trat (s. 641 fg.). Nachdem am anfang (s. 57) der abhängig- 
keit des mannes von der französischen aufkläiiingslitteratur gedacht war, gewinnt der 
leser durch die verzettelte darstellung keinen rechten gesamteindrack von Gottscheds 
Stellung zur französischen philosophie des 18. Jahrhunderts — wie oft in anderen 
fragen. Je nach zeit und gelegenheit wird bald das eine , bald das andre extrem ein- 
seitig hervorgehoben. Für einen geist von reicher entwicklung wäre ein im princip 
chronologisches verfahren eher angebracht als für einen Gottsched. — Nicht verstan- 
den hat "Waniek, um welchen kreis es sich bei Bahrdts augnifen auf Gottsched 
handelt. Der äussere beweis liegt schon darin, dass er Bahrdts genossen fortgesetzt 
(und auch im register) Mag. Zeller nennt, während es sich um den bruder von Wil- 
helm Abraham Teller handelt: wie an diesem eigenen berühmten bnider, speciell au 
dessen bedeutsamem rationalistischen „Lehrbuch des christlichen glaubens", hatte der 
naseweise magister sich, mit Bahrdt vereint — par nobile fi'atrum — , an Gottsched 
und Bei gerieben. Das hätte Waniek aus s. 190 meines I. bandes ersehen können, 
der ihm 11 selten vor schluss seines Werkes doch vorgelegen haben dürfte'?! Das 
Leipziger rats-archiv bewahrt die akten betr. der beiden professoren beschwerde über 
die anwürfe. Friedrich Teller und Bahrdt schieben sich che wider Gottsched gerich- 
teten stellen gegenseitig in die feder, Bahi-dt wird als „der vorzüglichste Urheber 
sotaner stellen" ausser zu 20 thlr. geldstrafe zu abbitte und ehrenerklänmg ver- 
uiieilt, Gottsched aber begibt sich freiwiUig „der persönlichen annehmmig dieser 
Satisfaktion." Mit gewohnter cynischer Offenheit berührt übrigens Bahrdt seine mora- 
lische niederlage in der „Geschichte seines lebens" I, 319 fg. 

Auch wenn der Verfasser auf rein sprachliche fragen nicht eingehen würde, 
bliebe zu fordern, dass die in erster linie sprachgeschichtliche bedeutuug vieler 
Schöpfungen Gottscheds nicht verkannt würde. Namentlich treten die „Deutschen 
gesellschaften" in grundsätzlich andere beleuchtung, wenn man sie nicht — wie es 
Waniek noch in alter weise tut — in erster linie nach ihren dichterischen leistungen 
und ihrer ästhetischen Stellungnahme, sondern nach ihrer mitwirkung an der kultur 
der spräche sowie an erweckung von Interesse für litteratur- imd bildungsbestre- 
bungen beurteüt. Gleich zu anfang ist auf das Verhältnis zu den sogenannten sprach- 
gesellschaften des 17. Jahrhundert (s. 23 und 26 ist 16. Jahrhundert gedruckt) nicht 
näher eingegangen. Ebenso wenig kommt die sprachliche entwicklung der gesellschaft 
vor Gottscheds eintritt, die ergänzung des ursprünglich allein gütigen Schlesischen 
diu-ch einfühning obersächsischer freibeiten, zur erwähnung. Die ätusscrliche art von 
Wanieks dai'stellung macht sich auf diesem gebiet besonders unangenehm bemerkbar. 
Über Gottscheds Pietsch - ausgäbe liesse sich in sprachlicher hinsieht allenfalls fol- 
gende lakonische bemerkuug verwerten: „Das buch ist Joh. Burchard Mencke gewid- 
met, der, wie die zueignungsschrift ausführt, unter den Meissnischen dichtem der 
grösste ist, wie Pietsch unter den preussischen. Wir sehen hieraus, welche rolle 
noch immer der Stammesgegensatz spielt." Gedankenstrich. Es ist allerdings höchst 
bedenklich, wenn Waniek erst durch solch ein äusserliches gelegenheitszeichen über 
den fortbestand des „ Stammesgegensatzes " aufgeklärt wii-d. Wie er die bedeutungs- 
volle Vorbedingung, die für Gottscheds spracheinigende Wirksamkeit in .seiner ost- 
preussischen herkunft liegt, nicht erkennt, so übergeht Waniek auch die selbst Gott- 
sched gegenüber in Leipzig noch immer hochmütig empfundene sprachliche Überlegen- 
heit. — Von vorn herein klingt es oft wie eine art tadel, wenn Waniek die sprach- 
lichen kriterien des Gottschedschen kreises erwähnt, so s. 54 imd 56: die grund- 
sätzliche bedeutung dieser voranstellung sprachlicher gesichtspunkte gelangt nii-gends 



120 WOLFF 

ZU unbefangener Würdigung. — Von ernstem eindringen in die sprachlichen Ver- 
hältnisse zeugt es nicht gerade, dass Waniek sich ein paar mal .(s. 52 fg.) das 
vergnügen macht, die Schreibung Leüthe und Landesleüthe im König -Bod- 
merschen briefwechsel mit anführungszeichen als kuriosität herauszuheben. — Der 
sprachabstand der Schweizer kommt wider nur in gewohnter äusserlichkeit als tat- 
sache gelegentlich zur erwähnung; vergebens suchen wir eine ausführung, durch 
welche eigenheiten sich denn nun in aller weit ihr abstand vom hochdeutschen 
charakterisiert. Treffend kommen dagegen hie und da ihre sprachtheoretischen 
auschauungen zur besprechung. — Auch die verstreuten sprachgeschichtlicheu erör- 
teiiingen lassen bedauern, dass die vorwaltende zeitliche reihenfolge bedeuten- 
des wie unbedeutendes bunt durcheinander würfele, das entscheidende deshalb 
mangels scharfer hervorhebung verschwimme. Ganz richtig hebt Waniek s. 88 
hervor, wie es gleichzeitig die lateinische gelehrtensprache und die französische 
modesprache der aristokratie zu überwinden galt. Aber genügt eine solche verein- 
zelte behauptung? beides war auszuführen, zu beweisen, d. h. Gottscheds kämpf 
gegen beide fronten zu verfolgen, zu veranschaulichen. "Wie sich die Universität 
Leipzig zu Gottscheds deutschspiachlichen bestrebungen stellt, bleibt uuerörtert. — 
Gelegentlich der Würdigung von Gottscheds rhetorischen bemühungen kommt s. 96 fg. 
eine fortgeschrittene sprach theoretische ansieht Gottscheds zur erwähnung, nicht ohne 
dass sie scgieich in das richtige Verhältnis zu Gottscheds beschränktheit in abwehr der 
Volkssprache gesetzt wird. — Nun folgt die besprechung der „Redekunst", leider 
in eigentümlichem zickzack: erst wird von der „vertrauten reduergesellschaft " 
gehandelt, darauf folgt eine kurze Charakteristik vom „grund-riss einer veruunft- 
mässigen rede-kunst", der nächste abschnitt beginnt: „Mit der theorie gieng auch 
hier die Übung band in band", und deutet auf die „nachmittägige rednergesell- 
schaft" hin, schliesslich wird nochmals ausführlicher auf die „Redekunst" zurück- 
gegriffen, wobei der (vom referenten bereits stark hervorgehobene) kompilatorische 
Charakter und die von Waniek immer richtig erkannte betouung des sachlichen 
gehaltes der rede zu ihrem recht kommen. Wir stehen auf s. 99. Erst 180 selten 
später wird die „Ausführliche redekunst" genannt, unter ihrem erscheinungsjahr, lei- 
der viel zu dürftig. Entweder — oder! hätte sich Waniek hier überall sagen sollen: 
in Wahrheit aber unterschätzt er alle ausserästhetischen und innerlichen momente. — 
Auf den Zusammenhang der Redekunst gerade mit der „Deutscheu gesellschaft" wird 
nicht eingegangen, obgleich auf diesem gebiete ihr hauptverdienst zu suchen ist. -- 
Ausführlicher verweilt Waniek dankenswerter weise bei den reden selbst, die aus 
der nachmittägigen und vormittägigen reduergesellschaft hervorgiengen (s. 280 fgg.). 
Auch auf die geistliche beredsamkeit wird mit recht eingegangen (s. 283 fg.); zu wirk- 
licher ausfühi'ung gelangt wider nur der aus dieser partie der „Redekunst" erwach- 
sene äussere konflikt, den schon Danzel behandelt. Wir können es nur loben, dass 
Waniek in diesem Zusammenhang, unter abgehen von der zeitlichen reihenfolge, 
sogleich die homiletik Gottscheds abhandelt und den praktischen einfluss dieser bestre- 
bungen auf prediger hervorhebt. — Ausführlich und dankenswert sind die si)rach- 
lichen bemerkungen aus der „Kritischen dichtkunst" herausgehoben. Eindringlicher 
charakterisierend hätte sich die darstellung gestalten lassen, wenn Gottscheds auffas- 
sung der dichtersprache durch ihr Verhältnis zur prosa illustriert wäre. — Der für 
erkenntnis der sprachlichen zustände sehr wichtige briefwechsel zwischen Clauder 
und Bodmer ist so gut wie garnicht ausgenutzt. Wie die kenntnis des handschrift- 
lichen briefschatzes in Bodmers und Breitingers nachlass überhaupt eine sehr eng 



ÜBER WANIEK, GOTTSCHED 121 

begrenzte ist, werden Clauders briefe nur au zwei schon von Hiizel bezw. von 
Baechtold veröffentlichten stellen herangezogen. — Im weitern verlauf erwähnt Wa- 
niek da und dort Gottscheds Stellung zum hochdeutschen; die historische Charak- 
teristik bleibt indes unzulänglich, so lange nicht das Verhältnis zur bisherigen ent- 
wickhuig des hochdeutschen hervortritt und andererseits Gottscheds Königsberger 
hochdeutsch nicht erkannt wird: nur- dass er die kenntnis des niederdeutschen und des 
polnischen aus seiner heimat mitgebracht, gelangt zu gelegentlicher erwähnung. — Der 
Versuchung, Specialforschungen zur geschichte des neuhochdeutschen heranzuziehen, hat 
der Verfasser mannhaft widerstanden: namentlich wird auch an Burdachs und Kluges 
abhandlungen voiiibergegangeu, wo immer der gegenständ dazu aufforderte.— Wie stets 
mehr beschreibend und referierend als eindringend und charakterisierend, kommt auch 
(s. 279) die Verbesserung des stils zur erwähnung. Um so freudiger ist der hinweis 
zu begrüssen, dass Gottscheds foi'derung von klarheit und deutlichkeit ein mittel war, 
der aufstrebenden deutschen litteratur auch die geistig tiefer stehenden volkskreise 
zu erschliessen. — Im Zusammenhang mit den „Critischen beyträgen" zieht Waniek 
eine reihe anderer Sprachforscher zur besprechung heran. „Auf den abschluss, den 
diese sprachlichen bestrebungen durch Gottscheds „Deutsche sprachkunst" gefunden 
haben, werden wir noch zurückkommen" — heisst es hier, s. 276. Auf s. 540 fgg. 
wird dieses versprechen eingelöst. Leider rückt Waniek diese betrachtung von vorn- 
herein ins dunkel. Das kapitel beginnt: „Je tiefer Gottsched seine autorität auf dem 
gebiete der dichtkunst sinken sah, desto nachdrücklicher wandte er sich der Wissen- 
schaft zu und suchte die weitgehenden plane seiner Jugend zu abschliessender aus- 
führuug zu bringen. 1748 erschien zunächst seine „Grundlegung zu einer deutschen 
sprach -kunst", durch welche er bei manchen, wie bei Hagedorn, den letzten kredit 
verlor." Jeder, der sich erst aus Wauieks buch über Gottsched informieren wollte, 
müsste aus dieser einleitung zu der durchaus schiefen auffassung gelangen , Gottsched 
habe 1) das sprachliche gebiet nur notgedrungen als asyl aufgesucht, weil er fühlte, 
dass er in der dichtkunst abge^\irtschaftet, und er habe 2) nun wirklich durch die 
sprachregelnde tätigkeit nur vollere Verachtung herausgefordert. Gerade das gegenteil 
entspricht in beiden fällen der Wahrheit. — Aus dem Inhalt der „Sprachkunst" selbst 
werden eine seile laug einige wichtige pimkte herausgehoben. Man vermisst jedoch 
vor allem ^lie bezeichnende auffassung Gottscheds von unregelmässigen beugungen, 
„unrichtigen" nach seiner verdeutschiuig, ferner eine präcisieiimg der klassischen 
autoren, des Verhältnisses zu Luther wie andererseits zur kauzlei, endlich die auch 
hier angestrebte Überwindung der dialekte. — Heinzes schritt gegen Gottscheds 
Sprachkunst ist nicht in bausch und bogeu zu verwerfen (s. 544), s. den I. bd. mei- 
ner G.- Schrift s. 57 fg. Dankenswert weist Waniek auf Schwabe als Verfasser der 
unter dem naheliegenden decknamen Kunze gehenden Gottschedianischen duplik hin. — 
In seiner genugsam gekennzeichneten manier verfährt Waniek mit den sonstigen 
angriffen auf die „Sprachkunst": nachdem einige gegner kurz abgetan, verweilt die 
darstellung bei Popowitsch; statt indes die berechtigung der von diesem manne vor- 
gebrachten einwürfe zu prüfen, kommt nur der zank wegen der ironischen deklina- 
tion von Gottscheds uamen zu breiterer behandlung. — Das Verhältnis Gottscheds 
zu den Benediktinern wird nur höchst dürftig erwähnt : kennt doch Waniek die wich- 
tigsten, gedruckt vorliegenden quellen nicht, weder die briefe Gottscheds und Rudolf 
Grasers au P. Placidus Amon noch die Historia rei litterariae Ordinis Benedictini. — 
Mit willkommener ausführlichlieit ist der neologische krieg dargestellt, so dass denn 
auch manche aufklärung geboten wird. Ob das „Ragout h la Modo" nicht Meier, 



122 WOLFF 

sondern Zink zuzuschreiben, möchten wir freilich nicht so kurzer hand entscheiden. 
Im übrigen vermisst man unter den quellen neben Burdachs forschungen die aus- 
führimgen von Xöster im A. f. d. a., bd. XXII, s. 36ü fgg. — Sehr wirksam ist 
schliesslich die heranziehung von Adelung, durch welche die Charakteristik Gottscheds 
als Sprachforscher an historischer beleuchtung gewinnt. 

Wenden wir uns den litteraturgeschichtlichen Seiten des buches zu, so ver- 
misst man zunächst eine berücksichtigung der litterarischen tradition, die Gottsched 
in Leipzig vorfand. Das ausserachtlassen der dort bereits herrschenden litterarischen 
reformideen ist nicht nur ein mangel, wird vielmehr zu einem wirklichen fehler: 
denn vieles erscheint nun in Wanieks darstellung als tat Gottscheds, was in Wahr- 
heit von ihm nur übernommen und fortfgeführt ist. Die ersten Leipziger jähre 
Gottscheds treten dadurch in falsche beleuchtung; es tritt nirgends hei-vor, wie man 
sich ihm zunächst überlegen weiss, ihn das auch fühlen lässt, bis er sich in zuneh- 
mendem masse als besonders betriebsames Werkzeug für die aufgaben erweist, an 
deren lösung die Leipziger litterarischen kreise schon vor Gottscheds ankmift arbeiten. 
Gleich Menckes einfluss kommt der von J. U. König nicht zu seinem rechte. AYie 
sich das bild des sächsischen hofdichters durch eindringende betrachtung litterarisch 
und persönlich überhaupt hebt, so ist ihm namentlich der bisher Gottsched zuge- 
schriebene plan zu verdanken, dass sich die Deutsche gesellschaft in Leipzig mit 
kurfürstlichem privileg zu einem gegenstück der Academie Frangaise herausbilde. 
Auch die eigentümliche tatsache gelangt nicht zur Würdigung, dass J. U. König 
gioindsätzlich den späteren Zankapfel, die oper, schon vor Gottscheds angriffen preis- 
gab und nui" im praktischen hinblick auf den hof aufrechterhielt. Ähnlich ist für den 
hofpoeten entscheidend , dass er im princip die reimlose poesie billigt und nur wegen 
des zustandes der deutschen spräche sachlich vernünftige bedenken hegt. Durch 
Umstellung der glieder des Satzgefüges erzielt Waniek fast den entgegengesetzten 
eindruck. Wanieks verfahren, in bausch und bogen zusammenzufassen statt sachlich 
zu entwickeln, führt gerade an diesen entscheidenden punkten zu vielen Schiefheiten. 
So ist es mit Königs „entschiedener Parteinahme für Gottsched" (s. 75) nicht weit 
her; vielmehr spricht er sich teils herablassend, teils wegwerfend über den neuen 
klienten aus, der durch ihn sein glück machen wolle. — Wenigstens ist erfreulich, 
dass bei späterer gelegenheit (s. 104 fgg.) auf die bemerkenswerten versuche hin- 
gewiesen wird, die König und Henrici unternahmen, um das lustspiel an das leben 
anzuknüpfen. — Wanieks verzieht auf ruhige entwicklung der tatsachen führt bis- 
weilen heterogene dinge zusammen. Da wird aus einem gedieht Gottscheds an König 
citiert : 

„Wer weiss von Zieglern nicht? wer weiss nicht von Philaudern, 

Doch diese spielten nur der Pleissen nymphen vor; 

Ihr ton ergötzte noch kein grosses f ürstenohr ! " 

Philander von der Linde ist bekanntlich Menckes pseudonym; so muss die verstoh- 
lene Schmeichelei für den gönner am hofe zu einer kühnen Überleitung herhalten 
(s. 54): „Mencke tritt denn auch in der tat immer mehr in den hintergrund, was 
in Verbindung mit den parteiungen in der deutschübenden gesellschaft den raschen 
niedergang derselben zur folge gehabt haben mag." Auch tatsächlich entbehrt diese 
Vermutung der begründung. — Für die ganze art, in welcher Gottscheds tätigkeit 
durch die sächsischen litteraturkreise vorbereitet ist, kann referent jetzt auf den 
n. band seiner Gottsched -Schrift, s. 34 — 43 und s. 58 fgg. verweisen. 



ÜBER WANIEK, GOTTSCHED 123 

"Wanieks betrachtiirig der Gottschedschen Wochenschriften verfährt isolierend. 
In jenen moralischen modeblättern kehren bestimmte gedanken als gemeingut überall 
wider: diese züge dürfen bei der Charakteristik nicht ausser acht gelassen werden. 
Im übrigen findet Verfasser die richtigen gesich tsp unkte , dass die „Tadlerinnen" das 
weibliche geschlecht auf nationale gesinnung, sitte und spräche sowie auf Interesse 
für Wissenschaft und poesie hinlenken wollen. — Den schon in der ersten Wochen- 
schrift ausgesprochenen ästhetischen gnindsatz von nachahmung der natui* hat Gott- 
sched von Pietsch übeniommen, was zur beantwortung der s. 42 aufgeworfenen frage 
bemerkt sei (s. meinen II. bd., s. 35). — Über Braitmaiers Geschichte der poetischen 
theorie usw. urteilt AVaniek in diesem Zusammenhang gerecht abwägend und zutref- 
fend. — Die zahlreichen pamphlete, die von den „Tadlerinnen" hervorgenifeu wer- 
den, sind nicht berücksichtigt; nur bei anderer gelegenheit (s. 69) wird wenigstens 
Ilenricis Sendschreiben „An die vernünftigen tadlerinnen" erwähnt. Es sei auf die 
folgenden (in der königl. bibliothek zu Berlin vorhandenen) flugschriften veiTviesen: 
Oratorum No verum Pica cum remedio; Zweyer guter freunde gespräch über das 
tractätgen Oratoiiim Novonim Pica cum remedio; Aiizt! hilf dir selber! das ist 
der gute rat, welchen dem verfertiger der Picae I^ovonim oratorum als einem selbst 
jetzt höchst kranken artzte ... mitteilete ... ein ... Hallisches frauen-zimmer; Das 
urteil der vernünfftigen tadlerinnen von dem bissher in Jena geführten kleinen feder- 
kriege; Nötige annierkungen zu dem urteil der vernünfftigen tadlerinnen. — Gott- 
scheds moralisches verhalten gelegentlich seiner Pietsch - ausgäbe wird treffend beur- 
teilt, leider aber nur bei diesen äusserlichkeiten seitenlang verweilt und kein räum 
für die ütterarische bedeutung der ausgäbe und der Gottschedschen vorrede gefun- 
den. — Über Manteuffels kritik des „August im lager" von König (s. 51) hätte der 
briefwechsel der grafen Manteuffel und Wackerbarth (auf dem Dresdener hauptstaats- 
archiv) nähere auf Schlüsse gewährt; besonders Manteuffels ausführliche äusserung 
vom 4. Januar 1732 betont, seine gründe gegen dies epos stammten allein „du bon 
sens et de mon ami Horace." — Die Ursache für Königs zerfallen mit Brockes möch- 
ten wir nicht nur in „verletzter persönlicher eitelkeit" suchen (s. 52): zwischen der 
natürlichkeit des einen und der schwülstigen verstiegenheit des andern klafft doch in 
der tat ein sachlicher gegensatz. — Dankenswert wird über Gottscheds teilnähme an 
Königs streit mit Hanke aufschluss gewährt. — Dass Gottsched bereits 1725 betr. 
annähme oder ablehnung von dramen einfluss auf einen theaterpiincipal ausgeübt 
(s. 69), dass er überhaupt „damals mit dem theater bereits in innigster fühlung 
stand", ist nirgends belegt imd widerspricht Gottscheds eigenen darsteUuugen seiner 
beziehungen zur bühne. Die mahuung Henricis an die „Tadlerinnen", sie mögen in 
Verbesserung anderer nicht sehen lassen, dass sie selber der Verbesserung bedürftig 
seien, vor allem niemandes ehre antasten und den „circul ihres berufes" nicht über- 
treten, war keineswegs „eine mahnuug für den jungen magister, sich mit der bühne 
nicht zu vermengen", sondern offenbar eine ablehnung als Sittenrichter. — Das sou- 
veräne ignorieren aller neueren forschungen zeigt sich abermals eklatant in der 
behauptuug (s. 71): „Seit Danzel hat man sich gewöhnt, den grossen litteraturstreit 
so darzustellen, als ob bis zum jähre 1740 das beste einvernehmen und eine völlige 
Übereinstimmung in den bestrebungen der beiden parteien bestanden hätte." Nun, 
Waniek hätte sich nur erinnern sollen, was J. Crüger (in der Deutschen national - 
litteratiu-, bd. 42, einleituug s. LVI fgg.), was Bernays (A. d. biogr. s. 501 fg.), was 
Baechtold (Geschichte der deutschen litteratur in der Schweiz s. 53(3 fgg., 547, 557), 
was Braitmaier (in seinen ersten kapiteln) vorbringen, und er' würde erkannt haben, 



124 WOLFF 

dass nicht erst seiuo darstellung Daüzels auffassung als veraltet erscheinen lässt. — 
Die in der tat charakteristischen angriffe, welche Gottsched im „Biedermann" gegen 
Bodmer richtet, sind klar herausgehoben (s. 78 fg.)- — AVanieks Vermutung (s. 81), 
die öffentliche erklärung Königs gegen Bodmer werde von Krause herrühren, ist 
gegenstandslos; König teilt am 22. Oktober 1728, bereits wider von Dresden aus, 
Gottsched seine absieht mit, das jjublikum öffentlich aufzuklären. — Die öden der 
Deutschen gesellschaft sind s. 90 fgg. meist geschickt abgefertigt. Zu viel wird von 
Gottscheds ode „Das lob Germaniens" verlaugt: „Der dichter sucht offenbar nach 
nationalem gehalt, aber statt deutsches leben mit deutschem geiste zu durchdringen 
\ind darzustellen, trägt er ... geschichtliche tatsachen zusammen ..." Das unhisto- 
rische von Wauioks massstäben tritt hier so recht hervor. Dieses renommieren mit 
den grosstaten der deutschen Vergangenheit herrscht in der poesie seit dem 17. Jahr- 
hundert, ja geht bis in die tage Huttens zui'ück, gehört auch keineswegs zu den 
unrühmlichen selten jener epoche. — In den anfangen der deutschen anakreoutik 
wird der zug nach klarheit und die scheu vor erwähnung sinnlicher Vorstellungen 
(s. 94 fg.) glücklich aufgewiesen; durch hinweis auf die unsittlichheit des lebens wäre 
die prüderie noch in wirksamere beleuchtung getreten. 

Das VI. kapitel wendet sich der bühnenreform zu. Um hier wesentlich über 
Danzel hinaus zu gelangen, um überhaupt eine für den heutigen stand der forschung 
ausreichende geschichtliche würdiguug zu erreichen , wäre zunächst viel weiter auszu- 
holen, iü die bühnenentwickluug des 17. Jahrhunderts eiuzudriugen , alsdann aber 
auch der geist Gottschedscher „regelmässigkeit" in seiner Verwandtschaft mit der 
kunst und kultur seiner zeit zu bezeichnen. AV^aniek theoretisiert und konstruiert 
zu viel, statt die tatsachen umfassend und in ihrer natürlichen Verknüpfung sprechen 
zu lassen. Um das zusammenhangslose und das unhistorische dieser darstellung noch 
zu erhöhen, glaubt AVaniek „auf den fortschreitenden epischen charakter" des dra- 
mas hinweisen, ferner betonen zu müssen, „die vergröberung des heldentums gieng 
bald so weit, dass man meist wahre gottesgeisseln der menschheit, Nerone, Domitiane 
usw. auf die bühne brachte." Die damit angedeuteten erscheinungen treten in andere 
beleuchtung, wenn wir uns erinnern, wie sich das drama gerade aus epischen quel- 
len hei'aus entwickelt hat und wie im gegensatz zu dem aus dramatischer Charak- 
teristik vorschreiteuden englischen das französische drama noch tief im epischen 
stecken geblieben war. Eine ähnliche Oberflächlichkeit liegt im ausserachtlassen der 
älteren auffassung des heldentums im deutschen drama: trat etwa gegen die helden- 
auffassung des Hans Sachs eine vergröberung ein? und zeigen nicht schon die ersten 
deutschen schüler der englischen komödianten das groteske? war es nicht durch den 
marinismus verstärkt? — Gottscheds verlangen nach einer darstellung „m\v solcher 
laster und fugenden, die im gemeinen leben unter leuten von allerlei ständen 
häufig vorkommen" (s. 109) hat seine zwei selten, die man beide gern bezeichnet 
gesehen hätte. — Die Zerstückelung der arbeit sowie das wesentlich chronologische 
verfahren bringen es mit sich, dass eine person bald einseitig ungünstig, bald ein- 
seitig günstig beleuchtet ist, z. b. König. Ebenso werden aber an einer stelle unter 
umständen quellen aiisser acht gelassen, die einige hundert selten später herangezo- 
gen sind; so vermissen wir über einführung des regelmässigen repertoires (s. 111 fgg.) 
die benutzung der „Briefe, die einführung des englischen geschmacks in Schauspielen 
betreffend", die jedoch bei der Vertreibung des Hanswurst (s. 335) zu rate gezogen 
sind. — Auf der quellenliste für die poetik fehlt vor allem Mencke. AVaniek gibt 
s. 113 nur die von Gottsched selbst später aufgezählten quellen wider, um sogleich 



ÜBER ■WANIEK, GOTTSCHED 125 

zwei anzuzweifeln: „ob und wie er die übrigen schriftsteiler benützt bat, wird im 
nächsten kapitel erörtert werden " ! Sogleich aber werden schon Gottscheds ästhetische 
anschauungen bruchstückweise behandelt, als wenn sie ihm eigentümlich wären. 
Schon die moralisierende tendenz auf strafe des lasters und lohn der tugend als dra- 
matisches ziel — bildet sie etwa Gottscheds eigentümliche dramaturgische theorie? 
Nur wer die Verbreitung dieser tendenz in der weltlitteratur heranzieht, könnte zu 
historischer Charakteristik von Gottscheds ästhetischer richtung gelangen. — Die büh- 
nenreforni ist im ganzen viel zu theoretisch und dies theoretische überdies viel zu 
abstrakt aufgefasst. Schon das endergebnis von Wanieks vorläufiger dramaturgischer 
Untersuchung zeigt, wie weit er mit seiner (leider schon von Danzel geübten) auf- 
lösung bestimmter einzelheiten in abstrakte allgemeinheiten gelangt: „So hatte das 
suchen nacli dramatischen gesetzen Gottsched gleichzeitig nach zwei verschiedenen 
richtungen, nach der idealistischen und realistischen gedrängt"! Eine solche contra- 
dictio dürfte einer Verwischung der tatsachcn näher kommen als ihrer präcisierung. — 
Noch bitterer rächt sich diese principienreitorei bei darstelhmg des repertoirewechsels. 
Alles soll zielbewusste Umwälzung, fester plan, graue theorie sein, des lebens gold- 
ner bäum grünt für AVaniek nicht. Zunächst lässt schon Gottsched selbst seine 
teilnähme an der reform (in den „Briefen, die einführung des englischen geschmacks 
betr.") viel bescheidener erscheinen. Die praxis behielt die führung. Gottsched gibt 
wol hie und da ratschlage, vor allem aber neue stücke bezw. Übersetzungen, und 
das ehepaar Neuber versucht es schüchtern und schrittweise mit diesen neuartigen 
vereinzelten bereicherungen des repertoires. Der äussere, pekuniäre erfolg ermutigte 
zu weiteren schritten auf dieser bahn. Viel zu ideal ist die Neuberin genommen: 
„Sie billigt Gottscheds ansieht von dem idealen zweck des dramas und weiss, wie 
er bei verworfimg der opei' gegen die Sinnlichkeit losdonnert, aber sie erkennt auch, 
dass sich die echte knust von dem boden der Sinnlichkeit aus zum ideale erhebt" 
(s. 124)! Eine lebensvolle Charakteristik der madame Hui würde mehr von ihrer 
geschicklicbkeit und gesunden natur, weniger von ihren idealen sprechen. Im übrigen 
trifft Waniek gewiss das richtige, wenn er darlegt, dass die Neuberin Gottsched von 
anfang an ferner steht als ihr mann (s. 123 fg.). Beim bruch war sie die treibende 
kraft, daher auch ihi-e spätere Verdunkelung in Gottschedianischen Schriften (eine 
realistische entwicklung der bühnenreform unternehme ich bd. II, s. 174 fgg.). — Die 
ausserachtlassung der tatsachen zu gunsten vager konstruktion zeigt aber im folgen- 
den sogleich wider die behauptung: „Wäre der einfluss der Neuberin bei der fassung 
und ersten durchführung der reformgedanken ein grösserer gewesen, so hätte sich 
das repertoire jedesfalls mehr im lustspiele als in der tragödie bewegt." Im lust- 
spiel lag vielmehr zunächst kein neues material vor, wird auch sonst weniger gelei- 
stet, und die Steifheit lässt sich mit der würde der tragödie noch eher vereinen als 
mit der niedrigkeit des kleinbürgerlichen lustspiels. — Waniek meint, das einsetzen 
mit der tragödie entspringe Gottscheds bewusster berechnung: „der gegensatz der 
neuen richtung konnte mit der tragödie entschiedener und schärfer hervorgehoben 
werden" usw. — immer wittert AVaniek zu viel absichtlichkeit, zu strenge feldzugs- 
pläne. — S. 122 wird Fürstenau im gegensatz zu Danzel als Vertreter der forschung 
„neuerer zeit" vorgeführt: seine schrift: „Zur geschichte der musik und des theaters 
am hofe zu Dresden" erschien 1861 fg. 

Das siebente kapitel behandelt die „Kritische dichtkunst". Hier wird endlich 
Menckes „Unterredung von der deutschen poesie" — dem titel nach aufgeführt, als 
beleg für die ästhetischen Interessen der deutschen gesellschaft, ohne prüfung des 



126 WOLFF 

■weitgehenden einflusses auf Gottsched (ich handele darüber bd. II, s. 39 fg.). — Der 
betrachtung der „Kritischen dichtkunst" ist die erste aufläge zugrunde gelegt; die 
zahlreichen abweichungen der späteren Überarbeitungen werden wenigstens hie und 
da in vereinzelten bemerkungen berücksichtigt. Der kompilatorische Charakter des 
Werkes ist natürlich nicht verkannt, ebenso tritt hervor, wie die auswahl meist von 
bestimmten grundsätzen oder doch lieblingsgesichtspunkten aus geschah, doch immer 
so dass der Gottschedschen poetik missverständnisse und Widersprüche nicht erspart 
bleiben. Dies kapitel gehört auch dadurch zu den verdienstlichsten, dass Gottscheds 
ausführungen meist im Verhältnis zu den fremden quellen entwickelt werden. Wie 
manche missverständnisse Gottscheds in auslegimg des Aristoteles auf Dacier zurück- 
gehen, hätte des nachweises gelohnt. Die Widersprüche erklären sich zum guten teil 
aus der mannigfaltigkeit der quellen. — Verblüffend klingt die behauptung s. 177, 
Gottscheds Krit. dichtkunst habe „der poesie den handwerksmässigen Charakter end- 
giltig benommen." Was zur begründung dient, ist an sich richtig, nämlich dass 
sie „nicht nur die formalen künsteleien verwarf, sondern auch die dichtersprache als 
den angemessenen ausdruck dichterischen geistes fasste, mochte sich derselbe auch in 
den engen grenzen des Verstandes bewegen." Übte denn Gottsched aber nicht selbst 
die poesie handwerksmässig auf bestellung aus? Und bewahrt nicht jede kunst- 
lehre, welche sich trotz Voraussetzung von talent wesentlich in aufstellung 
erlernbarer regeln erschöpft, eine handwerksmässige auffassung der poesie? Gott- 
sched hat ja später Breitingers konkurrenzwerk durch den einen dounerschlag zu 
vernichten geglaubt, dass man mit hilfe desselben weder eine ode noch eine 
kantate usw. machen lerne! — Ähnlich geht Waniek in seinen sonstigen schluss- 
folgerungen zu weit: „Das ganze lückenhafte und stellenweise geborstene gebäude 
durchweht ein moderner zug: der ruf nach natur. " Es ist zweifellos richtig, 
dieses Gottschedsche streben nach natur im gegensatz zu dem „gezierten, ver- 
schnörkelten und verstiegenen" 17. Jahrhundert aufzufassen. Aber erstlich ist 
Gottscheds ruf nach natur nichts anderes als ausfluss rationalistischen geschmacks, 
gewiss also geschmackvoller als der raarinismus, aber zugleich doch unkünst- 
lerisch. Ferner hätte eine zulängliche historische Charakteristik nicht den Zusam- 
menhang der Gottschedschen bestrebungen mit der gleichzeitigen kirnst und kul- 
tur ausser acht lassen dürfen, in welchem sie nur als teil einer allgemeineren 
reaktion erscheinen. — Zu den urteilen über Gottscheds Krit. dichtkunst sei noch 
auf eine äusserung verwiesen, die Abraham Kästner am 31. juli 1771 an Johann 
Heinrich Voss schreibt (handschriftlich im Voss-archiv der Eutiner gymnasial - 
bibliothek): „Gottscheds dichtkunst ist nicht ganz zu verwerfen. Sie kann die gröb- 
sten fehler vermeiden lehren. Weiter braucht auch das genie keine regeln." — 
Treffend zieht Waniek Goethes gerecht abwägendes urteil heran. 

Am beginn des nächsten kapitels: „Das älteste tragödien-repertoir und die 
musik" steht der satz: „Von stufe zu stufe gelangt er jetzt an die spitze der deut- 
schen kulturbewegung." Noch ein paarmal findet sich ein solcher hin weis auf den 
kulturzusammenhang, leider kommt er nicht zur behandluug, trotz dieses aufdämmern- 
den Verständnisses ist es nur die alte litterarisch - ästhetische enge, auf welche sich 
die eigentliche ausfühning beschränkt. — Dass Gottscheds anlehnung an das fran- 
zösische drama keineswegs bedingungslos geschah, wird s. 186 gegen Lessings 17. lit- 
teraturbrief mit recht geltend gemacht. Hier, wo der geschmack der Engländer dem 
der Franzosen gegenübergestellt wird, hätte Waniek auch auf Gottscheds geständnis 
venveisen sollen: „Es scheint als wenn die Engländer die Franzosen bald aus Deutsch- 



ÜBER -WANTT.K, GOTTSCHED 127 

and verjagen wollten. Es möchte immer seyu, wenn nur nicht eine ebenso blinde 
hochachtung gegen sie einreisst" (Brief an Bodmer vom 2. niai 1739). — Für die 
Wirkung des „Sterbenden Cato" hat Waniet nicht die richtige erlclärung gefunden: 
durchaus nicht die moralischen oder gar die freiheitlichen anschauungen (s. 189 fg.) 
begi'üuden seinen eindruck, sondern die bezeichnenden litterarischen eigentümlich- 
keiten des neuen stils, der äussere anstand, die würde, die verstandesklarheit. — 
Im verfolg des Verhältnisses zur Neuberin vermisst man den plan einer organischen 
Verbindung mit der Deutschen gesellschaft (vgl. Eeden : Karoliue Neuber, s. 170 fg. 
und Eug. "Wolff, bd. II, s. 177). — Die ergänzung der gesetze der Deutscheu gesell- 
schaft, wonach diese sich vorbehält, leute von bekannter geschicklichkeit selbst vor 
ihre mitglieder zu erklären", geht bereits auf J. TT. Königs plan zurück (s. meinen 
bd. II, s. 41). — „Der Deutschen gesellschaft erläuterung ihrer absiebten" kommt zu 
geschickter Verwertung. — Im gefolge von Gottscheds journalistischen bemühungen 
marschiert die heerschaar seiner kampfgenossen auf. — Von völliger nichtachtung der 
Übungszwecke der Deutscheu gesellschaft zeugt der schlussgedanke des neunten kapi- 
tels: „Die Deutsche gesellschaft ist von 1735 ab für Gottsched nur der sockel, auf 
dem er sich zu persönlichem ansehen und zu litterarischem einfluss erheben will." 
Es ist dies eine jener souverän klingenden, aber gegenstandslosen kombinationen , die 
im vorliegenden werke auch sonst bisweilen die historische Charakteristik der erschei- 
nungen ersstzen. Vielmehr sucht Gottsched diese und verwandte gesellschaften 
andauernd, um durch sie die von ihm erstrebten sachlichen Wirkungen zu erzielen, 
vor allem deutsche, dialektfeie, korrekte und gewandte litterarische Schulung und 
betätigung. 

Die folgende betrachtung der frau von Ziegler fällt recht dürftig aus. Die 
grundlegende abhandlung von Philipp Spitta: „Über die beziehungen Sebastian Bachs 
zu Hunold und Mariane v. Ziegler" (in den „Histor. u. philol. aufsätzen Ernst Curtius 
gewidmet", bereits 1884 erschienen!) kennt Waniek nicht. So weiss er auch nichts 
von ihrem voi-waltenden musikalischen Interesse und verkehr, nichts von der kom- 
position ihrer neun geistlichen kantaten durch Sebastian Bach, nichts von diesen 
bemerkenswerten gedichten selbst. Jedes eingehen auf ihre dichtungen, reden und 
briefe ist überhaupt veraiieden, nur rein äusserlich werden die litterarischen bezie- 
hungen und ehrungen der Zieglerin sowie die verwegenen scherze ihres salons abge- 
handelt. Der verhängnisvollen geschichte von ilires vaters lebenslänglicher gefangen- 
schaft wird mit keinem werte gedacht. Vgl. über die Zieglerin jetzt meinen II. bd., 
s. 117 fgg. und 156 — 174. — Einen glücklicheren griff tut Waniek in der Charak- 
teristik der frau G. — denn hier kann wirklich von Charakteristik die rede sein. 
Sehr geschickt wird auch ihre äussere physiognomie hierfür verwertet. Freilich 
kommt neben den persönlichen und litterarischeu eigenschaften jene auf einen Über- 
gang vordeuteude mischung stark aufkläi'erischer mit gefühlvollen zügen nicht zur 
geitung. Im übrigen ist ein prägnantes bild der geschickten helferin Gottscheds 
gewonnen. 

S. 290 betont Waniek, es finde sich von der auffassung der dichtkunst als 
eines nebenwerkes für müssige stunden in Gottscheds Schriften seit den dreissiger 
jähren keine spur mehr: aber noch am 3. juui 1734 schreibt Gottsched an Bodmer: 
„Das lob solcher kenner kan niemanden, und am wenigsten mir gleichgültig seyn. 
Allein ein poet und weiter nichts zu seyn nährt bey uns seinen mann nicht. Wir 
können nicht alle professoren der poesie werden: und der ausgang hat es letzlich 
gewiesen, dass ich die logick und metaphysick zu lehren bestimmet gewesen." — 



128 WOLFF 

Die darstellnng von Gottscheds konflikt mit seinem „lieben Brüderchen" Bock, dem 
Königsberger poetiker, hätte sich aus Gottscheds briefwechsel lebendiger gestalten 
lassen. — S. 313 vermisst Waniek den brief, durch welchen Haller sich mit Gott- 
sched in Verbindung setzte. Er hätte ihn unter den von frau Gottsched herrühren- 
den abschriften in der Dresdener königl. öffentlichen bibliothek finden können; ver- 
öffentlicht habe ich ihn bd. I, s. 53; — s. 313 scheint also wol schon vor märz 1894 
gedruckt zu sein? Auch Gottscheds antwort ist schon vor Hirzels Hallor- ausgäbe 
1868 in Ludwig Eckardts AVander - vortragen , s. 23J fg., gedruckt. — S. 314 fehlt 
die kenntnis von Mosheims plan einer Verpflanzung der Leipziger Deutschen geseil- 
schaft nach Göttingen (s. Eng. "Wolff, bd. II, s. 49 und die dort erwähnten quellen). — 
Das Verhältnis zu den Schweizern bis zum jähre 1738 gelangt in den grundzügen zu 
treffender darstollung; nur ist die geschichtlich wichtige entwicklung der beziehungeu 
nicht eingehend in ihren tatsächlichen kritischen und brieflichen Zeugnissen verfolgt, 
sondern mehr auf allgemeine kennzeichnung der parteistellung angelegt. — S. 322 
hat Waniek übersehen, dass Baechtold s. 174 der anmerkungen seiner Gesch. d. dtsch. 
litt. i. d. Schweiz durch ein tatsächliches Zeugnis die von Waniek für überzeugend 
erklärte auffassung J. Crügers in Sachen der „Charaktere der Teutschen gedichte" wider- 
legt. — Der blick, den Waniek s. 325 fg. auf die tochtervereinigungen der Deutschen 
gesellschaft wirft, leidet von vornherein unter verdunkelnder und schiefer beleuch- 
tung, indem Waniek keinen andern grund für den zusammenschluss kennt als das 
„gefühl poetischer ohnmacht" und das streben, „sich durch verbände jenes ansehen 
zu geben, welches sich die einzelnen durch ihre dichterische Wirksamkeit nicht erwer- 
ben konnten." Gegenüber solchen sich wie eine ewige krankheit fortpflanzenden 
Oberflächlichkeiten hätte eine durcharbeitung der zahlreichen handschriftlichen quellen 
über die tätigkeit der gesellschaften gezeigt, welche fülle sachlicher ideen und 
Interessen in diesen kreisen lebte und wie heilsam die Schulung im gewandten schrift- 
lichen und mündlichen gebrauch der hochdeutschen bildungssprache für die übenden 
gesellschafter wie für die gelenkigkeit der deutschen spräche wurde. Auch der auf- 
klärerische zug dieser gesellschaften kommt nicht zur geltung. — Dass Waniek die 
allmähliche Umwandlung des Harlekin betont und verfolgt, ist sehr verdienstlich. 
Schon Lessing hat darauf im 18. stück der Hamburgischen dramaturgie hingewiesen. 
Das Verhältnis des Harlekin zum Hanswurst hätte einen Seitenblick verdient. — Sehr 
unwirsch gibt sich Waniek am schluss dieses kapitels: es wird ihm „schwer zu sagen, 
ob es Verblendung oder unverfrorene Verwegenheit war, wenn er (Gottsched) Manteuff'el 
nicht nur bittet, die angelegenheit der Deutscheu gesellschaft in Dresden zu fördern, 
sondern seine unmassgebliche ansieht geradezu dahin äussert, der hof möge die 
bescbäftigungen der beiden Parisischen akademien, der Academie frangaise und des 
belies lettres mit einander in einer einzigen verbinden" und dieser dann zugleich 
auftragen, „jährlich etliche deutsche Schauspiele auf französischen fuss für den hof 
zu liefern." Es war nichts als Gottscheds alter plan, nichts als eine Zusammenfas- 
sung aller Interessen der Deutschen gesellschaft. Die äusserung gegen Manteuffel 
erfolgt, weil des grafen vorhergehender bericht eben gerade widereinmal den Zeit- 
punkt für die staatliche sanction seiner steten bestrebungeu günstig erscheinen liess. 

Dass die Deutsche gesellschaft Gottscheds austritt ruhig mit ansah, ja sein 
einlenken ignorierte, erklärt Waniek nach meiner meinung durchaus zutreffend aus 
der unleidlichkeit von Gottscheds zunehmender herrschsucht und aus der rivalität der 
Zieglerin und Gottschedin bezw. ihrer salons. — Zu Steinauers angriffen auf Stein- 
bach und J. U. König (s. 351 fgg.) ist Otto Günthers abhandlung (Mitteilungen der 



ÜBER WANIEK, GOTTSCHED 129 

Deutschen gesellschaft in Leipzig, bd. IX, s. 47 fgg.) übersehen, welche namentlich 
akten massiges material über den verlauf des von Waniek nur angedeuteten konflikts 
mit König beibringt. — Die über Steinauer s. 353 fallende behauptung: Gottsched 
„sandte ihn später als agenten für den Gottschedianismus nach Bern" ist irrig, es 
blieb bei dem plane. — Arg versehen hat sich Waniek in fixierung des beginns der 
litteraturfehde. Auf die autorität von Gottscheds eigenem späteren zeugnis setzt er 
den ausbruch in das jähr 1738 mit den Erörterungen von der Schönheit der deutschen 
spräche. Waniek übersieht, dass Gottscheds angäbe auf Irreführung und ablenkung 
berechnet ist, soweit nicht geflissentlicher Selbstbetrug des verblendeten vorliegt. 
Zunächst ist nämlich schon im einzelnen Wanieks darsteUung jener polemik tatsäch- 
lich falsch; schreibt er doch (s. 35S): „Als nun Bodmer von Gottsched um einige 
kleine prosaische aufsätze für die „Beiträge" ersucht wurde (9. mai 1738), sandte er 
gegen den ersten teil jenes artikels die „anmerkungen eines ungenannten über die 
unvollkommenheit der deutschen spräche". Es war der erste, zwar versteckte, aber 
darum nicht minder heftige angriff auf die Leipziger." Nun, danach müsste "Waniek 
den beginn der litteraturfehde noch um weitere sechs jähre zurückdatieren. Hätte 
er in Bodmers nachlass die wichtigen briefe Clauders wirklich gelesen, so würde er 
wissen, dass sofort nach dem erscheinen des ersten Stücks der „Grit, beitrage" Bod- 
mer seine anmerkungen zu Gottscheds aufsatz an Clauder sendet, der sie weiter aus- 
führt, alsdann anfang 1733 mit Bodmers wissen Gottsched übergibt und ihn zur 
beantwortung „ernumtert". Erst 1738 druckt Gottsched die anmerkungen mit seiner 
antwort ab, das betr. stück erschien zu ostern, also noch vor dem 9. mai! Noch 
am 1. april 1739 entschuldigt sich Bodmer überdies, dass er die am 9. mai 1738 
erbetenen, von ihm am 30. juli zugesagten prosaischen aufsätze noch nicht ausarbei- 
ten konnte. Und dann welche gedankenlosigkeit : erst sollen die anmerkungen in 
erfüllung von Gottscheds bitte, andererseits anonym eingesandt sein (s. 359). Aber 
auch weiterhin geht Waniek fehl, wenn er sich so ausdmckt: „Gottsched erkannte 
natürlich in dem „ungenannten" sofort den einsender Bodmer selbst und sah in den 
angriffen nicht nur eine Zurückweisung jenes artikels in den „Beiträgen", sondern, 
da er sich als repräsentant der deutschen litteratur fühlte, eine Verurteilung seiner 
ganzen litterarischen Wirksamkeit ..." Clauder hatte Gottsched die provenienz 
der anmerkungen durchaus nicht verschwiegen; nur aus persönlicher Schonung für 
Bodmer richtet Gottsched seine duplik an die bequemere adresse eines „ungenannten" 
und formuliert dem entsprechend auch die Überschrift der von Clauder weiter aus- 
geführten Bodmerschen bedenken. Wie gefährlich Wanieks neigung zu verallgemei- 
nernden grossen worten ist, erhellt aus dem hier geführten fehlschlag: wenn Gott- 
sched „seine ganze Utterarische Wirksamkeit" veruiieüt gesehen, hätte er wol nicht 
5Y2 jähre heuchlerischer freimdschaft bis zur* abwehr hingehen lassen. Sehr diplo- 
matisch führt er Bodmers eigene leistungen gegen den „ungenannten" ins feld. Auch 
die bezeichuung dieses „ungenannten" als ausländer ist keine Impertinenz Gottscheds, 
findet vielmehr seine erklärimg in der von Clauder gewählten einfühnmg, die schon den 
(von Waniek übersehenen) bedeutsamen gesichtspunkt andeuten sollte, dass es sich 
hier nicht um feststehende gegenmeinungen von Bodmer oder gar von ihm, Clauder, 
selbst handle, sondern um „einem briefe inserierete " „ reflexiones ", was etwa ein 
nichtdeutscher den darlegungen Gottscheds von der Schönheit der deutschen spräche 
einwenden könne. Vgl. meine Ausfühiiiugen II, 60 fg. und die briefe im anhang. 
Der briefwechsel zwischen Gottsched und Bodmer schreitet ungestört noch anderthalb 
jähre fort, ja auch Breitinger setzt sich jetzt in direkte Verbindung mit Gottsched. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXXI. J 



130 WOLFF 

Es bleibt dabei, dass um die wende der jalu-e 1739 und 40 mit Vollendung des 
druckes der Zürcher kritischen hauptschriften, namentlich der „Krit. dichtkunst", Gott- 
sched die offene fehde proklamiert. Als bezeichnend ist wol auch aufzufassen, dass 
die vereinzelten, nirgends entscheidenden seitenhiebe auf Gottsched im text dieser 
Schriften fast ausnahmslos ohne namensnonnung erfolgten und erst das register unter 
seinem namen auf die betr. Seiten verwies. — Der beurteiluug der neuen ästhetischen 
Schriften von Bodmer und Breitinger vermag ich in allem wesentlichen ebenso freu- 
dig zuzustimmen, wie der früheren darlegung ihrer principien. Die Zürcher sind 
stärker spekulativ und idealistisch veranlagt, dennoch geht ihre kuustauffassung durch 
das medium der logik, einer logik freilich, die recht verworren ist; sehr glücklich 
spricht "Waniek von phantasielogik. Zu wünschen wäre als ergänzung dieser theo- 
retischen betrachtung gewesen, wie sich das praktische eingreifen beider parteicn in 
die entwicklung der spräche, der bildung, des dramas bezw. des epos stellt. Auch 
vermisst man die vorfühning dessen, was die Zürcher litteraturhäupter , was andere 
Schweizer männer und Jünglinge von Gottsched und seinen bestrebungen gelernt und 
profitiert hatten. 

„Der geistvolle poet" rührt nicht von Ehas Schlegel her (s. 395), sondern von 
dessen bruder Adolf, — vgl. meinen nachweis Vierteljahrschrift f. litteraturgesch. IV, 
393. — Im übrigen kommt Johann Elias Schlegel in Wanieks darstellung zu kurz. 
"Wer nichts von ihm wüsste als die verstreuten dürftigen bemerkungen Wanieks, 
könnte nicht ahnen, dass es sich hier um eine andere erscheinung als den sonstigen 
tross der Schüler Gottscheds handele. Meist ist er ganz wie einer der erbärmlichen 
gesellen mit ein paar äusserlichen wegwerfenden bemerkungen abgetan, nichts davon, 
wodurch er sich über die Gottschedsche schule seiner gruudanlage nach erhebt, nichts, 
wodurch er in der dramatischen Produktion, fast nichts, wodurch er in der dramatur- 
gischen theorie der Vorläufer Lessings geworden. FreiUch liegt hier absieht vor; 
stichelt Waniek doch s. 420 auf moderne „rettungen". Nicht aber bequemt er sich 
das jetzt ziemlich allgemein über J. E. Schlegel geltende urteil zu widerlegen, er 
wirft nur sein abweisendes urteil gegen neuere forschungen in die wagschale. Aus- 
drücklich leitet Waniek von Gottsched über: „Eine ähnliche Verarmung des drama- 
tischen lebens finden wir bei El. Schlegel." Dem widersprechen nun schon die 
immittelbar folgenden ausführungen Wanieks über „Dio Trojanerinnen": „Die fülle 
der handlung hat schon Mendelssohn im 310. litteraturbriefe gerühmt." Ebenso der 
nächste satz: „Überreich sind Verwickelung und komposition auch in „Orest und Py- 
lades"." Anders dann freilich in der „Dido". Einige zeilen später: „Weniger 
drückend ist die armut der handlung im „Hermann", wo die kontrasto schärfer aus- 
geprägt, spiel und gegenspiel lebhafter verwoben sind." Danach erweist sich dio 
Überleitungsformel als phrase. Dass die kraft in „Dido" versagte, begründet Waniek 
damit, dass sich Schlegel „an eine epische quelle wandte imd bei der komposition 
auf sich allein angewiesen war." Creizenach wies aber Ztschr. XXII, 230 fgg. aus- 
drücklich auf dramatische quellen der „Dido" hin. — Nur das Verständnis Schle- 
gels für Shakespeare gelangt zu treffender Würdigung. Und in diesem Zusammenhang 
gesteht Waniek denn wenigstens Schlegel ausätze einer determinierteren Charakteristik 
zu. Noch verächtlicher werden Schlegels lustspiele behandelt: „ Allein der berüchtigte 
Quistorp ist noch immer nicht so langweilig wie Schlegel " — lautet die Überleitungs- 
formel. — Zweimal (s. 342 und 413) muss dieselbe angeblich absprechende äusserung 
eines Gottschedschen korrospoudenteu Fabricius über Ilolberg die vage Vermutung 
stützen, dass „in Gottscheds kreisen (!) kein inneres bedürfuis nach jenen dämonischen 



ÜBER WANIEK, GOTTSCHED 131 

komödieii herrschte." Ja, „wer weiss, ob er (Gottsched) anfangs nicht geradezu 
■widerstrebt iiud endlich um* bedingungsweise dem nordischen Plautus seine „Schau- 
bühne" geöffnet hat." Wer weiss! Die benutzung Holbergs in den lustspielen sei- 
ner frau spricht nicht gerade dafür. Dass er ihn 1754 als derbkomisch abfertigt 
(s. 637), lässt keinen schluss auf seine Stellung am anfang der vierziger jähre zu. 
Aber wie steht es schon mit dem ausgangspunkt dieser ganzen gedankenkette, dem 
briefe von Job. Fabricius in Kopenhagen? Waniek citiert (s. 342) in nur indirekter 
rede, Fabricius berichte , „dass das theater aufgehoben worden sei, imd gibt als gnmd 
den brand des Opernhauses au, ferner den umstand, dass von den umherziehenden 
banden nichts vernünftiges aufgeführt wairde. „Denn noch", fährt "Waniek in 
direkter rede fort, „denn noch werden des h. prof. Holbergs dänische komödien 
aufgeführt." "Waniek hat die handschrift falsch citiert: das gcgenteil steht da: 
„Dennoch (ein wort!) werden des h. prof. Holbergs dänische komödien, welche 
hier auch vorhin gespielet worden sind, von vielen annoch gelesen und gelobet." — 
Das Scherzgedicht „Der process" kennt Waniek, nach der blossen registrierimg 
s. 429, anm. 5 zu schliessen, nur aus zwei anzeigen (vgl. jetzt darüber meinen bd. II, 
s. 127 — 133). 

Das nächste kapitel verfolgt den pamphletkampf. Hier giebt Waniek dankens- 
werte Inhaltsübersichten sowie aufklänangen oder Vermutungen über die Verfasser und 
über pointierte anspielungen. Die Verspottung Gottscheds auf offener scene durch 
das verspiel der Neuberin: „Der all erkostbarste schätz" am 18. September 1741 
(s. 442) wäre in neue beleuchtung getreten, wenn Waniek die eingäbe gekannt hätte, 
welche „rector, magistri imd doctores der iiniversität" Leipzig unterm 9. august 1741 
an den könig-kurfürsten richteten, des Inhalts: „dass die Neuberische komödianten- 
bande seit verwichener oster- messe wöchentlich allhier zweymahl komödien spielet . . . 
AYir sehen dieses institutum als eine der auf hiesiger academie studierenden jugend 
höchst schädliche ... sache an, in betrachtung der prädominierende affectus volupta- 
tis die liebe zu denen Studien und begierde selbigen mit fleiss obzuliegen, in vielen 

sudiosis bereits vermindert, ja fast gar auslöschet Wir sehen Uns demnach 

genötiget, ... zu bitten, ... dass ausser denen 3 messen keine komödien gespielet 
werden sollen" (handschriftlich auf dem Dresdener hauptstaatsarchiv). — Im ganzen 
verharrt Waniek leider in der alten auffassung des Verhältnisses zwischen Gottsched 
lind den Schweizern. Auch er sieht keine andere als die ästhetische Seite der 
beziehungen. Darum setzt er (s. 451) ein: „Wenig erfolg hatten die versuche Gott- 
scheds, die Schweizer in ihrem eigenen lande anzugi-eifen." Wie namentlich in Bern, 
nächstdem in Basel und auch in Zürich noch nach ausbrach der ästhetischen fehde 
Gottsched sprachlichen und kulturellen einfluss ausübt, suchte ich inzwischen, zum 
teil auf grund neuer quellen, im II. bd. von „Gottscheds Stellung im deutschen bil- 
dungslelien" darzulegen. Aber auch die bekannten quellen imd neuereu forschungen 
hätten Waniek manche fingerzeige für Gottscheds wirk-ungen auf die Schweiz geben 
können. — Im einzelnen ist es irrig, dass Mosheim erst nach dem märz 1741 Gott- 
scheds bekaimtschaft mit Hürner vermittelt habe. Waniek hat Hürners brief an 
Gottsched vom 3. november 1741 offenbar nur sehr flüchtig gelesen; da steht sogleich : 
„Wenn der verlauf einer zeit von drei jähren mich bei E. H. E. nicht in Ver- 
gessenheit gebracht hat, so bin ich glücklicher als ich verdient habe. Ein brief von 
sr. hochw. dem hm. abt Mosheim hat mir, so lange ich in Leipzig geblieben 
bin, dero unschätzbare gewogenheit zuwege gebracht." In Wirklichkeit begriindet 
denn auch Hümer anfang 1739, immittelbar nach seiner heimkehr von Leipzig, die 

9* 



132 WOLFF 

Deutsche gesellschaft in Bern. — Wauick enviihut s. 452 nur Hüruers dauksclireiben 
für die widmung des VII. bandes der „Grit, beyträge"; das sehr bezeichnende eigene 
schreiben der gesellschaft würdigt er nicht: es hcätte ihm ebenfalls als zeugnis für 
Gottscheds einfluss auf „das aufnehmen, die reinlichkeit imd Zierlichkeit" miserer 
muttersprache in der Schweiz dienen können. Alle innem Verhältnisse, die absieb- 
ten, ideen, arbeiten und erfolge dieser Schweizer gesellschaften bleiben imberücksich- 
tigt; ausführlich ist nur wider der äussere verlauf des satirenstreits mit der fronde 
behandelt. Unzulänglich imd schief sind namentlich auch die Basler bestrebungen 
erwähnt. — Haltlos ist im fernem verlauf dieses 14. kapitels s. 458 fg. die hypothese. 
Schönemann sei einer der beiden Verfasser der gegen die Neuberm gerichteten unflä- 
tigen zwei „Proben eines heldengedichtes". Dass gar Gottsched und seine frau auch 
bei diesen schmutzigen pasquillen die band mit im spiele gehabt, ist eine völlig 
gegenstandslose vermutimg, für die Wauiek auch nicht den versuch einer begründung 
imternimmt. — Waniek verfolgt dann die Schwankungen in der litteraturfehde zu 
Dresden, Greifswald, Göttingen u. a. o. — Gross, der herausgeber der Erlangischen 
Zeitung (s. 467), unterhielt noch 1749 freimdliche beziehungen zu Gottsched. Angriffe 
gegen diesen giengen ohne sein wissen von seinem hilfsredakteur Richter aus (vgl. 
Will in Waldaus Beiträgen zur gesch. der Stadt Nürnberg, bd. III). — Die briefliche 
angäbe, einige junge Thorner hätten den grössten antoil an den Hallischen „bemü- 
himgen", ist keineswegs eine lüge Gottscheds, sondern nur sehie irrige voraussetzmig, 
weil tatsächlich einer der in Halle studierenden ehemaligen Thorner „bestrebenden" 
namens Reyher (vgl. dessen brief vom 17. august 1743) Gottsched das erste stück 
der Bemühungen übersandte. „Sie sind", bemerkt Reyher, „wider den einreisseuden 
schlimmen geschmack nach den regeln der gesmiden kritik, oder welches gleichviel 
ist, nach den Vorschriften, so man in den schritten E. II. B. findet, von unbekann- 
ten aufgesetzet." Darauf überschreibt Gottsched am 21. jene Voraussetzung an Elott- 
well und gleichzeitig an Reyher selbst, der erst am 25. Gottsched diesen falschen 
glauben nimmt. Dass der ganze plan der Zeitschrift auf Gottsched zurückgeht, 
erweist sich danach als blosse phantasie Wanieks (s. 4(39). — Zu stark ist s. 478 die 
bezeichnung des „ Tintenf ässls " als des „wol pöbelhaftesten produktes der deutschen 
litteratur." Allem schon hinter den „Proben eines heldengedichtes" bleibt es weit 
zurück. Als Verfasser des „Rasenden Uh-ich" weise ich (bd. II, s. 140) Steinauer 
nach, der dies fragment an Gottsched sendet; so ist Gottscheds teilnähme an der 
Zusammenstellung des „Tintenfässls" endgiltig festgestellt. 

„Die neue bewegimg. Abfall von Gottsched; seine schule seit 1745" behan- 
delt das 15. kapitel. Von äusseren bezeichnenden tatsachen wird manche interessante 
einzeUieit mitgeteilt. Von dem ganzen äusseren verlauf der littei'aturfehde entrollt 
Waniek ein anschauliches bild. Gottscheds fortdauernde innere Wirkungen treten 
daneben freilich zurück, und es verbleibt fast überall der veraltete gesamteindrack, 
als sei der erbärmliche dichter imd kunstrichter das einzig wesentliche au Gottsched. — 
Auch auf Elias Schlegel kommt hier die darstellung widerholt zurück. S. 484 wird 
seine Stellung zu Haller erwähnt. Unter den epischen behaudlungeu nationaler Stoffe 
fehlt s. 491 Schlegels „Heinrich der Löwe", ebenso später seine aufnähme des eng- 
lischen tragödienstils und -verses. Auf der nächsten seite wird seines abrückeus von 
Gottsched gedacht: „Trotzdem ist er selbst über die Gottschedsche schule nicht hin- 
ausgekommen, wenn sich auch, wie wir bereits bei der „Schaubühne" gesehen haben, 
ausätze zu lebensvollerer dramatischer gestaltimg in seinen stücken vorfinden." Die- 
ser lakonischen abündung seiner trauerspiele folgen 5 seifen später in der Übersicht 



ÜBER WAJSIIEK, GOTTSCHED 133 

Über die komödieu der Gottschedschen schule uoch folgende inageru allgemeinea 
■\vendungen: „E. Schlegel überschritt mit seinen späteren stücken das niveaii der 
„Schaubühne" und gieng seine eigenen wege. Mit dem „Geheimnisvollen" trat er, 
wenn auch ohne besondere förderung seines komischen talentes, aus der schule 
Molieres, im „Triumph der guten frauen", welcher den lebhaftesten bcifall Mendels- 
sohns imd Lessings erhielt, gelang ihm lebensvolle Charakteristik; mit der „Stummen 
Schönheit" endlich wollte er durch wideraufnahme des Alexandriners die komödie in 
eine idealere Sphäre erheben." Ebenso obenhin und nichtssagend wie dieser bedeu- 
tendste Schüler Gottscheds ist J. Christian Krüger mit seinen lebendigen sozialen 
komödien abgefertigt. — Nicht nur für Quistorps „Aiu'elius", auch für Schlegels 
„Hermann" liegt der beleg im brief Wechsel vor, dass Gottsched honorar für beitiäge 
zur Schaubühne zahlte (s. meine schrift über „J. El. Schlegel", s. 50 und anm. 115). 
— Die „Gesellschaft der bestrebenden" in Thoni (s. 508 fg.) bestand aus gymnasiasten 
unter aufsieht eines lehrers; sie suchte in Gottscheds sinn grammatische, stilisti- 
sche, rhetorische uud poetische bestrebungeu zu vereinen (s. meinen I. bd. s. 81). — 
Für die Hamburger jünglingsgesellschafteu brachte ich inzwischen (bd. II) einige 
akteumässige belege bei. — Wie auf die tätigkeitsgebiete und den geist der einzelnen 
gesellschaften nirgends näher eingegangen ist, wird aus den Schriften der Kielisch eu 
geseUschaft auch nur die ästhetische stelhmg herausgehoben. Ebenso unzureichend 
erwähnt "Waniek die Altdorfcr Deutsche geseUschaft, die Erlanger übergeht er ganz. — 
Das kapitel schliesst mit dem frachtbaren hinweis: „An die stelle Gottscheds trat 
Geliert." Leider ist der gegensatz nicht ausgeführt, ebenso wenig bei späterer gele- 
genheit s. (331, und damit das litterarische bild Gottscheds eines wirksamen koutrasts 
beraubt. 

In der dankenswert eingehenden Untersuchung des „Witzlings" betont Waniek 
mit recht, vergeblich sei es, für jeden der drei auftretenden jugendlichen litteraten 
ein original aufzufinden, auf welches alle züge passen würden. Trotzdem glaubt er 
zu erkennen, wen die lose frau professorin jedesmal im äuge gehabt. Nun muss man 
das geschick, mit welchem Waniek den anspielungen nachspürt, gewiss rühmen, 
aber doch vorsichtigerweise stärker in anschlag bringen , dass Gottsched nach eigenem 
gestäudnis das persönliche der satire möglichst verwischt habe. — Über die weiteren 
fehdeschriften wird alles tatsächliche erschöpft, freilich nicht immer die fi'age auf- 
geworfen, wie weit die angriffe berechtigt seien. Wo er indes abwägt, zeigt sich 
Waniek als mann von nüchternem urteil. 

Manches, wie Gottscheds ausfälle gegen die Obeipfalz (s. 556 fg.), wäre viel- 
leicht besser komisch als mit entrüstung aufzunehmen. An dem sprachlichen kern 
der Gottschedschen beschwerden ist hier vorübergegangen; auch ästhetisch reicht die 
bezeichnung von Gottscheds naturideal der platten ebene nicht hin, es wäre aul die 
entwicklung des naturgefühls einzugehen. — Mit den übrigen briefen Gottscheds an 
P. Placidus Amon ist Waniek (s. 559) beim erwähnen der Versuchungen zum glau- 
benswechsel die für Gottsched ehrenvolle art entgangen, in welcher er solche Zumu- 
tung abwehi-t (s. Eng. Wolff, bd. I, s. 199 fg.). — Wanieks behauptimg s. 562 fg.: 
„Die konfessionelle Scheidewand, welche seit dem 16. Jahrhundert den norden Deutsch- 
lands von dem Süden trennte, wurde überhaupt durch den aufklärangsapostel eher 
verstärkt als niedergeworfen" — ist das diametrale gegenteil von der wahi'heit. Dass 
die katholiken, sogar die Jesuiten, sich der schule Christian Wolfs freundlicher 
gegenüberstellen als sonst protestantischen geistesbestrebuugeu, ist längst bekannt. 
Wie es speciell Gottsched gelingt, manche katholische kreise Süddcutschlauds imd 



134 WOLFF 

Österreichs in die inittekloittsche sprach- und bildungsbeweguüg hineinzuziehen, weise 
ich besonders bd. I, 23 fgg., 64, 198 fgg. und bd. II, s. 15 fgg., 22 fgg u. a. o. nach. — 
Religiöse anstössigkeiten zu vermeiden, muss Schcyb den Leipziger professor nicht 
bei gefahr einer Untergrabung ihrer fi'eundschaft „ernstlich bitten" (s. 563 fg.), viel- 
mehr ihm nur aus praktischen gründen jovial anraten, wie der ganze ton Schcybs 
bei dieser luid andern gelegenheiten zeigt. Am schluss des citates aus Scheybs brief 
vom 13. april 1754 ist nicht Freunde, sondern Fremde zu lesen. 

Dos weiteren sei herausgehoben, dass Waniek (s. 614) den gegeusatz zwischen 
Gottsched und Rousseau aufnimmt. Es ist schade, dass dieser wie so mancher gute 
gedanke AVanieks angedeutet, aber nicht verfolgt ist. Dann wäre auch, klar gewor- 
den, dass Gottscheds naturnachahmung aus dem rationalismus hervorgeht, und Wa- 
niek hätte das irreführende seines Zusatzes eingesehen: „Und doch hatte auch Gott- 
sched für die natur gekämpft." — Unter den mitgliedern der gesellschaft der freien 
künste schweigt Waniek vor allem von Reiske und Böhme. Ebenso gelangt die 
Tochtergesellschaft, welche Joh. Nath. Reichel in Zwickau stiftete, nicht zur erwäh- 
nung. — Gedichte Gottscheds wie das s. 632 oben ei-wähnte fordern mehr durch 
ihren aufklärerischen gehalt als durch ihre formellen geschmacklosigkeiten aufmerk- 
samkeit heraus. • — Mit recht verweist Waniek (s. 635 fg.) auf einen fortschritt der 
Gottschedschen anschauungen in der Vorlesung: „Ob man in theatralischen gedichten 
allezeit die fügend als belohnt und das laster als bestraft vorstellen müsse" ; er hätte 
Franz Servaes als Vorgänger in diesem nachweis nennen können. — Der gegcnsatz 
zu Young (s. 638) dürfte doch aus dem Optimismus der rationalisten leicht begreiflich 
sein. — • Oetter ist im Zusammenhang mit Gottscheds germanistischen bemühungen 
(s. 647 fg.) auch deshalb zu nennen, weil er Gottsched die erwerbung deutscher 
handschriften aus Ulm vermittelte (nach Gottscheds brief an Oetter vom 6. april 1748, 
auf der Müncheuer hofbibliothek). — Auf versehen beniht die angäbe s. 652, frau 
Gottsched habe ihre Geschichte der lyrischen dichtkunst „aus verdruss über die Saum- 
seligkeit des Verlegers" den flammen preisgegeben: vielmehr aus verdruss über die 
ablelmung seitens aller Verleger, denen Gottsched das manuscript zum druck anbot 
(s. Eug. Wolif, bd. n, s. 137). — Wanieks behandlung von Gottscheds im ganzen 
so vortrefflicher prosaübersetzung des Reinke vos (s. 652 fgg.) enthält böse Irrtümer. 
Gottsched fusst keineswegs unmittelbar auf der Lübecker Originalausgabe von 1498, 
sondern auf F. A. Hackmaans keineswegs gewissenhaft reproducierender edition von 
1711. So ist auch Wanieks behauptung eitel, dass es Gottsched war, der erst Hein- 
rich von Alkmar als den Verfasser des epos bezeichnete, „ein irrtum, der wol auch 
durch die pietätvolle rücksicht mitveranlasst war, die der herausgeber gegenüber dem 
ebenfalls aus Alkmar gebürtigen beriihmten kupferstecher E verding beobachtete", 
dessen kupfer Gottscheds Übersetzung schmückten! Bekanntlich hat aber Gottsched 
die behauptung dieser autorschaft nur übernommen. Das Verhältnis Gottscheds zu 
Uackmann legte ich in meiner ausgäbe des Reinke vos (bd. 19 der Deutschen national- 
litteratur) s. 5 dar; vgl. betr. Gottscheds Übersetzung weiter bis s. 11, wo auch über 
den Stil und den einfluss auf Goethe gehandelt ist. Jenen würdigt Waniek gar nicht, 
dieser wird durch die worte „stoffliche grundlage" nicht genügend präcisiert; vgl. vor 
allem das prograram von Martin Lange (Gymnasium Dresden -Neustadt 1888). 

Im letzten kapitel beklagt Waniek, dass uns nach dem jähre 1756, mit wel- 
chem die Sammlung des Gottschedschen briefwechsels schliesst, eingehendere nach- 
lichten fehlen. Mancherlei handschriftliche und gedruckte quellen aus Gottscheds 
letztem Jahrzehnt sind Waniek leider unbekannt geblieben, so briefe Gottscheds an 



ÜBER WANIEK, GOTTSCHED 135 

Borowski, Kästner, Formey, frau Heck und die Schwester seiner zweiten frau, ge- 
dichte an die Jungfer oberstleutnantin , die (vielleicht aus dem kreise des jungen Breit- 
kopf) mit satirischen glossen gedruckt wurden, glückwimschreden luid -gedichte zu 
seiner zweiten hochzeit u. ä. Auch dem von Wauiek benutzten briefwechsel Gott- 
scheds mit seiner nichte hätte sich mehr entnehmen lassen. Namentlich seine enge 
freimdschaft mit Böhme und dessen frau, den mentoren des jungen Goethe, hätte 
eine Untersuchung verlohnt. — Auch die freundschaft Bielfelds bleibt dem exdiktator 
erhalten. — Das auffallende erscheinen einer Lessingscheu Übersetzung in Gottscheds 
Zeitschrift, auf das Köster in Euphorion, bd. 1, s. 64 fgg. aufmerksam machte, bleibt 
ebenfalls unberücksichtigt. — Verdientlich ist, dass Waniek noch zum sehluss spuren 
Gottschedscher einwirkuugen auf Frankreich, Polen und Eussland verfolgt. — Der 
nachruf Ernestis verdient ein näheres eingehen als das blosse cpithetou „würdig". — 
Die letzten drei selten fassen Gottscheds hild und seine Wirksamkeit kurz zusammen. 
Mit recht werden hier endlich — im widersprach mit dem ganzen werke Wauieks 
selbst — die sprachlichen gesichtspunkte vorangestellt, die philosophischen angereiht 
und dann erst in dritter linie die litterarischeu leistimgen gewürdigt. Die letzten 
moralisierenden betrachtungen sind wol ein wenig zu scharf gehalten ; jedesfalls haben 
auch Gottscheds gegner genug auf dem kerbholz. Der sittliche Charakter, insbesondere 
die litterarische moral der zeit wäre zu berücksichtigen gewesen. 

KIEL, 14. FEBRUAR 1898. EUGEN WOLFE. 



Zur Syntax des althochdeutschen Tatian von dr. V. E. Moiu'ck. (Separat- 
abdruck aus den Sitz.-ber. der kgl. bohm. ges. d. wiss. 1894, stück XI und XIII 
1895 st. XXIU; 1897 st. X.) Prag 1897. 

Der erste teil dieser abhandlungen ist von uns an dieser stelle XXIX s. 123 fg. 
schon augezeigt worden; er behandelte I. Artikel und Substantiv. II. Pronorainalsub- 
jekt. III. Kongruenz. AVir können uns daher auf den neuen teil beschränken, wel- 
cher die Übersicht über den gebrauch der casus enthiüt. Die parallelen aus der 
bibelübersetzung der böhmischen brüder sind jetzt überall hinzugefügt; wir hätten 
gewünscht, es wäre auch der lateinische text der bequemlichkeit halber au allen 
abweichenden stellen, nicht bloss bei den bedeutenderen abweichungen hinzugefügt. 
Die anordnuug erfolgt nach praktischen gesichtspunkten. Casuslehre wird im weitesten 
sinne gefasst; d. h. es wird bei verben nicht bloss der absolute gebrauch angegeben, 
sondern auch alle formen der ergänzung, welche im Tatian vorkommen. Auf den 
accusativ entfällt natürlich der löwenanteil (X s. 5 — 118). — Soweit wir uns durch 
nachprüf ung überzeugt haben, zeigt auch der letzte teil die gleiche genauigkeit, wie 
die ersten partieen, und wir bedauern nur, dass der Verfasser hiermit seine Tatiau- 
studicn vorläufig abgeschlossen hat. Die aufarbeitung des gesamten materials wäre 
durchaus erwünscht. Freilich, grosse ergebnisse wird sie ebenso wenig liefern, wie 
die casuslehre; aber sie gibt den sichern unterbau für allgemeine Untersuchungen ab. 
Wie stark die lateinische vorläge auf die deutsche Übersetzung gewirkt hat, zeigt 
auch Moiu'eks arbeit wider und wider, z. b. in der tatsache des acc. c. inf. (vgl. 
s. 43), des nur 2mal aufgelösten abl. abs. (s. 133), des dat. bei fol und uuirdig 
= lat. abl. (s. 129). Um so beachtenswerter sind demgegenüber die konstanten 
abweichungen, z. b. hinsichtlich des gen. partit. (teil XXIII s. 3ö fgg.), des tempor. 
acc. (wie lange?) = lat. abl. (s. 129), der widerhol img der präposition (s. 135 fgg.). 



136 AKENS, ÜBER MOUREK, SYNTAX DES TATIAN 

An einzelheiteu, bezüglich deren ich vom Verfasser abweiche, erwähne ich: 
s. 43. In der stelle 38, 1 sah der Übersetzer animae vestrae sicher als gen. an: ni 
sit suorcfolle nmares ferahes; vgl. 38, 3 3m sorget ir than^ic thes andares] de 
ceteris; und Mourek s. 46! — S. 47, u. 8. In den stellen 120, 3 und 143, 1 möchte 
ich ursprüngliche gen. partit. sehen. — Stück X s. 10 anm.: 196, 4 ist es, wie der 
lat. toxt zeigt, unmöglich gisehan . . uuesan als inf. pass. zusammen zu nehmen; 
viebnehr übersetzt imesan das lat. fieri. — S. 119. In 61, 1 wäre bei farantemo 
themo heilante folgetun xuene hlinte eine konstruktion uno xoivov angezeigt; aber 
der lat. Wortlaut zeigt neben dem abl. abs. das seqtci absolut gesetzt. Nebenbei 
bemerkt, liat in der stelle Prol. 3 (= Luc. 1, 3) folgentemo . . allem] assectäo . . 
omnibtis die Vulgata richtig: otnnia. — S. 125. In 63, 3 ist sorga doch gewiss 
nominativ. Ygl. 126, 1 nist thir suorga. — Zu s.126 hätte zu der stelle 83, 1 
die lat. fassung = jjranderet apud se hinzugefügt werden sollen. — S. 134. Die 
stelle 69, 5 .scheint ein Schreibfehler zu sein. 

Dem giossar von Sicvers erklärt der Verfasser zu grossem dank verpflichtet 
zu sein. Da auch ich die Vorzüge der trefflichen ausgäbe so oft anzuerkennen gele- 
genheit hatte, so sei es mir gestattet, hier als scherflein meines dankes einzelne 
berichtigungen und Verbesserungen zu veröffentlichen , die vielleicht dem einen oder 
andern dienen könnten. 

Von druckfehl am nenne ich s. 177, z. 36 cum st. eum. — S. 244, 8 gra- 
lias st. gratis, wie richtig im giossar 477 b. — Im giossar s. 480 ursurgi] securis. 
S. 509 b s. V. xantron lies prunae st. pruinae. S. 486 b .<?. v. gi-iiuelih 67, 15 lies 
fon iu (vobis) st. fon in. S. 515 b unter %ui-järig fehlt in vor innan. S. 361 b 
unter I 7 muss der verweis II 5 heissen statt 11 2, 6. 

Im lat. texte dürften als blos.se Schreibfehler zu ändern sein s. 213, 34 (= 
141, 23) hypocrisin in hypoehrisi-, es folgt gleich darauf et miquitate. — S. 24, 25 
(^= anfang von 6, 3) ist das fact\mv bloss aus dem anfang des folgenden v. 15 stam- 
mende verschroibung für factu. — Zweifelhaft bin ich, ob in der lat. handschrift 
steht s. 240, 14 dixoro, s. 71, 37 erant st. erat, s. 152, 19 (= 106, 4) cireumm- 
spieiens. 

Im deutschen texte ist s. 137, 22 wol uiierden (= tmcrde) zu drucken, 
wie zeile 29; vielleicht ebenso 178, 7. — Sollte s. 27, 35 der circumflex über gi- 
böran auf das falsche wort geraten sein? 

Beim giossar ist zu bedauern, dass die beigefügten lateinischen bedeutungen 
nicht immer dem lat. texte entsprechen, z. b. ist gotcund zwar dem sinne nach =^ 
divinus, es übersetzt aber dci\ bei hcini-uuartes steht das domuni versus nicht im 
lat. texte. — S. 346 a, n. 6 unter haben als Umschreibung des perf. fehlt die bemer- 
kung, dass auch im lat. habeo steht, ausser an den stellen 149, 4 und 28, 1. — 
naht-uuahta 6,1= vigilia noctis, nicht = blossem vigilia. — bilidi ist 122, 1 
nicht = similitudo, sondern parabolam; der infinitiv mugan 189, 3 = possum; 
ginuog 166, 4 = satis est; lustun 158, 2 lustönto = desiderio; biotan, biote 15, 4 
nicht = mandet, sondern = mandavit (fut.); bei biscof ist nicht geschieden zwi- 
schen sacerdos und episcopus. — Manchmal fehlen die lat. bedeutungen, z. b. scax, 
wo das letzte citat 117, 2 = aes; ouh ist 56, 10 = enim; arbeit ist 75, 2 und 
145^ 6 = trihulatio; mihkil 60, 17 = maximo. Es wäre überhaupt ein verdienst- 
liches, freilich auch mühevolles werk, neben dem deutsch -lat. ein kurzes lat. -deut- 
sches giossar beizugeben. 



KAUFFMANN, ÜBFJl SIECKE , DIE URRELIGION DER INDOGERMANEN 137 

Von stellen, die im glossar fehlen, sind mir aufgestosseu s. v. ir beim impe- 
rativ 164, 2 haltet ir, 244, 1 ir sixxet {vos)\ 82, 2; 91, 4 neomanne ni saget ir = 
clixeritis. Bei 141 , 6 ist ni curet ir citiert statt ir ni ctcret = vos autem . . — 
s. V. thü. Es steht beim vokativ 111, 1. — thana: 72, 2. — himil: 90, 2 in himile. 
Im eigennanien- Verzeichnisse fehlt Simon Bar -Jona = tühun stin. — S. 51G fehlt 
hinter scribae: (sonst scrihera oder buochara). 

Schliesslich berühre ich noch ein paar stellen, die ich abweichend auffasse 
oder zu ändern vorschlage. Glossar s. v. jungiro] ist quad einen iungiron (s. 269, 
42) als acc. sing, gefasst; doch liegt es näher, einen fälschhch gesetzten dat. plur. 
statt des lat. sing, discipulo anzunehmeu. — Zum texte. S. 263, 28 müsste hahe- 
tis st. habetos mindestens in den noten platz finden; vgl. Gloss. 346. — S. 196, 39 
ist ginuhtsanwY statt ginnhtsamow in den text zu setzen (so vermutet Gloss. 398). — 
S. 133, 21 ist gvisgrimmot zu drucken. — Auch 82, 10 lebet in euuidii] in aeter- 
num scheint Schreibfehler statt des sonst zwölfmal, auch 82, 11 erscheinenden gi 
euuidii. — 138, 2 imidar thrhihunt pfeiinigon ist vielleicht das letzte n zu strei- 
chen; denn xueihunt (80, 3. 236, 7) und fimfhunt (138, 9) verbinden sich bloss 
mit dem gen. partit. ; es folgt nach 2 Wörtern thurftigon , was j^ßnnigon als Schreib- 
fehler erklärlich macht. 

BEDBURG. E. ARENS. 

Die urreligion der Indogermanen. A^'ortrag gehalten im verein für Volkskunde. 
Von E. Siecke. Berlin 1897. Mayer und Müller. 38 s. 0,80 m. 

Im vergleich zu der „Liebesgeschichte des himmels" vom jähr 1892 (vgl. Anz. 
f. d. a. 19, 338) constatiere ich einen entschiedenen f ortschritt, der auf ernsthaftere 
berücksichtigung der wissenschaftlichen litteratur zurückgeführt werden darf. Der 
Verfasser kann aber immer noch nicht gaoz ernsthaft genommen werden, weil ihm 
die grenzhnie zwischen hypothese und Vorurteil immer noch nicht zum bewusstsein 
gekommen ist. Sieckes grundsatz ist bekanntlich, an keinen naturmythus zu glau- 
ben, den er nicht mit eigenen äugen sehen kann: Odinn als windgott, Demeter als 
kornmutter usw. usw. fuiden vor ihm keine gnade. Er schränkt die „indogermanische 
urreligion", immer noch auf die schmale basis eines dienstes der sichtbaren natur- 
kräfte ein und erklärt sonne und mond als die hauptgötter der Indogermanen. „Diese 
beiden lichtwesen sind wie den meisten Völkern in ihrer kiudheit so aucli dem urvolk 
der Indogemianen als die interessantesten wesen in der weit erschienen" (s. 16), sie 
haben in der urzeit auch schon religiöse Stimmung geweckt und waren bereits auf 
höhere stufe der gottesverehrung erhoben worden. Odinn, Tyr, torr, Ereyr gehen 
im grande samt und sonders auf die souneugottheit zurück: Loki, Heimdall, Baldr, 
Frigg, Sif, Gerdr, Freyja, Nerthus und viele andere göttinnen auf die mondgottheit; 
paare wie Freyr und Freyja, FjcjrgjTin und Fjorgjm, Ni(jr{)r und Nerthus sind im 
gründe nichts anderes als sonne und mond. 

Einen berechtigten kern vermag ich nur denjenigen partien zuzugestehen, in 
denen Siecke sich zum auwalt des mondes, „der grossen welteuuhr" auf wirft. Er 
kann mit fug und recht an die bedeutsamen forschungen von Hillebrandt anknüpfen. 
Es lässt sich zeigen, dass die nordische mythologie auch den mond nicht aus dem 
spiel gelassen hat. Der nachweis kann aber auf dem wege apodiktischer behauptung 
niemals gelingen. Siecke fehlen anscheinend durchaus die Vorkenntnisse, die ihm eien 
begründung seiner flüchtigen behauptungeu ermöglichten, er wird es andern überlas- 
sen müssen , sie wissenschaftlich zu vertreten. Wer wird z. b. etwas darauf geben. 



138 KAUFFMANN, EIN GOTISCHER GÖTTERNAME — JELLINEK, Zu W ULFILA 

wenn s. 18 behauptet wird, „Mime's haupt mit dem Odiun werte wechselt" sei eine 
ersch einung des mondes? Man zeige erst entscheidende combinationen auf, dann wol- 
len wir dem gern beistimmen. 

KIEL, FRIEDEICH KAUFFMANN. 

MISCELLEN. 
Ein gotischer giJttername? 

Meines wissens ist diese von Müllenhoff in der Ztschr. f. d. a. 23, 43 fgg. 
gestellte frage noch immer nicht beantwortet. 

Es handelt sich um den merkwürdigen Tractatus in Luc am, den Angelo 
Mai in seiner Scriptorum Veterum Nova coUectio III, 198 aus dem Bobbieser cod. 
C 73 inf. der Ambrosiana herausgegeben hat. 

Diese handschrift hat mir im august 1897 in Mailand vorgelegen. Ich kann 
bestätigen, dass die schritt vollkommen deutlich und gar nicht daran zu denken ist, 
dass hier „vielleicht ein ganzes nest von gotischen göttern" ausgenommen werden 
könnte. Ich brauche wol nicht hinzuzufügen, dass die an Müllenhoff gelangten mit- 
teilungen eines Studemund absolut zuverlässig sind und die einsieht in die handschrift 
nicht mehr erfordcrlicli ist. Müllenhoff freilich kam trotzdem zn dem ergebnis, dass 
möglichenveise hier doch noch ein gotischer götteniame stecke. 
Die fragliche stelle lautet nach meiner abschrift; 

tantum eis inesca 
tus insidiis me ministeriis placet honoret 
obsequiis 

non me sed ante me satanan 
et idolorum eius culturam in quibus inli 
cientes tieneratur höre 
quae deceptione mea propria facta sunt 
In höre hat Jacob Grimm zuerst den rest eines gotischen götternamen ver- 
mutet (vgl. Krafft, De fontibus Ulfilae Arianismi s. 16). höre müsste dann subject 
sein zu veneratur: der relativsatz lehnt sich aber an satanan an, es bhebe also kein 
anderer ausweg als in höre einen namen des satanas zu finden. Dazu konnte man 
jedoch nur so lauge geneigt sein, als die möglichkeit bestand, dass in der handschrift 
eine lücke sei. Das ist aber, wie Studemund coustatiert hat, nicht der fall. 

Ich verdanke dem liebenswürdigen bibliothekar der Ambrosiana Sacerdote dr. 
Mercati den hinweis darauf, dass höre nichts anderes sein werde als höre d. h. honore. 
Dr. Mercati wartete mir auch sofort mit anderweitigen belegen aus Cypriancodices. 
auf. Inzwischen ist mir wenigstens auch ein inschriftlicher beleg bekannt geworden 
Auf einem der neuerdings in Saarburg ans licht gekommenen votivsteine steht lior == 
honorem wie Kenne im Correspbl. der Westd. zeitschr. 15 sp. Gl festgestellt hat. 

Die sachlichen Voraussetzungen der stelle sind aus der altkirchlichen dämono- 
logie so bekannt, dass ich darauf nicht einzugehen brauche. 

1) Vgl. Hartel 3, 497; dsgl. in derselben ausgäbe De laude mai-tyri (Appendix 
s. 27) horis === honoris; die belege werden sich leicht vermehren lassen. 

KIEL. FRIEDRICH KAUFFMANN. 

Zu Wulfila Luc. I, 10. 
Die ansieht von Warnatsch, Ztschr. 30, 247 fg., dass beidandans für bidan- 
dans stehe, lässt sich kaum halten. Ich habe Ztschr. f. d. a. 40, 332 darauf hinge- 



GRIENBERGER, ZU D. MERSEBURG. ZAUBERSPRÜCHEN — EHRISMANN, ZU BOSSERTS LUTHERANA 139 

wiesen, dass im Hei. an der entsprechenden stelle (v. 103) bed steht, was nicht zu- 
fällig sei. Nachträglich sehe ich, dass schon vor mehr denn neunzig jähren Zahn in 
der einleitiing zu seinem Ulfilas , s. 30 diese Übereinstimmung zwischen dem got. text 
und der „Cottonischen evangelienharmonie" hervorgehoben hat. An derselben stelle 
hat Zahn auch bemerkt, dass zwei griechische evangelienhaudschrifteu die lesaii 
TiQoaSeyöfxtvov bieten. 

WIEN, 17. NOV. 1897. M. H. JELLINEK. 

Zu den Merseburger Zaubersprüchen. 

Felix Hartmann bemerkt im Jahresbericht der german. philologie IG, 234 zu 
meiner in der Ztschr. 27, 433 fgg. erschienenen arbeit in betreff der etymologie des 
namens Phol: „die deutung aus ndd. polle, pol „köpf, spitze, wipfel" oder gar die 
vergleichung von ahd. kolo, hol „glut, brand" sind recht unwahrscheinlich". 

Ich bin ganz der meinung des sehr geehrten herrn berichterstatters, nur nicht, 
wie jemand in Unkenntnis dessen, was ich geschrieben habe, etwa glauben könnte, 
ei-st seit F. Hartmann, sondern schon in meiner arbeit selbst, in der ich s. 460 ndd. 
pol ausdrücklich abweise und s. 462 die heran ziehung von ahd. kolo schwierig 
finde. Mein text fährt demnach sogleich fort: „ich ziehe daher die ableitung aus ig. 
*bel, *bol „stark" entschieden vor" und ich muss lebhaft bedauern, dass herr Hart- 
mann nicht auch diese etymologie als recht unwahrscheinlich zu bezeichnen sich die 
mühe nalini, da seine offene türen einrennenden worte, wenn nicht den eindnick 
absichtlicher Verschleierung meiner ausführungen — zu welcher annähme ich nicht 
berechtigt bin — so doch zum mindesten den einer grösseren flüchtigkeit der lektüre 
machen, als dem mitarbeiter eines ernsthaften und objektiven Jahresberichtes zugestan- 
den werden darf. 

WIEN, AUGUST 1897. THEODOR VON GRIENBERGER. 

Zu Bosserts Lutlierana, Ztschi-. 29, 372 fgg. und 30, 429 fg. 

Zu Ztschr. 29, 373. sochcr „siecher" passt weder lautlich noch begrifflich. Mit 
„tropisch" ohne weitere anhaltspunkte kann man alles erklären. Eine Ztschr. 27, 58 
von mir vermutete nebenform zu rotwälsch socher ist immerhin sprachlich möglich 
und liegt im sinn nicht zu weit ab. Auch an säcker „sackträger" wäre zu denken, 
vgl. DWb. 8, 1622 und 1627, wo „sackträger" auch in übertragener bedeutung des 
öfteren nachgewiesen ist. ö in söcker ist dann = umlauts-e. — Ebenda perner = 
„pfarrer". „Den Zusammenhang der stelle" konnte ich „nicht genauer" erwägen, 
weil mir an meinem damaligen aufenthaltsorte Poach Luthers predigten nicht zu- 
gänglich waren. 

Zu Ztschr. 30, 430. Ich habe keineswegs den versuch gemacht die lesart 
liamerstetig zu ändern, sondern nur angedeutet, dass es ursprünglich ein und das- 
selbe wort ist wie hamelslettig hemelstettig. Es ist eine volksetj-mologische umdeu- 
tung des letzteren, weil hamel „abgrund" nicht mehr verstanden wurde. 

HEIDELBERG. G. EHRISMANN. 

NEUE ERSCHEINUNGEN. 

Dieter, Ferd., Laut- und formeulehre der altgermanischen dialekte. Zum gebrauch 
für studierende dargestellt von E. Bethge, 0. Bremer, F. Dieter, F. Hart- 
mann und "VV". Schlüter. Erster halbband: Lautlehre des urgermanischen, go- 
tischen, altnordischen, alteuglischen , altsächsischen und althochdeutschen. Leipzig, 
0. K. Keisland. 1898. XXXV, 343 s. 7 m. 



140 NEUE ERSCHEINUNGEN. NACHRICHTEN. 

Oüntlier, L., RecM uud spräche. Ein beitrag zum thema vom Juristendeutsch. 

Berlin, C. Heymann. 1898. XVI, 369 s. 7 m. 
Herrmann, Max, Die reception des humanismus in Nürnberg. Berlin, Weidmann. 

1898. VIII, 119 s. 2,80 m. 
Kalile, Beruh., Isländische geistliche dichtungen des ausgehenden mittelalters. Hei- 
delberg, C. Wiuter. 1898. YIII, 120 s. 4 m. 
LieWch, Bruno, Die Wortfamilien der lebenden hochdeutschen spräche als grundlage 

für ein System der bedeutuugslehre. 1. teil, 1. lieferung. Breslau, Preuss «&. 

Jünger. 1898. 80 s. 2 m. (Subscriptionspreis für das ganze werk 10 m.) 
Ordbok öfver svenska spraket utgifven af Svenska akadcmien. Haftet 9. Sp. 1233 — 

1392. an — aufäkta. Luud, Oleerup (Leipzig, M. Spii-gatis). 1898. 1,50 kr. 
Rössucr, Otto. Untersuchungen über Heinrich von Morungen. Ein beitrag zur 

geschichte des minncsangs, Berlin, "Weidmann. 1898. YIII, 90 s. 2,40 m. 
Thudichuui, F., Die rechtssprache in Grimins Wörterbuch. Stuttgart, Er. Frommannn. 

1898. 55 s. 1,20 m. 
Trautmauu, Moritz, Kynewulf der bischof und dichter. Untersuchungen über seine 

werke und sein leben. Bonn, P. Haustein. 1898. VIII, 123 s. 3,60 m. (Bonner 

beitrage zur anglistik, heft 1.) 
Vossler, Karl, Das deutsche madrigal, geschichte seiner entwickelung bis in die 

mitte des 18. Jahrhunderts. Weimar, E. Eelber. 1898. XT, 163 s. 3,50 m. 

(Litterarhistor. forschungeu herausg. von Jos. Schick uud M. frh. v. AValdberg, 

heft 6.) 
Witkowski, Oeorg', Die handlung des zweiten teiles von Goethes Faust. Leipzig, 

Seele & co. 1898. 46 s. 1,20 m. 
WollT, Eug-en, Zwei Jugendlustspiele von Heinrich von Kleist. Oldenburg, Schulze. 

1898. XXX Vin, 127 s. 2 m. 



NACHKICHTEN. 



Die 45. Versammlung deutscher philologen und Schulmänner wird 
vom 26. bis 30. September 1899 in Bremen stattfinden. Anmeldungen von vor- 
tragen für die Plenarsitzungen sind vor mitte juni an einen der beiden versitzen- 
den (schulrat Sander, Bremen, Feldstr. 52 und dr. C. Wagen er, Bremen, Bessel- 
str. 39), für die germanistische scction an einen der beiden sectionsobmänner 
(prof. dr. M. Heyne in Göttingen, Wöhlerstr. 6 und prof. dr. Fritze in Bremen, 
Herderstr 40'') zu richten. 



Berichtigung. 

Ztschr. 30, 252, z. 36 1. cavet st. caret, s. 253, z. 1 1. studiose, s. 254, anm. 4, 
z. 2 1. cd. st. id., s. 12 1. nos Qermanos sono literae F. 



Halle a. S. , Buchdruckerei des Waisenhauses. 



KEITISCHE V^J) EXEGETISCHE BEMERKUNGEN 
ZU SKALDENSTEOPHEN. 

I. Zur Orettis saga. 

Benutzt wurde 1) das von mir für eine kritische ausgäbe gesam- 
melte handschriftliche material. 2) Jun l'orkelssons treffliche Skfringar 
ä Visum I Grettis sögu. 3) die ausgäbe von 1853. Altere ausgaben 
standen mir nicht zu geböte. An dieser stelle werden nur diejenigen 
Strophen besprochen, über deren behandlung es mir w^inschenswert 
schien, genaue auskunft zu erteilen. Für die übrigen Strophen verweise 
ich auf die demnächst erscheinende ausgäbe. 

Str. 15 s. 34 — 35. Z. 5 — 8 lauten in A: 

fast hefiv hrund at liondimt, 

haurnmmian, pier saumat; 

slcord vül, at Jfu vel verdir 

vidrmcelendr nidri. 
Interpunktion im anschluss an die gebräuchliche erklärung. Varianten 
von bedeutung: z. 6. liar uaimia D, lioniavma at E. Z. 7 iiirdiv ED. 
Z. 8 vidmcelendr] viä meäan Iqnd erii {land er D) CED. Schon die 
ausgäbe von 1853 nimmt z. 8 die lesart von CE auf; so auch J. f.; 
noch besser ist freilich land er (D). Gleichfalls mit recht hqrnauma 
z. 2. Die diction der halbstrophe ist überaus fade. Iwniauma „göttin 
der leinwand" ist eine Umschreibung für eine fi-au. Dazu soll hnmd 
apposition sein; skorä viiv& erklärt als subject zu vill. Dagegen spricht 
zunächst, dass die apposition zu hqniauma gar keine neue bezeichnung 
enthält, also nur zur füllung des verses dient. Ferner, dass weder 
lirund noch skont ohne weiteres „weib" bedeutet; es sind hälfkenningar; 
die erfahrung aber lehrt, dass wo dieselben auftreten, in vielen fällen 
die Überlieferung verderbt ist^ hrund ist ein walkyrenname, skorä 
bedeutet eine schiffsrolle. Da nun beiden Wörtern ein anderes wort 
fehlt, mit dem es eine Umschreibung für eine frau bilden würde, da 
ferner die zwei sätze drei nominative vollständiger und unvollständiger 

1) [Vgl. jedocli S. Bugge, Aarb. 1SS9 s. 18 fgg. H. G.] 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXXI. ^^ 



142 BOER 

frauennamen enthalten, deren einer in diesem Zusammenhang nur als 
apposition zu verstehen ist, liegt die Vermutung nahe, dass die beiden 
Wörter, welche als hrund und slwrä überliefert sind, zusammen eine 
Umschreibung eines weibes bilden. Ich lese z. 5 statt U'ud : h°ns, d. h. 
horns. liorns skorä (vgl. viiis slwräa)^ „säule, welche den becher dar- 
bietet", ist ein weib. Freilich wird dadurch die hending in z. 5 zer- 
stört; doch wird statt fast zu lesen sein: enn\ dazu vergleiche man 

s. 34, 24: Btyrimannxkona var Jjvi jafnan vqti at sauma at 

hqndum Greitis. Denkbar wäre freilich auch ein genitiv anstatt skorä; 
doch weiss ich in diesem fall keine besserung, welche dem text nicht 
ziemlich grosse gewalt antäte, hrund seims, „göttin des goldes", wäre 
zwar verständlich (so Skäldhelgarimur), doch ist nicht zu verstehen, 
wie seims zu skord geworden Aväre; auch würde die lesart die hending 
zerstören. 

Str. 17 s. 39. S. 1—4 lauten in A: 

Mier hefiv hrugdizt vera 

hlik Byrandi at skyru 

brcitt sp . . . bragnaR J>etta 

hauga uon i hcmgi. 
Die Str. fehlt in E. 
Varianten: z. 1. hnigdid b. vera] harn C^bD. z. 2. at] fehlt /3b. 
z. 3. spyri {spuri D) hss.; in A -yri unlesbar. 

Die ältere ausgäbe hat offenbar hregdax, verstanden, wie J. ^. 
es später erkUirt, und aus dem gründe hefira statt hcfir gelesen. J. I*. 
erklärt: Bäru hlikryrandi ! Mer hefir-a brugdixt bauga van i haugi. 
„Mann! Die hoffnung, gold in dem hiigel zu finden, hat mich nicht 
betrogen," bragnar spyri petta brdit at skyru, „die männer mögen 
das bald genau vernehmen." 

Aber sämtliche handschriften haben heßr {-er -iir)^ die einzige 
metriscli mögliche lesart (1. hefr). Ich glaube ferner, dass b das rich- 
tige hat in brugdid, und übersetze bregda (activ) durch „bewegen, rei- 
zen", vgl. z. b. bregda e-m til gliniu [faa en til at brydes Fritzner I, 
181 a). at skyru gehört zum hauptsatze. Also: „Fürwahr, die hoffnung 
auf gold hat mich angetrieben, den grabhügel zu öffnen." 
Str. 20 s. 52. Z. 5 — 8 lauten in A: 

Saa eingi mic sitla 

syd fir biarn[ar] hydi. 

J)o kom ec idlar otra 

ut Itellis skutaa. 
Yarianten von bedeutimg: z. 5. sa at E. eingin {-en) bED. z. 6. fyr] 



SKALDENSTROPHEN 143 

hja /3bC. hiarnfw] -ar in A fast iinlesbar. z. 8. ut] ör fügen liss. 
ausser A richtig hinzu. 

J. P. bemerkt zur strophe, dass sie kaum richtig überliefert sein 
kann. In z. 5 und z. 7 fehlen die hendingar. In z. 7 ist ausserdem 
die Umschreibung idlar oira unverständlich. Auch der hiatus in z. 5 
wirkt störend. Es fällt auf, dass otra, welches in z. 7 metrisch unmög- 
lich scheint, mit sitja in z. 5 richtig reimen würde. Es scheint nicht 
unmöglich, dass das wort, etwa auf grund syntactischen Zusammenhangs 
aus z. 5 in z. 7 geraten ist. Setzen wir z. 5 den gen. sing, oirs statt 
des zweisilbigen gen. plur. otra ein, so ist statt sä engi zu lesen säiit, 
wodurch der hiatus zwischen zwei hebungen beseitigt ist. 

An der stelle, wo die handschriften otra haben, hat ein zweisil- 
biges wort gestanden. "Wahrscheinlich hat nicht bloss syntactischer 
zusammenbang, sondern auch graphische ähnlichkeit beider Wörter die 
änderimg bewirkt. Wir nehmen aus dem gründe an, dass die beiden 
letzten buchstaben des richtigen wertes, Avie von otra, ra sind. Der 
Stabreim beweist, dass das wort vocalisch anlautete. Die hending 
scheint nach dem vocal l zu verlangen; doch bleibt vielleicht noch eine 
andere möglichkeit übrig. 

Nehmen wir an, dass die worte '^otrs iillar ..ra* zusammen- 
gehören, und betracliten wir die übrigen werte der halbstrophe, so 
zeigt es sich, dass dieselben zwei vollständige sätze bilden. „Man hat 
mich abends spät nicht vor der höhle des baren sitzen gesehen; doch 
bin ich aus der höhle herausgekommen." Das bestätigt die annähme, 
dass jene drei Wörter zusammengehören, und zwar zeigt der Zusam- 
menhang, dass sie entweder die bedeutung eines vocativs haben müssen, 
mit dem Grettir seinen gegner anredet, oder die eines subjectes zum 
ersten satze. Also bilden sie eine Umschreibung eines mannes. Wo ist 
aber der nominativus? In otrs steckt er nicht; aber ebensowenig halte 
ich es für möglich, ihn in dem letzten worte ..ra zu suchen. Auch 
wenn sich ein vierbuchstabiges vocalisch anlautendes substantivnm auf 
-ra auffinden Hesse, welches in Umschreibungen für männer anwendbar 
wäre, wo soll man denn mit otrs iillar hin? „Wolle des otters", oder 
„Otter der wolle", als bestimmung etwa zu einem götternamen? Die 
einzig mögliche auffassung der Sachlage ist die, dass der nominativ in 
ullar steckt. In iillar haben wir den nom. plur des götternamens üllr 
zu suchen. Nun wird die kenning bald klar, otr kommt nämlich 
in Umschreibungen für gold in derselben bedeutung wie ormr, schlänge 
vor, z. b. otrs dijna, culcita lutrae (s. Lex. Poet. 634 b). Wir haben 
demnach in dem letzten worte einen namen für bett, grund oder etwas 

19* 



144 BOER 

ähnliches zu suchen; das richtige wort ist akra. otrs akr ist gold, 
dessen gott (ÜHr) ein mann. Dass der anlaut eines Wortes den schkiss 
der hending bildet — die den reim tragenden silben sind pök [vamk] : 
akrfaj — ist ja auch sonst mehrfach belegt. 

Str. (I), s. 179 nur in AE. Z. 5 — 8 lauten in A: 
gillr er hiarandi hancla 
hristav nordr en miste 
bioru bratt oh Gimar 
hadei' lif ok nader. 

Varianten von bedeutung: z. 5 gillr\ gidh. E, gaU ausg. 1858 und 
J. I*. z. 6 nordr en] vaprinn E, nadrinn ausg. und J. ^. Z. 7 hiorn] 
Hetz fügt E hinzu, let fügen ausg. u. J. I*. hinzu, oU Gimar] at 
gumnuin E. 8 hapi E. 

Jon I'orkelssons construction : Hristar7iaärinn gall, er Hjarandi 
misti handa, bädir, Björn ok Gunnarr, letfu) brätt lif ok nädir. 

Hristarnaärinn bedeutet nach J. f. ^^valkgrju ormr'-^ ; dazu bemerkt 
er: „« ad täkna sverd, enn er övanaleg sverdskenning^'' . Dazu kommt 
die anwendung des bestimmten artikels, welche um so unmöglicher ist, 
als den Substantiven die bestiramung Hristar vorangeht. Zieht mau 
nun in betracht, dass die lesart nadrinn gar nicht handschriftlich über- 
liefert ist, so erheben sich gegen diese Interpretation gewichtige bedenken. 
Ferner beruht auch die lesart gall in z. 5 auf conjectur oder fehlerhafter 
lesung, ebenso Ut in z. 7. Schliesslich ist z. 5 eine silbe zu lang (die 
zweite silbe von Hjarandi ist reimsilbe). Halten wir uns in bezug auf z. 7 
an E, so sieht es aus, als ob die werte Bjqrn Uz brdtt einen selb- 
ständigen satz bilden. Es ist auch ganz in der Ordnung, dass Grettir 
BJQrn, der ihn zuerst herausgefordert hatte, gesondert nennt, während 
von den beiden brüdern, welche ihn rächen wollten, in einem einzigen 
satz die rede ist. bddir in z. 8 scheint sich demnach auf Hjarandi 
und Gunnarr — nicht auf Björn und Gunnarr zu beziehen. 

Mit hristar nordr en (A) ist ebensowenig anzufangen als mit 
hristar vapritm (E). In z. 5 ist gillr durchaus unverständlich; hier 
aber ist die lesart von E heranzuziehen, gullz deutet auf eine Umschrei- 
bung eines mannes, deren hauptglied in hristar nordr e?i zu suchen 
ist. Man erwartet ein wort von der bedeutung „Spender" oder „zer- 
brecher" und braucht nach der richtigen lesart nicht lange mehr zu 
suchen. Das einzig mögliche ist hristimeidr en. In den beiden hss. 
A und E ist die Überlieferung entstellt; doch ist in A en noch richtig 
von dem vorhergehenden substantivum getrennt. 



SKALDENSTROPHEN 145 

giills hristimeictr, „bauni der das gold schüttelt, ausstreut", be- 
deutet einen mann, en setzt die erzählung fort. In z. 1 — 4 wurde 
mitgeteilt, dass Grettis scbwert oft nam shqimm sJdpia; man erwartet 
darauf mehr als ein abenteuer zu vernehmen. Das geschieht in der 
tat. Die beiden abenteuer werden in logisch coordinierten Sätzen mit- 
geteilt, den ersten leitet die conjunction pä ein; daran schliesst sich die 
zweite erzählung, welche syntaktisch mit en anhebt. Eine solche dic- 
tion ist mehr dem Inhalte gemäss als eine erneuerte erwähnung des 
sehwertes, welches ein für allemal in z. 2 genannt wurde. 

Ich streiche er in z. 5, halte mich in bezug auf z. 5. 6 und 7 an 
die lesarten von E, lese nur in z. 8 Ufs und nckta für l/f und näclir 
und construiere wie folgt; en HJarandi gulls hrisii>neict}\ misti hancla 
ok (seil, liann ok) Gunnarr hääir Ufs ok näda. Bjqrn lez hrcUt. 

In bezug auf das gegenseitige Verhältnis dieser beiden sätze liesse 
sieh die frage aufwerfen, ob nicht der letzte zuerst zu lesen ist; en 
würde in dem fall den ersteren satz an Bjqrn lex, hrdtt knüpfen. Dafür 
könnte man anführen, dass in der tat BJQrn derjenige der brüder Avar^ 
der zuerst getötet wurde. Etwas entscheidendes habe ich gegen diese 
auffassung nicht einzuwenden, doch scheint mir die betrachtung der 
Strophe als ganzes auf die oben ausgeführte deutung als die richtigere 
zu weisen. Freilich Avird in bezng auf diese kleinigkeit kaum jemals 
vollständige Sicherheit erreicht werden. 

Str. 66 s. 189 und 67 s. 189 — 90. Die beiden Strophen lauten 

^^ ^' fhitta ec upp ur eyiu 

w mett hofud Grettis 
pan (jra'tur ncda nauma 
naudug kar Rmidan. 
hier mattu gialfiws cm golfe 
grid hix, hofud Uta 
päd mun fagtvr lofs fridri 
fiina aUt neina sallte. 

Auf diese anrede des I'orbjurn onguU, der Grettis köpf mit sich führt, 

antwortet Asdis: 

Mundut eigi sidir en sauder 

syrur garfs fit' dgi'i 

Iwmid er nordiir od niordum 

ngtt siMup aa siaa hlaupa 

ef styr uider stceder 

stala freyr J eyni. 



146 BOER 

uerid hef ec lofs um lijde 
leit av smka?i GRCtti. 

Yarianten von bedeutung: in str. 66 z. 2 07nett C/3b, omellt D, olcttE. 
Z. 3 pat E. Z. 4 nmutuglig E {nauäug-ig AC^bD!), harravdaii E. 
Z. 5 munhi E, gialfuv CED. Z. 7 /r///?fi' fo/s AC, fagiiofs E, /r/^/r 
%s /?, /a(/?<r M-5 Db, fridri (fridri^ -e) AC/5b, frldiH^ fn'Jnmi E. 
Z. 8 ^aZ/;!?'^ E, sal(l)ter Cb, s«/^ er ^, sie salltat D. In str. 67 z. 1 
Muntu E, mmidu ßh. sldiir (sij)r) C^bED. Z. 2 s?/rar graaps C, 
/^nV ^«rj95 D, syragarps E, s_?/r (/ar/js ("-^^j ^b, syrgarpr ausg. 1853 
und J. I*. z. 3 norär] mordz ßh^ od] at (cid) hss. ausser A. morduni D, 
modum ßh. Z. 4 /i^/i"/] w??Y^ /3b, 72a?/j:> D. slmup] sh'p D. Z. 5 5i^;^r 
uider (-ir) AC, s/or nriderU^ styrviär ßh^ stinnvipirE. staMYiT)^ 
hefdi stadit ßh. Z. 6 eyjii C/ibD, eyru E. Z. 7 uered] iierd D, «^ E, 
/a-efW^ J. f. Äe/f/ß /3b. Z. 8 leit(i) AED] ^c7^ C, Z/ß/^ /ib. GreitirE. 
Die erste halbstrophe von str. 66 besteht aus zwei Sätzen, welche 
je eine viertelstrophe enthalten. In z. 4 wurde schon in der älteren 
ausgäbe mit C nauduglig gelesen. Z. 2 ömett ist nicht ohne bedenk- 
lichkeit; der vorwarf der gefrässigkeit ist Grettir gegenüber w^enig zu- 
treffend. J. I*. nimmt die möglichkeit an, dass 6UU (E) das richtige 
ist. Dagegen scheinen metrische gründe zu sprechen, da die zeile eine 
adalhending verlangt; vgl. aber str. 67, 8: Utt — Gretti. Die zeile 
scheint zu beweisen, dass der dichter dieser beiden Strophen an e — e 
in der adalhending keinen anstoss nahm. 

Z. 7 liest J. I*. im anschluss an die ältere ausgäbe Fridi, w^as er 
für eine nebenform von Fridr hält, gjälfrs fagrlogs Fridi, „göttin der 
schönen meeresflanune" wäre ein w^ib. In einem mir zugesandten 
exemplare der Sk^ringar bemerkt der Verfasser, dass Fridi eher als 
dativus incommodi denn als vocativus zu verstehen ist. Übrigens fehlt 
in z. 7 die hending, welche J. I*. dadurch widerherstellt, dass er ])aä 
liest für pat. 

Abgesehen von dieser metrischen Schwierigkeit, welche durch die 
änderung pai] p>ad kaum gelöst wird, macht auch der Inhalt der hal- 
ben Strophe einen ausserordentlich faden eindruck. Famentlich fällt 
die bemerkung auf, Grettis köpf werde ganz und gar verfaulen, (J)at 
mun füna alt nema saltit). Denn der köpf hat schon den winter 
über im salze gelegen, also ist er entweder schon verfault, oder das 
salz wirkt conservirend, und dann wird er auch nachher nicht verfaulen. 
Das hat auch abschreiber veranlasst zu schreiben: ncnm saltir, „wenn 
du ihn nicht in salz legst". ]S"och eine andere erwägung, welche sich 



SKALDENSTROPHEX 147 

aus der betrachtung der str. 67 ergeben wird, nötigt uns, die stroplie 
auf eine andere weise aufzufassen. 

In z. 7, wo die ausg. und J. ^. mit ß facjr logs lesen, haben 
die liss. ACE fagr lofs. Es ist sehr denkbar, dass der genitiv lofs 
irrtümlich geschrieben wurde, dass ein abschreiber in dem werte ein giied 
einer kenning sah, deren hauptgiied das unmittelbar folgende wort, wel- 
ches als friäi, friärl überliefert ist, war. Ich glaube, dass fag?' lof 
das richtige ist. In friM aber steckt ein fehler. Wenn die zeile im 
übrigen richtig überliefert ist, muss aus metrischen gründen statt des 
(t ein anderer consonant, und zwar entAveder t oder g gelesen werden. 
Ich glaube, dass g richtig ist und lese fcegri, „poliatori", vgl. Korm. 
saga str. 74 ^ fccger Fjqlnis veigar. Dazu gehört eine bestimmung, 
welche mit dem worte eine Umschreibung eines maunes bildet. Die- 
selbe scheint in gjälfrs zu suchen zu sein. 

Wir gewinnen auf diese weise eine teilung der halbstrophe in 
zwei Sätze, welche von der bisher augenommeueu ziemlich stark abweicht. 
Der hauptsatz ist: Her matt Uta hqfuä griäbUs *ftüia *alt nema sal- 
tit. Es leuchtet ein, dass statt füna füit „verfault", zu lesen ist. 
Der Infinitiv wurde an die stelle des adjectivs geschrieben, als man 
die verse nicht mehr verstand; füit wurde zu mun in beziehung ge- 
setzt. Für saltit wird ferner mit D saltat zu lesen sein. torbJQrn 
sagt: „der köpf wäre gänzlich verfault, wenn er nicht eingesalzen 
wäre". 

Der nebensatz lautet: ])at mnn fagr lof fcegi gjälfrs. Der gedanke 
ist klar, „das wird mir zu rühm gedeihen" (denn ich habe ihn getötet). 
Nur die Umschreibung gjälfrs fcegir ist nicht ganz verständlich, gjälfr 
bedeutet „lärm" imd „mer"; in Umschreibungen für poesie begegnet 
das wort öfter; doch scheint es mir gewagt, anzunehmen, dass es so 
ohne weiteres „poesie" bedeuten könnte; vielleicht ist die Überlieferung 
verderbt. Statt gjälfrs könnte man annehmen galdrs, obgleich die hen- 
diug dadurch weniger genau Avird; doch begegnen dergleiclien reime 
sehr oft, auch in der Gr. s. (vgl. z. b. in der folgenden strophe z. 1: 
siär — saudir; str. 5, 3: fähr ■ — rild ; str. 8, 4: herk — J/verri; 
str. 14, 5: dagverctar — darra; z. 7: tysvar — iicsja). Wie es sich 
aber mit gjälfrs verhalten möge, jedesfalls wird die richtigkeit meiner 
auffassung der halbstrophe durch die folgende strophe bestätigt. Denn 
dort antwortet Äsdis mit einer anspielung auf forbjc^jrns anrede, for- 
bjqm sagt: pat mun (mer) fagr lof; an derselben stelle (z. 7) der 
folgenden strophe sagt Äsdls: kvedit kefk lof um lydi lett. Diese worte 
erhalten ihre bedeutung dadurch, dass sie eine antwort sind auf for- 



148 ' BOER 

bJQrns selbstlob. Sie beweisen auf jeden fall, dass str. 66, 7 fagr lop 
nicht fagr log(s) zu lesen ist. 

Doch gebe ich die möglichkeit zu, dass galdrs in z. 5 nicht das 
richtige trifft. 

In bezug auf str. 67 ist das folgende zu bemerken. Z. 1 eigi 
wird mit recht von J. I'. im anschluss an die ältere ausgäbe gestrichen ; 
die negation ist in viwidut enthalten. Dazu gehört als subject ein 
Substantiv in der mehrzahl. Da dasselbe in der ersten halbstrophe 
nicht begegnet, suppliert J. I*. es aus z. 5 : styrviäir. Zwar ist die 
construction möglich, aber beliebt ist sie nicht; auch dürfte eine weni- 
ger ehrenvolle bezeichnuug torbJQrns und seiner freunde am platze 
sein. Für z. 2 syrur garfs (vgl. var.) lesen ausg. und J. 1*. syrgarpr 
„gyltukappi", in der tat das einzige wort, Avelches ohne von dem laut- 
bilde der Überlieferang zu sehr abzuweichen einen verständlichen sinn 
gibt. Doch wird die hinlängliclie silbenzahl dadurch erreicht, dass nach 
syrgar2Jr fyrir zweisilbig gelesen wird. Wahrscheinlich kommt es mir 
vor, dass die ältere form fyr widerherzustellen und statt syrgarp?^ der 
nom. plur, syrgarpar zu lesen sein wird. Das wort bildet das subject 
zu mundu, und die verse enthalten eine ausgearbeitete vergleichung: 
syrgarpar mundut sidr (seil, fyr Greüi) d sce Jilaupa en saiiäir fyr 
dyri, wenn Grettir gesund gewesen wäre. Die vergleichung mit Scha- 
fen, welche vor einem raubtiere flüchten, beweist wol, dass an dieser 
stelle Grettir feinde nicht styrvidir „kämpfer" genannt werden konn- 
ten. Der gedanke wird in z. 5 — 8 fortgesetzt, doch gehe ich darauf 
nicht ein und verweise auf J. f. Aber der zwdschensatz z. 2 — 3 bie- 
tet eine Schwierigkeit, homit er iwrär at Njqrdiim nyU slmup wdrd 
Übersetzt: „«// sviviräing liefir lient mcnn ä nordlandi'''' . Njqrdr aber 
ist der name eines gottes, also eine hälfkenning und aus dem grund 
verdächtig. Man versteht auch nicht, aus welchem grund Äsdis von 
„neuer schände" spricht; die schände kommt im gegenteil zum ersten 
mal über die Nordlendingar. Die richtige lesart wird nadds sein: 
nadds Njqrdr, „gott des pfeiles", „mann'^ Z. 1 — 4 sind demzufolge 
auf die folgende weise zu lesen: 

Mundut sidr en sauäir 
syrgarpar fyr dyri 
— Ixomit er norär at 'Njqrd'imi 
nadds skaup — ä sce lilaupa, 
ef styrvidir staäi Oretti ösjükan i eyjii. 



SKALDE-N'STROPHEN 149 

II. 

Zur Föstbrcedra saga. 

Benutzt wurde das folgende material: 1. F6stbrü3dra saga ved 
Konrad Gislason. Kjobenhavn 1852. Darin AM 132 fol. {3[). AM 
566 B 40 (m), abschritt von 31. AM 544 4« {H). 2. Der text der 
Flateyjarbök (F). 

Für // (= Hauksbok) wurde der 1892 — 96 erschienene diploma- 
tische abdruck der Haiiksbuk und Finnur Jonssons erklärungen z. st. 
verglichen. 

Gisl. s. 10. Fiat. II s. 96. Xur in mF. 
Z. 5 — 8 lauten in niF: 

efnd tuk Hdvars Itefnclar 
hafstöäs pd er var Modi 
kann vard hopp at vinna 
hvelr 15 vetm. 
Yarianten in F: z. 7 vard] hlaut. Z. 8 hratr. Z. 8 ist eine silbe 
zu kurz. Gislason (Njala II, 121) schlägt zweifelnd vor zu lesen: hvetr 
ok 15 vetra, „und das (nur) 15 jähre alt". Doch vermutet er einen 
tiefer liegenden fehler 1. Das richtige scheint zu sein Äe/y'a (bezeichnung 
eines starken menschen, u. a. von I'orr). Das wort ist subject zu pd 
er var 15 vetra, während hafstods Modi zu tök efnd hefndar gehört. 

Gisl. s. 22. Nur in M. Z. 1 — 4 werden von Gislason auf die 
folgende weise gelesen: 

Vel dugir verk at telja 
[vdpna kreggs] firir aeggjiim 
(opt flygr geirr frd gunni) 
fgjod] Butralda [hljoda] 
d. h. Vel dugir Butralda at telja verk (oder: at telja verk Butralda] 
firir seggjum. opt fhjgr geirr frd gujini. vdpna lireggs gjöd Jtljöda. 

Gegen diese Interpretation spricht: 1. Butraldi kann keine taten 
mehr erzählen, denn er ist tot. Yon den taten des Butraldi soll auch 
nicht die rede sein, sondern von forgeirs taten. 2. die geschosse im 
kämpfe werden nur ausnahmsweise von walküreu geworfen; man erwar- 
tet anstatt gunni die bezeichnung eines mannes. 3. ein neutrum gjöd 

[1) lu den Aarb. 1879 s. 160 fg. hat Gislason die stelle noch einmal behandelt 
und spricht hier die Vermutung aus, dass I'ormödr statt fivifdu eine ältere form 
fimtian gebraucht habe (vgl. sjaiäjän, ätjdn, nitjän). Diese hypothese wird dadurch 
sehr wahrscheinlich, dass Gislason noch eine 2. verszeile desselben dichters (Föstbr. 
76^'') beibring-t, die ebenfalls durch die äuderung von -tan in -tiun auf das regel- 
mässige mass von G silben gebracht wurde: reygs prcttän seggja. H. G.l 



150 BOER 

existiert nicht; nur ein masculiniim gjöär „avis species". {vdpna Jireggs 
gjöär^ „vogel des kampfes", adler oder rabe). gjöä hljöäa ist daher mon- 
strös; entweder muss man lesen gjöäar, was das metrum nicht gestat- 
tet, oder das wort ist nicht siibject zu hijuäa. Gegen die Überlieferung 
zeugt ferner das felilen der hendiug in z. 3. 

Ich glaube, dass gjöä ein Schreibfehler für gjöäs ist, verbinde 
väpna Iircggs gjöäs mit dem substantivum, welches in z. 3 als gunni 
überliefert ist, und lese dafür grenni (in der vorläge geschrieben g'nni) 
„Fütterer des raben" ist eine Umschreibung für „mann". 

Von dem manne flygr oj)t geirr. Dass in gern' ein fehler steckt, 
beweist wie gesagt das fehlen der hending. Zu bemerken ist auch, 
dass l'orgeirr Butraldi nicht mit einem Speere, sondern mit einem bell 
getötet hatte. Prof. Gering macht mich darauf aufmerksam, dass in 
den nafuapulur der Sn. E. (I, 569) unter den bezeichnungen der axt 
das wort ge)ija begegnet, Avelches den anforderungen der silben- wie 
denen des buchstabenreims entsprechen würde. AVenn man annehmen 
dürfte, dass das seltene wort durch ein allgemein bekanntes (geirr) ersetzt 
worden ist und dass infolge dessen die zeile, um die nötige silbeuzahl 
widerherzustellen, weitere änderimgen erfuhr, so könnte man als ur- 
sprüngliche lesart etwa yermuten: genja flö frä grenni. 

Es bleibt übrig: Vel dtigir rerk cd telja firir seggjion. Bittredda 
*Jdjöäa*. Nur die beiden letzten werte bereiten Schwierigkeiten. Dass 
Bidrcdda ebensowenig dativ zu dugir Avie genetiv zu rerk sein kann, 
leuchtet ein. Es bliebe also nur noch die möglichkeit, es mit *hljöäa* 
zu verbinden. Entweder gehören die beiden Wörter zum hauptsatze, 
oder sie bilden einen satz für sich. Im ersteren falle können sie kaum 
etwas anderes sein als eine Umschreibung des mannes, dem es geziemt 
verk cd telja. In ^Jdjöäa* wäre dann ein Substantiv zu suchen, aber 
ein mit h anlautendes wort, das eine hending zu gjöp enthält und 
„mörder" bedeutet, scheint nicht zu existieren. Es bleibt demnach nur die 
annähme übrig, dass in *Jdjöäa* eine verbalform steckt; — die strophe 
ist, wie z. 5 — 8 ausweisen, l'orgeirr in den mund gelegt, — und dass 
forgeirr gesagt habe: Bidrcdda Jdöäicm, „ich habe B getötet". Nach- 
dem irrtümlich Jdjöctmn geschrieben war, wurde später hljödutn in 
hljöäa geändert. 

Im anschluss an das erörterte wäre zu lesen: 
Vel dugir verk at telja 
(väpna hreggs), fyr seggjun 
(genja flö frä grenni 
gjöäs) — Bidrcdda hlöäuyn — . 



SKALDENSTROPHEN 151 

Gisl. s. 29. Nur iu 21. Z. 5 — 8: 

Sjärolcnum red sceldr 

svcims (fräla ek pat; heiina 

opt vann auäar skiptir 

erring) i liaf hierri. 
Z. 6. frdka ek pat „ich habe es nicht vernommen". Aber der 
dichter hat es richtig vernommen, sonst könnte er es nicht berichten 
Zu lesen ist: frdk pat. Die törichte änderuug wurde vorgenommen, 
um der zeile die notwendige silbenzahl zu geben, nachdem sveiina, 
was widerherzustollen ist, in sveims geändert war. 

Ferner ist in z. 6 heivmn für heima zu lesen. Im zusammen- 
hange des Satzes: opt ranit auctar skiptir erring ist heima sehr an- 
stössig, denn I^orgeirr kämpft, wo er hin kommt, nicht bloss daheim ^ 
Aber, Avie die prosa erzählt, reist er sechsmal (7 muss auf grund 
der sti'ophe natürlich in 6 geändert werden): af Islamli\ das wird 
in der strophe durch heCtan wie durch heiman angedeutet. Also: 

Sceroknuiri red scpkir 

sveinia (frdk pat) heiman 

[opt vann auctar skijjtir 

erring] i haf knerri. 

Gisl. s. 42. Fiat. II, 156. Hauksb. s. 373. Z. 7 — 8 fehlen 
in F. Z. 5 — 8 lauten bei Gisl. s. 66: 

Varä eggjadr par priggja 
poi'geirr d hvöt meiri 
(Jeygs hefl ek sllkt frd sceki 
sannspurt) bani manna. 
Varianten z. 1 Varä] vnä- M. par] Jja M. beGia M. Z. 2 d hvöt] huctu F. 
Z. 3 legks M. sUks M. 

Egilsson schliesst sich dieser auffassung an, nach welcher zu con- 
struieren ist: porgeirr eggjaär d meiri hvqt varä par bani priggja 
manna, ek hefi sa)inspurt slikt frd scvki leygs. 

Aber die kenning leggs sceki r ist sehr bedenklich-; auch Finnur 
Jönsson in Hauksb. nimmt daran austoss und ändert slikt (var. sliks) 

1) Es hiesse wol einen sinn in die verse hineininterpretieren, wenn jemand 
übersetzen wollte: „torgeirr ging sechsmal auf das schiff, weil er daheim keinen frie- 
den hatte." Zwar ist er sekr, aber deswegen bleibt er von Island nicbt fort, sondern 
er kehrt jeden zweiten winter heim. Dazu kommt, dass erring nicbt gleichbedeutend 
ist mit seh-ä, sondern „kämpf" bedeutet; und kämpf scheut f'orgeirr am wenigsten. 

2) Egilsson gibt für leijgr die folgenden bedeutungen an: 1. mare, 2. ignis, 
3. gladius. „Erwerber des Schwertes" wäre eine Umschreibung für „mann". Eür 



152 BOER 

in siks, genitiv zu sik, „kanal". siks Icygs sceJdr, „erwerber des goldes" 
(leygr = feuer), „mann". Doch wird eine andere Schwierigkeit durch 
Jönssons erklärung nicht beseitigt, cggjaär ä hvqt meiri soll bedeuten: 
ophidset tu en storre däd. Aber von dieser construction ist, soviel ich 
weiss, kein zweites beispiel überliefert. Das, wozu man jemand auf- 
hetzt, wird entweder durch den genitiv oder durch tu angedeutet, ä 
bei cggja deutet die person an, welche aufgehetzt wird und wechselt 
mit dem accusativ. eggja einhvern ä hvqt scheint demnach unmöglich. 
Darauf beruht vielleicht der unglückliche besserungsversuch des Schrei- 
bers der Flateyjarbok, Ich suche den fehler der Überlieferung nicht in 
sUld, sondern in eggjaär, wofür ich eggja vermute. Der fehler konnte 
um so leichter entstehen, als unmittelbar darauf Jmr folgte; eggja par 
konnte als eggjadr gehört werden ; später wurde dann par noch einmal 
hinzugefügt. 

In z. 7 hat M nicht leygs, sondern leyks. Das kann eine Schrei- 
bung für leiks sein, eggja leiks ist eine bekannte Umschreibung für 
kämpf; eggja leiks scekir, ein mann. 

ä in z. 2 fasse ich als eine verbalform auf; der satz porgeirr d 
hvqt meiri bedeutet: Porgeirr hat grössere kühnheit (zu supplieren ist: 
als die drei männer, welche er getötet hat). 

Beispiele für die bedeutung „kühnheit" (alacritas, strenuitas, for- 
titudo) im Lex. poet. s. v. hvöt. — e/'ga hvqt wie eiga möd; ck d frö- 
äan sefa; eiga hjaria usw. 

Ich construiere die halbe strophe: 

Vard [eggja] par priggja 
(porgeirr d hvqt meiri) 
[leiks he[k slikt [rd sceld 
sayinsinirt] bani manna. 
„Er tötete dort drei männer; das habe ich der Wahrheit gemäss vom 
kämpfer gehört. Porgeirr hat grössere kühnheit." 

Gisl. s. 53. 73 — 74. Hauksb. s. 380. Nur in niH. 

die bedeutung gladius wird jedoch neben dieser nur noch eine stelle angeführt, näm- 
lich Su. E. I, 408: hqrr leygs gqtu ginnvita gnqjs^ was erklärt wird: leygs gata, 
sonita gladii = vulnus. l. gntu ginnviti., i')igens ignis ritlneris, gla- 
dius. l. g. ginnvita grdp, j}rocella gladii, ptigna, l. g. g. gräiis bqrr, pugna- 
tor. Aber statt des lina'^ leyo^dvov ginnviti haben die hss. Wa das auch sonst 
belegte gunnviti, ignis bellonae, gladius. Das ist ohne zweifei richtig; ich con- 
struiere daher: leggr gqtu gwmvifa, ignis semitae gladii, ignis vulneris, 
gladius. Hier bedeutet also leygr ignis, nicht gladius. 



SKALDENSTROPHEN 153 

Z. 5 — 8 lauten nach Gisl. in m: 

Aldi tekr seggr enn snialli 
sannleiks fripar mannt 
fliorz pa er fyrdar nyta 
füll mceli reä tccla. 

Varianten in H: z. 5 allt. Z. 6 sanlavgs. mounum. Z. 7 fliot. 
Z. 8 fvllmcdi. 

Gislason s. 74 schreibt z. 8 reäii. Er nimmt also an, dass fyräar 
das subject ist. Dadurch wird aber die zeile siebensilbig. Ebenso Egilsson 
(s. V. sannleyg)% der den text in GhM II, 289 zu gründe legt; dieser 
fasst ferner leygs fijöts (conj. für fliot, fliorz) 7iytr als eine Umschrei- 
bung für „mann" auf {nytr adj. als subst). Nach dieser auffassung 
■wäre zu construieren: Enn snjalU segg?' tekr manni (mannum?) qll 
fullmceli griäar, pcl er fyräar reäu tala sanleggs fijöts nyta. Bei die- 
ser Interpretation ist der dativ manjii (oder mannum ohne umlaut?) 
ganz unverständlich. Es kommt hinzu, dass nytr als subst. nicht ohne 
bedenklichkeit ist, und wie tekr übersetzt werden niuss, ist nicht 
ganz klar. 

Fimiur Jönsson (Hauksbök s. 380) trennt sannleygs; für sann liest 
er sqnn^i das er als prädicative bestimmung zu fulhmeU auffasst. En 
snjalli seggr tök (conjectur für tekr) mqnnurn qll fullmceli friü.ar sqyin, 
„hielt alle Versicherungen für aufrichtig". Ferner conjiciert er fergir 
für fyräar; fijöts leygs fergir, „ein mann", d. h. I'orgrlmr; dieser reä 
t(da nytan „betrog den beiden (I*orgeirr)". 

Bedenken gegen diese an sich sinnreiche erklärung erregt jedoch 
1. die bezeichnung eines beiden durch das einfache adjectiv nytr in 
der bestimmten form, 2. der inlialt der erzählung. Derjenige, welcher 
den andern betrügt, ist an dieser stelle nicht porgrimr, sondern poi'- 
geirr. porgeirr betrügt porgrimr und dessen genossen, indem er 
mit ihnen ein friedensbündnis schliesst, ohne dass er ihnen vorher 
erzählt hat, dass er ibren verwandten Gautr getötet hat^ Man erwar- 
tet, dass die Strophe das mitteilen werde. Auch z. 1 — 4 preisen die 
Schlauheit Porgeirs, der gegen Übermacht zu kämpfen keine lust hat. 

1) Man könnte vermuten , dass die werte pd er . . . reä tcela auf den späteren 
friedensbruch anspielen. Aber als die griä bestimmt wurden, hatte I'orgrimr noch 
nicht die absieht, den frieden zu brechen; dazu entschliesst er sich erst, nachdem 
er vernommen hat, dass er betrogen worden ist. Von einem absichtlichen falschen 
versprechen seinerseits kann daher in der strophe die rede nicht sein. 



154 BOER 

Die bisherigen erklärer der stroplie haben ausnahmslos 7iyta (ny- 
tan) als adjectiv aufgefasst. Ich glaube, dass in nyta ein Infinitiv ver- 
borgen ist, der von tök (Jönssons conjectur für tekr) abhängig ist, und 
dass fyrctar in fynfa geändert werden muss. Dann wäre zu con- 
struieren: en7i snjalli seggr tök *nyta* qll frklar fullmadi, Jxi er . . . 

reä tcela fyräa. 

Die Wörter, für welche räum freigelassen wurde, bilden das sub- 
ject zu Ted und können nur eine Umschreibung eines mannes enthalten. 
Sie lauten in der Überlieferung: manni (monnum) sannleyks (saulavgs) 
ßiorz (fliot). Das zweite wort kann in diesem Zusammenhang nur in 
Übereinstimmung mit Gislason und Lex. poet. aufgefasst werden als ein 
genitiv zu sannleygr, verus ignis. Ein dativ hat in diesem Zusam- 
menhang keinen sinn; manni (oder monnum) steht an der stelle eines 
Avortes, welches entAveder nominativ oder genitiv war; im letzteren falle 
hat es wahrscheinlich mit sannlcygs eine Umschreibung für gold gebil- 
det; das raetrum fordert in der ersten silbe dieses wortes die lautver- 
bindung ann:, die richtige lesart hranna ergibt sich von selbst; hranna 
sannleygr, versus ignis undarum ist „gold". Für fliorz (flioi) ver- 
mute ich ferner iijotr. „geniesser des goldes", mann. Freilich verlangt 
der Stabreim zwei silben, welche mit f anlauten. Aber für nyta wird 
flyta zu lesen sein, der typische ausdruck für die mühe, welche man 
sich gibt um eine sache zu stände zu bringen, und jedesfalls das ein- 
zige wort, welches an unserer stelle einen vernünftigen sinn gibt. 

Man kann sich vorstellen, dass der fehler in z. 7 auf die folgende 
weise entstanden ist. Im anschluss an iijötr wurde anstatt flyta nyta 
geschrieben (fehlerhafte auffassung des Stabreims). Ein abschreiber sah, 
dass der reim nicht zweimal n^ sondern zweimal /" forderte und berich- 
tigte den fehler auf seine weise; er schrieb: /Ijötr; das wurde zu s««;^.- 
leygs in syntactische Verbindung gesetzt; so entstand fljots^ wovon die 
lesarten der hss. wider entstellungen zu sein scheinen. Doch lässt sich 
der Vorgang auch auf andere w^eise erklären. Ich hebe hervor, dass 
die emendation: fliorz — nyta zu 7?jötr — flyta weniger gewalttätig 
ist als die von fyntar zu fergir. 

Nach meiner ansieht ist die halbe strophe zu lesen: 

Oll tök seggr enn snjalli 

sannleygs, friäar, hranna 

njötr, pds fyräa, flyta 

fidlmceli, reä tcela. 
„Der beredte mann (I'orgeirr) brachte einen vergleich zu stand, aber 



SKALDEN'STROPHEN 155 

er betrog dadurch die männer (buchstäblich: „während der geuiesser 
des goldes die männer beti'og")". 

Gisl. s. 55 2. Str. 75 2. str. Hauksb. s. 382. Nur in mH. 
Z. 1 — 2 kenthefir fiorr (fiorv m) live frcendum folkheitir (folk Jineitiv 
m) skal veita. 

föJkbeitir wird von Egilsson erklärt als: incitans militum, 
pugnator, vir, und die bedeutungen von beita lassen diese erklärung 
als die natürliche erscheinen. Doch ist fiorr (fiorij nicht zu erklären. 
Deshalb liest Finnur Jönsson a. a. o. fj(irs und construiert folk - fjqrs - 
heitir, „mand-livs-beder" {beita, bede, fange). Möglich scheint mir 
das, aber nicht notwendig, und in einer Strophe so einfachen stiles 
sehr unnatürlich. Würde niclit die lesart fjqriun, auf welche fiorv 
der hs. m weist, den vorzug verdienen? kent hefr fjqruni usw., „er 
hat den leuten gezeigt". 

Gisl. s. 56 — 57. 76. Hauksb. s. 384. Nur in m H. 
Finnur Jönsson hat die strophe der hauptsache nach richtig ge- 
deutet. Doch ist die Überlieferung von z. 3 — 4 

sd vas rcekjandi enn riki 

reggs XIII seggja 
gewiss nicht fehlerlos. Namentlich z. 3 ist zu lang, während z, 4 nur 
fünf Silben enthält. In z. 3 ist statt rcpkjandi rcekir zu lesen. Ob auch 
sd gestrichen werden muss, entscheide ich nicht. Sds (praesens) für 
sd vas dürfte kaum das richtige treffen. Z. 4 best Finnur Jönsson [mit 
K Gislason, Aarb. 1879 s. 160] pretian (dreisilbig), was mit rücksicht 
auf das unsichere alter der strophe nicht ohne bedenken ist. Wahr- 
scheinlicher ist wol reggja für reggs. [Vgl. jedoch oben s. 1 49 anm. H. G.]. 

Gisl. s. 90 — 91. Fiat. s. 212, vierte Str. Hauksb. s. 397. Nur 
in FH. Z. 5 — 8 lauten in F: 

gnypolU let ek giaUa 
gert kefig firir mer suortum 
mceirr hefnde po peirra 
porgcptrs i/hiir flceire. 
In H sind z. 7 — 8 vor z. 5 — 6 gestellt. Dazu kommen die folgenden 
Varianten: z. 6 giort hefi ek fgrri mik svartan. Z. 7 liefni. 

Finnur Jönsson erklärt die halbstrophe nicht; er nimmt an, 
dass sie sehr verderbt ist. 

Den in den meisten fällen schlechteren text lege ich zu gründe, 
weil er, wie sich zeigen wird, die richtige reihenfolge der Zeilen hat. 



156 BOER 

Unter den lesarten von F fällt sofort auf z. 6 suortimi, wo H svartan 
hat. Dass svqrtum richtig ist, beweist die hending (statt gert ist zu 
lesen gqrt). svqrtum ist adjectiv zu gnypolli, welches ein teil einer 
Umschreibung für „mann" ist. gnyr' bedeutet „lärm" ; dazu erwartet 
man ein wort, Avelches zusammen mit gnyr „kämpf" bedeutet; vgl. gny- 
stafr lijnrva. Die ganze kenning bildet das logische object zu Utk 
gjalla (seil, hqgg)^ „ictum inflixi", wie Egilsson richtig übersetzt. 
svqrtum bezieht sich also nicht, wie Finnur Jönsson vermutet, auf |)ör- 
mödr selbst, der die strophe spricht, sondern auf I'orgrimr Tr^lla, den 
er getötet hat; vgl. die erste strophe auf s. 90 (Fiat. s. 212 1. str.), wo 
es heisst: ef hrcggboäa hqggit hefk vart i skqr svarta nadda borcts. 

An den gedanken der z. 5 schliesst sich z. 6 gqrt hefk fyr mik, 
„ich habe das meinige getan." Man erwartet nun den gedanken :„ wenn 
mehr getan werden soll, so mögen andere es tun." Es ist die rede 
von der räche für I?*orgeirr; es sind also seine freunde, denen diese 
pflicht obliegt. Das sagen z. 7 — 8 in der tat aus: porgeirs vhiir fleiri 
hefid J)u itieirr. Unerklärt bleibt Jicira. haus wäre denkbar, da von 
forgeirr die rede ist, doch passt das wort nicht in die zeile hinein. 
In peira steckt das wort, welches die kenning, deren wichtigstes glied 
gnypollr ist, vervollständigt. Das wort ist porna (dadurch wird auch 
die skothending widerhergestellt). J)orn bedeutet u. a. spiculum, ja- 
culum, vgl. J)orna porn, arbor jaculorum, vir. porna gnyjwllr, 
arbor strepitus jaculorum, vir. Die halbe strophe ist demnach zu 

^®^®^"^- Onypolli Utk gjalla 

(gqrt hefk fyr mik) si^qrtum 

fMeir hefni p6] porna 

fporgeirs vinir fleiri] 
„Dem schwarzgelockten bäum des kampfes gab ich einen schlag; 
das meinige habe ich getan; mögen l'orgeirs übrige freunde ihn mehr 
rächen." 

Gisl. s. 110. Fiat. II, 363 — 64. Hauksb. 414. Nur in FH. 
A ser, at ver vdrimi 
vigreifr yned Oleifi 
(sär fekk ek) heldr (at hvdru.) 
hvitings (ok friä litinn) 
Var, z. 2 uigraifir F. Z. 3 ek] fehlt F. heldr in den hss. helldr ge- 
sehrieben. 

Die Satzteilung ist bei Gislason und Finnur Jönsson dieselbe. 
Unverständlich ist hvitings] Jönsson verbindet das wort mit lieldr, 



SKALDENSTEOPHEN 157 

wofür er Hildr liest; clea poculi = femina (eine frau wird ange- 
redet). Ich stimme ihm darin bei, dass der name einer göttin suppliert 
werden muss, aber ich glaube nicht, dass er in helldr zu suchen ist. 
Überaus auffällig ist in z. 2 das singular vigreifr nach dem plural ver 
värum (auch der Schreiber von F hat daran anstoss genommen); das 
metrum verlangt aber ein zweisilbiges wort; und da I'ormödr von sich 
selbst allein redet, ist vigreifr nicht absolut zu verwerfen. Aber man 
möchte wünschen, dass die mehrzahl des subjects nicht so stark betont 
wäre, wie das hier der fall ist, nicht nur durch das pronomen ver, 
sondern aucii durch die alliteration; ver und värum sind beide reim- 
stäbe. Ich glaube, dass zu lesen ist: 

A ser, Vqr at värum 

vigreifr meä Oleifi usw. 
Vqr ist eine asynje; Vqr JtvUings, dea poculi, femina. 

Scheinbar entsteht auf diese weise in z. 1 adalhending. Dazu ist 
zu bemerken, 1. dass davon in den Strophen der Fostbr. s. mehrere 
beispiele begegnen, 2. dass — falls die strophe echt ist, über welche 
frage ich mich an dieser stelle nicht äussere — man vielleicht anneh- 
men dürfte, dass zur zeit, wo sie gedichtet wurde, der umlaut in 
värum noch nicht durchgedrungen war. 

III. 
Zur (xuiiiilaiigs saga Ormstuiigu. 

Str. 7. Isl. s. II, 233. Jon I'orkelsson s. 20. 

Z. 1. Segit er frä jarli. Die zeile hat eine silbe zu wenig. Das 
pronomen er, welchem jeder satzton fehlt, ist träger der aUiteration. 
Der Zusammenhang- zeigt, dass Gunnlaugr nicht nur das urteil der 
männer constatiert, sondern in gewisser hinsieht es billigt (vgl. Jon 
Porkelssons erklärung der strophe). Ich lese also: 

Vel segid er frä jarli 
Vel und Jarl sind die studlar. 

Str. 11. Isl. s. 251 — 52. J. ?. 28 — 29. 
Z. 5 — 8. l/tt sä höldr hiiui hviti 
hjörpegs, fadir meyjar, 
gefin var Eir tel aiira 
üng, vid minni tüngu. 
Var. z. 5 höldr] heidr (heydr) A2, 3m, 4, 5. Z. 6 hjörpeyrs AI, 
hjürspey A 2 , 3m, 4 — 6 ; hjörleiks ß C. 8 migs B C. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXXI. 11 



158 BOER 

Jon I'orkelsson ändert hölclr in Höär und verbindet den namen 
mit hjörßeys. ^Jijorpeyr, sve7'ctvindr, hardagi; Höär, einn af Jsiim^ 
hjerpeys Hödr, vig-dss, m (d. h. madr).'-^ Z. 8 liest er mit BC ungs 
und vermutet „ar? ungs se eignarfall af nafnordi sem i nefnifalli 
Jiafi verid a?i?iadhvori icng, hvk., eda ungr, k k. = l. unio, perla, 
eda = f7\ oignon, e. onion (1. unio), lauk?:^'' Also JSi?' ungs (wie 
lauka lind in str. 10). Auf Mogk's deutungsversuch, der anzunehmen 
scheint, dass Eir ohne weiteres „mädchen" bedeuten kann, gehe ich 
nicht ein. 

Gegen Jon forkelssons deutung ist nur einzuwenden, dass ung 
(oder imgr) perla (oder laukr) nicht belegt ist. Die lesart der hss. BC 
kann zwar ursprünglich sein, sieht aber wie eine der von J. ^. vor- 
geschlagenen ähnliche conjectur aus. Ausserdem ist J. f. genötigt, in z. 5 
hqldr zu emendieren. Ich glaube, dass der fehler in h/jörpeys steckt, und 
lese hor7ipeys, was ich mit Eir verbinde; hqldr bleibt; ung ist adjectiv. 

horn])eys Eir, „göttin des Stromes, der aus dem hörn fliesst", 
„göttin, welche das getränk darbietet", ist eine Umschreibung für „frau". 
Ähnlich in der Kormäks saga (ed. Möbius) s. 41 : Freyja honipeyjar. 
Zu hqldr enn hvUe vergleiche man z. b. sveinn enn hvite in der Bjar- 
nar saga Hitdcßlakappa s. 27. 30. 

Str. 17. Isl. s. 260. J. ^. 33. 

Z. 5 — 8 J. I*. liest, ohne zweifei iu der hauptsache richtig: 
Nu er svanmccrrar sidan 
svartaugimi ver bmiga 
lanns til lysi-Ounnar 
um pörf at Uta. 
Nur gegen z. 5 sida?i erhebe ich einsprach. Statt svartaugum ver haben 
die hss. in z. 6 svört {svat^it A 1) {svida A 2 — 6) augu mer (med, men[n], 
meir), was Mogk veranlasst svida aus A 2 — 6 aufzunehmen und in 
z. 5 an die stelle von sldan zu setzen. In der tat scheint svida in 
jenen hss. eine Verderbnis der richtigen lesart in z. 5 und etwa aus 
einer randbemerkung nach sidan aufgenommen zu sein, worauf svart- 
(resp. svört) ausgefallen ist. sidan erweist sich Avie das ausserdem 
bedeutungslose svida als fehler durch das fehlen der hending. Das 
richtige ist sviyyyirar. svinnr wechselt nach bekannten regeln (Noreen 
§ 201) mit svidr; gen. fem. svinnrar und sridrar; in der vorläge der 
hss. stand svidrar, was zu svida und sida7i verderbt wurde. 

Das adjectiv svin7ir ist mit svarmuetrar coordiniert und bildet 
eine bestimmung zu haiiga latms If/si- Gmmar\ es ist ein sehr häufiges 



SKALDENSTROPHEN 1 59 

epitheton für flauen; vgl. Grettis s. str. 58 svinii söl gullbüa st6la\ Bjar- 
nar s. Hitd. s. 27 svinn snöt usw. 

Str. 22. Isl. s. 271. J. ^. 39. 

Z. 1 Rodit var svent; enn sverda 
sverärögnir mik gerdi. 

J. I*. erklärt im anschluss an K. Gislason (Njala 11, 181 fg.) sverda 
als „mit dem Schwerte hauen". — gerdi sverda mik, madrinn veitti 
mer mörg og stör sdr. Doch ist die diction sehr unnatürlich, und 
ein verbum sverda, „hauen" sonst nicht belegt. In z. 5 — 6 begegnet 
der dreifache reim blöd-, blöd, blöd-. Ebenso z. 7 — 8 sdr-, sdr-, 
sdr-. AYenn nun die ganze strophe nach demselben muster gebaut ist, 
erwartet man dieselbe eigentümlichkeit in z. 1 — 2 und in z. o — 4; 
wenn nach anderem muster, weder in z. 1 — 2 noch in z. 3 — 4. Nun 
lauten z. 3 — 4: 

Vdru reynd i randum 

randgdlkn fyr ver handan; 

also nur zweimal dieselbe silbe und in z. 3 skotending. Man erwar- 
tet daher eine übereinstimmende metrische behandlung der z. 1 — 2. 
Doch konnte das beispiel von z. 5 — 6 und z. 7 — 8 einen abschreiber 
zu dem versuche veranlassen, die metrische figur von der zweiten 
über die erste halbstrophe auszudehnen. Bei z. 1 — 2 gelang ihm das; 
bei z. 3 — 4 nicht. Auf grund des angeführten lese ich z. 1 — 2 wie 
folgt: 

Rodet vas sverd; en smrdan 

sverdrqgnir mik gerde, 

wodurch in z. 1 die skotheudiug Aviderhergestellt und der satz ver- 
ständlieh wird. 

LEEUWAEDEN. R. C. BOER. 



11^ 



160 RÖHRICHT 

DIE JEEUSALEMFAHRT JOACHIM RIETERS AUS 
NÜRNBERG (1608 — 1610). 

(Im auszuge mitgeteilt.) 

Da von der oben genannten reise bisher nur bekannt war, dass 
ein handschriftlicher bericht im Nürnberger Stadtarchive enthalten sei\ 
so bat der Verfasser um eine sorgfältige kopie, die ihm auch durch 
Vermittlung des herrn dr. Reicke vom archivassistenten herrn Mann 
mit dankenswerter bereitwilligkeit besorgt wurde; wir teilen daraus fol- 
gendes mit. 

Der codex (Nürnberger Stadtarchiv R. XIII, 10, papier, löYg x 
10 Y2 cm., in ein pergamentblatt als einbanddecke geheftet; von uns der 
kürze halber mit N. bezeichnet) hat 60 blätter, von denen 1 — 25 
beschrieben sind; nur auf dem letzten und vorletzten blatte finden sich 
aufzeichnungen von anderer band, nämlich eine berechnung der apo- 
kalyptischen zahl 666 (auf Martin Luther!) und eine windrose mit deut- 
scher und italienischer nomenclatur. Auf der einbanddecke steht, wahr- 
scheinlich von anderer band: „Herrn Joachim Rieders von Kornburg 
Reissbeschreibung 1609"; der text beginnt mit der Überschrift: ,,Raiss 
in Lobäntä Balestinä Egigtem (sie) nioug (sie) Horeb et Sinäe vnd An- 
dery heylige Ertter mer." 

Der pilger, welcher sich nicht nennt, erzählt zunächst, wie er 
25. mai 1609 mit bewilligung seiner „lieben hausfrauen und befraind- 
ten" von haus nach Schongau (s. von Landsberg a/Lech) aufbricht, bis 
wohin ihn Sebastian Herlin, Cristof Wex, Johann Goling, Hans Jacob 
Yelder, Georg Alber, Lucass Lutz, Niclas Hirschmann, Lorenz Pollä, 
Georg Landporder, PauUus Pichler und Franz Reindl das geleit geben. 
Er Übernachtet in Rottenbuch, trifft am 26. mai in Partenkirchen, am 
folgenden tage in Innsbruck ein, wo er bei Hoff logiert, dann geht er 
überBrixen nach Bozen, wo er „in der Glocke" übernachtet, und erreicht 
glücklich Trient, wo er „in der Sonne" wohnt; er vergisst nicht, die 
bekannte geschichte von dem durch Juden an einem christenkinde (1485) 
verübten frevel mitzuteilen, die noch viele andere pilger berichten. 
Am 30. mai verlässt er Levico und kommt über Castelfranco am 1. juni 
nach Mestre, wo er glaubt sein pferd verkaufen zu können, es aber, 
da die käufer die verlangten 100 taler nicht bezahlen wollen, durch 
Bartelme Dietmair nach hause schicken lässt. Er fährt sofort weiter 
zu schiif nach Venedig, wo er durchsucht wird, aber die nicht voll- 

1) Bibl. googr. Palaestiiiao no. 9'21. 



OERUSALEMFAHRT TOACH. RIETERS 161 

Avichtigen dukaten, die er in Mestre in die stiefeln genäht hatte und 
ohne frage an die doiiane verloren haben würde, „mit gottes, des all- 
mechtigen hilfe vor den hunden rettet" (1. juni). In Venedig nimmt 
er quartier in dem bekannten gasthofe „zum weissen löwen" und wird 
mit mehreren deutschen pilgern, so mit Hans Albreclit von Dondorff 
(dessen diener Fetter Kheller von Lauben genannt wird), Otthainrich 
von Perndorff, Joachim Rieter, Wilhelm Barth, der aber wegen vieler 
Ursachen nachher wider ausgeschlossen wurde, einig, zusammen die 
fahrt nach dem heiligen lande anzutreten. Da aber dazu erst in län- 
ger als einer woche gelegenheit sich finden soll, so beschliessen sie 
zunächst eine pilgerfahrt nach Loretto und Rom zu machen. Am 5. juni 
geht der pilger mit Joachim Rieter nach dem Franziskanerkloster della 
Vigna, um dort von „Pater provisor de Jerusalem" ein empfehlungs- 
schreiben und vom päpstlichen legaten erlaubnis zum antritt der Pil- 
gerreise zu erhalten; dafür muss er einen ducaten bezahlen. Er voll- 
bringt die reise nach Loretto (9. — 2L juni) unter mannichfachen 
beschwerden, wohnt (27. juni) der hinrichtung eines venetianischen 
nobile (de Capolano) bei, knüpft mit dem deutschen priester P. Lorenzo 
freundliche beziehungen an und besucht (6. juli) mit dem freiherm 
von AVolkenstein und anderen deutschen herren das arsenal, dessen 
genaue beschreibung er folgen lässt. Nachdem er sich ein empfehlungs- 
schreiben des fi-anzösischen gesandten nach Tripolis besorgt und dem 
staatscommissar, welcher das pilgerwesen zu überwachen hatte, die 
erforderlichen 100 dukaten als Reisegeld gezeigt hatte (12. juli), ladet 
er den deutschen kaufherrn Ulstätt^, Stupper^ sowie den signore Anto- 
nio Garofolo in den weissen löwen zu gaste (14. juli), dessen wirt Hans 
Haider 3 ihn beim einkauf von Vorräten für die reise unterstützt, speist 
dann mit Elias Hupper im Deutschen hause zu mittag (15. juli), erlegt 
bei ülstätt das fährlohn bis Tripolis (81 venetianische pfund und 4 Schil- 
linge) imd besorgt sich von Hupper im Deutschen hause einen wech- 
selbrief nach Tripolis, dessen spesen aber so hoch sind, dass er für 
je 2 dukaten der summe immer 3 in baar bezahlen muss. Die pilger 
beichten bei P. Lorenzo, der schon einmal im heiligen lande gewesen 
war und sie mit guten ratschlagen versorgt, commimicieren und segeln 
(29. juli) endlich ab; ihre route führt sie, wie gewöhnlich die pilger 
an der dalmatischen und griechischen küste entlang. Am 11. august 

1) Wol David Ulstätt (Simonsfeld, Der Fondaco bei Tedeschi II, 210). 

2) 1610 consul der deutschen kaufmannscliaft in Venedig (ebenda 11, 210); er 
starb 5. juli 1627 (ebenda II, 252). 

3) Vgl. ebenda II, 181 und 252. 



162 RÖHRICHT 

kommt es zwischen dem mitfahrenden graten ßartholomeo Martimenghov 
und dem von Dondorf zu einem heftigen streite, der glücklich beigelegt 
wird; am 28. august geht das schiff im hafen von Tripolis vor anker. 

Nun beginnt (Bl. 17') ein neuer bericht mit den worten: „Den 
lotsten tag augusti a. 1609 montags ist Mathias Egger sampt den 
anderen vnsern pilgergesellen H. Hanss Albrecht von Dondorff, H. Ott- 
hainrich von Perndorff, H. Wilhelm Parth und Peter Keller und Joh. 
Joachim Rieter von Kornburg vff den borg Libano in Canobin offen- 
berg Libano, da der patriarch wohnet, gezogen"; der erzähler ist also 
von hier ab Joachim Rieter. Dieser bleibt bei dem am 1. September 
erkrankten Matthias Egger zurück, während die bisherigen reisebegleiter 
(11. sept.) Tripolis verlassen; er stellt eine kurze rechnung zusammen, 
was für die pflege des kranken ausgegeben worden ist und wie die 
nun sich trennenden pilger ihre gegenseitige rechnung geordnet haben; 
den piaster rechnet er auf 15 saiat, 1 saiat auf 10 asper. Egger be- 
stimmt 50 dukaten zum nutzen des heiligen grabes in Jerusalem, ver- 
macht dem landrichter Karl Egloff sein leibpferd und des bischofs von 
Eichstädt gnadenpfennig, der wirt vom weissen löwen solle die bei 
ihm zurückgelassenen 4 ringe seiner frau nach Landsberg schicken und 
diese ihm zum andenken „ein schön eijitaphium machen lassen" i. Die- 
sen letzten willen lässt Joachim Rieter in gegenwart des signore Anto- 
nio Garofalo, Simon Moro, des procurators der Christen in Tripolis und 
des schiffspatrons schriftlich fixieren und da Egger bald darauf stirbt 
(12. sept.), die leiche nach deren besichtigung durch den supascha nach 
dem 2 meilen entfernten griechischen kloster S. Jacob überführen. 
Den schluss des berichtes bildet eine Zusammenstellung der kosten für 
pflege und begräbnis, so dass von dem bei Egger vorgefundenen gelde 
(113 dukaten oder nach türkischem gelde 169 piaster und 30 maidin) 
nach abzug derselben und des legats für das heilige grab nur noch 
37 dukaten (55 piaster und 30 meidin) übrig bleiben, die Rieter mit 
dem erlös aus seinen habseligkeiten den erben zustellen will, der in 
dem nun folgenden Verzeichnis auf 57 piaster und 45 maidin angegeben 
wird. In dem genau aufgestellten Inventar wird auch ein buch erwähnt 
„Jerusalemsche reiss des Kazenuella", unter dem man vielleicht die in 
Bibl. geogr. Pal. nr. 300 erwähnte reise des graten von Katzenellen- 
bogen (ob den dort A nr. 3 erwähnten Kemptener codex?) verstehen 
darf, ferner ein „Buch, darinnen er (M. Egger) alles vflgeschrieben, 
is diess" (bl. 24""). Aus dieser letzteren bemerkung allein schon geht 

1) Nach direkter erkuudigimg ist dies epitaphium heute nicht mehr erhalten. 



JEUUSALEllFAHRT JOACH. RIETERS 163 

hervor, dass also der Nürnberger codex von blatt P — 16" den origi- 
nalen pilgerbericht Eggers, von da bis zu ende (blatt 17'' — 25') die 
fortsetzung desselben durch Joachim Rieter bietet. 

Dieser unvollständige bericht wird in der dankenswertesten weise 
durch den Joachim Rieters selbst ergänzt, wie er uns in seinem tage- 
buche vorliegt, das der codex der Berliner königl. bibliothek msr. germ. 
4'', nr. 1263 enthält (B). Es ist betitelt: „Herrn Joachim Rieters von 
Kornburg reissbuch nach Jerusalem und anderer ort von 1608, 1609 
und 1610", im ganzen 63 zum teil leere blätter, von verschiedenen 
bänden beschrieben, sicher aber aus der zeit des beginnenden sechs- 
zehnten Jahrhunderts. Auf blatt 1'' — 11" gibt Rieter nachricht über 
die wichtigsten erlebnisse, von seiner geburt (20. juni 1578) bis zum 
jähre 1602, dann folgen leere blätter (12'" — 14"); auf bl. 15'" steht der 
neue titel: „Mein Joachim Ritters von Kornburg Reyssbuch nach Jeru- 
salem und andere (ort fehlt) von Anno 1608, 1609 und 1610"; mit 
blatt 16'' beginnt dann der text der reisebeschreibung und zwar anfangs 
in zierlicher kunstschrift, aber von Rieters band nachcorrigiert, wie sie 
mit kleinen abweichungen von bl. 25" dann bis zu ende weiter geht 
(bl. 63"). 

Rieter reist 6. dec. 1608 von Nürnberg ab und zwar zunächst 
nach Augsburg, das er mit Georg Heinrich vom Thal (21. dec.) ver- 
lässt, dann nach Venedig, wo er 2. jan. 1609 eintrifft und (8. jan.) 
Tobias Niebele, ein herr von Schlieben (der später in Ägypten starb) 
und ein Oelschnitz auf einem holländischen schiffe nach Syrien abfah- 
ren. In der hoffnung, im frühling mehr reisegefahrten zu finden, 
schüesst er sich ihnen nicht an, sondern geht (17. jan.) nach Padua, 
von wo er (15. febr.) aber wieder nach Venedig zurückkehrt, um krecüt- 
briefe und Wechsel zu holen. Obgleich in der fastenzeit wider ein 
schiff (la Foscarina) nach der Levante abgeht, bleibt Rieter doch noch 
zurück und vereinigt sich (19. mai) mit Hans Albrecht von Dondorf, 
fürstl. bayr. rat und kammerherrn, Ottheinrich von Perndorff (die einen 
barbier Peter Keller bei sich hatten), und Wilhelm Barth aus München 
zur gemeinsamen reise auf dem schiff „la Balba", welches nach Tripolis 
bestiiumt ist, erlangen mit hilfe des herrn Ulstätt empfehlungsbriefe, 
besonders an den mitreisenden Antonio Oarofalo und an den patron, 
dem sie, ohne kost, jeder einzelne 25 dukaten zahlen müssen, nehmen 
(3. juni) auch den gastwirt Matthes „Egger vom Mohrenkopf" aus Lands- 
berg am Lech in ihre gesellschaft auf, während sie einen Niederländer 
und einen Böhmen, die sich anschliessen wollen, abweisen. Die Pil- 
gerreise nach Loretto, über welche N. berichtet, wird, wenn auch mit 



164 RÖHRICHT 

einigen abweichenden einzelheiten und daten, ebenfalls erzählt, aber 
hier allein wird berichtet, dass Rieter und Egger einander versprechen, 
dass der gesunde dem möglicherweise erkrankenden reisegefährten bis 
zur genesung oder bis zum tode beistehen wolle, wie es die beiden 
adligen herrn sich vor ihrer abreise auch gelobt hatten. In Tiipolis 
(28. aug.) angelangt nimmt Rieter wohnung bei Simon Moro, dem pro- 
kurator der Christen, zugleich mit den aus Venedig ihn begleitenden 
patron Franciscus Pacificus und Stephanus, die almosen nach Tripolis 
bringen sollten, während die übrigen pilger wie Wilhelm Barth, der 
zwar aus der reisegesellschaft ausgeschieden worden, aber anf demsel- 
ben schiffe mitgefahren war, ein Piemontese aus Chiari und ein Domi- 
nikaner in der französischen herberge unteikunft finden. Die pilger 
machen den uns aus N. bereits bekannten austlug nach Canobin, von 
dem Egger krank nach Tripolis zurückkehrt; er wird im S. Jacobs- 
kloster auf der linken seite des chores in. einer kapelle auf der rechten 
Seite des altars begraben. 

Nach seinem tode erkrankt Rieter auch, borgt dem (18. Oktober) 
in Tripolis landenden erzbischof Sergius in einer bedrängnis 60 dukaten 
(die er am 9. jan. 1610 auch wider zurückerhält), in der hoffnung, 
bei ihm seine genesung abwarten zu können; am 4. nov. kehrt auf 
„der Balba" Antonio Garofalo nach Venedig zurück, während (8. nov.) 
P. Angelo nach Jerusalem reist. Nachdem Rieter ende november wider 
genesen, segelt er (13. jan. 1610) auf einem schiff aus Marseille (S. Bo- 
naventura) nach Beirut, wo er die S. Georgskirche und die höhle des 
lindwurms besucht (19. jan.) und sich dem von Tripolis eingetroffenen 
französischen consul anschliesst, um nach Sidon weiter zu reisen. Am 
23. jan. kommt er nach Tyrus („allda ist auch kayser Friederich Bar- 
barossa begraben"), am 24. nach Accon, am 27. auf den Carmel und 
erreicht endlich nach grossen beschwerden (1. febr.) über Ramiah Jeru- 
salem, wo er eine halbe stunde vor dem tore warten muss, bis der 
dolmetscher, der sandschak, der kadi und subascha ihm den eintritt 
gestatten, worauf er, da die Franziskaner den Zionsberg hatten räumen 
müssen, im S. Salvatorkloster Unterkunft findet. Er besucht alle hei- 
ligen statten in und bei Jerusalem, deren beschreibung jedoch durch- 
aus nichts neues bietet, erhält auch den ritterschlag des heiligen grabes 
und findet in der nähe der christlichen königsgräber an der wand das 
Wappen des Nürnberger geschlechts der Haller mit der unterschritt 
Lorenz (?) Haller, in der klosterherberge von Bethlehem den namen 



DIE JERUSALEMFAHRT JOACH. RIETERS 165 

Haniiibal Rieter und Christoph Fürer ^ eingekratzt, wie in Eamlah den 
Karl Nützeis mit rötelstein angeschrieben. Am 12. febr. 1610 treffen 
Jacob AVahl aus Nürnberg (der in Cypern krank zurückgeblieben war), 
Heinrich AYillens von Amsterdam und der barbier Heinrich Helfeidt aus 
Braunschweig in Jerusalem ein, mit denen Rieter (14. febr.) zum heil, 
abendmahl geht. Er reist (18. febr.) von Jerusalem über Ramiah, Cae- 
sarea nach Accon, von wo er auf einem holländischen schiffe (15. märz) 
nach Tripolis abfährt, landet (30. märz) dann auf Cypern, schifft sich 
hier (19. april) ein und landet (6. juli) erst in Amsterdam, von wo er 
(13. juli) nach Antwerpen und anderen niederländischen städten reist. 

Nach diesen mitteilungen (bl. 59') beginnen kurze tagebuchartige 
notizen, welche über die persönlichen erlebnisse des autors bis 1619 
(er f 2. nov. 1619) handeln. 

1) Die 15G3 uud 1569 im heiligen laude waten (Röhricht, Deutsche pilgerreiseu 
257—260); Nützel war dort 1586 (ebenda 273, 286). Die übrigen im texte genann- 
ten deutschen pilger können wir sonst nicht nachweisen. 

BERLIN. R. RÖHRICUT. 



ZU DEN KLEINEREN SCHRIFTEN DER BRÜDER GRIMM. 

1. Die Leipziger receiisioueii. 

Nachdem von den vierzehn in Wilhelm Grimms Kleineren schrit- 
ten abgedruckten anonymen recensionen der Leipziger litteratur- Zei- 
tung bereits die über Henriette Schubarts Schottische lieder sowie 
über Köpkes Barlaam und Benekes Wigalois als Jacobs eigentum 
erkannt worden waren (vgl. Ztschr. 29, 200. 201), setzt mich eine 
inzwischen gefundene aufzeielmung in den stand, über weitere Leip- 
ziger recensionen auskunft zu geben, und lässt mich den versuch 
machen, die autorschaft derselben überhaupt ins reine zu bringen. 
Jacob Grimm hat nämlich auf dem inneren decke! des von ihm zu ver- 
schiedenen notizen gebrauchten „Rlieinländischen hansfreundes oder 
Neuen kalenders auf das jähr 1819" mit eigner hand vermerkt: 
receusiert 

Leipz. litt.-z. 1818 nr. 188. Schubart schott. lieder [Wiliielms kl. sehr. 

2, 208]. 
nr. 172. Reinecke Fuchs [2, 206]. 
nr. 172. Kolotzer codex [2, 198]. 
1819 nr. 7. Büschings H. Sachs [2, 227 nnd 276]. 



166 STEIG 

iir. 229. Furcliaus H. Sachs [2, 233]. 

Fr. Holle [2, 234]. 
nr. 261. Bari. u. Wigal. [2, 235]. 

Diese aufzeiclmung Jacob Grimms bietet eine wirksame handhabe, 
die Leipziger recensionen nach ihrer autorschaft zu sondern. Die ent- 
fernte möglichkeit, dass sich vielleicht ein Irrtum in die aufstellung 
eingeschlichen habe, wird durch die innere beschaffenheit der genann- 
ten anzeigen beseitigt. Wer, einmal darauf aufmerksam geworden , aus 
dem stil der Leipziger anzeige des Reineke Fuchs nicht die völlige 
Sicherheit der autorschaft Jacob Grimms gewönne, der lese in Jacobs 
späterer ausgäbe des Reinhart Fuchs die ersten acht selten vom wesen 
der tierfabel, um sich von der schlagenden gleichheit der gedanken und 
aiisdrucksweise zu überzeugen. Hinsichtlich des Kolozer codex erken- 
nen wir Jacobs urteil, der seinem Standpunkte gemäss auch hier erklärt, 
dass er imter obwaltenden Verhältnissen gern von der forderung einer 
eigentlich kritischen ausgäbe abstehe und mit dem gegebenen ganz rohen 
abdrucke vorlieb nehme. Die anzeige von Büschings Hans Sachs L teil 
zieht auch die von Jacob nicht ausdrücklich sich zugeschriebene recen- 
sion des II. teiles (Wilhelms Kl. sehr. 2, 276) nach sich, da diese mit 
einer berufung auf die frühere anzeige beginnt; auch der aufsatz über 
Furchaus Hans Sachs gehört in diesen bereich. Und widerum Jacob 
ist es,2',der den gewiss nicht sanften Widerspruch gegen die erzählung 
von der frau Holle erhebt. 

Wie steht es nun mit den 6 Leipziger recensionen, die in Wil- 
helms Kleineren schritten noch übrig sind? 

Man könnte aus Jacobs aufstellung den negativen schluss ziehen, 
dass die 6 ihm nicht gehören. Indessen hat Hinrichs über sie positive 
angaben gemacht, die nicht ohne weiteres damit übereinstimmen, und 
daher betrachtet Averden müssen. Zweien nämlich, einer ganz kurzen, 
nur die druckfehler einer früheren ankündigung verbessernden anzeige 
von 1812 (Wilhelms Kl. sehr. 1, 587) und ebenso der recension des 
Narrenbuches 1812 (ebenda 2, 52) gibt Hinrichs den vermerk „mit 
Jacob Grimm". Bei der ersteren ist die frage nach der autorschaft 
gleichgültig und müssig. Anders bei der recension des Narrenbuches. 
Hinrichs sagt in der anmerkung zu 4, 648, sie sei durch Arnim belegt, 
und bezieht sich augenscheinlich auf einen ungedruckten brief Arnims 
an beide brüder vom 13. jali 1812, worin es heisst: „Eben habe ich 
auch Eure recension des Narrenbuchs gelesen, sie ist recht gut und 
nebenbei in Salzlauge getunkt, z. b. wo Ihr ihn (d. i. von der Hagen) 
aufs eigne buch seiner Sammlung aufmerksam macht." Indessen aus 



Zu DEN KL. SCHRIFTEN DER BRÜDER ORIMM 167 

dieser pluralen anrede folgt nicht die gemeinschaftliche autorschaft bei- 
der brüder, wie wol geschlossen werden, konnte. Denn vorher hatte 
Wilhelm, den 10. december 1811, an Arnim geschrieben (ungedruckt): 
„Wenn Du über Hagens Narrenbuch eine tadelnde recension, die ich 
übrigens erst noch machen muss, finden wirst, so sei von meiner Über- 
zeugung überzeugt. Es ist ein. sehr liederlich und leicht zusammen- 
gesetztes buch, mich soll in dem urteil nicht irren, dass ich selbst 
schon längst auf ein ähnliches werk gearbeitet habe, und dass ich ihm 
das ausdrücklich gesagt, ich eile nicht auf diese art, wiewohl ich das 
durch alle länder durchgreifende poetische schon recht gut und interes- 
sant ausführen könnte, wovon er nichts hat, ich werde ihm für die 
mitteilung des Kalenbergers, wovon ich nur den auszug bei Flögel 
hatte, zu danken auch nicht vergessen." Diese gedauken finden sich 
in der Leipziger recension des Narrenbuches auch wider. Sie muss daher 
Wilhelm allein zugeschrieben werden. 

Die recension der Eschenburgschen ausgäbe von Boners Edelstein 
(2, 77) enträt zwar eines ausdrücklichen Zeugnisses; allein durch mein 
gefühl bin ich versichert, dass W^ilhelm sie verfasst hat: sein ist die 
geni anerkennende, nur mild tadelnde beurteilung, sein die ganze art 
sich litterarisch mitzuteilen. Die eine eigen tümlichkeit seines Stiles, das 
hilfsverb häufiger fortzulassen , hätte beim neudruck der kleineren schrit- 
ten weder hier noch an anderen stellen gestört werden sollen. 

Gleichfalls aus inneren gründen muss die Leipziger recension der 
A\^undergeschichten und legenden der Deutschen (2, 195) für Wilhelm 
in anspruch genommen werden. Ihm, nicht Jacob, gehört die spräche 
und die leicht ironische färbung des aufsatzes. Dass er z. b. ohne 
recht sichtlichen anlass den „bibliothekar des romantischen" da hinein- 
brachte, entsprach seinen persönlichen erfahrungen mit Vulpius in Wei- 
mar und hielt sich innerhalb der spässe, die er und Arnim damals 
über ihn zu machen pflegten. Worauf sich Hinrichs' vermerk (4, 648) 
stützt, dass Jacob diese recension (für Wilhelm) belege, weiss ich nicht 
zu sagen. Will man aber seines urteils gewiss und sicher werden, so 
braucht man nur Jacobs gleichzeitige und stoö'ähnliche Leipziger recen- 
sion über Büschings Yolkssagen, märchen und legenden (6, 130) zu 
lesen: die Verschiedenheit beider anzeigen ist augenfällig. 

Aus dem vorstehenden ergäbe sich also: Sechs Leipziger recen- 
sionen verbleiben Wilhelm Grimm. Acht dagegen scheiden aus sei- 
nem bisherigen besitzstande aus und treten zu den zwölfen hinzu, 
die Jacobs Kleinere Schriften (5, 486) bereits enthalten. 



168 STEIG 

2. Die Heidelberger anzeige von Arnims gräfin Dolores. 

Als Arnim seinen freunden Grimm die Gräfin Dolores sandte, 
sprach er den wünsch aus, Wilhelm möge das buch in den Heidelber- 
ger Jahrbüchern recensieren. Wilhelm schickte ihm handschriftlich die 
recension am 25. Oktober 1810: „Ich bitte dich ganz ohne rückhalt 
Dein urteil zu sagen über die recension, was Du richtig darin findest 
oder schlecht. Hast du nichts zu erinnern, so sei so gut mich davon 
zu benachrichtigen, und ich will sie an AVilken (nach Heidelberg) sen- 
den ... Du brauchst mir die blätter nicht wider zu schicken, da ich 
eine abschritt behalte." So erklärt sich, dass Wilhelms niederschrift 
in Arnims nachlass sich erhalten hat, während andererseits in Grimms 
hinterlassenschaft die bemerkungen vorhanden sind, die Arnim damals 
zu Wilhelms recension machte. Beide Schriftstücke liegen also der 
druckgestalt der anzeige voraus. 

Die vergieichung lehrt, dass der tatsächliche Inhalt der anzeige 
derselbe geblieben, und nur die sprachliche form für den abdruck noch 
einmal leicht überarbeitet worden ist. Es ergeben sich aus dem manu- 
script aber eine anzahl berichtigungen der druckgestalt (Wilhelms Klei- 
nere Schriften 1, 289). Man bessere s. 289 textzeile 3 „anforderungeu" 
für „aufforderungen". S. 290 in der mitte „in dem reinsten sinne des 
Avorts", für „das vvort". In der folgenden zeile „erworben" für „er- 
wecken". S. 291 in der letzten zeile „hier auch" für „hierauf". S. 293 
z. 25 „wem" für „wenn". 

Nur zu einem einzigen sachlichen zusatz hat sich Wilhelm Grimm 
auf einen einwand Arnims hin verstanden. Grimm hatte nämlich den 
im genusse schwelgenden und verführenden Markese des ronians in 
parallele gesetzt mit dem ßoquairol in Jean Pauls Titan und sich dahin 
entschieden, dass das entsetzliche derjenigen zeitersch einung, die sich hier 
verkörpere, in dem Roquairol viel gewaltiger, tiefer und poetischer 
ausgeführt sei. Dagegen machte nun Arnim von seinem Standpunkt 
aus geltend, dass in gänzlich von einander verschiedener herausbiklung 
Roquairol eine durchaus deutsche natur sei, die wunderbar phantastisch 
allem hohen für einzelne lebenszeiten nachstrebe und in der abspan- 
nung sich und andere verfluche und verderbe, während sein Markese, 
nach dem vorbild ihm bekannt gewordener Südfranzosen entstanden, 
mit allen kräften dem genusse nachjage, ohne je von einem gefühl der 
reue niedergehalten zu Averden. Diese absieht des dichters erkannte 
Wilhelm durch den einzigen zusatz an, mit dem er sein erstausgespro- 
chenes urteil über den Markese und Roquairol beschränkte (1, 294): 



zu DEN KL. SCHRIFTEN DER BRÜDER GRIMM 169 

„wiewol diesen das stete bewiisstsein der schuld von dem Markese unter- 
scheidet und ihn noch sündhafter macht." 



3. Die Heidelberger anzeige Ton Arnims Kronem^ äclitern. 

Auch die Heidelbergisclie recension der Kronenwächter bedarf 
einer näheren betrachtung. Sie ist mit ßy gezeichnet, was Bettina und 
Grimm bedeuten sollte. Dem Widerabdruck in Wilhehn Grimms Klei- 
neren Schriften 1, 298 fgg. wiu"de daher der vermerk „mit Bettina von 
Arnim" zugesetzt. Diese festbeglaubigte tatsache von der zwiefachen, 
wiewol in eins verschlungenen autorschaft hat jedoch nicht verhindern 
können, dass die recension in litterarhistorischer benntzung wie eine 
von Wilhelm Grimm allein geschriebene behandelt worden ist. Es 
scheint mir, um mancher bezüge willen, nicht vergeblich zu sein, das 
anteilverhältnis beider autoren klar zu legen. 

Als Arnim die Kronenwächter schrieb, wohnte er einsam auf sei- 
nem gute Wiepersdorf. Bettina war die einzige, die ihm geistige teil- 
nähme bei der arbeit entgegenbrachte. In iln-e bände kamen auch 
zuerst die frischgedruckten bogen des romans. Sie las einzeln nach 
einander die „Geschichten", aus denen sich das ganze zusammenschliesst. 
Es drängte sie, ihre gedanken und empfindungen über das gelesene zu 
papier zu bringen. So entstand auf grossen foliobogen, die sich im 
nachlass erhalten haben, gewissennassen eine Interpretation der Kro- 
nenwächter durch Bettina. Sie hat folgenden Wortlaut: 

Einleitung. Pagioa 4: „Es gab zu allen zeiten eine heimlich- 
keit der weit" pp. Dies sind die worte des antors, die uns die stuf- 
fen, auf denen sein geist in diesem werk einh erschreitet, am besten zu 
erleuchten scheinen; es blickt manches durch, was der eigenheit die- 
ses menschen so nahe liegt, dass es leicht den Zeitgenossen nicht ganz 
deutlich sevn mas:. Indessen wünschen wir um diesem buch solche 
loser zu verschaffen wie es sie verdient, dass grade diese einleitung 
mit gesammelter aufmerksamkeit gelesen werde. So viele die sich 
berufen glauben, die werke des geistes beurteilen, ja sogar zerlegen zu 
können, wissen nichts davon, dass sie unfähig sind sie zu geniessen 
und zu verdauen. "Wenn der dichter sagt: „Wer misst die arbeit des 
geistes auf seinem unsichtbaren felde? Wer bewacht die ruhe seiner 
arbeit? Wer ehrt die grenzen, die er gezogen? Wer erkennt das 
ursprüngliche seiner anschauung?" so überkömmt uns eine unwider- 
stehliche rührung, dass auch hier vielleicht keiner stehe, der die arbeit 
des geistes in diesem buche mit sicherem blick durchschaue und 



170 STEIG 

ermesse. So mancher, der in die aufgehende sonne schaut, ohne zu 
denken was er sieht; wenn nun ihm, dem sie vor andern aufgegangen, 
kein lichtstrahl der erinnerung bleibt, was sollen die andern glauben, 
die ihn darnach fragen? 

Weiblingen. Diese beschreibung ist wie ein reines feingebil- 
detes gedeck, welches der sorgende wirt vor seinen gasten ausbreitet. 
Die geschirre und Vorbereitungen zum feste sind so edel, dass wir mit 
lust und begierde uns zu der fülle des genusses wenden. 

Der pallast des Barbarossa. Bis hierher hat uns der dichter 
auf anschaulichen und umschaulichen wegen bis zu der höhe geführt, 
wohin ein jeder gemütliche gelangen will, und was ihm das allein fess- 
lende im leben wird. Die beiden eheleute mit dem freund, dem kind 
und der lahmen elster bilden einen kreiss, in welchen der gewanderte 
gern sich einpflanzen mag, der wol weiss dass nach dem rausch des 
lebens nichts übrig bleibt als ein besinnen und wiedererkennen an dem 
was uns am nächsten verbunden. Die schauerliche ahndung und ängst- 
liche sorge, die in den beiden ersten geschichten sich nach allen sel- 
ten hin bewegen, um die geschicke gleichsam herbeizuziehn, die ihr 
daseyn rechtfertigen, ruhen hier wie abgeschirrte lasttiere von der 
mühe des tags. Aber plötzlich entfaltet sich der teppich, üppig und 
überfüllt wie der kindersinn in den ersten jähren, in dem auffinden 
der ruinen des pallasts; überschwenglich scheint dem kleinen Berthold 
der reichtum und mannigfaltigkeit der mit seltnen pflanzen und bäu- 
men durch wachsnen ruinen und Steinbilder, das glück seines lebens ist 
gehäuften maasses vor ihm ausgeschüttet. Mit freudigem entzücken 
reisst er es an sich: „Es ist mein, ruft er, ich will es ausbauen!" 
Die dichtung zeigt ihre doppelbildung hier im reinsten licht, in der 
höchst wahren kindlichen darstellung, sie spiegelt sich in jedem tief- 
fühlenden herzen. Haben wir nicht, noch ehe uns die geschicke hin- 
ausrissen, eine grenze für uns aufgefunden, in der uns unsere lebens- 
plane überfüllt herrlich erscheinen, grade die grenzen, die dem erfahr- 
nen eine andeutung und aussieht in ungemessne weite geben? und ist 
darum die freude des kindes herzzerspringend flu.- uns und den alten 
Martin, der in diesem gefühl sein herrlich schauerliches lied singt. 
Die ahndung vom reichtum der dichtung gehet von hieraus nach allen 
Seiten, sie gewinnt unwillkürlichen bezug aufs innere und äussere 
leben, und wir wünschen dem dichter kraft die zügel seines geistes 
und fantasie festzuhalten, die schon hier im liede wie mutige pferde 
mit ihrem gebiss spielen — so hat er gewonnen spiel. 



zu DEN KL. SCHEIFTEX DER BRÜDER GRIMM 171 

Schatz und niesser. Wenn das kind der nmtterbmst nicht 
mehr bedarf und entwöhnt wird, so nennt man es den ersten verlust 
seines lebens, rührend ist es, wenn der tod die mutter von ihm schei- 
det, noch ehe es das alter erreicht hat, wo es dieser nahrung entbeh- 
ren kann. Auch hier trifft der tod des alten Martin in einem Zeitpunkt 
ein, wo der teilnehmende leser erw^artet, dass er den kleinen Berthold 
gleichsam grosssäugen soll zu den zu erwartenden grossen ereiguissen 
seines lebens. Er allein scheint wie ein Siegel vor dem testament von 
Bertholds geschicke zu liegen und durch seinen tod scheint, wie durch 
das verletzen des siegeis, dieses testament ungültig gemacht. Die ge- 
schichte lässt schnell gras drüber wachsen und beinah zu schnell breitet 
sich ein üppig ergiebiger obst- und blumengarlen über die statte seines 
todes aus. Die erzählung lässt sich hier durch die umstände etwas 
drängen und reisst die im anfang so Avolgeordneten dämme durch eine 
überrumpelnde hochzeit etwas ein. Die Versteigerung des gartens scheint 
uns meisterhaft, der Wahrheit im gemüt gleichsam abgestohlen ist es, 
dass Bertliold mit trockner fast erdrückter stimme seine, fünf goldgül- 
den bietet, durch diesen umstand an sich klein macht sich die tüch- 
tigste eigenschaft des dichters sehr bemerkbar. Die erscheinung des 
alten ist woltuend, wer mögte den geist seiner kinderjahre nicht gern 
an einen ähnliehen schutzgeist ketten, überreich ist Berthold in diesen 
Verhältnissen und fürstlicher bedient wie anerkannte fürstenkinder. Das 
widerfinden von träum, schätz, garten und haus, ist alles gut und ihm 
gegönnt; dass er aber Apollonia auch gleich mit verschlingen will, 
scheint etwas vorschnell. Die scene auf dem namensfest von Apollonia 
im ganzen sehr gut, im einzelnen zu überhäuft; so könnte das eichhörn- 
chen ganz wegbleiben , auch ist das gespräch von ritter und katzenritter 
etwas verwirrt. Sehr glücklich und seiner geahndeten abkunft angemes- 
sen zieht sich Berthold aus seiner Verlegenheit, und sehr wahrhaft 
tölpclt das bürgerüche wesen des herrn bürgermeisters dafür zur treppe 
hinunter. 

(Der bau.) Die erscheinung des baumeisters macht uns die Ver- 
bindung mit Fingerling und die abschiedsscene vom türme, welche 
etwas unbequemes hat, bald vergessen; er spricht gut, man mögte 
ihm noch länger zuhören, was er sagt ist aus dem geist, der dem 
buch gewicht gibt. So versöhnt uns auch erst das angestimmte Gloria 
mit der Übereilung in der beschreibung vom wesen im nonnenkloster. 

(Die hohe fremde und ihr ritter. Der stürm.) Bei der 
erzählung der fürstin tritt die geschichte gleichsam aus einer engen 
haft hervor und breitet sich aus wie die teppiche, die die hohe frau 



172 STEIG 

dabei ausbreitet. Die reise des ritters nach der Kronenburg, gleich einer 
pflanze, die in ihrem geschlossnen keirn schon auf ihre Seltenheit deu- 
tet, und den betrachtenden leser an ihre allmählige entfaltung fesselt, 
treibt empor auf dem üppigsten fleck. Wir steigen mit dem ritter an 
dem felsen der Kronenburg hinauf, mit ihm erblicken wir die weit 
unter uns; es ist eine höhe, auf die uns der dicliter führt, von wel- 
cher aus wir ihn selbst in ferne und nähe als aussieht gewinnen; eine 
mehrzahl von gedanken liegt wie die mehrzahl der bergspitzen in nebel 
und sonnenglut, beschneiet und begrünt, wir erkennen nicht alles, aber 
es wird uns unendlich wol in unsrer Umgebung. Da wir glauben 
durch den anblick einer weiten natur erregt zu werden, sollten wir 
es nicht auch durch den anblick eines erschlossenen gemütes, dessen 
darstellung uns zwar um so geheimnisreicher umgibt, je wahrer und 
begeisterter es sich zeigt? Aber die Versicherung, dass das leben weit 
reicher ist, als wir es in unsern täglichen beschäftigungen glauben 
können, ist doch wol dasselbe was die aussieht auf einer hohen berg- 
spitze ist. Es wäre hier noch manches zu sagen; besser weisen wir 
zurück auf die werte der einleitung, und statt zu fragen bitten wir: 
„bewacht die ruhe seiner arbeit, ehrt die grenzen die er gezogen, und 
erkennt das ursprüngliche seiner anschauung!" Auch der dichter bedarf 
der pflege, er bedarf des vaterländischen bodens, dass dieser nicht von 
ihm abfalle und seine wurzeln entblösse. 

Zweites buch. Wunderbare heilung. Hier tritt eine neue 
erscheinung und mit ihr in vollem lichte die laune des dichters in der 
persou des maier Sixt hervor, der gleichsam durch sie zu einer komi- 
schen arabeske verflochten, das traurige leben unsers geliebten Bertholds 
umgibt. Wir finden ihn wider, das antlitz nach der abendseite gekehrt, 
um die letzten strahlen seiner untergehenden sonne noch aufzufangen. 
Schmerzliche wehmut durchschneidet ihn bei der erzählung des maiers; 
die herrliche romanze, wolgemessen in ihrem bau wie der bau, von 
dessen gründung sie erzählt, ergreift den kranken um so heftiger mit 
ihrem letzten schauder, und wir fürchten mit dem maier, dass es seine 
autlösung befördern möge. Dass der baumeister auf eine so seltsame 
weise unserm blick entschwindet, befremdet zwar, allein wir vermögen 
nicht es zu tadlen. So herrlich er durch die wenigen umrisse erzielt 
war, so anschmiegend er durch den abschied von der fürstin für uns 
geworden war, so dürfen wir doch nicht wollen, dass er öfter erscheine; 
die falten seines verbergenden gewandes Hessen zu edle formen durch- 
schimmern, als dass er lange mit irdischem verknüpft seyn konnte. Wie 
zweideutig seine auflösung auch scheint, wir glauben an seine Seligkeit. 



zu DEX KL. SCHRIFTEN DER BRÜDER GRIMM 173 

(Die reise nach Augsburg. Der becher.) So ahndungs- 
scliwer die heilung Bertholds (noch in der vorigen geschichte) vor sich 
geht, finden "wir ihn doch seiner natürlichen neigung zum erstenmal 
entsprechend bei dem einzug des kaisers auf dem ritterpferde sehr 
glücklich wider. Das herrliche in der darstellung des brautzugs wird 
von einem jeden nicht unbeachtet bleiben, so seine bekanntschaft mit 
Alma, das stechen pp., alles ist ein fehl voll ebenmaas, wo die saat, 
gedrängt, gesund und gleichmässig in der erzählung emporschiesst. 
Dabei hat der dichter das glück in kiu'zeu andeutungen oft ein gesam- 
meltes licht auf die Wahrheit der darstellung zu ziehen, wie bei der 
heilung: „Der Schornstein streckt eine feurige zunge gen himmel", bei 
der beschreibung der fürstlichen braut: wie sie ihre Schönheit hinter 
dem pfauenwadel versteckt; bei Anna: wie sie ihren feldblumen kränz 
auf dem haupte mit dem rosenbusch am busen bekannt macht; ferner 
der kleine zug, dass sich Bertholds gestalt zu dünn und zu lang für 
alle rüstungen findet, welches seinem stubensitzen zugeschrieben wird, 
wo denn die rüstang seiner ahnen, die ihm passt, uns einen blick 
in die zeiten des alten starken herrschergeschlechts gewährt. Solche 
Züge, so selten sie dem vorübereilenden leser in erinnerung bleiben, 
bezeichnen den wahren dichter und sind die handhaben, an denen das 
werk auf den ehrenplatz des ausgezeichneten gehoben wird. Das ge- 
spräch mit dem Schreiber des kaisers ist wie ein zu dichter wald voll 
junger eichen, die sich alle nach ausbreitung sehnen. 

(Die ringe.) Die edle beherrschung der erzählung wird unter- 
brochen durch die nachricht von Apolloniens früherem leben. Man sieht, 
dass der erzähler in diesem augenblick ungern die grosse heerstrasse, 
deren aussiebten sich mannigfaltig erweitern, verlässt, um uns mit dem 
nebeneinlaufenden knüppeldamm von Apolloniens begebenheiten bekannt 
zu machen. Er räumt da schnell auf und hat recht; denn der neben- 
weg enthält nicht viel erfreuliches, aber Wahrheit genug in der art des 
Schicksals, denn aus den doppelten bluten erwächst nie eine frucht. 
Wider ein leicht zu übersehender zug, der grade darum verdient an- 
gemerkt zu werden, ist es, wie Kugler entzückt vom traulichen gespräch, 
das er selber meist allein führt, den Berthold bittet ihm sein wappen 
ins gesellenbuch zu malen. Kunz führt den von seiner braut begei- 
sterten Berthold plötzlich zu dem von der Wahrheit begeisterten Luther, 
der in seiner einsam erleuchteten kammer sich aufopfert für ein volk, 
das im schmettern und pauken der lebensgenüsse seiner nicht wahr- 
nimmt. Die erscheinung des kurfürsten mit der Mansfelder gräfin ist 
zu sehr hingehaucht, durch keine Wahrscheinlichkeit befestigt, doch gibt 



ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXXI. 



12 



174 STEIG 

sie einen angenehmen hintergrund zu Luthers erscheinung. Wie ein 
leuchtender heiligenschein schmiegt sich das lied des Wächters und 
freundes um die in der nacht eilenden. 

(Die rose. Der mahlschatz.) Die scene bei Annens erstem 
erwachen in Bertholds hause ist dem Widerschein eines traumes zu ver- 
gleichen, der sich durch zufällig gebrochne üchtstrahlen ins leben her- 
einspiegelt. Sie strählt ihr haar am fenster, ein wind, der die betauten 
gesträuche im garten auseinander beugt, wirft ihr die angst aufs herz, 
frau Hildegard mit dem mahlschatz im elfenbeinernen schränkchen zer- 
streut die angst zum teil. Herrlich erwacht sie bei der Inschrift, welche 
ßerthold an die stelle seines glucks gesetzt hat, sie erkennt ihr gan- 
zes glück, dass es nicht so ist, wie sie eben im letzten frühschlummer 
geträumt. Wer hat nicht erinnerung von ähnlichen empfindungen, die 
er nicht weiss, ob sie aus dem wirklichen leben oder dem träum her- 
vorgegangen sind. Wir werden mit Anna von dem gebet ergriffen 
Gieb liebe mir und einen frohen mund, 
Dass ich dich, herr der erde, tue kund pp. 
es ist innig tiefes gefühl, dem der leicht anschmiegende reim durch- 
dringende rührung verleiht, und daher den früheren liedern Goethens 
im Wilhelm Meister zu vergleichen. 

(Der brunnen. Das hausmärchen.) Mit dem eintritt des berg- 
manns nimmt der grund der erzählung die erdfarbe an, auf dem 
die gestalten herumblitzen wie der glimmer im gestein. Der empor- 
schiessende Wasserstrahl betäubt wie ein lang ersehntes und gefürch- 
tetes. Erst nachdem er in sein ruhiges bett zurückgetreten, hoffen wir, 
dass der teufel hier nicht ganz die oberhand gewinne. Der schmuck 
des brunnens ist herrlich schön und entspricht der damit verknüpften 
erzählung, die wie eine exotische pflanze, gleich den fensterbogen , über 
der schönen gruppe sich ineinander flechtend und blühend verdachet ;, und 
alle himmelslichter in buntem Widerschein auf sie strahlt; gewebe der 
blätter und bluten, fein und unverletzt, der duft fremdartig und edel; 
reine fantasie brütet wie der silberne vogel über den bildern, die 
wider wie aus goldnen eiern hervorschlüpfen und mit ihren bunten 
flüglen an das geranke der pflanze sich anschmiegen. Die Weisheit, die 
sich auf allen Strassen, vor jeder haustür in dem alltäglichen gewand 
des irdischen lebens erblicken lässt, zeigt sich hier in einem duftigen 
Schleier, der mit den wölken des himmels verschwimmt. 

Drittes buch. (Die hochzeit. Das bild am giebel. Gute 
h Öffnung.) Fröhlich und kräftig stemmt sich hier die laune gegen 
den ernst und wird scheinbar überwiegend. Worin es liegt, dass die 



zu DEN EL. SCHRIFTEN DER BRÜDER GRIMM 175 

scenen am brunnen und Antons am giebel des hauses einen andern 
scenen dieser art 'iveit überlegenen reiz haben, lässt sich nur durch 
die eigentümlichkeit des clichters, die sich nicht darlegen lässt, erklären. 
Der spass, dass Grünewald sich in eine tyrolerin verkleidet, ist zu 
überraschend, als dass er nicht anfangs befremden sollt; das lied, was 
er singt, ist zu schön, als dass es nicht mehr wie einmal gelesen zu 
werden verdiente. Jedoch müssen Avir mit Anna und Berthold die 
äugen zudrücken, um ihnen zu helfen, dass sie ihn nicht erkennen. 

Sc bloss Hohenstock. Wir hatten es anders dort vermutet, 
vielleicht mit uns der dichter; man sieht, dass keine Stimmung seinen 
geist fesselte, und dass trotz allem anschein und wol gar zu seiner 
eignen Verwunderung die Wahrheit der begebenheiten aus seiner fan- 
tasie strömte. Sehr gut schleift und reinigt sich das ganze im gespräch, 
das Anna und der ehrenhalt im herabgehen von der bürg führen, die 
wie ein geheimnisvoll eisernes gefängnis hinter uns emporsteigt, Avorin 
die höheren rätsei des lebens gekettet liegen, die, wenn sie gelöst 
wären, die weit in einen andern Umschwung brächten. Das lied von 
Grünewald zeigt uns den rost, den die zeit auf dem erblindeten glänz 
des Schlosses erzogen. 

Traubenlese. Wenn wir auch hier im stillen vorüber eilen, 
weil die schöne erregsamkeit des ganzen den leser gewiss nicht unbe- 
rührt lässt, so mahnt uns doch das lied es anzuerkennen: es ist ein 
grosser unterschied zwischen einem hed, das man aus frömmigkeit 
macht, und einem, das fromm macht. 

(Das todaustreiben.) In dem eingang zur sechsten geschichte 
tritt die eigentümlichkeit des dichters, der wir so vieles zu verdanken 
haben, deutlich hervor in der engen berührung mit der natur; er ist 
bewegt von dingen, an denen tausende kalt vorüber giengen. Ein sol- 
cher konnte uns nicht betrügen, er konnte seine beiden nicht in 
schränke verschliessen , um sie wie puppen vor Verletzung zu bewah- 
ren. Die geschicke haben sie in ihren ernsten tanz aufgenommen, sie 
müssen sich nach ihrem veränderlichen takt schwingen, ja können 
selbst nicht vermeiden oft seltsame Sprünge zu machen. 

(Die grab er der Hohenstaufen.) Der geliebte Berthold weiht 
alles eigentum mit blicken und küssen und gebet, sein beklemmender 
schmerz erfasst uns mit. Halten wir ihn gegen die geschicke, die ihn 
erzogen, so fühlen wir, dass sein gehalt unvergleichlich herrhch, 
obgleich jene nicht die äugen der menge auf ihn gezogen; ja wir füh- 
len, dass auf den thron erhoben oder in der mitte des lebens ver- 
schwunden, die geschicke den königlichen immer königlich bedienen. 

12* 



176 STKI& 

statt dass bei den hohen am sterbtag in allen kirchen für sie gebetet 
wird, führen seine guten engel ihn selbst zum gebet in die kirche. 
Der tag der taufe seines kindes feiert den flug seiner seele nach der 
heiraat, nach der er sich so oft gesehnt, sein geist entfaltet die reinen 
schwingen in den werten: „0 wie so oft hab ich ein zeichen erhofft, 
zogen Sterne den schimmernden bogen durch die himmlische leere, 
durch die himmlische tiefe, dass ich der irdischen schwere endlich auf 
immer entschliefe. Aber der morgen löschte die sterne aus, weckte 
die sorgen, weckte des herzens haus, und des alltäglichen macht zwang 
die ahndung der nacht." 

Wir wollen bei ihm unsre betrachtung enden, die diesem buche 
angehört, Anton und Anna werden wahrscheinlich noch in einem 
zweiten teil erscheinen. Der, dem wir das buch zu verdanken haben, 
erscheint uns wie ein mann, der aus der dämraerung einer nicht geahn- 
deten weit hervortritt, das reichbeschwerte fiillhorn auf der kräftigen 
Schulter, ein gemisch von künstlichen kleinoden, seltnen blumen und 
fruchten, zum teil noch unbekannt, aber alles edel und mit einer gross- 
mut dargeboten, die keine sorge, keine Sparsamkeit für die zukunft 
kennt. Freilich rollen sie im umstürzen vor uns hin, manches herr- 
liche wird verdeckt durch anderes; aber überschaut es im ganzen und 
sagt, ob die fülle euch nicht entzückt! 

Will man den grad der ästhetischen anschmiegung an Arnims 
dichtung, den Bettina erreicht, völlig nachempfinden, so ist es notwen- 
dig, dass man sich den inhalt der kronenwächter wider vergegenwär- 
tige. Denn den inhalt will Bettina nicht darlegen, sie setzt ihn viel- 
mehr als gegeben voraus. Ihre interpretation begleitet den lauf der 
erzählung, wie schollen den text, dem sie dienen. Die einzelnen 
abschnitte schrieb sie, wie die beschaff enheit ihres manuscriptes aus- 
sagt, an verschiedenen tagen nieder. Yor widerhokmgen in wort und 
gedanken brauchte sie sich nicht zu hüten. Ihr kam es allein darauf 
an, bis zu den verborgensten gedanken des dichters vorzudringen und 
ihm in ihrer auffassung des gelesenen ein bild seiner Schöpfung zurück- 
zugeben. 

Arnim hat, wie ein paar züge seiner feder verraten, die blätter 
in der band gehabt. Er teilte sie den freunden in Kassel mit, von 
denen Wilhelm im begriffe war, eine recension für die Heidelberger 
Jahrbücher zu verfassen. Wilhelm Grimm erkannte den wert dieser 
unmittelbar persönlichen art der erklärung und ausdeutung des romans 
an, und er richtete auf der von Bettina geschaffenen grundlage seine 



zu DEN KL. SCHRIFTEN DER BRÜDER GRIMJI 177 

eigene anzeige auf. Es kann jetzt jedermann feststellen, was Wilhelm 
Grimm beibehielt, und was er eigenes hinzufügte. 

Es ergeben sich eine anzahl Verbesserungen für den gedruckten 
text. In Wilhelm Grimms Kleineren Schriften 1, 302 ist „Keimen"' in 
„Keime" oder „Keim" zu ändern. S. 30-4 lese man „streckt" anstatt 
„streckte"; gleich darauf ist der name „Alma" ein druckversehen für 
„Anna". S. 306 bietet die Heidelberger anzeige „Mit dem eintritt des 
bergmanns nimmt die grundfarbe der erzählung die erdfarbe au, auf 
der die gestalten hineinblitzen'', während nach Bettinens niederschrift 
„grund" und „herumblitzen" herzustellen ist. Wahrscheinlich auch 
s. 308 „geheimnisvoll eisernes gefängnis", nicht „geheimnisvolles eiser- 
nes gefängnis", und wenig später „erzogen" anstatt „gezogen". S. 309 
„in der mitte des lebens verschwunden", nicht „in die mitte des lebens 
verschwunden". 

Wichtiger erscheint es jedoch die allgemeineren gesichtspunkte für 
Wilhelm Grimms benutzung des ihm vorliegenden manuscripts zu ge- 
winnen. Für Bettina gab es bei ihrer einsamen niederschrift nur zweier- 
lei: die persönlichkeit Arnims und seine dichterische Schöpfung, ohne 
jede nebenbeziehung. Wilhelm Grimm dagegen musste ausserdem noch 
das gelehrte lesepublikum ins äuge fassen, dem er wissenschaftliche 
und gewissenhafte auskunft schuldete. Seine aufgäbe bestand darin, 
dem anzuzeigenden werke sowol innerhalb der allgemeinen litterarischen 
als auch innnerhalb der individuellen entwicklung Arnims die Stellung 
zu bestimmen. Diesem zwecke dient die von Grimm vorgeschobene 
einleitung (s. 298 — 300) und der angehängte schluss (s. 309 — 310). 
Auf der zwischenliegenden strecke ist Bettinens betrachtung ausgiebig 
und zum grösseren teile wörtlich benutzt. Er gab aber das perikopen- 
hafte seiner vorläge zu gimsten einer fortlaufenden beurteilung des 
Inhalts auf, was ihn nötigte, einzelnes fortzulassen, zu ergänzen oder 
anders zu gruppieren. Bettinens liinweis auf Goethes lieder im Wil- 
helm Meister schwächte er ab; er folgte aber ihrer andeutung über den 
mutmasslichen inhalt des nächsten bandes, ob er gleich stilistisch sie 
anders fasste. Sein eigen ist dagegen die im ganzen nicht beifälhge 
kritik über Arnims einmischen geschichtlicher dinge und personen in 
die dichtung, vor allen des kaisers Max, Fausts und Luthers. 

Wir dürfen also sagen: in der Heidelberger anzeige der Kronen- 
wächter ist die ästhetische erschliessung der dichtung von Bettina; die 
litterarische, historische und persönliche kritik von Wilhelm Grimm. 

BERLIN. REINHOLD STEIG. 



178 KATJFFMANN 

BEITEÄGE ZUE QUELLENKRITIK DEE GOTISCHEN 
BIBELÜBEESETZUNG. ^ 

3. Das gotische aiatthäuseYaiigeliiim und die Itala. 

Die von mir herangezogenen griechischen handschriften ver- 
sagen auch bei den stellen den dienst nicht, welche in den honiilien 
des Chrysostorans nicht citiert sind. Es handelt sich um die bisher 
ganz oder teilweise nicht berücksichtigten verse Matth. 5, 25. 26. 30. 
6, 18. 8, 7. 8. 10. 11. 13. 19. 20. 21. 28. 29. 30. 31. 34. 9, 7. 10. 
11. 12. 15. 19. 22. 34. 11, 4. 25, 38. 39. 40. 44. 46. 26, 65. 
27, 1. 2. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 42. 43. 44. 51. 57. 58. 59. 60. 65. 
Durchweg geben die der gruppe EFGHSÜV angehörenden griechischen 
Codices den Wortlaut der gotischen Übersetzung. Nur vereinzelte stellen 
bieten zu beraerkungen anlass, w^eil sie widerholt zum beweise dafür 
herangezogen worden sind, dass Wulfila neben einer griechischen bibel- 
handschrift auch noch eine oder mehrere lateinische texte bei der arbeit 
eiogesehen habe. 

Nach allem was bisher vorgebracht worden ist, handelt es sich 
dabei um die Itala in jener oberitalienischen recension, welche durch 
den cod. Brixianus (f) und den cod. Monacensis (q) vertreten ist. 

Den codex Brixianus (YI. saec.) findet man jetzt bequem zugäng- 
lich in der neuen englischen Yulgataausgabe gedruckt. Die Münchener 
handschrift liegt vor in der ausgäbe von J. Wordsworth, Old-latin 
biblical texts (Yol. III). Oxford 1888. 

Gegenüber den so häufig ins feld geführten einzelnheiten, in 
denen diese textform mit der gotischen sich deckt, muss auch einmal 
festgestellt werden, dass auffallende abweichungen in nicht geringer 
zahl daneben bestehen. Das dürfte an sich schon die annähme der 
benützung von cod. Brix. Monac. oder einer ihrer vorlagen (aus dem 
4. jh.) wenn nicht ansschliessen, so doch in hohem grad erschweren. 
Denn Avie soll man sich es vorstellen, dass der Gote eine handschrift 
zu rate gezogen habe, die ihn zum mindesten in textkritische Streit- 
fragen verwickeln musste, für deren lösung kaum befriedigende auf- 
schlüsse zu gewinnen sein dürften? Yon den auffallenderen abwei- 
chungen der lateiner hebe ich nur die folgenden hervor: 

5, 15 jah liuhteij) — ut luceat 
25 jah ni — quam 
39 allis, peina — fehlen. 

1) Vgl. Zeitschr. XXIX, 306. XXX, 145. 



BEITRÄGE ZUR QUELLENKRITIK DER GOT. BIBELÜBERSETZUNG 179 

40 staiia — iuclicio conteudere 

5, 41 rasta aina — mille passiis 
45 unte — qiii 

6, 24 unte jabai — aut enim 

25 raaurnaij) — cogitetis vgl. 27. 

29 Saiilauinon — Salomon 

8, 4 Moses — Moyses 

30 fairra — non longe 

3.3 bi paus daiinonarjans — et de bis qiii daemonia habebaut 

9, 14 filu — frequenter 

17 bij)eh {)au jah — • et 

18 })atei — domiue 

19 jah sipoujos is — cum discipulis suis 

20 blo{)arinuandei — quae sanguinis fhixum patiebatur 
28 taujan — facere nobis 

10, 23 Israelis — Isdrael 
24 skalks — servo 

35 jah bruj) wi|)ra swaihron izos — fehlt 

11, 2 bi siponjam seinaim — discipulos suos 

26, 67 lofani slohun — palmas in faciem ei dederunt 
71 Nazoraiau — Nazareno 

27, 5 usbaihah sik — ■ laqueo se suspendit. 

Wo die griechische Überlieferung zum gotischen text in den ein- 
führungsformeln der redenden nicht ganz genau stimmt (8, 25. 
26. 9, 14), ist mit individuellen Schwankungen eines flüchtigen Cle- 
ments zu rechnen. Auch der bestand an formwörtern ist in unserem 
fall nicht ausschlaggebend. Einer rechtfertigung bedürfen dagegen die 
folgenden fälle. 8, 32 «7/« so hairda — jtäaa fj aytkT^ twv xoiqcov 
(=8, 31) ESUY: der vergleich mit den parallelstellen Luc. 8, 33. 
Mc. 5, 13 ergibt sofort die erklärung für die gotische fassung; dasselbe 
gilt für 27, 42 im vergleich zu Mc. 15, 32. V. 8, 33 beruht offenbar, 
wie längst angenommen worden ist, auf einem lesefehler (des Über- 
setzers bezw. des Schreibers seiner vorläge) KAITA > KATA. 9, 16 
nute afnimip fullon — (xlqel yao tö jrlr^Qioaa avtov (gl. Mc. 2, 21): 
die parallelstelle beweist, dass is vom abschreiber übersehen ist und in 
den text eingesetzt werden muss; ebenso ist zweifellos 25, 43 gasts 
was zu lesen. 27, 49 entspricht nasjan dem gotischen Sprachgebrauch; 
doch liegt es näher zu vermuten, dass der Übersetzer oajoai in seiner 
vorläge gefunden haben dürfte. Auffallendere ab weichungen liegen 
nur in den noch übrig bleibenden fällen vor: bi sunjai gups simiis 



280 KAUFFMANN 

ist sc — dl7]»iüg dtov iHOQ i]v uhoQ 27, 54; Mc. 15, 39 hat aucli der 
Güte was geschrieben : der cod. Brixianus der Itala stimmt Mth. 27, 54 
mit der gotischen übersetznng überein: ^man wird dieses vereinzelten 
beispiels wegen nicht darauf verfallen, einen urkundlichen Zusam- 
menhang zwischen beiden Versionen zu construieren, zumal von andern 
belegen abgesehen auch Augustin und Vigilius von Tapsus das präsens 
gebrauchen. Die Verbreitung der form schliesst aber auch willkürliche 
änderung auf selten des gotischen Übersetzers aus; es bleibt nur die 
annähme, dass in seinem griechischen text abweichend von den übrigen 
byzantinischen zeugen ioriv gestanden habe. Was die Übereinstimmung 
von jah mik ik manna im liabands uf ivaldufuja meinamuia gadrmüi- 
tins 8, 9 mit den worten nam et ego horno sum liahens sub potesta- 
tem nieam milites des cod. Brix. betritft, so ist sie vielleicht zufällig, 
denn die parallelstelle Luc. 7, 8 lässt vermuten, dass im gotischen Mat- 
thäus (jasatids ausgefallen sei. 

Nun haben Bernhardt Bangert Marold (Germ. 26, 159) behauptet, 
die lesart du staiiai gataulmus warp Mth. 27, 3 gehe nicht auf 
griechisch xcaeyiQii^'^j zurück, sondern auf die worte ad Judicium 
ductus est, die wie im cod. Brix. so in einer lateinischen iiandschrift 
des gotischen Übersetzers gestanden haben müssten. Hiergegen ist 
zu bemerken, dass auch in andern altlateinischen Übersetzungen kei- 
neswegs gleichmässig verfahren worden ist und dass der Gote offen- 
bar die bedeutungsnüance hervortreten lassen wollte, die dem Zusam- 
menhang der stelle entsprach. 27, 2 hatte er gesagt: gahvndan- 
dans iiia gatauhun jah anafulhun ina Pauntiau Pilatau kindina 
und erst 27, 11 fgg. beginnt die gerichts Verhandlung. Diese stelle ist 
also so wenig wie alle andern geeignet und ausreichend dafür, es 
auch nur wahrscheinlich zu machen, dass Wulfila neben seinem grie- 
chischen codex einen oder mehrere lateinische Codices bei der Über- 
setzung zu rate gezogen habe. Wenn dies so sich verhielte, müsste in 
ganz anderem masse als dies tatsächlich der fall ist, die summe der Über- 
einstimmungen sich steigern und die der abweichungen sich vermindern. 
AVie das anklingen an die lateinische Übersetzung zu erklären sein 
möchte, darüber werde ich später zu handeln haben. Das ist eine 
frage, die erst bei der erörterung der über Setzungstechnik erledigt 
werden wird^. 

1) Nacliträgiicli beiichtige ich ein mir aus anlass vou 6, 11 untergelaufenes ver- 
sehen: es war zu imovauov die von Chrysostomus gegebene deutuug anzumerken: 
jovTtan Tov hpr'ji.ieQov; da diese worte jedoch von Tischendorf zu 6, 11 ausgehoben 
sind, war wol kein missverständnis über meine auffassung möglich. 



BEITHÄGE ZUR QUELLENKRITIK DER GOT. BIBELÜBERSETZUNG 181 

4. Die griechische Yorlage des gotisclieii Johaiiiiesevaiigeliums. 

Nachdem ich im einzelnen den beweis dafür geliefert habe, dass 
wir für die aus dem Matthäiisevangelium erhaltenen bruchstücke den 
in Constantinopel üblichen text zu gründe legen müssen, daif ich mir 
wol die freiheit nehmen, im verlauf der darstellung ein abgekürztes 
verfahren einzuschlagen. 

Es hat sich herausgestellt, dass wir den in den homilien des 
Johannes Chrysostomus vorliegenden bibeltext und wo er fehlt die 
durch die jüngeren byzantinischen Codices EFGHSUV vertretene recen- 
sion in erster linie heranziehen müssen, wenn wir die griechische vor- 
läge des gotischen Übersetzers uns veranschaulichen wollen (Ztschr. 30, 
180). 

Daran werden wir uns also auch zu halten haben, wenn wir der 
frage näher treten, wie es um die griechische vorläge zum Johannes- 
evangelium bestellt gewesen sein möchte. Es ist von vornherein durch- 
aus nicht zu erwarten, dass mit der lösung, die wir für das Matthäus- 
evangelium gefunden zu haben glauben, die fragestellung für die übrigen 
evangelien sich als überflüssig erweise. 

Behufs entscheidung der frage nach der (griechischen) vorläge des 
gotischen Johannesevangeliums fällt in erster linie ins gewicht, dass 
cap. 7, 53 und cap. 8, 1 — 11 (die geschichte von der ehebrecherin) 
fehlen. Hieronymus contra Pel. II, 17 coustatierte: in evangelio secun- 
duni Johannem in multis graecis et latinis codicibus invenitur de 
adultera muliere quae accusata est apud dominum. Augustin de 
coni. adult. II, 7 hat sich im jähr -419 dahin ausgesprochen, dass in 
den bibeln der ketzer unrechtmässiger weise jener passus fehle: 
infidelium sensus exhorret ita ut nonnulli modicae fidei vel potius 
inimici verae fidei, credo metuentes peccati impunitatem dari mu- 
lieribus suis, iliud quod de adulterae indulgentia dominus fecit auf er- 
rent de codicibus suis. Sehr beachtenswert ist der umstand, dass 
auch der bibeltext des Ambrosius mit dem des Hieronymus und Au- 
gustin in diesem fall sich deckt (vgl. Sabatier zu Ev. Johannis cap. 8; 
die lateinischen codd. werden besprochen von Wordsworth- White, die 
griechischen von Tischendorf au den entsprechenden stellen). Yon den 
griechischen kircheuvätern dagegen kommt neben Origenes namentlich 
Johannes Chrysostomus in betracht: seine textunterlage ist auch 
in diesem punkte dieselbe wie die der gotischen bibel. 

Dieser wichtige anhält gibt uns das recht für die gotischen frag- 
mente des Johannesevangeliums wider die predigten des Johannes Chry- 
sostomus heranzuziehen. Sie sind zugänglich gemacht in Migne's Patro- 



182 KAUFFMANN 

logie (Series graeca toiii. 59), die den von Montfaucon edierten text 
wideiiiolt. Ich bemerke jedoch, dass eine kritische ausgäbe fehlt, dass 
infolge dessen wol nicht die bibelcitate der homilien, sondern die hand- 
schriftengruppe E F G H S ü \^ in den Vordergrund zu stellen sein wird. 
Die Sachlage steht also mit andern werten nicht so günstig wie für 
das Matthäusevangelium ^ Ein so ausgezeichnetes hilfsmittel wie die 
Fieldsche ausgäbe müssen wir entbehren, was um so empfindlicher 
wirkt, als vollkommen zuverlässige und erschöpfende collationen jener 
jüngeren byzantinischen bibelhandschriften immer noch nicht vorliegen. 
Trotz dieser widrigen umstände ergibt jedoch eine sorgsame textver- 
gleichung, dass auch für das Johannesevangelium dem Goten keine 
andere recension vorgelegen haben kann, als die bereits für das Mat- 
thäusevangelium erwiesene. Die charakteristischen fälle sind so zahl- 
reich, dass ich mich nicht veranlasst sehe, die texte in dem umfang 
auszuschreiben, wie das beim Matthäusevangelium geschehen ist. Ich 
halte mich für befugt mit der nachdrücklichen constatierung jener tat- 
sache die bisherigen ergebnisse der quellenkritik zu stützen und zu 
erweitern. Eine auswahl von belegen lasse ich im nachstehenden 
folgen: 

5, 16 Mose — Mojafj B.U yl 

47 galaubjaip — ytiocsvotpe GSChrys. 

6, 1 1)0 Galeilaie jah Tibairiade — rfjg FaXilctiac, /.al rfjg Tiße- 

Qiadog V. 
2 jah laistida — 7.at rjVMlovd-yjöEv F. taiknins — atj/tiela ^vi. 

7 iFarjizuh — r/Morog Chrys. 

8 qap — rpr^alv Chrys. 

9 magula ains — jtaiöäqiov Vv EFGHSUY^ 

10 il) — de EFHSUV^/. I)aruh — ow JJ yl 

11 awiliudonds gadailida — EvyaQiOTi]aag ditöcoAEv EFGHSÜV^ 

paim anakumbjandam — ToXg dvay.eii-dvoLg Chrys. 

14 lesus — 'Ir^oovg EFGHSUY^ 

15 tawidedeina ina — 7rorjyrTOj(j<r a^roj' EFGHSUV^. aftra — 

7t all V yL 
22 seh''un — fXdov Chrys. alja ain — ei f^tt) Vr Chrys. 
24 gastigun — h'^ßtjoav S 
27 ak mat — dlla tt)v ßgaiotv SUY^Chrys. 
36 |)atei — ort yi. gaselyu|) mik — HOQif/iaTi (.le EFGHSÜV^r/ 

1) Das bleibt bestehen aiich wenn wir die das Joliannesevangelium enthaltende 
bibelhandschrift, die von Tischendorf mit A bezeichnet worden ist, noch heranziehen. 
Öie gehört niit den codd. EFGHSUV aufs engste zusammen. 



BEITRÄGE ZUR QUELLENKRITIK DER ÜOT. BIBELÜBESETZUNG 183 

6, 40 sandjandins — jctuü'avio^ EGHSY^ifChiys. in — Iv SU 

Chiys. 

43 l3an — o'vv EFGHSUV^ 

44 atta — 7tazi]Q EFHSÜV 

45 nu — oiv EFGHUV^ 

46 attin — Ttarqöc, Chrys. attan — 7caih^a Cliiys. 

51 I)atei ik giba — '^^v lyCo diooio EFGHSUV^Chrys. 

54 iu — h SY^ChiTs. 

55 bi simjai — cdijd^wg EGHSUY^ 

58 izwarai manna — {{.lojv xb ndvva EFGHSU V^Cluys. 

63 rodida — lekaXyivxi UCbrjs. 

65 meinamma — uov EFGHSU N^^Cliiys. 

68 I)anub — olv EFHSV^/ 

69 Xristus simiis gu])s libandins — Xqtoibg u v'ioc: cov O^eov tov 

UovTog EFGHSüV^Cbiys. 

70 lesiis — ^hjoovg U 

71 Iskariotu — ^lo/.aQiiocov G 

7, 1 jab ... afar l)ata — y.al ... ueto. xavia EFHSÜ Y^Cbiys. 
3 1)11 — öv G 

8 diill) 1)0 — toQiiiv TavTfjv EFGHSUV^ 

32 {)an — ovr U. audbalitans |)ai fareisaieis jali pai auliumi- 
stans gudjans — i/irjQtvag oi rpagiaalot /.cd oi ccQyieoelg 
EHSVv/. 

35 du sis misso — fCQÖg dll/.loig G. bigitaima — ecqi'joojuev Hyl 
50 saei atiddja da imma in nabt — 6 i?.d^ojv rtqbg avvbv vva- 

TÖg Ü 

8, 12 gaggi|) — 7tEQL7iaT)]ou EHCbiys. 

14 il) jus — hieig de EGU.^. ail)t)au — rj U^ 

20 rodida — flähiOEv Cbrys. 

21 lesus — ^IfjGovg Cbiys. 
26 rodja — lalw UCbiys. 

36 frijans briggi}) — eleod-egioaeL H 

38 jab jus — /mI t-ueig Cbiys. ])atei . . . |)atei — o . . . o E F 

GHSTJV. bausidedu|) — tf/MvaaiE Cbrjs. 
44 rodeif) — laM HU 

50 ik — eyto Cbiys. 

51 gasaibij) — d-EcoQi.OEL Cbrys. 
53 I3u — ÖV EFHSU.Z/ 

9, 8 bidagwa — TVQoaalxyg Chrys. 

9 ij) is — 8/.eh'og de U 



184 KAUFFÄIANN 

9, 11 gagg afj)wahaii in I)ata swumfsl — v/caye viiliai dg tijv xo- 
Ivf.ißt'jd^Qav Cbrys. 

31 giij) frawaurhtaim - d^wc. af.taQicoXcbi' A Chrys. 

10, 3 haitil) — mlü EFGHSU.^ 

7 attra du im — icäXiv avcöic, EFGSU 

8 qemun — f^Uor EFGSUChiys. 
10 i|) ik — syco de Cbrys. 

16 wairpand — töovzaL Chrys. 

23 Saulaumonis — ^olof^iüvog EFG^i 
26 unte ni — ort ovx Chrys. 

29 1)0 — avzä Chrys. 

36 wajamerjau — ßlaarfTji-iw Chrys. 

39 sokidedim ina aftra — eCrjcovv avcdr /cdXiv EGHSU^:^ 
41 Johannes — ^hoccvvr^g Chrys. 

11, 3 is — avTov S 

9 gaggi|) — TtegiTcarel EH^ 

12 |)ai siponjos is — oi ^lad^Tqval avcou EGHSUv/ 

21 ni paii gadaiipnodedi bropar meins — ou/i av d/ciU^apev ö 

dÖEl(p6g iiov Chrys. 

30 was nauhpanuh — fjv azi F 

32 Marja — Mdgia EFGHSU^ 

44 handuns jah fotuns — rat; xeiQag /mI Tobg /codag vi 

12, 1 Jesus — UfjGovg EG 

4 Judas Seimonis sa Iskariotes — ^loi'öag ^{/.novog 6 ^loxaQuh- 
TTjg E 
18 iddjedun gamotjan — vTtrjvii^osv EH^ 
20 sumai piudo — Tivsg cCov elX/jvtup Chrys. 

22 jah aftra — /.al 7idliv EFGSÜ 
26 paruh — I/leI yl 

32 af airpai — dub xTjg yfjg Chrys. 

34 J)atei — ort U A. lyas ist sa sunus mans — rig sativ oörog 
6 viög Toü dvd^QiOTtov HSU^Chrys. 

37 swa filu — Tooavra G 

40 ganasidedjau — ldoioi.iai U 
47 galaubjai — Ttiozevoi] S 

49 sah — o^rog G. syisivog Chrys. 

13, 12 jah — xat E F GH SU.^ Chrys. anakumbjands — dra^csowv 

EFGSU^ 

13 laisareis jah frauja — 6 öiddo/Mlog yial 6 xvQiog SU (vgl. 14). 

17 J)ande — orav ¥. tauji|) — 7C0iuxe S Chrys. 



BEITRÄGE ZUH QUEIXENKRITIK BER GOT. BIBELÜBERSETZUNG 185 

13, 30 wasuh J)an nahts J)an galaif) ut — fjv öe vv'^ ots i^r]ld-ev \J A 

Chrjs. 

31 qa{){)an — l^yei olv U 

33 mel — • xqövov Chiys. 

36 ik — eyib SUChiys. laisteis — d7to/.olovÜ^t^aEiQ Chiys. 

14, 3 mauwja — txoi(.iaGio EG. Ijaruh sijuj) jah jus — /.al vj-ielg 

e/,el eIte Chrjs. (G) 

11 ni galaubei|) — firj tvlotevete G 

12 attiü — naxLqa Clirys. 
14 mik — iii EHU 

20 jus (1) — vixElg EGHSUv/ 

22 Iva — XI — Chiys. 

28 gagga — tto^evo^iui Chiys. 

16, 4 gamuneij) — f.ivrji.iovEVEXE E^ 
7 izwis qil^a — tjäv Xeyco Chiys. 

13 hauseip — a/.ovGEi EH 

16 nauh jah ni — xat ovv. l'xi Cliiys. 

20 jus — vf.iE~ig A 

21 bairij) — xi/aEi A 

22 auk nii — ovv vvv Chrys. 

32 nu — vCv EFGHSÜ^ 

17, 3 kunneina — yivcüGKcuaiv EFHSU 

4 ustauh — exElEuooa EF GHSU^Chrys. 
11 wit — fiiiElg EGH^ 

18, 1 Kaidron — KtÖQcov S 

2 gaiddja — avvrjx&rj ü Chrys. 
6 patei — oxl ESU^. 

17 i|) is — (5 ÖS Chrys. 

20 sinteino — TidvioxE EFGSUv^ 
25 i|) — o^v EG^ 
28 maurgins — Ttgtota E GH S Chrys. 
32 fraujins — -üvqiov Chrys. 

34 andhof — d/tEy-Qivaxo U. abu {ms silbin — drcö aauxov 

Chrys. 

37 ik ik — eyco eyd) EGHSU^ 

39 ei — iva U 

40 allai — rvavxsg EHS^Chrys. 

19, 2 ana — eVr/ GU 

11 aihtedeis — eixeq EGHSU Chrys. 
Neben der breiten zone von Übereinstimmungen läuft nun aber ein 



186 KAUFFMANN 

schmaler saimi von differenzen. Deutlich sind einzelne gruppen zu 
erkennen. 

1) In den einführungsformeln der redenden personen deckt 
sich die gotische Übersetzung nicht immer mit den genannten byzan- 
tinischen handschriften. 

6, 20 qaj) — ILyEi aviolc. 
80 qejjun — dnov ovv 
1, 16 andhof pan — anEAQid^ri ovv avioic, 

8, 12 aftra du im ... rodida — näXiv ovv aviolg ... sldlijoev 
25 jah qaj) — etrcev 

9, 12 i{) is qaj) — XiyeL 

25 andhof jains — d/cE-^^qld^ij eAEivoc. xal drcev 

26 |)anuh qepun aftra — uttov da avuT jcdXiv 

28 J)anuh lailoun imma jah qel)un — iXoidoQTjoav avTÖv Aal 

eiTtov 

10, 25 andhof — d7tE/.QL&7j advolg 

33 andhof un — dTzeyiQLd'TjOav . . . XäyovcEq 

11, 7 paproh pan ... qaf) — l'/rEira ... ei/cev 
25 qaj) |)an — Ei/tEv öi ccvrf] 

29 ip jaina — skeivi] 

13, 36 I)aruh qa|) — XeyEi 

andhafjands . . . qaf) — drtEAQidy] 

37 |)aruh . . . qaj) — XlyEc 

38 andhof — d/VEAQid^i^ avKo 

14, 5 paruh qa|) — llyEL (vgl. 9. 22). 
8 ip ... qapuh — läyEi 

16, 29 paruh qepun — Xeyovaiv auro) 
18, 5 andhatjandans . . . qe|)un — djcEy.Qid-rjOav 
paruh qaj) — ItyEL 
23 andhof — d/tEXQid^tj avTio 

37 andhafjands — dnEAQi&iq 

38 paruh qa|) — leyEi 

Wol liesse sich in einem fall jene, im andern fall eine andere 
griechische (oder lateinische) handschrift beibringen, die genau die 
gotische Wortfolge bietet, aber dass wir damit einem unberechtigten ver- 
fahren huldigen würden, geht daraus hervor, dass ein beträchtlicher 
rest bliebe, für den jedweder versuch einen beleg zu beschaffen sich 
als vergeblich erweist. Das wesentliche dieser gruppe ist die formel- 
haftigkeit und diese erklärt und entschuldigt zugleich das verhalten des 
einzelnen autors. — Hieher gehört zweifellos auch der schwankende 



BEITRÄGE ZUR QUELLENKRITIK DER GOT. BIBELÜBERSETZUNG 187 

gebrauch in der Verwendung des namens lesus: er fehlt z. b. 11, 45, 
erscheint 12, 9; aus diesen und ähnlichen fällen ist nichts für die 
abhängigkeit des Übersetzers von diesem oder jenem text zu gewinnen. 
2) Für jede bibelhandschrift muss ein gewisser Spielraum gelassen 
werden im gebrauch der formwörter (artikel, pronomina, partikeln). 
Es ist unmöglich, eine feste richtschnur des usus zu finden; es ist also 
unbillig, an die gotische fassung strengere anf orderungen zu stellen wie 
an die übrigen bibeltexte. Man wird im allgemeinen ohne Aveiteres 
voraussetzen dürfen, dass dem Übersetzer der ihm eigene bestand von 
seiner unmittelbaren griechischen vorläge geliefert worden ist; ich ver- 
zeichne fälle wie: 

6, 21 eis iddjedun — vTtfjyov 

58 i]) saei matjij) — 6 TQwycov 

7, 3 siponjos — (.lad^iqTai aov 
8 i|) ik — lycü 

23 i|) mis — tf.wt 

29 ij) ik — iyio 

33 jah pan gagga — • y.al vTidyto 

8, 15 i{) ik — iyco 
23 i|} ik — syio 

46 ni galaubeif) — vfXEig od jxlotevexe 

9, 6 gasmait imma — tTxiyQioev 
7 galaif) — d/cfjld^ev ovv 

11 i{) ik — oi)v 

15 qaj) jah |)aim — ditEv aörolg 

18 is blinds — xvcpXög, 

19 lyaiwa — yrwg ovv 

40 {)ize fareisaie sumai — £z rQv (paqioaiwv 

10, 29 ni aiw ainshun — ovöeig 

30 atta meins — Ttat/jQ 

31 nemun — ißdoraoav ovv 

11, 6 swe — cog ovv 
13 |)atei is — ovi 

16 I)aini gahlaibam seinaim — rolg Gvi-iuaS^t^rala 

31 prafstjandaus — y.al 7caQaf.ivd^ovf.iEvog vgl. 12, 12 gahausjan- 

dei — VML dv.ovöag 
35 jah tagrida — idd/.Qvaev 
42 jah pan ik — iyw öe 

12, 21 J)ai — ovToi. ovv 

13, 13 waiia — /.al /.aliög 



1 



188 KAUFFMANN 

20 ik insandja — Tttf-ufui) 

29 sumai — vivfg yäq 

13, 32 jabai nu — d 

34 ik frijoda — iiymtt^aa 

14, 3 jali pau jabai — xa/ lav 

7 jab pan — xa/ 

8 Jjatub — Aal 

17 is ... wisij) — liivu 

21 jah pan — ■ dt 

30 qimi]) — tqyßiai yÜQ 

15, 5 i|) jus — ty/etg 

7 aj)|)an jabai — idv 
14 |)atei — ocra 

24 gaselrun mik — koQaAaaiv 

16, 4 so l^eila ize — jy w^a 
17 ei — /.al 

17, 1 ei — iva Aal 

11 iii I)anasei|)s — xal ovaItl 

20 ak — aXka yial 

23 jah — '/.al %va 

18, 4 usgaggands ut — i^eXd-wv 
10 sah pan — Je' (vgl. 40) 

17 jaina Jiwi — ^ Ttaidlamj 

18 jah l3an was — ?jv de 

24 |)anuh insandida — aTtlozEilev 
33 galaij) — eIgTiXS^ev o-^v 

19, 4 atiddja — l'^fjld-Ev ovv 

5 sai ist (so ist zu lesen!) — ]!d£ vgl. 1, 29. 

8 bif)e — OTE otjv 

Da wir über die specifische bedeutung der einzelnen partikeln 
noch sehr wenig unterrichtet sind, wird auch die Übersetzungstechnik 
nicht in allen fällen entscheiden können, wo gotischer Sprachgebrauch, 
wo anschluss an die vorläge postuliert werden muss. 

Sehen wir von den bekannten differenzen im tempusgebrauch 
(präsens historicum und verwandte erscheinimgen) ab\ so handelt es 
sich zunächst 3) um einige wenige fälle, wo wir zweifelsohne mit ver- 

1) weneip — yjXn/xara 5, 45 erledigt sich durch den hinweis auf 1. Cor. 15, 19. 
Wahrscheinlich ist auch von gaf 6, 32. 37 — St'^watv (vgl. Luc. 10, 19), gasaibip 
14, 7 frijoda, 14, 31 sivegneid Luc. 1, 47 u. ähnl. kein aufhebeus zu inachen. 



BEITRÄGE ZUR QUELLENKRITIK DER GOT. BIBELÜBERSETZUNG 189 

sehen auf selten unserer gotischen Überlieferung zu rechnen haben. 
Dass wir damit operieren dürfen, ist dm*ch den dem abschrelber an- 
heimfallenden ausfall eines ganzen verses (6, 39) nahe gelegt. 

6, 15 ist zu lesen U'ihvau ina — ctQnaCEiv aiiov 

7, 12 „ „ „ icas hi ina — fiv jxeQi avzov 

8, 16 „ „ „ jappa7i — /mI de 

11, 34 „ „ „ lagidediip — Ted-sixaTe 

14, 23 „ „ „ waurcl (statt jah ivard) — vgl. v. 24. 
18, 38 „ „ „ aftra galaip ut (vgl. 19, 4). 

15, 16 xat e&7]/.a v/iiäg fehlt offenbar aus versehen. Weniger wahr- 
scheinlich dünkt mich die annähme eines ausfalls 10, 18, wo überlie- 
fert ist: ni Ivashun nimip po af mis silbin. tcaldufni haha aflagjan 
po. Die herausgeber nehmen an, dass eine zeile ausgefallen sei, aber 
ich bin zweifelhaft, weil wir bei Chrysostomus (s. 330) ausdrücklich zu 
hören bekommen: evtiojv ovv otl ovöeig avvrjv aiqei ajt' eiiov tote 
STtr^yayEv ^Eiovoiav }!%io d^Elvai Trjv rlwyjjv f.iov, TOVTioriv, ^Eyw fiövog 
eIliI y.iQiog tov d^Eirat avrt'jv. 

4) Eine weitere kategorie von gotischen besonderheiten ist auf 
einwirkung von selten der parallelstellen zurückzuführen. 

6, 26 taiknins jah fauratanja = or^f-iEia '/.at TagaTa Joh. 4, 48. 

7, 15 sildaleikidedun manageins vgl. Bernhardts note. 
7, 39 ahma sa weiha ana im = Acta 19, 6. 

9, 17 pamma faurpis blindin = 9, 13 tov tiote Tvrplov 

10, 29 patei fragaf mis = 6, 39 o öedco/Jv /noi; dazu 17, 24. 

11, 11 akei gaggan = 11, 15. 

13, 38 kunnan = Eldevai Luc. 22, 34. 

14, 23 salipwos = f^iovai 14, 2. 

15, 2 akran gof) ^= -/mquov '/.uköv Matth. 7, 19. 

16 du aiwa = Eig tov altZva 14, 16 u. ö. 

16, 6 gadaubida = titwqcooEiv 12, 40. 

17, 11 panzei atgaft mis = ovg dtdcoy.dg (.lOi 12. 

17 in sunjai = ev dliq&Eiq 19. 

5) Auf andere handschriftengruppen als die bisher für mass- 
gebend erwiesenen werden wir durch folgende sieben verse geführt: 

11, 41 parei was — oi) ffv b TES^vr^/.tbg y.Eif.iEvog : oi fjv AKII 

12, 32 alla — Ttavcag EFGHSU^ : Ttavra Sin D 

35 in izwis — i-ieO-' t'^wj^ EFGHSU^ : ev v^äv SinBDKLMXJT 

13, 18 h^arjans — ovg : Tivag SinBCLM 

14, 30 bigiti|) — tyn : ev^tjöel KII 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOÖIE. BD. XXXI. 13 



190 KAUFFMANN 

17, 7 ufkun[)a — t'yvcoyiav : i'yvwv Sin; beachte übrigens die werte 
des Chrysostomus Tivig [.lev yccQ llyovoiv otl vvv lyvcov . . . 
(s. 438). 
17, 8 nennm bi sunjai — t'Xaßov vmI tyvwGav dXi'jd-iog : l'Xaßov dXi]- 
^wg Sin AD 
Da es sich jedoch 11, 41. 17, 8 möglicherweise um auslassungen 
handelt, sind die stellen quellenkritisch ohne bedeiitung. 

6) Yon besonderem interesse ist nun aber, dass wir genau ent- 
sprechend dem aus anlass des Matthäusevangeliums geschilderten Sach- 
verhalt auch im Johannesevaugelium sichere spuren finden, die zur 
lateinischen bibel hinüberleiten. Es ist hier wie dort eine kleine 
gruppe von personen- und Ortsnamen, deren Orthographie die deutlich- 
sten fingerzeige gibt. Kafarnaum im Johannesevangelium ist genau 
ebenso zu beurteilen wie im Matthäusevangelium: es ist die der latei- 
nischen tradition gemässe form, die wir bestimmt nicht dem gotischen 
Übersetzer, wol aber dem Schreiber unsrer hanrlschrift anzurechnen 
haben (Zeitschr. 30, 182). Ganz ebenso wie bei den doppelformen 
Matpaius : Mappaius (Zeitschr. 30, 182) steht die sache mit Iskariotus : 
Skariotus (13, 26) im Johaunesevangeliiim. Jenes ist die dem Übersetzer 
mit der byzantinischen bibel gemeinsame form; Skariotus ist erst durch 
den an die lateinische namensform des Verräters gewohnten italieni- 
schen Schreiber unserer gotischen bibelhandschrift in den text gelangt. 
Lassen sich nun aber diese dinge noch vollkommen deutlich erkennen, 
so fehlt jeder greifbare anhaltspunkt dafür, dass etwa schon der gotische 
Übersetzer neben seiner griechischen handschrift auch noch ein latei- 
nisch geschriebenes Johann esevangelium verglichen haben sollte. Ich 
verkenne nicht, dass man grnnd zu haben glaubte, dies vorauszusetzen. 

7) Es finden sich nämlich einzelne abweichungen des gotischen 
von dem byzantinischen evangelium, die nur unter zuhilfename latei- 
nischer Codices sich beseitigen lassen. Dass wir dazu nicht berechtigt 
sind, wird meiner ansieht nach durch zwei momente äusserst wahr- 
scheinlich gemacht. 

a) Der fälle sind so wenige und so wenig charakteristische, dass 
die Zuhilfenahme eines lateinischen codex ein übermass von aufwand 
bedeutet, zu dem die leistimg durchaus nicht im Verhältnis steht. Es 
sind folgende belege: 

10, 14 kunnun mik po meina — yn'toa/.ofica vnö xCJv lf.u7jv: cocpio- 
scunt me meae (Itala, Vulgata), wie übrigens auch im griech. 
yivioG~/.ovai f.iE rä tf.id Sin BD L und bei Eusebius, CyriUus, 
Nonniiis. 



BEITRÄGE ZUR QUELLENKRITIK DER GOT. BIBELÜBERSETZUNG 191 

Umgekehrt steht es mit dem vers 
15, 6 gapaursni|) jah galisada — l^TjQccvd^tj y.al ovvdyovoiv: aruü et 
colligent (Latini). 
Fälle dieser art (vgl. noch 16, 21) kommen also in wegfall. 
6, 50 ei saei |)is matjai ni gadaufinai — 'Iva idv nq i^ aviov (pdyt] 
y.al [x^ dfto&di-ty. ut si qms ex eo mandiicauerit non mo- 
riatur (Itala, Yiilgata). 
11, 13 bi slep: iceol zfjg '/,oif.n]Oewg tov v7Tvov; genau deckt sich mit 

der gotischen forniel de somno der Italacodd. ce. 
13, 32 gLi}) haiiheif) ina in sis jah suns hauhida ina — d-ebg öo'^d- 
OEt avTOV SV eavTü) /.al evd-vg öo^aGEi avTOv; Bernhardt 
bemerkt zu dieser stelle: „die auffallende und sinnwidrige 
abweichung im tempus aus clarificavit (für clarificabit)." 
Bernhardt hätte jedoch die stelle in ihrer vollen form be- 
rücksichtigen sollen. Im cod. Brix. steht: et deus clarifi- 
cauit eiim in semetipso et continno clarificauit eum. 
Der für das gotische bezeichnende Wechsel des tempus wird 
also durch den cod. Brix. so wenig als durch eine andere 
handschrift gedenckt; denn auch der von Bangert (s. 12) 
herangezogene Colb. beweist natürlich nichts. Es ist viel- 
mehr auf die parallelstelle Joh. 12, 28 zu verweisen: jah 
haiüiida jah aftra hauhja, unter deren einwirk ung sich 
13, 32 allein vollkommen befriedigend verstehen lässt. 
15, 13 maizein f)izai friaj)wai — {.lEitova Tai'r^g dyaTtrjv: auch in 
diesem fall steht der got. Wortlaut vom griechischen ebenso 
weit ab wie von dem des cod. Brix. mcdore hac dilectione, 
Dass wir nicht befugt sind im üblichen mass und sinn die lat. 
bibel als quellen schrift der got. bibel heranzuziehen, wird durch die 
vorgeführten belege entschieden. 

b) Es ist dies auch deswegen nicht zulässig, w^eil, wenn manlatei- 
nische Codices dem Übersetzer zur Verfügung stellt, immer noch ein rest 
bleibt, der sich auch auf diesem wege nicht beseitigen lässt. Es fehlen 
jegliche parallelen für folgende einzelnheiten der gotischen Übersetzung: 

10, 4 po swesona — zd Xdia ^VQoßaza; vermutlich ist zu lesen: po 

sivesona Jamba. 

11, 4 |)airh |)ata — öl' duzfjg (per eum, per ipsum Lat.). 

11, 38 steina — liS^og 

12, 43 manniska — zwv dv&Qto7tiov (hominum Lat.). 

Auch über diese fälle wird im Zusammenhang der um die tech- 
nik der Übersetzung sich drehenden fragen zu handeln sein. 



192 KAUJFiMANN 

Auch würde die in den betreffenden lateinischen Codices vorlie- 
genden ab weichungen von der gotischen bibel völlig unerklärt bleiben. 
Wie beträchtlich dieselben im Johannesevangeliuni sind, dürfte sich aus 
folgender (keineswegs erschöpfender) liste ergeben: 

5, 45 wrohida — accuset 
46 mis — et mihi 

6, 24 gastigun — ascenderunt confestim 
32 gaf — dat, ebenso 33. 

pana sunjeinan — fehlt. 
36 galaubeil) — credidistis 
46 was — est 

64 ni galaubjandans — non credentes in eum 
69 gups libandins — dei 
71 Iskariotu — Scariotis vgl. 13, 26. 

7, 6 ni nauh ist — nondum advenit 

12 was — de illo erat 

23 i|) mis hatizol) — mihi autem quid indignamini 
53—8, 11 fehlt. 

8, 26 |)ata rodja — et loquor 
59 lyarboda swa — ibat 

9, 6 gasmait imma ana augona J3ata fani pamma blindin — super- 

liniuit super oculos caeci 

15 jah — fehlt. 

17 du f)amma faurl)is blindin — caeco 
32 usluki|) — aperuit 

35 bigat — cum invenisset 

3ü jah inwait ina — et providens adorauit eum 

41 eil)an — fehlt. 

10, 4 po swesona — proprias oves 

6 h^a was patei rodida du im — quid loqueretur eis 

16 ains — et unus 

18 nimif) J)o af mis silbin — tollit eam a me sed ego pono eam 

a me ipso 

36 wajamerjau — blasphemas 

38 ])aim waurstwam — uel operibus 

42 jainar — fehlt. 

11, 11 gaggam — vado 

13 bi slep — de dormitione somni 

28 qam — adest 

29 iddja — uenit 



BEITRÄGE ZÜK QUELLENKRITIK DER GOT. BIBELÜBERSETZUNG 193 

11, 34 lagidedun — posuistis 

41 iup — in caelum 

44 urrann — exiit statini 

12, 10 ei jah — ut 

18 diippe — propterea et 

19 so manaseds — mundus totiis 

35 jah saei — qui 

40 gadaubida = induraiüt 
fropeina — non intellegant 

42 jah — fehlt. 

48 manniska — hominum 

13, 12 jah — fehlt 

13 waila — et bene 

18 matida — manducat 

24 du fraihnan — et dicit ei interroga 

27 afar J)amma hlaiba — post panem acceptum 

32 hauheil) — clarificauit 

36 andhafjands lesus qa}) — respondit lesus 
38 kimnan — fehlt. 

14, 2 appau iiiba weseina aippau — alioquia 

3 I)aruh — feldt. 
9 was — Silin 

11 i|) jabai ni — alioqiiin uel 
mis — fehlt. 

23 jah waiird — sennonem 
saliI)wos — mansionem 

31 frijoda — diligo 

15, 2 gol3 — fehlt. 

6 praecidetiir — fehlt. 
galisada — coliigent ea 

7 bidjij) jah wairpij) — petere fiet 

16 gawalida izwis ei jus sniwaij) — vos elegi et posui vos 

24 gaseli^iin mik — iiiderunt 

16, 2 taiijaud — facieut vobis (ygi. zu diesem vers Germ. 27, 43). 

4 pize patei — qiiia 

6 gadaubida — repleuit 

17 US paim siponjam — discipuli eius 
ei — et 

17, 5 at pus silbin — fehlt. 

7 at J)iis — abs te 



194 BRUINIER 

17, 8 nemim — acceperimt et cognouerunt 
18 swali — fehlt. 

24 patei — quos 

25 jah — fehlt. 

18, 1 Jesus — ipse 

3 hansa — coliortem militum 

andbahtans — quibusdani miiiistris 

10 sah — servo illo 

11 in fodr — in uagina sua 
13 Kajafin — Caiphae 

18 haurja Avaurkjandans — ad prunas 

20 sinteino — omnes 

25 ne — fehlt. 

32 fraujins — lesu 

38 galaif) — iteriim exiuit 

19, 4 bigat — invenio 

5 sa ist sa — ecce 

6 andbahtos — ministii eorum 

7 bi pamma witoda unsaramma — secundum legem. 

KIEL. FEIEDEICH KAUFFMANN. 



UNTEESÜCHUNGEN ZUE ENTWICKELUNGSGESCHICHTE 
DES VOLKSSCHAIJSPIELS VOM DE. FAUST. ^ 

X. Fausts ende. 

Zunächst müssen wir uns die disputation ansehen, in die Faust 
sich in AKrLM^OSTUWschha schhoschlesw kurz vor seinem ende, 
in den romanen, bei Ma und in B*M2Mü (so?) nach der contract- 
scene einlässt (vgl. Ztschr. 30, 352). Von den anderen fassungeu be- 
sitzt Gr (v. Kurtz?) keine hindeutung mehr auf ein derartiges gespräch; 
in der hier rein von DISwcjr, gemischt von KrTsw vertretenen cru- 
cifixversion finden wir an dessen stelle das sicher aus dem gespräch 
erwachsene verlangen Fausts, den heiland am kreuz gemalt zu sehen. 
Darüber näheres im excurs 1. AKrM^U bilden, wie man sofort er- 
kennt, eine besondere Untergruppe. 

1) Schluss. Vgl. Ztschr. 29, 180 fgg.; 29, 345 fgg.; 30, 324 fgg.; 31, 60 fgg. 



VOLKSSCHAtfSPIEL VON KAUST 195 

"Wir dürfen folgende drei fragen dem archetypus zuweisen i^ 
1. Nach der quäl der v er dämmten fragt Faust in AKrOTU 
*scliba"-, wahrscheinlich anch^ in *M^*W. Wir vermissen diese frage 
nur in S. Der in KrOTW in dieser frage begegnende gedanke, ob diese 
quäl „so schlimm, wie die geistlichen sie beschreiben" sei, ist anschei- 
nend den englischen comödianten entlehnt^. Die an t wort könnte den 
gedanken enthalten haben, dass kein mensch oder teufel die grosse die- 
ser quäl aussprechen und beschreiben könne ;5 doch ist auch hierfür ein- 
Üuss Yon aussen (den englischen comödianten) her nicht ausgeschlossen*'. 

1) In steht nur die erste, in L*M-'8w nur die zweite, in Bschhosclile nur 
die dritte frage. 

2) In T zweifelt Faust an der härte und ewigkeit der höUenstraf en , v>'ie die 
prediger sie schildern; „um aufschluss über das jenseits zu erhalten" wird Mephisto 
citiert. Dass eine wirkliche Schilderung der höUe nach dem muster von AKrü vorkam, 
kann ich aus T31, 3 nicht entnehmen; das geht wol nur auf die Schilderung der 
höllens trafen, von denen allein im voraufgehenden die rede ist. — Zu AKrlJ vgl. 
s. 196; zu schha s. 197 anra. 4. 

3) Zu M^ vgl. s. 197 anm. 2; s. 199 anm. 5; die art der correctur begegnet bei 
il^ öfter, vgl. Ztschr. 29, 36-4; 30, 329; 342, a. 8. — Geisselbrecht, der erst die hier 
genannten 3 fragen mit ihren alten antworten hatte (1. stufe) verband spater die ant- 
wort auf frage 2 mit der frage 1, wie schha (2. stufe). Dann setzte er anstelle der 
frage 1 die nach der himmlischen freude (s. 202) ein, auf die Mephisto also mit der 
hyperbolischen autwort 2 antwortete, wahrscheinlich als ziel des auf stieges „einen ein- 
zigen grad der himmlischen freude" (S[W^ (hier a. ö)]; verwandt AT) angebend. SW^ be- 
wahren erinnerungen an diese 3. stufe (vgl. s. 198 anm. 2). Später wurde die alte frage 2 
■wider eingefügt und mit der alten antwort 2 verbunden; ebenso wurde die alte ant- 
^^■ort 1 wider hergestellt, aber nicht mehr mit der alten frage 1, sondern mit der 
nach der himmlischen fi'eude verknüpft, und mit rücksicht darauf umgemodelt. Diese 
4. stufe halten "NW- fest. So kommt es, dass Geisselbrecht in W eine antwoii 
auf die in den anderen fassungen imbeantwortet bleibende frage nach der himniHschen 
freude besitzt. Im sonderleben von S wird dann die frage nach der himmlischen 
freude mit ihrer beautwortung, der alten antwort 1, ganz gestrichen. 

4) In OT bei dieser frage, in KrW bei der frage nach der himmlischen freude, 
was — da Kr sich gerade mit der Geissei brechtschen 4. stufe sehr oft berühii 
(vgl. s. 211 anm. 1) — einst in *Kr*W nach der voraufgehenden anm. in der frage 1 
gestanden haben wird. Dort finden wir nun genau dasselbe auch in Mo 195: is Hell 
so terrible, as churchmen tvrüe it? Ma 566 (A 524 B) hat etwas ganz anderes, noch 
schwächer sind die anklänge bei Spies 25, 23. Nach dem s. 212. 228 auseinander- 
gesetzten ist es sehr wahrscheinlich, dass dieser gedanke von den englischen komö- 
dianten in demselben stücke erfunden wurde , das auch im weiteren gerade auf Kr S T W 
so viel englische einflüsse vererbte. 

5) In kann Mephisto auf die frage nicht antworten. In schha gab Mephisto 
hierauf die antwort auf die zweite frage, ebenso eine Geisselbrechtsche Vorstufe (vgl. 
hier anm. 3). In W mit der frage nach der himmlischen freude verbunden : die himm- 
lische freude ist [sehr f/ross. Siehe, diese freude ist W-] so gross, dass wenn alle 



196 BRUINIER 

Mit dieser frage imd antwort verschmolzen erscheint in AKrU 
(M^?) eine nach der beschaffenheit der hölle. Die antworten sind 
von grosser bedeutung für die beurteilung des Verhältnisses, in dem 
diese texte zu einander, zur Historia und zu dem gemeinsamen arche- 
typus stehend In A*M^U wird im anschluss daran noch nach einer 

tnenschen-kinder zusammen kämen tmd thäten schreiben von nun an (. . kinder 
von anbeginn der ivelt 2) bis an der weit {zu dessen (!) 2) ende [sehr, würden 2J, 
so tvären sie doch nicht im stände, nur einen grad der hiinmlischen (. . stände den 
tausendsten theil dieser 2) freude so zu bescltreiben^ ivie sie loürcklich ist W. In T 
kann selbst der teufel die böUeupein nicht beschreiben. Zu AKr vgl. die folgende 
anmerkung 1. 

6) "Weil der gedanko in U fehlt und gerade wider in AKr TW erscheint. 

1) Die hölle ist ein feuriger ort oder felsen mitten icnter der erde. Die pein, 
ivelche die verdammten in selber auszustehen haben, ist keine menschliche ztmge 
ausxuspreehen im stände A. Zum felsen vgl. die Historia W 33 , 24. Darauf konnte 
A nicht so leicht von selbst kommen, wie auf die selbstverständliche Ortsbestimmung 
(zu der man auch in Ma 558 (A 516 B) nicht die quelle zu sehen braucht). — Die 
hölle ist ein Schlund ohne grund, loo alles abscheuliche, grausliche xusammen 
kommt. Was aber die verdaminten seelen darin leiden, ist wol kein mensch im 
Stande auszusprechen und niederzuschreiben. Du hörst nur winseln, Itörst sie bit- 
ten um einen tod, aber es gibt keinen tod in ewigkeit und eicig bleibt aiich eivig 
Kr. Vgl. zum Schlund ohne grund die Historia AV 34, 21. 26. Das abscheuliche, 
grausliche könnte, braucht aber nicht — da spontane erfindung denkbar — ein 
Überrest von Historia W 34, 2. fgg. zu sein. Unbedingt steht aber das vergeb- 
liche flehen um den tod Historia W 36, 7 (Spies 37, 22) nahe: sie tverden jnen 
den todt (so Spies, todten "W) ivünschen vnnd gern sterben tvollen, sie mögen 
aber nicht, dann der todt tvirdt vor jnen fliehen. Da die kritik überall ein 
näheres Verhältnis von Kr zur Historia und AM^U bestätigt, kann diese Überein- 
stimmung nur durch die annähme eines näheren Verhältnisses von Kr zur Hi- 
storia (ob zum druck s. s. 203) erklärt werden; andere direkte quellen (Augusti- 
nus Civ. Dei c. 21; Seuse Exemplar (Denifle 1, 368); die vita Christi von Lu- 
dolphus de Saxonia cap. 88; Spiegel der sündigen seele (Ulm 1487) ss. 70. 128; 
das von R. M. "Werner VfL. 1892, 137 herangezogene katholische gebetbuch 
und Pfitzer 3, 14 anm.) müssen abgewiesen werden. Die älteste fassung der 
antworten dieser gruppe war -wesentlich ausführlicher als in U, was wir 
noch öfter feststellen werden. — In der nun folgenden vergleichung der ant- 
worten von Spies (druck) U lasse ich das von U ausgelassene cursiv drucken: 
Du fragest was die helle seye? Die hell hat mancherley figur vnd bedeu- 
tung, denn einmal wird die helle genannt hellig vnnd durstig . . . Man sagt 
auch recht dass die helle ein thal genannt tvirt, . . So wirt auch die helle ein 
platz genannt, ... So ist die helle auch genannt die brennende hell (Sie 
wirt auch (man beachte das logisch nicht mehr berechtigte atichl) d. br. h. g. U), 
da alles angehen vnd brennen (brennet U) muss, ivas daliin kompt, gleich tvie 
ein stein in einem fewrigen ofen, ob ivol der stein vom fcuer gluendt (und glü- 
het U) tvirdt, so verbrennt oder (und U) verzehrt er sich dennoch (doch U) 



VOLKSSCHACSPIEL VON TAUST 197 

etwaigen erlösung von der Verdammnis gefragte Ob die form der 
entsprechenden frage von M^ nach der dauer der Verdammnis^ 
schon in dem gemeinsamen archetypus dieser gruppe vorkam, oder 
erst aus der antwort herausgehoben worden ist, ist nicht sicher zu ent- 
scheiden; die antworten 3, in M^ auf die dauer der ewigkeit bezugneh- 
mend, in AU andere teile der gemeinsamen vorläge bewahrend, beweisen 
deutlich die grössere ausführlichkeit dieser quelle, mit U verglichen. 

2. Faust fragt: was Avürdest du wol tun, wenn du noch 
die Seligkeit erlangen könntest? KrLMi[M2] S [T]W[schha]sw^. 
AU lehnen sich in der form der frage au Spies (druck) an: Wenn du an 

nicht, vnnd ivirt nur härter davon ... So heisst die hell aiich ein ewige 
pein, die weder anfang, hoffnung noch ende hat. Sie heisst auch ein fin- 
sternuss eines thurms, da man wedelr die herrligkeit gottes, als (noch U) 

das Hecht sonn (die sonne U) oder mond sehen (erblicken U) kann [ ] 

Spies (druck; in dem sinne der von U benutzten stellen keine abweichungen von 
Milchsacks hs.) U. — M^ könnte diese frage und antwort nach s. 195 anm. 3 einst 
gehabt haben. 

1) Ist denn {ganx, nnd U] gar keine erlösung [aus der hölle xu hoffen AJ? 
AU. Zu M^ vgl. die anfangs- und endsätze der antwort in der folgenden anm. 3. 

2) Wie lange datiert denn da die verdammniss? M^ 

3) Zunächst Spies AU: Neyn, denn alle, die in der helle sind, so gott Ver- 
stössen hat, die müssen in gottes zorn vnnd Ungnade eroig brennen, darinnen blei- 
ben vnd terharren, ... Spies. N., ganz, und gar nicht. Diejenigen, so einmal 
von gottes gnade verst. sind, m. e. br. U. iV^.' tver einmal i. die h. kommt, 
tnuss in alle ewigkeit ein kind der verda^nmten verbl. A. Die gemeinsame vor- 
läge von Spies AU wird einmal, in der hölle und bleiben gehabt haben. — 0, da 
ist an keine erlösung xu denken. Ich sage dir, tcenn von einem sandberge, der 
bis in den himmel reichte, ein vöglein alle tage ein körnlein holte, so wäre, ivenn 
der ganxe berg abgetragen, noch keine Sekunde von der ewigkeit vorüber . . und 
somit gibt es auch keine erlösung von der verdammniss M^. Vgl. die Historia 
"W" 38, 1 fgg. : Oder icenn ein sandhauff so gross iver biss an hytnmel vnnd ein 
vogel nach dem andern jar kerne vnnd trüeg ains nach dem andern hinweckh , so 
teer auch ein hoffnung da (. . vögelein alle jähr nur ein körnlein einer bonen gross 
darvo7i hinweg trüge, dass alsdann nach vcrxehrting desselbigeii sie erlösst werden 
möchten, so tvürden sie sich dessen erfretmen Spies druck). 

4) "Wortlairt: wie oben, ohne noch L. tv. tvolltest d. tv. noch th.., w. d. d. 
hoffnung xur s. e. k.? 8. tv. tv. d. denn (tcol W-) darum geben, tv. d. n. k. ein 
kind der Seligkeit tcerden?'W. tv. thütest du, w. d. n. gnade hoffen dürftest? Kr. 
Mephisto muss sagen, ivas er tvol thun tcürde, um die ewige Seligkeit xu erlangen 
sw. IV. tüürdet ihr höllengeister th., tv. ihr in das reich gottes kommen könntet? ^^. 
In schha stellte Faust die erste frage und Mephisto gab die antwort auf diese zweite. 
In M-[T] sind nur die antworten erhalten. In *Kr kam die typische wendung die 
Seligkeit erlangen ebenfalls vor; sie hat sich in der antwort und in der bemerkung, 
die Faust darauf macht, erhalten, vgl. s. 199 aum. 2; hier wich sie dem gnade 
hoffen, mit dem Faust die voraufgeheuden worte Mephistos aufgreift. 



198 BRUINIER 

meiner statt, ein mensch von gott erschaffen wärest, was 
wolltest du thun, dass du gott und den menschen gefällig 
würdest?^ Darauf antwortet Mephisto: wenn eine leiter in den him- 
mel reichte, deren sprossen lauter schermesser wären, so würde ich 
dennoch diese leiter zum himmel aufsteigen ALM^^PSWschhasw'l In 
SW^ zeigen sich mehr oder weniger starke ansätze zur änderung dieser 

1) U hat folgende abweichungen : v. g. als e. in.' — gefielest; A: als 
mensch a. m. stelle — tvärest, wie ich — würdest d. wohl. A behält also 
gegen U das gefällig ivürdest von Spies bei; ein schlagender beweis dafür, dass 
nicht erst U, sondern schon sein Vorgänger AÜ mit Spies gieng. Aus der bemer- 
kung Fausts auf Mephistos autwort gelit vielleicht hervor, dass das bei Spies U 
fehlende wie ich schon in der gemeinsamen quelle von AU stand wie das einmal, 
hölle, bleiben s. 197 anm. 3. Vielleicht hilft das den benutzten text von Spies 
bestimmen , vgh s. 199 anm. 4. 

2) Diese vermutliche originale fassung der grossartigen hyperbel ist nirgends 
rein erhalten, weil mit ihr schon sehr früh eine andere 'concurrierte, vgl. s. 200. 
Wenn ich vermögend tväre, die eivige seeligkeit xti erlangen, so ivollte ich auf einer 
leiter xutn himmel emporsteigen, tmd wenn jede sprosse mit dem schärfsten scher- 
messer belegt -wäre L. In M' würde Mephisto (in der contractscene) um Fausts seele 
eine leider steigen, die von der erde bis -xum himmel reigt, und -wen jete sprosse 
ein scharfes messer loär. In schhasw wairde er (die teufel schha; vgl. M^) eine 
leiter von scherniesseru zum himmel aufsteigen [wenn sie noch hoffnung hätten schha]. 
Wenn loir verdammte in das reich gottes kommen könnten, ivir wollten 10 mal des 
tags auf einer leiter hinauf und hinab steigen, in der die sprossen von scharfen 
Schwertern toären W-. wenn es noch möglich wäre, und es wäre {So gross ist die 
himmlische freude, dass ich, tvenn ich solche noch erlangen könnte und ein kind 
der Seligkeit könnte tverden, solche leiden ivollte erdulten — ja ivenn "W") eine 
leiter vom erdbodcn bis an das blaue (fehlt 2j firmarnent [teure 2] und [ein 2] jeder 
Sprossen (. . e 2) tväre mit tausend und abermal tausend schermesser besetzt, und 
ich könnte alle menschliche empfindung {..gen 2) fühlen., und [tvenn 2] ich [auch 2] 
würde (fehlt hier 2) so klein zerschnitten [würde 2\ tvie der sand auf dem {am 2) 
meer, so wollte {würde 2) ich doch mit freuden diese leiter besteigen "W". Wenn 
eine leiter von der erde bis an den himmel reichte, tind statt der sprossen mit 
lauter schtvertern umgeben tväre, dass iclt bei jedem schritt in tausend stücke zer- 
schnitten würde., so tvürde ich doch trachten, den obersten gipfel zu, erreichen , um 
nur ein einziges mal gott anzuschauen; dann wollte ich gern tvider in alle eivig- 
keit ein geist der verdammten seyn (folgt eiunachsatz, vgl. s. 199 anm. 4) A. Wenn 
ich hoffnung zur Seligkeit erlangen könnte, so wollte ich ganze jähre hindurch die 
allcrgra,usamsten marter leiden. Er würde auf glühendem eisen gehn, nicht geschwin- 
der als eine Schnecke. Sollte auch vom höchsten himmelsgipfel bis in den tiefsten 
abgrund der hölle eine leiter stehen, deren sprossen mit lauter scharfschneidigen 
scheertnessern besetzt wären, so wollte ich sie gerne auf- und absteigen, sollte auch 
mein leib dadurch in lauter stücke zerschnitten tverden, so ivollte ich es doch nicht 
achten, wenn ich nur dadurch die hoffnung erhalten könnte, einen einzigen grad 
der liimmlischen freude geniessen zu dürfen . . S. 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 199 

alten antwort \ die dadurch in KrT völlig weggefallen ist 2. Auch dem alt- 
gewordenen Greisselbrecht gefiel die antwort nicl: mehr, wie aus einer 
von ihm zu W^ geschriebenen randglosse^ hervorgeht. In Spies (druck) U 
ist die offenbar auch hier zu gründe liegende hyperbel ganz verwaschen: 
Wenn ich ein mensch erschaffen ivere, wie du, ivolte ich mich biegen 
(jegeji gott, alhveil ich einen menschlichen athem hette, vnncl mich 
hefleissen, dass ich gott Jiicht ivider mich zu xorn heivegte, seine lehr, 
gesetx vnnd gehot, so viel mir möglich, halten, jn alleine anruffen, 
loben, ehren vnnd preisen^ darmit ich gott gefällig vnd angeneme ivere, 
vnnd wüste, dass ich nach meinem absterben die ewige freude, glori 
lind herrligkeit erlangte^. 

Die antwort erregt Faust überall, ausser in U, wo das jedesfalls 
gestrichen ist. Der Wortlaut ist nicht festzustellen, Faust wird sich mit 
dem teufel verglichen haben ^. 

1) Zu "W^ vgl. den cinleiteDden auf allgemeine schmerzen gehenden satz. 

2) In Kr täte er vieles. "Wenn die ganze weit mit glühenden nageln beschla- 
gen %A'äre, so gienge er in alle ewigkeit darauf herum, wenn ich die liimmelsselig- 
Jceü noch erlangen könnte] vgl. S. In T wollte er alle pein in heisser hölle leiden, 
wenn er nur noch einmal gott sehen könnte, vgl. A. 

3) Später geschrieben , als die meisten andern giossen : imd es baute sich eine 
leiter in's blaue finnament nach dem himmel u. ich müsste 10000 Jahr steigert 
und auf jeder sprosse ein pater noster beten tmd auf erbsen knien (!). 

4) = Ich IV. m. g. g. b., so lang als ich e. m. a. in mir h.; ich ivollte m. 
b., meinen schöpfer 7i. xum x. gegen m. xu reitxen, s. geböte wollle ich h., s. v. 
m., dass i. n. m. a. d. e. Seligkeit gewiss erlangen möchte U. = Gedenke, wie 
viel inehr, wenti ich ein mensch an deiner stelle von gott erschaffen teure, -wie du, 
was mühe ich mir geben tvürde, den himmel xu erlangen. (Nachsatz zur hyper- 
belantwoii) A. Der satz xvenn — icie du von Spies A könnte auch in *U die ant- 
wort begonnen haben. Dass hier IT gegen den Spies sehen druck aber mit der Wol- 
fenbüttler hs. in Seligkeit statt herrligkeit, wie A gegen U und die hs. mit dem druck 
in der beibehaltung von ivie du übereinstimmt, mag wider auf den benutzten text 
von Spies (der sich näher an die hs. anschloss als unser text Spies 9t'?) hindeuten. 
Beiuitzt ist von AU imbedingt ein druck der Historia. 

5) In L werden diese bemerkungen Mephisto in den mund gelegt: JJnd du 
als mensch verschertxest so mut/iiviUig die deinige (Seligkeit) tun der erde vergäng- 
lichen freiiden x,u gemessen L. Das wäre schrecklich (ist viel eher bemerkving zu der 
hier gestrichenen erörterung über die höUenqual, bezw. der Schilderung der hölle) M*. 
Wehe, icehe Faxest/ ivas hast du gethan! Das würde der teufel tun, um die Selig- 
keit zti erlangen, und ich elender habe mich mit geicalt von gott losgerissen Kr. 
O wie sehr beschämt mich diese rede, und ich habe den kostbaren hirnmel um eitle 
und schnöde suchen verloren! S. Das -wolltest du thun? Faust, was hast du 
gethan? {0 — gethan] Ha! W^] Diese furie [beschämt dich — sie sie! 2] wollte 
alles wagen, um aus der quäl zu kommen, und du, moisclt, der du xu jener {die- 



200 BRUINlEß 

Die hyperbolische antwort von ALlVPM^SWschhasw finden wir in 
ähnlicher fassimg schon in dem weit über hundert jähre vor der Historia 
entstandenen Eedentiner osterspiel v. 1924 fgg., avo Lucifer spricht: 

Mochtik rüwe un böte angan, 

De woldik liarde gerne liden 1925. 

Nil und 6k tö allen tiden. 

Hir scheide en hoge bom stän, 

De scheide wesen also gedän: 

Fau afgrunde al iip geleidet 

Unde mit scherraessen ummekleidet; 1930. 

de scheiden to beden enden sniden: 

den woldik up unde neder riden 

wente an den jungesten dach. 

Es unterliegt keinem zweifei, dass diese fassung der hyperbel sich 
von ihrer mutmasslichen urgestalt, die wir für das Faustdrama aber noch 
rein annehmen können, weit entfernt hat. Das absolute alter muss in 
diesem punkte dem relativen kritisch nachstehen. Das osterspiel ver- 
mischt zwei motive: 1. die beschreibung des weges, auf dem der teufel 
in den himmel, als in ein rein örtlich gedachtes bewegungsziel gelangt; 
2. die Schilderung der marter, durch die, als ein gottgefälliges Averk im 
sinne der vorreformatori sehen zeit, er die Seligkeit als belohnung erringt. 
Das originale kann nur eines von beiden sein, und zwar, virie die einfache 
erwägung lehrt, nur das erstere: der bäum oder die leiter, die von dem 
jetzigen aufenthaltsorte des teufeis in den ersehnten führt, kommt in beiden 
motiven vor, liegt aber als kern, um den sich alles andere krystallisiert 
hat, zu gründe: notwendig ist er aber nur für das erste motiv. 

Ursprünglich war also das martervolle Instrument nur ein mittel zum 
tatsächlichen ersteigen des himmels. Das Redentiner osterspiel gelangte zu 
seiner jetzigen fassung über zwei stufen: 1. Um das zweite motiv wirk- 
samer zu verwenden, Hess man den teufel nicht nur hinauf, sondern auch 
hinunter steigen, was in die ursprüngliche Situation, wie sie das erste 
motiv hatte , nicht mehr passt. Mit rücksicht darauf werden aus den unter 
normalen Verhältnissen stets nur auf der einen seite schneidenden scher- 
messern zweischneidige: ein barer unsinn, da man auch beim hinunter- 
steigen nur die obere schneide benutzen kann, trotzdem aber eine nahe- 
liegende Weiterung. 2. Diese marter genügt noch nicht. Aus der sj)ros- 
seuleiter Avird ein bäum, der mit den schermessern umkleidet ist: gCAviss 
nicht eine sogenannte naturleiter, wie sie jeder bäum darstellt — die 
aststümpfe links und rechts als sprossen gedacht — , sondern, wenn ich 
den A^ergleich heranziehen darf, eine kirmesstange, die anstelle der rinde 
schermesser trägt. Die messer starren mit der schneide hervor, sie sind 

ser 2) freiide gebohren, stürxest dich so vmthtcilliger (. . ig 2) tceise (fehlt 2) in diese 
quäl {gefahr hinab 2) "W. Der beginn dieser stelle in A erinnert wider an Spies: 
Faust: Hab ich denn solches nicht getlian? {= D. Faustus sagt hierauff, So hab 
ich aber solchs nicht gethan. Spies) Meph. : Nein, du hast dich freiivillig dem 
himmel entzogen und deine scele der holte einverleibt. 



VOLKSSCHAtrSPIEL VON FAUST 201 

mit der entgegengesetzten (stumpfen) seite in den bäum gelassen. Dass 
sie dazu nicht melu- zweischneidig zu sein brauchen, hat der erweiterer zu 
ändern vergessen. Diesen bäum erklettert nun der teufel und, wenn er 
oben angelangt ist, rutscht er {riden) wider hinunter. Das rMen malt 
sehr schön, passt aber nur auf das neder. Auch diese logische anakoluthie 
bedachte der änderer nicht. 

Diese Übertreibung und Weiterung der hyperbel hat nun auch viele 
fassungen des Faustspieles ergriffen. Aber sie ist hier viel weniger ange- 
bracht, als im osterspiele, wo keine frage voraufgeht und die ganze Situation 
überhaupt nicht die leiter als mittel, das bewegungsziel himmel zu erreichen, 
fordert. Die Schwerter, die in AM^ die alten schermesser verdrängt 
haben, sind walirscheinlich ersatz für die imnatvu'lichen zweisclmeidigen 
schermesser. Der bäum scheint sich, wie schon Bielschowsky sah, in A, 
weiter verdunkelt aber auch in LSW erhalten zu haben; in A ist die lei- 
ter mit Schwertern umgeben, in LSW sind die sprossen mit den messern 
belegt oder besetzt, und nicht melir, wie in MHI^schhasw, diu'ch sie 
ersetzt. 

Das Faustdrama kann nach alledem das motiv nicht dem osterspiele 
entlehnt haben, denn sein archetypus besass es in einer ursprünglicheren 
fassung als das osterspiel. Aber auch einen direkten einfluss des oster- 
spieles auf die fassungen [Ivr]]iIiS[T], die das zweite motiv in den Vorder- 
grund stellen, oder auf ALW, die den bäum übernahmen, wird man kaum 
anzunehmen brauchen, sondern man wird sich zu der alles erklärenden 
Vermutung bequemen müssen, dass die Übertreibung der quälen im volks- 
munde bezw. dem munde der kreise, aus denen die beiden dramen und die 
Umarbeitung des Faustspiels hervorgegangen sind, neben der lu'sprüng- 
Mchen fassimg umlief, und dass die mündliche überliefenmg die quelle 
sowol für das osterspiel ^^^e für die Faustspiele war. 

Walirscheinlich ist diese Übertreibung im Faustspiele schon sehr 
alt, denn die Historia bat anscheinend gerade auf ihr weitergebaut. 

Zunächst ergibt sich ohne weiteres, dass die Historia und *A*U 
die hyperbel gekannt haben müssen. A^ergleichen wir nämlich ihre 
fassung mit der hyperbel, so sieht man sofort, dass beide denselben 
Ursprung haben müssen: entweder ist die fassnng der Historia original 
oder die hyperbel. Unzweifelhaft bietet nun die hyperbel das echte. 
Denn die ganze frage steht im Zusammenhang verloren da; sie bildet 
kein organisches zubehör zu der dispntation: Faust hat wichtigere dinge 
zu fragen. Die frage ist nur der effectvollen antwort wegen in 
das stück hineingekommen. Dass dann die volkstümliche hyperbel 
diesen zweck viel besser erfüllt, als die didaktischen erörterungen der 
Historia, ist einleuchtend genug; die Historia will die antwort auf Faust 
exempliücieren , sie will ihrem publikum zeigen, was doch der Faust 
für ein verruchter geselle ist, wenn selbst der teufel, falls er an Fausts 
stelle stünde, die jedem christenmenschen obliegenden pflichten gerne 



202 BRUINIER 

erfüllen würde, die Faust jetzt eben in den wind geschlagen hat. 
Darum, und nur darum ist denn auch die frage anders gewandt: Me- 
phisto darf nicht mehr antworten, was er als teufel tun würde, son- 
dern was er als mensch getan hätte. 

Was er nun tun würde, das sind die ins protestantische 
übersetzten guten werke, wie die Übertreibung der hyperbel katho- 
lisch gedachte w^aren. Im archetypus selbst wollte Mephisto aber gar 
nicht von guten werken erzählen, sondern nur von einem möglichst 
schwierigen, aber ganz buchstäblich zu nehmenden weg in den himmel. 
Dazu stimmt denn auch, dass die Historia Faust fragen lässt, wie er gott 
gefälligi werden würde, nicht wie er in den himmel kommen könne. 

3. Ob Faust selbst noch selig werden könne, fragt er in 
B^SWschhaschho sohle. Wir vermissen diese frage in AKrM^U: diese 
gruppe hat eben die frage absichtlich ausgemerzt und durch die 
nach der himmlischen freu de ersetzt, die ein pendant bilden soll 
zu der nach der quäl der verdammten. Die frage ist als ersatz für 
die nach der höllischen pein auch in die Geisselbrechtschen Ver- 
sionen hin eingedrungen (vgl. s. 195 anm. 3). Die frage nach der himm- 
lischen freude kann dem archetypus nicht angehört haben: dass wir 
sie ursprünglich nur in den deutlich den anderen stücken gegenüber- 
stehenden AKrM^U finden, ist nicht so w^esentlich, wie die erwägung, 
dass diese frage ebenso wie die des archetypus nicht beantwortet 
werden darf: sie concurriert also mit dieser und da kann man, weil eben 
alles, was nun nachkommt, die logische folge der frage nach der mög- 
lichkeit noch selig zu werden ist, nicht zweifeln, dass diese auch an 
sich viel passendere frage den anspruch auf das prius besitzt. 

Der teufel weiss, dass die einzig richtige antwort, die bejahung, 
Faust retten muss: er hütet sich daher so zu antworten. Lügen darf 
er aber auch nicht, weil der aufbau der katastrophe die lüge nicht 
gestattet 2. Mephisto ist also in einem grossen dilemma: entweder ist 
Faust für die höUe verloren, oder das drama verliert seinen effectv oll- 
sten zug: er schweigt und entflieht^. 

1) Dass sie nur der menschen wegen, die iu ihrer fassung der frage (s. 198) 
nachklappen, zu dem gefällig werden gegriffen hätte, kann man nicht anneh- 
men. Das lloss ihr von selbst aus der feder und fehlt in der antwort. 

2) Das ist offenbar eine schwäche im archetypus, der schon früh durch eine 
hierauf gemünzte bedingung Fausts im contract vorgebaut wurde, vgl. Ztschr. 30, 
336. Wir finden die Wahrheitsbedingung in der Historia, bei Schütz -Dreher (als 
Versprechung in schha), sowie W schon im contract. Dem archetypus darf man 
diese bedingung nicht zuschreiben, vgl. Ztschr. 30, 336. 

3) Der zwang, der ihn zur lluelit treibt, war im Geisselbrechtschen arche- 



VOLTvSSCHAUSPIEL VON FAUST 203 

Die sächsischen fassungeu LM^ lehnen sich in der motivierung 
des abganges an die von (v. Kurtz) BGM-loso vertretene gruppe an, 
wo Mephisto nicht flieht, sondern Faust ihn entrüstet von sich weist, 
vgl. excnrs 2. 

Die nun noch ausstehenden fragen — nur in AS verti-eten — 
lagen dem archetjpus sicher fern. Eine von ihnen ist in AS wahr- 
scheinlich unter Marlowes einfluss eingedrungen, die übrigen drei 
mögen in A relativ alt sein, da sie wahrscheinlich im letzten gründe 
eher auf AVidman denn auf Pfitzer fussen und ihre fassung nicht 
gut selbständig von A erfunden sein kann. Die überschüssige frage von 
S ist höchst wahrscheinlich spontan gebildete 

AErM^U bilden eine deutliche Untergruppe. "Wir haben bei der 
betrachtung der ersten frage die sichersten beweise dafür erhalten , dass 
der gemeinsame archetypus dieser Untergruppe die erörterungen über 
die höUe und ihre quälen und über die etwaige erlösung der verdamm- 
ten in viel grösserer ausführlichkeit gehabt haben muss, als wir 
sie in U finden, dem texte, der mit der Eüstoria am meisten überein- 
stimmt. So werden wir ihm z. b. die klage über das nichtsterbenkön- 
nen, die nur in Kr, und das schöne bild der ewigkeit, das nur in M^ 
steht, sicher zuweisen dürfen; sehr wahrscheinlich auch eine weitläu- 
figere beschreibung der höUe selbst. Im grossen und ganzen wird das 
meiste, was die Historia in ihrer zweiten disputation über die hölle bie- 
tet (vgl. die einschränkung unten), der urfassung von AKrj\DU zu- 
geschrieben werden dürfen. So darf man z. b. wol mit ziemlicher 
gewissheit annehmen, dass die beiden volkstümlichen vergleiche von 
der ausschöpfung des meeres und der Zählung der regentropfen und 
die aufforderung an die berge, die in der Historia stehen, aber keine der 
vier fassungeu erhalten hat, einst in der gemeinsamen urfassung eben- 
sogut vorkamen, wie das bild der ewigkeit, das nur ein glücklicher 
Zufall in M^ bewahrt und die klage über das nichtsterbenkönnen, das 

typus anscheinend uoch verstärkt durch die von Faust versuchte beschwörung, die 
in AKrSW zu finden ist und sicher ganz buchstäblich gefasst werden muss. Wenn er 
in SW beschwört, obwol Mephisto durch den vertrag gebunden ist, so mag auch das 
beweisen, dass der vertragspunlit für Geisselb recht unurspninglich ist. Er steht 
ja in S nur hier, nicht im vertrag selbst, luid in W wird bei der eiuleitung des ge- 
spräches die „kategorische antwort" verlaugt, als ob sie im contract gar nicht aus- 
gemacht wäre. Auch in L (sohle) beruft sich Faust hier auf den angeblichen Ver- 
tragspunkt, der im contract gar nicht vorgebracht worden ist. 

1) Vgl. excurs 3. Die unursprünglichkeit der frage von AS zeigt schon der 
name des höllengottes, der Lucifer und nicht, wie im stücke wol von jeher, Pluto heisst. 



204 BRUINIER 

nur bei Kr zu finden ist. Und nocli eins ist sicher: die urgestalt von 
AKrM^U hielt ihre quelle jedesfalls besser fest als die Historia selbst: 
sie hat die protestantisierung der schönen hyperbel ebensowenig gehabt, 
wie das missverständnis in der aufforderung an die berge und in dem 
bilde der ewigkeit^; sie wird auch die gelehrten bestandteile dieser zwei- 
ten disputation nicht besessen haben, die als entlehnungen VfL. 1891, 
382 erkannt sind 2. 

Die der klage der verdammten, besonders der aufforderung an 
die berge, aber auch dem bilde der ewigkeit von der Historia gege- 
bene fassung beweist deutlich genug, dass dem Verfasser bei seiner 
arbeit keine gedruckte quelle vorgelegen haben kann: der gedanken- 
gang der traditionellen klage war ihm bekannt, aber er erzählt konfus 
und mit anderer Ordnung. Da er nun doch nicht die geringste ver- 
anlassung gehabt haben kann, von seiner quelle absichtlich abzu- 
weichen, weil wir doch sonst sehen, dass er seine quellen sclavisch 
abschreiben kann, so müssen Avir annehmen, dass er aus dem ge- 
dächtnisse berichtet, wie er auch sonst häufig ähnlich nacherzählt, 
nicht — wie Milchsack will — immer gedruckte vorlagen abschreibt. 

Die Historia hat nun noch eine erste, viel kürzere disputation, 
deren inhalt mit der erörterung über die hölle bei Widman-Pfitzer 
übereinstimmt. Beide gespräche werden nun von der Historia auf die- 
selbe weise eingeführt; das erste, s. 25, 18 fgg., mit den werten: dem 
doctor Fausto ward eben, ivie man sofist zusagen pflegt. Es 
traumbt jm von der hell; die zweite, s. 31, 18: im träumet, ivie man 
spricht {yfleget %u sagen druck), von dem teuffei oder von der hell. 
Die überaus auffällige parenthese verrät direkt, was ich zeigen will, 
dass diese beiden disputationen doubletten sind, genau so wie 
die beiden contractscenen, Ztschr. 30, 347. Die zweite, Widman 
fremde disputation ist interpoliert, dazu die sich unmittelbar anschlies- 
sende über das thema in der 2. frage. Diese disputation ent- 
nahm die Historia mündlich (s. oben) ihrer zweiten, drama- 
tischen quelle, und diese war mit dem gemeinsamen archety- 

1) Die aufforderung au die berge iu der Historia in ganz unlogischer entstell- 
ter fassung: Wann alle berg ziisameti sollen fallen vnnd eines fahls zu seinem 
orth vom andern würden versetzt . . ist solliche hoffnung verlohren. — Aus W 38, 
1 — 4 kann man entnehmen, dass der Verfasser der irrigen ansieht war, die ewigkeit 
sei nach der abtragung des berges vorüber. 

2) Die gemeinsame quelle wird auf eine ausgäbe des „Exemplars" H. Seuses 
zurückgehn, die im bilde der ewigkeit deu mühlstein Seuses durch den sandberg 
ersetzt hatte; vgl. meine besprechung von Milch sacks ausgäbe in einem der fol- 
genden hefte dieser Zeitschrift. 



VOLKSSCHAtrSPIEL VON FAUST 205 

pus von AKrM^TJ, cl. h. der ersten pädagogischen Umarbeitung, 
identisch. Nach dem Ztschr. 30, 348 festgestellten darf man diese 
behauptuug ohne bedenken aussprechen. 

Dass nun gerade die urform von AKrMiU die zweite 
quelle der Historia gewesen ist, stimmt vorzüglich zu allem, 
was wir überhaupt darüber erschliessen können. 

1. Ztschr. 29, 189 anm. 2 habe ich augedeutet, dass man für die 
„adlerflügel", die Faust bei Spies trägt, die anregung in katholi- 
schen kreisen zu suchen haben könnte, denen Faust im leben sich als 
Sterndeuter so gut zu insinuieren verstanden hatte; Ztschr. 29, 187 fgg., 
dass in AU der Wissensdurst als neues, dem archetypus fremdes motiv 
erscheint. Hier finden wir nun ebenfalls zwei den katholischen 
Ursprung verratende züge: die von den mjstikern geschaffene gestalt 
der klage der verdammten und die Übertreibung der mephistophelischen 
hyperbel im asketischen sinne. 

Dieser katholische Ursprung der gruppe AKr]\PU geht nun fer- 
ner unzweifelhaft aus der dem monologe in AU, zum teil auch der. 
Ml nahestehenden, von L gegebenen fassung hervor (vgl. Ztschr. 29, 184. 
192). Der umarbeiter AU will seinen Faust so gelehrt als möglich dar- 
stellen: er will ihn zum ideal eines „modernen" gelehrten machen; das fau- 
stische bildungsideal von ALU ist zugleich das des umarbeiters selbst. 
Dieser war nun, wie deutlich zu sehen ist, nur in scholastischer gelehr- 
samkeit erfahren: er kennt nicht die facultäten, sondern die sieben 
freien künste; er hat grosse astronomische interessen, aber weiss nichts 
vom kopernikanischen System; er steht noch auf dem Standpunkte, dass 
die naturerkenntnis von der magie gelehrt werde, dass ihm aber gerade 
dieser letzte punkt nicht mehr scharf bewusst Avar, habe ich Ztschr. 
29, 191 gezeigt. Hiermit erklärt sich vielleicht auch die auffällige 
nichtbeachtung (E. Schmidt, Charakteristiken s. 22) des kopernika- 
nischen Weltsystems in der Historia, worin sich eine verlorene scene 
der ersten pädagogischen Umarbeitung widerspiegeln könnte. 

Diese naive beharrung auf einem längst überwundenen Standpunkte 
ist nur bei einem in katholischer Umgebung lebenden manne denkbar. 
Da er in der erbauuugslitteratur so gut bescheid weiss, wird er einige 
theologische bildung besessen haben. Ich halte ihn für einen schul- 
bruder, der aber durchaus keine tendenziösen absiebten, etwa die, 
gegen die Protestanten zu polemisieren, besass. 

2. Ztschr. 30, 330 wurde daraufhingewiesen, dass in AU keinerlei 
spuren der einstigen trennung des Mephisto von Pluto zu finden seien. 
Diese Verschmelzung der beiden teufel, die auch die zweite quelle der 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE BD. XXXI. 14 



206 BRUTKIER 

Historia hatte (Ztschr. 30, 348), ist hier beheimatet. Ob sie aus der 
scheu des schuhneisters hervorgieng", Pluto selbst auftreten zu lassen? 
Sehr wahrscheinlich wurde zu gleicher zeit die dienerwahl, die in AU 
der neuen Umgebung absichtlich angepasst ist (Zschr. 30, 332), an den 
anfang der bescliwörungsscene verlegt; wenn die Historia sie dort nicht 
hat, so ist das sehr begreiflich, weil sie eben ihre zwei quellen verschmelzen 
musste und dann nur für einen teufel platz war. Die umdeutung dieser 
befragungsscene zu einem Schaustück liat die Historia ja so wie so 
ihrer zweiten dramatischen quelle nicht entnommen, weil da noch der 
teufeloberste, der Faust ,, visitiert", die Vorstellung übernimmt. 

Yon dem urtexte dieser Umarbeitung, den am besten U festhält, 
lösen sich KrM^ zuerst ab, AU blieben zunächst noch beisammen. Sie 
zeigen nun deutliche spuren erneuter pädagogischer bearbeitung. 
Die Streichung der blutunterschrift z. b., die doch sicher nur aus pädago- 
gischen rüctsichten erfolgt ist, ist später als die älteste der in AU vorlie- 
genden Umarbeitungen; U zeigt noch deutliche spuren ihrer einstigen 
existenz und der Historia hat sie sicher auch in ihrer zweiten quelle 
vorgelegen. Diese Untergruppe AU nun ist sicher durch protestan- 
tische bände gegangen: sie allein, nicht die Vorstufe AKrM^U, zieht 
den druck der Historia zur Umgestaltung der disputation heran und 
nimmt daraus die protestantische umdeutung der mephistophelischen 
hyperbel auf. Sie hat sicher gewusst, dass diese im confessionellen 
gegensatze zu der katholisch -asketischen hyperbel stand, wie sie ihr 
vorlag. Ich stelle mir die sache so vor, dass der nachfolger des um- 
arbeiters die Umarbeitung A Kr M^U schriftlich vorfand, etwa im schul- 
archiv, und ihr das protestantische gepräge gab, das AU zeigt, indem 
er die gedruckte Historia heranzog. Das kann nicht sehr spät im 
17. Jahrhundert geschehen sein, denn die Historia wurde früh verges- 
sen und war allem anscheine nach Pfitzer z. b. nicht bekannt. 

Später löste sich auch A ab, das sich dann der Geisselbrecht- 
schen zweiten stufe (s. 195 anm. 3) nähert und im späteren sonderleben 
sich noch weiter entwickelt. U erfuhr starke einflüsse Marlowes und 
im 17. Jahrhundert einflüsse der deutschen litteratur. Dann hört, eben 
weil unsere hs. von U noch aus dem 17. Jahrhunderte stammt, eine 
weitere Umgestaltung von U auf. Wir können an ihm also vier bände 
erkennen. 

Kr besitzt, ausser den besonders auch in der ersten geisterstim- 
menscene^ deutlich erkennbaren dementen der gruppe AKrM^U, den 

1) Vgl. Ztschr. 29, 351. 352. — Auch W verrät hier seine abstammuug, vgl. 
Ztschr. 29, 347. 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 207 

Charakter der crucifixversion und daher wol auch die erinnerungen an 
Mario we und dann besonders auch Geisselbrechtsche beeinflussun- 
gen 1, die es zu zwei verschiedenen zeiten erfahr. In M^ macht sich 
der specifisch sächsische einfluss natürlich stark bemerkbar; einige 
einflüsse der crucifixYersion sind zu verspüren'', ganz zuletzt wirkt 
Schütz-Dreher ein. 

Die Untergruppe ALF hat deutlich besonders auf G^ und Schütz- 
Dreher^ eingewirkte 

Aus dem Inhalt des gespräches geht deutlich hervor, dass es im 
archetypus nur an seiner jetzigen stelle gelegen haben kann; 
denn es ist ganz auf die Stimmung zugeschnitten, die Faust kurz vor 
seinem ende beseelen muss und die letzte frage kann auch aus drama- 
tischen gründen nur hier liegen. Wenn nun die Historia die bespre- 
chung nach vorne verlegt, so tut sie das im anschluss an ihre erste, 
nicht dramatische quelle, die wie Widman Faust nach der verschrei- 
bung nach allen möglichen dingen fragen lässt ohne irgendwie diese 
fragen dramatisch zuzuspitzen; in der prosaischen Faustsage werden 
diese gespräche von anfang an ohne Verbindung mit Fausts ende ein- 
geführt gewesen sein. Dass die zweite, dramatische quelle der Historia 
aber die disputation dem ende zu liegen hatte, ist absolut sicher: die 
Historia hat ja noch die Verführung Fausts durch den als weib verklei- 
deten teufel (vgl. nachher s. 215), die doch unbedingt weiter nichts ist 
als ein reflex der Helenaerscheiuung des dramas. 

Durch das gespräch wird Fausts reue angefacht; erweckt ist 
sie aber schon vor ihm. Darauf werde ich nachher zu sprechen 
kommen. 

Werfen wir nun noch einen blick auf Marlowe. Auf drei ein- 
zelgespräche verteilt finden wir hier folgende fragen: 1. nach Lucifer 
(303 A. 290 B). — 2. Nach der Ursache seines falls (307 A. 294 B). - 
3. Nach der hölle (554 A. 512 B). — 4. Wie viele himmel es gebe 
(680 A. 617 B). — 5. Wer die weit erschaffen (688 A. 628 B). Die 
letzte frage will Mephisto nicht beantworten und er entfernt sich. Fast 

1) Vgl. Ztschr. 30, 326. 328. 358 anm. 3 uud hier s. 195 anm. 4; 211, anni. 1. 

2) Vgl. Ztschr. 30, 335; 31, 78. 

3) Vgl. Ztschr. 30, 340. 

4) Vgl. Ztschr. 30, 340. 

5) Es ergibt sich, dass reine fassungen nirgends erhalten sein können. Die 
kritische sonderung der einzelnen stücke, der ich in diesen Untersuchungen den weg 
gebahnt zu haben hoffe, hat jetzt erst zu beginnen. Eine dankbarere arbeit, als die, 
deren „Unterlassung" mir im Anz. f. d. a. 22, 240 vorgeworfen wird. 

14* 



208 BRUINIER 

nichts erinnert an das deutsche drama; höchstens könnte man in Me- 
phistos verhalten bei der 5. frage einen anklang an die entscheidende 
frage in AKrU finden; aber die Übereinstimmungen sind doch so 
schwach, dass ich hierin lieber dem dichter eigene erfindung zutraue. 
Im einzelnen hat Marlowe einigen einfluss auf deutsche einzelfassungen 
ausgeübt i. 

Nach Mephistos abgang kommt die reuestimmuug bei Faust ganz 
zum durchbrucli. Er hält einen monolog. In BLM^M'^OSw steht 
das meiste davon schon in einem die letzte scene eröffnenden mono- 
loge; es sind das fassungen, die mehr oder weniger stark von der im 
excurs 2 besprochenen version, die die disputation durch die alte-manns- 
scene ersetzt hatte, beeinflusst worden sind. Ihnen werden sich loschha 
schhoschleso, von denen wir wenig oder nichts wissen, anreihen. In 
Kr erscheint der monolog doppelt, weil hier Mephisto zweimal flieht. 
Ich beziffere solche doppelt vertretenen monologe, wo es nötig ist, nach 
der stelle, die sie im texte einnehmen. 

Dieser monolog scheint folgenden gedankengang gehabt zu haben. 
Faust greift das letzte wort des teufeis auf: du fliehst? ^ Erdenkt nämlich, 
Mephisto sei geflohen, weil er einer für Faust unangenehmen antwort 
entgehen wolle, verkennt also ganz die für ihn günstige wendung. Aus 
diesem gedanken entspringt der zweite passus: ich bin also verlo- 
rene Da aber wird es ihm licht'^. Er erkennt den eigentlichen grund 

1) 1. 317 (A 304 B) empfindet Mepibsto die beraubung des angesicbts gottes so 
schwer wie zehntausend bellen : vgl. damit das s. 199 anm. 2 fürAT(SW^) bemerkte. 
2. Die frage nach Lucifers fall in AS, excurs 3. 3. Die Ursache zur flucht des teu- 
feis in der crucifixversion gebt anscheinend auf Fausts frage bei Mario we zurück, 
excurs 1. 4. Die ersetzung der disputation durch die alte-manusscene in einigen 
fassungen gebt sicher auf Marlowe zurück, vgl. den excurs 2 und Ztschr. 30, 351. 
5. Wahrscheinlich geht die oben s. 195 besprochene fassung der 1. frage in *KrOT*W 
auf die englischen komödianten (nicht auf Marlowe selbst) zurück. 

2) So nur U. In AErSW umgedeutet: fliehe nur fort; Geisselbrecht, 
der besonders Kr sehr stark, aber auch A beeinflusst bat, streicht den zweiton pas- 
sus, der nur berechtigt ist, wenn wir für den ersten die form von U annehmen; 
infolgedessen knüpft hier der erste an den dritten au, und muss er die form von 
AKrSW, mit invectiven gegen Mephisto, erhalten. 

3) erbarmensivürdiger Fernste; hast du gnade niclit die Seligkeit %u tvis- 
sen? So bin ich denn verloren mit meiner kirnst? meiner armen seele. U. 
meine seele gehört ja Glicht mehr dem etvigen B. Nun merke ich erst, dass meine 
äugen verblendet gewesen. Ach armer Faicst, wie hat dich der satan betrogen, 
dass du durch die gräuliche nigromantische kunst den himmel verscherzet A. Un- 
glücklicher, ivie tief bin ich gesunken L 2. tvarimi habe ich für so ein alltäg- 
liches leben auf meine seeligkeit verzichtet L 1. Aber, wie ist mir mit einem male! 
es fällt mir tvie schuppen von den äugen! Jetzt erst wird f?iir licht über mein 



VOLKSSCHAUSriEL VON FAUST 209 

für Mephistos flucht. Er darf noch hoffen, "^nd so wendet er sich 
im dritten passus zur busse^ Im vierten ^niet er zum gebete^ 
nieder. 

Im folgenden erheben sich grössere Schwierigkeiten. 

Bei Schütz-Dreher (ausser B?), in der crucifixTcrsion (ausser 
DKr) und in Llo (die andern sächsischen fassungen sind hier gerade 
leider sehr entstellt), kommt Mephisto wie in der Historia sofort mit 
der Helena; in AU dagegen und bei Geisselbrecht (G, dem sich M^ 
in der hofscene fast wörtlich anschliesst, SW), sowie in (B?) DKrRc 
versucht er es erst vergeblich mit anderen mittein. An sich würde 
das ganz schön passen, es ist aber sehr fraglich, ob schon der arche- 
typus diese Weiterungen hatte. 

Zunächst ist es ganz zweifellos, dass die in KrSW begegnende 
Verlockung durch kleiderpracht auch in diese texte erst sehr spät ein- 
gedrungen ist. Das darbieten von gold und diamanten in G ist eine 
verblasste erinnerung daran. In D werden, wol ohne direkten Zusam- 
menhang mit dem Wortlaute der Geisselbrechtschen fassungen, nur 
davon angeregt, schätze versprochen s. 

eigenes tmglückliches Verhältnis {Aber — verh. was hob ich getan, ich der 
betörteste von allen menschen! 1) Ich habe mein ewiges Seelenheil aufs spiel 
gestellt, um schnöden lüsten zu fröhnen Ol. 2. Dort (auf Calvari) habe ich ein- 
sehen gelernt, welch ein thor ich gewesen. 0, ich tv ahnsinnig er, ich konnte mei- 
nen gott verleugnen und mich dem teufel verschreiben! Sw. 
4) Vgl. AO in der vorhergehenden anm. 

1) Der in ABKrLM'M'SW begegnende gedanke, dass es zur busse nie zu spät 
sei, wie Christus gepredigt habe (AKr*LM^M-SAV) hat den grössten ansprach auf 
alter. Der Wortlaut ist nirgends rein bewahrt, das deutlichste zeichen dafür, dass 
ehedem hier viel tiefere gedanken standen. Im einzelnen stehen sich SW (Geissel- 
brecht) sehr- nahe, denen Kr sich nähert. 

2) In U geht Faust nach dem 3. passus ab, obwol er unmittelbar nachher wider 
da ist. Ich kann mir das nicht erklären. In ADGIKrLM-SSwAVschhoschle kniet 
er nieder. Der Wortlaut des gebetes lässt erkennen, dass es mindestens zweimal ver- 
sificiei-t worden ist: einmal bei den Sachsen, wo LM- triünmer von versen bewahren, 
dann bei Geisselbrecht. 

3) Die kleiderpracht ist wol nur unter dem einflusse des Lazarusliedes in die 
Geisselbrechtschen fassungen geraten. Ohne diese doch wenigstens verständliche 
stütze erscheint das abgeschmackte versprechen schöner kleider an dieser ernsten 
stelle geradezu unsinnig. Das Lazaruslied fehlte noch der Geisselbrechtschen ersten 
stufe (der sich Kr genähert hat) und der zweiten (die in A ihre spuren hinterlassen 
hat). Erst in der dritten (S) drang es ein und raft oberflächlich das kleiderverspre- 
chen hervor. Auf der vierten stufe (W) wird das kleiderversprechen etwas besser 
mit dem übrigen verschmolzen. Das kleiderversprechen drang nun, da Kr sich die- 



210 BRUINIER 

In AKrESUW wird dann Faust die machte versprochen. Die- 
ses löst sich von A als jüngerer bestandteil leicht ab 2. In *A folgte 
auf den satz, den Mephisto beim widerauftreten nach der flucht aus- 
spricht, sofort der höhn und die Verführung durch die Helena. Die 
machtversprechung kann hier demnach nicht mit der von U textlich 
zusammenhängen nnd das wird durch den Wortlaut bestätigt, der zu 
dem Geisselbrechts auf der zweiten stufe stimmt. Die noch nicht 
getrennte gruppe AU kann demnach die machtversprechung nicht beses- 
sen haben; sie niuss auch in U erst nach der trennung von A ein- 
geschoben sein. Auch dafür haben wir im texte deutliche andeutun- 
gen^. Es bleiben dann die Geisselbrechtschen fassungen (KrjSW 
übrig, die, im gegensatze zu allen anderen fassungen stehend, nicht 

ser vierten stufe zum zweiten male nähert, auch nach Kr. In S ist das versprechen 
noch ganz äusserlich mit dem übrigen verknüpft (erst wird die macht versprochen, 
dann kommt das Lazaruslied und Mephistos äusserung, er wolle die Helena besorgen, 
und erst daran knüpft sich das kleiderversprechen !) , in W zwar besser, aber es steht 
immer noch, die klimax störend, hinter dem der macht. In Kr steht es vor diesem. 
In GM- wird die Versprechung von edelsteinen überaus ungeschickt angebracht; der 
interpolator (Geisselb recht nach der hingäbe von "W au den Schreiber der in Wei- 
mar aufbewahrten hs. a von W) hatte anscheinend getrübte erinnerungen an ein der- 
artiges versprechen, fand aber in seinem texte *G nichts vor und benutzte nun die 
entsprechende stelle vor der abreise. In *G stand noch gar keine Verführung ausser 
der durch die Helena. In D wird junger, oberflächlicher einfluss der Geisselbrecht- 
schen dritten oder vierten stufe anzunehmen sein; D nimmt überhaupt manches aus 
den deutschen fassungen. Vgl. z. b. den David in der erscheinungsscene (den es 
auch mit c teilt, siehe dazu Ztschr. 30, 331). 

1) Hier hast du krön und scepter! Man icird dir mehr reverenx erzei(jen 
als Alexandra Magno und Julia Caesari U. Willst du . . kröne und scepter, einen 
kaiser darin zu spielen? Er. ich ivill dich [koch erheben, i. w. d. S] zu einem 
fürsten {kaiser "W, grossen mann S) machen [du sollst die weit regieren A] ASW. 
In R bietet Mephisto Faust ein köuigreich au. 

2) Mephisto gebraucht, als er abgeht um die Helena zu holen, eine doublette 
des Satzes, den er in AKrlJ beim widerauftreten nach der flucht ausspricht (vgl.s. 211); 
desgleichen tritt er, als er die Helena bringt, mit einer doublette des satzes auf, den 
er nach dem widerauftreten vor der Verhöhnung äussert (vgl. s. 215). In "A fehlte 
demnach 843, 19 — 844, 7; 843, 27 fg. enthält die alten demente von 843, 18 fg. 

3) In U ruft Mephisto Pluto um hilfe an, aber an völlig im wirksamer stelle, 
ehe Faust überhaupt versucht worden ist. Der voraufgehende satz Wie? soll denn 
alle meine mühe, so ich mit dir gehabt, vergeblich seyn? ist eine doublette des vor 
der herbeischaffung der Helena geäusserten tvie? ivill nichts helfen? und steht in S 
auch erst hier. Das erklärt sich so: als die machtversprechung eingeschoben wurde, 
geriet sie nicht hinter die Verhöhnung, wo AKrSW sie haben, sondern hinter den 
satz von der vergeblichen mühe, der unmittelbar vor der herbeischaffung der Helena 
zu stehen hat. Auch dieser satz ist nach s. 212 nicht in U heimatsberechtist. 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 211 

genügen, um die machtversprechimg für den archetypus zu sichern i. 
Der doppelte abgang Mephistos fällt dann für den archetypus weg. 

Eine weitere leider sehr verdunkelte tatsache lebt in dem satze 
fort, den Mephisto in AU beim widerauftreten nach der flucht vor 
Fausts letzter frage ausspricht: es ist in unser m [höllischen A] reich 
erschollen, class Faust umkehrt und auf dem wege der hussfertigkeit 
meinen klauen entgehen will {dass uns Fauste meineidig iverden wolle; 
da entkäme uns eiii fetter braten; aber es soll nicht geschehen A) AU 2. 
Der, in dessen reich diese künde erschollen, kann unmöglich der Über- 
bringer der botschaft, d. h. Mephisto, selbst sein, sondern muss 
Pluto sein. Wie alt ist dieses auftreten Plutos? 

Zunächst jedesfalls älter als der satz von der vergeblichen mühe 
und der an Pluto gerichtete hilferuf in U; denn diese kann nur Me- 
phisto äussern, sie standen aber, wie AKrU zeigen, von jeher hinter 
dem von Pluto geäusserten satze. Als dieser satz von der vergeblichen 
mühe hineinkam, war man sich schon nicht mehr bewusst, dass den 
eingangssatz nur Pluto sprechen konnte. 



1) Ich glaube, dass die kioneuversprecliuDg unter Mario w es einfluss (522 A 
480 B iu der contractscene) eindrang. Eine von Marlowe stark beeinflusste , im 
grossen und ganzen aber doch auf dem deutschen drama beruhende fassung (s. s. 212) 
mochte diese crownes and apparell hierher verlegt und EU einerseits, dem Geissei - 
brechtschen archetypus anderseits übermittelt haben; zunächst in der fassung von Kr U 
(kröne und scepter). Dieser frühesten Geisselbrechtschen fassung (1. stufe) entnahm 
Kr seinen Wortlaut. In der zweiten Geisselbrechtschen stufe, zu der jetzt A hinzu- 
tritt, wurde die kröne durch den titel von ASW ersetzt. Nachher wirkte, unter 
dem einfluss des Lazarusliedes, das jene von Marlowe beeinflusste version neu ein- 
gelegt haben mochte, auch der rieh apparell auf Geisselbrecht ein, dessen vier- 
ter stufe Kl- sich zum zweiten male nähert. Noch auf der vierten stufe wurde Geis- 
selb rechts version in Österreich gegeben, wo sie ja auch entstanden ist. Einflüsse 
von stark mit Mario w eschen elementen durchsetzten fassungeu, die dort auf die 
grosse bühne kamen (es war wol die mit der arie Fauste jene himmelsgaben vgl. 
s. 228) können sich also ebensogut widerholt haben, wie Kr .mehrmals die einflüsse 
dieser landsmännischen version erfahren konnte. (Dass nicht Geisselbrecht selbst 
der Urheber aller seiner stufen zu sein braucht und sie schon lange vor ihm zusam- 
meugewesen sein können, ist natürlich klar; ich wähle die firma aus bequemlichkeits- 
rücksichten). 

2) In der doublette hat A teile des alten Wortlauts besser bewahrt, vgl. s. 211 
anm. 4. In KrL ganz ähnliche satze, nui- der bezug auf Pluto nicht mehr deutlich: 
er glaubt .gewiss durch seine massregeln meinen teuflischeti händen ztt entkommen. 
sieh, dieser braten da ivird mir nicht auskonifnen Kr. (Im tiiumphe:) Beinahe 
hätte er mich überlistet und sich meinen ansprüchen (früher wol klauen, die im 
monolog 57, 18 noch stehen) entzogen L. 



212 BRUINIER 

Der satz von der vergeblichen mühe begegnet in der form von U 
nur noch inS^. In *A kann er nicht gestanden haben; in AB 3, die hier 
wie auch sonst 2, ganz auffällig zusammengehen, muss die entsprechung ^ 
erst nachträglich während des sonderlebens von A, sogar später als 
nachdem A sich der zweiten Geisselbrechtschen stufe genähert hatte*, 
hineingeraten sein; es ist aber sehr gut möglich, dass A auf der zwei- 
ten Geisselbrechtschen stufe etwas ähnliches hatte wie SU. Auf der 
vierten Geisselbrechtschen stufe W ist der satz von U und, wie S 
zeigt, der früheren Geisselbrechtschen stufen, ganz verdunkelt; ihr 
schliesst sich Kr an^. Ausserdem dürfen wir den satz ansetzen für T 
wo die in ihm erhaltenen andeutungen zu einer vollen scene ausgeführt 
sind; auch nach I ist er gedrungen*'. Halten wir diese belege zusam- 
men, so finden wir wider die gruppen U und Geisselbrecht, letz- 
teren deutlich erst auf der 3. stufe (S), aber hier noch ganz mit dem 
Wortlaute von U. Der hilferuf an Pluto von (T)U wird bei Geis sei- 
brecht zu einem gang zur hölle (AKrW^, ausgeführt mit auftreten 
Plutos in T). Die Zugehörigkeit von I zu dieser gruppe, die von D 
nicht gestützt wird, findet eine erwünschte parallele in dem s. 210 
besprochenen Verhältnis von D zu der vulgata in hinsieht der weite- 
ren Verführungsmittel. Ich glaube bestimmt, dass der satz von der 
vergeblichen mühe und der hilferuf ebenderselben von Mario we stark 
beeinflussten fassung zu verdanken sind, die die machtversprechung 
nach AKrSUW getragen hatte ^. Die ganz unpassende Verwendung 
des hilferufes und des satzes von der vergeblichen mühe in U stimmt 
prächtig zu der schon oft festgestellten tatsache, dass U diese Mar- 

1) Wie soll ich meine an ilim gehabte mühe verloren gehen lassen? S. Zu 
U vgl. s. 210 anm. 3. 

2) Vgl. den dritten teufelspunkt. 

3) Nim ist guter rat theuer, tmd ruenn Faust noch eine Viertelstunde betet, 
so muss ich tveichen; aber ich toill die ganxe hölle aufbieten, dass er mir nicht 
aus den klauen kommt A. Ein augenblick und er ist auf immer für uns verlo- 
ren. Doch halt, versuchen wir das letzte B^. 

4) Die wie die dritte (S) zeigt, noch den Wortlaut von IT gehabt haben muss. 

5) Jetxt habe ich {Nun ists W) xeit, dass ich gehe [und in die hölle fahre 
Kr; in W^ gehe gestrichen] KrW. 

6) Soviel tvir ihm auch gedient haben, vielleicht kommen wir diesmahmi ihn I. 

7) Das wird genau dieselbe fassung gewesen sein , die einerseits U mit so vie- 
len Marloweschen elementen beglückte, anderseits Geisselbrecht in der disputa- 
tation (s. 208 anm. 1) und vielleicht auch im monolog (29, 188) beeinflusste. Vgl. auch 
Ztschr. 30, 255. Geisselb recht erfuhr ihren einfluss, als das stück sich schon 
mehr ausgearbeitet hatte, wahrscheinHch doch später als U. In dieser fassung ent- 
standen die alexandriner. 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 213 

loweschen elemente auf höchst ungeschickte weise in seine vorläge 
hineingemengt hat^. 

In *A*U trat Pluto mit seinem satze auf und bringt gleich die 
Helena mit; das ist für *A zu erschJiessen. Diesen fassungen reihen 
sich nun noch KrLschho an. In Kr ist der Plutosatz noch gut erkenn- 
bar, vgl. s. 211, anm. 2. Der höhn, der jetzt wie in USW vor der 
machtversprechung liegt, hat seine- doublette noch beim auftreten He- 
lenas. In L ist der Plutosatz mit seiner alten folge in den triumph- 
monolog hineingetragen, vgl. s. 211, anm. 2. In schho endlich ent- 
flieht Mephisto bei Fausts frage „zitternd vor der strafe seines ober- 
herrn, wenn sich die seele des schon verloren geachteten dennoch von 
ihm losreissen sollte"; nachher kommt er sofort mit Helena wider. 
Unmöglich kann nun Mephisto bei seiner eiligen flucht vor Fausts 
letzter frage sich noch in längere reden über verführuugsmittel usw. 
eingelassen haben; der satz ist deutlich die vorwegnähme eines in 
*schho nach der pause gesprochenen. Dann trat in *schho Mephisto 
etwa mit dem satze auf: „Wie soll ich mich Pluto gegenüber verhal- 
ten, wenn er sich noch losreissen sollte?" Das ist doch ganz deutlich 
der Plutosatz, nur bewusst auf Mephisto umgeschmiedet. 

Ursprünglich muss mit dem Plutosatze die in AG(I)KrLRSUW 
begegnende erwägung, nur weiberschönheit könne Faust noch für die 
hölle retten, verbunden gewesen sein. Sie findet sich in (G)KrU in 
ihrer wahrscheinlich ältesten fassung^, aber nur noch in RU an ihrer 
alten stelle. In AKrLSW ist sie dem später erfundenen triumphe nach 
Fausts fall überwiesen; Geisselb recht (AKrSW; erste oder zweite 
stufe) hat hier den schon 1792 citierten sprach Was der teiifel selbst 
nicht kann, das stellt er durch ein iveibsbild an\ in L ältere prosa^. 

Dass Helena sofort da ist, oder doch wenigstens ohne abgang des 
teufeis erscheint, haben BU. Dass keine pause hier lag, ersieht man 
auch deutlich daraus, dass erst auf der zweiten Geisselbrechtscheu 
stufe (AGSW) Faust hier eine fortsetzung seines gebetes spricht, wäh- 
rend in den anderen fassungen Faust entweder gar nichts sagt oder 
doch leicht spontan zu bildende abweisungen des teufeis. 

1) Vgl. z. b. Ztschr. 29, 191 und 29, 359. 371. 

2) Durch die Schönheit der fraiienximmer habe ich schon manchen mann in 
die Verdammnis geführt Kr. Durch seh. der weiter sind schon oft tapfere helden 
gefallen; es soll dir auch also ergehen U. (Ha, kann ich ihn nicht mit gelde 
blenden, so mtiss er mit einer schönen geblendet werden G). 

3) Aber ein frauenximmer war doch vermögend Hin ivider in unsere hände 
XU bringen L. 



214 BKUINIER 

Nun ist Plutos auftreten ganz sicher für die ungetrennte gruppe 
AU zu erschliessen, sehr walirscheinlich aber auch für KrLschho. In 
den Geisselbrechtschen üissungen. finden wir den mit ihm concur- 
rierenden satz von der vergeblichen mühe und den abgang zur hölle; 
wenn er liier fehlt, so kann das der einführung dieser concurrenzen 
entspringen. Als ältesten beleg für Plutos auftreten erschliessen wir 
also mindestens die gruppe AKrlJ, zu der ja, über vermittelung von 
*Mi hinweg, L sich leicht zugesellen konnte. Aber diese gruppe ist 
nach s. 206 eher plutofeindlich. Ich möchte deshalb Pluto als 
Verführer für den archetypus ansetzen. Wenn man bedenkt, wie 
ausserordentlich leicht Mephisto hier an Plutos stelle treten konnte, so 
wird man dem fehlen weiterer belege nicht allzuviel gegenteilige beweis- 
kraft zusprechen können. Es würde meines erachtens auch logisch viel 
besser passen, wenn der vor Fausts frage geflohene dien er nachher 
überhaupt nicht mehr auftritt. Dafür haben wir nun noch mehr andeu- 
tungen. In G]VP beklagt sich Faust nachher, dass Mephisto ihn ver- 
lassen habe, wo er Zerstreuung brauche. In AG tritt Mephisto, als er 
Faust den contract kündigt, in furien gestalld auf; das wird jetzt damit 
begründet, dass er Faust nicht mehr als mensch zu erscheinen brauche; 
aber offenbar ist diese furie Pluto, nur hatte man das vergessen und 
suchte für die Veränderung der erscheinungsform einen sich leicht erge- 
benden grund. In (B)L(Mi) fordert Faust nach der disputation Mephisto 
auf, sich auf ewig zu entfernen, und Mephisto willigt darin ein. In B 
eilt Mephisto nach der ankündigung des endes zu seinem fürsten „um 
die befehle zu liolen, wie er mit seiner seele verfahren solle" (!) Das 
ist anscheinend auch eine getrübte erinnerung daran, dass Mephisto 
überhaupt nicht mehr auftrat^. 

Helena wird als „die schöne Helena aus Griechenland, um derent- 
Avillen ganz Troja zerstöret worden" eingeführt-. In der crucifixver- 
sion, wo Helena schon für die hofscene herangezogen war, ist sie durch 
ein namenloses schönes weib^ ersetzt; auch Kr hat noch die spuren 

1) Wenn Faust es mit der reue zu bunt treibt, tritt auch in der Historia und 
bei Marlowe Lucifer auf. In MaB (nicht auch, was sehr interessant, in MaA) 
kommt Lucifer auch an imserer stelle und übernimmt nun die führende rolle. Plu- 
tos auftreten am ende des Sehr öd er sehen Stückes scheint mit unserm nicht näher 
zusammenzubringen zu sein. 

2) Dieser stereotype satz schon in der Historia. Er begegnet in AI (hofscene) 
KrLSUW, ohne relativsatz in GMl 

3) Die Prinzessin von Portugal c. Die meretrix von T ist, wie Creizenach 
sah, die menschliche Helena "Weidmanns. In lo ist die Helena durch die Lucretia 
ersetzt; vgl. s. 87, aum. 2. 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 215 

davon. In der Historia scJimüchht sich — bei der reue nach der zweiten 
dispiitation über die höUe — der teuffei inn gestellt einer schönen 
frawen zue jm, halset jn . . . Also das er dess göttlichen u'orts bald 
rergass. Das ist doch ganz unbedingt der zweiten quelle der Historia, 
der Version AKrM^U, entnommen; hier konnte die Historia diese schöne 
frau natürlich noch nicht Helena nennen. Zu GiPOloso und einer 
Goethen bekannten fassung, wo Faust die Helena verlangt, vgl. 
excurs 2. Dass die Helenjt nur ein trugbild und nicht die wirkliche 
zu leben erweckte sei, wird hier schon in^ IKrSW hervorgehoben; im 
archetypus war sie unbedingt nur eine verkleidete l'urie. 

Der teufel verhöhnt- Faust, sagt Helena sei da, er solle sich 
doch nur einmal nach ihr umsehen, das könne ihm doch nichts scha- 
dend Xach einigem zögern tut Faust es und beim anblick der schö- 
nen fliehen alle guten Vorsätze. Helena soll sein eigen sein und ihn 
glücklich machen^. Faust ist nunmehr auf ewig verloren ^ 

In ABD(TlKrLM-RSUWic(di)jschhaschhoschle geht nun Faust 
mit der Helena ab'^; in (*A)OSw"W-f(lo?)so dagegen verwandelt Helena 
sich auf offener bühne in eine furie. Da auch AVallerotti diese letz- 
tere Version schoii hatte, darf man nicht ohne weiteres den abgang 
Fausts für den archetypus ansetzen: im gegenteil hat dieser sicher die 
Verwandlung auf offener bühne gehabt. 

Abgesehen von GßUschle und Vorstufen von LM-(BS), wo Faust 
die liebe der Helena wirklich geniesst '', verwandelt sich Helena überall, 

1) Geis selb recht scheint schon auf der ersten stufe den erdklotz gehabt zu 
haben, aus dem die Helena in KrS gemacht \Yerden soll; in W^ macht er sie, wie 
in I, aus einer furie, in "W"- aus einer schlänge. 

2) Dass Faust im staube kuiee, hebt er in AKr hervor; in SW fragt er, ob 
Faust sein leben wie ein altes weib {kund randglosse W^) beschliessen wolle, was 
ganz unangebracht ist, da er doch Faust gar nicht an das ende erinnern darf. In Kr 
nennt er Faust einen betbruder, in einer randglosse von W^ eine betschwester, einen 
Weichling in GM'. Faust reagiert auf den höhn nur in GIM'-U, im archetypus gewiss 
gar nicht. 

3) AD(G)I(Kr)LOSschhoso. 

4) ABLSUWschho; aber nur in ATJschho sagt Mephisto das, nachdem Faust 
sich umgesehen, was allein das richtige sein kann. 

5) BDGIKrL(M2}0(Sw). 

6) Als ihr Paris, was sicher aus Mario we stammt, in A(G)RSü Wschha. 

7) In G wiU Mephisto Faust nicht lange zeit lassen, sontern ihm und Helenen 
auf denn blocksberg führen, und von da in die hölle transportieren. Das wird doch 
irgendwie eine erinnerung an die Walpurgisnacht Goethes sein. Es folgt ein freude- 
leben (Kasperscenen). Auch in AS stehen zwischen Fausts abgang mit der Helena 
und seinem widerauftreten intermezzi, die sich aus A überaus leicht ablösen. In S 



216 BRIJINIEK 

aber hinter der bühne, in eine furie^, so auch jetzt in BLM^S. Die 
genannten ausnahmen stehen ohne zweifei in abhängigkeit von Mar- 
lowe (U) oder der, ja auch auf den Engländer zurückgehenden fas- 
sung, wo Faust die Helena verlangt (*BG*L*M20so, wol auch S?). Der 
gedanke, Faust die Helena gemessen zu lassen, hebt die grossartige 
dramatische Wirkung der Verführung gänzlich auf. Nur die sofortige 
Verwandlung in eine furie, die ja fast alle fassungen aufweisen, kann 
dem archetypus angemessen sein. Liegt sie doch dem denken des 16. 
Jahrhunderts unendlich viel näher^, als dem des 18. oder 19. Das 
ist die Frau Welt^ in neuer gewandung. Wenn nun diese Verwand- 
lung hinter die bühne verlegt wird, so ist das leicht als ausfluss von 
regieschwierigkeiten zu denken; die Mario w eschen fortsetzungen moch- 
ten ihr teil zu dem abgang beitragen. Wenn, wie doch auch für AD 
IKrLM-W^cdijschhaschho sicher anzunehmen ist, die Helena nur eine 
furie und kein liebchen sein kann, so ist der abgang Fausts mit ihr, nach 
welchem er sofort wider auf die bühne stürzt, völlig unnötig. Der Mephi- 
stophelische triumphmonolog gehört ja so wie so ursprünglich gar nicht 
an seine jetzige stelle (s. 213). 

Nun muss das ende kommen. Zu einem Studenten gelage ist 
kein räum; nur Rü haben diesen störenden zug dem Marloweschen 
drama entlehnt-^. Diese X. scene geht also am letzten tage Fausts vor 
sich. Ob deswegen im pakt so wenig gewicht auf die 24jährige frist 
gelegt wird, oder diese im archetypus gar nicht vorkam? Der arche- 
typus strandet] nicht auf der sandbank, wo das gross angelegte eng- 
lische stück kümmerlich endet, sondern überspringt die nach der hof- 
scene liegende und von reisen, die vielleicht, wie in ABISSw sum- 
marisch erwähnt wurden, ausgefüllte zeit ganz. Faust tritt denn auch 
im archetypus mit schw^ermütigen gedanken auf, die ihm am ende seiner 
tage kommen: diese gedanken erfüllen ihn in BLMiO*W(diflo?)*schha 
schho schieß und wol auch SU, wo der grimd für die sorgen nicht ge- 
klagt Faust in versen über das teufelsweib, das ihn recht verführt. Das erinnert an 
das Lazaruslied; weil alle diese Verzögerungen des eudes Marloweschen Ursprungs 
sind, hat sich Geisselb recht oberflächlich auch hierin an diese in diesem akt oft 
benutzte quelle angeschlossen. In LM'^ will Faust Helenen seine Icostbarkeiten zei- 
gen, was zumal in M"^ ausserordentlich komisch, wirkt. Das wird eine erinnerung an 
die fassung sein, wo Faust die Helena zum „beilager" verlangte. 

1) In A verschwindet die Helena. 

2) Vgl. auch Erich Schmidt, Charakteristiken s. 31. 

3) Diese beliebte allegorie kann man meines erachtens hierin nicht verkennen. 

4) Ich war Ztschr. 29, 363 zu voreilig. 

5) In l)LO(diflo?) ist er schwermütig gestimmt, weil gerade die hälfte der 



VOLKSSCHATJSPIEL VON FAUST 217 

nannt wird. Den dienst braucht der teufel gar nicht aufzukündigen. 
Das tut er zuerst in der crucifixversion (DIKrSwcj), weil hier die 
jähre auf die hälfte verkürzt sind. Dieser betrug dringt nach BGLM^ 
M20(dif)loschhasoz, noch nicht zu den älteren Schütz-Dreherschen 
(schhosclile) und Geisselbrechtschen (SW) fassungen sowie nach AU. 
Der berichterstatter von lo erwähnt, dass ihm der zug neu sei. 

Faust bricht nun in klagen aus^. Er ruft Wagner 2, der ihm 
sagen soll, wie spät es ist 3. Es ist elf uhr. Faust warnt Wagner, rät 
ihm ab von der Zauberei^, er solle seine bücher verbrennen s. Er gibt 
ihm verhaltungsmassregeln, wie er sich diese nacht zu benehmen habe, 
wenn er lärm hören sollte 'l Als sein erbe '^ solle er für Fausts gebeine 
sorgen 8 und den leuten sagen, w^ie er geendet 9. Wagner nimmt 
abschied ^0. Faust fühlt sich von gott und aller weit verlassen 1^. Nun 
schlägt es viertel und eine drohende stimme ruft praepara te^'^^ um 

jähre herum ist. Sich auf das z^YÖlfjährige Jubiläum zu besinueu hat doch gar kei- 
ueu zweck; als der betrug Mephistos noch nicht eingedrungen Avar, standen hier überall 
anstelle der 12 jähre die 24. — Wenn in der Historia die Helena erst um die wende 
des 22./23. Jahres kommt, so haben wir darin deutlich wider die Verschmelzung der 
beiden quellen. In der prosaischen (ersten) ist Helena wirkhch seine geliebte und die 
mutter seines sohnes; in der dramatischen (zweiten) aber nur seine Verführerin. In 
der prosaischen braucht Helena nicht so spät erst sich Faust zuzugesellen; dass der 
söhn schon als einjähriges kind prophezeien soll, erregte auch Meyers aufmerksam- 
keit (Münch. ak. 95, 3(i3). Dieser dramatischen quelle folgt die Historia, wenn sie 
die Helena, so weit ihr möglich war, ans ende legt. — In LM' kündigt ihm der 
eugel den tag als seinen letzten an (vgl. den anhaug über die arien); in Sw heisst 
der akt „Fausts letzter tag". 

1) AYol: wehe, was hab ich getan? wie in AGKrLM-Sw. Der prosaische 
Satz von A sieht sehr altertümlich aus. Die verse von A sind wie die der vorauf- 
gehenden gebete in ihrer jetzigen form erst im sonderleben von A entstanden und 
jünger als die alexandriner bei den geisterrufen; das beweist schon ihre form. Der 
inhalt dieser verse ist an sich alt, scheint aber ursprünglich nach Wagners abschied 
gestanden zu haben. Anklänge in B^B^KrLMüOT. Dass die mutter ihn im ersten 
bade hätte ertränken sollen (0), finde ich auch in einem volkshede, Mündel 
s. 147. Der satz — unglückseliger gehört natürlich nicht zu den versen. 

2) ADI*Kr (vgl. anm. 3) Mi*M'-Udif. 

3) AKrU. (In Kr sagt Kasper: Jetzt '»weht i nur tcissen tcie viel uhr s ist.) 
Zur crucifixversion und dem raben von Bremen A vgl. excurs 1. 

4) Schroeder AG (Kasper) M^U. Später scheint daraus ein Vorwurf Wag- 
ners (M-) oder Kaspers (SWschha) zu werden. 

5) A^M^^M'^Ef. 6) AU. 7 *BDIM\ 
8) A. 9) AU. 

10) Schroeder Neuber ADGIM^M-U. 

11) GM'-U. Hierher möchte ich die klage über den geburtstag verlegen. 

12) AB (in B'-*B^ noch retirad, woraus B^ xwiick. Dieses retirad ist unser 



218 BRUINIER 

halb accusat'us es^, um dreiviertel iiidicatus es-, um zwölf in aeter- 
num clanwaius es^. Die pausen zwischen den rufen werden durch 
verzweifelnde reden ausgefüllt, die in dem bilde einer gerichtssitzung 
bleiben;* schon in U alexandriner. Als der teufel kommt, scheint 
Faust ihn um aufschub gebeten zu haben, er wolle seinen freunden 
einen bericht hinterlassen^; vergeblich. Zum Schlüsse spricht der herold 
eine moral, die — seit AKrH^U? ■ — auf die Jugend bezug nimmt^ 
Vielleicht schloss diese moral mit dem auch bei Spies (allerdings nur 
in einem zusatze des druckes) begegnenden Sprichwort „Aver hoch stei- 
gen will, der fällt auch hoch herab" l 

Excurs 1. 
Die crueifixversion. DIKrSwTV(volkslied)cjrsw. 
Auf der Weltreise^ schwebt Faust über den Calvarienberg ^ bei Jeru- 
salem hinweg ^^. Er erblickt am firmament das bild des heilands am kreuz, 
das ihm die barmherzigkeit gottes dorthin gezaubert hat^^. Darüber bricht 

pracpara ie, vgl. B s. 162 anni. 5 {das Faustiis nicht mehr iceiss iras refirade (!) heisst) 
mit W {mein herz das sagt mir schon icas pre2Jara te heisst) GLUWschha schho 
schle. 

1) Schroeder A*LMüUWschho schle. 

2) Schroeder ADILMüSUWschhaschhoschle. 

3) Schroeder AD GLMüSüWschhaschho schle. 

4) Am besten scheint U das alte festzuhalten. Dass das Stäbchen gebrochen 
werde (AGLMüUW), gehört zum archetypus. Man beachte die (katholische) Idage, 
dass er keinen advokaten dort habe. 

5) DGIKr*M-RTso. In DGM= will er abschied nehmen, in I den bericht 
schreiben, in so am grab des vaters beten. In KrT keine gründe. 

6) Nicolai T. Auch B*M'W. Apostrophen an die Jugend in Pausts reden 
in lOU. 7) Vgl. GMl 

8) So DIKrSw. In Vr will er unabhängig von der weitreise nach Jerusalem. 
Das erscheint auch in Kr, vgl. s. 219 anm. 6. In T wird J. gar nicht erwähnt. 

9) In SwTrsw erwähnt: ich ivar auf Calvari Sw. In r holt Mephisto das 
kreuz vom Calvarienberge, in sw sogar den Calvarienberg selbst. In Kr schwebt er 
über diesen hohen berg; in D über die heilige Strasse (vgl. V), in I über Jeru- 
salem. 

10) So DI Kr. In SwV ist Faust wirklich auf dem festen boden der heiligen 
Stätte; in r will er hin, doch ist dem teufel das betreten Jerusalems verboten. Zu 
dem gange der entwickelung passt nur DI Kr; SwV sind sicher alteriert, vgl. 
nachher. 

11) In IKr erscheint ihm das crucifix plötzlich, in V nachdem er, von der 
heiligen statte angeregt, auf deren bedeutung ihn der teufel aufmerksam gemacht 
hat, diesen gefragt, wie gott am kreuze ausgesehen habe, was der teufel mit den Wor- 
ten kein mahler ist auf der tvelt der das contrafee kan treffen als unerfüllbares 
verlangen abweist. Sicher mischung, vgl. nachher. In DSw sieht er das crucifix 
auf dem Calvarienberge, also unten auf festem boden, und verlangt in D, der teufel 



VOLKSSCHATTSPIEL VON FAUST 219 

er in renevolle klagen ans^. Der tenfel kann diese klagen nicht anhören- 
nnd droht ihn ins meer fallen zu lassen 3; dann bringt er ihn in gedanken- 
schnelle nach hause, Mailand'^, zum leidwesen Fausts-'. Hiermit beginnt 
die handlung. Die fabel des voraufgehenden erzählt Faust melir oder weni- 
ger ausführlich in DIKrSw. Faust befiehlt nun Mephisto, ihm das crucifix 
so zu malen ^, wie er es in den wölken gesehen habe. Der teufel weigert 
sich, eher will er die handschrift zurückgeben ' ; er muss ja von diesem bilde 
zurüclvAv eichen s. Aber Mephisto wird gezwungen". Der Ztschr. 31, 80 
hervorgehobene zug der crucifixversion , dass die teufel möglichst gequält 

solle ihn himmter schweben lassen, damit er das kreuz küssen könne. Auch rsw 
denken sich das ki-euz als „ohne imterlass" auf dem Calvarienberge stehend. *Sw 
hat aber das ki'euz am fii'mament sicher gekannt, denn nachher zeigt es ihm Mephisto 
zu seiner linken in den wölken. 

1) DKrSw, am besten V. 

2) "Weil in ihnen der name gottes vorkam, und Mephisto den nicht hören darf. 
Faust reist ja mit ihm durch die luft \md die drohung Mephistos entspricht dabei 
vollständig einem bekannten weitverbreiteten sagenzug. Der zorn Mephistos über die 
klage in DSwY festgehalten: V Seuftxe nit, hör auf xti klagen über dieses contra- 
fee, oder tvir lassen dich ?»s mecr fallen. In D mehr nach hinten hin verschoben: 
Wo ist den7i die obere inschrift geblieben? | Sprich diesen namen vor mir nicht 
aus . . Ehe du ihn aus dem munde lässt, muss ich dich in tausend stücke zer- 
reissen. An unserer stelle verwischt: Ehe ich dir das thäte (vgb das verlangen 
s. 219 anm. 8), tcürde ich dich lieber in tausend stücke xerreissen und in dieses meer 
uxrfen. Auch in Sw verschoben: Die tvirst mir ein konterfei schaffen, so tcie ich 
es auf Calvari gesehen. (Mephistopheles pfeifend ab.) Mephisto icarum weichest 
du? I Faust, bist du rasend geicorden? Versprich mir diesen ort nie wider zu nen- 
nen, sonst hast du die folgen dir selbst zuzuschreiben. Für diesen ort ist sicher 
ursprünglich d. namen zu lesen gewesen. 

3) D*SwT; vgl. die voraufgehende anmerkung. 

4) Hier nur von V festgehalten; vgl. den grossen monolog von DI. 

.5) Das muss man annehmen, wenn es auch nur aus D und dem fernerste- 
henden M- zu erschliessen ist. Die einleitenden werte von D siud docli am besten 
so, und nicht auf das folgende zu beziehen. In M^ fragt er unwillig: tvas ist das"^ 
was soll hier ich in der stadt Wittenberg? 

(J) DI*ErSwTY. In crsw soll Mephisto es holen, was nur ein ersatz für 
das der regle unausführbare malen sein kann, denn das kreuz existiert ja gar nicht, 
sondern erschien als konterfei in den wölken. In Kr verlangt er, Mepliisto solle ihn 
hinführen, oder es ihm biingeu, im folgenden ist aber nur das gemalte bild gedacht. 

7) D*ISwTY(c?). In Kr entflieht er, nach dem muster der vulgata, vgl. 
s. 202. 

8) Kr; in D darf er kein crucifix malen, in I müsste er zu diesem zwecke 
4000 teufel auftreiben. Das zimickweicheu bring-t D später bei der forderuug der 
inschiift an, ebendort erst will Mephisto in I die handschiift zurückgeben. Hieraiis 
hat offenbar der arcbetypus von Swr das für Mephisto geltende verbot gemacht, Jeru- 
salem zu betreten, das r deutlich festhält. 

9) In D will Faust ihn todt.^chiessen, vgl. Ztschr. 31, 80. 



220 BRUINIER 

werden, wird auch hier angebracht: Mephisto muss die materialien znm 
bilde mögiiclist weit her holen, ans Portugal i. Das bild ist fertigt. Faust 
findet es gut, aber er vermisst die bedeutungsvolle Inschrift 3. Die kann 
Mephisto nicht hinzufügen ^; in Kr sagt er, wenn er die paar worte noch 
aussprechen könnte, könnte er gnade hoffen und Faust knüpft daran die 
disputation. Die crucifixversion wird von nun an allein noch von DI fest- 
gehalten. Wenn Mephisto die worte nicht aussprechen und schreiben könne, 
so Avolle er, Faust, sie dem crucifix hinzufügen. Faust schickt sich zum 
malen an und spricht dabei den namen „Jesus" aus^. Da entflieht der 
teufel. Im weiteren Hess die crucifixversion während der Versuchungen 
einen engel Faust mut zusprechen (IKrr, auch lo), und anstelle der gei- 
sterstimme sprach ein rabe die worte yraepara te usw. Das geschrei des 
raben — der zugleich mit der weissen taube kämpft, die Fausts seele 
bedeutet — versammelt die laute um Fausts haus und daher erfährt aiich 
Hans Wurst, dass es mit Faust zu ende gehe (DI, weniger deutlich Kr. 
der rabe dringt auch nach A, die leute, die sich ansammeln, nach 
AG) 6. 

Offenbar knüpft diese, von einem bedeutenden dichter herrührende 
Version an den punkt des gespräches an, dass Faust nach gott fragt. Wir 
fanden ihn nicht im archetypus, auch nicht in dieser prägnanten gestalt 
in der pädagogischen Umarbeitung: aber wol bei Marlowe. Da Avir nun 
schon oft haben feststellen können, dass die crucifixversion nähere bezie- 
hungen zum englischen stücke zeigt, werden wir auch hier Marlowes ein- 
fluss annehmen müssen. 

Die änderungen, die die einzelnen fassungen vorgenommen haben, 
lassen sich als solche sehr leicht erkennen. Besonders ist wichtig, dass 
sich, wie in der hofscene, die gestalt von V als secundär erweist. Die 
mischungen sind hier überall deutlich zu erkennen. 

Excurs 2. 
An stelle der disputation setzte eine besonders von v. Kurtz vertre- 
tene fassung des 18. Jahrhunderts die ermahnung durch den alten mann, 

1) Von DVO festgehalten. Zu D vgl. Ztschr. 31, 84. 

2) Dass das malen in V ebenso lange dauert, wie die „passion", also wie das 
leiden Christi am kreuze, ist natürlich epische Weiterung. Dass in dem famosen flie- 
genden blatt aus Köln Portugal abgemalt werden soll, ist bezeichnend für den blöd- 
sinn, den hier ein geschwächtes gedächtnis verkauft. — Das bild ist in T ein blend- 
werk, in Sw erscheint es in den wölken. 

3) Dass er von vorn herein auf die inschrift gewicht legt, wie in TO, ist 
alterierung. Der zug ist ausserdem in DI Kr erhalten. — In V vermisst, trotz sei- 
ner forderung, Faust die inschrift nicht und erst der teufel muss ihm sagen, dass 
er sie nicht mit malen könne. Das steht im widersprach zum ganzen Zusammenhang. 

4) DIKrV. 

5) Nur I. — DKrTV müssen den zug ebenso gehabt haben. 

6) Da der rabe nur in Bremen A vorkommt, gehört er ursprünglich nicht in 
die deutschen vulgatafassungen. Man beachte die Übereinstimmung Bremens mit 
der crucifixversion (vgl. Ztschr. 31, 82 anm. 1). 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 221 

Vgl. excurs 2 zur contractscene. Sie hat ihre spuren in BGLM^M^Olo 
schhaso hinterlassen. Die disputation ist in BGso deswegen ganz weg- 
gefallen; in LM^ wild wie in BGrM^ der teufel von Faust abgewiesen, 
anstatt dass dieser flieht. Spuren der kirchliofsscene von v. Kurtz haben 
GOso, vielleicht auch ]yi-rui. Sie war auch Klingemann, dem ballet 
dernier jour und wol auch Weidmann bekannt. Ob dieselbe fassung He- 
lena auf Fausts wünsch erscheinen liess? Das geschieht jetzt noch in 
M^Oso imd der von Goethe in dem Ztschi". 31, 61 anm. erwähnten briefe 
an "W. V. Humboldt bezeichneten fassung; auch G geht irgendwie auf 
etwas ähnliches zmiick. Aber es sind alles nur oberflächliche einflüsse. Ich 
habe auf jSTeuber verdacht, denn es sind gerade die auch sonst offenbar 
gerade von Neuber beeinflussten Versionen. — • Dass in Oloso Helena erst 
ganz am Schlüsse erscheint, hängt mit der Streichung der geisterrufe, aber 
nicht mit dieser fassung zusammen, ebensoAvenig dass in (so?) imd den 
randgiossen von "W^ die abgeschmackte idee sich breit macht, dass Mephisto 
Faust von vorne herein für gerettet erklärt, wenn er der Versuchung wider- 
stehen sollte. 

Excurs 3. 

Fragen von AS. Warum ist Lucifer {seyd ihr höllengeister S) ans dem 
liimmel [in den abgrimd der hölle S] Verstössen (gestürtzt S) worden? M. : 
Weil er sich über gott erheben ivollte^ ist er mit seinem anhang a. d. h. v. 
w. A. Wegen hoffarth S. Vgl. Ma 307 (A 294 B). Die antworten sind 
gemeinplätze früherer zeit. 

Fragen von A: {Tch möchte ivissen), ivie viel ihr eurer geister seyd? 
Meph: Der geister ist eine solche unbeschreibliche menge, dass sie von mensch- 
licher Vernunft schwerlich kann begriffen werden, denn als L. mit seinem 
anhang a. d. h. v. u\, so waren der geister so viel^ dass sie das tageslicht 
verfinstern könnten, so ferne es nicht eine höhere macht verhinderte A. Diese 
frage nicht specialisiert bei Spies (vgl. aber 32, 23 fgg.)) wol aber bei 
Widman-Pfitzer-Chril. Zu der begründung der anzahl stimmt am besten 
der an sich anscheinend verworrene, von P fitz er gestrichene consecutivsatz 
Widmans. — Wie vielerley geister gibt es denn unter euch? M: Gleich- 
wie der himmel neun chöre hat ausgetheilet , also sind auch die dienenden 
tinter uns geistern ausgetheilet. Hauptsächlich aber findet man bei uns nach 
den vier elementen: luft-, feuer-, erd- und Wassergeister, die alle ihre beson- 
dere namen und Verrichtungen haben. A. „Diese besonderen Verrichtungen" 
sind bezeichnend für die art, wie solche texte sich zu helfen wissen. Die 
Spiessche Frag D. Fausti vom regiment der teuffei (s. 29) stimmt hiermit 
lange nicht so sehr überein, y\\e die 7. disputation beiWidman-Pfitzer-Chi- 

1) In G fragt Faust den Waguer: icas stehet ihr so auf die erde, als wol- 
det ihr die geheine eurer verstorbenen eidern ausgraben. Auch die fassung der 
letzten begegnung Kaspers mit Faust lässt auf die kirchhofsscene schliessen; Faust ist 
froh jemanden zu haben, der ihm heim leuchte und glaubt Kasper wolle ihn mit der 
laterne abholen. Geht auch der versuch Fausts, die bibliothek zu erbrechen, die 
aber verschlossen bleibt, bei dem sich Faust blutige bände zuzieht (M-), auf diese 
kirchhofssceue? 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXXI. 15 



222 BRUINIER 

M., wo die 9 teufelcliöre und der vergleich mit der früheren rangord- 
nung der engel. In den prosawerken werden die teufel nach den 4 him- 
melsrichtungen eingeteilt. Die nach den dementen liegt der volksvorstel- 
lung näher. — Warum stehet ihr geister den mensche?i so gern zu diensten ? 
M.: Damit ivir sie als eine erfretdiche beute dem himmel etitziehen und sie 
unsrem höllischen reich einverleiben A. Dieser katechismuston auch schon in 
der contractscene. 

Frage von S: Wie kommt es, dass ihr um, eines einzigen Verbrechens 
willen so hart seyd gestraft worden, da doch dem menschen so viel vergeben 
wird? M. : Das ist ein geheimniss, so ich selbst nicht weiss S. 

Anhang. 

Die a r i e 11. 

Geisterstimmen ertönen: 

1 . Nach dem monolog : A D I Kr L M^ E S U W c di lo schha schho schle 
Kollm. EK. Überall engel (e.) und teufel (t.) Marlowe. Mountford. 

2. Vor der beschwörung: BMiM^fsoKollm.CF. Wie 1. Ygl. zu 1. 2 
Ztschr. 29, 345 fgg. 

3. Ehe Mephisto zum contract erscheint: G(t.)*L(e.) Marlowe (e. t.) 
Von Mountford nach 5. verlegt. 

4. Vor \ der niederschrift (Kr(t.)U(e.) 

5. Während/ des contracts: \D(e.) I(e.) j (e.) Mountford (bei Me- 
phistos abgang um die kohlenpfanne zu holen). 

^ „ , , , . . fBi(e.)B2(e.t.)B3(e.t.)R(e.)S(e.t.)U(e.) 

6. Vor I der Unterzeichnung! ■i^ ) \ -.t , ^ ' \ ' 
n -i\T"\. ^iA + 4 i schho e.) schle (e.) 

7. Wahrend j des contracts: r ui / i lo\o i oi 

-' ' [schha (e., auch t.^')? vgl. 8J 

8. Nach der \ vor \ der ab- ( W{e.t.) [schha (?s. 7)] 

9. Unterzeichnung j nach j holung: \^ ü(e.) 

10. Vor der reue im beginne des letzten actes: KrLM^ET Kollm. 
BCFH (überall e.) [Mountford]. 

11. Während der gebete in dieser reuescene: [IKr] Müclor Kollm. I 
(überall e, äusserer, wo e. t.)i. 

12. Vor dem ende: Bso. Vgl. s. 217 fg. die geisterrufe, die in Kr 
M^M^OSw gestrichen sind. Marlowe B Mountford. 

Vielfach sind diese geisterstimmen in verse gebracht. In U spricht 
der engel die letzten worte in 1. und die in 4. 9. in alexandrinern , die 
wol auch den werten in 6. zu gründe liegen. Ebenso hat nach v. d. Ha- 
gen schha in 7. (8.) alexandriner gehabt. In T ist dies versmass anschei- 
nend an die stelle eines lyrischen getreten, s. u. 

In allen anderen fassungen, wo die geisterstimmen versificiert wur- 
den, finden sich lyrische Strophen, nämlich: 

1) Dem entsprechen die Mar low eschen stimmen nach Mephistos fhicht be 
der frage nach gott (e. t. 701 A 640 B). Auch bei Mountford. Bei Marlowe 
e., der ihn vergebens zur reue auffordert, t. kurz vorher. In IKr schwebt der engel 
nur, ohne zu sprechen; vgl. Marlowe. 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 223 

1. a. Nach dem monologe: M^Kollm. E. Die engelsstimme, wahr- 
scheinlich in prosa aufgelöst, schJiesst mit dem verspaare 

Faust! Faust! bekehre dich, 
Deine arme seele dauert mich. 

b. Kollm. K: Faust ivas willst du heginnen? (Tille s. 9; auf bl. 2'' 
der hdschr.). Dass dies der rest eines liedes ist, ist sicher, vgl. 2''. Mit 
Neubers arie verwandt? Die frage: ,,was willst du beginnen?" allein 
bedingt noch keine Verwandtschaft, da sie allzunahe liegt, imd die mahnung 
{zurück) von deinem vorhaben, der wir öfter im anschhiss an die arie be- 
gegnen, fehlt bei Neuber. 

c. Kollm. K: Faust blicke noch einmal zurück (Tille s. 9); auf 
bl. 4* der hdschr., also walu'scheinlich am schluss der ersten geisterstimmen- 
scene, spätestens ad 2. 

2. Vor der beschwörung: 

a. M^ Kollm. CF: weh, Faust, deine arme seele dauert mich; vgl. 1". 

b. B (s. 130) . . lass ab von deinem vorhaben usw. Reste eines, 
wahrscheinlich mit l"" S"" verwandten liedes. 

c. In M^ ein gesangbuchvers. 

3. Ehe Mephisto zum contract erscheint: 

a. Mephisto singt ein recitativ. In den beiden ersten versen die 
reste des engelsliedes ad G""!. Sonst = 4^ 6\ G. 

b. Prosaauflösung eines mit l**. 2*" verwandten liedes. L. 

4. Vor der Unterzeichnung: 

a. Faust ich werde vom höchsten geschickt usw. B^ (s. 137). 

b. Trümmer der um eine teufelsstrophe vermehrten arie Fauste, jene 
himmelsgaben. S. 

c. Unbekanntes lied ohne teufelsstrophe; mit dem von B (4*) ver- 
wandt? schho sclile. 

5. Nach (während? schha)- der Unterzeichnung: 

a. Engelslied ohne teufelsstrophe?- schha; bei der Verwandtschaft mit 
B schho sohle ist zu vermuten, dass keine teufelsstrophe dastand. Anderseits 
steht schha ja auch W nahe. 

b. Trümmer der um eine teufelsstrophe vermehrten arie Fauste^ jene 
himmelsgabeti W. 

6. Vor der reue: a. Trümmer der arie Fauste, jene himmelsgaben: 
KrL(T)Kollm.BH. (Tille s. 8 fg.) 

b. Ein damit verwandtes lied mit anderem versmasse: M^ Kollm. 
CF (Tille s. 9). Identisch damit 3". 

7. Während der gebete: Kollm. I; dasselbe wie 6a, besonders nahe 
zu L stimmend. 

1) Unbedingt so zu ei-klären. Das zweite es ist und es gild der sind ganz 
junge erfindungen, um das hed von M^KoUm.CF an dieser stelle einigermassen wahr- 
scheinlich zu machen. 

2) V. d. Hagen drückt sich sehr imdeutlich aus. 

15* 



224 BRtriNIER 

8. Vor dem ende: 

[a. Reste eines liedes (e.? t?) in B]. 

b. Bei Neuber sang die Helena eine arie, in der sie Faust seinen 
Untergang ankündigte. Reste davon vielleiclit in LKollm. AGHI^ (Tille 
s. 10)^. Ob damit die im Journal von und für Deutschland 17 92, 663 
bezeugte arie Fauste, lauste, du musst sterben, von der wir nichts wissen, 
identisch war, ist nicht zu entscheiden. 

Die von Faust gesungenen (?) arien (?) in SW (GM- Kollm. E)-*^, 
sowie die in KoUm. I von Mephisto nach der verschreibung gesungene 
(Tille s. 10) lasse ich unberücksichtigt. 

Aus dem 18. Jahrhundert sind uns zwei arien überliefert: 

1. Fauste, jene himmels gaben auf den Fliegenden blättern (Bl.), die 
das Volkslied enthalten. 

2. Fauste, was ist dein beginnen auf den Neuberschen zetteln von 
1738 und 1742. 

In nahem zusammenhange mit den arien steht das traummotiv. Faust 
schläft während der geisterstimmen : nach dem monolog LM^Kollm. E; 
vor der beschwörung Bso; vor dem erscheinen Mephistos zum contract G 
*L; vor der blutgewinnung B^; nach dieser Sschhaschho sohle; nach der 
Unterzeichnung W; vor der reue KrLKollm. BHMountford. 

1. Die arie Fauste jene Jiifnmelsgaben 
der Bl. ist unzweifelhaft vom guten engel gesungen worden. Man kann 
in zweifei sein 1. über die stelle oder stellen, wo sie gesungen wurde; 
2. ob sie als ganzes in einem zuge, oder in einzelnen partieen an verschie- 
denen stellen vorgetragen wurde; 3. ob dei- abdruck das ganze lied, bezw. 
alle seine einzelstrophen enthält; 4. ob der abdruck das originallied selbst, 
oder nur eine Umarbeitung bietet. 

In der fassung der Bl. ist die arie nirgends erhalten; trümmer von 
ilu^ finden sich in GKrLMiM-'STWKollm. CEF! Als arie treten ein- 
zelne Strophen zimächst in SW, also einer Geis seibrecht sehen gruppe 
auf, wo sie in der contractscene , vor (S) oder unmittelbar nach (W) der 
Unterzeichnung liegen. SW bieten die ersten sechs verse der ersten Strophe 
der Bl. in ziemlich unveränderter gestalte, die beiden folgenden lauten aber 
ganz anders. Bl. haben da: 

Betrachte stets die ewige pein 

"VVeun du willst befreyet seyn. 
Sw aber: 

(Wj Traue nicht des teufeis | 
(S) Geh und flieh der höllen j '^ ' 
Welche dir so nahe ist! 

1) Ausser in Kollm. G auf Tvasper übertragen. 

2) Die feurige Schrift schon bei Weidmann und danach Soden. (Vgl. den Ithu- 
riel in beiden dramen.) 

3) Lazai'uslied, dann (nur in S) über Helena als teufelsweib. 

4) Ausgemerzt ist die anspielung auf die krankheit in Bl. 



YOLKSSCHAUSPIEL VON FAT7ST 225 

Es ist miu absolut sicher, dass in *S*"W noch die fassung der verse 
7. 8 der Bl. erhalten war. Denn die in SAV vom teufel gesungene anti- 
sti'ophe reagiert in "W noch deutlich auf das hefreyet in Bl. 1, 8, Avähi-end 
in S gerade diese anspielungen auf die freiheit auch hier entfernt sind : 

W S 

Fauste, was willst du einschränken Faust, setz nur gar keine schranken 

Deinen freien frohen sinn? Frohem' mut und heitrem - sinn, 

Von dem vorsaz thu nicht wancken, Von deim vorsatz thu nicht wanken, 

Lust und f reud ist dein gewinn. Lust und freud ist dein gewinn. 

Du kannst stets in freiheit schwehen Du kannst stets in wollust wehen 

Und dem glück im schoosse lehen. L'nd dem glück im schösse leben, 
usw. usw. 

Die absieht dieser änderungen kann man nicht gut verkennen. Der cor- 
rector kannte sicher noch die alte fassung des Schlusses der engelsstrophe in Bl, 
und wusste , dass die erwähnungen der freiheit in der antistrophe darauf an- 
spielten. Er Tvusste, dass die in den versen SW 1, 7. 8 vorliegende neudich- 
tung einen besonderen zweck hatte, und dass dieser nur diu-ch die von ihm 
vorgenommene änderung der teufelsstrophe ganz erfüllt -würde. Es liegt 
daher am nächsten, die umdichter der engelsstrophe und der teufelsstrophe 
zu identificieren ; wahrscheinlich ist aber die correctur der teufelsstrophe ein 
wenig jünger als die umdichtung der engelsstrophe. In *S*W (Geissel- 
brecht auf der dritten stufe) lautete die engelsstrophe wie in BL, die 
antistrophe wie in W. Dann änderte Geisselbrecht die engelsstrophe, 
beliess aber zunächst die teufelsstrophe in der alten fassung, eben weil hier 
die freiheit nicht so scharf betont erscheint, wie in der engelsstrophe. 
Später (S) ändert er aber auch die teufelsstrophe ganz um. 

Warum entfernt Geisselb recht nun die anspielungen auf die frei- 
heit? Faust muss irgendwo den wällen frei zu sein geäussert haben; das 
muss später gestrichen worden sein, oder das lied hat eine andere stelle 
erhalten, wo die freiheitsgelüste in Fausts munde nicht angebracht erschienen. 

Nun finden wir in T wirklich diesen ausdruck des Wunsches nach 
freiheit in Fausts munde. Vor einer reuescene, als Baphael sich naht und 
Mephisto sich vor diesem zurückzieht, äussert Faust mit bezug auf den 
engel : 

Wer weiss, ob dieser geist mich nicht befreien kann. 
Von den schlingen des teufeis nämlich. Und Eaphael antwortet: 

Ach Fauste, geh in dich! thue meine bitt gewähren, 
Betracht dein stand zuvor, wie du gewesen bist, 
Du warst ein gottesmann, du warst ein guter Christ, 
Du legtest aus die text von gott und heil'ger schritt, 
Du warst wie ein prophet vor gottes angesicht. 
Er fordert ihn auf, bei dem leiden und dem tode Christi, bei den quälen der hölle, 
der Zauberei zu entsagen und umzukehren. Faust ist tief erschüttert. Es wirbeln 
seine gedanken, ihn zieht die gnade an. Er selbst ruft sich zu: 

1) frohen text. 2) heitren text. 



226 BRUINIER 

Fauste! geh in dich, weil du noch gute zeit. 
Du siehest sonnenklar, dass gott dich hat berufen. 
Und dich noch heben will zu höchsten ehrenstufen. 
Allein da kommt Mephisto und spricht ihm zu, die trüben phantasieen wegzublasen 
und die heitere lust des lebeus in vollen zügen zu geniessen. „Was du wünschest . . 
wird dir gewährt." Da fordert Faust von ihm, dass er ihm gott male . .. 

Hier ist die ganze arie Fauste^ jene himmelsgaben deutlicli widerzu- 
kennen: Faust wird an das gute, das er früher getan, Avie dort an seine 
himmeLsgaben erinnert; die quälen der bölle, das leiden Chinsti wird ihm 
vorgeführt, die gnade gottes ihm eröffnet, denn er habe noch gute zeit. 
Der zuruf Aeh Fauste geh in dich stimmt wörtlich. Der Verfasser von T 
kannte also die arie in einer weit umfangreicheren gestalt, als wir sie in 
SW haben und mit derselben gedankenfolge Avie in BL: d. h. also höchst 
wahrscheinlich das lied Bl. selbst in unverkürzter fassung. Da nun Faust 
in T den wünsch nach befreiung äussert, und in T die arie in genau der- 
selben Umgebung 1 erscheint, wie in SW, so kann man gar nicht zweifeln, 
dass T die arie aus dem Schauspiele kannte, nicht allein aus den BL, die 
T sehr wol bekannt gewesen sein können 2. Allerdings ist die frage offen, 
ob T sich nicht durch die gedruckte arie in seiner dichtung hat beein- 
flussen lassen. Wir werden zwar nachher noch sehen, dass T die in 
LWi und Kollm. BH vorliegende abweichung von Bl. gekannt hat; unbe- 
dingt dürfen wir aber aus T allein nicht schliessen wollen, dass seine 
quelle die arie ganz nach Bl. aufwies. 

Die Umgebung der arie ist in STW dieselbe. Aber dieser complex 
liegt in T an ganz anderer stelle als in SW, unmittelbar vor der reue 
und der herbeischaffung des crucifixes. Dort liegen trümmer der arie auch 
in KrLMiKollm.BCFHI. Welches ist die richtige stelle? Unbedingt 
die vor der reue. Die oben besprochenen correcturen in SW haben den 
zweck, die arie ihrer neuen Umgebung auzupassen; sehr deutlich sind in 
(S)W die spuren der alten läge noch erhalten. Ziuitächst ist ihre jetzige 
läge in W höchst ungeschickt. Nach der unterschreib ung hat die Warnung 
des engeis gar keinen zweck mehr, wol vor ihr, wie in S und anderen 
fassungen. Was soll weiter das für einen zweck haben, dass Mephisto 
Faust, der in seinem Studierzimmer einschläft, „bewachen" soll? (BSW). 
Wenn der schlaf Faust im freien überrascht, so hat das Avenigstens einen 
sinn (vgl. nachher). In W^ ist die spur am deutlichsten. Hier lauten 
2, 7. 8: 

Faust, wach auf vom sündenschlaff, 

Ermuntre dich, verlohrnes schaaf. 
Diese verse stehen offenbar in Zusammenhang mit Bl. 3, 7. 8: 

Fürchte nur den sünden schlaf, 

So entgehst der höUenstraf, 

1) Mephisto zieht sich vor Eaphael zurück und spricht bei seiner rückkehr 
von trüben phantasieen. 

2) Alle drucke der Bl. führen in die alpenländer Deutschösterreichs, wo T ja 
auch zu hause ist. Auch zeitlich hindert nichts die annähme, T habe auch den 
druck gekannt. 



VOLKSSCHAÜSPIEL VOX FAUST 227 

AYährend ^Y^- dafür nach Bl. 4, 7. 8 hat: 

Faustj, wach auf, bekehre dich 
Deine seel erbarmet mich, 
wo Bl. (KrM^M-Kollm.CEF) ach weh Fauste , geh in dich usw. haben. In 
der gemeinsamen quelle von W^W^, d. h. der unverfälschten dritten stufe 
Geisselb rechts, die noch die erste engelsstrophe nach Bl. hatte, schloss 
eine folgende strophe wie W^, die dritte wie W-, nur dass hier nicht 
tvach auf, sondern ach tveh stand. Als nun die notwendigkeit weiterer 
correcturen entstand, erschien der sündenschlaf und der vergleich Fausts 
mit einem verlornen schafe^ nicht mehr recht passend, und man half sich, 
indem man die letzten beiden veise der schafsti-ophe durch die der folgen- 
den ersetzte, dabei aber das Stichwort 2cach auf beibehielt. Die ersten 
sechs verse der folgenden strophe fielen dabei ganz weg, wie in W^ schon 
diese ganze strophe gestrichen worden war 2. 

Wir dürfen für die fassungen, die die arie in vollständiger gestalt 
boten, etwa folgendes annehmen: Faust fühlt die fesseln des teufeis und 
will befreit sein. Schlaf überfällt ihn, und er bittet Mephisto, ihn zu be- 
wachen. Da erscheint der engel und singt. Mephisto, der sich zurück- 
gezogen hatte, schilt, als Faust ihm von seinem träum erzählt, auf die 
trüben phantasien und fordert ihn auf, sein leben zu geniessen; doch geht 
Faust darauf nicht ein, sondern beginnt, immer noch unter dem eindrucke 
der ai'ie stehend, mit der disputation, die sich ganz in der durch die arie 
geweckten Stimmung bewegt. 

Greifen wir nun zu Mountford. Da haben wir im dritten act eine 
scene im walde; Faust und Mephisto unterhalten sich über das splendid 
life, dann bittet Faust: 

now retire, 

while I repose myself within this shade 

and when I wake, attend ou me again. 
Mephisto geht ab ; Faust hält einen monolog : ^ 

"What art thou, Faustus, but a man 
condemn'd. 

Thy lease of years expire apace 

and, Faustus, then thou must be Lucifers. 

Here rest my soul, and in my sleep 

my future State be burried. 

1) Dieses finden wir noch in T, wo Raphael an einer andern stelle, die deut- 
lich eine doublette der eben erwähnten ist, mit den werten auftritt: „sein hirt habe 
ein schaf verloren", ferner in L Kollm. BHI. Bei den Sachsen beginnt die strophe 
mit diesen versen, ihnen schliessen sich Bl. 1. 5 fg. unmittelbar an. Diese Verbin- 
dung scheint specifisch sächsisch zu sein. Die dritte strophe der Bl. — die übrigens 
sehr rätselhaft ist; wo hat Faust zwischen krankheit und todespein zu wählen? — 
erscheint hier in ganz anderer, und — ich kann mir nicht helfen — viel passen- 
derer, prägnanterer fassung. 

2) Aus zwingenden gründen, vgl. s. 229. 

3) Vgl. Marlowe A (1176 B 1119). Faust schläft nach einem ähuHchen 
monologe ein, weil nun der Horse-courser ihm das bein ausziehen muss. 



228 BRUINIER 

Nun kommen der gute und schlechte engel: 

Good An.: Faustus, sweet Faustus, yet remember lieav'n. 
Oh, think upon the everlasting pain thou must endure, 
for all thy short place of Pleasure. 

Bad An.: Illusions, faucies, Faustus, think of earth. 
The kings thou shalt command; the pleasures rule, 
Be Faustus not a whining, pious fool. 
Da haben wir ohne zweifei die quelle unserer arie. Unter den händen 
der englischen comödianten hatte sich Marlowes Faust weit von seinem 
urbilde entfernt; diese auswüchse übernahm Mountford einerseits, das deut- 
sche (österreichische) stück, das im letzten acte so sehr stark auf Geis sei- 
brecht und U eingewirkt hat (vgl. s. 212 anra. 7) anderseits. Zunächst 
ist die einführung der scene interessant, weil sie sich offenbar an eine 
missverstandene stelle des englischen Originals hält. Dort sagt Faust zu 
Mephisto, als er den sclilaf fühlt, er solle sich zurückziehen und wenn er 
ausgeschlafen, ihm wider aufw^arten {attend). Dieses attend fasste ein deut- 
scher regisseur irrtümlich im sinne des franz. attendre und gab so dem 
ganzen eine ganz andere pointe: Mephisto soll auf ihn warten, bis er aus- 
geschlafen. Daraus weiter entwickelt sich die in BSW begegnende auffor- 
derung, ihn zu bewachen = aufzupassen, dass nichts geschieht. Ich glaube, 
man wird die ganz auffällige aufforderung zur bewachung so am besten 
erklären können; wir hätten damit den bcAveis dafür, dass noch das eng- 
lische drama selbst, nicht erst seine deutschen Übertragungen von den 
deutschen regisseuren zur ausputzung des alten volksstückes benutzt wurde. 
Aus den Worten des guten engeis werden zunächst alexandriner geworden 
sein, wie uns die des bösen geistes noch in W als ganz reine alexandriner 
begegnen, die, abgesehen davon, dass sie hier irrtümlich von Faust ge- 
sprochen werden, wol ganz getreu den Standpunkt des österreichischen 
Stückes festhalten: 

Entweiche phantasie der thörichteu gedanckeu, 
Die nirgends stille stehn, bald hier, bald dorthin wancken. 
Faust, Faust, der ist ein grosser mann, er sizt dem glück im schooss, 
Fortuna gönnet ilnn anheut das gröste loos^ 
Im monologe Fausts kann sehr gut schon hier der wünsch nach 
befreiung ausgesprochen worden sein. 

Innerhalb dieses Stückes nun entstand aus den alten alesandrinern 
des guten engeis die arie Fauste, jene himmelsgahen, die im kerne genau 
denselben sinn hat, wie die englischen verse. Ich glaube, dass diese arie 
nicht älter ist als das doch sehr wahrscheinlich in demselljen stücke ent- 
standene Lazaruslied. Dieses stück ist offenbar mit der crucifixversion nicht 
identisch. 

Die arie lag in diesem stücke unbedingt vor der disputation. Aber 
das gieng nun nicht zu ende, sondern hatte — es war ja so stark von 
Marlowe beeinflusst — die Helena in der Marloweschen function und 

1) Meines erachteus ist die Helena darunter zu verstehen. Das präsentische er 
sixt deutet ganz sicher auf eine ursprüngliche stelle nach der verschreibung. Sonst 
würde man das futurum haben, wie in der hieraus erwachsenen antistrophe. 



VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 229 

die sich daraus ergebende längere lebensdauer Fansts. Darauf dentet der 
■Wortlaut der arie deutlich genug hin. In den deutschen stücken aber, die 
■wie die meisten diesen Marloweschen neuerungen nicht folgten und die 
disputation am letzten tage Fausts vor sich gehen Hessen, musste die arie 
in diesem sinne iimgedichtet ■werden. Die vierte Strophe des liedes der Bl. 
wurde auf diesen letzten tag pointiert und erhielt jetzt die auff orderung 
sich zu bekehren, da es die höchste zeit sei, ■während es auf den Bl. 
niu' geheissen hatte, er solle sich zur zeit bekehren. Diese umdichtung 
ist in GKrL]\PKoilm. CF zu erkennen. Sehr -wahrscheinlich enthielt diese 
neue fassung der strophe stärkere hindeutungen auf die Faust fehlende frei- 
heit^. Diese umdichtung ist -wol gleichzeitig mit der einführung des ver- 
lornen Schafes (s. o.) in die dritte strophe. 

Die 1. 3. 4. Strophe der alten arie der Bl. können wir demnach in 
umgeai'beiteter fassung in unsern stücken widerfinden, die 2. steckt viel- 
leicht noch in einem schwachen rest in 1, 4 von S. Die teufelsstrophe 
fehlte dem alten liede sicher. Bei der nun von SW (Greisselbrecht auf 
der dritten stufe) vorgenommenen Verlegung nach vorne musste die 4. strophe 
mit den starken hindeutungen auf den letzten tag ganz gestrichen werden; 
von ihr hielten sich nur in W^ noch trümmer (vgl. s. 227), die von Geis- 
sei brecht später anstelle des Schlusses der 3. strophe gesetzt wurden. 
Geisselbrecht hat die Verlegung selbst vorgenommen, imd griff bei den 
weiteren correcturen auf die ihm noch ganz gut bekannte gestalt der arie 
zurück, wie sie auch bei ihm vor der Verlegung bestanden hatte. 

Erst bei der Verlegung entstand der schluss der zweiten engelsstrophe 
— vielleicht auf Ne üb ersehen versen weiter bauend — und die antistrophe, 
diese ist unbedingt aus den noch erhaltenen alexandrinern erwachsen. Aus 
der antistrophe ersehen wir, dass zugleich Fausts freiheitsmonolog mit nach 
vorne verlegt worden war; vielleicht wurde da der begriff „freiheit" etwas 
anders gewandt, als ihn die quelle gefasst hatte, mehr allgemein imd 
auf Fausts bedrängte läge bezogen. Sj)äter liess Geisselbrecht diese 
gezwungenen beziehimgen fallen und änderte danach engeis- und teufels- 
stroj)he um. Ziu* Verlegung ist Geisselbrecht wol durch die Schütz- 
Dreher sehen fassungen angeregt worden; zuerst zeigt er (in W) eine 
unsichere band in der wähl der neuen stelle, erst später hat er die fugen 
besser zu schliessen verstanden. 

Bruchstücke der arie finden wir in M^ M^ KoUm. CEF vor der 
beschwörung; allem anschein nach auch in lo, wo in der ersten geister- 
stimmenscene der teufel die jetzt wol nicht mehr auffälligen werte aus- 
s]3richt: Der menschliche tville ist frei. Man konnte dazu wol kommen, 
weil die ersten verse sicher auf die facultäten, die Faust studiert habe, 
bezug nehmen. Der grosse monolog von lo muss dann teile des anzuneh- 
menden freiheitsmonologes jenes österreichischen Stückes enthalten haben. 

Eine frage bleibt nun noch offen: hat auch das noch nicht von eng- 
lischen einflüssen berührte stück schon geisterstimmen vor der disputation 
gehabt? "Wir können nichts darin entscheiden, ich weise aber auf die Historia 

1) Aus L kann man folgendes verspaar (5. 6) erkennen: Heut nur kannst die 
seel du retten und zerreissen deine ketten. 



230 BRUINIER, VOLKSSCHAUSPIEL VON FAUST 

liin, wo der disputation über die hölle ein träum Fausts voraufgeht (vgl. 
s. 204). Es wäre sehr gut möglich, dass schon der archetypus Faust am 
beginne des letzten actes schlafen und dazu geisterstimm eu ertönen liess 
und dass hier der Ztschr. 29, 353 besprochene weheruf zuerst gelegen hat. 
Die arie ist sicher von anfang an mit dem traummotiv verbunden gewesen. 

Yon den s. 224 aufgeworfenen fragen sind die drei ersten nunmehr 
daliin entschieden, dass die arie der Bl. vor der reuescene und als ganzes 
in einem stücke gesungen wurde, sowie dass die antistrophe von GSW 
unbedingt nicht dazu gehörte. Die 4. frage kann man nicht ganz sicher 
entscheiden, weil wir eben das stück, in dem die arie entstand, nicht 
genug kennen und die arie offenbar auf andere Verhältnisse bezug nimmt, 
als wir sie jetzt in den meisten stücken finden. Dass die constatierten 
umdichtungen der 3. und 4. Strophe besser zu unserm deutschen Schau- 
spiele stimmen, als die entsprechenden stroplien der Bl. , spricht nicht 
dafür, dass sie deswegen älter sein müssen als die arie der Bl., die für 
andere Verhältnisse bestimmt war. Auffällig erscheint mir persönlich die 
fernhaltung des traummotivs aus der arie der Bl. (vgl. 3, 7), das doch 
unbedingt von anfang an bestanden haben muss. Faust kann die arie doch 
unmöglich im wachen zustande anhören i. 

In GM^Kollm. CF hat sich die arie ein .speciell sächsisches neues 
versmass gefallen lassen müssen. 

2. Die Neubersche arie 

lag sehr wahrscheinlich, wie in G*L und die stimmen bei Marlowe vor 
der widerkunft Mephistos zum contract. Aus den Programmen selbst ist 
die Stellung der arie durchaus nicht sicher zu entnehmen. Dass in den 
Programmen von 1738 und 1742 auf den abdruck des liedes die notiz 
Ein raabe kömmt usw. unmittelbar folgt, besagt nicht im geringsten, dass 
das lied auch unmittelbar vor der auslief erung des contractes, also wie in 
W, gesungen Avurde, wie Tille will. Denn diese notiz steht auf diesen 
Programmen nach einem neuen absatz und da Neiiber keineswegs alle 
scenen, sondern nur die effectvollsten ausdrücklich hervorhebt, musste 
Tille mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, dass zwischen dem liede und 
der rabenscene ebenso eine lücke anzunehmen sei, wie etwa zwischen dem 
tanze der schuhe und der hörnerscene. Viel näher lag (trotz v. 1, 2) die 
annähme, die arie gehöre hinter den monolog, denn das legt die scenerie 
und 3, 6 [erwehl das hhnmelreich , vgl. Ztschr. 29, 346 fgg.) nahe. Das 
nach der herausgäbe von Tilles schritt bekannt gewordene älteste Neuber- 
sche Programm von 1737, das die arie nicht abdruckt, setzt nun vor ein 
raabe köynmt nicht ab; jedesfalls bildete also bei Neuber der monolog 
[D. Fausts st'udirstube) und alles was bis zur rabenpost folgt, eine einzige 
scene (vgl. Ztschr. 29, 345 anm.). Aber auch in dieser kann die arie an 
drei stellen gelegen haben: hinter dem monolog = vor der beschwörung, 
bei Mephistos abgang zu Pluto und vor der abgäbe der Unterschrift 2, 

1) In T liegt die sache weseutlich anders, denn bier singt Eaphael nicht, son- 
dern spricht mit Faust. 

2) Die vor der abgäbe der liandschrift ist einem so gescldcliteu dramatm'gen 



JELLTNEK, ÜBER HEMPL, GERMAX ORTHOGRAPHY AND PHONOLOGY 231 

Gegen die stelle hinter dem monolog spricht nun 1, 2 Ach ivas hast du 
doch gethan, gegen die vor der Unterschreibung doch wol 1, 1 Fauste, was 
ist dein heginnenl^ für die stelle zwischen ^Mephistos abgang zu Pluto 
und seine widerkehr sprechen aber GL, dann auch die in B hier bemerk- 
bare pause, sowie auch, dass Marlowe, der an Neuber viel hat hergeben 
müssen, gerade hier stimmen hat. 

3. Die geisterstimraen von schlia schho schle kann man unmöglich ein- 
fach mit der arie von SW gleichstellen. In schha spricht der engel 
alexandriner und beklagt Fausts seele. Beides passt gar nicht zu SW, 
denn klagen sind die verse der arie Fauste jene himmelsgabe nicht. Und 
auch die worte von schho schle ^ passen viel eher zu der in B^ begegnen- 
den trümmerhaften strophe als zu dem energischeren tone der arie. 

nicht zuzutrauen. Den abgang Mephistos, um die kolilenpfaune zu holen, haben 
gerade die fassungen ganz gestrichen, die irgendwie an Ne üb er anklingen-, ich glaube 
dass aiich Neuber ihn nicht mehr aufwies. 

1) In schho wird Faust mild und freundlich gewarnt, in schle wird ihm sanf- 
ter und frommer rat zugesprochen. 

GREIFSWALD. J. W. BRUTNIER. 



LITTEEATUE. 



German orthography and phonology. A treatise with a word-list by Oeorge 
Hempl, ph. d. professor of english philology and general linguistics in the uni- 
versity of Michigan. Part first — the treatise. Strassburg, Karl Trübner. 1897. 
XXXII, 264 s. 8 m. 

Hempls buch ist eine durchaus tüchtige arbeit, die für die gediegenen kennt- 
nisse des Verfassers zeug-t. Hempl hat es sich zur aufgäbe gemacht, Schreibung und 
ausspräche des heutigen deutsch darzustellen. Historische erörteruugen sind im prin- 
cip ausgeschlossen; durchaus vermieden sind sie freilich nicht und erscheinen mit- 
unter auch dort, wo sie nicht gerade unbedingt nötig wären. So ist in den abriss 
der phonetik, der das Verständnis für die darstellung des heutigen lautstandes vor- 
bereiten soll, ein abschnitt über buitwandel aufgenommen, in dem sogar die bd. laut- 
verschiebung kurz behandelt ist. 

Das werk zerfällt in drei bücher: 1. orthography, 2. phonology, 3. accent. 
Das erste kapitel des ersten bucbs behandelt mit besonderer liebe die entwicklung der 
deutschen druckschrift. Eingefügt sind einige bemerkongen, die die geschichte der 
Orthographie berühren. Zur ergänzung der ausführungen Hempls über die Scheidung 
von u und v nach dem lautwert verweise ich auf meine ausgäbe des Mehssus 
s. LXXXVII anm. 1 und CXLVIII fg. Es kann kein zweifei sein, dass der Vorgang 
der lat. Orthographie entscheidend eingewirkt hat. Dass als «-majuskel in fraktur- 
drucken zunächst das antiqua- zeichen dienen musste, habe ich schon a. a. o. bemerkt, 
ich füge hinzu, dass Tscherning (Unvorgreiffliches bedencken über etliche miss- 
bräuche in der deutschen schreib- und sprach -kunst, Lübeck 1659) antiqua-I ver- 
wendet. Töllner (Deutlicher Unterricht von der Orthographie [der Deutschen, Halle 
1718) hat ein fraktur-I, während Butschky das /durch ein strichlein auszeichnete, 
vgl. Reichard, Versuch einer historie der deutschen sprachkunst, s. 213. Interessant war 



232 JELLINEK 

mii-, dasR auch Heiiipl die A-envendung von ij statt i vor n (und m , ii , r) beobachtet hat. 
Auch ich biu darauf aufmei'ksam geworden, vgl. meinen Melissus s. LXXXVIII anm. 4, 
ebenso Ehrismaun, Beitr. 22, 265 und Hertel, Zs. 29,496. Über alle diese dinge 
ist jetzt auch zu vergleichen W. Meyer-Speyer, Äbh. der ges. d. wiss. in Göttin- 
gen n. f. bd. I (1897) nr. 6, s. 95 fgg. Das zweite kapitel gibt einen knappen über- 
blick über die unvollkommenheiten der deutschen Orthographie sowie über die prin- 
cipien des deutschen „spelling". Im wesentlichen ist dann für die anordnung des 
Stoffes die alphabetische reihenfolge massgebend gewesen. Ich zweifle nicht, dass 
dem leser auch auf diese weise das wissenswerteste vermittelt wird; ich möchte aber 
doch die frage auf werfen, ob es nicht unbeschadet der praktischen brauchbarkeit des 
buchs möglich gewesen wäre, eine vollständigere und systematischere Übersicht über 
das Verhältnis von spräche und Schrift zu geben. Ich stelle mir die sache so vor. 
Zuerst raüssten die laute vorgeführt werden (was bei Hempl erst im 2. buche ge- 
schieht). Dann müsste ein abschnitt über das beschränkte vorkommen gewisser laute 
folgen. Nicht alle laute sind an allen stellen des wortes möglich; dabei ist zu unter- 
scheiden, ob die beschränkunjen phonetischer oder rein historischer uatur sind, vgl. 
einerseits die jo nach dem vorhergehenden vocal wechselnde articulation von y usw., 
anderseits die tatsache, dass x ^"^^ stl. (scharfes) s vom etymologischen anlaut aus- 
geschlossen sind. Auch über die möglichen consonantenverbindungen müsste berich- 
tet werden. Diese dinge sind, wie bekannt, für die Orthographie A'on Wichtigkeit: 
ein zeichen kann ohne schaden für mehrere laute verwendet werden, wenn die 
beschränktheit des Vorkommens der laute in jedem einzelnen falle den buchstaben 
eindeutig macht. — Dann wären für jeden laut alle üblichen zeichen anzuführen, 
und in erschöpfender weise die abweichungen der deutschen orthogiaphie von dem 
ideal einer rein phonetischen anzugeben. Dort wo ein laut durch eine buchstaben- 
verbindung bezeichnet wird, wäre zu unterscheiden, ob dieselbe nur zur bezeichnung 
des einfachen lautes dient oder auch eine lautverbinduug darstellen kann. Das erste 
ist z. b. der fall beim c/^, das zweite beim ng {bange : angenelwi), in antiquaschrift 
auch beim seh (rausche : häuschen). Endlich wären die regeln zu geben, nach denen 
sich die wähl unter den zeichen für denselben laut richtet. Eine alphabetische Über- 
sicht könnte dann folgen. — Auf diese weise würde eine kritik der herrschenden 
Schreibung ermöglicht werden. Eine gute Orthographie hat keinen anderen zweck als 
jedes wort sofort erkennen zu lassen und leicht erlernbar zu sein. Vgl. Paul, Zur 
oi-thographischen frage s. 29. Diese schrift (z. t. = Principien, cap. XXI) gehört zu 
dem besten, was über deutsche Orthographie geschrieben worden ist. In einigen 
punkten weiche ich allerdings von Paul ab. Paul scheint mir s. 36 die möglichkeit 
von Verlesungen zu unterschätzen. _Solche Verlesungen kommen weit öfter vor als 
man gemeiniglich glaubt; es handelt sich dabei keineswegs nur danim, dass an stelle 
des vom autor gemeinten wortes ein anderes gelesen wird, das an sich einen sinn 
gibt, häufig werden ganz sinnlose lautcomplexe gelesen. Die betrachtung des Zusam- 
menhangs gibt dann freilich das richtige, allein eine gute Orthographie soll nachden- 
ken über das einzelne wort unnötig machen. Wenn ich nicht irre, so entstehen die 
verlesimgen beinahe immer dadurch, dass der etymologische bau des betreffenden 
Wortes vex'kannt Avird, weil die Orthographie keine anleitung zur richtigen auffassiuig 
gibt; das ist der fall bei compositis und bei fremdwörtern. So erinnere ich mich, dass 
ich, als ich das erste mal das wort Ostelbier gedruckt sah, Ostel-bir las und eine 
immerhin messbare zeit brauchte, um das richtige zu finden. Und sollte nicht schon 
so mancher reclierehen gelesen haben? — Eine klare erkenntnis der praktischen 



ÜBER HEMPL, GERMAN ORTHOGRAPHY AND PHONOLOGY 233 

mängel der Orthographie ist für historisclie untersuchuugeu iinerlässlicb. Bewusste 
ändeningeu der Orthographie, die in der Vergangenheit gewiss nicht gar so selten 
waren, sind in der regel durch die rücksicht auf den lesenden bestimmt worden ; vgl. 
die Vermeidung von v vor l, r, u. — Cap. 3 — 5 des ersten buches behandeln die 
Worttrennung, den gebrauch der majuskeln und die interpunktion. 

Das zweite buch enthält eine ausführliche phonetische einleitung; die näheren 
angaben über die ausspräche der einzelnen laute sind nach den buchstaben des alpha- 
bets angeordnet. Gegenüber den besti'ebungen , einheit in der ausspräche des schrift- 
deutschen herbeizuführen, verhält sich Hempl ziemlich skeptisch. Lokale Verschie- 
denheiten der ausspräche finden eingehende berücksichtigamg; es scheint mir, dass 
hier mitunter des guten ein wenig zir viel geschehen ist, und ich fürchte, der eng- 
lische benutzer des buches wird nicht selten in verwirning geraten. Hempl erwähnt 
öfters dinge, die ja gewiss in der Umgangssprache vorkommen, aber doch nicht als 
eigentlich schriftgemäss empfunden werden, ja er zieht hin und wider sogar rein 
dialektische formen heran. 

Das dritte buch enthält viele gute bemerkungeu über den satzaccent. Die 
abschnitte, die vom wortaccent handeln, zeigen, -«-ie gross hier die Schwankungen 
sind, insbesondere die betommg der Ortsnamen bildet ein ganz verzweifeltes kapitel. 
Hempl bemüht sich hier gesichtspunkte für die erklärung zu finden, aber man kommt 
damit nicht überall durch. 

An einzelheiten hätte ich folgendes zu erwähnen. S. 10, anm. : der gebrauch 
der fraktui'schrift ist in den skandinavischen ländern nicht in gleichem masse ver- 
breitet, im dänischen übei-^^äegt die fraktur, im schwedischen die antiqua. §. 13. Dr. 
= doctor innerhalb eines frakturtextes wird in österreichischen druckschriften immer 
mit fraktiu'lettern gegeben. § 120, 3) note. affel gehört nicht zu den Wörtern, die 
im pl. niemals -i hatten, ahd. ephili. § 137 note 3. 170 note 3. 242 note 1 figu- 
riert Gratx, unter den Wörtern, die trotz des tx langen vocal haben. Meint Hempl 
die hauptstadt Steiermarks? Die wird jetzt immer Gra% geschrieben. Die § 187 
note 1 angedeutete erklärung der süddeutschen ausspräche von -e ist kaum richtig. 
Vielmehr haben die südd. dialekte \ielfach dui'ch sekundäre processe geschlossenes -e 
dort entwickelt, wo im mhd. ein -e vorhanden war, das die schriftliche tradition 
auch weiterhin bewahrte. Natürlich wurde dieses geschlossene -e dann auch dort 
gesprochen, wo die schritt -e zeigte, während der dialekt apokopierte formen besass. 
Diese ausspräche lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. § 197, 1). 198, 1). 
Roggen und egge sind keine lehnwörter aus dem niederdeutschen. 

Mit folgenden bemerkungen zur ausspräche komme ich dem von Hempl in der 
vorrede s. XY geäusserten wünsche nach. § 138 note' 2 b). dass a in fremdwörtern 
vor k, t süddeutsch kurz gesprochen wird, gilt doch nicht ganz allgemein; mir 
z. b. ist zwar dramatisch geläufig, dagegen diplomatisch, mathemätiker. Note 3. 
chef, rüm sind in Wien unerhört. § 144 note 4. Länguug auslautender voller vocale 
kommt österr. nicht vor, ganz gleichgiltig , welche qualität der vocal hat. Es gilt dies 
für alle abstuf ungen der ausspräche, vom dialekt bis zur rede der gebildeten. Aniiä, 
jum wird als charakteristisch norddeutsch empfunden. Dagegen lässt sich beobachten, 
dass in dialektisch gefärbter rede volle vortonige vocale gelängt werden und einen 
starken nebenaccent erhalten : käß, späxtreii, setember. Für die gebildete ausspräche 
gilt dies nicht. § 209 note 2. In Jungfrau wird 11 -\- g auch von solchen gesprochen, 
die sonst auslautendes ng als einfachen gutt. nasal sprechen. Sollte diese aus- 
spräche des wortns nicht allgemein sein"? §22;") note 2. Der Übergang von s in 



234 MENSING 

s in. der Verbindung rst eignet allen Locbdeutschen dialekten, s vor p erscheint 
auch im inlaiit bair. -öst. als s. Das wirkt natürlich auf die Umgangssprache ein, 
die gebildete ausspräche verlangt hier überall s. § 313. Dass der süden absteigende 
betonung mehr begünstigt als der norden, gilt nicht ohne eiuschränkung; in "Wien 
würde niemand pulast, tröttoir, bonbon, biiremt betonen. Ebenso ist hier die beto- 
uuug Eniili unerhört; die koseform lautet Milli, die vollform Emili(e). Gerade in 
der betonung bestehen aber selbst innei'halb desselben dialoktgebiets grosse Schwan- 
kungen, so wird der uame Tlierese in Baiern auf der ersten silbe betont, oder kann 
doch wenigstens so betont werden, während dies in Wieu unerhört wäre. §314. 
Kaffee \fh-d in Ö.sterreich auf der letzten silbe betont; kdffee wird als specifisch nord- 
deutsch empfunden. 

WIEN, IM MAI 1898. M. II. JELLINEK. 



Formenlehre und syntax des französischen und deutschen tätigkeits- 
wortes von dr. Adolf Meyer. Hannover, Fr. Gruse (Carl Georg). 1896. 343 s. 8. 

Das nach dem tode des Verfassers erschienene buch ist die frucht langjähriger 
arbeit eines verdienten Schulmanns. Offenbar entstammt es dem leider nicht von 
allen pädagogen in gleicher stärke empfundenen bedürfnis, das in der praxis zu leh- 
rende auch theoretisch zu ergründen, um eine auf wissenschaftlicher grundlage be- 
ruhende allseitige herrschaft über den stoff zu gewinnen. Ich halte es für keinen 
nachteil, dass man dem buche diesen Ursprung noch gelegentlich anmerkt. 

Der titel deckt sich nicht ganz mit dem Inhalt. "Wer in dem buche eine 
gleichmässige berücksichtigung des französischen und deutschen verbums zu finden 
erwartet, wird arg enttäuscht werden. Das französische steht durchaus im Vorder- 
gründe der betrachtung. Das deutsche wird nur nebenbei zur vergleich ung, zur 
feststellung von bezeichnenden ähnlichkeiten und Verschiedenheiten der beiden sprachen 
herangezogen; und während die behandlung des französischen verbums sichtlich auf 
gründlicher eigener quellenforschung beruht, kann man dies von der des deutschen 
nicht behaupten; vielmehr wandelt der Verfasser hier durchaus in den fusstapfen 
Grimms und seiner nachfolger. Neues wird man dainim wenig finden , wol aber man- 
ches alte durch die vergleichung mit dem französischen Sprachgebrauch in neues licht 
gerückt sehen. Es wäre gut gewesen, diese Verschiedenheit in der behandlung der 
beiden sprachen im titel zum ausdruck zu bringen , etwa nach dem muster von s. 46, 
wo es in einer einzelüberschrift heisst „mit hinblick auf das deutsche". 

Da der weit überwiegende teil des buches sich mit dem französischen verbum 
beschäftigt, so eignet er sicü zur besprechung in dieser Zeitschrift weniger. Ich 
bemerke nur, dass der auf diesem gebiete gründlich unterrichtete Verfasser seinen 
stoff durchaus beherrscht, ihn zweckmässig zu gliedern versteht und in der entschei- 
dung der einzelfragen ein ruhiges und besonnenes urteil zeigt. JedesfaUs weiss er 
den, der diesen Studien ferner steht, mannigfach anzuregen und zu belehren. Auch 
solche lehrer des französischen, die nicht in der phonetik stecken bleiben, sondern 
noch wert legen auf eine gründliche grammatische durchbildung der schüler, werden 
sich des buches mit nutzen bedienen. Ich hebe als besonders wertvoll heraus die 
übersichtlichen Zusammenstellungen der verbalflexiouen auf s. 82 fgg. , aus der syntax 
die behandlung der reflexiv gebrauchten verba s. 180 fgg. , sowie des sog. unpersön- 
lichen s. 189 fgg.; der modi in abhängigen Sätzen s. 238 fgg. und die Übersicht über 
den Wechsel des einfachen Infinitivs mit dem durch praepositionen {de, a) hervor- 



ÜBER METER , FORMENLEHKE U. S'i'XTAX DES FRANZ. U. DEUTSCHEN TÄTIGKEITSWORTES c60 

gehobenen s. 296 fgg. Die behandluug des deutscheu, wo es heiaugezogen ist, gibt 
kaum zum Widerspruch anlass: hier nur noch ein paar beiläivfige bemerkungen. S. 150 
als er kam zu sterben ist nicht = als er schliesslich starb, auch uiit dem franz. 
si la justice venait ä le savoir nicht ganz auf eine stufe zu stellen, sondern eine von 
der finalen Verwendung des Infinitivs (mit und ohne %u) nach verben der bewegung 
abgezweigte formel zur bezeichnung der eintretenden handlung, wie auf eine sache 
AU reden, xu sprechen kom?nen u. a. Schon Aventins gramniatik (1517) empfahl 
diese und ähnliche Verbindungen zur Übersetzung lateinischer inchoativa wie capesso, 
riso u. a. Tgl. Schmeller, Bair. dialekte s. 380. — • S. 186: Bei besprechung der im 
franz. sehr beliebten vertauschung der passiven form mit der reflexiven [les honneurs 
s'acquierent par travail, le ble se rend trop eher chex, nous) hätte daran erinnert 
werden sollen, dass dieser gebrauch auch im deutschen keineswegs selten ist, in man- 
chen Wendungen vielleicht unmittelbar auf französischen einfluss zurückgeht, wie in 
der fügung: die uaare vei'kauft sich schnell u. ä., wofür ich jetzt auf meine dar- 
stellung in Grdz. 11 § 159 verweisen kann. — S. 227. Die nach Grimm gegebene 
übei-sicht über den gebrauch des praesens historicum im deutschen hätte nach Grdz. I 
§ 140 berichtigt und ergänzt werden sollen. Zu der dort aus dem Ludwigsliede ange- 
führten stelle ist Jetzt zu vergleichen MS. Dkm. ^ 11, 74. — S. 266. Veraltet ist die 
anschauung, dass in einem conjunctionslosen concessivsatze wie er falle gleich, so 
preiset ihn das lied „auslassung" des icenn stattfinde. — S. 286. Wenig eindringend 
und recht ungeordnet sind die bemerkungen über den inflnitiv, der freilich noch 
immer eine crux der grammatiker zu sein pflegt. Vor allem hätte auch hier die ver- 
gleichung mit dem französischen genauer durchgeführt werden können. Auch im 
deutschen hat sich ja gerade im 15. — 17. Jahrhundert (vgl. s. 282) unter dem ein- 
fluss des lateinischen bei verben der Wahrnehmung und des denkens, der rede und 
der miiteilung die construction des accusativs mit dem Infinitiv entwickelt, obgleich 
sie wol in lebendiger deutscher rede nie heimisch wurde und ebenso wie im fran- 
zösischen später wider aufgegeben ist. Beispiele bieten namentiich die gelehrten pro- 
saiker des 16. Jahrhunderts in fülle (vgl. Kehi-ein, Gramm, des 15. — 17. jahrh. III, 
§ 38); viele auch der Simplicissimus, z. b. 5, 6 tceil ich mich einen tcitwer %u sein 
tcusste. Noch Lessing hat diese constraction zur Vermeidung umständlicher Umschrei- 
bungen in nebensätzen gern angewendet; z. b. Dram. 100 zti der ich mich erlesen 
XU sein glauben konnte (Lehmann, Lessings spräche 166 fgg.). Eins der jüngsten 
beispiele dieser fügung steht bei H. v. Kleist im Michael Kohlhaas: der du dich 
gesandt xu sein vorgiebst. — Gegen ende des buches wii'd übrigens die heranziehung 
des deutscheu immer spärlicher, um schliesslich im letzten kapitel (Congnienz des 
praedicates mit dem subject) ganz auszufallen, obgleich sich gerade hier mancher 
interessante vergleichimgspuukt hätte finden lassen; vgl. Grdz. II, § 30 fgg. 

KIEL, IM MÄRZ 1898. OTTO MENSING. 



Studien zur theorie des reims I von Alex. Elu'enfeld. G. Feidel, Zürich. 1897. 

[Abhandlungen herausg. von der gesellsch. f. d. spräche in Zürich I.J XIII, 123 s. 

2,.50 m. 

Eine zeit lang hat es die philologie mit der ästhetik nicht viel besser getrie- 
ben, als vorher die ästhetik mit der philologie: man verwarf in bausch und bogen, 
man ignorierte, statt zu lernen. Über einem ganz berechtigten Schauder vor den 



236 R. M. MEYER 

ausschreitimgeu eüier speculative luftsclüösser bauendeu coiistnictionswut übersah 
man das viele gute, geistreiclie, anregende, das aus der deutschen ästhetik der 
deutschen philologie zufliessen kann. Zu den erfreulichen Zeugnissen einer waudelung 
gehört insbesondere auch die vorliegende schrift. Ehrenfeld präeisiert seinen Stand- 
punkt in der einleitung. Die blosse empirie schafft (s. VIII) so leicht nur selbst einen 
nährboden für Systeme und hypothesen; und selbst wenn aus ihr ein brauchbarer 
gedanke hervorgeht, macht er sich nur zu gern zum alleinigen herrn über das mate- 
rial. Als typus dieser gefährlichen art, am stoff zu haften oder ihm doch höchstens 
abstraktionen abzugewinnen, erscheint ihm (s. 105 fg.) W. v. Biedermann, über den 
er deshalb schärfer als sonst urteilt. Der verdiente gelehrte hat inzwischen (in der 
Ztschr. f. vgl. lit.-gesch.) mit einiger empfindlichkeit geantwortet und ist dabei dem Stand- 
punkt Ehrenfelds nicht gerecht geworden. Denn dieser zeigt wirklich (a. a. o.), wie 
einseitig Biedermann nur einen gesichtspunkt zur erklärung des reims herausholt: 
das momeut der widerholung. In seiner Wanderung durch die reimtheorie seit Her- 
der hat Ehrenfeld aber zahlreiche andere psychologische quellen des reims bei Herder 
selbst', bei den romantikern , bei dem von ihm mit recht besonders hochgestellten Pog- 
gel und bei „neueren und neuesten" aus dem schuft der oft vergessenen theorien 
aufgraben können. In klaren analyseu mit genauen quellenangaben führt er die 
wechselnden und doch immer wider sich berührenden hypothesen und beobachtungen 
vor und vergisst nicht, direkte einflüsse (wie sie z. b. Bernhardi ausübte) von anders- 
gearteten Übereinstimmungen zu scheiden. Gegen das bedenken, dass besonders die 
romantiker aus zu engem material urteilten, verschliesst er sich nicht, hält aber mit 
vollem recht die Interpretation für das wichtigste mittel der Untersuchung. Dass 
nun Herder, Novalis, die Schlegel aus kongenialem Verständnis und Poggel oder 
Kunow aus liebevollem einfühlen in Goethes reimgebrauch mehr dauernd brauchbares 
an den tag brachten, als für unsere zwecke die ungeheure belesenheit eines Pott 
leistete, das ist mir gerade aus Ehrcnfelds schrift wider vollkommen deutlich ge- 
worden. 

Wünschenswert wäre es nun allerdings, wenn eine Übersicht am schluss zu- 
sammenstellte, was die haupttheoretiker verbindet und unterscheidet; oder wenn min- 
destens neben dem vollständigen namenregister ein Sachregister uns eine rasche Orien- 
tierung hierüber ermöglichte. Vielleicht hat der Verfasser aber beides auch nur auf- 
geschoben, um dann noch weitere theoretiker aufnehmen zu können. Denn der titel 
der schrift verschweigt, dass Ehrenfeld auschliesslich die deutsche reimtheorie seit 
Herder bespricht und deshalb die paradoxen, aber interessanten dogmen Banvilles 
und Poes unerwälint lässt, wie freilich auch manche deutsche untersuchimg von 
C. F. Meyer von Waldeck bis zu "VV. Meyer aus Speyer. Noch mehr wäre an gelegent- 
lichen bemerkungen von bedeutung nachzutragen, z. b. aus "Wöltflins arbeiten in der 
Münchener akademie, aus modernen litterarhistorischen und kritischen arbeiten wie 
Bölsches Heine. Die hauptarbeit ist aber doch getan, die \aa regia von Herder über 
Goethe und die romantiker zu Vischer und W. Grimm ist aufgebaut. 

Dabei hat der Verfasser sich nirgends zu trockenen referaten herabgelassen. 
Der lebendige auteil, den er an der frage nimmt, macht uns auch die früheren frage- 
steller lebendig; mit persönlichem Interesse spricht er etwa von dem armen Poggel, und 
das Schlusswort ist von erfreulicher pietät gegen die Vorarbeit der generatiouen erfüllt, 
wie die einleitung von herzlichem dank für Ehrenfelds lehrer Bächtold. Je seltener 
der ton williger hingäbe in erstlingsarboiten zu hören ist, um so wärmer muss man 



BIESE, ÜBER ELSTER, PEINCIPIEX DER LITT. WISSENSCHAFT 237 

ihn anerkennen, und wie der fleiss des autors, wie seine anschauliebe darstellung, 
so trägt auch dieser ton dazu bei, dass man ihm mit unvermindertem interesse folgt 
und der fortsetzung seiner arbeit mit anteil entgegen siebt. 

BERLIN, 1. MAI 1898. RICHARD M. MEYER. 



Prinzipien der litteraturwissenscbaft. Von Ernst Elster. Erster band. 
Halle, Max Niemeyer. 1897. XX, 488 s. 9 m. 

Seitdem Hegel durch die rückkehr zu Kant und durch die hohe blute der natur- 
wissenschaften als überwunden galt und die philosophie in engste beziehungen zu 
Physiologie und biologie ti'at, Ist die psychologie zur königin der geisteswissenschaften 
emporgestiegen; sie beherrscht die moderne ästhetik, die moderne litteraturbetrach- 
tung. Damit sind denn auch die schlimmsten zeiten des spezialismus voi'über. 

Wir stehen aber erst am anfange eines sich endlos dehnenden weges: da muss 
es denn als besonders tapfer erscheinen, schon „prinzipien der litteratiu'wissenschaft" 
darzubieten, und noch dazu ohne den gesichtspunkt einer weit umspannenden, Völker 
und Zeiten vergleichenden litte raturbetrachtung, nur im engen rahmen unserer klas- 
siker Lessing, Scliiller und Goethe und — Heine's. Elster wagt es, „da sich die 
methodologischen darlegungen selbstverständlich nicht ausschliesslich auf unsere natio- 
nale litteratur beziehen." Nicht ausschliesslich, aber doch wesentlich; der geist der 
Zeiten ist doch recht verschieden; psychologie und ethik schauen uns für die antiken 
Zeiten doch wesenthch anders an als für die modernen, imd vor allem sind diese 
beiden „ hilfswissenschaften " heute in vollem flusse der neubildung begriffen, von 
der ästhetik gar nicht erst zu reden! Trotzdem ist der versuch Elsters, innerhalb 
dieser beschränkung, dankens- und anerkennenswert. 

Besonders wer — wie referent — allezeit litteraturgeschichte und psycholo- 
gische ästhetik mit einander zu verschmelzen trachtete, wer überzeugt ist, dass das 
gefühl die seele der kunst ist, dass das von einer empfindung volle herz den dichter 
macht, dass also die psychologie besonders berufen ist, uns die fackel zubieten, mit 
der wir in die verschlungenen pfade des dichterischen Schaffens hineinleuchten: der 
wird von dem grundgedanken des buches sympathisch berührt werden. Da wird er 
denn auch darüber hinwegsehen, dass die Wundtsche psychologie, auf deren gnmd- 
lage Elster sein gebäude aufführt, der problematischen punkte genug bietet — ich 
erinnere nui- an das Verhältnis von gefühl und wille, an den schillernden begriff 
apperzeption u. ä. m. — , dass diese prmzipien zunächst erst grandstriche bieten, dass 
das neue mehr in der Verbindung Wundtscher gedankenreihen mit vielfach beobachteten 
tatsachen beruht als in wirklich schöpferischer geistesarbeit, dass der Verfasser durch 
schematische, abstrakte konstruktion sich vielfach die mühe selbst erschwert u. ä. m. 
Es waltet überall sorgsamer fleiss, umsieht, vor allem das verstandesmässige sondern 
und schabionisieren. Wie in des Verfassers antrittsvorlesung neben psychologie und 
ethik die ästhetik als hilfswissenschaft der litteraturforschung ganz zurticktrat, — und 
doch haben die ethischen ideen nur bedeutimg für den litterarhistoriker, soweit ihre 
Wirkungen sich mit denen der ästhetischen verschlingen — , so ist auch in diesem 
buche eine gewisse geringschätzung der ästhetik unverkennbar; vieles, was ihr bezw. 
der poetik, die doch einen teil von ihr ausmacht, gebührt, wird dem psychologischen 
hauptteile zugewiesen; es hängt dies eben mit der autorität der lehre Wundts zusam- 
men, vor der andere treffliche arbeiten beim Verfasser völlig zurücktreten müssen, 
obwohl sie die gleichen probleme lebendiger behandeln, als es dem Verfasser gelingt; 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHrLOLOGIE. BD. XXXI. 16 



238 BIESE 

ich denke besonders an Ziegler „das gefühl", an Dilthey „die einbildungkraft des 
dichters".— Der Verfasser ist ein klarer, scharfer köpf, der sich vor verstiegenheiten, 
wie sie die ältere ästhetik aufwies, ängstlich hütet. Dafür tauchen aber neubildungen 
auf wie „personifizierende apperzeptionsform " u. ä., die weder geschmackvoll sind 
noch auch neue begriffe in sich schliessen, so ansprachsvoU sie auch erscheinen 
mögen. 

Mit recht betont Elster, dass die philologische und psychologisch -ästhetische 
analyse und die historische Synthese die gruudelemente der litteraturbetrachtung bilden 
müssen; er definiert die litteratur als die summe aller sprachlichen erzeugnisse, „die 
irgendwie dahin zielen, die gefühlswerte des lebens zu erschliessen", die poesie als 
das „ideale Spiegelbild des geistigen lebens, das die Wirklichkeit beherrscht", und ästhe- 
tisch als „dasjenige kräftige innere leben, das auf unser gefühl anregend wirkt"; die 
logische auffassung regelt den verlauf unserer Vorstellungen, die moralische die wil- 
lensbetätigung, die ästhetische vertieft das fühlen, und die poetische, der das erste 
kapitel gewidmet ist, besteht darin, uns „die gefühlswerte des lebens zu erschliessen". 
Die empfänglichkeit besteht in der fähigkeit, „sich hineinzufühlen" (s. 48) in das 
poetische werk; Elster vermeidet aber den von Vischer, Ziegler u. a. mit recht zu 
einer ästhetischen grundform unserer phantasie geprägten terminus „einfühlung" und 
bleibt bei „ anempfindung ", obwol er die empfindung nur als sinuesempfindung, als 
„einfache Sinnesvorstellung" gelten lässt und obwol anempfindung doch heutigen tages 
den begriff der nachahmung im gegensatze zum originalen schaffen bezeichnet; auch 
den begriff tendenz dehnt Elster zu weit aus, wenn selbst der aufruf zum kämpfe 
oder die hoffnung, die huld der geliebten zu erringen, beim lyriker als tendenz gel- 
ten soll; unter dieser versteht man doch vielmehr die Unterordnung des gefühls unter 
den willen und denverstand in einer form, die das gedankenhafte zum herrschenden 
macht und so die anschauung und empfindung unterdrückt. 

Wie Fechner unter bekämpfung der normativen ästhetik (von oben) die induk- 
tive (von unten) begründete, aber dann doch auch nicht ganz der principien entraten 
konnte (wie des der ästhetischen schwelle, der ästhetischen hilfe, der Steigerung, 
der einheitlichen Verknüpfung des mannigfaltigen, der widerspruchslosigkeit, Wahrheit, 
klarheit usw.), so müht man sich auch heute, das poetische zu schematisieren, 
wenn dies auch nur bedeutet, selbstverständliches umschreiben oder — das ewig 
wechselnde, gestaltenreiche schaffen der dichter auf ein Prokrustesbett spannen. Elster 
geht von der — wie ich meine, trügerischen — voraussetzimg aus, dass es „allge- 
meine und geschichtlich nicht wandelbare bedingungen der poetischen Wirkung" gebe, 
und leitet aus ihnen 10 normen der poesie ab: die „der poetischen bedeutsamkeit, 
der neuheit des gef ühlsgehaltes , der abwechslung und kontraststeigerung, der harmo- 
nie des gef ühlsgehaltes , der poetischen abtönung (!) der gefühle, des zeitgemässen, 
nationalen und volkstümlichen gehaltes, der lebenswahrheit, des konkreten lebens- 
gehaltes, der moralischen anschauung, der einheit." Freilich plaidiert der Verfasser 
für milde bei dem kritischen verfahren nach diesen normen, trotzdem wird jede zeit 
ihr poetisches ideal nach wie vor sich selbst schaffen und werden die begriffe schön 
(= hannonisch) und charakteristisch (individuell) als forderuugen der kunst stets im 
flusse, stets im kämpfe begriffen sein. Die begriffe „poetisch" und „unpoetisch" 
sind schwankende, von der zeitströmung getragene; sie dulden so enge fesseln und 
normen nicht, noch dazu, wenn diese nicht specifisch poetisch oder ästhetisch sind; 
und der ästhetiker tut gut, nicht engherzig, nicht pedantisch zu sein. 



ÜBER ELSTER, PRINCIPIEX DER LITT. WISSENSCHAFT 239 

Der Phantasie und dem verstände gilt das zweite kapitel. Ich freue mich, 
dass Elster, wie ich eine „ anthropocentrische nötigung", so die „uranlage unserer 
Seele", alles nach menschlichem masse zu messen, alles menschlich beseelt aufzufas- 
sen, würdigt und das motto meiner ,,Philosophie des metaphorischen", das Goethische 
wort: „Der mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist" in den Vorder- 
grund rückt. Das schauen ist eben vom beseelen nicht zu trennen; das ist beinahe 
der grundgedanke der Yischerschen ästhetik, die Elster kui'zer band (s. 77) abtut; 
und Goethe lebte und webte in demselben gedanken; im „Faust" heisst es: „Ein 
jeder sieht, was er im herzen trägt" und „Alles vergängliche ist nur ein gleichnis". 
Dies ist die Wirkung unsrer das geistige versinnlichenden , das sinnliche vergeistigen- 
den (d. h. in meinem sinne metaphorischen) phantasie. — Elster bewegt sich bei 
erläuterung der phantasie ganz auf dem boden der "^"undtschen lehre von der apper- 
ception, die dem willen gleichgesetzt wird und „eine nicht weiter erklärbare grund- 
tatsache unseres bewusstseins " bildet, sowie von dem gedächtnis als der „fähigkeit 
der reproduktion früherer Vorstellungen in der form der association", die „unwillkür- 
lich", „regellos", „planlos schweifend" genannt wird im gegeusatze zu der phantasie, 
deren Vorstellungen einen durch den willen, durch ein gnindmotiv geregelten verlauf 
nehmen. Ich halte es zunächst für richtig, dass Elster die vermengung von phan- 
tasie und gedächtnis als einen „schweren Irrtum" (z. b. Scherers) verwirft, aber 
nicht für richtig, dass „die phantasie in eine gewisse parallele zu dem gedächtnis 
• tritt" (s. 84). Die eiinnerang ist doch das primäre, die phantasie setzt die bilder 
jener als material voraus. Noch weniger kann ich mich mit der definition befreun- 
den: „die phantasie ist wie der verstand eine denktätigkeit unseres geistes". Das 
schliessende denken vollzieht sich mit notwendigkeit; bei der phantasie waltet frei- 
heit, denn ihre tätigkeit ist ein bilden, ein schaffen; aus den vorhandenen Wahrneh- 
mungen und Vorstellungen entstehen neue gebilde. Was die phantasie von den ein- 
drücken verwertet, was sie loslöst, wie sie diese umformt: das ist das schöpferische. — 
In der ganzen auseinandersetzung Elsters über die phantasie ist etwas schwankendes. 
"Was ist das regulative? Bald das denken, bald der wille, bald das gefühl! "Wie 
sondern sich apperception und association? Es liegt im "Wundtschen System der 
Zwiespalt: denken und wollen drängen eben das gefühl und die phantasie als schöpfe- 
rische kraft, als „ einbildungskraft " zurück. — Freilich, sagt Elster selbst (s. 102), 
„sind die von uns getrennten funktionen wol stets vereinigt", wie ja "Wundt selbst 
wiUe und gefühl „nur zwei selten eines einheitlichen Vorganges" nennt. — Es ist 
aber bezeichnend, dass Elster zumeist von „phantasiemässigem denken", „denken 
in bildern" spricht, erst später von der „schöpferischen phantasie", was, streng 
genommen, eine tautologie bedeutet. 

"Wie Elster genie und talent ganz knapp , als nur quantitativ verschieden, jenes 
bahnen weisend, dieses ihnen nachgehend, erörtert, wie er die anschaulichkeit bei 
Goethe, der „dem verstandeselement nur einen kleinen spiebaum" eingeräumt haben 
soll, den reflektierenden verstand bei Schiller, den induktiven bei Lessing schildert, 
das ist schlicht und einsichtig, ohne neu sein zu wollen. 

In dem 3. kapitel [über „gefühl und lebensanschauungen der dichter" verrät 
sich das talent zum zergliedern; es wird der lebensinhalt, der die seele des dichters 
erfüllt, hinsichtlich seiner gefühle, willeusregungen , anschauimgen, die er verkörpert 
und darstellt, psychologisch analysiert, mit übersichtlichen tabeUen und mit hinweisen 
auf unsere klassiker illustriert. ÜSTach dem Wundtschen princip der willens- und 
Schicksalsgefühle (jene sind z. b. zorn, ärger, wut, schäm, reue, diese: leid, freude, 

16* 



240 BIESE 

hoffnung, furcht) sondern sieb: das aktive und passive Selbstgefühl, das positive und 
negative mitgefübl (sogar neid und Schadenfreude gehören hiezu, während liebe und 
freundschaft in der tabelle fehlen), die gern einschaftsgef üble (familie, stände, nation), 
die religiösen gefühle; auch die -Wichtigkeit einer betrachtung der historischen ent- 
wickeluug derselben wird durch einige striche gekennzeichnet ' ; Vollständigkeit erstrebi 
Elster (s. 186) selbst nicht; weshalb er aber das naturgefühl an dieser stelle gans 
übergeht, begreife ich nicht. Bei den lebensanschauungen werden die typische (ir 
primitiver zeit), die konventionelle und die individuelle und sodann die ethischer 
principien geschieden, so die anschauungsweisen von schuld und Schicksal, die begriffe 
gewissen, ehre, Charakter, milieu usw. Neben manchem problematischem findet siel 
hier vieles treffende und anregende über unsere klassiker. — Man bedauert abei 
immer, dass die interessanten probleme in einem so engen rahmen sich bewegen. 

Wie somit die ethik (zumeist nach "VVundt) in die litteraturbetrachtung hinein- 
gezogen wird, so werden auch, freilich viel zu aphoristisch (bei den gemeinschafts- 
gef üblen) die socialen probleme gestreift; erst mit ihnen weitet sich die litteratur- 
betrachtung zu einer das gesamte leben umspannenden. 

Das 4. kapitel erörtert die ästhetischen begriffe, d. h. die gefühlswirkung 
welche die Vorstellungen, gef üble, Willensregungen usw. in der seele des schaffender 
und durch ihn in der des betraehters hervorrufen. Unter den subjektiven ästhetischei 
begriffen werden (mit Schiller) das satirische und elegische geschieden, mit den abar- 
ten des pathetischen und idyllischen und des humors, den Elster — nicht glück- 
lich — mit dem phlegmatischen temperament in beziehung setzen will; unter der 
objektiven werden sehr eingehend das schöne der äusseren und inneren weit, das 
erhabene, das tragische erörtert. Als eine grundfunktion unseres denkens wird di( 
der vergleichung zusammenhängender erscheinuugen gekennzeichnet und fruchtba 
gemacht, um im schönen der äusseren weit vor allem die zu tage tretende höchst( 
(typische) entwickelung neben den mehr sinnlichen faktoren (z. b. der harmonischer 
gliederung, der leichten und zweckmässigen lebensfunktion) hervorzuheben; für da; 
schöne der inneren weit werden die von Wundt für die ethik verwandten drei for- 
men der willeusmotive (wahrnehmungs-, Verstandes-, willensmotive) und der schick- 
salsgefühle auf das ästhetische übertragen und durch deutsche poesie belegt. „Schöi 
ist die ungehemmte, gesetzmässige , typisch normale ausbilduug des lebens" (273) 
„erhaben ist alles, was über den typus seiner art hinausgeht." Der recht interes- 
sante abschnitt über das tragische berührt sich in den wesentlichsten punkten mit de: 
ausgezeichneten darstellung von Volkelt (Ästhetik des tragischen, München, Becl 
1897). „Tragisch ist die gewaltsame Vernichtung eines jeden ausserge wohnlichen den- 
kens, Schaffens und wollens" (283). Ich stelle neben den kontrast als 2. wichtige! 
moment im tragischen den kämpf; durch ihn erst unterscheidet sich das tragisch« 
vom traurigen; vgl. meinen aufsatz „Das problem des tragischen" (Ztschr. f. gymu.- 
wesen, juli-heft 97), wo ich auch die litteratur angegeben und Schriften bezeichne' 
habe, die schon vor Volkelt gar manches wichtige und richtige beigebracht haben 
Volkelts Schrift ragt durch den weiten blick über die gesamte weltlitteratur hervor 
dieser blick ist aber notwendig für jeden, der „Principien zur litteraturgeschichte" irr 

1) So fordert auch L. Stein in seinem werke „Die sociale frage im lichte dei 
pbilosophie " s. 60 und 495 , dass man , wie ich vom naturgefühl es gezeigt hätte 
auch eine vergleichend geschichtliche betrachtung anstelle für alle anderen sittigen- 
den und sozialisierenden gef üble wie freundschaft, mitleid, woltätigkeitssinn , kunst- 
sinn, Vaterlandsliebe u. a. m. 



ÜBER ELSTER, PRINCIPIEN DER LITT. WISSENSCHATT 241 

eigentlichen sinne des wortes schreiben will. — In fesselnder weise macht Elster die 
einteilung der willens- und schicksalsgefühle fruchtbar für die tragik, weniger glück- 
lich für das komische und den humor. Alles dies im einzelnen zu kritisieren würde 
zu weit führen. 

Im dritten abschnitt behandelt Elster die „ ästhetischen apperceptiousfonuen" ; 
unter diesem schwerfälligen namen versteht er: „die personificiereude apperception " 
(beseehmg; allegorie) — gewöhnliche sterbliche nennen sie Personifikation — und die 
„metaphorische apperception", d. h. die metapher, endlich die antithetische (antithese) 
und symbolische apperception (symbol). Elster nennt sie „betätigimgsweisen unseres 
denkens"; ich würde die antithese, die sich an bedeutung mit den anderen gar nicht 
messen kann, hier ausscheiden und dem witze, dem Wortspiel zuweisen und die 
übrigen drei, wie ich es in meiner „Philosophie des metaphorischen" getan habe, als 
notwendige ausdrucksformen unserer metaphorischen (d. h. das sinnliche vergeisti- 
genden, das geistige versinnlichenden) phantasie zuweisen. Elster geht von meinen 
Untersuchungen^ über das naturgefühl und das metaphorische aus, und es ist aner- 
kennenswert, dass er die bedeutung des naturgefühls für die litteraturgeschichte her- 
vorhebt, wenngleich er auch hier im "Wundtschen banne bleibt und das objektive 
und subjektive naturgefühl unterscheidet, während mir die Scheidung in naives und 
sympathetisches und sentimentalisches viel bezeichnender erscheint. Elster eifert — 
wie ich — gegen die auffassung, nach der die sogen, bilder der rede nur einen 
äusserlichen schmuck bilden, während sie in Wahrheit aus den tiefsten quellen der 
phantasie hervorgehen (360), auch er findet — wie ich — den Ursprung des meta- 
phorischen in dem bestreben des menschen, das schwer verständliche (so besonders das 
geistige durch sinnliches) sich näher zu bringen. Er trennt aber die beseelung und die 
metapher. Doch wird er selbst erst allmählich in dieser Scheidung sicherer; zunächst 
heisst es: sie zu verschmelzen sei „kaum zweckmässig", „kaum richtig"; freilich 
seien „ die ähnlichkeiten sehi" gross", freilich „hienge diese mit jener aufs engste zu- 
sammen, bilde gleichsam die fortsetzung", später aber wird betont, man müsse sie 
„nachdrücklichst" unterscheiden, und ein Vorwurf daraus gemacht, dass man sie „zu- 
sammengeworfen habe". 

Um mich kurz zu fassen: der grundirrtum, der freilich kaum für andere ver- 
hängnisvoll werden wird, und bedenkliche rückschritt Elsters liegt darin, dass er den 
vergleich und die metapher gleichsetzt, dass er den begriff der fjLexatpoQu ., der Über- 
tragung, nicht festhält und nun ausdrücke wie „er raucht wie ein Schornstein", „süss 
wie mondenlicht", „schneeweiss", „o schmerz, stark wie der tod!" für metaphern 
erklärt. So werden die unterschiede nicht nur von gleichnis und metapher, son- 
dern auch gerade die grenze, die er zwischen beseelung und metapher ziehen will, 
verwischt, denn dann muss z. b. Lenaus vers: „Der buchenwald ist herbstlich 
schön gerötet, sowie ein kranker, der sich neigt zum sterben" nicht zu der meta- 
phorischen apperception, sondern zu der personificiereuden gezogen werden u.a.m. — 
»■' Im Kieler programm von 1890 stellte ich den satz auf: „Association (im sinne Fech- 
f;! ners) verhält sich zu anthropomorphismus (im sinne Vischers) wie der vergleich zu 
m; der metapher (beseelung): association ist äusserlich hinzukommend wie der vergleich 
mit „gleichwie", „gleichsam", der anthropomorphismus (beseelung, einfühlung) ist in 

1) Meine aufsätze in der Ztschr. f. vgl. litteraturgesch. I über „die ästhetische 
naturbeseelung in antiker und moderner poesie" scheint Elster nicht zu kennen; auch 
citiert er den titel meiner „Eutwickelung des naturgefühls bei den Griechen und Rö- 
mern" (Kiel 1882 — 84) nicht richtig. 



242 BIESE , ÜBER ELSTER, PRINCIPIEN DER LITT. WISSENSCHAB'T 

seiner höchsten Wirkung Verschmelzung wie die metapher, ja diese wird ihr sprach- 
licher ausdruck. Bei der association haben wir ein nebeneinander, bei der anthropo- 
morphen einfiihlung ein ineinander." So besteht zwischen vergleich und metapher 
ein viel wesentlicherer unterschied, als zwischen beseelung und metapher; diese sind 
völlig ineinanderfliessende begriffe; beide ordnen sich dem metaphorischen unter. 
Denn: metapher heisst Übertragung; zwei Sphären unterscheiden wir sterblichen: das 
geistige und das sinnliche. Ob der mensch nun sein eigenes innere oder äussere 
(anthropopathisch oder anthropomorphisch — dies wird auch jenem gleichgesetzt — ) 
auf die dinge oder die dinge auf einander, die doch alle in seinem innern umgestal- 
tet werden und so produkte, glieder seines innenlebens, seiner geistessphäre sind, 
überträgt: das ist derselbe psychische process. Die metapher entsteht also durch 
wechselseitige vertauschung von sinnlichem und geistigem. Übertrage ich geistiges 
auf sinnliches, so entsteht die beseelung; sie ist entweder mythische (glaubensvolle) 
Personifikation, bei welcher der gott das elementare aufsaugt, z. b. pontem indigna- 
tus Araxes — Elster übersieht s. 383, dass für den Eömer wie für den Griechen der 
fluss ein gott ist, dass also umgekehrt der substantivbegriff den verbalbegriff beein- 
flusst hat — oder die auf freiem ästhetischen schein beruhende, poetische beseelung 
z. b. in Goethes Iphigenie I, 2: „Dies ufer sehreckt die fremden". "Wie eng über- 
haupt beseelung und metapher, d. i. die Übertragung von geistigem auf sinnliches, 
die von sinnlichem auf geistiges, von geistigem auf geistiges, sinnlichem auf sinnliches 
mit einander sich verschmelzen, wie sie oft gar nicht zu scheiden sind, das beweisen 
ausdrücke, wie (ebendaher und I, 3 entnommen): „Viel taten des verworrnen sinnes 
deckt die nacht mit schweren fittigen", „Wenn eine lust im busen brennt . . und 
schweigt in ihrer brüst die rasche glut, so dringt auf sie vergebens treu und mäch- 
tig der Überredung goldne zunge los", „Von altem bände löst ungern sich die zunge 
los, ein lang verschwiegenes geheimnis endlich zu entdecken, denn einmal vertraut, 
verlässt es ohne rückkehr des tiefen herzens sichre wohnung" ; „ Der gram bedeckt 
geheimnisvoll dein innerstes"; „Dem elend zu, das jeden schweifenden . . mit kalter, 
fremder schreckenshand erwartet"; „Dass in den alten hallen, wo die trauer noch 
manchmal stille meinen namen lispelt, die freude . . den schönsten kränz von säul' 
an Säulen schlinge" . .^ AUe beseelung des abstrakten will Elster allegorie nennen; 
das ist teils zu umfassend, teils zu eng; wenn Goethe die hoffnung „die treiberin, 
die trösterin" nennt, so ist das noch keine allegorie; anderseits wo bleibt dann eine 
durchgeführte Personifikation eines konkreten begriffes wie z. b. des Stromes in der — 
allegorie „Mahomets gesang"? — Hinsichtlich des Symbols schliesst Elster im wesent- 
lichen sich wirklich einmal an Vischer an ; vgl. meine Philos. d. metaph. s. 16. Per- 
sonifikation, allegorie, metapher, symbol haben, wie ich meine, das gemeinsame: sie 
verkörpern das geistige oder vergeistigen das körperliche; sie fallen somit unter den 
begriff des metaphorischen (anthropocentrischen). Das metaphorische, in welcher 
form es sich kundgibt, ist der naturgemässe ausfluss jener centralen nötigung unserer 
ganzen geistigen existenz, diese selbst zum masso aller dinge zu machen, das äussere, 
also das an sich fremdartige durch das einzig voll bekannte, d. i. eben unser eigenes 
inneres und äusseres leben uns zugänglich, begreifbar zu machen und anderseits 
unser inneres mit allen seinen regungen, gedanken und empfindungen auszugestalten 
in der spräche und in der kunst, in der religion und in der philosophie (Phil, der 
metaph. s. 3). Ich bin überzeugt, dass die Wahrheit dieser erkenntnis immer mehr 

1) Vgl. im übrigen meine „Philosophie des metaphorischen", besonders s. 27 fg. 



ROSENHAGE.V, tJBER KETTXER , DIE ÖSTERR. NIBELUNGENDICIITÜNG 243 

luiilidringen wird. Vielleicht auch bei Elster. — Das 5. kapitel (spraehstil) , womit der 
L. liand abschliesst, düifte zusammen mit dem — zu erwartenden — 6. kapitel (me- 
rik) — die beide „allein für den germanisten geschrieben" sind — zu besprechen 
^eiu. "Wenn somit und überhaupt auch das buch sich in engeren grenzen hält, als 
lei- titel verrät, und wenn es auch von einer gewissen eioseitigkeit hinsichtlich der 
isychologischen gnindanschauimgen nicht frei ist, so muss man in ihm doch ein 
irtieuliches symptom einer weiter und tiefer dringenden litteraturbetrachtung und 
.erheissungsvolle anfange ernster gedankenai'beit mit unverhohlener anerkennung 
jegrüssen. 

KOBLENZ, NOVEMBER 1897. ALFRED BIESE. 



Die Österreichische Nibelungendichtuug. Untersuchungen über die Verfasser 
des Nibelungenliedes von Emil Kettiier. Berlin, Weidmannsche bucbhandlung. 
1897. IV, 307 s. 7 m. 

In einem inhaltreichen buche legt E. Kettner den abschluss seiner langjährigen 
-;tudicn über das Nibelungenlied vor, von denen er schon mehrfach proben in dieser 
Zeitschrift * mitgeteilt hat. Die bedeutung jener arbeiten bestand darin , dass die frage 
lath der entstehung des Nibelungenliedes von einem neuen punkte aus angefasst; 
hr mangel darin , dass allzu rasch der sprung in die „ höhere kritik " getan wurde. 
Damit ist auch gegeben, von wo aus dies neue buch beurteilt werden muss. 

Das thema des Verfassers lautet: „in allgemeinerer und umfassenderer weise 
zu untersuchen, wie die im texte A uns vorliegende form der Nibelungendichtung in 
hieu letzten gestaltungen zu stände gekommen ist" (s. 3). Abschnitt I: „Die littera- 
lisi he Stellung des Nibelungenliedes", betrachtet diese form zunächst als ein ganzes und 
iiiift dessen Verhältnis zur epik und lyrik des 12. Jahrhunderts bis auf Hartmann 
ind Reinmar hinab. Es ergibt sich daraus, dass sich die lyrik mindestens ebenso oft 
inil ebenso stark mit dem Nibelungenliede bemhrt, wie die epik (s. 58), und weiter, 
la-s diese berührung in allen teilen des gedichtes gleichmässig auftritt, so dass schon 
k--\vegen das Nibelungenlied, wenigstens in seinem haui^tbestande , einen dichter 
iiuin Verfasser habe (s. 60). Abschnitt II versucht nachzuweisen, dass die einheit- 
liche original dichtung (0) von den Nibelungen nicht mehr erhalten ist, sondern dass 
iie Version A sie in einer erweiterten und überarbeiteten form bietet. Eine kleinere 
iahl von Strophen werden zunächst als Interpolationen ausgeschieden und die mehr- 
iahl von ihnen als die arbeit eines mannes erkannt. Aus ihnen werden 12 merk- 
male entnommen, mit deren hilfe dann im III. abschnitt: „Die ausdehnung der bear- 
beitung", eine umfangreiche ausscheidung der jüngeren schiebt vorgenommen wird. 
Das ergebnis ist das im abschnitt II vorgesehene, dass alle Interpolationen von einer 
band sind, und dass diese strophen zum grössten teil dieselben sind, welche Lach- 
maun für unecht erklärt hat; darum dürfe die annähme wohl gerechtfertigt sein, dass 
„auch diejenigen athetesen Lachmanns, die noch nicht zur besprechung gekommen 
sind, in ihrer mehrzahl strophen treffen, die der bearbeiter zugesetzt oder gründlicher 
umgestaltet hat, dass andrerseits die „echten" strophen fast sämtlich den text des 
Originals rein oder wenig verändeit bieten" (s. 161). Im abschnitt IV werden dann 
die bestaudteile von dargestellt. Es ist danach das werk eines dichters, aber 
nicht ein einheitliches, sondern besteht aus fünf (oder vier) einzelnen teilen — „bü- 

1) Vgl. Ztschr. 15, 229 — 241. 16, 48 — 63. 17, 129 — 171. 410—421 u.a. 



244 EOSENHAGEN 

eher" nennt sie der Verfasser — , deren jedes zwar das vorhergehende voraussetzte, 
aber zugleich die bestimmung hatte, ein selbständiges ganzes zu sein (s. 190). Zur 
vorläge hatte der dichter von drei mangelhaft zusammengefügte liederbücher, aus 
deren letztem er zwei bücher machte (= Lachmanns lied XIV — XIX und XX), 
während er hinter das zweite noch eines einschob (= Lachm. XI — XIII). Die drei 
letzten abschnitte fassen schliesslich die resultate der ganzen Untersuchung bezüglich 
der litterarischen Stellung des dichters und des bearbeiters (V), des Charakters des 
dichters (VI) und des bearbeiters (VII) zusammen. 

Die hypothese des Verfassers hat zwei teile : erstens dass unser Nibelungenlied 
der hs. A zwei schichten, das original und die bearbeitung, enthält; zweitens dass 
das original aus den „büchern" bestanden hat. 

Der zweite teil ist eine folge des ersten: wenn wir die echten Strophen Lach- 
manus als das werk eines dichters ansehn, so kann dies kein einheitliches werk 
sein, es zerfällt von selber in teile, die sich, Avie Kettuer sagt (s. 164), durch „for- 
male eigentümlichkeiten imd ungleichmässigkeiten in der behandlung des Stoffes" von 
einander scheiden. Solche teile nennt Kettner vier oder fünf, seine bücher: 1) Sieg- 
fiieds von Niederland und Günthers brautwerbung und hochzeit (= Lachmanns lie- 
der I— V), 2) der tod Siegfrieds von Nibelungeland (= Lachm. VI — X), 3) Etzels 
und Kriemhilds hochzeit und ehe (= Lachm. XI — XIII), 4) und 5) der Nibelunge 
not (== Lachm. XV — XX). In dieser hypothese soll die erblärung für die nach aus- 
scheidung der bearbeitung noch bleibenden Widersprüche usw. liegen. Sie genügt 
aber nicht zu einer solchen erklärung, noch reicht ihre begründung aus. 

Die allgemeinen bemerkungen, wie die entstehung dieser „kleineren epen" zu 
denken sei (s. 164), sind so vorsichtig in hypothetischer form gegeben, dass man 
annehmen darf, der Verfasser habe selber nicht viel wert darauf gelegt; die spätere 
äusseiung darüber, weshalb der dichter den stoff noch nicht in die form eines ein- 
zigen, in sich abgeschlossenen epos habe bringen können (s. 203), ist nur eine fol- 
gerung aus der als bewiesen geltendeuh ypothese , geeignet zur erläuterung , aber nicht 
zum bew^eise. Die berufung auf das zeugnis des Marners und Trimbergs (DH s. 162. 
171 = 179. 191) für die existenz der gattung ist aber entschieden abzulehnen. Dass 
der Marner solche „bücher", wie der Verfasser sie sich denkt, im äuge gehabt habe, 
ist absolut unerweislich und durchaus unwahrscheinlich. Der Marner meint eine 
niedere, populäre poesie (vgl. auch die Titurelstclle DHS. s. 172 = 194), imd ein- 
zellieder. Die Kettuerschen bücher würden aber das werk eines ritters sein, und 
bilden auch im ganzen etwas zusammenhängendes, wenn auch dieser Zusammenhang 
nicht von vornherein gewollt , sondern nur geworden ist. Des Marners zeugnis würde 
etwa um ein halbes Jahrhundert jünger sein: dann müssten doch derartige bücher 
wähi-end der ganzen zeit 1200 — 1250 im umlauf gewesen sein. Es ist eine lebhafte 
litterarische zeit, die wir einigermassen kennen: aber kein beispiel, keine andeutung 
dieser gattung! Der Verfasser sagt selbst von der dichtung 0: „sie stand zunächst 
als etwas schlechthin eigenartiges und vereinzeltes da", (s. 266) — aber nicht „zu- 
nächst". Nicht die „bücher" von Kettners 0, sondern die buchform des Nibelungen- 
liedes ist von den strophischen epen nachgeahmt. Sie setzen die form unseres 
gedichtes der hdschr. A voraus. Hierin liegt schon eine Schwierigkeit, welche die 
„büchertheorie" neu schafft, abgesehen davon, dass sie litterarhistorisch nicht begrün- 
det ist. Es bleibt auch ganz unbegreiflich, wie das original durch die „bearbeitung" 
bis auf jede spur hat verdrängt werden köimen — besonders unbegreiflich, wenn jene 



ÜBER KETTNER, DIE ÖSTERR. NIBELUNGENDICHTÜNG 245 

Worte des Marners das fortleben der gattung bezeugen würden. Man vergegenwärtige 
sich die dem Verfasser sicli ergebenden daten: ist entstanden gegen 1200, der dich- 
ter sehr vertraut mit dem minnesang bis auf Eeinmar, er ist wahrscheinlich selber 
minnesänger gewesen (s. 205), seine litterarischen bezieh\ingen weisen auf Wien: 
muss er da nicht auch Eeinmar persönlich gekannt haben, müsste dann nicht auch 
Walther mindestens sein werk in der originalen form gekannt haben! 

Auf der andern seite würde die arbeit des bearbeiters 20 — 30 jähre später 
fallen („lebte als vornehmer spielmann in "Wien und Passau in den ersten Jahr- 
zehnten des 13. Jahrhunderts", s. 288). Seine arbeit bestand in der herstellung einer 
äusseren einheit und in dem zusatz und der erweiterang von allerlei beschreibungen 
und episoden — und nun soll auf diese dinge das publikum wirklich so viel wert 
gelegt haben, dass es die poetisch wertvollsten, die wirklich packenden teile nicht mehr 
ohne sie hören mochte! Man erinnere sich der reichen entwicklung der handschrift- 
lichen Überlieferung des Nibelungenliedes, und erinnere sich, dass auch die zeit, wo 
Kettners entstanden sein würde, die eines lebhaften interesses für litteratui' ist; es 
wird viel gesungen, gedichtet, gelesen, geschrieben. Geschrieben müssen wir uns 
doch diese bücher denken. Der Verfasser äussert sich nicht damber, ebensowenig, 
als er genauer angibt, wie er sich die entstehung der einzelnen bücher und ihr 
Verhältnis zu einander vorstellt. Hatte der dichter beim ersten buch schon die 
absieht, wenn nicht die folgenden bücher mit ihrem bestimmten Inhalt zu schreiben, 
so doch die anschliessenden teile der sage zu behandeln? Sind grössere Zeiträume 
zwischen ihi'em erscheinen anzunehmen? Wäre gar eine entwicklung des poetischen 
vennögens und des sprachlichen ausdmcks von einem buch zum andern festzustellen? 
Je mehr man versucht auf diese fragen einzugehn, um so mehr zeigt sich, dass die 
„bücher- theorie" auch für die aufklärung der Schwierigkeiten des Nibelungenliedes 
nicht leistet, was man von ihr erwarten sollte. Der Verfasser muss ebenso mit ver- 
schiedenen quellen, mit der Verarbeitung des alten stoifes in höfischem sinne arbeiten, 
wie es gegenüber dem gesamten Nibelungenlied nötig und angebracht ist. Daher 
bringen ihn seine konstmierten bücher wider zu weiteren konstruktionen nach rück- 
wärts, den drei mangelhaften liederbüchern , die dem dichter als quelle gedient haben 
sollen. Damit kommt man auf denselben punkt, auf welchem auch die an Lachmann 
direkt anknüpfende kritik sich zur umkehr genötigt gesehen hat, wenigstens nach der 
einsieht zweier hervorragenden gelehrten, welche bisher jener kritik vertraut hatten: 
nämlich der annähme einer überreichen Produktion auf dem gebiete des nationalen 
heldengesanges, während die bekannten litterarhistorischen tatsachen nicht dazu stim- 
men (Wilmanns, Anz. f. d. a. 18, 70; Schönbach, Das Christentum i. d. altd. hel- 
dendichtung s. 47). 

Die „bücher -theorie" erscheint demnach als unglaubwürdig; sie löst nicht, 
was sie lösen soll, und führt nur zu neuen Schwierigkeiten. Daraus ergibt sich ein 
grosses mistrauen gegen die Voraussetzung, deren folge sie ist, gegen die kritische 
these des buches: die version ist eine bearbeitung des Originals, die von einer band 
stammt, wie auch dies original die arbeit eines dichters ist; der umfang Jder bear- 
beitung entspricht im grossen und ganzen den von Lachmann als unecht ausgeschie- 
denen Strophen — grob ausgedrückt: es bleibt alles wie bei Lachmann, nur dass die 
unechten und die echten Strophen anstatt mehrerer nur je einen Verfasser haben. 
Dies wird, füi'chte ich, der these am meisten schaden. Manche leser werden] sich 
achselzuckend fragen, wie es möglich sei, dass auf demselben wege yerschiedene 
dinge bewiesen werden, und damit das ganze abtun. Das wäre_aber unrecht, man 



246 ROSENHAGEN 

kann wirklich auf demselben wege zu verschiedenen resultaten gelangen, wenn neue 
allgemeine anschauuugen hinzutreten. 

Wir müssen bei Kettner die begründung der trennung der beiden schichten 
von dem nachweis der jedesmaligen einheit unterscheiden. "Wenn der Verfasser auch 
für den ersten punkt die autorität Lachraanns als massgebend anerkennt (s. 161), so 
hat er doch für den grössten teil den nachweis selber neu unternommen. Zunächst 
sucht er die annähme von interpolationea überhaupt durch die analogie der hdschr. B 
zu rechtfertigen (widerholt in der anzeige des angef. buches von Schönbach, Ztschr. 
30, 384 fg.). Kein zweifei, dass dadurch die möglichkeit der Interpolation auch von 
A gegeben ist. Es fehlt aber der zwingende beweis, der nur in der divergenz der 
beiden handschriften liegt. Dann hat der Verfasser selber (Ztschr. 26, 438 fgg.) ge- 
zeigt, dass die Interpolationen in B von einer persönlichkeit herrühren, ebenso wie 
die bearbeitung, die in A vorliegen soll. Dieser interpolator in A würde aber eine ganz 
andere Individualität sein, als der in B: er schuf ein ganzes, der andere putzte es 
aus. Damm dürfen die indicien zur erkennung der Interpolationen grade nicht von 
B auf A übernommen werden. Dazu gehört die eigentümlichkeit, dass mit inhaltlichen 
anzeichen der Interpolation sich widerholungen von stilistischem material zusammen 
finden (s. 70 fg.). Dies ist eine neue betrachtungsweise , die direkt sich an die älte- 
ren arbeiten des Verfassers anschliesst. Sie ist au sich zweifellos wertvoll, und die 
betreffenden beobachtungen sind sicher (s. 71 fg,). Aber dass in diesen fällen immer 
„nachahmungen", sei es bewusster oder unbewusster art (s. 73) vorliegen, will nicht 
einleuchten. Kurz vorher lesen wir grade die vorzügliche darstell uug der stilistischen 
einheit des Nibelungenliedes, wie sie sich eben in solchen widerholungen und deren 
eigentümlichkeiten zeigt (s. 66 — 69). Darum würde die „nachahmung" im besondern 
falle nur als folgerung aus der anderswie erkannten Interpolation gelten können. So 
ist es auch. Die methode, welche der Verfasser benutzt, die beiden schichten zu 
trennen, ist keine andere als die bekannte Lachmanns. Zwar sind ihm alle bedenken 
wol bekannt, welche gegen ihre einseitigkeit erhoben sind, — auch das tief schnei- 
dende — fast bis an den lebensnerv aller philologie, möchte man sagen — wort von 
Wilmanns von den „über gebühr angestrengten äugen" (Anz. f. d. a. 18, 69). Er 
sagt aber weder, noch ist es zu erkennen möglich, wodurch sein verfahren weitsich- 
tiger und zuverlässiger wird. (Am schärfsten ist dieser kontrast s. 75; vgl. weiter 
die 12 merkmale und die bemerkungen dazu s. 82. 83.) Worin diese einseitigkeit der 
„auftrenn -methode" besteht, sieht man vorzüglich bei Cauer, Homerkritik s. 245 — 
255, worauf ich in kürze verweisen möchte. Welches dagegen der richtige weg in 
der Nibelungenkritik sein dürfte, wird nachher noch berührt werden. 

Da nun der Verfasser für jede schiebt einen Ursprung annimmt, war er zu 
einem weiteren beweise verpflichtet, den er nicht gibt. Er musste zeigen, dass 
als gesamtarbeit nicht von dein bearbeiter stammen kann. Es werden zwar in zwei 
umfangreichen kapiteln die Charakteristika von und B zusammengestellt, sie wer- 
den aber nicht verglichen (eine ausnähme gleich unten). Bei einem solchen vergleiche 
würden aber, darin liegt die grosse Schwierigkeit, in abrechnung zu bringen sein alle 
stellen von 0, die inhaltlich nicht mit B vergleichbar sind. Ob sich daraus ein 
wirklich greifbarer unterschied ergeben wird, darf bezweifelt werden. In einer 
eigentümlichkeit, die grade solche vergleichbaren stellen betrifft, stimmen sie wenig- 
stens überein , in der neigung zu widerholungen (s. 253 vgl. s. 283). Die Charakteri- 
sierung der bearbeitung ist auch manclimal unbestimmt, z. b. wird ihr zunächst ein 
gewisser realismus (der darin bestehen soll, dass hie und da schwächen an den per- 



ÜBER KETTXEE, DIE ÖSTERR. NIBELUNQENDICHTTJNG 247 

sonen hervorgehoben werden; die einzelnen punkte sind nicht unanfechtbar) — zu- 
geschi'ieben , und dann heisst es weiter: „Dieser realismus schliesst aber ein Ver- 
ständnis für die weicheren menschlichen empfindungen nicht aus. Der bearbeiter ist 
sogar augenscheinlich bemüht, diese noch mehr als das original hervorzuheben und 
noch zu verstärken, wie er ja im allgemeinen die Vorzüge des Originals richtig 
schätzte und diese durchaus nicht beeinträchtigen wollte" (s. 276/277). Auch was vor- 
her über die „idealisierende tendenz" des Originals gesagt ist (s. 207 — 208), wird 
nicht jeden leser überzeugen; es lässt ihm übrig, sich sehr verschiedenes dabei zu 
denken. Am wenigsten ist der schluss zulässig, weil der Inhalt der heldensage all- 
gemein bekannt gewesen sei, habe das publikum dem Stoffe kein materielles Interesse 
entgegengebracht {uncle scis? — ), und darum habe der dichter seinen stoff idealisie- 
ren müssen (s. 208). Kein mensch muss müssen, und zu allerletzt ein dichter. 
"Was der dichter und der künstler gewollt hat, sollen wir verstehen lernen, und 
beurteilen, wie weit er seinen willen durchgesetzt hat. Das ist aber wii'klich sehr 
schwer für ims in diesem falle, weil wir in einer ganz andern weit leben. Ob man 
damals in Siegfrieds worten an Ortwin: jan dorften mich dtn xtvelve mit strtte 
nimmer bestän wirklich einen des beiden unwürdigen hochmut sah (s. 276), kön- 
nen wir an sich gar nicht wissen; auch nicht wie man über das recht der levis casti- 
gatio des ehegatten dachte. Vor allen dingen dürfen wir nicht einen so durchaus 
modernen gegensatz wie realismus und Idealismus, der überdies ganz unklar und 
vieldeutig geworden ist, auf unser Nibelungenlied übertragen. Für den einen ist 
idealistische kunst solche, die einen höheren tyi)us des menschen darstellt, für den 
andern eine, welche ideen, d. h., gedanken über den menschen darstellt, für den 
dritten einfach die kunst „für damen." — Die auffassung des Verfassers ist die erste; 
aber ob sie mit recht aufs Nibelungenlied angewandt wird, kann bestritten werden. 
Der negative grund, dass im Nibelungenlied „kein einfach schlechter oder gar ver- 
ächtlicher mensch vorkommt", düi'fte nicht genügen. Am besten lässt man aber 
das beiseite. Das mittelalter ist uns vielleicht durch die exakte ;forschung nur 
innerlich fremder geworden, als es war zu der zeit, wo es als asyl aller träimie 
diente. 

Doch etwas anderes war zu zeigen. Die Charakterisierung von und B scheint 
nicht dazu zu dienen, die kritische ansieht des Verfassers zu empfehlen. Kommt 
man nicht grade auf das gegenteil, wenn man liest, dass man nur aus den Zusätzen 
des bearbeiters das richtige bild einer Schlacht gewinnen kann (s. 271)? Die haupt- 
sache aber bleibt, dass die ganze betreffende darstellung als folgerung aus der these 
gegeben wird, und nicht in gesichtspunkten wie art der Schilderungen, behandlung 
des Innern lebens, anschaulichkeit usw. beweismittel für die Scheidung gewonnen wer- 
den. Darum sagt auch der einzige punkt so wenig, für den eine vergleichung vor- 
genommen ist: die litterarische Stellung der beiden. Danach wäre der dichter von 
minnesänger und habe den älteren minnesang gekannt, während nur der bearbeiter 
auch Hartmann gekannt und benutzt habe (s. 192—198). Dies ist, wie gesagt, nur 
eine folgerung aus der schon gemachten Scheidung. 

"Wir können also auch die kritische these des buches nicht annehmen. Viel- 
mehr ist der eindruck der, dass die Untersuchung, welche von einem richtigen punkte 
ausgeht, durch die rücksichtnahme auf die theorie Lachmanns aus ihrer bahn 
gelenkt worden ist. Die ganze künstliche hypothese ist durch das bemühen entstan- 
den, die neuen eigenen forschungen mit der alten, mächtigen lehre in einklang zu 
bringen. Ich finde persönlich keinen so grossen Vorwurf darin. Allein durch die 



248 EOSENHAGEN 

einrichtuug der ausgäbe, in der wir allein die lidscbr. A lesen, übt die alte lehre 
eine zähe macht aus. Es ist nur natürlich, dass unsere wissenschaftlichen Überzeu- 
gungen im letzten gründe von etwas anderm als beweisen und Schlüssen abhängen. 
Das beste beispiel dafür ist Lachmann selbst, dessen ansieht durchaus in der roman- 
tik wui'zelt (man denke nur an die schönsten Volkslieder anm. z. d. Nib. s. 6). Die 
folgen dieser, an sich begreiflichen, rücksichtnahme sind für die klarheit und folge- 
richtigkeit in diesem buche nicht günstig gewesen. Das wird jeder empfinden, der 
den sprang vom ersten auf den zweiten abschnitt, und dann das hinundhergehn im 
anfange des letzteren wider mitgemacht hat, bis glücklich der anschluss an die scheidende 
kritik gewonnen ist. Abschnitt I schliesst damit, dass das Nibelungenlied wenigstens 
in seinem hauptteile das werk eines dichters sei, dann fängt II, überraschend genug 
an: „Bei der erörterung der frage, ob für das Nibelungenlied von anfang bis zu ende 
sich ein dichter nachweisen lässt, ... wird es am zweckmässigsten sein, auszugehen 
von Lachmanus liedertheorie, da unter den abweichenden ansichten der ihm nach- 
folgenden kritiker keine eine so weit verbreitete und so entschiedene Zustimmung 
gefunden hat" (s. 61). Es scheint nun aber weder diese stelle der Untersuchung 
geeignet die frage nach dem einen dichter auf zuwerfen, noch Lachmanns lieder- 
theorie, den ausgangspunkt dafür zu geben — nicht als ob dies keine frage sei 
auch nicht als ob Lachmanns kritische arbeit keinen wert mehr habe; aber jedes zu 
seiner zeit. 

Wir sind heute auf dem besten wege , eine einigung in der Nibelungensache zu 
finden. Die bereits era^ähnten ernsten werte von Wilmanns und Schönbachs äusseningen 
in dem schon mehrfach citierten buche (das dem Verfasser s. z. leider noch nicht vor- 
gelegen hat, aber wie seine beurteilung (Ztschr. 30, 384 fgg.) zeigt, kaum seine 
ansichten dürfte modificiert haben) — sind eine epoche, weil ja die beiden gelehrten 
früher auf einem andern Standpunkte sich befunden haben. Seitdem kann man Lach- 
manns liedertheorie in ihrer dogmatischen form aufgeben und für ein misslungenes 
experiment halten, ohne irgend jemand in seinen gefühlen zu verletzen. Darum bleibt 
aber das problem, welches durch dies experiment gelöst werden sollte, und es bleibt 
seine und seiner nachfolger kritische arbeit unverloren, der ganze verrat ihrer ana- 
lysen mid beobachtungen. Nur müssen wir uns anders zu ihnen stellen: es sind 
alles noch ungelöste aufgaben. Aber der weg sie zu lösen ist uns deutlich vorge- 
zeichnet. Der ausgangspunkt ist gegeben, wie Schönbach es ausdrückt: „"Wir sind, 
glaube ich, alle einig darüber, dass der gedanke, die umlaufenden stücke von erzäh- 
lungen aus der heldensage zu epen zu verbinden, durch das mächtige beispiel des 
höfischen romans angeregt worden ist" (a. a. o. s. 51). Hierin liegt zugleich der entschei- 
dendste gnind gegen die verhängnisvolle gleichstellung des Nibelungenliedes mit der 
Dias. Trotzdem man sich gegen diese nicht genug verwahren kann, so kanu doch 
methodisch aus der behandlung der homerischen frage manches für das Nibelungen- 
lied gelernt werden; vor allem zunächst klarheit über die tatsachen, die wir kennen 
und von da aus vorsichtig zurück ! Darum haben wir unser überliefertes Nibelungen- 
lied erst einmal als gedieht zu betrachten, welches denselben zwecken der Unterhal- 
tung dienen soU, wie die höfischen romane. Dann haben wir uns zu fragen, was 
entspricht alles diesem zwecke, oder w^enn der zweck nicht erreicht ist, wenig- 
stens dieser absieht — mit andern worten: welche bestandteile können von dem höfi- 
schen bearbeiter stammen, der ein zusammenhängendes werk zum vorlesen herstellen 
wollte, und welche nicht. Diesen Schriftsteller, dessen werk ohne zweifei die oberste 
Schicht unserer Überlieferung bildet, müssen wir in seiner technischen und poetischen 



•ÜBER KETTNER, DIE ÖSTERR. NTBELTTXGEKDICHTUNG 24S 

eigenart zu erkennen versuchen — und dann sehen, ob wir noch weiter zurück 
müssen. 

Ton diesem punkte sind auch Kettners Mihere Untersuchungen, und ebenso 
auch dies buch zunächst ausgegangen; dort sind es die höfischen Schilderungen, hier 
die berährungen mit der zeitgenössischen litteratur, die er prüft. In dem betreffen- 
den abschnitt, dem ersten, hat er die forschung lun einen sicheren schritt weiter 
geführt. Durch diese litteraturvergleiche , besonders durch den nach weis der bezie- 
hungen zum altern minnesang, ist unser überliefertes Nibelungenlied in helles histo- 
risches licht gestellt, während fiiiher die neigung weit verbreitet war, es nur zu 
studieren, um dessen willen, was dahinter stecke, etwa wie einen verhäng anzusehn, 
in dem die umrisse und formen der schönsten weibesgestalt erscheinen, während es 
nun selber ankommt, artig angezogen, vielleicht etwas reichlich und nicht immer 
geschmackvoll geputzt — mit der freundlichen bitte „machts nicht zu schlimm!" 

Aber soweit sind wir noch nicht. Kettner hat den Zusammenhang mit der 
zeit und der absieht des gedichtes, den wir suchen, für den stil aufgezeigt. Den- 
selben Zusammenhang haben wir dann aber für den inhalt zu untersuchen , bezüglich 
einzelner motive und deren gestaltung, so"wie bezüglich der ausbildung imd anord- 
nung des gesamten Stoffes; xmd am ende bezüglich der inneren und äusseren kultur. 
Alles was dahin gehört ist ja des öfteren in verschiedenster weise erörtert worden, 
es erübrigt nur es an dieser stelle einer Untersuchung einzuordnen. 

Für das Verständnis der stofflichen leistung ist ja von unschätzbarem werte, 
dass wir die sage in der nahestehenden gestalt, welche die Thidreks-sage enthält, 
vergleichen können. Wir kennen aber dadurch die form des Stoffes, der den beiden 
bearbeitungen zu gründe lag, nur andeutungsweise. DaiTun wird noch zu suchen 
sein, ob neben den aus zeit und absieht sich ergebenden punkten nicht noch 
einige persönlichere, individuellere züge des letzten bearbeiters zu erkennen sind, 
seine besonderen poetischen neigungen, sein können und sein nichtkönnen. Sehi' 
viel beobachtuugen darüber, die wol das wichtigste erschöpfen, liegen in den beiden 
Charakteristiken Kettners. "Wir deuteten schon an, und es kann nach dem gesagten 
nicht zweifelhaft sein, dass jede beobachtung daraufhin geprült werden muss, ob sie 
nicht zu einem dichter passt, welcher einen roman zum vorlesen schreiben wollte. 
Am wichtigsten ist das nichtkönnen, das in der pei-son, wie das in der aufgäbe lie- 
gende. Was über dies zweite Kettner mit bezug auf den bearbeiter sagt (s. 83/84), 
dürfte für das ganze gedieht ebenso gelten. Auf die strophenfi-age kommen wir noch. 

Wo wir mit den ergebnissen aus zeit, absieht und erkennbarer Individualität 
nicht weiter können, da fängt die kritische frage erst an. Daraus ergibt sich, dass 
unser vorliegendes buch sich zu fnih dieser frage zuwendet; um dies zu begründen, 
konnte diese auseinandersetzung nicht vermieden werden. 

Das macht den ersten abschnitt des buches aber um so wertvoller, weil diese 
Untersuchungen am sichern anfange stehen und nicht in der mitte einer kette. Es 
ist aber schon angedeutet, dass der reiche inhalt der übrigen teüe von grosser bedeu- 
tung ist, weil alles auf intimes Verständnis und griindliche erwägung gegründet ist. 
Da diese besprechimg nun einmal ganz in den ström allgemeiner betrachtungen gera- 
ten ist (vielleicht ist auch das ein verdienst des buches), so darf noch auf etwas 
allgemeines gewiesen werden. Kann man nicht aus der „büchertheorie" die Vorstel- 
lung entnehmen, dass das Nibelungenlied langsam entstanden sei? Dass gai* der 
dichter selber seine älteren partien überarbeitet und erweitert hätte? Etwa Hagens 



250 EGSENHAGEN, ÜBER KETTNEE, DIE ÖSTERR. NIBELtJNGENDICHTUNO 

bericLt über Siegfrieds Jugend selber später eingefügt habe, sei es weil er vorher 
nichts davon gewusst, oder weil er bei der revision empfand, dass doch allzuwenig 
vom beiden Siegfried erzählt wird? "Wie dem auch sei, wir werden wahrschein- 
lich immer mehr darin einig werden, dass im wesentlichen unser Nibelungenlied 
seine letzte form durch den erhalten hat, der einen roman zum vorlesen daraus machen 
wollte; und werden immer mehr empfinden, dass dies eine mühsame arbeit, ein 
kämpf mit stoff und form war. Dann werden wir ihm auch nicht so böse sein, wenn 
er, wie es uns scheint, „seine gedanken nicht beisammen hat." (Laehmaun zu 
Str. 2021.) 

Ein grosses hindernis, wenigstens für alle erzählenden und beschreibenden, 
aber auch für viele dialogische stellen, ist anerkanntermassen die strophe gewesen, 
ebenso ist anerkannt, dass diese metrische form im Nibelungenliede nicht ursprüng- 
lich ist, sondern eigentlich der lyrik angehört: nur ist die frage, wie ist ihre Über- 
tragung zu erklären? Eine mögliche erklärung ist die, dass sie zunächst in liedern 
epischen Inhalts verwandt wurde, und dann in dem grössern gedieht, welches diese 
lieder verarbeitete, beibehalten ist. Danach würde in der strophischen form ein beweis 
liegen, dass dem Nibelungenliede einzellieder in strophenform vorgelegen haben. Zu 
diesem gründe würden noch kommen die Strophenanfänge, die wie liedanfäuge klin- 
gen, sowie der besondere poetische Charakter einzelner, besonders dialogischer stel- 
len, wo die Worte gleich in der strophenform geworden zu sein scheinen. 
Weshalb dieser letzte gesichtspunkt noch nicht spruchreif ist, ergibt sich aus allem, 
was vorher bemerkt worden ist; der zweite betrifft vereinzelte, man könnte sagen, 
verlorene erscheinungen , und der erste, der am einleuchtendsten erscheint, wird 
ernstlich bestritten. Der Verfasser des vorliegenden buches erklärt die strophenform 
daraus, dass der Verfasser des Originals selber minnesänger gewesen ist; und Sohön- 
bach (a. a. o. s. 50 — 51) spricht aus, die form der älteren lieder könne nicht die 
Nibelungenstrophe gewesen sein, weil dagegen die bestimmbare entstehungszeit der 
Strophe spricht, und andrerseits die in dieser strophe verfassten lieder in unserem 
Nibelungenliede an eigentümlichkeiten der spräche und versbildung erkannt werden 
müssten. Er fährt dann fort: „nur dort, wo man beides kannte, roman und minne- 
gesang, kann man auf den emfall geraten sein, die strophenform der lyrik auf das 
epos zu übertragen." So richtig jene einwände erscheinen, so dürfte dieser letzte 
satz doch widersprach vertragen. Auch wenn man die Übernahme der strophe als 
einen ungeschickten einfall (so darf man doch das „geraten" deuten) bezeichnet, bleibt 
er immer noch höchst befremdlich. Die Übertragung von der lyrik auf das gesungene 
epische lied und von da auf das zusammenhängende epos ist das natürlichere, ver- 
ständlichere. Vielleicht kann ein vergleichender litteraturforscher da helfen, der ein- 
mal die zugänglichen fälle der strophischen form in grösseren epen prüfte. Unter 
allen umständen aber, wenn imser Nibelungenlied die strophenform aus epischen ein- 
zelliedern übernommen hat, so sind dies keine von volkstümlicher art gewesen, wie 
sie die Titurelstelle von den blinden (DHS. 173 = 194), und auch der Marner 
gemeint haben, sondern erzeugnisse ritterlicher poesie, und zwar der zweiten hälfte 
des 12. Jahrhunderts. Das dürfte sich jedesfalls aus dem ergeben, was wir über die 
entstehung dieser und der verwandten Strophen formen wissen. Diese ritterlichen 
epischen einzellieder würden dann auch gut zur erklärung dessen dienen, was man 
das sociale aufsteigen der heldensage nennen kann. Aber damit sind wir wider auf 
dem besten wege, eine litteratur zu konstruieren, von der wir nichts wissen, und 
mit den tatsachen in kollision zu kommen. 



GEIGEE, ÜBER J. KERNERS BRIEFWECHSEL 251 

Diese hinundwider anzudeuten, war aber erforderlich. Es zeigt sich dadurch, 
dass auch der Verfasser des vorliegenden buches sich zu rasch in der „formalfrage" 
des Nibelungenliedes entschieden hat. Es zeigt sich aber ferner, wie auch in der 
konstruttion. des Originals, welche dies buch unternimmt, dass die frage, ob hinter 
unserm Nibelungenlied nicht etwas poetisch wertvolleres, ja eigentlich das wertvolle 
steckt, dass diese frage etwas natürliches und notwendiges ist. "Wir suchen die per- 
sönlichkeit , der wir die schönen , poetisch gewordenen stellen des gedichts verdanken, 
die stellen, welche uns noch so lebendig berühren, wie die hörer vor 700 jähren. 
Die eigentümliche form der einzelnen stelle, getragen von der Stimmung des ganzen, 
ist doch die hauptsache. Das gefühl des harmlos geniessenden hat sich wol nie darin 
getäuscht; aber die kritik hat sich von den Torstellungen nicht frei machen können 
nach denen im schulbetrieb Verständnis von werken der sprachkunst geübt wurde, 
und vielleicht noch geübt wird: indem man an prosastücken die cüsposition, an dra- 
men den „gang der handlung" als die hauptsache ansieht. 

Persönlich glaube ich, wie angedeutet, dass man vermögen und Unvermögen 
in einer persönlichkeit vereinigt erkennen wird, und dass die einzeUieder nicht sehr 
viel mehr als die strophische form hergegeben haben; aber es ist auch gesagt, wes- 
halb jede ansieht in dieser Sache subjektiv und unbeweisbar sein muss. 

Darum, um es am Schlüsse zu widerholen, erscheint der versuch, eine neue 
lösung der kritischen frage zu geben, den wir in Kettners buch kennen lernen, ver- 
friiht. Die arbeit, die daran gewandt ist, behält darum doch ihren wert, weil sie 
mit voller Sachkenntnis, mit gründlicher, gewissenhafter forschung, und vor allem 
mit einer durch eine besondere methode ausgebildeten, persönlichen fähigkeit der 
beobachtung unternommen ist. Schon darum ist es jedem freunde unserer alten lit- 
teratur als notwendiges hilfsmittel zum Verständnis des Nibelungenliedes zu empfeh- 
len. Dann hat es für die weiteriorschung den sichern gewinn gebracht, dass unser 
Nibelungenlied als ein einheitliches litteratui'werk einer bestimmten zeit noch deut- 
licher als zuvor nachgewiesen ist, und dass an diesem bestimmte stilistische eigen- 
schaften und litterarische beziehiingen erkannt sind. Und daran muss jede weitere 
arbeit anknüpfen. 

HAMBURG, JOHANNISTAG 1898. G. EOSENHAGEN. 



Justinus Kerners briefwechsel mit seinen freunden. Herausgegeben von 
seinem söhne Theobald Keruer. Durch einleitungen und anmerkungen erläutert 
von dr. Ernst Müller. Mit vielen abbildungen und facsimiles. Stuttgart und Leip- 
zig, Deutsche veiiagsaustalt. 1897. 2 bde. X, 584, YI, 554 s. 12 m. 

„Was ich Dil" schreiben soll, damit Du mit Kerner eine coiTCspondenz anfan- 
gen könntest, sehe ich nicht ein. Übrigens wirst Du nicht weit mit ihm kommen, 
er schreibt immer nur ein paar zeilen, ist keine epistolische natur." So schreibt 
D. F. Strauss an seinen fi-eund Eapp am 5. april 1838 (Strauss briefe, ed. Zeller, 
s. 38). 

In der tat hat es selbst Strauss, trotzdem er gewiss eine epistolische natur 
war, und trotz der nahen beziehungen, die er mit Kerner unterhielt (vgl. u.), es 
mit ihm zu keinem briefwechsel gebracht. In unserer Sammlung ist Strauss nur mit 
einer kui-zen epistel vertreten (Bd. 2 s. 527), dem letzten brief der ganzen publica- 
cation vor dem kurzen anhange, und in der Sammlung von Stimiss' briefen wird nur 



252 GEIGER 

ein billet Kerners an Strauss iu einem [briefe von David Friedrich an seinen bruder 
Wilhelm mitgeteilt (s. 104, 30. aug. 1841). Durch eine anfrage bei dem greisen Eduard 
Zeller, die dieser mit gewohnter f reundlichkeit beantwortete , konnte ich nur constatieren, 
dass sich in dem Straussschen nachlass wirklich kein brief Kerners vorgefunden hat. 
Aber gerade dieses beispiel Strauss -Kerner ist so lehrreich für [die art, wie diese 
ganze Sammlung herausgegeben ist, dass seine betrachtung an die spitze dieser 
besprechung gestellt werden mag. Nicht nur wird jenes von mir hervorgehobene 
brief chen Kerners nicht darin erwähnt, sondern auch ein bedeutender brief Kerners 
an seinen bruder Karl, der gleichfalls in Strauss' briefen (a. a. o. s. 57 fg.) abgedruckt 
ist, wird nirgends angeführt. Jener aber musste irgendwie citiert, dieser womöglich 
abgedruckt, sicher analysiert werden, da er die ausführlichste ausspräche Kerners 
über den so charakteristischen aufsatz enthält, den Strauss ihm gewidmet hat\ Er 
ist weit ausführlicher und merkwürdiger als das kurze billet Kerners an Sophie Schwab 
(Briefwechsel bd. 2 s. 134 fg.), das einzige übrigens, in dem Kenier über jenen 
aufsatz handelte, und man gewinnt daher durch seine ausschliessliche mitteihmg ein 
falsches bild von der art, wie Kemer die gewiss ausführlichste, geist- und liebe- 
vollste Würdigung aufnahm, die ihm wol bei seinen lebzeiten zu teil geworden ist. 
Kerner war, wie oben mit Strauss' worten gesagt wurde, keine epistolische natur. 
In der tat, von den 852, richtiger 860 briefen, denn manche sind nur mit A ohne 
besondere ziffer bezeichnet, die in unserer Sammlung vereinigt sind, rühren nur 280 
briefe von Kerner her, und da diese sich auf die jähre 1806 — 57 verteilen, so kom- 
men auf das jähr kaum 4 briefe. Freilich ist damit die zahl der wirklich von Kerner 
geschriebenen, erhaltenen und ohne sonderliche mühe zusammenzubringenden briefe 
keineswegs erschöpft. Wenn der herausgeber in seiner einleitung von 3 — 4000 im 
Kernerhause befindUchen briefen spricht, so hat er dabei gewiss mehr die an Keiner 
gerichteten, als die von ilim geschriebenen briefe im äuge, denn naturgemäss ver- 
wahrt die dortige Sammlung zunächst die briefe der ersteren art. Was die Kerner- 
schen briefe betrifft, so weist der herausgeber selbst auf die in Karl Maj'ers buch 
über Uhland enthaltenen briefe hin. Andere lassen sich aus der gedruckten litteratur 
aufzeigen (s. o. Strauss), ferner ein brief an Haug. Hang schreibt nämlich an Mat- 
thison (Ms. nachlass I, 287) 15. mai 1824: „Eben erhielt ich einen brief von Justinus 
Kerner. Seine freude war gross, dich und deine holde Psyche kennen gelernt zu haben." 
Eine solche stelle hätte zu I, 548 dem briefe Matthissons febr. 1824 ergänzt wer- 
den müssen, wo er von seinem „alten wünsch, Sie von angesicht zu sehn" spricht. 
Gerade die freundschafthchen beziehungen zwischen Matthisson iiud Kemer sind um 
so merkwürdiger, weil Matthisson sich als censor sehr wenig liebenswürdig gegen 
Kerner bezeigte (Kerners Briefwechsel I, 368, anm. 3, September 1813), und weil 
Kerner sich früher (juni 1812) recht boshaft über Matthisson aussprach (bd. I, 306). 
Ein fernerer brief Kerners an Therese Huber, sowie die an Radowitz gerichteten und 
andere in der Radowitzschen Sammlung erhaltenen briefe, alle von dem herausgeber 
nicht beachtet, aber in gedruckten quellen genannt, sind an anderer stelle zu er- 
wähnen. 

Auf gar manche andere quellen hätte der herausgeber durch das ihm vorlie- 
gende briefmaterial von selbst kommen müssen. Viele der in unserer sanamlung 

1) „Zwei friedliche blätter'^ 1838. Dazu kam dann ein ausführlicher nekrolog. 
Beide jetzt in Strauss' gesammelten schritten, gleichfalls von Zeller herausgegeben. 
Bonn 1876. Bd. 1 s. 113 — 179. In Strauss' briefen (s. 438 — 440 fg.) einzebie äusse- 
rungen über den tod Kerners. 



ÜBER KERN-ER UND MÜLLER, J. IvERN^ERS BRIEFWECHSEL 253 

abgedruckten briefe, besonders die der fürstlichkeiten, des prinzen Adalbert, des 
königs Ludwig von Bayern, der prinzessin Marie von "Wüi*ttemberg, weisen fast aus- 
nahmslos auf vorhergegangene briefe Kerners, auch auf gedichte hin, welche beide 
übrigens in den bisher vorliegenden Sammlungen fehlen. Man darf dem herausgeber 
den Vorwurf nicht ersparen, dass er diese briefe nicht zu erlangen gesucht habe. 
Denn der einwand, dass nur die Sammlungen des Kernerhauses den stoff geben soll- 
ten, wäre an und für sich schon sehr ungenügend imd ganz unwissenschaftlich, ist 
aber auch deswegen nicht stichhaltig, weil in unserer Sammlung gelegentlich einzelne 
briefe aus Privatbesitz mitgeteilt sind. Nun lässt sich ja wol denken, dass nament- 
lich fürstliche imd privatarehive dem suchenden verschlossen bleiben, und die tat- 
sache, gerade diese briefe zu entbehren, dürfte nicht allzu tragisch genommen werden. 

Dagegen ist es höchst bedauerlich, dass die reichen handschriftenbestände 
unserer deutschen bibliotheken , auch der grösseren privatsammler nicht untersucht 
worden sind. 

In dem gedrackten katalog von Alexander Meyer- Cohn (Berlin 1886) sind 
zwei briefe Kerners, von denen der eine ausserordenthch merkwürdig ist, erwähnt, 
die hier nicht besprochen wurden. Eudolf Brockhaus' Verzeichnis (Leipzig 1889) 
nennt (s. 12) gleichfalls Kemer unter den dichtem, deren handschriften er besitzt. 
Unbenutzt sind in unserer Sammlung ferner geblieben: ein grosser brief Kerners an 
Malsburg 1824 (Holtei, 300 briefe, Hannover 1872, II, 34 — 37). Der brief ist des- 
wegen von grossem Interesse, weil er über den körperlichen imd geistigen zustand 
des grafen von Loben interessante mitteilungen macht; dieser dichter und poet war 
eine zeit lang bei Kerner in behandlung, und der angeführte brief würde interessante 
nachtrage zu manchen in unserem briefwechsel abgedruckten notizen gegeben haben. 
Auch in der gleichfalls von Holtei herausgegebenen Sammlung von briefen an Ludwig 
Tieck (Breslau 1864) finden sich drei, richtiger vier briefe Kerners von 1830 — 41, 
die gleichfalls manche daten zur erläuterung der briefe Tiecks in unserer Veröffent- 
lichung und der über ihn handelnden stellen geboten hätten. Nur von einem dieser 
briefe ist in unserer Sammlung (II, s. 194) gebrauch gemacht. Die anderen sind 
nicht berücksichtigt. Übrigens waren auch die briefe Tiecks an Kerner, die in unsere 
Sammlung aufgenommen sind, wie angeführt, bereits gedi-uckt, und eine analyse 
wäre daher dem neudruck vorzuziehen gewesen. 

Die handschriftlichen briefe Kerners würden sich schon sehr reichlich 
vermehren lassen, wenn man nur die autographen-kataloge der letzten jahi-e ansähe. 
So ist mir in den letzten tagen eine notiz aus einem katalog von Ernst Karlebach in 
Heidelberg bekannt geworden, in der es heisst: Kerner, Justinus, Zwölf handschrift- 
liche briefe von Kemer seiner enkeltochter in die feder diktiert und von Kerner 
unterschrieben an seinen freund den ehemaligen Karlsschüler architekten Heideloff 
aus den jähren 1855 bis 1859. 4. 20 m. 

Ich habe natürlich nicht den beruf, diese lücken weiter zu notieren oder gar 
auszufüllen, nui- liegt es mir nahe, von dem zu reden, was in Berlin vorhanden ist. 
Jedem irgendwie litterarisch gebildeten herausgeber musste bekannt sein, dass die 
königliche bibliothek in Berlin die grosse Eadowitzsche handschriften -Sammlung, fer- 
ner den noch grösseren Yarnhagenschen nachlass besitzt und in liberalster weise wissen- 
schaftlichen arbeiten! zur benutzung überlässt. Der katalog der Radowitzschen Samm- 
lung ist gedruckt (Berlin o. j., wol 1864). Er enthält 8 Kernersche briefe. Von 
einzelnen dieser briefe ist noch in anderem zusammenhange zu reden. Hier sei 
daraus nur das folgende erwähnt. Erstens: ein gedracktes blatt aus dem Deutschen 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXXI. 17 



254 GEIGER 

dicliterwald 1813, s. 53 „Lied eines spielmanncs von G. 0. H. N. (graf Loben) mit 
der eigenhändigen bemerkung Kerners „Hin ausgeschnitten aus seinem buche, weil ers 
im herzen hat, von Kerner." Zweitens: Facsimiles der gedichte 28. Januar 1852 
„So lang noch barg und thale blühn". Drittens: Briefe an einen freund, 4. mai 1825, 
dem er ein lied sendet, das, „wäre es durch Ihre composition verherrlicht, sich 
vielleicht manches herz zum tröste nach dem tode eines lieben singen würde." Im 
Morgenblatt werde er bald ein lied lesen „Fühlte seines bündeis drücken, der müde 
wandersmann." (Das gedieht erschien dort 1825 nr. 85.) Viertens: Brief vom 13. 
december 1836 au Friedrich von Meyer, mit der bitte, auf einen aufsatz im Morgen- 
blatt, der sich gegen die annähme von geistererscheinungen richtet, zu erwidern. 
Meyer hat darauf geschrieben: „Der aufsatz von Nürnberger war für die geister- 
erscheinungen und las sich nur anfangs als feindlich." 

Aber als ganz unverzeihliche nachlässigkeit des Sammlers oder herausgebers 
ist darauf hinzuweisen, dass die in der Varnhagenschen Sammlung aufbewahrten 72 
briefe Kerners an Varnhagen von 1805 — 57 nicht benutzt sind. Da Theobald Ker- 
ner selbst im verkehr mit Varnhagen stand, da die meisten briefe Varnhagens an 
Kemer von ihm zur aufnähme ausgewählt wurden, da diese fast regelmässig auf 
Kerners episteln verweisen, so ist es geradezu unbegreiflich, dass nicht daran gedacht 
wurde, diese briefe zu benutzen. An demselben orte befinden sich sieben briefe Ker- 
ners an Helmine von Chezy, ein brief an Arnim, ein anderer an eine verwandte 
aus Kerners Jugendzeit, ferner 14 briefe Kerners an Eosa Maria und D. Assing 
(ausserdem auch etwa 30 briefe der beiden letztgenannten), also mit den früher 
erwähnten ungedruckten, 100 d. h. mehr als ein drittel der in unserer Sammlung 
überhaupt befindlichen Kernerschen briefe. 

Was die 2. abteilung, die briefe an Kerner betrifft, so stellen die mitgeteilten 
ca. 650 nach der oben angeführten mitteilung des herausgebers nur einen kleinen teil 
der briefmasse dar, die im Kernerhause vorhanden ist, und hier wird man wol im 
allgemeinen (nur ein beispiel : Uhland [siehe unten] und die schon erwähnten stücke des 
Assingschen ehepaars) sagen können, dass der grösste teil der an Kerner gerichteten, 
an jenem orte verwahrt werden. Aus den anmerkungen der beiden bände kann mau 
gewiss etwa 100, wenn nicht mehr solcher briefe aufweisen. Aber mit solchen hin- 
weisen hat der herausgeber doch seine pflicht nicht erfüllt. Ein kurzer rechenschafts- 
bericht über die erhaltenen und die mitgeteilten wäre nötig gewesen , und wenn auch 
keineswegs alle diese briefe abgedruckt zu werden brauchten , so hätte doch ein Ver- 
zeichnis der briefschreiber und eine ungefähre, am besten regestenartige mitteilung 
der vorhandenen briefe für den wissenschaftlichen benutzer zu den erwünschten 
beigaben gehört. 

Gewiss hat die kritik einer briefsammlung das recht, von vornherein auf das 
hinzuweisen, was sie enthalten sollte und nicht enthält. Denn wenn auch das buch 
nicht mit dem ansprach auftritt, eine vollständige Sammlung aller vorhandenen acten- 
stücke zu sein, so dürfte doch der, der im mittelpunkte steht, nicht so stiefmütterlich 
bedacht werden und manche persönliche und freundschaftliche beziehungen, die er 
unterhielt, gänzlich unbeleuchtet bleiben. Die hauptsächhche aufgäbe der kritik jedoch 
ist natürlich die Wertschätzung des gebotenen. 

Unter dem gebotenen fallen zuerst ausser dem gedruckten text der briefe die fac- 
similes auf. Auch sie können nicht unbeanstandet bleiben. Erwähnenswert ist eine Selt- 
samkeit, ja ungehörigkeit, dass einzelne briefe im facsimile gegeben werden, die sich 
im druck gar nicht finden. Ein facsimile ist ein schmuck, an dem man sich erfreuen 



ÜBER KERNER UXD MÜLLER, .7. KERNERS BRIEFWECHSEL 255 

kann, eine probe der handschrift, aber diese, das facsimile allein, sollte in einer 
gedruckten Sammlung nicht als actenstück zur lectüre oder benutzung betrachtet werden. 
Mehrere solcher briefe sind, was ziemlich irreführend ist, im Inhaltsverzeichnis als 
iingednickt bezeichnet. Sie sind gleichfalls nach Vorschrift des Inhalts -Verzeichnisses 
an ganz unpassender stelle eingereiht. So ein brief von Conz, 1808, unter die briefe 
des Jahres 1820, ein undatierter brief von Karl Kerner an eine stelle, an die er 
seinem Inhalte nach absolut nicht gehört. (Über einen brief Rickeies ist gleich zu 
sprechen). Ein brief Georg Kerners aus dem jähre 1806 ist unter die episteln des 
Jahres 1805 verwiesen worden. Dieser biief besonders ist für die biographie des 
Justiniis so wichtig, dass er nicht blos als facsimile hätte gegeben werden dürfen. 
Dass diese facsimiiierten briefe auch hätten gedruckt werden müssen, geht schon 
daraus hervor, dass in ihnen manches der erklärung bedarf; zu den facsimiles aber 
fehlt jede erläuterung. So ist z. b. in einem solchen briefe von Conz der Secken- 
dorffsche Almanach gemeint, an dem Kerner mitgearbeitet hatte; Conz' recension in 
der Halleschen litteratur-zeitung war nachzuweisen. In dieser recension des Secken- 
dorffschen Musen -almanachs in der Halleschen Allgemeinen litteratur-zeitung 1808, 
nr. 198, spalte 563 fgg. heisst es über Kerner: „Ton Justinus Wartenburg, der uns 
besser als der katholisierende Hans Volz gefällt — die übrigens eine person sind 
— sind: „Lied" „Wanderer an den mond", „Ade", „Der abschied". Innigkeit und 
ungekünsteltheit, wenn schon diese weniger des oft absichtlich, wie es scheint, ver- 
nachlässigten ausdrucks bedürfte, ist der Charakter dieser lieder." Am Schlüsse der 
nicht unterzeichneten recension werden besonders Uhlands gedichte gerühmt. Bei 
Goedeke III, 312 (alte ausg.) wird ausser den vier genannten liedern nocli „Der rosen- 
strauch" genannt, gleichfalls Justinus "Wartenburg unterzeichnet, ein gedieht, das 
offenbar von Conz nur aus versehen unerwähnt geblieben ist. Da er mit den Kerner- 
schen kreisen durchaus bekannt war, verdient seine positive behauptung, die ich 
durch gespeiTten druck hervorgehoben habe, beachtung. Ich habe mir den Secken- 
dorffschen Almanach leider nicht verschaffen können. Der künftige biograph Kemers 
und der sammler einer wirklich vollständigen ausgäbe seiner gedichte wird jedesfalls 
von dieser notiz akt nehmen müssen. — Der so wichtige brief Karl Kerners über 
seine etwaigen beitrage zu einer biographie des bmders Georg hätte gleichfalls erklärt 
werden müssen. Der freund, von dem hier die rede ist, war gewiss Yarnhagen, der 
1817, seitdem Justinus den plan aufgab, sich ernstlich mit einer biographie Kerners 
beschäftigte, und 1821 wider darauf zurückkam. In eines dieser jähre müsste also 
der brief Karl Kerners gehören. Der undatierte, gleichfalls nur facsimilierte brief 
Eickeles ist gewiss aus dem jähre 1822, wobei er übrigens auch steht, weil er sich 
auf Kerners gedieht „Im herbst 1822" bezieht. AYo aber sind die übrigen briefe 
Eickeles an ihren Justinus, besonders die aus der brautzeit, von denen Varnhagen 
gelegentlich (I, 520, vgl. dazu die von Kerner an Uhland übermittelte äusserung 
desselben , I, 90) enthusiastisch spricht , und die Keraer ursprünglich zu einem roman 
verarbeiten wollte (1810. I, 157). (Einzelne andere briefe Eickeles werde ich unten 
nachweisen.) Diese briefe wären gewiss ein grosser schmuck der Sammlung gewesen, 
und man hätte manch dutzend öder phrasen aus den letzten lebensjahrzen gern dafür 
entbehrt. 

Die meisten der beigegebenen facsimiles werden auch im drack widerholt. Ver- 
gleicht man aber druck und abbildung, so macht man seltsame beobachtungen. So ist 
es z. b. erstaunlich, dass im Inhaltsverzeichnis ein gemeinsamer brief Fouques und Cha- 
missos versprochen , doch nur die letzte ziemlich inhaltlose seite geboten wurde. Dass 

17* 



256 GEIGER 

im allgemeinen auf buchstäbliche widergabe des Originals verzichtet wird, erklärt sich 
aus der bestimmung des buches für weitere kreise, und dass die Interpunktion we- 
sentlich verändert wurde, ist ein recht des herausgebers, obwol manchmal gerade 
die zahlreichen recht charakteristischen ausrufungszeichen des Schreibers, als bedeut- 
sam für den sinn, nicht willkürlich hätten ausgelassen werden sollen. Aber aus wel- 
chem gründe wird, obwohl in der einleitung das gegenteil ausdrücklich bemerkt ist, 
am texte geändert? Das facsimile eines briefes Kerners an Uhland, 1813, ist datiert 
„Chemicihaus". Im druck steht „In des Chemicihaus". Kerner schreibt: „Dass du 
an Osiander geschrieben", der druck fügt ein ganz unnötiges „hast" ein. Wozu wird 
in dem angeführten briefe Fouques und Chamissos „gern" in „gerne", „tausch" in 
„tausche" verwandelt? Wozu der schluss „Leben Sie wol und lassen Sie uns immer 
in recht inniger Verbindung bleiben. Ich bin mit herzlicher achtung und freund- 
schaft", im druck ausgelassen? Wozu in der nachschrift Chamissos eine willkürliche 
Umstellung des wertes „auch" und die vei'änderung des charakteristischen „zurücke- 
gekehrt"? Und warum wird gar in Uhlands brief, in dem man doch jedes wort 
respektieren sollte (10. februar 1814) „dass die grosse Zeitgeschichte nicht auch meine 
stolze freude sei", verwandelt in „nicht auch mir eine stolze freude sei"? Bei der 
widergabe eines briefes des prinzen Adalbert (II, 509), wird der über die gräfin Buol 
handelnde schluss ausgelassen (vgl. über sie z. b. II, 278), der gewiss ebenso interes- 
sant ist wie der sonstige brief dieses redseligen und recht unweisen correspondenten. 
In Geibels brief wird das citat „Das ferne land zur heimat ward" nicht wie im ori- 
ginal in anführungsstrichen eingeschlossen. In demselben briefe wird der satz „Stutt- 
gart selbst ist doch auch nicht so schlimm wie Du es machtest", irrtümlich ausgelas- 
sen und damit das verstäudnis des Zusammenhanges zerstört. 

In demselben briefe werden nach mitteilung einer stelle aus einem schreiben 
von Radowitz an Geibel, in dem letzterer für ersteren autographen von Kerner erbit- 
tet, die folgenden werte ausgelassen: „Ich bin überzeugt. Du wirst ein so freund- 
liches anliegen nicht zurückweisen und ihm bald eine kleine Sendung nach Karls- 
ruhe zukommen lassen. Solltest Du ihm ein paar zeilen dabey schreiben , so empfiehl 
mich ihm bitte" ^ 

Die ganze stelle, weil sie an sich nicht unwichtig ist, durfte nicht ausgelas- 
sen werden. Aber sie ist um so wichtiger, als Kerner wirklich auf die bitte ein- 
gieng, und, wie der herausgeber aus dem Verzeichnis der Radowitzschen autogra- 
phensammlung (Berlin 1864) s. 572 hätte entnehmen können, Radowitz antwortete 
(27. Oktober 1843) und weiter mit ihm in correspondenz blieb (25. november 1847). 
Auf den letzteren brief muss in anderem zusammenhange eingegangen werden. 

Was den ersten dieser briefe an Radowitz betrifft, so bedauert Kerner darin, 
von Radowitzs anwesenheit in Karlsruhe nichts gewusst zu haben und macht auf 
Künzels reiche handschriftenschätze aufmerksam. Er teilt sodann mit, dass er frau 
von Prittwitz, die psychisch leide, zu sich genommen habe. Am anfang des briefes 
berichtete Kerner, dass er dem adressaten anbei autographen schicke, nur fürchte, 
dass Radowitz solche schon hesitze. 

Diese stelle hätte den herausgeber unserer Sammlung zu nachforschungen im 
kataloge führen müssen. Man wird sagen dürfen, dass alle in der Radowitzschen 
Sammlung etwa enthaltenen, an Kerner gerichteten briefe teile dieser Sendung aus- 

1) Für den ganzen brief ist auf Karl Theodor Gädertz: Geibel (1897) s. 210 fg. 
zu verweisen, wo sehr interessante mitteilungen über Geibels auf enthalt in Weins- 
berg sich befinden. 



ÜBER KERNER UND MÜLLER, J. KERNERS BRIEFWECHSEL 257 

gemacht haben müssen. Ich fühle mich nicht veranlasst, diese sehr zeitraubende 
Untersuchung anzustellen. Sicher ist, wie ich zufällig gesehen habe, dass drei briefe 
TJhlands an Kerner — Eadowitzscher katalog s. 61, 7. Februar 1813, 7. februar 1819, 
und 17. Oktober 1839 — sowie je ein schreiben von Helmine von Chezy, Wolfg. 
Meyer, Chr. Pfitzer, Amalie Schoppe, Alexander graf von Württemberg und C. Dul- 
ler wol die bedeutendsten stücke der Kernerschen Sendung gewesen sein mögen. Alle 
diese stücke sind in unserer Sammlung unbeachtet geblieben. 

Doch die in unserer Sammlung enthaltenen facsimiles nebst ihrer widergabe 
im di-uck verdienen noch einige weitere bemerkungen. Sollte es dem herausgeber 
erlaubt sein, am stile eines briefschreibers herumzuflicken? Der gute fürst Hohen- 
lohe schreibt: „Sie können sich denken, dass sie mich als Teutschen nicht zugethan 
sind und als mystiker bemitleiden." Der herausgeber verbessert „mir" und fügt 
„einen" vor mystiker hinzu. Er lässt ihn nicht sagen, „weil sie von keinem leben- 
digen Christus nichts wissen woUen' sondern von „einem". 

Im briefe Müllers von Königswinter ist zwar das ausfallen einer stelle durch 
punkte angedeutet. Aber warum in aller weit ist die für das Verständnis des folgen- 
den wichtige und für den briefschreiber charakteristische stelle „Ich denke aber, Sie 
werden mich auch besser und näher darin kennen lernen. Sagen Sie mir bald einmal, 
wie es Ihnen geht" ausgelassen worden? 

Am schlimmsten ist es aber dem briefe der prinzessin Marie von Württemberg 
gegangen. In diesem ist die nachschrift einfach ausgelassen , die doch , da sie die 
schreiberin und wol auch den empfänger des briefes als anhänger der Wasserkur und 
der Priessnitzschen methode zeigt, nicht unwichtig ist. Ferner ist ein ganzer satz 
weggefallen, ohne dass die auslassung angedeutet ist; er lautet: „Was mich aber 
noch mehr freut, ist Ihre feste handschrift als beweis Ihres wenigstens besseren 
befindens." Gerade durch diesen satz wird das folgende in dem briefe der prin- 
zessin erst verständlich. Wenn die prinzessin schreibt „lebensmühen zu tragen", 
weiss man nicht, warum der herausgeber „ertragen" druckt. Schreibt sie, es sei 
ein trauriger gedanke, nun monate unter schnee und eis zuzubringen, so macht sie 
der herausgeber zu einer unglücksprophetin , die vier monate schnee vorhersagte. 
Am anfang des briefes ist ein besonders grober fehler. Im druck dankt die prinzes- 
sin „für Ihren schönen poetischen gruss". Im facsimile steht „für Ihren schönen 
palmentraum", ein wort, das man freilich nur nach einiger mühe entziffern kann. 
Das hier genannte gedieht ist nicht bekannt. 

Bei 8 der zwanzig in druck und facsimile mitgeteilten briefe müssen wir also 
recht ernste bedenken über die treue der widergabe äussern. Da dies der faU ist, 
so geht man nicht zu weit, auch die treue in der mitteilung der übrigen briefe, bei 
denen uns das leichte mittel der verbesserang fehlt, stark anzuzweifeln. Ganz offen- 
bare fehler sind z. b. : I, 533, z. 12, G. von Herder. Es muss entweder E. = Emil 
oder H. = Herr heissen. II, 161, z. 12 muss selbstverständlich gelesen werden: 
„muss auch sorgen", nicht „sagen", wie es im buche steht. In dem von G. Schwab 
mitgeteilten rätsei I, 327 muss, wenn das rätsei überhaupt verstanden werden soll, 
dreimal „dreck" statt „dmck" stehen, was der herausgeber schon aus der zweiten 
zeile, nämlich im werte houe hätte ersehen müssen. Denn baue heisst niemals drack, 
sondern eben dreck. (Sollte hier etwa gar das anstandsgefühl des herausgebers mit- 
gesprochen haben?) 

Gibt der herausgeber in den bisher herausgehobenen beispielen zu wenig oder 
das gebotene nicht ordnungsmässig, so lässt sich ihm andrerseits der Vorwurf nicht 



258 GEIGER 

ersparen, dass er an vielen stellen zu viel gibt. Bei mitteilung der briefe gekrönter 
häupter oder gefürsteter und grätlicher personea muss man immer an das von Strauss 
überlieferte Inibsche wort denken : Bei Kerner prinzelts schon wider. In der loyalität 
gleicht der herausgeber seinem beiden. Dies zeigt sich besonders bei der aufnähme 
der briefe des grafen Alexander von Württemberg. Manchmal (z. b. anf. 1841, II, 
184 fgg.) stellen sich diese in geradezu erschreckender masse ein ; im 2. bände über- 
haupt nicht weniger als 36. Hier hätte eine auswahl genügt und platz für manches 
wichtigere schaffen können. Auch enthält das facsimile eines dieser briefe, der nur 
eine folioseite umfasst, sogar auch noch das völlig leere respektblatt, während sich 
die bürgerlichen correspondenten mit der widergabe der von ihnen vollgeschriebenen 
Seiten begnügen müssen. Bei einem briefe der prinzessin Marie von Württemberg 
wird sogar auch das adressblatt facsimiliert, eine gunst, die minder hochgeborenen 
briefschreibern niemals zu teil wird. Aber nicht dies allein ist bei den briefen selbst 
zu bemängeln. Es ist vielmehr zu tadeln, dass einzelne dieser briefe, z. b. die des 
prinzen Adalbert überhaupt gedruckt wurden , da sie zum grossen teile völlig in Theo- 
bald Kerners erst 1894 erschienenen buche „Das Kernerhaus und seine gaste" ver- 
öffentlicht, also allen Kernerfreunden leicht zugänglich waren. Sie hätten um so 
weniger widergedruckt werden sollen, als sie weder dem briefschreiber noch dem 
adressaten zur ehre, noch dem leser zur freude gereichen. Die art, wie dieser jninz 
sich durch Kerner von einer frau, die aus einem glase wasser die zukvmft zu pro- 
phezeihen wagte, ant wort darüber geben lässt, ob er könig von Griechenland werden 
und die prinzessin von Spanien zur gemahlin bekommen werde, und anderes, und 
wie Kerner — das kann man aus den ferneren schreiben des prinzen entnehmen — 
auf diese fragen eingeht, ist unerfreulich genug. So etwas heisst ja wol ein beitrag 
zur kulturgeschichte. Aber ist er einmal gegeben, so reicht das wahrhaftig für ein 
paar Jahrzehnte aus. 

Überhaupt hätte als grundsatz festgestellt werden müssen: Alle briefe, die 
Theobald Kerner in dem erwähnten buche ganz oder teilweise gegeben hatte, waren 
als bekannt vorauszusetzen. Dadurch hätte sich der umfang der gegenwärtigen Samm- 
lung entweder stark verringert oder der also verschwendete platz hätte sich für bes- 
seres oder jedesfalls ungedrucktes verwenden lassen. 

Doch der tadel des „zu viel" geht namentlich auf die briefe des königs Lud- 
wig I. von Bayern. Von ihm sind nicht weniger als 26 briefe abgedruckt. Man 
kann wol sagen: 20 zu viel. Die art des königlichen briefschreibers ist sattsam 
bekannt. Es hätte ausgereicht, sie höchstens an einem halben dutzend beispielen 
zu illustrieren. East alle briefe des königs sind nach folgendem Schema gearbeitet: 

1) Dank für die seitens des dichters beim könige eingetroffene briefliche oder 
dichterische gäbe. 

2) Der name Kerner spreche für sich und sei mehr wert als ein titel („ober- 
amtsarzt"). 

3) Nach dem tode der königin und des guten Rickele kommt hinzu: Wir sind 
geeint durch den grösssten lebensschmerz, den wir beide erlebt haben. 

Für meinen persönlichen geschmack wäre es genug gewesen, diese drei geist- 
reichen bemerkungen einmal zu lesen. Sonst enthalten die briefe des königs, wie 
man getrost sagen kann, nichts beachtenswertes. 

Zu diesen loyalen beziehungen Kerners , auf die es dem herausgeber besonders 
angekommen zu sein scheint, kann ich drei nachtrage geben, von denen zwei des- 
wegen interessant sind, weil sie des dichters bestreben zeigen, auch ausserhalb 



ÜBER KERNER UND MÜLLER, J. KERNERS BRIEFWECHSEL 259 

Bayerns und "Württembergs fühlung mit hohen bäuptern zu gewinnen. An einen 
ungenannten freund schreibt Kerner (Radowitzsche Sammlung, 13. September 1833): 

„Inzwischen machte ich die bekanntschaft der töchter Ihrer unsterblichen 
königin Katharina. Sie waren 2mal vom soolenbade Jaxfeld aus bey mir in haus 
garten und thurm und ich war heute bey ihnen in Stuttgart. — Das sind liebliche 
vortreffliche geschöpfe, auf denen ganz der herrliche geist und alle lieblichkeit, alle 
lust der mutter ruht." Am schluss: „Mein bruder sagt so eben: ich solle Ihnen 
schreiben: ihm komme die gegenwärtige regieiimg wie eine katze vor, die die land- 
stände am schwänze ziehen." 

Die zweite unbekannte beziehung, die Kerner suchte, lernen wir aus dem 
gleichfalls schon oben erwähnten briefe Kerners an Radowitz, 25. September 1847 
kennen. Mit diesem briefe sandte der dichter ausser einem exemplar seiner gedichte 
für frau von Radowitz auch ein andere^an Radowitz und bat, „es an Seine Majestät 
Ihren herzlich von mir verehrten könig gelangen zu lassen." In demselben briefe 
schrieb er mit hinweis auf seinen sommerauf enthalt in Baden-Baden folgendes: ,Man 
erzählte mir in Baden einiges von dem psychischen leiden des erbprinzen von Baden, 
und inzwischen fiel mir öfters bei: ob nicht durch magnetisches einwirken auch ver- 
suche zu einer besserung gemacht werden könnten? Ich habe besonders in leiden 
des rückenmarkes in neuerer zeit wider überraschende einwirkungen von magnetischen 
manipulationen angesehen, die mein söhn hier an derley kranken ausübte, mit einer 
kraft, die ich nicht mehr besitze. Aber wie gesagt, der eigentliche krankheitszustand 
des erbprinzen ist mir unbekannt, und es steht mir deswegen kein ui'teil zu." Der 
künftige biograph Kerners könnte und müsste diesen beiden spuren weiter nachgehen. 

Die 25 briefe Lenaus an Kerner und die antworten Kerners sind, wie bd. 11, 14 
anmerkung im allgemeinen und dann bei jedem einzelnen briefe noch speciell erwähnt 
wird, in Schurz' „Leben Lenaus" (1855) gedruckt. "Wozu war also eine widerholung 
nötig? Das buch ist ziemlich verbreitet. Daher würde eine bescheidene auswahl 
der briefe oder eine anführung wichtiger' stellen in anmerkungeu um so mehr aus- 
gereicht haben, als weder der text verbessert noch in den anmerkungen sonderlich 
reiches material zur erklärung geboten wird. Viele dieser briefe habe ich mit dem 
abdruck bei Schurz verglichen. Haben der Kernerschen publication, was nirgends 
gesagt wird, originale zu gründe gelegen? Warum wird in dem ersten briefe Lenaus 
die charakteristische datumsangabe „Heidelberg, was weiss ich. den wievielten november, 
dienstag" (1831) ausgelassen und statt dessen blos die Schurzsche Vermutung, dass es 
der 15. war, eingesetzt? "Warum wird gedruckt: „kälber in der wilde herum- 
blöken?" Bei Schurz I, 131 steht weit, was mindestens eben so guten sinn gibt. 
In demselben briefe steht in der Kernerschen Sammlung „gefragt" statt „ungefragt". 
S. 16, z. 10 steht ein „Auch" eingefügt. Warum ist der brief Kerners an Lenau 
Schiu'z I, 133 ausgelassen? Der grosse brief Kerners an Mayer, 11. märz 1832 ist 
auch bei Schurz gedruckt. Dies hätte angegeben werden müssen. Nur eine verbes- 
serang finde ich in diesen biiefen: 15 märz 1832 schreibt Lenau an Kemer gewiss 
richtig: Meine geschäfte hier halten mich auf, während bei Schurz falsch gednickt 
ist „gefühle". Aber diese eine richtige lesart rechtfertigt nicht den abdruck von 
zwei dutzend briefen. 

Nimmt man indessen das von dem herausgeber gebotene an, so ist doch auch 
die art seiner mitteilung nicht völlig anzuerkennen. Man billigt zwar, dass die briefe 
streng nach chronologischer Ordnung, nicht etwa, wie von einzelnen unverständigen 
herausgebern geschieht, nach den einzelnen correspondenten mitgeteilt werden. Aber 



260 GEIGER 

undatierte oder ungenügend datierte briefe sind recht oft an den falschen platz gerückt, 
oder die wirklich dastehenden daten sind von dem herausgeber falsch gelesen. 

Der brief 99 z. b., Kerner an Uhland, kann nicht vom 4., sondern muss vom 
14. august 1811 sein, da er, wie sein Inhalt deutlich dartut, die antwort auf den 
brief 100 vom 10. august ist; die anmerkung I, 225 ist daher irrig und verwirrt den 
Sachverhalt. Der brief 109, gleichfalls Kerner an Uhland, undatiert, gehört vor den 
brief 108, Uhland an Kerner, 3. november 1811, da er die mitteiluug enthält, Ker- 
ner habe eine schritt über Wildbad verfasst, worauf denn Uhland schreibt: „Auf 
deine schritt (nämlich über das Wildbad) bin ich sehr begierig." Unbegreiflich geradezu 
ist es, dass brief 194, Uhland an Kerner, 15. august 1813, hinter 193 gesetzt, imd 
dem letzteren undatierten das datum 13. august gegeben wird. In drei verschiedenen 
bemerkungen wird von einem briefe auf den andern verwiesen, ohne dass der her- 
ausgeber merkt, dass Kerners brief die antwort auf Uhlands epistel ist: Uhland ent- 
schuldigt sich mit anführung eines verses Flemings wegen seines Stillschweigens. 
Kerner beginnt seine erwiderung: „So gar nachlässig im schreiben musst Du nun 
nimmer sein." Uhland schickt dem freunde zwei über Kerner handelnde stellen aus 
Jean Pauls Ästhetik, und Kerner antwortet: „Ich habe indessen auch Jean Pauls 
Ästhetik gelesen." Das kann nur bedeuten: wie Du, der Du mir zwei stellen daraus 
schon schicktest. Uhland schreibt: „Von Mayer habe ich endlich wider einen brief 
erhalten", und Kerner antwortet: „Mayer hat Dir nach seinem briefe manches von 
uns erzählt." Ferner gehört brief 137: Kerner an Uhland, undatiert, der an den 
anfang der junibriefe gesetzt wird, unmittelbar vor Uhlands brief an Kerner, 30. juni. 
Kerner schreibt: „Bitte Conz doch auch noch um beitrage", und Uhland antwortet 
unmittelbar: „Den Conz mag ich nicht weiter mahnen." Brief 314, Therese Huber, 
kann nicht vom 13. märz, sondern muss vom 13. mai 1821 sein. Kerner beklagt 
sich am 8. mai über eine hässliche recension seiner schritt über das wurstgift. The- 
rese antwortet darauf tröstend, auf das wesen der recensionen überhaupt eingehend. 
"Wenn der herausgeber in der anmerkung zu der letzten stelle auf nr. 310 verweist, 
so ist dies falsch, dort spricht Kerner nicht von einer wirklich geschriebenen, son- 
dern evtl. zu schreibenden recension. Darauf kann sich Theresens äusserung unmög- 
lich beziehen. 

So viel nun auch die Sammlung der actenstücke, lesung der texte, anordnung 
der briefe zu wünschen übrig lässt, die schwächste partie in der arbeit des heraus- 
gebers sind die anmerkungen. Statt wirklich erklärungen zu geben, verweisen sie 
häufig auf andere briefstellen , in denen man auch nichts findet. Neben dem zu wenig 
ist in ihnen oft auch das zu viel zu beklagen. Namentlich in den Jugendbriefen 
werden sehr viele bekannte Kerners genannt; so oft ein solcher name begegnet, wird 
entweder die erfreuliche bemerkung widerholt, dass über den betreffenden nichts zu 
finden ist oder die schon einmal gegebene kurze biographische notiz nochmals abge- 
druckt. Das gleiche ist bei den drei grösseren werken Kerners der fall, deren anfang 
oder ausführung gleichfalls in die Jugendzeit gehört: „Eeiseschatten", „Heimatlosen", 
„Bärenhäuter"; man kann sicher sein, sobald nur einer dieser titel ganz oder unvoll- 
ständig in den brieftexten vorkommt, in den anmerkungen der wichtigen enthüllung 
zu begegnen: Ein roman, ein spiel oder ein drama Kerners. Für diese bequeme und 
durchaus unfördernde art der anmerkungmacherei ist auch das folgende beispiel cha- 
rakteristisch: „Am zweiten december 1813 wurde Rosa Maria Kerner geboren", heisst 
es, band I, s. 372, anm. 1; fast wörtlich gleichlautend 374, anm. 1, ganz ähnlich 
376, anm. 2. Solche widerholungen finden sich in den anmerkungen zu dutzenden 



ÜBER KERNEB UND MÜLLER, J. KERNKRS BRIEFWECHSEL 261 

Die anmerkimgen kranken aber nicht blos an dem übel, dass füi- dinge, die gar 
nicht erklärt zu werden brauchen, dasselbe drei- oder mehrfach, mitunter buchstäb- 
lich gleichlautend, gesagt wird, sondern an dem, dass gerade dasjenige nicht erklärt 
wird, was auseinandergesetzt werden müsste. Wenn Haug an Kerner schreibt 
(I, 389): „Ich sende Ihnen das blättchen von Ihrem aufsatz über Birken, um die feh- 
lenden Zeilen mit dem vierten reim auf „ider" gefällig zu ergänzen", so war nicht 
blos zu erklären, wo der betreffende aufsatz im „Morgenblatt" steht — denn das 
konnte sich jeder selbst sagen, da Kerner jähre lang an keinem andem blatte mit- 
arbeitete, und der herausgeber selbst dieses faktum in einer weiter unten anzufüh- 
renden stelle erwähnt — sondern es waren eben die zeilen mitzuteilen. Die drei reime 
sind „Lieder, nieder, wieder", vermutlich hat der vierte reim „Bräder" als nicht 
völlig rein Haug nicht gefallen und ihn veranlasst, um eine änderung zu bitten. 

Wenn Ubland am 18. September 1814 schreibt: „mir kam die idee zu einem 
gedieht „Des Sängers heimkehr vom gebirge", so war des „ Sängers fluch " als gemeint 
zu bemerken, ein gedieht, das ja wirklich am 3/4. december 1814 ausgeführt wurde. 
(Vgl. auch I, 400, anm. 3.) I, 85, anm. 1 brauchte nicht auf Fränkel, sondern 
musste auf Goedeke, Grundriss VI, 112 hingewiesen werden, wo ein genaues Inhalts- 
verzeichnis des „Prometheus" sich findet. S. 97 war Goedeke VI, 164 für die ge- 
naueren titel zu benutzen. Mit Koreffs Gedichten I, 98 sind natürlich nicht die 1813, 
sondern die in Baggesens Almanach erschienenen gemeint. Aber zu s. 86. 87 war 
überhaupt der feldzug der jungen Schwaben gegen Baggesen zu erörtern (Die Anti- 
baggesiana, wie K. an Varnhagen 19. febr. 1810 schreibt). Sollte Uhlands gedieht: „Der 
räuber", tagebuch (Stuttg. 1888) s. 3 z. 20. 21. jan. 1810 sich etwa darauf beziehen? 
Ganz unverständlich ist I, 98. 2. Der herausgeber merkt gar nicht, dass der 
von ihm I, 96 — 98 abgedruckte brief genau derselbe ist, wie der Leben Uhlands I, 
55 — 58 mitgeteilte. Dort, nach dem concept abgedrackt, ist er vom 20. Jan., hier 
nach dem mundum, vom 21. — Auch s. 96 anm. 1 ist falsch; Uhland hat ganz recht 
von 3 brieten Kerners zu reden. Denn auf den- brief vom 16. — 24. jauuar konnte 
Uhland am 21. nicht antworten. Der herausgeber scheint das jedoch für möglich 
zu halten , da er 98. 1 meint , der brief vom 20. (der gar nicht existiert) , müsste 
sich mit dem Kerners gekreuzt haben. — 11, 320 anm. 1 ist unverständlich. Das 
datum des briefes könig Ludwigs, ebenso das wort „werk" (s. 320 1. z.) ist auf dem 
beigegebenen facsimile so deutlich, dass man beide nicht anzweifeln darf. Entweder 
bezieht sich die bemerkung auf die 1848 erschienene 4. aufläge der gedichte, oder 
im brief II, 322 z. 15 ist statt „tage" „wochen" verlesen oder verschrieben. — Ein 
beispiel, wie überflüssig oder irreführend die anmerkungen sind, lehrt II, 222. Für 
wen war es nötig, zu „Hechingen" und ,, Amorbach" zu setzen „stadt in Hohen- 
zoUern, bez. Bayern"; wodurch ist bewiesen, dass freund Werner in Niedernau 1843 
derselbe ist, wie H. Werner in Schweighaim 1839 (II, 144). — II, 207 anm. 1 ist 
,, vermutlich" überflüssig, der ganze brief handelt ja über Kerners gedichtausgabe von 
1841. — Dass in den anmerkungen, gelegentlich auch im text die lateinischen phra- 
sen verdeutscht sind, ist gewiss zu billigen, aber war es wirklich nötig, entrailles zu 
übersetzen? (II, 175 anm. 1.) 

Diese desideratenliste liesse sich sehr ansehnlich vermehren. Doch würde eine 
solche auf Zählung für die leser dieser Zeitschrift keinen gewinn bedeuten, zumal da 
ich bei manchen stellen, die sich auf Schwaben und Kerners Jugendzeit beziehen, 
nicht imstande bin, die mangelnde erklärung zu geben. 



262 GEIGER 

Nicht selten sind aber auch die wirklich gegebenen erklärungen falsch. Auch 
hierfür müssen einzelne beispiele genügen. Die vielfachen hinweisungen auf Cha- 
missos „Fortunat" beziehen sich nicht, wie mehrmals bd. I, 53, 136, 168 angegeben 
wird, auf „Peter Schlemihl", sondern auf Chamissos damals ungedrucktes drama 
„Fortunat", das neuerdings von Cossmann herausgegeben worden ist. Da in den 
stellen, wo von diesem „Fortunat" die rede ist, von dramatischer einteilung ge- 
sprochen wird, so hätte der herausgeber sie nicht auf „Peter Schlemihl" beziehen 
dürfen. — Zudem namen „Dessauer" II, 169 war kein fragezeichen zu machen. Ge- 
meint ist der bekannte rausiker, der in litterarischen kreisen, ende der 30er und 
anfangs der 40er jähre eine rolle spielte und über dessen beziehungen zu Heine erst 
neuei'dings im Grün -Frankischen briefwechsel (Berlin 1897) so ausführliche mittei- 
lungen gemacht wurden. — Eine anmerkung wie die II, 217 ist zum mindesten irre- 
führend. Denn Lichnowsky und Auerswald fielen nicht im Frankfurter aufstände, 
sondern wurden bei einem Spazierritt wehrlos von einer plündernden menge über- 
fallen und getötet. — Eine sehr unangemessene anmerkung, aber überaus charak- 
teristisch für die ganze art von erläuterungen , die etwas aufzuklären scheinen und 
gar nichts erklären, ist die folgende: In einem briefe Karl Spindlers, des bekannten 
romanschriftstellers , übrigens einem prachtbrief, der in der wüste des charakter- 
losen lobgewinsels , das in der letzten lebensperiode Kerners gar häufig ist, wie eine 
oase erscheint (12. September 1843), beklagt sich dieser darüber, dass Kerner während 
eines längeren aufenthalts in Baden-Baden ihn nicht besucht habe, und braucht dabei 
folgende werte: „Aber — weil ich nicht bin wie andere, was vielleicht übel, viel- 
leicht nicht, bemüht sich, wie ich schon öfters erfuhr, die Synagoge mich darzustel- 
len, als sei ich nur etwa in der kneipe zu finden und vielleicht in meiner häuslich- 
keit ein magister Lämmermeyer! Doch genug von Juden und ihren erbärmhchkeiten." 
"War dazu überhaupt eine bemerkung zu machen, so konnte es nur die sein, dass 
Spindler mit dieser stelle auf August Lewald oder einen andern getauften oder 
ungetaufteu jüdischen Schriftsteller, der damals in Baden lebte, gezielt hat. Der 
herausgeber leistet sich dazu folgende geradezu sinnlose anmerkung: „Spindler schrieb 
im jähre 1827: Der Jude. Deutsches sittengemälde aus der ersten hälfte des 15. Jahr- 
hunderts." Wozu diese billige Weisheit, die nicht das geringste in der briefstelle 
erklärt ! 

Auch das folgende ist sehr schlimm: TJhland schreibt an Kerner, 12. august 
1845: „Kölle erzählt mir, dass Du in Lichtenthai ein treffliches gespräch zwischen 
rebe und tanne gedichtet." Dazu setzt der herausgeber die anmerkung: „Preis der 
tanne" erschien im „Morgenblatt" 1822 nr. 285." Nun ist dies gedieht, „Preis 
der tanne", das in die Gesammelten dichtungen aufgenommen worden ist, allerdings 
ein fragment eines solchen gesprächs, aber es ist doch völlig undenkbar, dass Uhland, 
der die sämtlichen ausgaben der dichtungen seines freundes kannte, von einem 1845 
gedichteten liede sprechend, ein solches gemeint haben soll, das vor 23 jähren ent- 
standen ist!! 

Ein paar punkte bedürfen noch einer besonderen besprechung, zunächst das 
Verhältnis Kerners und seiner correspondenten zu D. F. Strauss. Es ist überaus merk- 
würdig und darf gerade des bedeutenden mannes wegen für sich erörtert werden. Es 
ist schon oben (s. 252 fg.) darauf hingewiesen, wie edel Strauss sich in seinen briefen 
und Schriften über Kerner aussprach. Im gegensatz dazu muss hervorgehoben wer- 
den, dass Kerner zwar manchmal hübsch über Strauss redete, aber im allgemeinen 
seine nichtübereinstiminung mit ihm in politischen und religiösen dingen ebenso scharf 



ÜBER KERNER UND MÜLLER, J. KEBNERS BRIEFWECHSEL 263 

uud widrig aussprach wie manche seiner correspondenten. (Vgl. besonders die briefe 
der Sophie Schwab, vielleicht, wenn man Therese Huber ausnimmt, der interessan- 
testen und gewiss der gesundesten unter den vielen frauen, die hier zu worte kom- 
men.) Recht charakteristisch sind z. b. die stellen II, 9.5, 141 fgg., 165, 212 fgg. 
Der einzige unbedingte anhänger von Strauss ist Yarnhagen. Schon aus diesem gründe 
wäre es sehr interessant gewesen. Kerners äussemngen über Strauss, die an den 
genannten gerichtet sind, mitzuteilen. Am 9. mai 1843 schreibt z. b. Kerner an 
Varnhagen (un gedruckt): „Strauss hütet und pflegt sein kind und schreibt nichts , was 
sehr gut ist." Eecht merkwürdig ist ferner, dass nicht bloss Strauss' arbeiten dem 
Kernerschen kreise missfielen, sondern dass auch sein verhalten in seiner ehe von 
ihm gemissbilligt wurde. Kerner und die seinen empfanden für frau Agnes geb. Behe- 
best mehr Sympathie als für Strauss, und erkennen geradezu in dieser frau, die der 
gelehrte für seinen dämon hielt, seinen guten engel (vgl. 11, 218 fgg.), womit auch 
Strauss' briefe s. 132 zusammen stimmen. 

Sodann sei auf die beziehungen Kerners zu Therese Huber hingewiesen. Es 
werden zehn briefe der Therese an Kerner, 1813 — 24 und 15 antworten Kerners an 
die redacteurin des „Morgenblattes" mitgeteilt. Diese briefe werden eingeleitet durch 
eine bemerkung I, 475: 

„Was der dichter damals gesungen, fand zumeist durch das Morgenblatt seine 
Verbreitung. An Therese Huber, die dasselbe nun redigierte, hatte Keruer eine sehr 
verständige freundin gewonnen. Ihre prächtigen briefe an Kerner werden wol mit 
Interesse gelesen werden." 

Erwünscht wäre gewesen, über den aufang dieser beziehungen näheres zu 
erfahren, die zunächst, wie es scheint, nicht persönlich waren, sondern rein geschäft- 
lich zwischen redacteurin und mitarbeiter des „Morgenblattes". Indessen bei The- 
resens grossem talent, die mitarbeiter des „Morgenblattes" sich zu freunden zu machen, 
verwandelte sich auch diese geschäftliche Verbindung in eine freundschaftliche. Die 
persönliche bekanntschaft beider wurde während eines aufenthalts Kerners in Stutt- 
gart, Winter 1821 auf 22 gemacht. Zu dieser Umgestaltung trug speciell die nahe 
beziehung bei, in der Therese zu Conz, besonders aber die Intimität, in der sie mit 
der Harimannschen familie lebte, deren töchter Emilie und Julie auch zu Kerners 
vertrauten gehörten. Endlich mochte auch die Theresen bezeigte fast kindliche 
annäherung von Justinus' Schwägerin, der wittwe Georg Kerners, aus Hamburg, die 
eine zeit lang in Stuttgart ihren wohnsitz nahm, die beziehungen festigen, in die die 
letztere zu dem Weinsberger dichter getreten war. Diese Schwägerin gieng mitte Okto- 
ber 1824, wie Therese Huber an ihre tochter schrieb (ungedruckt, der brief ist, wie 
der gesamte nachlass der schreiberin in meinem besitz), wobei es heisst: „Sie war 
mir sehr lieb", nach Hamburg zurück. (Bei der gelegenheit mag bemerkt werden, dass 
Justinus Kerner diese verwandte 1849 in Hamburg besuchte. Von dieser reise, von 
der ich aus einem ungedruckten briefe an Varnhagen weiss, wird in unserer brief- 
sammluug mit keinem worte gesprochen). Es ist nicht unmöglich, dass dieser Weg- 
zug der freundin Theresens beziehungen zu Kerner lockerte. Als fernere momente 
aber muss Theresens entfernung von der redaction des „Morgenblattes", sowie ihre 
entschiedene abneigung gegen Kerners geister- und gespensterglauben mitgewirkt 
haben. Denn obwol gerade dem jähre 1824 einige der ausführlichsten briefe ange- 
hören, ist im jähre 1825 die correspondenz völlig zu ende. 

Die briefe der Therese siod ein sehr hübscher beleg für die art ihrer redac- 
tionstätigkeit, bieten nicht unwichtige notizen zu ihrer selbstcharakteristik und bei- 



264 GEIGER 

träge zur erkenntnis ihrer schönen, milden gesiunung. Kerner geht in seinen an sie 
gerichteten, für das von ihr geleitete Journal bestimmten briefen teils auf seine beitrage, 
teils auf familien- und freundschaftsverhältnisse ein (eine sehr merkwürdige aus- 
einandersetzung über sein Verhältnis steht I, 510), nannte sich Theresens wahren 
Verehrer und lobte biiefe von ihr, die er in abschriften gelesen, spendete auch gele- 
gentlich als arzt guten rat. Trotzdem scheint es mir ungerechtfertigt, den grossen 
durchaus ärzthchen brief Kerners, der keine adresse trägt, I, 569, als an Therese 
gerichtet, wie der herausgeber tut, zu erklären; der ganze ton ist anders als in den 
übrigen wirklich an die genannte gerichteten briefen. Es ist in ihm keine spur des 
eingehens auf ihre litterarische tätigkeit oder ihre persönlichen Schicksale vorhanden. 

Besonders wichtig ist es , zu sehen , wie Kerner Theresens änderungen billigte, 
ja sie sogar bat, in seinen auf Sätzen, selbst in seinen gedichten zu ändern ohne ihn 
erst besonders zu fragen. Dafür kann ich einen interessanten nachtrag bringen, 
dem ich andere auf Kerner bezügliche nachtrage aus ungedruckten briefen der The- 
rese an verschiedene correspondenten folgen lasse. 

Am 14. September 1822 (nr. 333, I, 535) bat Therese, in dem gedichte „Im 
herbst 1822" statt „griechisches blut" „Griechenblut", statt „auf die weit, den kalten 
stein" setzen zu dürfen „auf die menschen, kalt wie stein". Sie erbat auf diese 
vorschlage umgehende antwort. Kerner antwortete wirklich umgehend am 16. Sep- 
tember. (Original in der Radowitzschen Sammlung, ein grosser teil des briefes ist 
gedruckt im katalog 1864 s. 572.) Auf unsere sache eingehend, schrieb er: „Ihre 
gütige Verbesserung der verse erkenne ich mit innigstem danke an und bitte Sie nur 
um den abdruck derselben ganz so wie Sie vorschlagen." Die anmerkung I, 535 ist 
daher gänzlich unzutreffend. Aber es ist bemerkenswert, dass Kerner weder seine 
noch Theresens lesart an zweiter stelle in die ausgäbe 1826 aufnahm. Dort heisst 
es: „Auf die erde, kalt wie stein." Erst in der ausgäbe der gedichte 1834 wurde (ver- 
mutlich von Lenau, vgl. meine Allg. zeitg. 1898 beil. veröffentHchte studio „Lenau als 
verbesserer Kerners.") die ursprüngliche lesart restituiert. Ein zweiter nachtrag zur 
Huber -Kernerschen correspondenz ist folgender: Am 24. Oktober 1820 meldet die 
redaction des „Morgenblattes", I, 508, dass sie den aufsatz „Die erstürmung von 
Weinsberg" angenommen habe. Wenige tage vorher, am 21. Oktober, schrieb The- 
rese an Cotta (Cottasches archiv, Stuttgart) das folgende: „Herr Justus (sie) Ker- 
ner historischer beitrag ist als darstellung einer einzelnen begebenheit historisch 
interessant; wenn Sie einen platz in einem historischen heft hätten, gehörte er vor- 
zugsweise dahin, aber das Morgenblatt kann mit wahrer würde solch einen beitrag 
aufnehmen, selbst wenn er sich durch keine eleganz noch biegsamkeit der darstellung 
empfiehlt. Vornherein braucht Kerner den ganz unpassenden ausdruck: des Volkes 
hep hep erscholl gegen adel und priester. Das muss er uns ändern lassen; das ist 
eine unwürdigkeit im historischen stil." Die von Therese beanstandete stelle fiel im 
„Morgeublatt" fort. Ob sie in den Separatabdruck wider eingesetzt wurde, vermag 
ich, da dieser mir nicht vorliegt, nicht genau zu sagend 

1) Statt der stelle heisst es: „Jetzt wol erscholl des volkes auf ruf gegen adel 
und pfaffen." Übrigens finde ich, was sonst nicht zu häufig geschieht, bei diesem 
aufsatz eine anmerkung der redaction. Da nämlich, wo erzählt wird, dass dr. Mantel 
wegen einer predigt, in der er das Jubeljahr verkündete und den nachlass von gül- 
ten und schulden rühmte, ins gefängnis geworfen wurde, heisst es als anmerkung 
der redaction: ,.Doch wol nicht ganz ohne unrecht. Denn es wäre immer toll oder 
treulos, dem volk von einer zeit zu predigen, wo schulden und gülten nachgelassen 
werden sollen." 



ÜBER KERNER UN"D MÜLLER. J. KERNERS BRIEFWECHSEL 265 

In dem letzten briefe Kerners anTherese, der in unserer Sammlung abgedruckt 
ist, I, 544 fg., wird die Bemühung der adressatiu für die frauen von "Weinsberg 
angerufen, die sich auch direkt an Therese wenden wollten. Diese frauen hatten 
einen verem gebildet, der es sich zur aufgäbe setzte, die bürg Weibertreu in "^'eins- 
berg wider herzustellen. Kemer äusserte sich kühl darüber. „Ich suche die teil- 
nähme den frauen nicht zu entleiden." Therese fasste die Sache noch weit kühler 
auf. In einem ungedruckten briefe an ihre tochter Therese Förster (8. februar 1824) 
liess Therese Huber sich in ihrer nüchtern -satirischen weise folgendermassen über 
die ihr von dem schwäbischen dichter zuerst nahe gelegte angelegenheit vernehmen: 
„Ich habe an Elise Goldbeck (die dame in Berlin, bei der Therese als Erzieherin 
lebte), geschrieben, um sie für eine theutsche (so schreibt Therese wol absichtlich, 
obgleich sie es auch sonst mit der Orthographie nicht übermässig genau nimmt), Unter- 
nehmung der weiber von Heilbronn (sie!) zu interessieren. Sie haben einen bettel- 
verein geschlossen zu einem fond, von dem sie das alte schloss Weinsberg zu ehren 
wollen bringen, schattengänge, ruheplätze, gemäuer sichern, damit ihnen die deutsche 
Vorzeit nicht auf den köpf rumpelt und jede befördererin dieser vaterländischen tat 
erhält einen ring, in dem ein mauerstein von dem alten schloss gefasst ist, zum 
andenken; und führt sie der genius der freien Deutschen an den Neckarstrand, so 
darf sie nach Weinsberg promenieren und sich auf eine bank, ja wenn sie will zwi- 
schen zwei Stühle setzen. Aber so poetisch hab ich's der Elise nicht geschrieben." 

Ein anderer brief Kerners an Therese scheint nicht erhalten zu sein. In einem 
briefe an ihre tochter nämlich schreibt Therese 1. april 1823: „Keruer schreibt, dass 
dieser könig (von Württemberg) das idol der Deutschen sei." Ich finde in den in 
unserer Sammlung gedruckten briefen keine solche äusserung. 

Ausführlicher wird in einem besonderen aufsatz, den das nächste heft der 
Ztschr. bringen wird, auf den Kerner -Varnhagenschen brief Wechsel hingewiesen 
und bei den bisher ungedruckten und gänzlich unbenutzten briefen verweilt werden. 
In unse)'er Sammlung sind briefe Varnhagens mitgeteilt. Dass Kerners briefe auf 
diese die erwideningen sind und Kerners antworten auf unsere briefe sich erhalten 
haben, erfährt, wie schon oben erwähnt, der leser überhaupt nicht. Sie verdanken 
ihre erhaltung der bekannten Ordnungsliebe und sammlerlust des empfängers Varn- 
hagens von Ense. Es bleibt merkwürdig, dass Ludmilla Assing, die ja sonst den 
nachlass ihres oheims in so ausgiebiger weise zu benutzen wusste , an diesem schätze 
vorbeigegangen ist, um so merkwürdige]-, da sie selbst als kind zweimal im Kerner- 
haus verweilte, und auch später beziehungen zu ihm unterhielt. Ob von ihrer seite 
später eine abneigung gegen die bewohner des gastlichen hauses herrschte, weiss ich 
nicht, wol aber geht aus dem vorwort des herausgebers unseres briefwechsels (I, s. VII) 
hervor, dass Kerner über ihre etwas rücksichtslose publikationswut empört war und 
mit rücksicht auf sie die bestimmung traf, dass sein briefwechsel erst dreissig jähre 
nach seinem tode mitgeteilt werden soUe. 

Sucht man den gründen für Ludmilla's ziu'ückhaltung nach, so sind es beson- 
ders drei: 1. Sämtliche Kerneriana, so wertvoll sie in litterarischer hinsieht, so bedeut- 
sam sie zur Charakteristik des eigenartigen menschen sind, waren ihr, die mehr auf 
Sensation als auf befriedigung einer wirklich litterarischen neigung ausgieng, nicht 
pikant genug. 

2. Ihre Veröffentlichungen waren zumeist nicht briefe, die an Varnhagen ge- 
richtet waren (etwa die Oelsner- und Eahel-correspondenz ausgenommen), sondern 
Schriftstücke, die von dem onkel selbst herrührten (z. b. tagebücher und blätter aus 



266 GEIGER 

der preussischou gescliichte) oder grössere Sammlungen, die wesentlich in das gebiet 
des höheren persönlichen and litterarischen klatsches gehören, worunter etwa die 
bäudereichen Gentz- und Pückler - Muskau -volumina zu rechnen sind. 

3. Vielleicht hatte sie die absieht, alle diese Kerneriana in einem grossen 
bände zu verwerten, worauf wenigstens die erhaltene abschrift einiger stücke der 
Assiug-briefe, von denen unten noch zu handeln ist, schliessen lässt. 

Alle diese Kerneriana sind mir von der Verwaltung der königl. bibliothek in 
Berlm mit der grössten liberalität zur Verfügung gestellt worden , wofür ich auch au 
dieser stelle meinen besten dank ausspreche. 

An erster stelle liegt ein ganz kleines blatt, vermutlich ein albumblatt, das 
Kerner dem fortreisenden freunde gab, auf dem mit einer zierlichen schrift, die Ker- 
ner sonst selten zeigt, mit seiner vollen namensunterschrift und dem datum 1. märz 
1809, das gedieht „Des sängers trost" geschrieben ist. Dieses gedieht, unter dem 
titel „Trost" in Seckendorffs Musenalmanach für 1807 zuerst gednickt (ein druck, 
den ich nicht vergleichen konnte) , hat in den beiden letzten zeilen der zweiten Strophe 
hier die lesart „kommt auf seiner reise doch der mond dahin." Diese zeilen änderte 
Kerner in der ausgäbe 1826 f olgendermassen : „blickt auf seiner reise doch der mond 
auf ihn." Leuau, der auf dieses falsche pronomen aufmerksam machte („Briefwech- 
sel" n, 64) bemerkte zugleich, dass er einen andern reim dafür gesetzt habe, und 
wirklich heisst in der ausgäbe 1834, 71 die ganze Strophe: ,, "Weilt an ihm kein Wand- 
rer im vorÜberlauf — blickt auf seiner reise doch der mond darauf." Später hat 
Kerner die ganz ursprüngliche lesart des jahres 1&09 (aber schon 1807) restituiert, 
nur statt „kommt" heisst es in unseren ausgaben „blickt". 

Der Varnhagensche nachlass birgt aber noch andere Kerneriana. Man weiss, 
dass Varnhagen sehr viel aus dem Arnimschen nachlass und aus den handschriften 
der Helmine von Chezy in die seinige mit einbezogen hat. (Ich bediene mich absicht- 
lich eines etwas zweideutigen wertes, weil die art, auf die Varnhagen in den besitz 
dieser dinge kam, nicht immer völlig reinlich genannt werden darf.) An Arnim ist 
ein brief, an Helmine von Chezy sieben briefe gerichtet. Ausserdem ist noch ein 
brief Kerners aus seiner Jugendzeit erhalten, aus dem jähre 1804, also früher als 
irgend einer der in unserem briefwechsel gedruckten, wo der erste, eine poetische 
epistel, vom 1. januar 1806 datiert ist. Endlich findet sich in dem nachlass noch 
ein lithographiertes blättchen, eine nicht ganz üble Zeichnung Kerners von seiner 
Schwiegertochter Marie aus dem jähre 1846 mit folgendem Vierzeiler, von dem ich aber 
nicht bestimmt angeben kann, ob auch er lithographiert, noch ob er schon ander- 
weitig mitgeteilt ist. Das gedichtchen lautet: 

Dies soll ich sein, ich weiss es nicht. 
Getroffen ist nicht mein gesiebt. 
Getroffen aber ist der rock, 
Die körperhaltung und der stock. 

Über die neun oben angeführten briefe ist im einzelnen folgendes zu bemer- 
ken: im frühesten brief mit der anrede „Meine liebe Nane" an Nanette Ehrhardt geb. 
Mayer, Ludwigsburg 28. august 1804 entschuldigt sich der Schreiber bei der mutter 
der empfängerin, dass er den brief nicht senden könne, weil dieser bei seiner Schwe- 
ster in Weinsheim sei, dankt für die begleitung und meldet, dass er sonntag abend 
ermüdet nach Ludwigsburg gekommen sei. Der brief enthält ferner folgende geschäft- 
liche notiz, möglicherweise die einzige, die aus Kerners tätigkeit als handlungslehr- 
ling erhalten und aus diesem gründe für die Verehrer des dichters interessant genug 



ÜBER KERSER UND MÜLLER, J. ETERXERS BRIEFWECHSEL 267 

ist. „Gottfried hat nun eine nuisterkaite. Er soll sich daraus wählen, was ihm 
gefällt und mir dann die nummer des Stücks anzeigen. Zwei tücher habe ich ihm 
bezeichnet, denn die halte ich für die tauglichsten." 

Der brief an Achim von Arnim, 27. decbr. 1830, bezieht sich auf den Berliner 
„Musen -almanach" (vgl. die ausführungen in meinem buche: „Berlins geistiges leben II, 
s. 441 fg. und in der Zeitschrift „Im deutschen reich" 1895). Kerner bedauert, keinen 
beitrag senden zu können. Er dichte sparsam, „denn nur der tiefe schmerz erzeugt 
in mir ein lied, sonst nichts." Auf den früheren besuch Arnims geht der Schreiber 
ein und bemerkt: „Ihr liebes bild und die -wärme, die Sie hier zui'ückliessen, konnte 
durch so vieles frostige , was inzwischen aUes über uns kam , nicht erlöscht werden." 
Ferner heisst es: „Jener List, dem Sie von Friedrichshall her auf dem schösse 
sassen (worüber ich. noch oft lachen muss), ist schon längst in Nordamerika." Des 
weiteren dankt Kerner für Arnims teilnähme an der Seherin von Prevorst, spricht 
von einem besuche von Görres im vergangenen sommer, empfiehlt dessen „Suso", 
Schuberts „Geschichte der seele" und bittet um Arnims besuch in seinem baus- 
chen. Dieser brief an Arnim wurde durch Vermittlung Yarnhagens besorgt (mit dem 
brief an letztern). Vielleicht traf er Arnim, der 1831 starb, nicht mehr unter den 
lebenden. In dem erwähnten brief an Varnhagen berichtete Kerner, dass er auch schon 
im herbst 1830 einmal an Arnim geschrieben habe durch den in dem genannten briefe 
an Y. ei-wähnten Juristen Lempp. Für das Verhältnis Kerners zu Ai-nim ist auch 
die stelle in Kerners brief au Yarnhagen (1. okt. 1836) wichtig, in dem er Bettina 
auffordern lässt, ihm ihr buch zu schicken, „von dem man so viel spricht"; er 
fährt fort: „Sie soll es mir senden: da ihr Arnim mir unsäglich teuer war und 
bleibt." 

Die briefe au die frau von Chezy sind vermutlich nicht vollständig erhalten; die 
vorhandenen gehören den verschiedensten zeiten an. Über die beziehungen zu der ge- 
nannten enthält der briefwechsel selbst gar manches. Briefe von ihr an Kerner werden 
im gedruckten briefwechsel im ganzen sieben mitgeteilt, vermutlich nur eine kleine aus- 
wahl der wirklich erhaltenen. Unter den schreiben Kerners an sie enthält der erste 
brief, datiert aus Heilbronn, 25. mai 1815 die mitteilung, dass er nach Gaildorf ver- 
setzt sei. Er sei auf einige tage bei Karl Mayer gewesen und bittet die adressatin 
bei einem beriihren Heilbronns dieses haus zu besuchen. „Büer findet man seine 
heimat." Kann auf die gedruckte ankündigiing nur beigeschlossene kleine Sendung 
machen. Auch in Stuttgart habe sich ein unterstützungs - verein gebildet. Das von 
Ihnen gütigst besorgte gedieht fand ich an seiner stelle, leider aber diu-ch druckfehler 
noch wertloser gemacht."^ 

Folgende notiz über die Zeitgeschichte findet sich in unserem briefe: „Das 
österreichische hauptquartier ist ja gestern von hier zu Ihnen aufgebrochen. Die 

1) Nach Goedeke III, 314 (alte ausg.) erschienen zwei, nicht ein gedieht Kerners 
im „Frauen -taschenbueh für 1815, eine Sendung, die frau von Chezy vermittelt haben 
könnte. Doch könnte auch unser gedieht das von Görres geschickte seiu. Vgl. „Brief- 
wechsel" I, 410. Wie verhält sich aber überhaupt unser brief zu dem eben angeführ- 
ten in der correspondenz? Kerner geht darin auf ein kürzlich empfangenes schi'eiben 
nicht ein. Auch macht mir der ganze brief I, 410 dea eiudnick, als könnte er nicht 
aus dem jähre 1815, sondern niüsste aus dem jahi'e 1813 sein. Dafür spricht die 
erwachende patriotische Stimmung und der umstand, dass Helmine schwerlich erst im 
jähre 1815 den „Dichterwald" des Jahres 1813 erhalten haben kann. Allerdings ist 
es widerum nicht möglich, dass sie schon im april 1813 diesen Almanach erhielt, 
da er erst anfaug juui ausgedruckt war. 



268 GEIGER 

leute haben sich hier alle sehr brav betragen und man hat ihnen aus manchem 
hause nachgeweint. Von solcher tugend hat mau doch gewiss den sieg über die 
Schlechtigkeit zu hoffen. Gott wird ihn geben." 

Der zweite brief an frau von Chezy ist fast dreissig jähre später, am 5. april 
(august?, geschrieben ist nur ein A mit einem Schwänzchen danach). Er lobt die adres- 
satin, dass sie die gute arme Schoppe verteidigt und kündigt einen evtl. besuch Ker- 
ners in Heidelberg an. Auch über die Schoppe enthält der briefwechsel wichtige 
mitteilungen sowie einzelne recht schwärmerische brief e; welche Verteidigung der 
vielschreiberin (Goedeke III, 632 fg. [alte ausg.j, zählt 35 romane auf) gemeint ist, 
kann ich nicht sagen. Im februar 1844 wurde die genannte in "Weinsberg ei-wartet 
(vgl. Briefw. II, 244). Am 30. Oktober 1845 war sie wider in Hamburg (vgl. II, 271). 
Eine condolenz bei dem tode des sohnes enthält ein brief vom 6. Januar (?) 1847, 
zugleich mit der mitteilung, dass der Schwiegersohn Kerners seit einem halben jähre 
hoffnungslos krank sei. Schon in diesem briefe — ausführlicher aber in dem briefe 
vom 13. Januar oder juni 1847 ging K. auf den jungen Ebeling ein, der durch den 
diebstahl eines brief es im Kernerhause recht unangenehm von sich reden machte (vgl. 
Briefw. 11, 280 und die dort angeführte litteratur). Frau von Chezy in ihrer über- 
grossen, oft unangebrachten gute, wollte, wie es scheint, den besto bleuen veranlas- 
sen, zu gunsten des namentlich von den Heidelberger Studenten arg zerzausten die- 
bes einzutreten, was Kerner ablehnte und dem jungen Ebeling nur den rat gab, 
sich von Heidelberg zu entfernen. Zwischen diesem und dem folgenden brief fällt ein 
zusammentreffen der correspondenten in Baden-Baden. Am Schlüsse dieses gemein- 
samen aufeuthalts schrieb Kerner am 13. august 1849 ein biilet, in dem er Helmine 
zu einem besuche nach Weinsberg einlud. Am schluss heisst es: „Gott schütze und 
leite Sie in dieser nacht der zeit." Der letzte brief aus dem jähre 1854 — monat 
und tag ist nicht zu entziffern — ist, wie es scheint, nach dem brief 742 band II, 
412, jedesfalls nach dem tode von Kerners frau geschrieben, geht aber nicht direkt 
auf jenen brief ein, vielmehr handelt er hauptsächlich über einen litterarischen dieb- 
stahl, dessen opfer frau von Chezy nun ihrerseits geworden war. Keruer teilt fer- 
ner mit, dass er an Cotta darüber und anschliessend daran über den verlag der poe- 
tischen arbeiten Helmiueus geschrieben habe mit der motivierung: „dass sie gewiss 
die ausgezeichnetste lyrikerin sei." Cotta indessen habe geantwortet, dass er für die 
nächsten jähre schon mehrere lyrische sammlimgen abgewiesen habe. Kerner weist 
auf den Verleger Duncker in Berlin hin, der manches von Cotta abgelehnte angenom- 
men habe und klagt über seine Vereinsamung. Der schluss ist charakteristisch für 
Kerners wühlen im Schmerzgefühl: „Meine innigsten herzlichsten wünsche für lin- 
derung Ihres grames ! Meiner wächst täglich ! Herzlich Ihr auch unglücklich gewor- 
dener freund J. K." 

Die Varnhagensche Sammlung der königlichen bibliothek in Berlin besitzt aber 
ausser den bisher völlig unbenutzten und unbekannten 68 briefen Kerners an Vam- 
hagen imd den 10 anderweitigen Kernerianis in dem Assingschen nachlass, der durch 
LudmiUa dem grossen haudschriftenbestande ihres onkels hinzugefügt wurde, eine 
grosse anzahl von stücken, deren Verwertung in der gedruckten biiefsammlung gebo- 
ten oder wenigstens erwünscht gewesen wäre. Sie besteht 

1) aus 14 briefen Kerners an Eosa Maria Varnhagen und Assing, wozu acht 
briefe von Rickele au jene beiden kommen. 

2) aus 38 Originalbriefen Assings und der Rosa Maria an Kerner und seine 
frau. 



ÜBER KERNER UND MÜLLER. .T. KERNERS BRIEFWECHSEL 269 

3) aus einem packet unvollständiger abschriften von Ludmilla Assings band 
die zum teil von den erhaltenen originalen Assur-Assings gemacht sind, vier stücke 
davon fanden sich in den Berliner originalen nicht vor. Dass diese vier briefe etwa 
der Ludmilla von "Weinsberg aus geliehen worden sind, möchte man nicht glauben, 
schon wegen der oben s. 265 hervorgehobenen Stimmung. Viel eher ist anzuneh- 
nehmen, dass sie sich im besitz der Ludmilla befanden und entweder durch ihre 
nachlässigkeit oder durch weggeben — an autographenliebhaber — aus der Sammlung 
weggekommen sind. Sehr merkwürdig ist es ferner, dass drei der achtunddreissig 
Originalbriefe des Assingschen paares, nämlich die briefe Rosa IVTarias anfang Oktober 
1809, 17. Januar 1812, 8. november 1814 in den bänden, denen diese besprechung 
gilt, gedruckt sind. Sind im Kernerhause abschriften dieser briefe, deren original 
möglichel•^veise von Kerner an Assing geschickt wurden, vorhanden? Die Sache wird 
noch complicierter dadurch, dass einzelne briefe der Rosa Maria an Assing, die in 
der Berliner handschriften-abteilung fehlen, in unserer Sammlung gedruckt sind; fer- 
ner dadui-ch, dass Assing nach dem tode seiner frau (vgl. u.) durch Schwab die 
Jugendbriefe Kerners an Rosa Maria nach deren letzten willen an Kerner zurück- 
sandte. Sind sie ins Kernerhaus gelangt, wie es aus einer kurzen bemerkung Ker- 
ners, die imten noch zu würdigen ist, hervorzugehen scheint? Und wenn dies der 
fall, warum sind diese briefe, die ihrer frühen entstehung wegen von grösster bedeut- 
samkeit seia müssten, in unserer Sammlung nicht benutzt? Doch können diese fragen 
hier aus mangel an material keine beantwortung finden; für die zwecke dieser 
besprechung dagegen ist es angebracht, von den bisher nicht verwerteten 52 briefen 
von und an Kerner kurze rechenschaft zu geben. 

Betrachten wir die briefe Assurs und der Rosa Maria zuerst. (Bei den brie- 
fen des ersteren stelle ich ein A. voran, die briefe der letzteren bleiben unbezeichnet.) 

1) 15. august 1809, ein unbedeutendes billet. 

2) A. Wien 18. august 1810, schickt seinen koffer (von dem in den gedruck- 
ten briefen mehrfach die rede ist). 

3) 3. deceniber 1810. (Antwort auf Kerners brief vom 3. Oktober 1810, der 
nicht erhalten zu sein scheint.) Hat briefe von Karl Mayer und Uhland bekommen. 
Sehnsucht mit ihnen allen zusammen zu sein. Hat das Dehnsche haus verlassen, wo 
sie zuletzt viel kummer gehabt. Lebt mit ihrer mutter. Beginnt anfang 1811 ihr 
Institut, wozu ihr Fanny [Oppenheim?] viel gegeben, deren Unterstützung sie über- 
haupt genossen. Schickt mitteilungen Vs. ihres bniders, rückblicke "auf sein 
Pariser leben. Übersendet beitrage für das „Taschenbuch", Kerner möchte sie aber 
von andern prüfen lassen, da er durch freundschaft vielleicht verblendet sei. Hat 
madame Campe kennen gelernt, die sie riihmt. Ist mit dr. Julius, dem herausgeber 
des Vaterländischen museums (vgl. „Aus Alt -Weimar s. 177) zusammen gewesen. 

4) A. Anfang niärz 1811. Schickt das lied eines Studenten, dem er ärztliche 
hilfe hat zu teil werden lassen, wünscht mit Rickele nach Wildbad zu kommen. 

In dieselbe zeit gehört nun: 

5) A. 1811. „Herr Uhland hat mir gesagt, es hätte jemand die „Reiseschatten" 
recensiert. Das schwarze bandlied sowie überhaupt die ganze geschichte vom müUer 
Andreas und der Anna sind unsäglich. Wenn ich so ein recensent wäre, ich käme 
von da nicht fort, ewig müsst ich da so liegen bleiben. — Es lösen mich die geister 
so auf." 

6) A. Samstag, Tübingen. „Den LThland habe ich einige male besucht und 
ihm tapfer zugesprochen, Sie sogleich zu besuchen. Vor ihm liegende actenstösse 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXXI. 18 



270 GEIGER 

schienen ihn jetzt zu verhindern. Doch es in kurzem zu tun, S(jheint er nioht 
abgeneigt." 

7) A. 2. april 1811. Dringende Sehnsucht, nach Wildbad gerufen zu werden. 
Schreibt über Rickele, die nicht bei den leuten bleiben kann, bei denen sie lebt. 

8) 30. juni 1811. Hat in ihrem institut acht pensionärinnen, von denen sie 
einzelne beschreibt. Erklärt sich bereit, Rickele zu sich zu nehmen. Amalie Weisse 
ist nach dem tode ihrer Stiefschwester wider bei ihren eitern, Varnhagen mit seinem 
obersten in Toplitz. Als er zuletzt in Wien war, habe er den erzherzog Karl ge- 
sprochen, der ihm viel freundliches gesagt habe. „Dass Neander in Heidelberg ist, 
wirst Du wissen, vielleicht aber nicht, dass seine familie, mutter und Schwester ihm 
nachgezogen sind; mir war es sehr leid. Es waren sehr gute menschen, die zu sehen 
mir immer sehr erfreulich war. Und denke dir, wie unglücklich! Kaum waren mut- 
ter und Schwester abgereist, so starb hier der älteste söhn, der doctor Mendel, am 
nervenfieber, allgemein bedauert, denn er wurde — als mensch und arzt gleich hoch 
geschätzt. Für seine familie ist sein tod ein unersetzlicher verlust." Hat die „Reise- 
schatten" noch nicht bekommen, „da sie die censur noch nicht überstanden." Julius 
hat ihr ein buch „Beatus" (von Thorbecke) geliehen, aus dem sie einige gedichte 
abschreibt. Da von diesem dichtwerk in dem gedruckten briefwechsel die rede ist, 
so bedarf es keines nähern eingehns darauf. Überhaupt habe ich geglaubt, diese aus- 
züge, die eben blos als materialbereicherung gelten sollen, möglichst wenig mit erklä- 
rendem beiwerk belasten zn sollen. Der biograph Kerners wird namentlich die stel- 
len über die „Reiseschatten" (vgl auch unten 18. jan. 1812) zu. beachten haben. 
„Chamisso hat mir in seinem letzten briefe beifolgende lieder mitgeteilt als beitrag 
zum „Taschenbiich". (Die lieder liegen nicht bei.) 

9) A. Mitte September 1811 aus Hamburg. Erste eindrücke. Hat fräulein 
Varnhagen gesprochen, Kerners bruder gesehen. 

10) Ende September 1811. Wie es scheint, der schluss von nr. 8; hat den 
besuch Assurs empfangen und sich mit ihm gefreut. 

11) A. 26. december 1811. Beschreibt ausführlich die entstehung seines augen- 
leidens (durch eine Verbrennung mit vitriol). Ist so weltfremd, dass er am liebsten 
in ein kloster gehen möchte. (Assur war damals noch Jude.) Ungemein wehmütig. 
Dankt für die bekanutschaft mit Rosa. 

12) 18. Januar 1812. (Wohl als ergänzung des briefes Briefw. 1, 271 fg.) An 
Eickele. Ihre freundin Weisse, die krank gewesen, sei jetzt wider gesund. „Kerner 
hat in den ,. Reiseschatten " mit wenigen zügen treu ihr bild dargestellt und alle, 
welche sie lieben müssen in wolgef allen darauf verweilen." 

13) A. März 1812. An K. und Rickele. Kündigt die absieht Rosa Marias an, 
in einem jähre etwa nach Schwaben zu kommen. Von seiner krankheit : Trähnen 
träufeln. Bittet ihm für seinen augenfluss ein altes getragenes brusttüchlein Rickeies 
zu schicken. Sehr zärtlich und innig für K. „Dass Du auf meine gedichte ungemein 
begierig bist, tut mir ungemein leid." 

14) A. 28. april 1812. Au beide. Von ebensolcher Zärtlichkeit wie der 
vorige brief. Bittet sie nach Hamburg zu kommen. Er sei munterer. „Ich habe 
nun kraft und trost, weil ich an der Rosaquell' sitze, aus der beim trübsten neblig- 
sten Wetter klares wasser quillt." 

15) A. 4. mai 1812. An dieselben. Erneuert die aufforderung, nach Ham- 
burg zu kommen, nicht zu einem besuch, sondern zu dauernder niederlassung. Weist 



ÜBER EERXER VSD MÜLLER. J. KERNTRS BRIEFTi-ECHSEI, 271 

dai-auf hin, dass K. auch als Schriftsteller geld verdienen könnte. Als arzt habe er 
ein exanien nicht nötig, sondern nur die lösung eines patentes. 

16) A. Juli 1812. An dieselben. Furcht, dass AmaHe in ihrer ehe unglück- 
lich werde. 

17) 22. august 1812. „Assur kommt alle tage, oft zweimal zu mir, sein gan- 
zes Wesen ist wirklich eine sehr liebenswürdige und seltene erscheinung; es ist so 
viel hohes und göttliches in ihm, und dabei eine solche Mndlichkeit und demut; 
aber etwas mehr kraft und schicklichkeit für das äussere leben möchte ich ihm wün- 
schen, denn stärke und ki-aft ist gerade heut zu tage dem nötig, der viel schönes 
und göttliches in sich trägt, um es gegen den andrang der gemeinheit, des bösen 
und der rohen gewalt zu verteidigen; man muss auf der erde fest stehen iind kühn 
mit dem haupt in den himmel ragen." Freut sich, dass sie auch an dem Schweden 
Bagge ihre „heil- und trostkraft"' erprobe. Dagegen sei Amalie ihr verloren. Sie 
habe an ihr bei ihrem letzten besuche in Itzehoe leichtsinn, mangel an Zartgefühl, 
anmassung und eitelkeit gefunden. Amalie sei wider mit Schoppe versprochen [auch 
diese biographischen nachrichten waren, wie es scheint, bisher unbekannt] , und werde 
höchst unglücklich werden, wenn sie sich mit ihm verheirate. Wünscht von Thor- 
becke nähere nachricht zu haben. Freut sich, dass Chamisso für „Deutschland wider- 
gewonnen sei", ist entzückt von „Fouques herrlichem Zaubemug." 

18) A. 18. december 1812. An K. „Der Almanach kommt nicht bei Campe 
heraus. Gleich nach der ankunft des manuscripts gieng ich, um Campe an den di'uck 
zu mahnen, nicht selten hin. Da sagte er mir, das manuscript müsse nach Paris 
und das daure so lange. Schon seit geraumer zeit sagi er mir, dass bei der heil- 
losen censurstrenge er sich genötigt sehen werde, ihn auswärts drucken zu lassen, 
bei welcher behauptung er auch noch vor etwa drei wochen blieb. Gewiss, sagte er 
mir da noch ausdrücklich, soll er erscheinen, nur etwas verspätet in der mitte 
februar. Gestern war ich wider da, und da musste ich mit ärger hören, dass er es 
für dies jähr unterlassen müsse, druck der zeit, Weitschweifigkeiten, Verantwortlich- 
keiten, vielleicht nächstes jähr, und was der ausfluchte mehr waren." Schlägt Hit- 
zig in Berlin als Verleger vor. Ist praktikus geworden und mit seiner tätigkeit nicht 
unzufrieden. Möchte gern soldat werden. Sendet zwei gedächte, von denen eines 
„Gemeinheit" überschrieben ist. 

19) 22. juli 1813. Weist auf einen vor einigen wochen geschriebenen brief 
hin, der nicht erhalten zu sein scheint. [Wenigstens fehlt er im gedrackteu brief- 
wechsel und in den Berliner handschriften.] Amalie sei nun definitiv zu ihr zurück- 
gekommen, Assur in Berlin. Sie würde möglicherweise durch die Verhältnisse genö- 
tigt, Altena zu verlassen. Der bruder sei sehi' zufrieden mit seiner Stellung bei 
Tettenborn und seiner beteiligimg am feldzug. Fouque, der im kriege gewesen, sei 
wider zurück auf seinem landgute, Chamisso bei ihm. 

20) A. 20. december 1813. An K. und Eickele. Aus dem feldzug. Ist zu- 
frieden mit seiner ärztlichen tätigkeit. „In Leipzig sah ich den Deutschen dichter- 
wald." „Mich hungert nach brieten von Euch beiden wie nach brod." 

21) A. 13. märz 1814. Aus einem dorfe Genslis in Frankreich, weist auf 
einen nicht erhaltenen brief Ks. vom 12. februar 1814 hin. Sein regiment sei furcht- 
bar zusammengeschossen, namentlich in den sogenannten kleinen gefechten. Interes- 
siert sich nicht mehr für den krieg. „Die erste hälfte war patriotisch, die zweite, 
auf fi-anzösischem boden geführt, ist poHtisch, er geht mir lange nicht mehr so zu 
herzen." Grüsst Uhland und wünscht neue gedichte von ihm zu lesen. „Misanthro- 

18* 



272 GEIGER 

pisch werde ich nach dem kiiege meine fühlhöruer, die ich jetzt ein wenig entblösst, 
wider einziehen, dieweil der hochniut und der stolz in viele unserer Jünglinge fahren 
wird. Ich merke schon dergleichen sich regen, und das tut dem ehrlichen wehe." 
Der brief könnte gelegenheit zu langen escursen geben. Eine parallele zwischen 
1813 und 1870 wäre sehr lockend. Ich begnüge mich mit der hervorhebuug, dass 
auch damals trotz der lust in toller jagd nach Frankreich zu ziehn, bei vielen wäh- 
rend der in Frankreich spielenden akte des blutigen dramas eine merkliche ernüch- 
terung eintrat und dass ferner bei einsichtigen sich die befürchtung vor der nachher 
wirklich eingetretenen teutomanie rege jnachte. Da die Äusserungen letzterer art wäh- 
rend des krieges sehr selten sind — nach dem krieg, als rückschlag der wirklich 
eingetretenen Übertreibung waren sie häufig genug — so verdienen sie ganz beson- 
dere berücksichtigung. 

22) A. 2. november 1814 aus Hamburg. Hat Rosa angegriffen gefunden. Er 
ist jetzt wider froh und mit seinem ärztlichen berufe zufrieden. „0 kinder, es war 
eine herrliche zeit. Mit wehmut verliess ich mein mir nun so teuer gewordenes 
Vaterland und doch stellte es sich so natürlich ein, dass ich es verliess. Sein geist 
spricht mir indessen doch immerdar, und wenn es wider seine söhne ruft, kehr ich 
auch zurück. Meine gesundheit hat durch den feldzug sehr gewonnen; auch ist es 
mit jener krampfigen leidenschaft, die mich verzehrte, hoffentlich vorbei ..." „Fou- 
que habe ich vor zwei monaten in Berlin bei Hitzig gesprochen. Er sprach mit 
liebe von Dir, Kerner und sagte. Deine „Eeiseschatten" seien doch ein treffhches 
liebes bucli. Ei' hat gewiss recht, und das urteil solches Sängers tut wol. Er bedauerte 
den missmut, der sich in Deinen brief en runzelig zeigt. Dir ist ja manches schöne 
zu teil geworden, alter!" 

Der brief vom 8. november 1814 ist gedruckt im Brief w. I, 334 fg. Ausgelas- 
sen sind in ihm, ebenso wie in dem brief vom 7. Januar 1812, grössere stellen über 
Assur u. a. 

23) A. 1. Januar 1815. Schickt Varnhagens (gedruckten) brief über die ein- 
nähme Hamburgs und die leiden der Stadt in der Franzosenzeit nebst einigen lieder- 
proben von sich. „Dr. Julius, der die vielen bücher hat, ist wol mein bekannter, 
aber mein herz hat er nicht." 

24) A. 1. ostertag 1815. „Sobald Ihr mir schreibt, müsst ihr statt Assur 
Assing schreiben! Ich glaube nämlich, der schickliche Zeitpunkt sei da, das längst 
im Innern erkannte und geliebte Christentum nun auch äusserlich anzuerkennen. 
Darum liess ich mich lutherisch taufen imd gründe bestimmten mich nicht ohne vor- 
heriges schwanken zu dieser namensänderung." Assing gegenüber hat sich Keruer 
über diese namens- und glaubensänderung nicht ausgesprochen. Dass er indessen, 
vielleicht mehr aus dem gründe, weil Assur besser klang, mit der erstem unzufrieden 
war, geht aus der an Varnhagen gerichteten äusserung hervor. 15. märz 1816. „Assur 
ist ein klares krystallherz , ein bernstein der Ostsee, wie wird er leuchten bei Rosa! 
Seine namensänderung gefäUt mir nicht. Assur ist schön und ich werde nie Assing 
sagen können, wenigstens wirds mir immer sein als hätte ich mich verschrieben." 
Dass ihm aber auch die glaubensänderung unsympathisch war, kann man zunächst aus 
Kerners innerlicher natur schliessen, sodann aus einer ziemlich wegwerfenden äusse- 
rung (in dem einen der Wiener biiefe an V. über den in Assings briefen mehrfach 
genannten dr. Julius in Hamburg). Empfiehlt seinen bruder, Simon Assur, der 
eine reise nach Süddeutschland mache. Teilt mit, dass er nachträglich das eiserne 
kreuz bekommen. „Warum erregen Uhlands lieder nicht mehr aufsehen als ich 



ÜBER KERNKR UND MÜLLER, .1. KERNERS BRIEFWECHSEL 273 

glaubte? Man sagt hier auch wol, sie sind schön, aber das ist auch alles. Solche 
herrliche poesie müsste anders anerkannt werden." Schickt ein gedieht. 

25) 5. mai 1816. Hat sich am 1. mai mit Assing verheiratete Die Verbin- 
dung war schon vor dem ersten feldzug 1813 beschlossen. A. sei als arzt beschäf- 
tigt und geniesse des besten nifs. Ist mit Amalie brieflich eng verbunden. Schreibt 
über deren werk „Martha". [Bei Goedeke III, 632 (a. ausg.) auch erwähnt, eine der 
ältesten arbeiten Amaliens, deren vielschreiberei erst ein paar jähre später begann.] 
Ist mit Fanny Tornow bekannt geworden. „In ilirem wesen liegt der schönste aus- 
druck von geist, gefühl, innigkeit, liebe, mit einer mischung von schmerzen, denn 
die arme Fanny scheint diese tief empfunden zu haben, wenn sie auch jetzt mit sich 
in ruhe ist. Sie ist über die erste Jugend hinweg, denn sie ist wol zwischen dreissig 
und vierzig. Ihre hohe schlanke gestalt und ihre geistreichen gesichtszüge sind sehr 
interessant, und aus allem, auch aus spräche und ton, spricht geist xmd liebe. 
Ihre romane gehören gewiss zu den besten unserer zeit, besonders gefällt mir ihre 
„Natalie", die wie confessionen eines schönen weiblichen gemüts zu betrachten sind"-. . . 
„Chamisso macht, wie Du schon gehört haben wirst, eine reise um die weit, das beste 
was er als Franzose in jetziger zeit tun kann. Eduard Hitzig (der nicht, wie du irrig 
glaubst, mein Schwager ist), hat von Santa Cruz auf der höhe von Teneriffa, nach- 
richt von ihm erhalten', einen brief voU freude und begeisternng. Ehe er seine grosse 
reise vorigen sommer antrat, stattete er uns noch hier in Hamburg einen besuch 
ab, wodurch uns einige sehr frohe und angenehme tage wurden. Wir hatten vorigen 
sommer mehrere male die freude, liebe gaste aus der fremde bei uns zu sehen, 
auch Fouque, den ritterlichen dichter, hatten wir einige zeit bei uns und Deinen 
wackern landsmann Gustav Schwab freuten wir uns auch hier zu sehen." ... „TJh- 
lands schöne gedichte haben uns innigst gefreut und haben noch bei vielen anderen 
den verdienten beifall gefunden." 

26) 16. Oktober 1817. Glückwünsche zur geburt des sohnes. Teilt mit, dass 
sie vor vier monaten einen söhn erhalten habe, Karl Eginhard (der übrigens bald 
starb). Lebt mit ihrem gatten still und glücklich. Amalie ist wider in Hamburg. 
Hat durch herm von Honithal gehört, dass Assings gedichte, die in Kerners bänden 
geblieben, in den „Hesperiden" gedruckt seien. Bittet dringend, nichts von ihm 
drucken zu lassen. 

A. bestärkt in einer undatierten nachschrift diese bitte. „Uhlands weite „Keine 
adelskammer" war im Hamburger correspondenten abgedruckt. Ich las es mit freude. 
Die leute müssten doch nachgerade einsehen, dass poesie kein blosses greifen in 

1) Danach ist die falsche bemerkung Goedeke 6, 186 zu berichtigen. Auch 
ist die niederlassung in Hamburg nicht, wie dort gesagt ist, 1816, sondern bereits 
1811 erfolgt. Dass die beitrage zu den „Hesperiden" gegen den willen Assings erfolg- 
ten, siehe unten. Über Assing handelt ein bei Goedeke nicht erwähnter aufsatz in 
Gutzkows werken (Frankfurt 1845) bd. 6. Aus briefen Osanus 1838 fg. an A. geht 
übrigens hervor, dass A. an der von 0. geleiteten „Bibliothek der praktischen heil- 
kunde" fleissig mitarbeitete. 

2) Über Founy Tarnow vgl. Goedeke VI, 432. Sie war damals 37 jähre alt, 
entsprach also Rosa Marias Schätzung. Ihre „Xatalie, ein beitrag zur geschichte des 
weiblichen herzens" erschien 1811. Die an F. T. gerichteten briefe Klmgers (Brief- 
lich hgg. V. Max Rieger, Darmstadt 1897) verdienen beachtung. Eine hübsche Cha- 
rakteristik von ihr findet sich in einem briefe der Adele Blumeubach au Therese Hu- 
ber 1822. Auch in Theresens briefen an verschiedene, besonders an Helmine von 
Chezy, finden sich manche beitrage zur Würdigung der interessanten Schriftstellerin; 
von ihr selbst ist in Theresens nachlass nichts erhalten. 



274 GEiaER 

die saiten, sondern zugleich in die ädern der menscbheit und des lebens sei." 
Diese bitte rief auf beiden Seiten eine Verstimmung hervor, denn seitdem ist der 
lebhafte brief Wechsel zu ende. Von Kerners eingehn auf die sache, der den Unwillen 
der freunde als nicht ganz gerechtfertigt darzustellen suchte, ist unten zu handeln. 

27) A. 18. april 24 enthält grüsse und freude über seine beiden töchter Lud- 
milla und Ottilie. 

Erst durch widerholte besuche der Rosa Maria in Weinsberg wurde der ver- 
kehr wider aufgenommen. 

28) 6. juni 1833 aus Heidelberg. Kündigt ihren besuch an. Wohnt bei Zim- 
mern. Verkehrt viel mit professor Hanno ^ Will über Karlsruhe nach Strassburg 
und Schaffhausen, von dort über Württemberg nach Hamburg zurück. 

29) A. 13. juni 1833. Empfiehlt den dr. Steinheim, den bekannten philosophen, 
und seine gattin. „Wir leben in sehr freundschaftlichen Verhältnissen mit einander. 
Er ist ein vielseitiger, wackerer, für göttliches und menschliches offener mann." 

30) A. 3. juli 1833. Schickt, während frau und töchter im Kernerhause sind, 
ein gedieht an den freund, voll herzhcher liebe und von dem bewusstsein erfüllt, 
dass die alte freundschaft bewahrt sei. 

31) 9. Oktober 1833. Ist nach einem verfehlten versuch, mit dem dampf- 
schiff zu fahren, über Frankfurt und Cassel am 23. august wider in Hamburg ein- 
getroffen. Grüsst Kerners verwandte und freunde, die sie in AVeinsberg getroffen 
oder von denen sie gehört, z. b. Leuau: „Ich fand hier das buch, welches mein bru- 
der zum andenken seiner Rahel herausgegeben hat: Ihre briefe und denkblätter. Ein 
einziges, grossartiges buch, ein wahres erquickungsbuch für alle zeit und alle Stim- 
mung. Nehme ich es in die band, so kann ich nicht wider davon lassen. Es 
heiTScht auch unter menschen von verschiedenartigsten ansichten nur eine stimme 
darüber, allen erscheint es als etwas ganz ausgezeichnetes, merkwürdiges, nie dage- 
wesenes. Mein armer bruder: Jeder, der dies buch liest, wird seinen verlust begrei- 
fen. Und doch sage ich: Glücklich der, der solchen verlust za erleiden hatte. Was 
man einmal besessen, ist einem nie ganz verloren, und besser verloren, als es nie 
gehabt haben." 

32) 11. juni 1835 aus Heidelberg. Reist nach Paris und hofft auf der rück- 
reise wider nach Weinsberg zu kommen, dankt für Kerners gedichte, in] denen 
sie altes und neues gleich froh bogrüsst hat. Wünscht zu Marions Verheiratung und 
ihren mutterhoffnungen glück. Schreibt von Zimmern, Winter, dem Heidelberger 
schloss. 

33) 27. juli 1835. Kündigt ihren besuch für die nächste zeit an, hat Kerners 
brief durch Cousin in Paris bekommen. (Der brief fehlt.) Aus dem „Briefwechsel" 
erfährt man überhaupt nicht, dass zwischen K. und Cousin bezieh ungen bestanden 
hatten, deren auf hellung von grossem Interesse sein musste. 

34) 30. november 1835. Dankt für die freundliche aufnähme im Kernerhause. 
Chamisso gienge es besser. Hat Pfaff aus Kiel und Theodor Mundt kennen gelernt. 

1) Dieser Hanno, der mir besonders aus „Gabriel Riessers brie f Wechsel " be- 
kannt ist (in der Allgemeinen deutschen biographie nicht zu finden, ebenso auch 
nicht in dem register zum gedruckten brief Wechsel), muss übrigens auch mit K. be- 
kannt gewesen sein. In einem seiner briefe an Assing, 1841, spricht H. von einer 
reise, die er mit unserm Kerner von Weinsberg nach Löwenstein gemacht habe. Ker- 
ner selbst schreibt über Hanno an V. 23. sept. 1837: H. sei ihm von Rosa Maria 
empfohlen, „es ist dieses auch ein sehr warmer, lieber mensch, wir beherbergten ihn 
einige tage." 



ÜBER KEBNER UND MÜLLER, J. KERNERS BRIEFWECHSEL 275 

35) 27. juli 1837. Kündigt Ämaliens besuch in Weinsberg an. Theodor Mundt, 
der schon im vorigen brief e erwähnte , sei in Hamburg. „Ein angenehmer und geist- 
reicher junger mann, dessen anwesenheit uns sehr angenehm ist. Da besonders ich 
und Ottilie und Ludmilla mit interesse die neue richtung unserer litteratur verfolgen, 
so ist es sehr anregend und belebend, einen dritten Vertreter der jungen litteratur 
als geistesverwandten darüber si^rechen zu hören, eine freude, die wir nicht immer 
haben , denn die meisten in unserem kreise hängen am alten und mein teurer Assing 
mit, der manchmal über uns kiuder den köpf schüttelt, wenn es debatten über 
gegenstände der litteratur zwischen uns gibt. Ich halte auch am guten alten, aber 
ich erfasse auch manches neuere und verschliesse mich ihm nicht und finde mich 
auch nur reicher dadurch." 

Am 22. Januar 1840* starb Rosa Maria. Kerners trauer wird durch die äusse- 
rung Briefw. 11, 161 bezeugt. Auch viele andere briefe in dem Assingschen nachlass 
sind Zeugnisse für die trauer, die der tod dieser ausgezeichneten frau hervorrief, die 
sich während ihres ganzen lebens von der ungesunden überschwenglichkeit ihrer 
genossinnen fern hielt und, wie aus dem letzterwähnten briefe hervorgeht, sichhra 
empfänglichkeit dauernd bewahrte. Sehr hübsch sind die woiie Gustav Schwabs an 
Assing, 6. april 1840: „Nicht nur eine teure persönliche freundin, auch eine freun- 
din unserer jugendbildimg durch die poesie, eine teilnehmerin an den süssesten arbei- 
ten früherer tage, eine der lieblichsten gestalten ans dem heiteren dichterkreise, der 
vor dreirisig jähren sich so harmlos und ungestört gleicher gesinnung und ansichten, 
wie gleicher wirkungski-eise erfi'eute, ist mit ihr von uns geschieden." 

36) A. 27. mai 1840. Sendet die Nänien nach dem tode Rosa Marias. Sie 
sind nicht, wie es im Briefwechsel II, 174 anm. 1 heisst, 1841 erschienen. Der 
Nachlass und die „Nänien", die hier verwechselt zu sein scheinen, sind verschiedene 
Schriften. (Goedeke 6, 186). 

37) A. 2. december 1840. Übersendet Rosa Marias Poetischen nachlass. (Goe- 
deke a. a. 0.) 

„Schwabs Schicksal habe ich mit innigstem mitgefühl vernommen." [Der tod 
des Sohnes vgl. Briefw. II, 177 anm. 2.] 

38) A. 7. april 1841. Nimmt teil an Kemers augenleiden. Ratschläge wegen 
der Operation. Hat einen brief Mayers erhalten, den er bald beantworten will. 

39) A. 11. februar 1842. Teilt mit, dass er am 2. juli des vorigen Jahres 
durch Schwab Kerners frühere briefe an Rosa Maria an Kerner überschickt habe und. 
ist erstaunt, keine empfangsanzeige erhalten zu haben. 

Assing starb am 29. april 1842. So nach Goedeke. Dagegen heisst es Briefw. 
n, 174: 29. mai, während doch in dem II, 216 abgedruckten briefe mitgeteilt ist, 
dass Assing bereits am 1. mai begraben wui'de. Über den tod Assings handelt 
bloss Kerners treuer correspondent, Yarnhagen. Eine äusserung Kerners selbst ist 
nicht erhalten. 

Während die briefe des Assingschen paares durch Kerners Sorgfalt erhalten, 
wie es scheint, später an Ludmilla geschickt und durch ihre pietät treu verwahrt 
worden sind, ist, wie es scheint, nur ein teil der briefe Kerners au das Assingsche 
paar gerettet worden. Die jugeudbriefe Kerners an Rosa Maria, die Assing nach 
deren tode an Kerner schickte (vgl. oben nr. 39), und die Kerner erbalten zu haben 

1) Dies datum war am angeführten orte, Briefw. II, 161 anm. 2, einzufügen. 
Warum ist im register bei Assing nicht auf Rosa Maria verwiesen, die nur unter 
Yarnhagen zu finden ist? 



276 GEIGEK 

scheint (vgl. s. 279), sind nicht bekannt. Man möchte sogar annehmen , dass sie ver- 
loren seien, da der herausgeber von ihnen so gar keinen gebrauch macht, -während 
er doch sonst bei den briefen aus der Jugendzeit mit besonderer verliebe verweilt, 
gewiss mit recht, da sie unvergleichlich mehr reiz gewähi'en als die briefe des alters. 
Über diese briefe Kerners und die beiliegenden von Rickele ist folgendes zu sagen. 

Den anfang machen fünf briefe des Rickele als braut, alle undatiert, von 
denen nur einer eine unbedeutende nachschrift Kerners hat. Die briefe enthalten 
meist rührenden dank für die der schreiberin zu teil gewordene ärztliche pflege. 
Mitteilungen über ihre gesundheit. Einmal heisst es: „Es gienge gewiss gut mit mei- 
ner gesuudheit, wenn ich nicht manchmal sie durch meine traurigkeit selbst schwächte. 
Ich habe gar keine Ursache dazu und bin ja bei Kerner, den ich so unendlich liebe; 
er ist so gut, er tut alles, mich zu erheitern, und dennoch bin ich oft betrübt und 
sehne mich nur nach dem tod. Sie sehen, ich bin noch wie ich war; gewiss rührt 
es noch von meiner krankheit her." 

Dieses bekenntnis des naiven mädchens ist für ihre Charakteristik und die 
ihres späteren gatten ausserordentlich wichtig. Ich kann mich nun einmal nicht über- 
reden, dass traurigkeit und todessehnsucht grundzüge ihres wesens waren; es waren 
vielmehr krankhafte einbildungen, über welche die robustere frau allmählich wegkam, 
während der schwächlichere, wenn auch länger lebende mann krampfhaft an ihnen 
festhielt. 

1) Kerner an Assur, undatiert, jedesfalls raärz 1811. Antwort auf Assur nr. 4 
(oben s. 269). Dankt für das Volkslied, wünscht zu wissen, aus welcher gegend es 
kommt, fordert den adressaten auf, Uhland kennen zu lernen, Yät ihm, nach Wild- 
bad zu gehen. Hat die absieht, nach Tübingen zu kommen. 

2) Wildbad, 5. juli (?) 1811, also vor Assur (9) oben a. a. o. Der brief ist 
nach Hamburg gerichtet, wohin A. übergesiedelt war, und enthätt den rat, der adres- 
sat möge oft zu Rosa gehen. Der Schreiber beklagt das unnütze der medicinischen 
Wissenschaft und erläutert dies an dem beispiele eines kindes, das nach aussage der 
ärzte dem tode geweiht war, indessen keine mediciu nahm und doch kerngesund 
wurde. Ein dreiseitiger brief Rickeies enthält nur rührende Versicherungen ihrer 
steten anhängUchkeit. 

3) Welsheim, 5. februar 1812. Antwort auf Assur nr. 11. (Oben a. a. o.) 
Eine ganz köstliche probe echter romantik: Assurs doch wol nur in einem momente 
romantischer Schwärmerei entstandene klostergedanken werden vollkommen ernst unter- 
stützt, ein kloster, in dem auch Rickele wohnen sollte, vorgeschlagen. Der brief, 
zuerst an letztere geschickt und von ihr mit einer nachschrift vom 16. februar ver- 
sehen, soll in anderem zusammenhange dem Wortlaut nach veröffentlicht werden. 

Erwähnung verdient ein schreiben des Rickele vom 13. mai, offenbar 1812. 
Antwort auf Assurs brief vom 4. mai 1812 (oben s. 270). Er enthält folgende werte, 
die für Kerners biographie hervorragenden wert haben. Von diesem plane Kerners, 
sich an dem kriege [gegen Russland?] zu beteiligen, war bisher nichts bekannt. 

„Kerner hat den plan, ins feld zu gehen, aus liebe zu seiner mutter aufge- 
geben, die durch den tod seines bruders (Georg) so sehr betrübt und noch viel ängst- 
licher und besorgter wurde. Sein bruder, general Kerner, schrieb ihm auch sehr 
missbilligend darüber, dass er schon wider ändern wolle, und redete ihm ernstlich 
zu, da zubleiben, wo er wirklich ist. Kerner wird, wenn er noch kurze zeit geduld 
hat, sich bald gut stehen, sein einkommen kann sich auf 12 — 1500 fl. belaufen. 
Dies wird Euch zwar in Hamburg sehr gering scheinen, aber bei uns muss oft ein 



ÜBEB KERNEK UND MÜLLER, J. KERNEKS BRIEFWECHSEL 277 

mann eine zahlreiche familie mit viel weniger ernähren. Seine läge ist auch nicht 
so unangenehm, als er sie oft in seinem missmut schildert, er ist in der herrlichsten 
gegend, wird allgemein sehr geliebt, hat gute menschen zu seinem umgange, bei 
denen er auch Unterhaltung findet, seine kuren sind alle glücklich, seine gesundheit 
gewinnt immer mehr nach seinem aussehen. — Ich hofie dass wenn ich einmal bei 
ihm sein werde, alles gut gehen wird." 

Die Hamburger plane, die in dem oben angeführten briefe Assurs erörtert wur- 
den, lehnte sie ab, teils mit rücksicht auf die mutter, für welche Kerners entfer- 
nung der tod sein würde, teis mit rücksicht auf das Hamburger klima, das, wie sie 
fürchtet, gar nicht zuträglich sei. 

Eine fünfjährige lücke ist nun in den briefen. Es ist kaum denkbar, dass alle die 
oben analysierten briefe Assurs und der Kosa Maria aus den jahi'en 12 — 16 keinerlei 
antwort hervorgerufen haben sollten. Andrerseits ist es auch schwer denkbar, dass 
die von Assur nach Rosa Marias tode zurückgegebenen briefe gerade diesem kurzen 
Zeitraum angehört hätten. Erst am 28. Oktober 1817 antwortet Kerner auf Rosas und 
Assurs brief vom 16. Oktober, oben s. 273. Er erklärt den dmck von Assings gedich- 
ten dadurch, dass er sie, da er selbst keinen almanach mehr herausgäbe, gleich- 
gesinnten freunden übergeben habe, spricht über die politischen Verhältnisse, seine 
auffassung darüber und seine Stellung zu Uhland. Auch dieser brief, ein sehr merk- 
würdiges aktenstück, muss später ganz mitgeteilt werden. 

Diese entschiüdigung Kerners wegen des drucks der in seinem gewahrsam 
gebliebenen gedichte Assurs war wirklich gar keine, sondern bewies immer von 
neuem die erstaunliche Sorglosigkeit, mit der er anvertraute beitrage zu behandeln 
pflegte. Dies verfahren schmerzte Assing so sehr, dass er nun wirklich (vgl. oben 
s. 274) den briefwechsel fast völlig abbrach. Er begann erst wider, als Rosa Maria 
auf zwei in kurzen Zwischenpausen angetretenen reisen nach Weinsberg kam. Von 
diesen besuchen der Rosa ist oben a. a. o. gehandelt. AYährend der zeit der Weins- 
berger anwesenheit der Assingschen damen schrieb Kerner als antwort auf nr. 30 
(oben s. 274) den 

5) brief. Er drückte seine freude über Rosa aus, seine Sehnsucht nach Assing 
und seine ansieht, des freundes ebenbild in seinen töchtern, besonders in Ludmilla, 
zu sehen. Über Rosa schreibt er: „In ihr ist so viel inneres, dass sie, selbst in 
meinen türm eingesperrt, ein gemütliches leben finden wird." "Wenn sie fortreisen 
wollte, so müsste er zu magischen mittein seine Zuflucht nehmen. „Wollen sie 
gewalt brauchen, so ist es möglich, dass Du sie in ganz infamen gestalten wider- 
siehst." Ein wenig späterer brief des Rickele enthält ähnliches, besonders die äusse- 
rung ihrer freude, dass nun endlich ihre Sehnsucht naoh Rosa gestillt sei. 

Aus solchen herzlichen äusserungen darf man indessen nicht den schluss zie- 
hen, durch diesen besuch und die erneute anknüpf ung des briefwechsels sei eine 
wirkliche wideraunäherung erfolgt. Vielmehr war das magische treiben Kerners dem 
gesunden sinne des Assingschen ehepaares durch und durch zuwider. Daher war ein 
eigentlicher briefwechsel nicht mehr möglich. Nur die alte persönliche Verbrüderung 
wurde, wenn auch nicht ungetrübt, beim Zusammensein gewahrt. 

Dass aber auch dieses Zusammensein manche missverständnisse zeitigte, 
dafür gibt der 

6) brief vom 22. Oktober 1833, antwort auf den brief vom 9. Oktober (oben 
s. 274) ein bestimmtes zeugnis. Der brief, welcher merkwürdige urteile über Uhland, 



278 GEIGER 

Rückert, Lenau enthält, ist in anderm Zusammenhang gleichfalls wörtlich mitzuteilen. 
Er zeigt, dass es persönliche und sachliche differenzen in Weinsberg gab, die selbst 
Rosa Maria mit ihrem feinen takt nicht immer auszugleichen wusste. 

Ein neues 7) schreiben Kerners vom 11. mai 1834 setzt nicht voraus, dass 
ein brief der Hamburger fehlt, denn er beginnt: „Wie geht es Euch und warum 
lassest Du gar nichts mehr von Dir hören?" Teilt mit, dass seine tochter Marie 
sich mit dr. Niethammer verlobt habe, klagt über sein und seiner frau befinden. 
„Niembsch war wider längere zeit bei uns und lässt Dich grüssen. Er dichtet ein 
epos „Faust" von hohem dichterischen gehalt." 

Trotz solcher versuche Hess sich Rosa zu einer neuanknüpfung des briefwech- 
sels nicht bewegen, sondern teilte (vgl. oben s. 274) erst 1835 ihren neuen reiseplan 
mit. Während der zeit ihres zweiten Weinsberger aufenthaltes (vgl. oben a. a. o.) 
meldete Kern er im 

8) brief, 20. august 1835, seine freude über die anwesenheit der gaste und 
sein bedauern, dass Assing nicht dabei sei. Sendet ihm zwei krüge landwein, die 
er auf das wohl aller treuen frauen austrinken solle. Empfiehlt ihm, der so viel 
ähnlichkeit mit Schubert habe, dessen bücher zu lesen. Dies habe er auch bei Rosa 
versucht, „besonders als ich bei ihr Heines bücher wie ein gesangbuch fand." Diese 
sehr merkwürdige neigung der damals nicht mehr jungen frau (sie war 52 jähre alt) 
zu der jungen litteratur ist oben a. a. o. durch ein charakteristisches urteil bezeugt. 
Dankt für sein gedieht, „ich wollte es Dir auch poetisch erwidern, war' ich noch ein 
dichter." 

Erst der tod Rosas (vgl. oben s. 275), den Kerner durch seine Hamburger 
Schwägerin erfuhr, veranlasste ihn zu einem schreiben 9) 28. märz 1840. Kann kei- 
nen trost finden. „Ach, sie war so herrlich, so voll milde und liebe" ^. Assing solle 
nur zu ihm kommen. „So weine und klage Dich nur aus. Ich aber will beten 
für Dich." 

Die beiden Veröffentlichungen Assings nach dem tode seiner frau, seine eigenen 
klagen und Rosa Marias nachlass veranlassten Kerner zu zwei kurzen briefen 10, 11 
(26. juli 1840 und 8. februar 1841). Er teilt mit, dass er auf beiden äugen staar 
habe, empfiehlt den dr. Frankfurter (den späteren israelitischen prediger in Hamburg?). 
Er selbst sei durch den tod seines bniders tief betrübt. „Diese zerrissenen herzen 
heilt nur das grab." 

12) Der brief vom 17. Januar 1842 ist nur ein empfehlungszettel für einen 
herrn Ötiuger aus Württemberg. 

13) Der letzte brief besteht aus zwei teilen und ist von Ludmilla fälschlich 
wie zwei briefe behandelt. Der prosaische teil ist datiert vom 14. februar 1842, der 
poetische: „Die ruhekissen", undatiert, ist von Ludmilla mit 1. februar 1842 bezeichnet 
worden. Da aber der poststempel auf der rückseite dieses gedichtes lautet 21. februar 
1842, so gehören brief und gedieht offenbar zusammen. Der brief blieb ein paar tage 
liegen, bis sich das folgende, wie ich glaube ungedruckte gedieht formte, das dem 
damaligen gedanken- und gefühlskreise Kerners wol entspricht. 

1) Bezieht sich auf Rosa Maria das gedieht ed. 1878 s. 179 „Auf Rosas tod 
Im herbst."? R. M. ist freilich nicht im herbst, sondern im winter gestorben. „0 
blume, in der Unschuld holdem kleide" dürfte zudem auf die mutter von drei kin- 
dern und auf eine frau, die bei ihrem tode 57 jähre war, nicht passen. 



ÜBEE KERNEH UND MÜLLER, J. KERNERS BRIEFWECHSEL 279 

Die ruhekissen. 

Im niai auf gras und kraut, 

Wenn durch die wölke halb zerrissen 

Ein klarer himmel schaut, 

Wird manchem müden haupt ein kissen. 

Ein kissen auch voll lust. 

Drauf zu verträumen erdenschmerzen 

Ist treuer liebe lust 

Beim doppelschlage zweier herzen. 

Noch gibts der kissen viel, 

Auf die der wanderer hienieden, 

Ist müd er vor dem ziel. 

Sein haupt kurz ruhend legt in frieden. 

Doch müdes haupt, nur du 

Und du nur, herz, so tief zerrissen. 

Kein kissen findst zur ruh 

Als nur des sarges leichenkissen. 

Der prosaische teil unseres briefes ist besonders wichtig dadurch, dass er die 
von Assing stürmisch verlangte empfangsanzeige der von ihm zurückgesendeten jugend- 
briefe Kerners an Rosa Maria enthält. Freilich drückte sich Kerner ziemlich all- 
gemein aus. „Allerdings erhielt ich alles richtig." Trotzdem genügen diese worte, 
um die oben s. 275 geäusserte Vermutung, Kerner habe alles ihm zugedachte erhal- 
ten, zu bestätigen. Der graue staar sei bald, so fuhr Kerner fort, vollkommen und 
zur Operation reif; Assing möge zu ihm kommen und ihn operieren: ,Du solltest 
Dich der alten liebe nur recht noch hingeben. Deine Sehnsucht geht aber, ich weiss 
es wol, und es ist billig, jetzt nach den Sternen und Du fühlst von der erde und 
ihren freuden nicht mehr so viel." Möchte nachrichten von der Schoppe (Amalie) 
haben. „Auch von Kai'l (Varnhagen) höre ich nichts mehr." Der brief, der letzte in 
der ganzen reihe, schliesst mit den werten: „Ich grüsse und küsse Euch tausendmal. 
Gottes trost." 

Man sieht aus den ausführlichen mitteilungen und berichtigungen (denn es ist 
im vorstehenden von nicht weniger als 15G ungedruckten briefen die rede), wie ver- 
besserungs- und ergänzuugsbedürftig die vorliegende briefsammlung ist. Trotzdem 
soll durchaus nicht geleugnet werden, dass sie eine reichhaltige und höchst wichtige 
gäbe ist. Besonders für die entwicklungszeit Kerners bis etwa zum jähre 1825 ent- 
hält sie äusserst bedeutsames und froh zu begrüssendes material. Vor allem sind die 
briefe von und an Uhland herrliche beitrage zur Charakteristik der beiden schwä- 
bischen freunde. Auch sonst wird die Stellung Keruers zu den politischen fragen 
(befreiuugskriege , Griechen, Polen, revolution 1848) durch wichtige äusserungen 
erläutert. Seine wissenschaftliche arbeit und seine hingäbe an gespensterseherisches 
wird durch viele bedeutsame dokumente erklärt. Dem lieblichen bilde, das Kemer 
im verkehr mit seiner treuen gattin und seinen kindern gewährt, werden neue striche 
hinzugefügt. Der alte Kerner, der patriarch, der von Schwärmern nnd neugierigen, 
von lobsüchtigen und lobbedürftigen, von gläubigen und Spöttern aufgesucht wird, 
tritt uns in seiner mischung von naivetät und Schlauheit, weltentfremdung und Welt- 
kenntnis entgegen. An seltsamen erscheinungen unter den briefschreibern fehlt es 



280 MICHELS 

nicht, ebensowenig wie an erquicklichen corvespondenten beiderlei geschlechts. Heisse 
liebe, treue freundschaft, empfindlichkeit, versöhnungsdrang, überschwengliche Sehn- 
sucht, kühle abweisuBg: sie alle kommen abwechselnd zu wort. Das leben der Wirk- 
lichkeit mit seinen rauhen schlagen pocht selten aufdringlich an dieses still umfrie- 
dete eiland. Zu einem weltlichen erbauungsbuche ist in den beiden bänden stotf 

genug. 

Nachtrag. 

Während diese blätter bei der redaktion lagen , sind 4 briefe Kerners an Schücking 
1844 — 54 in „Nord und süd" okt. 1898 gedruckt worden, dabei auch der Vierzeiler, 
oben s. 266; die briefe Kerners an Varnhagen nebst den wichtigeren Assing-brie- 
fen sind von mir zur herausgäbe vorbereitet. 

Aus dem besitz des Schiller- Vereins in Marbach sind mir ferner neun briefe 
von Kerner an den Oberamtsiat Hartmann in Backnang zur Verfügung gestellt wor- 
den. Sie stammen aus den jähren 1815 — 1817 und sind durchaiis medicinischen 
Inhalts. Kein mensch wird daher es unternehmen wollen, diese briefe zu drucken, 
in denen es sich zumeist um unbekannte patienten, in 2 briefen freilich um Kerners 
tochter handelt. Für die geschichte der medicin möchten einzelne briefe wol Interesse 
besitzen, litterar -historisch dagegen sind sie wertlos. Eine erwäbnung an dieser 
stelle verdienen sie aber einerseits dadurch, dass sie eine bisher wenig oder gar nicht 
bekannte briefliche Verbindung Kerners erläutern, andrerseits durch die ungemeine 
berafliche Sorgfalt Kerners, die aus diesen briefen hervorgeht. Er berichtet aufs 
genaueste, ordnet sich aber in seinem urteile vöUig den einsichten des älteren freun- 
des unter. Von sich und seinem können spricht er mit der grössten bescheidenheit. 
Aus einem briefe vom 19. mai (?) 1815 mag die stelle mitgeteilt sein: „Die land- 
stände haben sich brav gehalten und mit Napoleon wird es doch nun ganz zu ende 
gehen." 

Von gedruckten briefen sind mir seitdem die von Kerner an W. Menzel in des 
letztern Denkwürdigkeiten (Bielefeld u. Leipzig 1877) bekannt geworden. 

Therese Huber schreibt an Cotta ll.jan. 1822 von der mitteilung Kerners über 
die Guillotine (vgl. Briefwechsel bd. I, s. 529). 

Dieselbe an schuUehrer Fröhlich, undatiert. Sie habe ein gedieht an Kerner 
„dem freunde und gönner des guten leinwebers Lämmerer", geschickt, was ihm wol 
am angenehmsten sein werde, „da er das mitgefühl, das seine lieder in eines so 
wackern mannes brüst erweckten, mit lebhafter freudc kennen lernen mag." 

BERLIN, 2. JANUAR 1898. LUDWIG GEIGER. 



Deutsches Wörterbuch von Hermaim Paul. Halle, Max Niemeyer. 1897. VII, 
576 s. 8 m. 

Welche grundsätze H. Paul bei der abfassung seines Deutschen Wörterbuchs 
geleitet haben, das hat er 1894 in einem an anregungen reichen Vortrag in der Müu- 
chener akademie ausgesprochen. Diese prolegomena zu einem künftigen deutschen 
Wörterbach haben berechtigtes aufsehen erregt. Die erwartung war aufs höchste 
gespannt, als die erste lieferung des vorliegenden Werkes ans licht trat. Ich kann 
nicht leugnen, dass ich doch einen moment der enttäuschung gehabt habe iind erst 
einer geraumen zeit zu nihiger lektüre bedurfte, um den Vorzügen des werkes gerecht 
zu werden. Diese darlegung möge zugleich entschuldigen|, dass meine besprechung 
später erscheint, als ich gewünscht hätte. 



ÜBER PAUL, DEUTSCHES -n-ÖRTJlRBUCH 281 

Ob es nicht doch eines umfangreicheren werkes bedurft hätte, um die Ver- 
sprechungen einzulösen, die Paul in jenem vertrag gab oder doch zu geben schien? 
Ich kann die frage auch heut noch nicht mndweg verneinen. Indessen war es doch 
unbillig, ein solches zu erwarten. Es konnte Paul natürlich nicht in den sinn kom- 
men, das Wörterbuch der brüder Grimm und ihrer mitarbeiter und das für die neuere 
Sprache nicht minder unentbehrliche von Heyne zu verdrängen. Mit diesen leistungen 
ist die Pauls nicht ohne weiteres zu vergleichen. Jene haben ihre Verdienste, Paul 
hat die seinigeu. Xur hat er dadurch dem beurteiler, der sich bemüht, licht und 
schatten gerecht zu verteilen, den Standpunkt erschwert, dass er in seinem Vortrag 
gegen seine Vorgänger, wie mir scheint, nicht ganz gerecht gewesen ist. 

Die vorrede von Pauls Wörterbuch verschweigt dagegen durchaus nicht, dass 
der Verfasser im wesentlichen mit dem material arbeitet, das bei Adelung, Glimm, 
Heyne usw. zusammengetragen ist. Auch ist es gewiss nicht bloss der rohstoff, den 
jene geliefert haben, vielmehr steht Paul auch in bezug auf die durcliarbeitung des 
materials selbstverständlich oft genug auf den fremden schultern: es liest sich auch 
unter seinen artikelu gar mancher wie ein mit grosser Sachkenntnis gemachter, sehr 
geschickter und lesbarer auszug aus dem entsprechenden in einem der älteren und 
grösseren werke. 

Dennoch ist Pauls buch nicht nur ein durchaus selbständiges werk, sondern 
auch eine ganz hervorragende wissenschaftliche leistung. Er hat sich die aufgäbe 
trotz aller vorarbeiten, die er benutzen konnte, wahrlich nicht leicht gemacht. Auch 
an dieser neuesten arbeit lässt sich erkennen, mit welch einem konsequenten denker 
wir es in dem Verfasser der „Principien" zu tun haben. Unsere deutschen lexiko- 
graphen giengen nach Jacob Grimms vorbild auf die wortheide und sammelten die 
Worte ein wie die blumen, freuten sich über jeden seltenen fund und knüpften ihre 
lehrreichen und behaglichen betrachtuugen an. Das Grimmsche Wörterbuch, um nur 
von diesem zu reden, umfasst einen Zeitraum von mehr als drei Jahrhunderten. Der 
Wortschatz Luthers musste nicht minder zur geltung gelangen als der Goethes. Jeder 
aiükel repräsentiert einen querschnitt, in dem die verschiedenen geuerationen der 
nhd. Sprachgeschichte über einander gelagert sind wie schichten im gesteiu. Wie 
aber Hesse sich der Wortschatz trennen vom kultui'ellen leben der nation? "Ootl.; uv 
ti^eir] T« dvöfxcacc, tiStit] xcd tu TiQÜyfxuTu. So ward der lexikograph zum kultur- 
historiker und litterarhistoriker. Bald waren die schiiftstellerischen Individualitäten, 
die einen neuen ausdruck geprägt haben, schärfer ins äuge zu fassen, bald war eine 
belehrung über die deutsche rechtssprache geboten, bald die spräche der Jäger, der 
fischer, der Handwerker zu erörtern oder gar den verschlungeneu pfaden philosophischer 
forschung nachzugehen. Wie viel feine bemerkungen enthalten nicht z. b. R. Hildebrauds 
artikel; wie sorgsame kulturhistorische Studien verraten etwa die Heynes! Ereilich 
die bearbeiter des Grimmschen Wörterbuchs hatten vielseitig nach aUen richtungen 
auszuschauen, und darum vernachlässigten sie allerdings manches von dem, was nun 
Paul als die wissenschaftlichen aufgaben der lexikographen präcisiert. 

Ihn interessiert das leben der spräche als solcher allein: das Wörterbuch ist 
ihm in viel höherem masse ein teil der grammatik als irgend einem andern lexiko- 
graphen. In dieser einseitigkeit liegt seine stärke. Er verfährt viel mehr als natur- 
forscher. Wie der botaniker die flora eines landes in einem gegebenen Zeitpunkt als 
ein ganzes betrachtet, so er die deutsche xotv/; der gegenwart. Das historische ele- 
ment kommt nur insofern zur geltimg, als jedes wort mit seinen bedeutungen eben 
ein geschichtlich gewordenes ist. Es fehlen z. b., um nur dies eine anzuführen, kul- 



282 MICHELS, OBER PATTL, DEUTSCHES WÖRTERBUCH 

turhistorisch so interessante Wörter wie die meisten obstnanieu. Deshalb ist er frei- 
lich auch viel besser imstande zu zeigen, wie sich hier eine bedeutimg entwickelt, 
dort eine solche abstirbt, hier ein wortbildendes element üblich ist, dort nicht: kurz 
imstande, die gegenwärtige spräche als eine lebende darzustellen. 

Im wesentlichen ist es natürlich die bedeutungsgesuhichte , die Paul ins äuge 
fasst. Und es ist wirklich ein vergnügen zu sehen, wie sorgfältig er die entfaltung 
der verschiedenen bedcutuugsnüanziei'ungen bei jedem wort durchdacht hat. In der 
tat wird kaum ein anderes werk gleich lebhaft zum nachdenken über die spräche 
anregen. Gerade die scharfe begrenzung seiner aufgäbe hat es ihm überdies ermög- 
licht, auf dem knappsten räum etwas vorzügliches zu leisten. Pauls buch ist ein 
Wörterbuch, in dem man immer gern liest: mir ist das auch von nichtfachleuten 
bestätigt worden. Wer bedeutungsentwicklungen studieren will , wird stets das bedürf- 
nis haben, in erster linie zu hören, wie Paul sie sich zurecht gelegt hat. Weniger 
vielleicht wird sich das werk als hilfsmittel bei der lektüre von Schriftstellern eignen, 
obgleich auf die abweichungen der spräche unserer klassiker und Luthers von der 
spräche der gegenwart fortwährend aufmerksam gemacht ist. 

Wie sich denken lässt, sind besonders die abstracta meist vortreffHch behan- 
delt. Der grösste vorzug des neuen Wörterbuchs liegt jedoch in der sorgfältigen 
behandlung der pronomina, partikeln, präpositionen , die sonst stiefmütterlich zurück- 
gesetzt zu werden pflegen; wobei man denn freilich auch bedenken muss, dass eine 
einheitliche behandlung in einem einen grossen Zeitraum mnspannendeu werk seine 
eio-entümliclieu Schwierigkeiten hat. Ausgezeichnet sind z. b. die artikel aber, auch, 
recht gut all, als, an, auf; hübsch auch die den Wortbildungselementen ent-, ver-, 
-ach, -lieh, -heit, -tum, -mut u. a. gewidmeten. Weniger glücklich scheint mir was 
über ein gesagt ist. (Vgl. „Verschieden davon sind Wendungen wie sie waren ein 
herz und eine seele, die eine im eigentlichen smne nicht zutreffende Übertreibung 
enthalten." Das klingt doch etwas merkwürdig). 

Auch darin bietet Paul eine neuerung, dass er aus der Umgangssprache vieles 
aufgenommen hat, meist mit kurzen bemerkungen über das Verbreitungsgebiet der 
betreffenden Wörter und Wendungen. Korrekturen werden hier sich mehrfach ergeben. 
Als „nordd. volkstümlich" ist z. b. s. v. anspräche bezeichnet: er hat keine ansjirache. 
Mir ist es gerade im munde von süddeutschen (Wienern) begegnet, während es mir 
aus Norddeutschland (Berlin) nicht geläufig war. Ebenso hat mich die form schläks 
befremdet, während schlaks, schlacks meines wissens recht verbreitet ist. Unter 
bremse „Vorrichtung zur hemmung eines räderwerks, gegenwärtig namentlich einer 
Lokomotive" ist der zusatz nicht richtig. 

Dass eine reihe von Wörtern fehlt, ist im Vorwort begrüudet, vgl. auch die 
ausführungen Braunes im Litterarischen centralblatt 1896 sp. 915 fg. Ich sehe indessen 
nicht ganz das princip, das dabei gewaltet hat. Wenn Paul pflaume, pfirsich an- 
führt, aber apfel, kirsche, birne nicht, so lässt sich erkennen, dass jene Wörter 
genannt sind, um auf die Verwendung von xzvetsche und pfirsche aufmerksam zu 
machen. Aber warum verdiente z. b. pfarrer aufnähme, priester, probst, kirche, 
altarnichi? So ist mir ferner das fehlen aufgefallen von : bigott, bodenständig, geist- 
reich, gerieben (= durchtrieben), gerümpel, gletscher, hege, hegemeister, hemmen, 
hemmschuh, hengst, henne, hering , heulen, Meister, kno7-pel, mundschenk, regen 
(subsi; nur regnen), reichhaltig, tihlen „fegen, reinfegen, insbesondere decken" 
(vgl. dazu unter eule). Unter grund hätte wol die bedeutung des wertes in kaffee- 
grund erwähnt werden sollen. 



BERICHTIGUNG. NEUE ERSCHEINUNGEN 283 

Hier und da habe ich den eindriick gehaLt, als habe Paul eine etymologische 
bemerkung mit rücksicht auf Kluge unterdi'ückt, dem koukurrenz zu machen er sorg- 
fältig vermeidet. Im allgemeinen bin ich auch aus innem gründen damit vollständig 
einverstanden. Für das was Paul an der band der Wörter lehren will, ist es meist 
ganz gleichgültig, wie die indogeimanischen Urformen gelautet haben. Auch mit 
Kluges Wörterbuch ist Pauls nicht auf eine linie zu stellen. Indessen hätte sich 
doch noch öfters die etymologie zur erklärung verwenden lassen. 

Um schliesslich auf das äusserliche zu kommen, so ist das handliche format 
sehr zu loben. In erwägung stellen möchte ich für eine zweite aufläge, ob es nicht 
zweckmässiger wäre, die belege in antiqua zu drucken, die Schwabacher typen heben 
sich schlecht von den gewöhnlichen frakturlettern ab. Auch sieht sich der Verfasser 
vielleicht veranlasst, die disposition der längeren artikel durch äussere mittel (wie 
numerierung) mehr in die äugen springen zu lassen. Ich könnte mir denken, dass 
er seine gründe dagegen hat; doch gestehe ich, es auch sonst stets mit denjenigen 
autoren zu halten, die es dem leser möglichst bequem machen. 

JENA, 29. JUNI 1898. VICTOR MICHELS. 



Berichtiguug:. 

In seinem bericht über die philologenversammlung zu Dresden (bd. 30 s. 366 
dieser ztschr.) bemerkt E. Bassenge irrtümlicher weise, dass sich dr. Bolte in der 
debatte „ g^gen einige Schlussfolgerungen des redners" gewendet habe. Dr. Bolte 
hat jedoch, soweit ein direktes urteil damals überhaupt möglich, sich durchaus zu- 
stimmend geäussert und nur auf gnind seiner neuesten forschungen eine Montanus 
betreifende bisherige annähme berichtigt. Die schlussfolgeningen des Vortrags wur- 
den dadurch in keiner weise berührt. karl Drescher. 



NEUE ERSCHEINUNGEN. 



Bachmaun , A. , Mittelhochdeutsches lesebuch mit grammatik und Wörterbuch. 2. aufl. 

Zürich. Fäsi & Beer. 1898. XXXII, 274 s. 4 m. 
Beowiilf. Mit ausführlichem glossar herausg. von Moritz Heyne. 6. aufl., besorgt 

von A. Soein. Paderborn, Schöningh. 1898. VIll, 298 s. 5 m. 
Detter, F., Zur erklärung der lausavisur der Egilssaga. Halle, Niemeyer. 1898. 

30 s. 1 m. 
Folkesag'U og aeveiityr, faeroske, udgivne for Samfund til udgivelse af gammel nor- 

disk litteratur ved Jakob Jakobseu. 1. hsefte. Kobenh. 1898. 160 s. Kr. 4,00. 
Gerhard von Minden, Fabeln in niederdeutscher spräche, herausg. von A. Leitz- 

mann. Halle, Niemcyer. 1898. CLXVI, 304 s. 12 m. 
Geyer, P. , Schillers ästhetisch -sittliche Weltanschauung, aus seinen philosophischen 

Schriften gemeinverständlich erklärt. 2. teil. BerUn, Weidmann. 1898. VII, 72 s. 

1,60 ra. 
Oull-pöris saga eller torskfirdinga saga udgiven for Samfund til udgivelse af gam- 
mel nordisk litteratur ved Kr. Kälund. Kobenh. 1898. XXIII, 72 s. Kr. 2,50. 
Heimski'ing-la. Noregs konunga sggur af Snorri Sturluson, udg. for Samfund til 

udgivelse af gammel nordisk litteratur ved Finnur Jonsson. 6 haefte. K0benh. 

1898. S. 161 — 352. (Heft 1 — 6 kr. 34,00.) 
Heinzel, R., Beschreibung des geistlichen Schauspiels im mittelalter. Hamburg, 

Voss. 1898. VIII, 354 s. 2 m. 



284 NACHRICHTEN. AUFRUF UND BITTE 

Jelliiiek, M. H., Ein kapitel aus der deutschen granunatik. Halle, Niemeyer. 1898. 

80 s. 2 ni. 
Ki'ans, C. , Das sogenannte 2. büchlein und Hartmanns werke. Halle, Niemeyer. 

1898. 62 s. 2 m. 
Menne, K. , Der einfluss der deutschen litteratur auf die niederländische um die 

wende des 18. und 19. jahrh. Weimar, Felber. 1898. (IV), IV, 97 s. 2,40 m. 
Meriiiger. R., Etymologien zum geflochtenen haus. Halle, Niemeyer. 1898. 16 s. 

1 m. 
3Iuch , R. , Der germanische himmelsgott. Halle, Niemeyer. 1898. 90 s. 2,40 m. 
OberlHuder, H. , Die geistige entwickelung der deutschen Schauspielkunst im 18. 

jahrh. Hamburg, Voss. 1898. IX, 216 s. 5 m. 
Seemüller, J., Studien zu den Ursprüngen der altdeutschen historiographie. Halle, 

Niemeyer. 1898. 74 s. 2 m. 
Singer, S., Zu Wolframs Parzival. Halle, Niemeyer. 1898. 84 s. 2,20 m. 
Stichler, A., Das M'landische rührstück, ein beitrag zur geschichte der dramatischen 

techuik. Hamburg, Voss. 1898. IX, 157 s. 3,50 m. 
Zwierzina , K. , Beobachtungen zum reimgebrauche Hartmanns und Wolframs. Halle, 

Niemeyer. 1898. 75 s. 2 m. 



NACHRICHTEN. 

Zu ausserordentlichen professoren wurden befördert die privatdocenten prof. 
dr. A. Häuften in Prag, dr. A. Leitzmann in Jena und prof. dr. Th. Siebs ia 
Greifswald. Der privatdocent dr. F. Jostes in Münster erhielt den professortitel. 

Der ausserordentliche professor dr. A. Köster in Marburg wurde als Ordinarius 
nach Leipzig, prof. dr. W. Streitberg in Leipzig als extraord. der vgl. Sprachwis- 
senschaft nach Münster berufen. 

Der ordentliche professor dr. A. Eeifferscheid in Greifswald erhielt den 
Charakter als geh. regierungsrat. 

Professor dr. R. Heinzel in Wien feierte das 25jährige Jubiläum als Ordina- 
rius an der dortigen Universität. 



Aufruf und bitte. 

Salomon Hirzels Goethe -bibliothek ist bekanntlich durch letztwillige Verfügung 
ihres besitzers im jähre 1877 der universitäts- bibliothek zu Leipzig übergeben und 
damit der öffentlichen beuutzung zugänglich gemacht worden. Was diese kostbare 
Sammlung für die Goethe - forschung geleistet hat und leistet, ist bekannt, zu ihrer 
fortsetzung wurde durch eine neuerliche dankenswerte Schenkung der familie Hirzel 
ein erfreulicher anfang gemacht. 

Das schon vorhandene zu ergänzen und die Sammlung weiter fortzuführen, 
hält die bibliotheksverwaltung für ihre püicht. Aber freilich, wie schon Ludwig Hir- 
zel im Vorworte zum „Verzeichnis einer Goethe -bibliothek" es aussprach: gross sind 
die Schwierigkeiten „eine bedeutende anzahl teils nur in wenigen exemplaren erschie- 
nener, teils der flüchtig verrauschenden tageslitteratur angehörender schritten zusam- 
menzubringen." 

Daher richtet, dem beispiele L. Hirzels folgend, die unterzeichnete direction 
an alle freunde der litteratur, welche neues von Goethe bekannt zu machen 
in der läge sind, die bitte, ihre hierher gehörigen Veröffentlichungen der 
Leipziger universitäts -bibliothek geneigtest zugehen lassen zu wollen. 
Leipzig, im december 1898. 

Die direction der luiiversitäts - bibliothek. 



Halle a. S. , Buchdruckerei des Waisenhauses. 



ÜBEE AISL. ELDB, AGS. ^LED „FEITEE'' USW. 

Noch 1889 schreibt Fick, Ygl. wb.^ I, 369 unter oUyo „brenne", 
,,lat. ad-oleo verbrennen (besonders opfer), ad-ohscere verbrennen (in- 
trs.), ags. Ulan brennen, in-äkin, on-älau incendere, an. ehl-r g. 
elds = as. eld = ags. ciled in. feuer, brand", usw. Dieser passus ent- 
hält in bezug auf die germanischen sprachen so wesentliche fehler, 
dass es nicht unangebracht erscheinen wird, die erörterung über die 
hiermit im Zusammenhang stehenden Wörter nochmals, und zwar auf 
einer breiteren basis, zu führen. Ich tue es um so viel mehr, als 
in der Fick'schen stelle — anscheinend entgegen dem was jetzt gelehrt 
wird — doch ein kern von Wahrheit steckt. Jedesfalls scheint es nötig, 
die Untersuchung über eldr usw. nochmals aufzunehmen, da die rich- 
tige auffassung, die vor mehr als 30 jähren von Blomberg, Bidrag 
tili den germanska omljudsläran 33 n. 3 (1865) und von Holtzmann, 
Altd. gr. I, 1, 70 (1870) — und zwar vom ersteren ausdrücklicher — 
angedeutet worden ist, noch nicht, wie aus dem obigen citat und son- 
stigen äusserungen erhellt, durchgedrungen ist. 

Die frage ist indessen schon 1879 für das germanische von 
Läffler auf grund von schwedischen dialektformen des wertes eld klar- 
gestellt (Svenska landsmälen I, 271 fgg. 739 fgg.; vgl. Gering, Ztschr. 
f. d. phil. XIV, 100; Kock, A. f. n. f. VII. 176; Tamm, Et. sv. ordb. 
122). Ich werde hier nur kurz über die resultate Läfflers — mit den 
übrigens ganz unbedeutenden modifikationeu , die nunmehr selbstver- 
ständlich sind — referieren. Es kommen hier zunächst die vokalischen 
Verhältnisse der sogenannten Wurzelsilbe des wurtes in beti-acht. Es 
wird sich hier zeigen, dass die schwedischen formen (reichssprach- 
liche und dialektische) auf gemeinnord. (rei und ce — über deren ent- 
wicklung aus gemeinurnord. cd im verlauf gehandelt wird — zurück- 
geführt werden müssen. 

1. Auf gemeinnord. cei sind zurückzuführen z. b. estschwed. 
üild (formen wie aild, äild, cjld, äil usw. i), in Österdalarne jald, 

1) Eusswurm. Eibofolke 11, 314; Freudenthal Upplysningar om Rägö- 
och Wichterpalmalet i Estland 16ß. 183; Fro udonthal und Yondpll. Ordhok öfver 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHK PHII.OLi MilE. HO. XXXI. 19 



286 .JOHANSSON 

jäkl, jeld usw. (Noreeu^ Sv. landsm. IV, 2, 40: jäll, jälla^)^ in Södra 
Möre (Kalmar län) äjlV\ in Hallancl ajla „zünden" (und o/jl „feuer")^, 
in Uplaud jell (jedesfalls wol Vätö jell, Scliagerström, Sv. landsm. 
II, 4, 19. 24. X, 1. 17 1), vielleicht auch in Södermanland jellä 
„feuern" (üpmark, Upplysningar oni tblkspräket i Södertörn 14). Alle 
diese formen stimmen zum aschwed. elcler, das soviel als ekler bedeu- 
ten muss. Das wird direkt bestätigt durch die häufige Schreibung eel- 
der (Rydquist, Sv. spr. lagar IV, 38; Noreen, Aschwed. gr. § 80. 
II, 2 s. 78). Das frühere aschwed. ad — entstanden aus urnord. ai — 
ist etwa seit 1000 im aschwed. — ausser dem agutnischen — zu ge- 
schlossenem 6 geworden (Noreen, Aschwed. gr. § 124 s. 115 fg.). 
Über eventuelle entwicklung zu /, wie das seltene iUdher, nschwed. 
dial. illröd, illane röd „feuerrot" s. Kock, Undersökningar i svensk 
spräkhistoria 40 und die daselbst cit. litt, sowie A. f. n. f. XI, 136 fgg. 
Auch im öländ. /"// (Bodorf, Bidrag tili kännedom om tblkspräket pä 
Öland 46). 

Zu dem soeben genannten aschwed. rdder stimmt das reichssprach- 
liche ekl mit geschlossenem aus e verkürztem e-laut. Noch in Gustav 
Wasas bibel findet sich die Schreibung eekl. Von dieser form sind die 
meisten dialektischen formen ausgegangen, wie z. b. eil in Fryksdalen 
(Värmland, Noreen, Ordbok öfver Fryksdalsmälet 22, vgl. Fryksdals- 
raälets Ijudlära 12), ella in Nerike (Djurklou, Ur Nerikes folkspräk 
27), eil in Helsingland (Ordbok öfver allmogemalet i Helsingland 13), 
eil auf Öland (Bodorf, Bidrag tili kännedom om folkspräket pä Öland 
46) usw. 

2. Aschwed. ce liegt folgenden formen zu gründe. Der Närpesdia- 
lekt (in Finnland, Freudenthal, Über den Närpesdialekt 29) hat eine 
form eld, das wohl durch *celd hindurch aus -'celd entstanden ist (Lind- 
gren^ Sv. landsm. XII, 1, 25 n. 3); eine andre entwicklung nimmt 

de estländsk-sveuska dialekterna 14. 265; Vendell, Laut- und formeulehre der 
schwed. mundarten in den kirchspielen Ormsö und Nukkü in Ehstland 58. — Das 
aus Nukkü angefühiie ükl (Freudenthal und Von doli 266) scheint sowol *eildr 
wie eldr sein zu können. — Die form aüd auch auf Eunö (Vendell, Sv. landsm. 
11, 3, 23. 152) — Vgl. übrigens Hultman, De östsvenska dialekterna 175. 177. 

1) Vgl. auch Dalarnes fornminnesförenings ärsskrift I, .59. 89. II, 76; Lun- 
dell, Sv. landsm. I, 64. 131. 

2) Linder, Om allmogemalet i Södra Möre hilrad af Kalmar Hin 191. 

3) Möller, Ordbok öfver halläudska laiidskapsmalet XVIII (aber eld-lar 
s. 34); Läffler a. a. o. 281. 

4) Vgl. Lundell, Sv. landsm. I. 124. 739. 



ALTlSL. ELLlR 287 

Lät'fler a. a. o. s. 278 an, der auch auf die mögiichkeit hinweist, dass 
es aus ^eild, d. h. "^'mld^ entstanden sein könnte. In Non-land {?.. b. 
Burträsk) eil aus -'Velder aus aschwed. celder (Lindgreu a. a. o., vgl. 
114 fg.). 

Überhaupt scheinen die fiunländischen uufl norrländischen dia- 
lekte ausschliesslich (oder meist) vom aschwed. alder (isl. eldr) aus- 
gegangen zu sein. Ausser der Närpesforni cid sind mir bekannt z. b. 
Kökars cid (mit offenem e nach Karsten, Sv. landsm. XII, 3, 35, vgl. 
Hultnian, De östsvenska dialekterna 146); Gamla Karleby celd (Hag- 
fors, Sv. landsm. XII, 2, 26), Vöra eld (mit offenem e; Freudenthal, 
Vörämälet 17. 140); eld in Korpo und Houtskär (Fagerlund, Anteck- 
ningar om Korpo och Houtskärs socknar 131). Dagegen freilich auf 
gemeinnord. *reUd- (schwed. cid) scheinen zurückzugehen Finnby eild 
(Vendell, Ordlista öfver det svenska allmogemälet i Finnby kapell af 
Bjärnä socken i Abo käu 44) sowie äild aus Nyland (Vendell, Sam- 
lingar af ord ur Nyländska allmogemälet 280), wo aber noch eld (im 
westl. Nyland, ebd. 44) und das als selten (ebd. 93) angegebene ild 
(Pojo, Tenala), aus cclder (isl. eldr, vgl. tjeldo, isl. kelda us\v.), wenn 
sie nicht aus der reichssprache eingedrungen sind. Wie das wort 
in Pedersöre und Pui'mo heisst, weiss ich nicht, wahrscheinlich wol 
eld (mit offenem ej; dann aber ist es wol nur aus celder herzuleiten 
(vgl. Vendell, Pedersöre -Purmo- malet 36. 39. 76. 81. 125. 127 spe- 
ciell über Wörter wie kveld u. dgl.). — Über das norrländ. eil (Bur- 
träsk) ist schon gehandelt. Unklar ist mir Degerfors (Vesterbotten) cl 
(worüber A ström, Sv. landsm. VI, 6, 26 nicht ganz klar gehandelt). 
Aus fehler (das man nach Burträsk am ehesten voraussetzen sollte), 
wäre Avol nur ■eil (mit offenem e) entstanden; man wird wol annehmen 
müssen, entweder dass gemeinnord. '''ceild- wie im reichsschwed. zu eld 
geworden und die länge des e bewahrt ist, oder dass die reichssprach- 
liche form frühzeitig, während sie noch eldcr hiess, eingedrungen ist. 

Auf celder scheint auch, so weit ich zu urteilen vermag-, dd, dda 
(äl, lila mit langem ä) aus Sörbygden in Bohuslän, nahe der norwe- 
gischen grenze, zu beruhen (Nilen, Ordbok öfver folkmälet i Sörbyg- 
den 166). 

Im aschwed. mit einschluss des agutnischen kommt nun adcler, 
resp. eldr'^^ vor. Diese formen sind aus gemeinaltnordischem eldr 
entstanden (s. Noreen, Aschwed. gr. § 113 s. 105 fg.). 

]) Hioraus ngutu. (Fai'ö) dd (Noreeii. Sv. landsm. 1, 330; K liii 1 lnTi;, ebd. 
VI. 1, ?A). 

19* 



288 JOHANSSON' 

Dazu stimmt nun das aisl.(-anorw.) mit seinem eldr, sowie das 
norw. dial. eld, eil (mit offenem ß, d. h. re). Dies aber muss aus csi 
vor einer tautos3^11abischen oder durch synkope entstandenen konso- 
nanteugruppe oder geminata entstanden sein (Noreen, Aisl. u. anorw. 
gr. § 115 s. 71; Aschwed. gr. § 80, II, 2 s. 77). Die synkope muss 
urnordisch sein (Noreen, Aisl. u. anorw. gr. § 294, 2 s. 159 fg.; Pauls 
Grdr. P, 558 § 41). Dass es auch im anorw. formen mit cei, ei, d. h. 
*eildr (resp.. *eileär) gegeben habe, hat Läffler aus nnorw. dial. for- 
men eild, eill, eile (Aassen 131; Ross 138) geschlossen. Nun kann 
— wenigstens in Gudbrandsdalen — eine form eHddr eher als sekun- 
däre mouillierung vor Id betrachtet werden (vgl. J. Storni, Norvegia 
I, 84 fg. 120; Larsen, De norske bygdemäl 45), folglich aus eldr 
erklärt werden. Und nach gütiger mitteilung von Bugge lassen sich 
die neunorw. formen alle aus dem anorw. eldr herleiten (d. h. mit 
sekundärer mouillierung, resp. diphthongentfaltung), beweisen folglich 
nicht das heutige Vorhandensein eines mit dem reichsschwed. eld iden- 
tischen '*eild ^. 

Das dänische mit seinem ild — sowie schon, ill (Billing, Asbo- 
mälets Ijudlära Sv. landsm. X, 2, 14 fg. ; Olsen i, Södra Luggudemä- 
lets Ijudlära ebd. VI, 4, 12), vgl. das seltene aschwed. illdher usw. 
oben s. 286 ■ — wird auf eldr zurückgehen müssen; über die weiteren fälle 
und bedingungen s. Noreen, Fryksdalsmälets Ijudlära 10; Columbi 
Ordeskötsel XI; Aschwed. gr. § 103, 1 s. 95; Pauls Grdr. I^ § 144 
s. 590; Svenska etymologier (Skrifter utgifna af Kongl. humanistiska 
veteuskapssamfundet V, 3) 21 fg.; Kock, Undersökningar i svensk 
spräkhistoria s. 40 fgg. und die daselbst cit. litt. Antiqvarisk tidskrift 
för Sverige XVI, 3, 2. Auf dieselbe quelle ist natürlich zu beziehen 
das bornholmische vä-ijl „elmesfeuer". 

Es wird wol augenscheinlich sein, dass der Übergang e > i seit 
der zweiten hälfte des 15. Jahrhunderts stattgefunden hat; denn die 
ältere aus dieser zeit stammende Schreibung ist eld(h) (Molbech, 
Gloss. I, 183; Lund, Det seldste danske skriftsprogs ordforraad 27; 
Kaikar I, 449). Sowol die älteren dial. formen (aus Jütland) wie ield 
jeld „teuer", jcld „Schornstein" (Moths Ordl.; Kaikar II, 439), wie die 
modernen (aus Jütland) stammenden formen ill, eil, edl, idl, idrl (s 
Feilberg II, 9) müssen, nach einer gütigen mitteilung von M. Kri- 

] ) Vgl. die analoge Vertretung von aisl. hield, das seiner et.ymologie nach 
freilich nicht mit Kock, A. f. n. f. YII, 175 fgg.; XI, 3, 26 n. 1 zu fassen ist, s. 
Lidt'-n, Spräkvetenskapliga sällskapets förhaudhingar 1891 — 94, 71 fg. = BB. XXI, 
104 fg. 117; Zupitza, Genn. gutt. 85. 



ALTISL. ELDR 289 

stensen, alle aus %W-, resp. *pM- hergeleitet werden. Auch nicht 
die Schreibung (eldiani Schleswig stadtr. 60 (Dyrlund, A. f. n. f. XI, 56) 
braucht auf aisi. eldr zui'ückzugehen, sondern kann *eld- sein. Dagegen 
glaubt Kristenseu für die südlichen (schleswigschen) formen edl (Sun- 
deAvitt), id und iorl (Angel -Fjolde) eine grundform mit et {"-elä-) anneh- 
men zu müssen, für Jütland *cld-. Ist dem so, kann es wol nur eine 
nachwirkung seiu von dem ehemaligen neben einander synkopierter nnd 
unsynkopierter formen, etwa wie aisl. *eiledr — elde, wo bei dem kom- 
promiss zwischen den beiden formen — sowol *eld- wie *ekt- ■ — in 
letzterem fall auch d von '"'eiledr übernommen worden ist. 

Das wort ist auch auf westgermanischem gebiet vorhanden. Hier 
wird es schwer sein zwischen ursprünglich synkopierten und unsynko- 
pierten formen zu scheiden. Jedesfalls w^eisen sie unzweideutig auf 
germ. at- hin. So zunächst ags. celed (eled) gen. celdes „feuer" von 
Sievers seit Anglia I, 576^ und in seiner Ag. gr. ^ s. 83, vgl. jetzt 
3§ 244 s. 126, richtig angesetzt. Dazu nocli das vb. oncUan „anzün- 
den"', alles eine Wurzelsilbe mit germ. cdl- voraussetzend. Darauf weist 
natürlich auch as. cid hin, das soviel wie cid bedeutet. 

Etwas verwickelter scheinen die vokalischen Verhältnisse im frie- 
sischen zu sein. Dass eine Wurzelsilbe ail- auch da anzusetzen ist, 
kann nicht zweifelhaft sein. Zunächst soU im afries. ein ilda „feuern" 
vorkommen (v. Richthofeu 848 u. ili). Richthofen citiert es aus 
de Haan Hettema ohne angäbe des fundortes. In dessen Idioticon 
frisicum ist es nicht aufgenommen; und nach prof. v. Helten sind 
die angaben Hettcmas völlig ,unzuverlässig. Dass ein ilda wirklich 
vorhanden gewesen sein kann, erhellt aus andern fällen. Es kann dies 
sowol im awfries. wie im aofries. verkürzt sein aus ild- (wie z. b. aofr. 
hehja und weiter danach helligh usw., v. Helten, Aofries. gr. s. 46). 
Aus germ. cd- entstandenes c kann hier und da als i erscheinen (z. b. 
hilgeni, hilge usw\ neben Jicligou usw., s. v. Helten, Aofries. gr. s. 24, 
vgl. betreffend die behandlung von e (nicht «-) s. 18 und PBB. XIX, 
361 fgg.; Yerh. d. koninkl. akad. v. wetensch., afd. letterk., deel I n° 5, 
25 n. 1; PBB. XXI, 443 fgg.; Siebs, Pauls Grdr. I, 735 fg.; PBB. XI, 
211. 232'-). Hierzu gehört unmittelbar nwfr. jeldje bei Japicx (Ep- 

Ij Wo er in isl. eldr Verkürzung aus eildr auiiimuit wie iu helrji, enyi aus 
*heilyi, *einngi. 

2) Über die behancUung im as. s. Gallee, As. gr. I. §40; Kögel, IF. IU, 
286 fgg.; V. Helten, IF. V, 188 fg. Über e Gallee, As. gr. I § 37 ; Kögel, IF. in. 
285 fg.; v. Helten, IF. V, 187 und die daselbst cit. litt, sowie PBB. XXI, 445 fgg. 



290 JOHANSSON 

kenia, Woordcnb. op do gedichten van G. Japicx s. v.), jeldje v. Kel- 
ten, IF. VII, 339 mit regelrechter (dialektischer) entwicklung von c zu 
ie, je aus awfr. *eM/a (vgl. Siebs, Pauls Grdr. I, 736; v. Holten, 
FBB. XIX, 361 fg. XXI, 438 fgg.; Z. lexikol. des awfr. 25 u. 1; 
IF. VII, 339. 347 usw.). Es ist nicht zu bezweifeln, dass sowol ll 
(ild) auf Föhr und Helgoland, sowie Hing „feuerung" dialektische ent- 
wicklimg desselben urfriesischen e- (aus ai-) ist, sowie ial „feucr, 
leuchtfeuer" (Johansen, Die nordfries. spr. n. d. Föhringor u. Amrumor 
mundart s. 9); obwol in den letzten fällen wol nicht entlehnung aus 
dem dänischen, wo dial. (Jütland) formen wie idl u. dgl. vorkommen 
(Feil borg II, 9), ganz ausgeschlossen ist. 

Auch im nostfr. kommt ein spross des fraglichen wertes vor, näm- 
lich eilen, frequ. ellern „brennen, heizen, feuern, ein helles flackern- 
des, flammendes feuer machen, heizen dass es tüchtig brennt usw.", 
Avozu noch vielleicht ehjern „einen neuen backofen mit einem hellflam- 
menden feuer von stroh, reisig usw. ausbrennen, um alle feuchtigkeit 
daraus zu entfernen und ihn zum backen geschickt zu machen" (Dorn- 
kaat-Koolman s. vv.). Es liegt auch hier ein urfr. eld- zu gründe 
(vgl. V. Helfen, Aofr. gr. 21 fg.). Dass es einen Wechsel zwischen 
umgelauteten und nicht umgelauteten formen dieses wortes gegeben hat 
und folglich derselben art wie die von v. Helfen a. a. o. verzeichneten 
formen, davon scheint ein beleg vorhanden zu sein in dem von Outzen 
140 erwähnten fries. aalto)nj „eine feuerzange", woran nicht zu zwei- 
feln ist, obwol es, soviel ich zu übersehen vermag, anderswo nicht 
gebucht ist. Man hätte, nach der früheren fassung v. Helfen s, Aofr. 
gr. 21 fg. über den Wechsel ä : e somit für das friesische ein paradigma 
'^äld- : *eld- anzunehmen, und zwar etwa (aus nom. *eled(a)x *ele- 
d(a)x oder vielleicht eher *äled(a):i *äleä(a)z.) z. b. d. *eld-e '^eld-e : 
pl. ^ald-öx, wol auch z. b. gen. sing. *aldes usw. Aber nach der 
zwischen Bremer, Jahrb. d. ver. f. niederd. spracht". 1890, 163 und 
V. Helfen, IF. VII, 339 fgg. geführten diskussion wird man wol 
nach den von dem letzteren s. 340 fgg. aufgestellten bedingungen 
das ä beurteilen. Dass ''^äleäfajx, resp. ^'eleä(a)x aus gemeingerm. 
''ailepa- oder ^aüMa- hervorgegangen sein muss, wird sich sogleich 
zeigen. 

Bevor ich aber zu dieser erörterung komme, möchte ich anhangs- 
weise ein anderes niederdeutsches wort eventuell eliminieren. Schwie- 
rig zu beurteilen ist nämlich ein nd. elt, alt, ~dt „schwielige hornhaut 
in den bänden und unter den füssen" usw. Die ältesten formen mnd. 
mnl. elt (eeltj , cell, alt (ßichey, Id. Hamb. 52; Brem. wb. 1, 13. 308; 



ALIISL. ELDR 291 

Diefenbacli-Wülcker 429; SchiJler-Lübben I. 651 u. a.), Iliini. 
clt „Schwiele'' (Diiffläus 10-4); ud. äld „Schwiele, harte haut"' (Kose- 
garten 206). Dass sie zu ags. celed, as. eld usw. gehören sollten, ist 
an sich nicht unmöglich (vgl. die bedeutung von ags. ddcl ddl „eut- 
zünduug. krankheif' usw.. eben zu aWco usw., s. Bosworth-Tuller 7; 
Leo 259). Wahrscheinlicher ist wol aber, dass liier zwei wurte zu- 
sammengeschmolzen sind, einmal die bekannte weiterbildimg mit -t(e) 
zu ags. iUy aisl. // „fusssohle", nd. de „schwiele an den bänden und 
füssen''. afr. üi, üe, il, nfi-. el il „schwiele" usw., andrerseits dieselbe 
Weiterbildung von mnl., mnd. adel, äl „geschwulst. geschwür. iinger- 
geschwür, panaritiunr' (Uähnert 3; Teuthonista ed. Verdam 4; 
Schütze. Holst, id. I, 313. Schiller-Lübben I. 14) i. Dass dies 
alt äld um so viel eher aus adel (ädel), äl herzuleiten ist, beweist 
das daneben liegende nd. adelt „schwiele". Dies ist übrigens schon 
im Brem. wb. I. 13. 303 angenommen worden. — Ein ganz andres 
wort ist nmd. ad(d)ci(e), cddcl, iddel, äl usw. „zusammengeflossene 
garstige feuchtigkeit. jauche, harn", nfi". ctliel, ags. adela, adele „coe- 
luim", schwed. d. adel, addel, ael, al, „harn", ala „harnen" usw. (s. 
Kietz 6). Etymologische vorschlage über die beiden nd. adel s. Ei- 
den, Spräkvetenskapliga sällskapets förhandlingar 1891 — 94, 80 fg. = 
BB.XXI, 113. 

Aus dem tatsächlichen formenbestand des hier behandelten wer- 
tes können wir Schlussfolgerungen auf die ursprüngliche Avortbildung 
ziehen. Die nordischen sprachen setzen einen stamm '^aileda- 'räleda- 
voraus. Ein gemeinaltn. paradigma *eiledr d. "^eildl ergab bekanntlich 
*eile(tr d. cldi. Daraus entstand durch Verallgemeinerung der dat. -form 
(Noreeu, Aisl. u. anorw. gr. § 136 s. 84) das gemeinaltnord. cldr ccldr. 
Die unsynkopierte nom.-form ist auch wirklich, obwol sehr spärlich 
bezeugt, nämlich für das aschwed.. wo eleper (vgl. ags. celed) zu finden 
ist (vgl. Rydquist Sv. spr. iagar IV, 38). Durch eine gegenseitige aus- 
gieichung zwischen *eileä?' und eldi entstand ein gemeinaltn. "^'eildr. 
Aufgekommen als das gesetz, wonach *e?W/ zu cldi ward, schon auf- 
gehört hatte zu wirken, ergaben sich die oben genannten bildimgeii 
aschwed. eider usw. Alles dies ist klar und evident richtig von Läff- 
ler a. a. o. ausgeführt. 

Ein dem nordischen Wechsel zwischen formen desselben para- 
digmas analoger Wechsel in den übrigen germanischen sprachen ist 

1) Das widerum aou v. Grien berge r. Ztsclir. XXVII, 459 n. 1 mit ags. ddl 
uuriclitig zusammengeworfen und zu 'aicl- „brennen" gezogen ist. 



292 JOHANSSON 

erwiesen (liircli das nebeneinuudersein von ags. nom. celed und gen. 
dMes. Im (a)säclis. und (a)fries. lässt sich jetzt nur die synkopierte 
form (as. cid, urfr. *eld- : ''ald-) mit siclierheit nachweisen. Dass es 
aber auch da einen Wechsel '"eledfa)-, dlrj(a)- : *eld-, *äld- gegeben 
hat, ist schon apriori nach den daselbst waltenden gesetzcn (vgl. 
7,. b. Gallee, As. gr. I, 8; v. Helten. Aofr. gr. 58 fgg.) klar. Eine 
andere frage ist, wie das weiterbildende sut'iix anzusetzen ist. Etymo- 
logische gründe werden, hoffe ich. zeigen, dass dies als urgerm. 
-'"-epa-, ''^-eda-, idg. -cto- bestimmt werden muss oder wenigstens 
kann. Es fragt sich, ob die germanischen spi'achen sich mit dieser 
ansetzung vertragen. 

Um diese frage zu beantworten wird es nötig sein sich nach ana- 
logen bildungen umzuselien, da möglicherweise diese zur richtigen 
beurteilung beitragen können. Es kommen in betracht einige z. b. an 
folgenden stellen namhaft gemachte bildungen: Mahlow, AEO 23. 149; 
Bezzenberger, GGA. 1879, 919 fg.; Bremer, PBB. XI, 32 fg.; vcrf. 
De deriv. vb. contr. 184; Kluge, Nom. stammbildungslehre 59 § 130 fg. 
(vgl. noch 29. 33. 47); Streitberg, Zur germ. sprachgesch. 77 fg.; 
Wilmanns, D. gr. 11, 350. Zunächst die germ. bildungen auf -e-Jn- 
-e-äi- in g. fahedi- „freude", die aber sonst in den germanischen spra- 
chen nicht bewahrt worden sind (vgl. bildungen wie Qfj-oig av. nrväHi-, 
ÖQd-oig, aiTt]-oig^ oixi]-oig usw.^ Am nächsten in betracht kommen bil- 
dungen auf -eto- -etä-, die zu verbalstämmen auf -e- in beziehung 
stehen, vgl. 1. face-his, dele-tas, oh-sole-tus, ex-ole-tus, ace-tum, 
olc-titm (vie-tus, sue-tus, quie-tus) , öojQij-rog, xoojLi}]-t6g , jLiaxij-rog, 
jioi)]-T6g, wvij-rög usw. Dass diese bildungen ursprünglich auf -e- 
hauptbetont waren, kann keinem zweifel unterliegen. Damit wechselte 
gewiss durch einwirkung von seifen der -tö- -/tf- stamme eine beto- 
nung -e-tö-. Wir können demnach einen urgermanischen Wech- 
sel '^-e-pa- und '■'-e-äd- voraussetzen, oder nach ausgleichung ^-Ma-, 
'^-cM-. Bei der germanischen — übrigens erst allmählich und sicher 
nicht überall gleichmässig eintretenden — wurzelbetonung behielt die 
form -•^-eäa- einen starken nebenton, während '^-edd- mit dem neben- 
ton auf dem thematischen vokal, d. h. im paradigma auf den endun- 
gen, allmälig die länge des -e- einbüsste. Wir können demnach mit 
grosser Wahrscheinlichkeit ein gemeingermanisches paradigma '•"jiedä- : 

1) Mit dem -<i- stamm g. faheps ist ags. ^efea, alicl. yifeho nicht identisch. 
Die letzteren sind mask. -«.-stamme oder höchstens stamme auf urspr. -ot (vgl. 

Sievers, Ags. gr.'-' §277 u. 2). 



AI.TISL. ELDR 293 

*j.e(fa- ansetzend Verallgemeinerte sich die letztere form durch alle 
kasiis, so entstand unter eintluss des starken nebentons dieselbe behand- 
lung des nebentonigen -c-, wie wenn es hauptbetont gewesen wäre. 
80 erkläre ich mir folgende bildungen. Zunächst die aisl. Jiafat, trü- 
adr tniat, sayat, lifat, pagat, valiat usw. aus iirn. '"häbää- aus germ. 
■'"häbeda-. Auf demselben Standpunkt stehen nun weiter ags. dayred 
., tagesanbruch ^' , mndl. dayhemet „morgenrot''. wo einzeldialektisch 
-(ed(a-) geschwächt worden ist. Eine ursprüngliche ablautsform bezeugt 
ahd. tagaröt, d. h. urg. ■^daj(a)r-eda~ und '^daj(a)r-öda- neben einan- 
der. Derselben art ist meines erachtens auch ags. hired aus '^Jiifuj- 
ra'd(a)-, wo der starke nebenton, vielleicht in anlehnung an andre 
kasus desselben paradigma eingebüsst ward. Hielt sich aber unter 
umständen der starke nebenton, so entwickelte sich ags. Mwrceden, ahd. 
himt-, so wie, gegenüber ags. dayrcd, aisl. dagrdd „der günstige Zeit- 
punkt'', mhd. tagerdt. Hierzu mm folgende bildungen: ahd. villdia 
nihd. rillät ..Züchtigung'*, ahd. bUmväta mhd. bUuivdt „das schlagen", 
ahd. screidta mhd. schreidt „marter", mhd. marterdt „marter'', ahd. 
inisceldta „gemisch'', smiderdta „nasenschleim'', scixxdta „kof (Kluge, 
Xom. stammb. 1. § 130 s. 59, vgl. AYilmanns H. 347). Wo aber im 
selben paradigma das nebeneinander von ^seda- und "''j.edu- bestand — 
sagen Avir z. b. germ. '^aUeda- und '^aüedä- — musste fast notwendig 
ausgieichung in der einen oder andern form sich einstellen. Und zwar 
in den dialekteu, wo synkope gesetzmässig war. müsste ein gegensatz 
zwischen formen mit zweisilbigem und einsilbigem stamm zum vor- 

1) Xuü kann mau diesen ^vecbsel zwischeu -eto- und -eto- (-dto-) iu die indo- 
germanische periode verlegen. In diesem fall verhielte sich -eto- zu -eto- wie z. b. 
aisl. pagat zu 1. taei-tus aisl. pagt, aisl. vakat zu 1. vegetus. lifat zu iifär, sparat 
zu spart, polat zu polt, porat zu port, Iiafat zu hafär, sagaär zu sagär, wie (fü.t]- 
Tog usw., \. deletus , obsoletus , exoletus, acetum, oletum zu habüus (.-habere), debi- 
tiis (: debere), prcebitiis (: prcebere), vionitus (: ii/onere), coercitus exercitus (: coer- 
cere exercere), meritns (: merere), placitus (: place re), veritus (rvereri), lieitum 
(: licere), poUicitus (: polliceri), miseritus (: misereri), abolitus (: abolere), solitus 
{: solere) usw., vgl. noch (((ji-Stixf-Tog , iXe-rög, ii-aigt-Tog, uv-ivos-ros , ozele-TÖg, 
nic/t-Tog, s.dar^atd-, yajatd- \\s\\. Es ist, glaube ich, nicht zu verkennen, dasshier 
ein jiaradigma wie *oleto- : "olete- schun indogermanisch hat bestehen können und im 
germ. Wechsel hafaär : hafär, sagaär : sagär sein wahres gegenstück besitzt. Das- 
selbe ablautsverhältnis begegnet in den unthematischen stammen wie äoyrjt- : uQytx-. 

2) Sollte auch das wort zusammengesetzt sein (aus *hfica-reäa- >^aisl._Ae- 
raä (so, nicht heraä, s. Bugge zu Fritzners Ordb. III, 1108), aschwed. hcerap 
..bezirk", und. *hTua-reäa- > ahd. hl-rdt, ags. hi-red, vgl. Kluge^ s.heirat; Xoreen. 
Urg. lautl. 21 u. a.). so wird doch die lautliche entwicklung nicht anders als in den 
übrigen hier genannten fällen geschehen sehi. 



294 JOHANSSON 

schein koiuinoii, oder mtr der eine — gewöhnlich die synkopierte 

form — vorherrschen. Im as. liat sich von einem paradignui '"^eled 

■^d(t- (vgl. Galloe, As. gr. I, 23 fgg.) nnr die letzte form behauptet. Das- 
selbe ist im fries. geschehen (vgl. v. Holten, Aofr. gr. s. 58 fgg.). Im 
ags. ist noch der Wechsel vorhanden. Und zwar nehme ich vor der 
nach Sievcrs, Ags. gr. § 144 geregelten synkope ein nrags. (d. h. ur- 
sächs.) paradigma -^cela-'d- — '^äilcd:^ an. Unter einwirknng entweder 
der nocii nicht oder schon synkopierten formen — d. h. ^'cele'd^ oder 
-^ä'ld^ — >vurde der starke nebenton geschwächt and statt '^c&ked- 
cr\vuchs 'heled-^ ganz wie hlrcd, dayred (: hlwrcedcn , aisl. dayrdd usw.)^ 

Für das urnord. werden >vir gleichfalls ein paradigma "''ceilteäaz 
('yrilädcn) — ''aüedä- vorauszusetzen haben. Durch schon urnor- 
dische synkope der letzteren form (Noreen, Aisl. u. anw. gr. § 136 
s. 84; Aschwed. gr. § 1)4 s. 89) und reduktion des starken nebeutons 
der ersteren entstand -Ueüedlajx ''"ceüed(a)x, — ■'"ceildct- (vgl. Noreen, 
Aisl. u. anw. gi-. § 294 s. 159 fg.), woraus aisl. '''"e/ledr — elde uud 
danach e/dr, aschwed. eleper — a/lde und danach sowoi eider wie adder. 

Ich habe zu zeigen gesucht, dass die germanischen formen des 
hier behandelten wertes auf einen urgerm. stannn auf -c^)a- -eäa- idg. 
-eto- zurückgehen können. Ich werde jetzt darzutun haben, dass dies 
eben die wahrscheinlichste stanunform ist. 

Zunächst, eine Stammform ■•'aiUda-, wie sie Sievers, IF. IV. 340 
aufstellt (als part. zu einem *ail'jan > ags. celan)^ ist Avegen des nor- 
dischen unannehmbar. Denn daraus wäre wol nicht aisl. '■^eiledr, son- 
dern nur (^ceildr >) eldr geworden, vgl. do'mdr de'mdr, erfdr, f0'rdr, 
feldr usw., wie nun auch diese erscheinung zu beurteilen sein mag'-. 

1) Verwandte vorgäuge würde Jiiau erwarten iii kousouaütisclicu btämiuen avif 
-ei- : -et- des typus ccQyfjj- : uoyh- (meist -^r- durchgeführt: y.ehjr-, leß)]T-, jc'mtit-, 
[xvy.}]T , (pälrjT-, 'donrir-, fcfirjr, 718V}]t-, yXoitjT-, 'iyj]T- usw., im lat. dagegen teget-, 
feret-, hebet-, dtvet-, seget- usw. wie s. aravdt-, vahdt-, sa(-eät-, vehät-, väghdi-y 
s. Brugmanu, Grdr. II § 123 s. 3(36 fg.). Germanische stamme dieser art s. Kluge, 
Noni. stammb.-lehi-e §29 s. 15 fg.; Brugmann, Grdr. II, § 123 s. 369 fg.; Hell- 
quist, Ark. f. n. fil. VII, 1G5 fgg.; verf. Beitr. z. gr spracht. 107 fgg. 128 fgg.; 
Noreen, Urg. lautl. 64. 173 fgg. und die daselbst cit. litt. u. a. Soweit im germa- 
nischen formen noch vorhanden sind, bestätigen sie nur unsre im texte gelieferten 
ausführungen. So ags. hceleä (ahd. helid) -= y.üi]r- (neben konson.-st. im nom. ags. 
hcsle, aisl. hcdr), vgl. Sievers, Ags. gr. §282 (u. § 263); PBB. IX, 368 fg.; (Platt). 
X, 449, vgl. verf, Beitr. z. gr. spracht. 135 n. 1. 

2) Ich wüsste nicht, wie inan den gegensatz do'mdr : talidr anders zu erklären 
vermag, als durch annähme lautgesetzlicher synkope. Es ist allgemein bekannte tat- 
sache, dass i frülier fällt nach langer silbe als nach kurzer (Kock, Ark. f. n. fil. IV, 
141 fgg. -= PBB. XIV, 52 fgg. XV, 261 fgg. XVIII, 417 fgg.; Noreen, Aisl. u. 



ALTISL. ELDR 295 

Und verschiedene stammforinen für das ags. und nord. anzunehmen 
hat natürlich keinen sinn. 

Aber positiv wird eine stamiuforui mit hiugem c ej'wiesen durch 
das keltische (Zupitza. KZ. XXXV. 265 fg.). Kymr. aeliryd\ körn. 
oiled, bret. oakd „herd^' setzen eine griindform 'häletcl voraus (vgl. 
noch Fick^ II, 7, wo aber der Avurzelhafte teil unrichtig als ''"mjiletä 
angesetzt ist). Schliesslich Avird man nicht umhin, ein indisches wort 
in diesem Zusammenhang zu erwähnen, niimlich alala- n. ,,feuer- 
brand. kohle" sowol durch lexikogr. Avie durch die litteratur (von 
Kamäy. III, 24. 18 usw. an) bezeugt {aläta-f,miti- s. Weber. Ind. st. 
II, 101 -). Daneben noch, nach QKDr.. äläta- n., wie äläta-cakm- 
A^yutp. 76. Schon Leo. Aga. gl. 486 fg. hat aläta- zu ags. celed gestellt. In 

auw. gr. 4üfgg.; Aschwed. gr. 54 fgg.; Pauls Grdr. I-, 554 fgg. 562 fgg. 57b fgg. 
II. a.) und im ersteren fall uuilaut bewirkt. Die einwände von Wadstein (FBB. XVII, 
412 fgg.) sind in bezug auf den unüaut residtatlos geblieben. Hiernach können wii- 
ziuilcköcliliessen, dass ein l uacli langer silbe weniger betont war als nach kur- 
zer, was übrigens an sich wahi'scheiulich sein muss. Es heisst demnach, wie zu 
erwarten, demdr wie do'mda, aber taliär wie (*ialida > später) icdda, wenn 
nämlich nicht, wie angenommen wird, synkope unter allen umständen — wo Syn- 
kope überhaupt eintreten kann — früher in binnensilben als in der ultima ein- 
getreten sein sollte. Ich w^age indessen — ohne hier darauf ausfühi'licher eingehen 
zu können — die unbedingte richtigkeit dieses satzes zu bezweifeln. Nehmen wir den 
fall urn. '-'dömidax : ^talidax. Wenn, wie anerkannt, i in der ersteren form weniger 
stark artikuliert war als i in der letzteren, sagen Avir *äomidax, aber *tdliäax, so 
folgt fast mit notwendigkeit, dass auch die letzte silbe ungleich betont gewesen sein 
muss, ci\\a,*äö'midäx : Hdliäax. Daraus schiene dann freilich zu folgen, zunächst — 
was uiclit bezweifelt werden kann — dass -i- in *dö'miäu% fiTiher synkopiert w^or- 
den ist als in Halldax, weiter aber dass synkope von a in *idlidax früher eingetre- 
ten sei als in äomtääz (d. h. HdliäR neben *äomiäaR). Aber was nicht eben so 
leicht zu folgern ist, ist dass in ^dif miäct-v i früher gefallen sei als a. Wie nämlich 
allgemein anerkannt worden ist, hält sich überhaupt i zäher und länger gegen syn- 
kope als a (vgl. Noreen, Aisl. u. anw. gr. § 130, 4 s. 80; Streitberg, Urgerm. 
gr. 170 fgg. u. a.). Es ist demnach sehr wol möglich , dass ein frühzeitig aus dö'mi- 
düx- entstandenes *äömidaR (mit noch mehr geschwächtem ton der ursprünghch 
schwach nebentonigen Schlusssilbe) zuerst *doiiiidR neben gleichzeitigem 'HälidR und 
ferner *do'mdR neben gleichzeitig daneben liegendem und weiter bewahrtem HälidR 
ergeben habe; woraus do'mdr neben tcdidr. — Wie aber auch do'mdr zu erkläi'en ist, 
es scheint doch dieselbe erklärung angewendet werden zu müssen für ein um. 
"^aüidax,, d. h. es müsste gemeinnord. *ieildr geworden sein. 

1) Vgl. z. b. lehnwörter wie cylicys {<. ecclesia), cadicyn « catena), Icann- 
icyll (<. candela), Zeuss-Ebel 96 fg. 

2) Das 4. prakaranam von Gäudapäda's kommentai- zur Mäudukyöpanisad: 
[catitrtham] prakaranam väitathijdkhyam (adväitäkhyam) [aläta^-äntyilkhyam] 
samäptam. 



296 JOHANSSON 

bezug auf die suffixform m. e. richtig; iuAvieweit betrefiend der wurzel- 
form, Avird sogleich untersucht werden. Dass s. aläta- ein idg. '"cUe-io- 
repräsentiert, beweist die -c-form der wurzel in 1. ad-ole-re „verbren- 
nen" (vgl. auch pf. ad-ole-vi)^. 

Nun ist m. e. germ. ^aileäa- eigentlich mit s. aläta- idg. *alelo- 
identisch, nur ist diu Wurzelsilbe sowul im germanischeu wie im kel- 
tischen eine andre oder wenigstens modificierte. 

Ein verbum, wozu all- in '^ailecta- gezogen werden muss, ist 
vorhanden, nämlich ags. dküi „flammen'', on-celait „in flammen setzen", 
wozu noch dl (cd) „flamme"; oji-äl (o)i-dl) „incendium" und schliess- 
lich eventuell nfr. aal-tong „eine feuerzange" (Outzen 140), obwol dies 
eher für *äkl- (: ags. dled as. cid usw.) zeugnis ablegt 2. 

Zwei möglichkciten giebt es, dies verb etymologisch zu deuten 
Entweder kann man mit Sievers, IE. IV, 339 fg. einen germ. nomi- 
nalstamm *aila- (woraus '^ail-jan > ags. cclan) aus '"aid-la- erklären 
und zu cxi&co, s. cdhas, l-ii-dhd-te usw. stellen. Ein stamm mit -l- 
suffix findet sich auch z. b. in gr. aWdh-j, aWaXog „russ" aus '''aidhl- 
lü- : '-''aidh-lo-. Auch im keltischen wird *aidJdu- wol zu "■ailo- gewor- 
den sein (vgl. Strachan, Transact. of tho Philological society 1891 — 
1894, s. 241 = Bß. XX, 26). Bisher kannte man freilich nur bei- 
spiele von-tl-: ir. anal „atem" aus '''ana-tlä, aber kymr. anadl, und 
-dl- : ir. dlaiiid „schön" aus "^ad-landi-] von diesen spricht freilich 
-tl- dagegen und das kymr. gegenstück von dlaiitd ist mir nicht be- 
kannt; direkt bewiesen ist die angenommene entwicklung fürs irische, 
wenn Stokes, BB. XXIII, 44 recht hat in seiner herleitung von ir. 
del „lime" aus *aidlo-, eben von der wz. aidJi-; derselben art ist air. 
üil „cheek", falls mit Stokes, KZ. XXXV, 595 aus '"oidlä (zu oldog, 
oJdjbia, arm. alt „wange"), weitere beispiele Stokes, BB. XXIII, 58. 

1) Zu dem mit dem tbematischeu aläta- (='^-aleto-J wechselndeu uatheinatischeii 
*alet- ^älj- *ält- lässt sich eiue Weiterbildung mit suff. -ter- denken. Aus *äU-fer- 
oder *ält-ter- entstand s. *älstar- und weiter *ästar- nach einem von mir anderswo 
erörterten lautgesetz im sanskrit, wonach, idg. t -{- t in ungestörter entwicklung 
als st zu erscheinen hat. Zu diesem *ästar- haben wir eine (abstrakt - kollektive) 
femininbildimg, u.ämlicb astrl f. „'feuerraum, herd" schon RV. X, 165, 3: äst- 
ryävi paddtii krnute agnidhäne. Vielleicht gehört auch hierher ästra- n. „luft, 
äther'' ün IV, 161 auf grund von der auch in Indien vorhandenen anschauung von 
der feuerartigeu beschaffenheit des äthers. 

2) Natürlich wird niemand mehr mit Möllei', KZ. XXIV, 454 dies *aila- 
(resp. *aili-) durch epenthese aus *alja- (resp. *a/*-j erklären wollen; auch die wei- 
tereu daselbst gegebenen Vermutungen über aisl. *eldr sind natürlich jetzt belanglos, 
weil sie gegen die nordischen lautgesetze streiten. 



AXTISL. F.LDR 297 

Ich kenne die entsprechenden britannischen fonnen nicht; bis auf wei- 
teres kann man doch annehmen, dass -dl- im britannischen (ev. mit 
ei-satzdehnung) assimiliert worden sind. vgl. kymr. aren ,,ren" aus 
*ad-ren-, eirif „numerus = ir. ärom „zahl" aus *ad-rimä. 

Ist dies die richtige erklärung des germ. (-keltischen) Stammes 
'aila- (*aüo-), so hat sicli ein in beiden sprachen vorhandenes idg. -'cde- 
lo-m *aletä „brand, teuer" nach dem genannten stamm zu germ. *«/- 
lepa- *aileia-, kelt. *ailrtä umgebildet. Dies dürfte die wahrschein- 
lichste erklärung sein. 

Oder aber! — und das kommt beinahe auf dasselbe hinaus — es 
liat sich sowol im germanischen wie im keltischen eine verbalwurzel cd- 
„brennen" resp. '^cdetö- „teuer" mit der verbalwurzel aidh- „brennen" 
vereinigt, resp. nacli derselben umgebildet, so dass eine germ. -kel- 
tische verbalwurzel ciil- , resp. "^ailepa- "^ailecta- und "^a/iletä erAvuchsen. 

Beide vorausgesetzten wurzeln sind im indogermanischen vorhan- 
den und zwar wol auch im germanischen und keltischen. Über aidh- 
waltet in dieser hinsieht kein zweifei ob. Abgesehen von der form 
i-n-dh- haben wir im keltischen gall. Aedui, ir. aed „teuer", kymr. 
üidd „eifer. hitze". bret. oa^ „Jalousie" und im germ. z. b. ahd, eit, 
ags. ad „rogus, ignis". Weitere verwandte mit der wurzelstufe idh- 
(idh-) s. z. b. Osthoff. Mü. IV, 149 u. sonst'^. 

Eine würzet cd- „brennen" ist ausser durch s. cdäta-'^' bezeugt 
durch 1. ad-oh-o „verbrennen", als terminus technicus der opfersprache 
nicht zu oho „riechen, duften" gehörig, wie meistens angegeben wird. 
So heisst es verhenas, riscera taiiri flammis, oUaria flammis, fa-dis, 
■precihus et igne imro, flammis Penatcs, cruore captivo aras usw., so- 
wie aliquid überhaupt adolere. Dass für das römische Sprachgefühl in 
diesen redensarten ein hauch von oleo „riechen" her beigemischt war, 
ist nicht zu verkennen; dies aber ist sekundär und durch (die ursprüng- 
liche gleichheit oder) den lautlichen zusammenfall von adoleo „riechen" 

1) Dieses alternativ wäre anzunehmen, wenn -(//- im kymrischen nicht die 
olien statuierte entwicklung gehabt hat. 

2) Möglich ist, dass zur wz. aidh- idh- idh- aisl. id iä ..Studium", iäinn 
„assiduus, sedulus", iäja ,,studium, ars", iän „Studium, negotium", iäula iäiiliga 
„assidue". sowie, wenn Sievers. IF. IV, .340 recht hat, ahd. tla „Studium", tlen 
„tendere, niti, quperere, studere, operam dare, certare, raoliri, conari'', 7% «stii- 
diosus, fervidus, lUgo „instanter, naviter. certatinv zu ziehen, gehören. 

3) Noch ein sanskiitisches wort wird hierher gehören, nämlich «/w^««/.y/- ..feuer- 
liraud''. Ich erkläre es aus *9hmi- und vergleiche damit namentlicli aisl. uhnr ..liitzig" 
usw. (worübei' sogleich unten). 



298 JOHANSSON 

und adoleo „verbrennen" veranlasst; adole-sco „auflodei-n" {adolescunt 
ignibus arce Yirg. Georgr IV, 379). Obwol die lat. base ole- sein kann, 
hindert auch nichts ein alc- anzunehmen. Aus '^dd-al- entstand zunächst 
'■'ad-el- (Brugmann, Grdr. I- § 244 a. 1 s. 221). Daraus lautgesetzlich 
vor nicht -palatalen vokalen und voi' konsonant ad-ol- (Brugmann, 
Grdr. I2 § 121, 2 s. 121 fg. § 483, 8 s. 442 fg.; Osthoff, TAPhA. 
XXIV, 50 fgg. u. a.), Avas dann verallgemeinert worden ist. Wenig- 
stens für das keltische Avird man, um eine konfiision -rdrio- und '•ailo- 
oder *ft7- *al('to- und -'aidh- leichter zu verstehen — und es kann kaum 
bezweifelt werden, dass eine solche konfusion wirklich stattgefunden 
haben muss — eher eine wurzelform cd- oder dl- als ol- annehmen. 
Sollte weiter noch 1. ala-cer „eifrig, lebhaft, munter", d. h. ursprüng- 
lich „feurig", damit zusammenhängen, wäre der direkte nachweis eines 
ursprünglichen a- oder d- (schwächere stufe zu a- oder e-) erbracht. 

Nach Rietz 6 gibt es im schwed. (dial.) ein vb. ala mit der 
bedeutung „lodern, flammen". Es ist nicht zu verkennen, dass es mit 
1. ad-oleo — sogar der bildung nach — identisch ist. 

Im germanischen gibt es noch ein al-, das ich zu cd- „bren- 
nen" zu ziehen geneigt bin. Ich meine g. aljait n., „eifer", wovon 
cdjanön „eifern", nisl. eljan, e1ju')i, ags. eilen, as. ellean ahd. ellian, 
eilen „eifer, tapferkeit " ^ Der Wechsel „teuer" : „eifer" ist bekannt- 
lich sehr gewöhnlich: die meisten Wörter mit bedeutung „teuer" 
scheinen in der übertragenen bedeutung „eifer, heftigkeit" usw. an- 
gewendet werden zu können; vgl. namentlich ut, id, das höchst wahr- 
scheinlich zu aWo:) usw. zu stellen ist. 

Aus skandinavischen dialekten stellen sich zu den zuletzt genann- 
ten Wörtern namentlich schwed. eilet älla „die gewohnheit haben, pfle- 
gen, sich um etwas kümmern, mit etwas beschwerde haben" (Rietz 117; 
Möllei', Ordbok öfver halländska landskapsmalet 34), üUen „lebhaft, 
rührig" (Ordbok öfver allmogemälet i Helsingland 87)-. 

Im aisländischen begegnen wir einem ylr (g. ylja7\ pl. ylir) „hitze", 
ylja „wärmen, heizen", yl-saudiyr „warm, heiss"; mit einer grund- 
form */-/o- usw. stellen sich diese Wörter ungesucht zur wurzel cd- „bren- 
nen". Eine bedeutungsentwicklung zu „eifrig, feindUch" liegt vor in 
aisl. olmr „zum feindlichen Überfall geneigt", wozu ohnligr, olndigci, 

1) Ob auch aisl. elja „nebenbuhlerin", ahd. ello „livale" hierzu — was immer- 
hin wahrscheinlicher — oder etwa zu 1. alius usw. zu stellen ist, kann auf sich 
beruhen. 

2) Gotl. äjlen „ uuverdi'osseu " setzt wol ein wurzolelement //- (in v7«, nhd. 
eilen) voraus. 



äLTISL. ELDft 299 

ylmast „böse, feindlich sein, sich zeigen". Eüerzii stellt sich das dän. 
älm „feurig, lebhaft". Grundform *I-mo- oder '■7-w^^/-, wobei nament- 
lich zu vergleichen ist das schon oben genannte s. idmu-lM- „brand" 
aus ''dl-mu- {\M\i u- statt/- wegen des folgenden -nm-)^. Zur bedeu- 
tungsentwickluug noch ülr (illr) -, falls es — wie höchst wahrschein- 
lich mit Sievers. IF. lY, 339 aus 'Hft-lo- hervorgteng und dies wei- 
terhin zu ai'ßo) usw. gehört 3. 

Wir haben noch eine sippe, deren Verwandtschaft mit der hier 
behandelten wurzel cd- wol möglich aber nicht sicher ist. Zunächst 
1. alo „nähre", air. cäl „nährt", g. ala7i „wachsen", aisl. ala „zeugen, 
hervorbringen, pflegen, fovere". Weiter aber die erweiterungen : einer- 
seits mit -dJi- in äX-doi, äl-do-i-iai usw., anderseits mit -d- in äX-ö- 
o/Liai, äl-ö-aivo)^ s. idä usw. — Die in betracht kommenden nordischen 
Wörter sind schwed. d. alt f. „brunst". wozu dltäs „brunstig sein" (von 
Widdern und bocken). Gehört es, wie nicht unmöglich ist, mit den fol- 
genden Wörtern zusammen, so kann man zweifelhaft sein, von welchem 
bedeutungsgebiet am ehesten auszugehen ist: schwed. (d.) ülta „antrei- 
ben" (Dalarne, s. Noreen, Svenska landsmälen lY, 2, 220); „umrüh- 
ren, kneten'' (reichsspr.) ; „eifrig bitten*'; ..wechselfieber haben". In 
norw. dialekten elta „treiben, jagen, verfolgen; durcharbeiten, kneten, 
stampfen; herumpatschen, viel gehen"; subst. schwed. (d.) älta „wech- 
selfieber der kinder, rachitis; klumpen von zusammengeschmolzenem 
eisen, zusammenschmelzung, -rührung" u. dgl., norw. d. elta f. „be- 
wegung, Unruhe; kraft, eigenschaft eines Stoffes", eile n. „bischen, 
kleine portion'*; aisl. elta „drücken, drängen; treiben, jagen"; elta f. 
„jagd, Verfolgung", elting id. Die bedeutung .,fieber'' kann entweder 
aus „brand" u. dgl. oder aus „anfall" n. dgl. hergeleitet werden. In 
letzterem fall wird man wol für alt „ brunst '' dieselbe entwicklung 
annehmen müssen. Dann kommen wir zu einem allgemeinen bedeu- 
tungscentrum „kräftig sein, wirken; in kräftiger bewegung sein; eifrig 
bearbeiten" u. dgl. Eine Verknüpfung mit dem schon genannten 
aX-ö-aivo) „stärken, kräftigen" (in kausativem sinn), s. idä „labung, 

1) Dass dies, wie allgemeiu augenuinmeii worden ist (zuletzt Zupitza^ DL. 
1898 sp. 1457), zu id-kd , l.Volca-mis, ahd. ual/>i (wz. itel-) gehören sollte, ist nichts 
weniger denn sicher. 

2) S. Bugge zu Fritzners Ordb. -' III, 1108; Larsson, Ordförrädet s. v. 
hat nur illr. 

3) Zu aii". isel „niedrig"' kann illr nicht gehören; denn jenes entstand aus 
"nuhlu- aus *eiidh-slo-, was kaum illr hat geben können. Auch die erklärang Kocks. 
Ztschr. 1'. d. a. XL. 190 f^'g. ist mir uuwahi-scheinlich. 



300 .TOHANSSON 

belebung, lebenskraft" usw. (aus *aZ-c?-; vgl. Froh de, BB. XX, 185 fg.) 
sowie weiter mit g. aljan „eifer" usw. (s. oben) ergibt sich von selbst. 
Es ist somit nicht unmöglich, dass die bedeutungen „brennen, zün- 
den, wärmen'' und ,,nähren, wachsen" soAvie „treiben, kräftig sein, 
machen" usw. im gründe aus demselben bedeutungskern hervorgewachsen 
sind. Wenigstens kann man sagen, dass die bedeutungssphären „bren- 
nen, zünden" und „kräftig, eifrig sein" so in einander greifen, dass, 
wenn es ursprünglich überhaupt zwei verschiedene wurzeln al- gege- 
ben hat, diese in der weiteren entwicklung konfundiert worden und 
Aveiter nicht zu trennen sind. 

Es erübrigt noch ein paar worte über die hier angenommene art 
von konfusionsbildungen hinzuzufügen. Zur litteratur über ähnliche 
bildungen s. Brugmann, Fleckeisens Jahrb. 1880, 225 fg.; Ber. sächs. 
gesellsch. 1888, 191 fg. 1890, 236 n. 2; Grdr. II, § 160 s. 453 n. 2; 
bsthoff, MU. I, 92 fgg. II, 35; Perf. 363 n. 1 fg.; PBB. XIII, 460; 
Wackernagel, KZ. XXV, 289 fgg. XXX, 300. 306; Vermischte 
beiti-. z. griech. sprachk. 18 fg. 36; Baunack, KZ. XXV, 225 fgg.; 
Stolz, Wien. stud. IX, 305; Holthausen, PBB. XI, 553. 556. XIII, 
367. 590; Windisch, KZ. XXVII, 170; Wheeler, Analogy a. the 
scope of its application 8 fgg. 19 fgg.; Paul, Princ. - 95; W. Meyer, 
Die Schicksale des lat. neutr. im roman. 12; J. Schmidt, Plb. 207. 
212; Thurneysen, KZ. XXX, 492; verf. Akadera. afh. til S. Bugge 
40 fg.; GGA. 1890, 773 fg.; BB. XVIII, 1 fgg.; Beitr. z. gr. sprachk. 
51 fg. 146; KZ. XXXII, 504 fg.; IF. II, 53. III, 215 fgg. 234; Up- 
salastudier tillegnade Sophus Bugge 64 fgg.; Bartholomae, KZ. XXIX, 
524 fg.; W. f. k. ph. 1892, 397. 1898,1053; G. i. ph. I, 1, 198; IF. 
IX, 270; Tegner, Spräkets makt öfver tanken 25 fgg.; Nyrop, Ad- 
jektivernes kjensbejning i de romanske sprog s. 38 fgg.; Jespersen, 
Kord, tidskr. f. fil. n. r. VII, 207 fgg. 215 fgg. = Techmers Intern, 
zeitschr. III, 190 fgg. 195 fgg.; Behaghel, Die deutsche spräche s. 40; 
Vilh. Andersen, Festskrift til Vilh. Thomsen 258 fgg.; Danske stu- 
dier s. 45 fgg.; Bloomfield, AJPh. XII, 1 fgg. XVI, 409 fgg.; IF. IV, 
66 fgg.; Noreen, Svenska etymologier (Skrifter utgifna af Kongl. huma- 
nistika vetenskapssamfandet V. 3), 18. 22 fg. und sonst, sowie Tamm, 
Etymolog, svensk ordb. passim; Lind, Gm rim och verslemningar i 
de svenska landskapslagarna 53. 56,; Kock, Antiqvarisk tidskr. f. Sverige 
XVI, 3, 9. Dies ist nur eine in aller eile gemachte auslese von stel- 
len, wo die fragliche erscheinung berührt, exemplificiert oder bespro- 
chen worden ist. Aus jedem grammatischen werk Hessen sich ähnliche 
erläutei'iingen oder beispiele sammeln. Auch ist hier nicht der ort, 



altisl. kldr 301 

solche konfusions- und kombinationsbildiingen des näheren zu besprechen 
oder ihren verschiedenen arten nach zu systematisieren. Folgendes 
mag kurz und schematisch angedeutet werden. Wörter können sich 
gegenseitig beeinflussen aus dem grund, dass sie im sprachbewusstsein 
mit einander associiert werden. Die associationsgründe sind mannig- 
facher art: im allgemeinen lassen sie sich auf grössere oder geringere 
gleichheit oder auf einen etwaigen gegensatz zurückführen. Und zwar 
wirken 1. gleichheit der äusseren form: blindlings gemachte Umbil- 
dungen dieser art ohne bewusste reflexion auf den Inhalt, die bedeu- 
tung, pflegt man Volksetymologie zu nennen, 2. gleichheit (oder 
gegensatz) der bedeutung (resp. grammatischen tunktion). 
Hier kann man zunächst von A. konfusionsbildungen, B. kombi- 
nationsbildungen reden. Und zwar können beide vorkommen a) im 
stamm oder in der worteinheit, b) bei den die grammatische 
funktion vertretenden stammbildungs- und flexionselemen- 
ten. 3. gleichheit der form und bedeutung (funktion) zu- 
gleich. Zu dieser letzten kategorie gehören die meisten proportionalen 
analogiebildungen im eigentlichen sinn. Weder die erste noch die 
dritte kategorie gedenke ich hier zu exeraplificieren. Nur von der 
zweiten art will ich hier einige zerstreute, zufällig mir aufgestossene 
beispiele ohne weitere diskussion verzeichnen: 

Schwed. syl „ahle^' — proi „pfriem" : pryl „pfriem". 

Dan. i)rop „kork" — told „kork" : prold „kork". 

Aschwed. fcepend „väterlich(erseits)" — meperni „ mütterlich(er- 
seits)": sowol feperni wie tnceperni (vgl. Lind, Om rim och verslem- 
ningar i de svenska landskapslagarna s. 53). 

Mengl. femelle — male : nengl. femcde. 

Nl. Heuen — steunen : leimen. 

Ahd. ^'stercüi — helan : stelan. 

Urg. ^^auxön — '•a^ön : '''aujön, g. auga usw. ^ 

Engl, notke?' — either : neüher. 

L. dingua — lingo : lingiia (vgl. lit. lexüvis, air. Iigu7-, arm. kxu 
„zunge"). 

L. prrpgnans — gravis : vulgärl. '^prcegnis (vgl. Gröber, Wölff- 
lins Arch. IV, 448; Körting, Lat.-rom. wb. 576). 

L. sargus — pagrus (fischnamen) : tosk. parago. 

L. october — sejjtember^ novembe?', december : vulgl. octember'-. 

1) Anders freilich jetzt Hirt, Beitr. XXII, 231. 

2) Ygl. arm. hoJdevtber nach September, (fektember nach liuldenibor (Hübscli- 
111 au 11. Ann. gr. I, 3G7). 

ZKITSCHRIB'T V. DKUTSCHK PHILOLOGIE. BD. XXXI. 2Ü 



302 .lOHANSSON, AI.TISL. EI.DK 

Afr. phirel — singulfijcr : plnr(i)er. 

Prov. ■yopolo — hetlouUo : ptbonl, piponlo „pappel". 

lt. lifmiie — miicoruo : licomo „nashoin". 

Frz. a7W7)ud — noiDial : anormal. 

Lat. Kusuni — dcorsuni : sorstn)/ (vulü,i.). 

Venet. temporifo ten/i/ori/e — lardivo : tot/porivo. 

Frz. niaiidisaut , inatidisa/s — henissant Ixhiissais : inaiidissdul, 
maudissais (Nyrop a. a. o. 42). 

Lit. *nebesis „wölke" — dangus „himmol'' : drhrs/s „woJke". 

Gr. aoao)v — ''äy/vTegoc; : tn-aoovreQo^ ,,niili(M'" (anders jetzt 
Brugmann, Rh. inus. n. f. LIII, ().'>0 fgg.). 

Gr. '''v{i)vai i'Uoi — ßvyargdoi : vldot. 

Gr. ijveyxov — yveixa : yvayxa. 

Gr. (d.) ji6§odog „einnähme'' — ävdhonn „ausgäbe'': jioOuÖojjiia. 

Gr. ähivrk „warm" — yjvxQog „kalt" : ywxfrivoq. 

Gr. dal {= env dh]) — öaov (part. absol.) : dnv (Wackernag(>l , 
Vermischte beitr. z. gr. sprk. 85 fg.). 

8. pitür, nfät'Kr — Spates-, '""naijtds : pd/y/ir, )uiplilr (vgl. ahd. 
tages iiiti naJdes^ nhd. des naclds). 

Päli *paU-badha — *paU-rödha, „hindernis" : paU-bödlxi id. 

Päli *iri(v)veda - jaj/ibbeda : irubbcda „Rigvechi". 

Prdi *d(u)vaiHd(/i,)ra- — bwain : tuvamiuva „ziinkei'ei". 

Päli ''prajävati — pati- patm : pajäpatJ. 

Päli *säi//o „selbst" — '''svai/nm : saniatii „selbst". 

Päli *ga)mnaU — *hä- „gehen" : ghmiiviati , kairmtali usw. usw. 

UPSALA, DEN 21. SEPTEMBKK 1898. K. F. .lOHANSSON. 



GOTXLIEB, ZIMMERNSCHE HSS. IX WIEN 3Ö3 

ZIMMERNSCHE HANDSCHRIFTEN IN WIEN. 

Dass die freiherrn, seit 1538 graten von Zimmern einst eine reiche 
büchersammlung besassen, lässt sich aus ihren vielfachen litterarischen 
Interessen, deren Spiegelbild in der merkwürdigen Zimmemschen Chro- 
nik vorliegt, mit "Wahrscheinlichkeit schliessen. Über umfang und art 
der Sammlung erfahren wir jedoch aus der chronik selbst recht wenig. 
In erster linie kommen die stellen bd. III s. 350 und bd. IV s. 73 und 
105 der Barackschen ausgäbe in betraclit, die man nachlesen mag. 
Als das geschlecht im Jahre 1594 mit graf Wilhelm ausstarb, kam das 
familiengut des hauses Zimmern an graf Georg von Helfenstein, der 
mit der Schwester Wilhelms von Zimmern seit 1567 vermählt war. 
Ein teil des grundbesitzes gelangte an die stadt Rotweil durch kauf, 
zum teil fiel er, als lehen, an Österreich zurück, der grösste teil aber 
mit der herrschaft Messkirch (Mösskirch) kam an das haus Helfenstein 
und spater durch erbschaft au das haus Fürstenberg ^ So kommt es, 
dass aus der bibliothek zu Messkirch mit einer menge von druckwer- 
ken eine anzahl von Zimmernschen handschriften im jähre 1768 in 
die fürstlich Fürstenbergische bibliothek zu Donaueschiugen gelangte 
und sich auch jetzt noch dort befindet-. 

Ihr wert ist jedoch im vergleiche zu einer auswahl, die 200 jähre 
vorher aus der Zimmernschen bibliothek im auftrage des schon genann- 
ten grafen Wilhelm von Zimmern für Ferdinand von Tirol gemacht 
wurde, sehr gering. Die tatsache dieser Schenkung ist im allgemeinen 
seit langem bekannt und Stalin hat a. a. o. s. 836 ihrer gedacht 3. Dabei 
ist allerdings ein Irrtum unterlaufen, auf den wir unten etwas näher 
eingehen werden. Aber Aveder ist der hergang der sache unseres Wis- 
sens in der litteratur genauer dargestellt worden, noch gibt es einen 
übersichtlichen nachweis des einstigen litterari sehen besitzes der frei- 
herrn von Zimmern, obwdl ein urkundlicher beleg erhalten ist, der 
die handhabe dazu bietet. Es ist der cod. 12595 (Supplement 368), der 
einst der Sammlung auf schloss Ambras angehörte (bei Lambeck nr. 413) 
und in den Tabulae codicum bibl. Palat. Vindobonensis t. VII p. 119 

1) Vgl. Stalin, Chr. Fr. von, Wirtembergische ge.schiclite. 4. teil (Stuttgart 
1873) s. 83G; Dr. Otto Franklin, Die freien herren iinci grafen von Zimmern (Frei- 
Imrg i. Br. und Tübingen 1884) u. a. 

2) Vgl. A. Barack, Die hss. der f'ürstl. Fürstt-nbergischen hofbibliothek iTü- 
l)ingen 1865) einleitung. 

3) Audi dass einige hss. der gi-afen Zinnufrn nach Donauoschingfii gelangten, 
wu.sste er; vgl. s. 836 anin. 1. 

20* 



304 GOTTLIEB 

folgendermassen beschrieben ist: chart. saec. XVI, 67 folia in P: 
Jacobus de Ramingen, catalogus bibliothecae baronis Guilelmi de Cim- 
bern domini in Wildenstein et Moeskirch (nempe de Zimmern), quae 
ab eodem Ferdinande arehiduci comiti Tirolis dono data est [et in 
arcem Ambras transhita]. Die hs. trägt einen brannen, goldgepressten 
kalbloderband von 31 x 20 cm. Der einband rührt ans dem jähre 1576 
her. Der codex bietet also, nach wissenschaftlichen fächern geordnet, 
die anfzählung der an erzherzog Ferdinand geschenkten bücher und der 
in einem eigenen abschnitte aufgeführten handschriften. Dies geschenk 
bildete eine bedeutende und wesentliche bereicherung der noch jungen, 
auf schloss Ambras gegründeten Sammlung des erzherzogs; es stand 
an litterarischem und kunsthistorischera werte nur hinter der auf Kai- 
ser Maximilian I. zurückgehenden gruppe der Ambraser Sammlung. 

Ob erzherzog Ferdinand, der bis 1567 Statthalter des kaisers in 
Böhmen war, schon von doi't einen gewissen fonds von büchern nacii 
Innsbruck mitgebracht, oder ob er erst später, als durch die in Inns- 
bruck befindliche Sammlung Maximilians I. sein Interesse wach gewoi- 
den war, sich aus Böhmen bücher verschafft hat, bleibt unentschieden. 
Deshalb ist es auch nicht klar, wann die interessanten handschriften 
des AVenzel Rossa hineinkamen. 1572 erv/arb der erzherzog bücher 
des grafen Alois Lodron, im gleichen jähre die bibliothek des Christoph 
Wilhelm Putsch, 1576 den wertvollsten teil der Ziminernsehen Samm- 
lung, 1578 die bücher des dr. Georg Handsch und im selben jähre die 
des arztes Achilles de Jellmis^. 

Dem grafen Wilhelm lag es gewiss ferne, seine Sammlung ganz 
oder eine auswahl daraus, die das beste entfernte und das unbedeutende 
zurückliess, zu verschenken. Aber in seiner Stellung als hofmarschall 
des erzherzogs Ferdinand und bei seinem vertrauten umgange mit ihm-, 
konnte und durfte er einem w^unsche und gar einer bitte von dieser 
Seite nicht unzugänglich bleiben (vgl. die werte: petenti nihil neque 
potuit neque debuit denegare). Erleichtert mochte ihm der verzieht 
darauf durch den gedanken werden, dass der mühsam gesammelte 
schätz doch nicht bei seinem hause bleiben könne. Er war dessen 
letzter männlicher spross. Nachdem der graf seine einwilligung gege- 
ben hatte, erfolgte die auswahl durch Jacob von Ramingen und Lib- 

1) Vgl. vorläufig dr. Joseph Hirn, Erzherzog Ferdinand II. von Tirol (Innslnuck 
1885) bd. 2 s. 446 fg. 

2) In einem der Ambraser trinkbüulier (Kunstliist. hofmuseum in Wien. Ambli. 
5328; bei Sacken, Ambraser Sammlung bd. 2 s. 218 fg.) findet sich f. IG'^ der einhag: 
15 S 71 I M(ein) h(offnung) z(u) G(ott) | AVilhelm Graf vund Herr zu | Zimbern. 



ZDIMERNSCHE HSS. IN WIEN 305 

lachsperg den ältereu, einen auch sunst nicht unbekannten mann im 
(lienste der tirolischen kanzlei^. l)ie schwulstige vorrede, in der er 
sagen will, es habe schon im altertum gelehrte maecene und bücher- 
sammier gegeben, denen man in diesen zeiten die grafen Zimmern ver- 
gleichen dürfe, schliesst mit den worten: Thesaurus quidem medius 
tidius inclytus et inaestimabilis, ciüus similem raro in Germania neque 
reperire facile aliisve in regionibus aut oris nostris quis poterit. In- 
teressant ist auch das f. 67* stehende schlusswort des Verzeichnisses, 
mit der eigenhändigen Unterschrift des grafen Wilhelm, wodurch der 
katalog einem beglaubigten aktenstück gleichwertig erscheint. Die gra- 
fen Wilhelm Wernher und Froben Christoph sind als die sammler des 
biicherschatzes ausdrücklich genannt, Johann Wernher I. (f 1495) aber 
ist mit unrecht übergangen. Es lautet: 

Hie est thesaurns ille librorum ac totius venerandae antiquitatis 
undique conquisitae inaestimabilis, quem propter generosorum comitum 
Domini Wilhelmi Werneri et D. Frobennij Christophori consanguineo- 
rum comitum in Zimberen etc. memoriam filius Dominus Guliclmus 
gentis Zimbriacae unicus relictus, apud se (quamdiu vitam concessisset 
altissimus) retinere constituerat. 

Putabat enim hoc sibi officii a Summo Deo impositum esse, ipso- 
rum ut piis manibus qui saluberrime cum Christo agunt, hoc nomine 
gratiticaretur. 

Ceterum quoniam Serenissimo et Inclitissimo Principi, Domino 
Ferdinando Archiduci Austriae, Comiti Tirolis etc. Domino omni reue- 
rentia sibi simime colendo Thesaurum hunc peteuti, nihil neque potuit 
neque debuit denegare, non absque magno grauamine ipsum sumptibus 
et expeusis non minimis conquisitum, sue serenitati omni qua decet 
Keuerentia offert atque dedicat. 

Sit foelix serenitas Sua inclyta, una cum tota domo Austriaca 
Serenissima, iuvante conatus S«renitatis Suae sempiterno Deo. 

Serenitatis Suae addictissimus 

Wilhelmus Comes de Zimbern m. p. 

Die vom grafen geschenkten werke kamen in die Sammlung auf 
schloss Ambras und blieben auch unter den folgenden landesfürsten 
zum grössten teile dort, bis zum aussterben der tirolischen linie des 
österreichischen erzhauses, das mit Sigismund Franz 1665 erfolgte. Im 

1) Vor dem katalog f. 2'': elegi curavit optima quaeque et praeclarissima 
scripta, cum chronicoruin tum historicorum ac denique varia autiquitatum praeclara 
inonuiueata, quae in sequenti catalogo sive indice iiotata et perspicienda sunt. 



306 GOITLIKB 

herbst desselben Jahres kam der bibliothekar der Wiener hofbibliothek 
Petrus Lambeciiis mit kaiser Leopold L, der die erbhuldigung des lan- 
des entgegenzunehmen hatte, nach Innsbruck und erhielt die erlaubnis. 
aus den handschriften und büchern der landesfürstlichen Sammlung zu 
Ambras eine auswahl für die Wiener hofbibliothek zu veranstalten. 
Über die reise und die erfolge seiner arbeit besitzen wir sowol einen 
handschriftlichen bericht Lambecks im cod. 12462 f. 179, als einen 
gedruckten in den Commentarii de August. Biblioth. Caes. Vindobonensi 
II, 743. Danach hat er aus der bibliothek des Schlosses alle hand- 
schriften (569 geschriebene bücher), aus der kunstkammer, kästen 12, 
fünfzehn „bücher", nach den Commentarii 569 manuscripta und aus 
der Technotheca 14 manuscripta ausgewählt. Die zahlen sind jedoch 
nicht genau ^. Zuerst wollte Lambeck ein Verzeichnis sämtlicher Am- 
braser hss. nach Avissenschaftlichen klassen abgeteilt liefern, dann aber 
entschloss er sich, 500 hss. nach einem numerus currens zu beschreiben 
und ihre beschreibung in den Commentarii II, 746 fgg. vorzulegen, 
aber so, dass die früher beabsichtigte einteilung nach wissenschaft- 
lichen fächern durchscheint'^. 

Lambecks leistungen waren für seine zeit wertvoll und bedeutend 
tukI haben den rühm der hofbibliothek in alle weit getragen. Aber 
für die geschichthche auffassung der handschriften, für die erforschung 
und erkenntnis ihrer provenienz hatte er wenig sinn. Trutzdem ihm 
das Verzeichnis der Zimmernschen hss. in dem oben genannten Cod. 
12595 vorlag, trotzdem er ihn in den Commentarii II, 979 als Am- 
bras. 418 kurz aufgeführt hatte, fand er es doch nicht der mühe wert, 
durch vergleichung der in jenem katalog aufgezählten handschriften eine 
grundlage zur beurteilung des wertes und der bedeutung jener Zim- 
mern -handschriften zu bieten. Er unterliess diese notwendige arbeit 
zu seinem eigenen schaden, indem er dadurch fälschlich minde- 
stens acht handschriften Maximilian 1. zuwies, die auf die Zim- 
memsche Sammlung zurückgehen. 

1) Zimineni iir. 49 (Heiiiiliclu' offenbaruug) ist druck; ebenso der 2. teil von 
nr. 58 (Altdeutscher Psalter und Symbola Aijostoloruni). — Aus der kunstkammer 
wurden nicht 15, sondern 1(3 stück ausgewählt. Davon waren 3 bände kupferstich- 
klebbände, die „kleine rollen von einer rinden, darauf ein alte Schrifft gemacht" ist 
die Charta Ravennas (vgl. Mosel, Gesch. d. hofbibliothek, s. 306 nr. 4), dagegen die 
mit der „rollen" zusammen aufgetührte Prophetie auf pergament vorläufig nicht zu 
identificieren. 

2) Doch sind uuter diese hss. mindestens 2 geraten, die nichts mit dem Am- 
braser fonds zu tun haben und zwar nr. 119. wo es aus Lambecks eigenen werten 
hervorgeht und ur. 273, wo es sich erschliesseu lässt. 



ZIMMERNSCHK HbS. IN WIEN 307 

Als Adam Kollar die zweite aufläge von Laniliocks Commentarii 
besorgte, bemühte er sieb, die von Lambeck beschriebenen Ambraser 
liss. in dem von Joh. Bened. Gentilotti zu anfang des 18. Jahrhunderts 
vertassten grossen katalog aller nichtgriechischen hss. der hofbibliothek 
aufzufinden und die entsprechenden Gentilottischen Signaturen beizu- 
setzen; aber in manchen fällen gelang ihm dies überhaupt nicht mehr. 
Auch in der folge ist für die reconstruierung der einzelnen fouds, aus 
denen die ehemalige Amliraser Sammlung sich zusammensetzte, nichts 
geschehen. 

Der zur Verfügung stehende räum und der Charakter der Zeit- 
schrift verbietet es, die ganze angelegenheit zu behandeln. Hier möge 
es nur gestattet sein, in kurzen andeutungen die ergebnisse der Unter- 
suchung für die ehemals Zimmernschen hss. vorzulegen. Einige von 
ilmen haben für die altdeutsche litteratur einigen Avert, wenn auch 
kein stück ersten ranges, wie etwa das Ambraser heldenbuch, darun- 
ter ist. 

Der im anhange gedruckte teil des Zimmernschen katalogs, wel- 
cher die handschriften behandelt, trägt schon im original vor den ein- 
zelnen stücken die davorstehenden nummern. Dieselben nummern 
befanden sich einst aitf den entsprechenden bänden, meist oben auf 
dem rücken. In zweifelhaften fällen bildet ihr vorkommen das aus- 
schlaggebende moment für die richtigkeit der identificierung^. Wir 
wollen uns der kürze halber hier begnügen, jene nummern des Zim- 
mernschen Verzeichnisses, bei denen eine identificierung mit den heute 
in der AViener hofbibliothek und im kunsthistorischen hofmuseum auf- 
bewahrten handschriften zulässig ist, nebeneinander zu stellen. Die 
genauere bibliographische beschreibung wird an anderem orte gegeben 
werden. Für den vorliegenden zweck genügt es, zu den angaben des 
alten katalogs die kurze beschreibung der Tabulae codd. bibl. Palat. 
Yiudobonensis und für die deutschen hss. die ausführlichere bei Hoff- 
mann von Fallersleben im Yerzeichnis der altdeutschen handschriften 
der k. k. hofbibliothek zu Wien (Leipzig IS-tl) heranzuziehen. Die 
an dritter stelle stehenden Ambraser nummern dienen zur raschen 
auffindung der handschriften in Lambecks Commentarii H, 746 — 988. 

1) Leider siud uicht bei alleu Ambraser hss. die original - einbände erhalten 
geblieben iind dadurcli ist eine absolut sichere ideutifieation sämtlicher nummern des 
katalogs nach unserer meinung undurchführbar. — Die alten nummern auf einbänden 
haben sich deutlich erhalten bei nr. 1. 2. 7. S. 10. 16. 34. 36. 38. 44. 50. 52. 57. 
60. 64. 



308 



Nr. 1 
,, 2 
„ 3 



4 

5 

6 

7 

8 

9 

10 

11 

12 

18 

U 

15 

16 

18 

20 

21 



^ 2104 (A. 127) 
= 2065 ( „ 121) 
= Kiinsthist. hut'mu- 
seum. Ambr. 4990 ^ 
^ 2249 (A. 120) 



„ 23 

„ 24 

„ 25 

26 

„ 27 

„ 28 

., 30 
„ 31 
„ 32 

Dass 
den graten 



3049 ( 
2043 ( 
2063 ( 
2051 ( 
3035 ( 
3053 ( 
2838 ( 
2823 ( 
2794 ( 
2692 ( 

415 ( 
2793 ( 
2686 ( 

443 ( 
2914 ( 



246) 
125) 
126) 
123) 
427) 
465) 
411) 
261) 
434) 
262) 
279) 
437) 
25) 
315) 
420) 



= 2769 + 2770 
(A. 20. 21) 
= 2796 (A. 430) 
^ 3072 ( „ 141) 
= 2795 ( „ 433) 
= 2888 { „ 436) 
- 4124 ( „ 85) 
= 4226 ( „ 31) 
=- 4383 ( „ 89) 
= 3094 ( „ 463) 
== 3977 ( „ 36) 
= 4386 ( „ 240) 

eine bedeutende zahl 
Johann Wernher zur 



33 


= 4140 (A. 29) 


34 


- 4223 ( „ 12) 


35 


= 3082 ( „ 496) 


36 


= 4432 ( „ 32) 


37 


= 2890 { „ 435) 


38 


= 3371 ( „ 490) 


39 


= 3973 { „ 33) 


40 


= Kunsthist. liotinii- 




seuni. Ambr. 4935 


41 


= 162 (A. 299) 


42 


= 2861 ( „ 294) 


44 


= 456 ( „ 267) 


45 


-= 3312 { „ 283) 


46 


= 2906 ( „ 295) 


48 


= 2694 ( „ 266) 


49 


= Incunabel 2. D. 37 ^ 


50 


= 494 (A. 254) 


51 


= 557 ( „ 391) 


52 


=- 589 ( „ 255) 


53 


= 561 ( „ 253) 


55 


violl. = 2698 (A. 422) 


56 


^ 2946 (A. 440) 


57 


= 2915 ( „ 417) 


58 


= 1) 2727 + 2) Xylo- 




graphie^. (A. 23) 


59 


= 1274 (A. 15) 


60 


= 549 ( „ 305) 


61 


= 587 ( „ 282) 


64 


= 9234 ( „ 381) 


65 


= 2041 ( „ 124) 



„ 67 = 2884 ( „ 431) 
„ 68 = 2681 ( „ 22) 

der hier aufgeführten handschriften auf 
ückzuf Uhren ist, ergibt sich aus ihrer 



1) Bei Sackeu, Die AmLraser saniinluug bd. 2 ist nv. 'S auf s. 251 unter zahl (5, 
iir. 40 auf s. 221 uutur zahl 38 beschrieben. 

2) Vgl. Friedr. K. v. Bartsch, Die kupferstichsaniinlung d. k. k. hofbibliotliek 
iu Wien (1854) s. 253 nr. 2483. 

3) Vgl. Bartsch a. a. o. s. 256. 257. 



ZIMMEBNSCHE HSS. 1\ WIEN 309 

nälieren betrachtimg. Die hs. iir. 87 zu Donaueschingen enthält des 
Fleiers gedieht von herni Melerautz vun Frankreich, das nach der 
sclireiberiiotiz am ende von „Gabriel Lindenast Anno im achtzigosten" 
geschrieben ist. Dazu hat Barack aus den nachtragen der Zimmern- 
schcn Chronik s. 1243 folgende stelle herangezogen: Herr Johannes 
Wernher t'reyherr zu Zimborn der elter hat zu schönen buechurn ain 
grossen lust gehabt und vil gelesen; dieweil aber zu seinen zeiton der 
druck ersthchs ufkommen und domals als ain neu inventum ain schlech- 
ten tbrtgang, liess er im ain Schreiber, genannt Gabriel Lindennast, 
burger und sesshaft zu Ffullendorf, vil und mancherlei buecher 
schreiben und zurüsten, also das er letztlich, ehe und zuvor er in sein 
iinfal kam, ain zimlich liberei zu wegen pracht." Nun änden wir in 
den handschrit'teu nr. 5 (o0-i9) 1479 geschrieben — hier auch das Wap- 
pen der Zimmern — ; nr. 9 (3035) ohne Jahreszahl; nr. 23 (2796) 1483 
geschrieben, als Schreiber Gabriel Sattler von Ffullendorf genannt^. 

Aber noch andere kräfte stellte der graf in seinen dienst. Nr. 11 
(2838) ist 1476 von Hanns Minner von Costencz geschrieben; die- 
ser name kommt in den Constanzer ratslisten mehrfach vor-. Nr. 42 
(2861) ist 1474 von Jörg von Elrbach zu Ffaftenhusen vollendete 
Durch genaue beobachtung des schriftcharakters lassen sich sowol den 
einzelnen Schreibern bestimmte hss. zuteilen, als auch indirekt dadurch 
für die Zimmernsche Sammlung in ansprach nehmen. 

Beachtenswert scheint auch die notiz in nr. 13 (2794) Hermann 
von Öachsenheim, Mörin. Am ende der handschrift steht nach den 
schon bei Hoffmann aufgeführten werten: Anno domini etc. Im tzway- 
vnndachtzigosten Jare. ward difs buch vß geschriben, noch mit minium 
folgendes: / Die mörin die kompt nach inn hallt der abred / Ynnd 
begertt demnauch zekommen. / ^ 

Nur bei wenigen handschriften lässt sich ihre erwerbung in spä- 
terer zeit genau nachweisen. So bei nr. 21 (2914), die auf dem ein- 
liande die buchstaben I. C. Y. Z. | und die zahl: 1. 5. 52 eingepresst 
trägt und vom Strassburger domherrn Johann Christoph von Zimmern 
stammt. Ferner hat laut der eigenhändigen eintrage in nr. 20 (443) 
und nr. 50 (494) beide hss. Laurentius Moller J. V. Doctor am 21. au- 

Ij Vgl. auch die angäbe B. 14 Deo gratias (33 8. liei Hotfmauu von Fallersieben 
a. a. 0. s. 211. (Cod. 2823 ^ Ambras. 261). 

2) In den jähren 1 405 — 1488. Auch der wappenbrief ist erhalten. 

3) Vom selben Schreiber stammt die "Wolfenbütteler hs. ., Herzog Friedrich 
von Schwaben", wie Barack s. 105 seines katalogs der Donaueschinger hss. bemerkt. 

4) Auf graf "Wernher weist noch ^Vien hofuuiseum Ambras. 4593 (gebetbuch) hin. 



310 GOTILIEB 

gust 1572 dem graten Wilhelm überlassen. Der erstere codex gehörte 
früher dem kloster der regulierten chorherru zu S. Maria Magdalena in 
Frankental. 

Es hiess oben, der grösste teil der geschenkten Zimmernschen 
haudschriften und bücher sei bis zur auflösung der bibliothek der Tiro- 
lischen landesfürsten in Ambras geblieben. Einzelnes kam jedoch weg. 
So z. b. nr. 43 (Arlunus), die vor 1612 an Franc. Guillimann mit vie- 
len anderen Ambraser stücken verliehen wurde und seitdem verschdl- 
len ist. Die näheren nachAveise an anderem orte. 

Endlich erübrigt uns noch auf eine frage einzugehen, die mit 
dem vorliegenden Verzeichnisse in beziehung steht und schon oben kurz 
berührt ist, ncämlich die frage, ob die graten von Zimmern einen Otfrid- 
codex besessen haben und welches werk Otfrids? Stalin hat nämlich 
in seiner Wirtembergischen geschichte 4. teil s. 886 behauptet, „alt- 
deutsche Schriftwerke, welche bis auf Otfrids Evangelienbuch 
(das älteste, um 870 vollendete hochdeutsche gedieht) in einer von 
dem Verfasser selbst durchcorrigierten handschrift zurück- 

giengen schmückten die bibliothek in herrenzimmern" und hat 

forner in der note 1 beigefügt, dass diese handschrift, mit den andern 
von ihm erwähnten, sich nunmehr in der Wiener hofbibliotliek betinde 
Zum beweise, ., dass eben die Wiener handschrift Otfrids, die voll- 
ständigste der drei vorhandenen, die frühere Ambraser ist", beruft er 
sich auf Kollars Analecta Vindobonensia I, 646 ^ Neuerdings hat Josef 
Hirn in offenbarem anschluss an Stalin, den er auch citiert, in seinem 
vortrefflichen Averke über erzherzog Ferdinand II. von Tirol, bd. II. 
(Innsbruck 1888) s. 440 diese ansieht widerholt-. Nun hat schon Kelle 
in seiner ausgäbe des Otfrid die ansieht, als stamme der codex aus 
Ambras, eine meinung, die auch seinerzeit Oberlin hegte, als „völlig 
unrichtig" hingestellt. AVie Avir oben darlegten, kamen die Ambraser 
haudschriften erst 1665 in die Wiener hof bibliothek, während der W^ie- 
ner Otfrid -codex schon dem Martin Zeiler im jähre 1628 von Sebastian 
Tengnagel, damals bibliothekar der hof bibliothek, vorgezeigt und von 
diesem unter deren merkwürdigkeiten aufgezählt wurde. Vgl. Lambecius 
Comment. II, 458 und daraus Kelle a. a. o. II, s. XX. Ferner beteuert 
Lambeck ausdrücklich am selben orte, er habe trotz emsiger nachfor- 

1) Aus versehen; deuu Kollar — uud vor ihm Lambeck — meinen a. a. o. das 
(Thjssarium Hrabani Mauri, das wirklich aus Ambras stammt, im cod. 1(J2 (A. 299). 

2) ,,Der schön geschriebene katalog nennt uns von den handschrifteu 

(Jtfrids Christ." 



ZIMMERNSCHE HSS. IN WIEN 311 

schling Über die herkiinft des Otfrid nichts finden können K Die hand- 
sclirift ist von ihm als Theolog. X. 524 signiert. Es ist nun ohne wei- 
teres klar, dass Lambeck den codex, der schon 1628 in Wien war 
und über dessen herkimft er überhaupt nichts wiisste, nicht erst 1665 
aus Ambras in die hofbibliothek gebracht haben kann. Aber die hs. 
war schon lange vor 1628 in der hofbibliothek, wie ihr vorkommen 
unter den hss. des generalinventars beweist, das von Hugo Biotins im 
Jahre 157